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Walter Rath
Manipulation des Gehirns
I N H A L T :
Sprung
zu
Die Fernseh-Show 1
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Die "Gehirnmanipulationslaboratorien" 19
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Die Neutronenbombe 31
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Der Spion 30
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Lizenzvergaben 54
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Ein unerwarteter Anruf 67
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Kontakt mit der Regierung 80
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Noch ein Mordversuch 84
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Die Untersuchung 94
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Interne Konferenz 126
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Der Blindgänger 139
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Doktor Patrik Abdullah Poharto 153
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Der Mörder 187
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Die Invasion 201
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Geheimnislüftung 228
>>
Das Verhör 253 >>
Admiral James Bricks 269
>>
General Walter Silverman 276
>>
Zusammenbruch des Atlantischen Bündnisses 288 >>
Das große Umdenken 293
>>
Es herrschte neugierige, spannende Stille im
neuen, großen Sendesaal der British Broadcasting Corporation, BBC, mit den
stadionähnlich angeordneten Sitzreihen, nachdem angekündigt worden war, daß
jetzt auf Direktsendung geschaltet werde.
Auf einer Liege in der "Arena" ruhte
bewegungslos Ayleen Broch, Sekretärin von Beruf, Staatsbürgerin von Trinidad
und Tobago, fast neunundzwanzig Jahre alt und aus der Ehe zwischen ihrer etwas
molligen, spanisch blütigen Mutter und dem sehr schlanken Vater, indischer
Abstammung, als dritte Tochter hervorgegangen. Professor Doktor Kurt Hinze,
Gehirnspezialist und engster Mitarbeiter von Professor William Rondi, hatte
sie bereits mit einer Dormibon-Spritze in Tiefschlaf versetzt. Ayleen Broch,
atmete zwar regelmäßig, war aber nicht mehr bei Bewußtsein. Neben ihrer Liege
war ein Turm aus Apparaturen aufgebaut, die mit Drahtstrippen untereinander
verbunden waren. Ein vielfarbiges Kabelgewirr ging von den Geräten zum Kopf
von Ayleen und verschwand unter einer grünen, an einen Operations-Saal
erinnernden Kopfbedeckung. So konnte niemand sehen, wie die Drähte darunter
endeten.
Ein ähnlicher Kabelstrang war zum berühmten,
in den Vereinigten Staaten von Amerika beheimateten Pianisten, Clay Crayton,
verlegt worden und verschwand auch dort unter einer gleichen Kopf-Haube, wie
sie die Sekretärin trug. Crayton, inzwischen fünfundvierzig Jahre alt und
afrikanischer Sklavenherkunft, harrte, geistesabwesend wirkend, abwartend am
weißen Steinway-Flügel mit Goldbronze-Verzierungen offensichtlich der Dinge,
die auf ihn zukommen sollten. Er zählte hin und wieder seine zwar recht langen,
aber kräftigen Melker-Finger.
Professor Hinze, bereits über sechzig, dem seine
deutsche Herkunft, trotz der sonnengebräunten Haut unverkennbar anzusehen war,
verfolgte emsig mit sehr ernster Miene die Kabel, prüfte hier und dort, stellte
an Reglern der Apparate.
An einem sichelförmigen Tisch saßen der
Moderator der Sendung, mit seinem typisch englisch länglichen Gesicht und mit
einem etwas seitlich verschobenen, schmallippigen Mund und rechts von ihm
Professor William Rondi. Letzterer war vor etwas mehr als sechsundfünfzig
Jahren in Jamaika zur Welt gekommen als Sohn einer Mutter halb-afrikanischer
Abstammung und eines Vaters, dessen Vorfahren ebenfalls als Sklaven von Gambia
in die sogenannte Neue Welt verschleppt worden waren. Einer der Großeltern
mütterlicherseits war jedoch Europäer gewesen, wodurch Rondi zu der scharfen Nase
und einem fast asketisch wirkenden Mund gekommen war. Ein weiterer, recht durchschnittlich
europäisch aussehender Herr mittleren Alters und eine zierliche, typisch
asiatisch aussehende Dame, deren Alter, nach europäischen Maßstäben, zwischen
vierzig und sechzig zu schätzen wäre, hatten zur Linken des Moderators Platz
genommen.
Die "Arena" war gut ausgeleuchtet und
wurde von mehreren Fernsehkameras beobachtet.
Der Moderator begann: "Verehrte Gäste im
Sendesaal, liebe Zuschauer zu Hause, was Sie jetzt in den nächsten Minuten
miterleben werden, dürfte wohl die außergewöhnlichste Demonstration einer
bisher für unvorstellbar gehaltenen Methode von Wissensvermittlung im sogenannten Maßstab eins zu eins werden, wenn alles klappt..."
Bei diesen Worten wandte er sich lächelnd
Professor Rondi zu, der, wie ein wenig verlegen, mit den Schultern zuckte, dann
aber sogleich das Wort ergriff: "Meine Methode habe ich jetzt schon sehr häufig
im Labor versucht, zuerst an mir selbst, dann an vier sogenannten Versuchspersonen,
und schließlich haben zwei zahlende Klienten nach entsprechendem Erfolg ihre
Zufriedenheit bekundet. Ich sehe keinen Grund, daß diesmal etwas schief gehen
sollte..."
Der Moderator hob abwehrend die Hand, um
Professor Rondi am Weiterreden zu hindern: "Ehe Sie uns kurz zu erzählen haben,
was hier demonstriert werden soll, darf ich erst einmal die anwesenden
Beteiligten vorstellen: Das hier ist William Rondi, Professor für
Computerwissenschaften und Informatik und Leiter der Technischen Institute in
Port-of-Spain und in San Fernando, der Niederlassung der Westindischen
Universität in Trinidad, die bekanntlich ihren Hauptsitz in Jamaika hat.
Professor Rondi hat sich auf das Gebiet der künstlichen Intelligenz spezialisiert..."
"Diesen irreführenden Ausdruck künstliche Intelligenz muß ich richtig
stellen", unterbrach der Professor und erklärte: "Nur biologische, nach
organisch chemischen Prozessen funktionierende Wesen, insbesondere Menschen,
können intelligent sein, wenn unter Intelligenz kreatives Denken verstanden
wird. Ich sträube mich hartnäckig dagegen, die bloße Speicherfähigkeit von
Daten, was auch Wissen genannt wird, als Intelligenz zu bezeichnen, selbst wenn
solches mehr oder weniger passives Wissen eventuell mit einfacher, mehr oder
weniger geschickter, kombinatorischer Verarbeitungsfähigkeit ausschließlich im
Rahmen eines mehr oder weniger festgefahrenen sozialen Systems einhergeht. Das
ist Schlauheit, und besondere Schlauheit wird im Volksmund als Bauernschläue
bezeichnet..."
"Moment mal!" rief der, von seinem Äußeren her
unauffällige, vom Moderator bisher noch nicht vorgestellte Herr am
Halbmondtisch, "wir sollten uns schon an die gängigen Begriffsdefinitionen
halten..."
Der Moderator winkte ab und bat: "Aber meine
Herren, wir haben leider nicht die Zeit, uns in solchen Grundsatzdiskussionen
zu verlieren. Der Herr, der gerade seinen Einwand gegen Professor William Rondi
vorgebracht hat, ist Doktor Victor Beck, Psychologe und Verhaltensforscher an
der berühmten Harvard-Universität. Neben ihm sitzt Frau Lee Kok Eng, Professor
für Anglistik an der Universität von Peking. Sie hält zur Zeit Gastvorlesungen
bei uns in England und betreibt Forschung über Sprachentwicklung. Kann man das
so bezeichnen?" fragte er die zierliche Dame. Sie zuckte mit den
Schultern, wiegte den Kopf hin und her und nickte dann mit gespitztem, leicht
lächelndem Mund.
"Wir haben Frau Eng eingeladen", fuhr der
Moderator fort, "um die chinesischen Sprachkenntnisse von Professor Rondi zu
testen, äh, ich wollte sagen, zu bestätigen. Da drüben sitzt der wohl jedem,
trotz seiner komischen Haube bekannte Pianist Clay Crayton, um dessen
elektrische Verdrahtung sich gerade Professor Kurt Hinze kümmert, der sich als
Neurologe und Gehirnspezialist einen Namen gemacht hat und der engster
Mitarbeiter von Professor Rondi auf dem Gebiet einer vollkommenen
Wissensübertragung von einem Gehirn zum anderen ist. Dafür gibt es inzwischen
schon den Fachausdruck: selektive sektorale Zerebral-Kopie, wenn ich das
richtig behalten habe. Auf der Liege dort drüben liegt die Sekretärin von
Professor Rondi, Frau Ayleen Broch, der heute Abend das Klavierspielen
beigebracht werden soll. Ayleen hat kaum Ahnung von Musik, insbesondere nicht
von klassischer Musik. Vor dieser Sendung haben wir uns mit ihr unterhalten.
Als sie nach ihren Hobbys gefragt wurde und Professor Kurt Hinze mit
deutlicher Ironie klassische Musik erwähnte, wurde sie nahezu aggressiv, weil
sie offensichtlich darunter leidet, daß ihr Chef, Professor Rondi, ständig solche
Musik hört, wann immer ihm möglich. Sie hat übrigens keine Ahnung, was mit ihr
in Kürze hier geschehen wird, was in ihr Gehirn übertragen werden soll. Sie
hat sich lediglich als Versuchsperson zur Verfügung gestellt. Lachend meinte
sie in diesem Zusammenhang: An meinem unterentwickelten Gehirn kann kaum noch
was verdorben werden. Doch meine ich, wir hätten schon genug geredet. Ich
selbst bin so sehr gespannt, was uns der Abend an Überraschung bringen wird.
Nun möchte ich gerne das Wort Herrn Professor Rondi zu einer möglichst kurzen
Erklärung über das, was wir vorhaben, geben."
Professor Rondi räusperte sich und
erklärte: "Also, ich habe mir in den Kopf gesetzt, Gehirninhalte ganz oder
teilweise in andere menschliche Gehirne zu kopieren, so wie man ja heute ständig
auf Datenträgern, wie magnetischen oder optischen Disketten, gespeicherte Daten
hin- und herkopiert. Die Idee kam mir, als ich mich einmal selbst bei meinem
Freund, Professor Kurt Hinze, einer Enzephalographie unterziehen mußte, weil
bei mir ein Verdacht auf Gehirntumor aufgekommen war. Während ich also da so
meine Gehirnströme auf Papier übertragen sah, dachte ich: Wenn die da so
messen und aufzeichnen können, was in meinem Gehirn vor sich geht, dann müßte
das doch vielleicht für etwas, was nun gerade in diesem meinem Gehirn vor sich
geht, charakteristisch sein, also charakteristisch sein für das, was ich
denke, was ich weiß. Ich verwickelte Kurt sogleich in Diskussionen über meine
Gedanken, der zuerst über mich lachte, aber dann doch anfing, ernsthaft mitzudenken.
Es würde hier zu weit führen, alle Einzelheiten zu berichten, die schließlich
zur Realisierung meiner damals spontan gekommenen Idee geführt haben, nämlich
Gedankengänge quantitativ und qualitativ zu erfassen, zu registrieren und -
diese Idee kam erst viel später - auf ein anderes Gehirn zu übertragen, also,
im wahrsten Sinne des Wortes, Gedankenübertragung beziehungsweise
Wissensübertragung. Es gab natürlich erst einmal Mißerfolge. Beim ersten Versuch
an mir selbst, als ich französische Sprachkenntnisse in mein Gehirn kopieren
wollte, kam es zu einer Überlagerung mit meinem, bis dahin sehr gut beherrschten
Spanisch. Das gab eine schlimme Verwirrung. Nun, lassen wir das. Also heute
haben wir die Kopiermethode im Griff, möchte ich behaupten. Wir testen den
potentiellen Rezipienten einer Kopie..."
"Könnte man auch von einem Kopie-Empfänger
sprechen?" unterbrach der Moderator.
"Wie bitte?" erkundigte sich Prof.
Rondi und fuhr, ohne eine Antwort abzuwarten, fort: "Ja natürlich. Also, in
umfangreichen Tests ermitteln, das heißt lokalisieren wir die
Gehirnpartien, die für die Aufnahme der Kopie benutzt werden können.
Fehlschläge an mir selbst haben gezeigt, daß eine Überlagerung fatale Folgen
haben kann. Ich selbst habe einige Dinge, sprich Gedächtnislücken, die zum
Glück wenigstens teilweise wieder repariert werden konnten, hinnehmen müssen.
Also, jetzt sind wir uns schon ziemlich sicher, daß so etwas nicht mehr
passieren kann..."
"Sind Sie sich da wirklich so
sicher?" unterbrach der Moderator erneut und fuhr fort: "Wie geht das
Ganze denn vonstatten, ich meine die Kopiererei?"
"Also, das ist so", erklärte William
Rondi. "Wir müssen, also, ich meine, sprechen wir jetzt über unser Demonstrationsvorhaben:
Wir müssen das sogenannte Original anzapfen, äh. Das geht so, daß wir das
Original, äh, also hier unseren Pianisten zum Beispiel spielen lassen. Dabei
muß er sich ja auf sein Spielen konzentrieren. Er muß seine Finger steuern, das
zu Spielende, äh, ich meine, die Tasten des Klaviers in einer bestimmten Folge
und Intensität anzuschlagen. Die Finger sind ja über Leitungen - das sind die
Nerven - mit dem Gehirn verbunden, wenn
man es mal vorstellbar beschreiben will. Das sind ja einfach richtige elektrische
Leitungen, diese Nerven, in die Ströme geschickt werden. Die können wir nun mit
unseren Apparaturen bezüglich Entstehungsort, Impulsdauer, Impulsform und
-richtung, sowie Intensität messen. In Wirklichkeit ist das alles ein bißchen
komplexer als ich es jetzt so schildere. Da sind schrecklich viele Leitungen -
sprich Nerven - zu berücksichtigen. Also, wir erfassen ja auch schon bereits
den ganzen Kram, ehe er in die Leitungen, sprich Nerven, verzweigt wird. Also,
um alle Einzelheiten aufzuzeigen und verständlich machen zu können, müßte ich
recht weit ausholen. Jedenfalls, äh, um zu unserer, heute Abend beabsichtigten
Demonstration zurückzukommen: der gute Clay hat ja nicht nur seine Finger im
Spiel..."
Er lachte wegen der Doppeldeutigkeit
seiner zuletzt gebrauchten Worte und führte weiter aus. "Also, lassen wir es
mal bei einer groben Vereinfachung. Also, wir können elektrische Impulse registrieren,
aufzeichnen und/oder auf einen Rezipienten, also ein Gehirn als Empfänger
übertragen, schließlich, also, äh... Ich hab' das mal sehr vereinfacht in
Schlagworten sozusagen zusammengefaßt. In Wirklich wird da verstärkt,
gefiltert und so einiges mehr. Also, was wollte ich denn jetzt sagen? Ach so,
also, da ist nun dieser Empfänger, in unserem konkreten Fall die Ayleen, die da
liegt und schläft und empfangsbereit gemacht worden ist."
Diesmal lachte das Publikum, was den
Sprecher offensichtlich verwirrte, der fragend umherschaute und sich dann bei
seinem Freund Professor Hinze erkundigte: "Habe ich was Dummes gesagt?"
Der Moderator gab als Antwort: "Nein,
keineswegs, nur etwas Doppeldeutiges beziehungsweise genauer gesagt:
Zweideutiges. Aber fahren Sie bitte fort."
"Was soll ich?" fragte Rondi, sprach
aber sogleich weiter: "Nun ja, die Ayleen kann bis heute nicht Klavier spielen.
In wenigen Minuten wird sie es können. Wir haben sie vorher darauf hin getestet,
wohin wir die Befähigung, Klavier zu spielen, ins Gehirn eingravieren können,
ohne etwas schon Vorhandenes kaputt zu machen, zu überschreiben. Wer eine
Ahnung von Computern hat, weiß, wie unangenehm es sein kann, wenn man beim
Kopieren eine bereits vorhandene Datei überschreibt. Das kann schon mal passieren..."
"Und wenn das jetzt passiert?"
erkundigte sich der Moderator.
"Wie?" William Rondi schaute
irritiert umher, in seinem Gedankenfluß unterbrochen, fing sich aber sogleich
und erklärte: "Nun, man stelle sich vor, wir übertragen das Klavierspiel in das
Gehirnzentrum für die Muttersprache. Dann kann unsere geschätzte Ayleen nachher
vielleicht ganz nett klavierspielen aber nicht mehr problemlos reden..."
Er lachte.
"Das finde ich nicht so sehr komisch",
meinte der Moderator mit ärgerlicher Miene und ergänzte: "Und dann haben Sie
das Wort vielleicht gebraucht..."
"Quatsch", sagte Rondi etwas ungehalten. "Da passiert uns schon nichts..."
"Wollen wir nicht erst einmal mit dem
Experiment beginnen?" schlug der Moderator vor und fügte hinzu: "Wir
können dann ja noch diskutieren, was da so bei so einer Kopiererei vor sich
geht."
Pianist Crayton schaute zum Halbmondtisch,
rieb die Handinnenflächen auf seinen Oberschenkeln, rutschte, offensichtlich
ein wenig nervös auf seiner Sitzbank hin und her, schüttelte die Hände, die er
in Richtung Tastatur bewegte.
"Noch nicht", rief Professor Hinze
aufgeregt, eilte zu Crayton und redete aufgeregt mit ihm. Da das Mirkofon erst
sehr spät eingeschaltet worden war, konnte man nur die Worte hören: "Wenn ich
ein Handzeichen gebe, konzentrieren Sie sich auf das Spiel und beginnen dann
erst."
Professor Hinze eilte zu den Apparaten,
manipulierte daran herum und gab das vereinbarte Handzeichen. Crayton rutschte
wieder auf der Sitzbank hin und her, um die richtige Position zur Tastatur zu
bekommen, schüttelte die Hände, um sie wohl gelenkig zu machen, richtete sich
gerade auf, rieb die Hände erneut an seiner dunklen Hose und führte sie
schließlich über die Tasten. Mit einem leichten Vorschnellen des Oberkörpers
drückten die Finger sanft die Tasten und ließen den ersten Satz aus der sehr
bekannten, sogenannten Mondscheinsonate von Ludwig van Beethoven erklingen.
Erst eine Weile, nachdem er geendet hatte,
applaudierten die Zuhörer im Sendesaal. Die Sonate ist so bekannt, daß die Anwesenden
wohl nicht damit gerechnet hatten, daß bereits nach dem ersten Satz das Spiel
zu Ende sein sollte. Sie waren gewohnt, auch die beiden anderen Sätze zu hören.
Die
Professoren Rondi und Hinze hatten während des Spiels kritisch die
Meßinstrumente der Apparate beobachtet. Als Hinze einmal in Richtung eines
Reglers greifen wollte, hatte Rondi ihm abwehrend auf die Hand geschlagen.
Nachdem Professor Hinze die ruhende
Sekretärin, Ayleen Broch, eingehend beobachtet und betastet hatte, zog er eine
Spritze auf, die er langsam in ihre rechte Arm-Vene injizierte, während
Professor Rondi die Drähte unter der Kopfhaube entfernte, ohne dabei die Haube
abzunehmen.
Ayleen Broch begann sich zu räkeln und
gähnte ungeniert, so als wäre sie dabei, aus einem natürlichen Schlaf
aufzuwachen. Während sie sich langsam aufrichtete, nahm Professor Rondi ihr
endlich vorsichtig die Kopfbedeckung ab. Langes, blondes Haar fiel auf ihre
Schultern.
"Hast du gut geschlafen?" erkundigte
sich Kurt Hinze freundlich bei ihr.
Ayleen reckte ihre Arme hoch, gähnte
erneut und murmelte mit verschlafener Stimme: "Oh je, was bin ich noch müde und
kaputt. Trotzdem: einen guten Morgen!"
Das Publikum im Sendesaal lachte; denn es
war spät am Abend. Offensichtlich hatte Ayleen Broch bis zu diesem Zeitpunkt
noch keine richtige Orientierung gehabt; denn sie zuckte zusammen und rief
erregt: "O Gott, da sind ja viele Leute!"
William Rondi hatte rasch den Pianisten
Crayton von seinen Drähten befreit. Nachdem ihm die Kopfbedeckung abgenommen
worden war, lachte das Publikum schallend; denn dunkles, üppig welliges Haar
kam zum Vorschein. Dabei war er bekannt durch die charakteristische kahle
Stelle mitten auf seinem Kopf, die von buschig krausen, grauen Haaren
eingerahmt wurde.
"Wie wär's, meine liebe Ayleen, wenn du
uns die Mondscheinsonate von Beethoven vorspielen würdest?" bat Professor
Rondi mit einem Lächeln, das leicht ironisch wirkte.
Ayleen schaute sehr verdutzt, schüttelte
den Kopf und rief erregt: "Ich kann doch überhaupt nicht Klavier spielen, und was soll ich spielen?"
William Rondi erklärte an das Publikum
gewandt: "Um unsere Demonstration ein wenig interessanter zu machen, haben wir
Ayleen nicht einmal erklärt, was wir ihr beibringen würden. Das ist das erste
Mal, daß wir so etwas gemacht haben. Ayleen hat unserem Versuch grundsätzlich
zugestimmt und gesagt: Macht, was ihr wollt. Ich bin zu allen Schandtaten
bereit..."
"Ja, aber wieso soll ich denn jetzt
Klavier spielen können?" erkundigte sie sich.
Kurt Hinze ergriff jetzt das Wort und
sprach in gutem Englisch, jedoch mit
deutlich deutschen Akzent: "Wir wollten uns selbst beweisen, daß wir beliebige
Wissensübertragung im Griff haben. Eine kleine Einschränkung haben wir
gemacht."
Bei diesen Worten wandte er sich an die
Sekretärin und redete auf sie ein: "Da du sehr rasch auf der Schreibmaschine -
ich meine, dem Textcomputer tippen kannst, haben wir bereits ausreichende
mechanische Beweglichkeit und ausreichende Muskelkraft deiner Finger für das
Klavierspiel angenommen, und das ausgewählte Stück ist technisch nicht
schwer zu spielen. Du müßtest es also ohne Schwierigkeiten können. Versuch es
bitte einmal. Setzt dich ans Klavier. Dann wird alles ziemlich automatisch
ablaufen."
Die beiden Professoren schoben Ayleen, die
sich ein wenig sträubte und unsicher umher blickte, zum Steinway-Flügel.
"Du kannst spielen!" versuchte
Professor Rondi sie zu überzeugen.
Ayleen nahm auf der Sitzbank Platz,
schaute nervös umher; denn sie hatte nie in ihrem Leben eine "Bühnenvorstellung"
geben müssen. Außerdem hatte sie nie an einem Flügel gesessen. Es drehte sich
alles um sie herum. Ihr wurde ziemlich übel. Sie sah die Umgebung nur in den
beiden Farben: grelles Gelb und tiefes Schwarz. So jedenfalls hatte sie später
Bekannten und Freunden die Lage geschildert, in der sie sich jetzt befand.
"So,
jetzt konzentriere dich auf das Spiel!" sagte Rondi fast in einem
Befehlston.
Ayleen schaute ihn wie um Hilfe flehend
mit leerem Gesichtsausdruck an.
Doch dann schaute sie auf die Tastatur,
rutschte auf der Sitzbank hin und her, um die richtige Position zur Tastatur
zu bekommen, schüttelte die Hände, um sie wohl gelenkig zu machen, richtete
sich gerade auf, rieb die Hände an ihrem Kleid und führte sie schließlich über
die Tasten. Mit einem leichten Vorschnellen des Oberkörpers drückten die
Finger dann recht sanft auf die Tasten und ließen den ersten Satz aus dieser
Mondscheinsonate von Ludwig van Beethoven genau so erklingen, wie ihn der
bekannte Pianist Cray Crayton vorgespielt hatte, zumindest nicht direkt
hörbar unterschiedlich. Nun applaudierten die Zuhörer im Sendesaal tosend und
nicht enden wollend. Ayleen schaute verwirrt in die Fernsehkamera und zu ihrem
Chef, Professor Rondi, auf, der den Arm auf ihre Schultern gelegt hatte und
ein strahlendes, zufriedenes Lächeln zeigte. Der Applaus mit Bravo-Rufen erschreckte
offensichtlich die Sekretärin, die ja nie in ihrem Leben einen öffentlichen
Auftritt erlebt hatte. Ihre Augen waren weit aufgerissen, ihr Gesicht ein wenig
krampfhaft verzerrt. Immer wieder versuchte der Moderator das Publikum zu
beschwichtigen. Ayleen war schließlich aufgesprungen, lachte hysterisch und
hielt sich sichtbar verkrampft an Kurt Hinze und William Rondi fest.
Erst nach Minuten beruhigten sich die
Applaudierenden. Ayleen Broch rief immer wieder: "Das darf doch nicht wahr
sein! Das war wirklich ich, der da soeben gespielt hat?"
"Versuchs doch noch mal", schlug Kurt
Hinze vor und erkundigte sich: "Weißt du, was du eigentlich gespielt
hast?"
Etwas roboterhaft antwortete Ayleen nach
einigem Zögern: "Den ersten Adagio sostenuto Satz aus der Sonate Numero 14,
Cis-Dur, Opus 27, Numero 2, auch Mondschein-Sonate genannt, von Ludwig van
Beethoven."
Wieder begann das Publikum einen
stürmischen Applaus.
Ayleen Broch setzte sich wieder an das
Klavier. Wieder begann sie auf der Sitzbank hin und her zu rutschen, um die
richtige Position zur Tastatur zu bekommen. Genau wie zuvor schüttelte sie
die Hände, richtete sich gerade auf, als hätte sie es schon tausendmal so
gemacht, rieb erneut die Hände an ihrem Kleid und führte sie schließlich über
die Tasten. Auch diesmal drückten die Finger sanft die Tasten mit einem
leichten Vorschnellen des Oberkörpers.
Nach dem ersten Satz aus besagter Mondscheinsonate
von Ludwig van Beethoven, der auch diesmal mit genau derselben Präzision wie
zuvor und wie er vom Berufspianisten Crayton gespielt worden war (was an
hand der Fernsehaufzeichnung später analysiert worden ist), begannen die
Zuhörer im Sendesaal noch begeisterter zu toben.
Als das Geklatsche, das den Victoria-Wasserfällen
Konkurrenz machte, langsam abebbte, meinte Professor Rondi an Ayleen gewandt:
"Kannst Du noch etwas spielen?" Sie schaute ihn fragend an, wiederholte
die gleiche Prozedur mit Hin- und Herrutschen, Hände-Ausschütteln,
Hände-Reiben, ehe sie wieder mit einem Vorschnellen des Oberkörpers den
zweiten Sonatensatz begann.
Aber schon nach wenigen Takten blieb sie
diesmal stecken. Es herrschte betretenes Schweigen im Saal. Professor Rondi lachte
und rief: "Das hatte ich nicht einmal erwartet, daß du sogar diese Takte
zustande bringen würdest. Wir haben dir ja nur den ersten Satz in dein Gehirn
geladen."
"Mehr kann ich nicht?" erkundigte
sich die Sekretärin mit sichtlich enttäuschter Stimme. Professor Rondi nickte,
reichte ihr die Hand und führte sie an den Halbmondtisch. Die Zuschauer
applaudierten diesmal recht verhalten.
Es herrschte für ein paar Sekunden
bedrückende Stille, in der der Moderator sich mehrmals räusperte, aber
offensichtlich nicht wußte, wie er seine Sendung weiterbringen könnte.
"Das war nun wirklich ein kleines
Affentheater, das wir zu sehen bzw. zu hören bekommen haben", kommentierte
Doktor Victor Beck, Psychologe und Verhaltensforscher, mit unverhohlener
Aggression. "Was sollte das Ganze also bezwecken? Ihre Dame kann also nur ein
einziges kurzes Stück, wie ich mitbekommen habe", lästerte er, an Professor
Rondi gewandt.
"Im Prinzip haben sie recht", erwiderte
dieser, fügte dann hinzu: "Aber quod erat demonstrandum - äh, ich meine, was
demonstriert werden sollte - ist hundertprozentig gelungen. Hätten wir Clay
Crayton sein ganzes Repertoire spielen lassen, wäre Ayleen jetzt in der Lage,
das ebenso zu können, vielleicht technisch nicht ganz so vollkommen, da
vielleicht ihre Finger oder vielmehr die Muskeln zu den Fingern nicht gelenkig
genug durchtrainiert sind. Aber dazu hatten wir ja keine Zeit. Immerhin ist
auch bewiesen worden, daß Ayleen sogar ein wenig mehr spielen kann als wir von
Clay Crayton gehört haben, weil der bereits am Ende des ersten Sonaten-Satzes
an den zweiten gedacht und sich wahrscheinlich schon - wie gewohnt - innerlich
darauf eingestellt hatte. Also, meine Damen und Herren, genau darum geht es bei
unserer Methode: Wir brauchen nicht das ganze Repertoire, das zum Beispiel ein
Berufspianist beherrscht, zu übertragen. Beim Spiel denkt er bereits an andere
Dinge, und alles, was während der Übertragung im Kopf des Originals, des
Spenders vor sich geht, wird mitkopiert, verstehen Sie. Das können wir nicht -
vielleicht noch nicht - verhindern. Das hat jedoch einen Vorteil: Bei einer
Fremdsprache zum Beispiel, lassen wir das Original eine Zeitlang reden, heute
nach unserer verbesserten Methode diskutieren und das eine Woche lang. Also,
dann haben wir die gesamte Sprache im Kasten, wie wir sagen, und nicht nur die
Sprache, sondern auch den ganzen kulturellen Hintergrund, eben die Sprache
als Muttersprache, wie man es nennt, verstehen Sie? Denn während der Sprecher
redet, denkt er in seiner Sprache mit all den kulturellen, zu seinem
Sprachraum gehörenden Erfahrungen. Das alles gehört mit zu einer Muttersprache.
Als Original nehmen wir natürlich gut ausgebildete und an Wissen reiche Leute.
Also, dann haben wir nicht nur die Sprache sondern auch die geschichtlichen
Ereignisse, die landesspezifisch kulturellen, die weltanschaulichen Hintergründe,
also alles, was so mit einer sogenannten Fremdsprache im Zusammenhang steht.
Also, Sie müssen uns allerdings zugute halten und äh, also, daß wir eigentlich
ja immer noch am Anfang unserer Forschung stehen. Aber mit den Sprachen, nun,
da bin ich der Meinung, das haben wir schon recht gut im Griff. Wir haben
bereits vierzehn Sprachen aufgezeichnet, die wir einem Rezipienten, also einem
Empfänger, der so eine Sprache lernen will, in etwa einer Woche regelrecht
eintrichtern können. Eine Woche Vorbereitung brauchen wir, um sicherzugehen,
daß wir vorhandenes Wissen nicht überlagern, nicht überschreiben, also
zerstören. Ich selbst habe in einem Anflug von Euphorie, anders kann ich es
heute nicht mehr bezeichnen, neben meiner englischen Muttersprache, weitere
sieben Sprachen gespeichert. Damit ist mein Gehirn nachweislich praktisch
voll. Was nämlich mit dem wirklich perfekten Beherrschen einer Sprache
zusammenhängt, ist ja ungeheuerlich: Da sind die geschichtlichen, die
kulturellen und sozial spezifischen Kenntnisse erforderlich. Da muß man etwas
über die Kunst und die Literatur wissen und so vieles andere mehr, wenn man
eine Sprache perfekt kennen will. Da ist also kaum mehr Platz in meinem Gehirn
geblieben. Das könnte ziemlich schlimm werden, muß ich Ihnen gestehen,
verdammt. Also, noch behalte ich in der Regel all diesen täglichen Kram. Aber
wie das in einigen Jahren werden wird, weiß ich nicht; denn alle Ereignisse
des Tages werden ja gespeichert, wenn auch der Zugriff je nach Interessenlage
prioritär gesetzt wird. Äh, was wollte ich sagen..." Professor Rondi
schaute hilfesuchend seinen Mitarbeiter Professor Kurt Hinze an. Der zuckte
aber lächelnd mit den Schultern.
Der Moderator ergriff das Wort: "Professor
Rondi, Sie haben uns soeben gesagt, daß Sie außer Ihrer Muttersprache weitere
sieben Sprachen in Ihr Gehirn gespeichert
haben und das so wie jeweils eine Muttersprache, also mit all dem kulturellen
Hintergrund und so weiter. Könnten Sie uns kurz die Sprachen nennen? Und dann
würden wir gerne in einer kurzen Unterhaltung mit Professor Eng aus Peking
bestätigt sehen, wie weit das tatsächlich gelungen ist."
"Also", begann William Rondi, "das sind
Japanisch, Chinesisch, Russisch, Deutsch, meinem Freund Kurt Hinze zu Ehren,
Französisch, Spanisch und Arabisch. Übrigens, vielleicht wissen Sie es nicht;
aber Eng ist der Vorname von Frau Lee. Die Chinesen sehen Namen genau
umgedreht, das heißt: Zuerst kommt der Familienname, dann der Gruppenname und
schließlich der individuelle Vorname. Wenn Sie von Professor Eng sprechen, dann
müßten Sie mich mit Herr William anreden."
Dann verwickelte er Professor Lee Kok Eng
in ein Gespräch, offensichtlich in Chinesisch; denn niemand im Saal schien
etwas zu verstehen. Während der Unterhaltung wirkte er in seinen Gebaren und
Gesten verändert. Besonders auffällig war sein dauerndes, unnatürliches
Lächeln. Professor Lee bestätigte anschließend, daß sie in keiner Weise einen
Unterschied bei der Unterhaltung mit William Rondi zu einem in China Geborenen
finden könne. Da wäre nicht einmal der geringste fremdländische Akzent zu hören
gewesen. Die Frage von Doktor Victor Beck, ob Rondi auch die traditionellen
chinesischen Schriftzeichen beherrsche, beantwortete dieser mit rasch auf
Papier gekritzelten Symbolen. Frau Lee las laut in Chinesisch mit und
übersetzte: "Lieber Doktor Beck, warum lernen - ich muß mich verbessern - warum
erfahren Sie nicht auch die Schönheit und den Reichtum einer der ältesten von
Menschen entwickelten Sprache und von Schriftsymbolen, die entgegen den europäischen
eine gleichzeitige Erfassung ermöglichen und kein sequentielles Lesen erfordern?"
"Weil mir das zu teuer wäre", rief Victor
Beck vorwurfsvoll und ergänzte: "Ich habe gehört, daß Sie einem Sprachschüler
um die zweihunderttausend US-Dollar abnehmen für das, was er bei Ihnen
lernt."
"Ja, warum ist das so teuer?" wollte
der Moderator wissen.
"Erstens lernt bei uns niemand eine
Sprache", erläuterte Professor Rondi und führte weiter aus: "Bei uns gibt es
keine Schüler. Wir vermitteln im wahrsten Sinne des Wortes Sprachen. Wer bei
uns war, hat eine Sprache zu nahezu hundert Prozent erworben. Wir vermitteln
Wissen so, daß derjenige, der unser
Labor verläßt, genau so gut ist wie das Original, also der sogenannte Lehrer,
wenn Sie nun unbedingt in der althergebrachten Denkweise über Lehrer und
Schüler bleiben wollen, und das alles dauert nur zwei Wochen. Wenn Sie also
eine klassische Studienzeit an einer Universität zugrunde legen, die sich über
beispielsweise mindestens vier Jahre erstreckt mit monatlichen Kosten von tausend
Dollar, dann kommen Sie doch nach Adam Riese in die Größenordnung von schon
fünfzigtausend Dollar. Und bedenken Sie, daß dann erst um viele Jahre der
Erfahrung gerungen werden muß. Niemand will doch heute mehr einen
Universitätsabgänger haben, weil der keine Erfahrung hat, also noch nicht in
der Praxis sein einfaches Basiswissen, so gut es auch sein mag, angewendet hat.
Bei uns kriegt man alles in perfekter Vollendung. Bei uns bekommen Sie Wissen
mit Erfahrung in einem Kurzurlaub vermittelt. Sie können sofort einen gut
dotierten Job bekommen. Selbst wenn Sie nur fünftausend pro Monat direkt nach
unserer Wissensvermittlung erhalten würden, dann haben Sie nach vier Jahren
zweihundertundvierzigtausend zusammen. Mit den für ein Universitätsstudium
gesparten fünfzigtausend liegen wir bei schon, äh, also bei knapp dreihunderttausend.
Nun nehmen wir tatsächlich zur Zeit zweihundertundfünfzigtausend. Dennoch
werden gut vierzigtausend gespart, wenn ich noch die einfachen Rechenregeln
richtig beherrsche."
Er machte eine Pause, die der Moderator
mit der Frage unterbrach: "Und zweitens?"
"Wieso zweitens?" wollte Professor
Rondi wissen.
"Nun, Sie haben Ihre Rede vorhin mit erstens eingeleitet", erklärte der
Moderator.
"Weiß ich nicht mehr", gab William Rondi zu,
fügte dann aber hinzu: "Wenn Sie meinen, dann also gut; und zweitens ist unsere
Methode unschlagbar."
"Werbung ist eigentlich auf diesem
Fernsehkanal immer noch nicht erlaubt", klärte Victor Beck mit deutlicher
Ironie in der Stimme auf.
"Aber ich will nun doch noch etwas
wissen", fuhr er fort, "abgesehen davon, daß ich Ihrer Rechnung nicht folgen
konnte."
"Also, noch einmal", erklärte Professor
Rondi. "Ein Universitäts-Studium von vier Jahren kostet mindestens
fünfzigtausend. Das Wissen und noch viel mehr vermitteln wir in zwei Wochen,
also in einer vernachlässigbaren Zeit. Danach können Sie sicher sofort, also
ohne für ein Studium von vier Jahren Geld auszugeben, um die sechzigtausend pro
Annum mindestens verdienen, also schon in diesen vier Jahren, die Sie hätten an
der Uni zubringen müssen. Sie verdienen demnach während der Zeit um die zweihundertundvierzigtausend.
Zählen Sie die Fünfzigtausend an Aufwand für die Uni hinzu, kommen Sie auf
zweihundertundneunzigtausend. Wir kassieren zweihundertundfünfzigtausend.
Damit sparen Sie Vierzigtausend..."
"Ja, ja, ist in Ordnung", meinte Victor
Beck und fuhr fort: "Wir haben soeben eine ziemlich schlimme Demonstration
miterlebt, muß ich schon sagen. Da kann man jemandem gegen seinen Willen
regelrecht etwas eintrichtern - darf ich zitieren? Ihr seid ja erst am Anfang
einer gefährlichen Entwicklung. Ich meine, es können ja Menschen regelrecht
nach eurer Methode manipuliert werden. Habt ihr daran schon gedacht?"
Kurt Hinze und William Rondi schauten sich
an.
Professor Hinze ergriff das Wort und
erklärte: "Glauben Sie uns bitte, daß wir darüber schon gleich zu Beginn
unserer Grundsatzüberlegungen eifrig diskutiert haben. Jede wissenschaftliche
Betätigung birgt Gefahren in sich. Wie hat doch die Technik unsere Welt
verändert, ja an den Rand der Existenz gebracht. Ich denke an Ozonlöcher,
Klimaveränderungen, Umkippen der Flüsse und Weltmeere und so weiter. Alles ist
doch inzwischen verseucht und versaut. Uns ist bewußt, wo die Gefahren der
Gen-Manipulation liegen, und, und, und... Natürlich könnte unsere Methode,
insbesondere wenn sie weiterentwickelt ist, sehr wahrscheinlich menschliche
Roboter züchten, die, nachdem man gewisse Gehirnpartien - wie zum Beispiel
moralische Vorstellungen, was immer darunter verstanden wird - ausgeschaltet,
überschrieben hat, wenn ich das mal wieder mit der Aufzeichnungen von
Informationen in der Computertechnik vergleichen darf. Also, so ein Mensch
könnte zu einem reinen Willensträger von Macht-Hungrigen gemacht werden. Sie
wissen, was ich meine..."
"Und wer schützt uns davor, daß Sie nicht eines Tages Macht-Hunger
bekommen und solche Schweinereien machen?" erkundigte sich Victor Beck,
wieder mit deutlicher Aggressivität in
seiner Stimme.
"Zur Zeit Niemand", gab Professor Rondi
zu. Aus dem Sendesaal wurden Unmutslaute hörbar.
Professor
Kurt Hinze schüttelte den Kopf und sagte mit erhobener Stimme: "Dieses Thema
sollte einer abendfüllenden Diskussion vorbehalten werden, schlage ich vor.
Wissenschaftler sind oder können höchst gefährlich sein. Das ist absolut
richtig. Die sogenannte uneingeschränkte Freiheit der Wissenschaft halte ich
heutzutage für sehr fragwürdig. Da sollte die menschliche Gemeinschaft ein
Wörtchen mitzureden haben, zweifellos. Da sind strenge Kontrollen unerläßlich.
Es darf nicht alles erlaubt werden. Auch oder vor allem Wissenschaftler haben
sich Kontrollen zu unterziehen. Leider ist der Charakter der Menschen so
ausgelegt, daß Egoismus, daß der Grundantrieb, die sogenannte Aggression nach
Adler, also Streben nach Ruhm und Macht nur durch die Mitmenschen an Auswüchsen
gehindert werden kann. Ich betone also noch einmal: Die Gefahr, die aus solchen
Bereichen entspringen kann und entspringen muß, ist nicht abzusehen. Man
denke an die Labors für atomare, chemische und biologische Kriegführung. Da
braucht ja nur ein Unfall zu passieren. Die Wahrscheinlichkeit, daß etwas passieren
wird, ja nach den Gesetzen der Wahrscheinlich früher oder später passieren
muß, nimmt ständig zu. Wir jedenfalls sind demnächst gerne bereit, uns einer
Kontrollkommission zu unterwerfen..."
"Demnächst?" forschte Victor Beck.
"Ja, warum erst demnächst?" hakte der
Moderator nach.
Kurt Hinze und William Rondi warfen sich
fragende Blicke zu. Dann antwortete Professor Rondi: "Also, wir leben alle
unter bestimmten gesellschaftlichen Voraussetzungen, insbesondere in einem
Wirtschaftssystem, das auf Ausbeutung des jeweils anderen, also der
Mitmenschen, der Mitlebewesen schlechthin, der Bodenschätze, der gesamten Welt
ausgerichtet ist. Das muß zuerst einmal sehr deutlich gesagt werden. Das
ursprünglich vernünftige und notwendig gewordene Prinzip der Arbeitsteilung mit
Bezug auf Warenverteilung und mit Bezug auf handwerklich, produktionstechnisch,
beziehungsweise verfahrenstechnisch immer komplizierter gewordene Systeme ist
zu einem sich verselbständigt habenden Ausbeutungsprinzip pervertiert worden.
Diese Bemerkung am Rande. Wir haben eine ganz neue Methode der
Wissensvermittlung entwickelt, und niemand kann es uns verübeln, daß nicht
auch wir wenigstens einige der Früchte ernten möchten. Das gebe ich ganz
ehrlich zu. Würden wir unsere Methode jetzt schon der Allgemeinheit zur Verfügung
stellen, hätte das ja auch katastrophale Folgen. Was würde aus den Schulen,
den Universitäten? Da würden doch viele Millionen Leute freigesetzt. Hinzu
kommt noch, daß unsere Methode im Prinzip den Individualismus gefährdet. Dafür
haben wir doch soeben ein typisches Beispiel demonstriert. Wie hat denn unsere
geschätzte Ayleen Klavier gespielt? Das war doch genau das gleiche Spiel wie
wir es vorher von Crayton gehört haben, abgesehen vielleicht von leicht unterschiedlicher
Anschlagsstärke durch ungeübte, also mit unterschiedlicher Muskelkraft
versehene Hände. Meinen Sie nicht, daß wir uns darüber ziemlich den Kopf zerbrechen?
Wir gehen also nicht so leichtfertig mit dem um, was wir selbst als Gefahr sehen,
glauben Sie mir...!" Seine Worte wurden von Beifall der Zuhörer im
Sendesaal unterbrochen.
"Ich stimme voll und ganz zu, daß es
notwendig ist, einen Abend mit einer Grundsatzdiskussion über Gefahren, die von
der Wissenschaft ausgehen, zu füllen...", meinte der Moderator, dessen Vorschlag
von Doktor Victor Beck unterbrochen wurde: "Also, darüber ist ja nun schon viel
und oft diskutiert worden. Es gibt hunderte von Publikationen zu diesem Thema.
Ich wüßte, ehrlich gesagt, nicht, was da noch Neues zu diesem Thema beigetragen
werden könnte. Da werden doch die Interessen auch gerade derjenigen berührt,
die die Macht haben und niemals etwas geändert haben wollen. Das bringt doch
nichts mehr. Davon bin ich überzeugt..."
"Völlig falsch gedacht!" erregte sich
Professor Hinze und erklärte: "Nur dadurch, daß man das Bewußtsein der
Mitmenschen weckt und immer wieder Mißlichkeiten
aufdeckt und vor Augen führt, kann etwas verändert werden. Über Gefahren und so
muß doch immer wieder geredet werden..."
Nachdem der Beifall des Publikums zu
diesen Worten abgeebbt war, schloß der Moderator die Sendung: "Unsere Sendezeit
ist schon längst überzogen. Wir müssen endlich zu einem Ende kommen. Ich freue
mich, daß wir uns alle einig sind über die Gefahren, die von Wissenschaft und
Technik ausgehen können. Wir haben alle wohl sehr deutlich erkannt, daß es auch
auf diesem Gebiet Grenzen geben muß, daß gesellschaftliche Verantwortung im
Bereich von Forschung und Technologie viel mehr in den Vordergrund kommen muß.
Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen vielmals..."
Die
"Gehirnmanipulationslaboratorien"
Professor William Rondi saß auf der, zum
größten Teil überdachten Terrasse seines luxuriösen Hauses, das vor mehr als
zwei Jahren in drei, um etwa zwei Meter in der Höhe versetzte Stufen angelegt
worden war. Diesen ansehnlich komfortable Gebäudekomplex hatte er auf einen
Hügel der nördlichen Kette von Port-of-Spain, der Hauptstadt von Trinidad (und
Tobago), bauen lassen. Der Boden der großflächigen Veranda war aus vorwiegend
weißem, jedoch vielfarbigem Kieselsteinbeton gegossen und glatt poliert
worden. Viele Blumen und blühende
rahmten die Terrasse, von wo aus man in den am höchsten gelegenen Wohntrakt
gelangte, zuerst in das über hundert Quadratmeter große, halbrunde, völlig
verglaste Wohnzimmer, dessen Scheiben Wärmestrahlen undurchlässig machten. Der
rotbunte Marmorboden war mit wertvollen chinesischen Teppichen ausgelegt. Der
Raum war mit bequemen, modernen, mittelbraunen
Möbel aus Rattannachbildungen mit schwarzen Sitzpolstern ausgestattet.
Eine Vielzahl von meist sehr üppigen, exotischen Blattpflanzen wuchsen aus
Aussparungen des Fußbodens bis nahezu an die etwa vier Meter hohe Decke mit
wertvoll aussehender Holztäfelung, wobei jedoch eine gute, also nicht erkennbare
Kunststoff-Imitation verwendet worden war.
Professor Rondi war ein großer Gegner der
Ausbeutung der Wälder und sah keinen Grund, wertvolles Holz zu verwenden, wenn
anderes Baumaterial ähnliche Zwecke erfüllte.
Mehrere afrikanisch kubistische Statuen verzierten
den hellen Raum, an den sich eine mit modernster Einrichtung, wie zum Beispiel
mit einem, mit einer pflegeleichten Glasplatte abgedeckten Induktionsherd
ausgestattete, geräumige Küche, eine Art Büro- oder Kommunikationsraum und ein
dunkelrot gekacheltes Badezimmer anschlossen. Von dem zentralen Wohnraum
konnte man sowohl nach rechts und links in die beiden übrigen, tiefer gelegenen
Wohntrakte über jeweils etwa drei Meter breite Stufen gelangen. Die flachen,
rundherum mit etwa zwei Meter hohen, dunklen Holznachbildungen eingerahmten
Dächer der Gebäude bestanden vollständig aus Kollektoren zum Umwandeln von
Sonnenenergie, die sich automatisch dem Sonnenstand so anpaßten, daß das
einfallende Strahlenspektrum immer möglichst senkrecht auf die Kollektorflächen
trafen. Allein schon durch diese technische Einrichtung wurde die luxuriöse
Villa recht kühl gehalten, da die Sonnenenergie abgefangen und umgewandelt
wurde. Die zentrale Klimaanlage brauchte also nur noch sehr wenig der tropischen
Wärmeenergie zu vernichten.
Dem für den Bauplan des Gebäudes herangezogenen
Architekten war bei der Errichtung des Luxusgebäudes ein vollendetes Meisterwerk
gelungen. Er war sehr berühmt nicht nur in seiner japanischen Heimat wegen
seiner außergewöhnlichen Begabung, technische Konstruktionen zusammen mit
Moosen, Kletter- und Parasitenpflanzen geschmackvoll in Bauwerke zu integrieren. Inzwischen trugen grün umrankte Säulen die,
das ganze Haus umlaufende Veranda. Aus Sichtblenden aus Spiegelglas sprossen
Orchideen.
Die Rückseiten der Kollektoren der
Sonnenenergie waren mit sattgrünem Moos bedeckt, das sich lange Zeit allein
von Tau ernähren konnte, der sich an den kühlen Flächen niederschlug, weil aus
dem Sonnenlichtspektrum auch die infraroten Strahlen in elektrische Energie
umgesetzt wurden. Diese Strahlen konnten also nicht die Moleküle der Kollektoren
beschleunigen, wodurch ja bekanntlich Wärme entsteht.
Bestimmte, durch künstliche Nester
angelockte Vögel sorgten für die natürliche Dezimierung der den Pflanzen
abträglichen Insekten.
Eine Marienkäferart hatte Blattläuse zu
verzehren, und dadurch wurde die Zahl der Ameisen in Grenzen gehalten.
Solche und ähnliche Methoden wurden
benutzt, um ein ausgewogenes biologisches System zu erreichen.
Professor Rondi hatte eine traumhafte
Aussicht über die Meeresbucht bis hin zum südamerikanischen Festland bei klarer
Luft. Seine Blicke glitten über das Hilton-Hotel hinüber zum Hafengebiet, in dessen
Wassern immer noch mehrere, vor vielen, vielen Jahren gestrandete Schiffswracks
die Schiff-Fahrt behinderten. Niemand hatte sich ernsthaft um die Beseitigung
bemüht und wird sich wahrscheinlich kaum noch darum kümmern.
Die schwarze, etwas mollige, immer gut
gelaunte Hausangestellte brachte ihrem Arbeitgeber frisch aufgesetzten
Blue-Mountain-Kaffee, den er sich regelmäßig bei Besuchen des Hauptsitzes der
University of the West Indies aus Jamaika mitbrachte.
Es war zwar ein heißer Tag gewesen, den
die, in der üblichen Farbenpracht untergehende Sonne aufgewärmt hatte. Aber die
starke, ständig über die Hügel wehende Brise brachte angenehme Kühlung.
Auf das weitläufige Parkgrundstück mit
einer bunten Vielfalt an tropischen Bäumen, farbenprächtigen Sträuchern und
Blumen war vor gut einem Jahr auch die nicht minder komfortable Villa von
Professor Kurt Hinze in einer Rekordzeit von wenigen Monaten gebaut worden.
Für dieses Haus war zwar ein völlig anderer Stil, entsprechend dem Geschmack
seines Besitzers, vorgesehen worden. Viel künstliches Material, das Holz,
Bambus oder Rattan nachbildete, dazwischen aber auch wuchernde Schlingpflanzen
und das mit einer etwa einen Meter dicken Riedschicht bedeckte spitze Dach
paßte jedoch sehr gut zu der Rondischen Villa und der Parklandschaft.
Beide Häuser waren halb unterkellert, was
eine große Seltenheit in diesem Lande war. Auf der Insel selbst waren sogar
viele Häuser auf Pfähle gesetzt, um Insekten, Schlangen und andere Tiere aus den
Häusern besser fernhalten zu können. In diesen, nur von einer Seite mit
Naturlicht beleuchteten Kellerräumen der beiden, den Professoren gehörenden
Gebäude waren die Labors eingerichtet, die sich in ihrer Geräteausstattung
nicht unterschieden.
Keine Straße führte den steilen Hügel zu den
Gebäuden herauf. Das Wissensvermittlungs-Institut war also mit normalen Landfahrzeugen
nicht zu erreichen. Selbst geländegängige Wagen würden wohl kaum die mit
undurchdringlichem Wald und Gebüsch
üppig bewachsenen steilen Hänge erklimmen können; denn die beiden Forscher
hatten für ihre Behausungen sehr bewußt einen solchen Hügel ausgewählt und in
langwierigen Verhandlungen mit der Regierung von Trinidad und Tobago
übertragen bekommen, dessen Bewachsung lange nicht den in dieser Gegend
üblichen Waldbränden zum Opfer gefallen war. Um solche eventuell doch
entstehende Brände rasch nach ihrem Ausbruch löschen zu können, wurde das
Gelände ständig mit Fernsehkameras und automatischen Rauchmeldern überwacht.
Von großen Wasservorräten, die als Schwimmbecken ausgelegt waren, liefen
Leitungen den Hügel hinab, an denen in bestimmten Abständen ferngesteuerte
Sprühventile, aber auch konventionelle Zapfhähne für eine vielleicht notwendige
Feuerbekämpfung angebracht waren.
Während der ergiebigen Regenzeiten wurde
das Wasser gesammelt, biologisch, chemisch und mechanisch aufbereitet und in
die beiden mit Natursteinen ausgekleideten Schwimmbecken geleitet. Die Flächen
der Becken betrug 50 mal 50 Meter, und die Tiefe fiel von einem auf vier Meter
ab. Das gesamte gestaute kristallklare Wasservolumen betrug über zehntausend
Kubikmeter.
Ein von den Wohngebäuden kaum erkennbares
und schwer überwindbares Mauerwerk umsäumte den Hügel. Diese Befestigung war nämlich
von der Hügelkuppe aus angeschüttet und fiel dahinter steil ab.
Jeweils zwei Hubschrauber mit
unterschiedlicher Sitzkapazität parkten auf dem großen Landeplatz, um den
Transport der Bewohner des Hügels, der Klienten und der neun Labormitarbeiter
zu ermöglichen.
Nachdem einmal ein Anschlag auf die
beiden, sehr eng befreundeten Wissenschaftler versucht worden war, ließen sie
sich nie mehr zusammen transportieren. Auch sah man sie sehr selten außerhalb
ihres Zuhauses zusammen. Beide hatten immer schon irgendwie geahnt, daß ihre
Forschungsarbeiten auch Interesse in Kreisen finden würde, die glaubten, daß
die sich damit eventuell ergebenden Möglichkeiten zu einer krankhaften
Machtentfaltung genutzt werden könnten. Außerdem waren die beiden Forscher ständigen
Angriffen durch Presse und andere Medien ausgesetzt, die ihnen eine allzu
rigorose Ausbeutung ihrer Forschungsergebnisse vorwarfen. Hinzu kam die
durchaus berechtigte Furcht der klassischen Lehrinstitutionen, daß eine
allgemeine Nutzung der neuen Möglichkeiten zur Wissensübertragung ihre
Existenz gefährden werde.
Jedenfalls war vor fast einem Jahr eine
mit Wärmesensoren ausgestattete Boden-Luft-Rakete auf den Hubschrauber abgefeuert
worden, als die beiden Professoren von ihren Häusern zum Technischen Institut
in Port-of-Spain fliegen wollten. Zum Glück blieb die Rakete im Auspuffrohr
des Hubschraubers stecken, ohne zu explodieren; denn der an der Raketenspitze
angebrachte, auf Aufschlagdruck reagierende Zündkontakt wurde nicht
ausgelöst, da er ja nicht mit einem Hubschrauberteil in Berührung gekommen
war. Die Wucht der Rakete war zwar so groß gewesen, daß der Hubschrauber zu
trudeln anfing, aber zum Glück doch noch recht glimpflich zu Boden kam. Niemand
wurde ernsthaft verletzt. Die von Spezialisten anschließend entschärfte
Rakete konnte als eine, von einem französischen Waffenhersteller stammende
identifiziert werden. Jedoch verliefen alle weiteren Nachforschungen im
Sande. Es konnte angeblich nicht herausgefunden werden, an wen die Rakete
schließlich und endlich gegangen sein könnte, nachdem sie nach den Firmenauszeichnungen
- wie üblich - an die Landstreitkräfte geliefert worden war. Gerüchte, daß der
französische Geheimdienst seine Hände im Spiel gehabt habe, ließen sich weder
bestätigen noch widerlegen. Es gab keinerlei Hinweise auf ein Motiv des
Anschlages, der allerdings in jedem Fall einer sehr ernst zu nehmenden,
etablierten Organisation mit einer entsprechenden fachlichen und finanziellen
Potenz zugeschrieben werden mußte. Daraus schlossen die beiden Wissenschaftler,
daß sich ein solcher Mordversuch an ihnen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit
wiederholen werde; denn immer wieder waren Drohungen ausgesprochen worden.
Die beiden einer ständigen Bedrohung
ausgesetzten Personen lehnten es jedoch ab, sich selbst mit einer privaten
Schutztruppe zu umgeben, die sie durchaus inzwischen finanzieren konnten. Sie
sträubten sich vor allem deshalb, weil sie weltanschaulich gegen militärische
Aktionen jeglicher Art zur Lösung eines Konfliktes eingestellt waren. Darüber
hinaus hielten sie private Söldner vor allem für besonders anfällig für
Bestechungen, so daß sogar gerade von solchen Personen eine direkte Gefahr
ausgehen könnte; denn private Schutzsoldaten haben ja nach kurzer Zeit
Kenntnis über alle Schwachpunkte.
Dennoch waren die beiden Forscher bei
Überlegungen zur Selbstverteidigung nicht ganz konsequent, was zumindest
quasi-militärische Einrichtungen betraf. Ihre Häuser, in denen sich auch die
Laboratorien befanden, waren inzwischen mit modernstem technischen Gerät
ausgestattet, das alle Bewegungen von Menschen und von Land- und Luftfahrzeugen
im Bereich des Hügels über ausgeklügelte Computerprogramme auf Andeutung
einer Gefahr prüfte. Innerhalb kürzester Zeit war es den beiden
Wissenschaftlern mit ihrem Mitarbeiterstab gelungen, ein so ausgefeiltes
Gefahrenerkennungs- und Gefahrenabwehrsystem zu entwickeln, daß sich nach
dessen Verfügbarkeit sicher viele sogenannte militärische Abwehrdienste sehnen
würden. Die Gefahren-Erkennungsprogramme basierten zum einem auf der fast
lückenlosen Typenerkennung von allem, zur Zeit vorhandenen Kriegsgerät. Mit
hoch auflösenden Echo-Impulsverfahren, unter Nutzung der noch gerade technisch
beherrschten kürzesten Wellenlängen wurden alle Fahrzeuge zu Lande und vor
allem in der Luft mit im Computer gespeicherten Modelle verglichen, d.h. mit
den sich aus der Abtastung ergebenden Mustern identifizierbar gemacht. Zum
anderen sorgte ein ausgefeiltes Simulationsprogramm dafür, daß selbst in
geschickter Weise beabsichtigte Täuschungsmanöver durchschaut werden konnten.
Im Falle einer erkannten Gefahr würde die
weitere Umgebung um den Wohn- und Laborbereich über, in Bruchteilen einer
Sekunde aufgebaute hochenergetische, elliptoid elektrische und magnetische
Feldern automatisch abgeschirmt, um eindringende Flugkörper je nach
Auftreffwinkel abzulenken, abzuprallen oder innerhalb weniger Meter auf die
Geschwindigkeit Null abzubremsen. Auch privater Luftverkehr wurde von den
beiden Forschern nicht mehr geduldet.
Das Prinzip der soeben erwähnten
Abbremsmethode ist aus dem Physikunterricht bekannt, wo die sogenannte Wirbelstrom-Bremse
vorgeführt wird. Luftfahrzeuge kommen sehr rasch zum Stillstand und sinken in
dem künstlichen Feld langsam zu Boden. Auf diese Weise soll eventuellen
Insassen möglichst kein Schaden zugefügt werden. Fraglich war nur, ob das Feld
lange genug aufrecht erhalten werden konnte, um ein solches relativ
langsames Absinken bis zum sicheren Erreichen des Bodens zu gewährleisten.
Rondi und Hinze waren jedoch bemüht, ihre Energiespeicher zu vergrößern; denn
die für den Aufbau der Abwehr-Felder benötigte, unvorstellbar große und nur
für ein bis zwei Minuten aufrecht zu haltende Energie wurde aus teuersten
Batterien gespeist, die von drei Windmühlen-Generatoren auf ständige
Bereitschaft geladen wurden. Diese windgetriebenen Energiewandler versorgten
zusammen mit den Sonnen-Kollektoren auch den übrigen Bedarf an elektrischem
Strom des Gebäudekomplexes. Es weht zum Glück auf den Inseln der Karibik
immer eine mehr als ausreichend starke Brise, zumindest solange die Sonne
scheint.
Eventuell langsam an die Gebäude herangeführtes
Kriegsgerät, wie zum Beispiel von Menschen getragene konventionelle Waffen,
würde mit Hilfe von Wechselstrom-Induktionsfeldern geschmolzen.
Bisher war es jedoch nur ein einziges Mal
zur Auslösung einer irrtümlichen, sogenannten Gefahrenabwehr gekommen, als das
Erkennungs-Programm noch fehlerhaft beziehungsweise lückenhaft war. Ein
Großvogel wurde nachweislich, wie die Aufzeichnungen ergaben, als er die Flügel
zu einem Sturzflug eingezogen hatte vom Computerprogramm falsch als eventuelle
Kleinrakete eingeordnet. Vögel und andere Tiere, die ja keine anorganisch
chemischen Komponenten haben, können natürlich nicht durch die elektrischen
und magnetischen Felder beeinflußt werden. Daher konnte der Vogel seinen
Sturzflug ungehindert fortsetzen.
Die beiden Professoren waren sich
inzwischen sicher, daß ihr System absolut zuverlässig sei, obwohl sie kaum
praktische Tests gemacht hatten beziehungsweise hatten machen können.
Wie schont erwähnt, hatten die beiden Wissenschaftler
jeder ein Laboratorium gleicher Ausstattung im Keller ihres jeweiligen
luxuriösen Hauses. Die Apparaturen, an denen noch ständig verbessert wurde,
waren inzwischen auf einen technischen Stand gebracht worden, der die Grenzen
der bisher bekannten physikalischen Gesetze nahezu erreichte. Im Vergleich zu
den Geräten, die noch mit den sehr bescheidenen Mitteln der University of the
West Indies und aus mühsam beschafften Forschungszuschüssen europäischer Geber
zusammengestrickt waren, war es heute, fünf Jahre nach den grundlegenden
Ideen, den Forschern gelungen, Pakete zur Wissensübertragung zu variieren und
von verschiedenen "Donatoren" (Wissensspendern) zu mischen und so
zusammenzustellen, daß der jeweilige "Rezipient" (Wissensempfänger) individuell
"ausgerichtet" werden konnte.
Das muß sicher etwas näher und vereinfacht
an einem Beispiel erläutert werden: Angenommen, jemand möchte sich rasch auf
den neuesten Wissensstand nicht nur in der allgemeinen Human-Medizin sondern
in der Orthopädie bringen lassen. Die Professoren Hinze und Rondi sprachen in
einem solchen Fall herausragende Spezialisten auf diesem Gebiet als
Wissensspender an, wobei in Größenordnungen von Millionen US-Dollar verhandelt
wurde. In der Regel erklärten sich solche, in ihrem Fach berühmten Personen
bereit, ihre im Gehirn gespeicherten Kenntnisse zu einem nicht zu verachtenden
Preis "anzapfen" zu lassen.
Solche Wissens-Extraktion geschieht dadurch,
daß eine Vielzahl von Punkt-Sonden in einer inzwischen erprobten Verteilung
auf der Kopfhaut des sogenannten Experten angebracht wird. Diese
höchstempfindlichen Sonden, auch Sensoren genannt, ermitteln die mehr oder
weniger äußerst schwachen elektrischen Ströme des denkenden Gehirns. Bei
solchen Strömen können beispielsweise nur deren ultrakleine Magnetfelder mit
sogenannten supraleitenden Quanteninterferometern gemessen werden. Das bedeutet
aber, daß für die Supraleitung sehr niedrige Temperaturen um immerhin noch
minus fünfzig Grad Celsius trotz modernstem Leitermaterials erforderlich sind.
Eine Sondenkühlung wird mit Halbleiter-Wärmetrennern aufrecht erhalten. Es war
wirklich nicht einfach, ein solches Abtastsystem zu miniaturisieren und eine
zu starke Behinderung des "Donators" zu vermeiden. Das soll als Beispiel
genügen, welche technischen Probleme die Wissenschaftler zu überwinden hatten.
Der "angezapfte" Spezialist wird bei
seiner beruflichen Tätigkeit etwa vierzehn Tage "begleitet", wobei er
kaum eine Behinderung hinnehmen muß; denn die von den Sensoren empfangenen
Magnetfeldinduktionen werden in einem batteriebetriebenen Apparat, nicht
größer als eine Zigarettenschachtel,
verstärkt, digitalisiert, dann auf eine Trägerfrequenz moduliert und zu Registriergeräten
gesendet. Dort geschieht dann die optische Roh-Aufzeichnung auf einer
sogenannten Kompakt-Platte. Mit komplizierten, sich selbst verbessernden und
lernenden Computer-Programmen, wird die Aufzeichnung analysiert, um
deutliche Muster, charakteristisch für bestimmte Gedankengänge zu erkennen. Da
das denkende, die Glieder steuernde und die Sinnesorgane kontrollierende
menschliche Gehirn, insbesondere bei der routinierten, beruflichen
Tätigkeit wiederkehrende Musterstrukturen "produziert", war den Professoren
Hinze und Rondi bereits in vielen Fällen eine Zuordnung von Denkvorgängen zu
solchen Mustern gelungen. Beide Herren waren also sehr, man kann fast sagen,
fanatisch bemüht, solche Zuordnungen zu katalogisieren. In einer Serie von
Versuchen, vorwiegend an sich selbst, hofften sie, die noch weitgehenden
Geheimnisse über die Abläufe im Gehirn zu lüften.
Ehe nun der letzte Stand der Vorgänge bei
der Wissensvermittlung, der Übertragung auf ein anderes Gehirn weiterhin erklärt
werden kann, kommen wir wieder zurück zur Wissensanzapfung von sogenannten
Donatoren, also von solchen Leuten, die ihr Wissen zur Verfügung stellen.
Gelingt es, mehrere Fachleute zu bekommen, die erlauben, sich "anzapfen"
zu lassen, dann kann deren Wissen verkettet und zu einem Übertragungsprogramm
zusammengestellt werden. Ein solches Programm erlaubt dann individuelle
Anpassung an die spezifischen Wünsche eines Klienten.
Ein sogenannter Rezipient, also
derjenige, der das aufgezeichnete Wissen in sein Gehirn übertragen haben will,
wird erst einmal sorgfältig daraufhin untersucht, wo "räumlich" im seinem
Gehirn ein freier Bereich oder wo noch zumindest wenig benutzte Stellen,
beziehungsweise nahezu unwichtige Bezirke sind. Etwa zwei Tage muß sich der
Wissensempfänger gefallen lassen, daß er ein dichtes Sondennetz am Kopf mit
sich führt. Dabei wird er dauernd gefragt, ja sogar weitgehend
psychoanalysiert. Auf diese Weise werden die Speicherplätze seiner bereits
vorhandenen Wissens- und Orientierungsgebiete lokalisiert, das heißt, die bereits
benutzten Gehirnpartien ermittelt. Danach wird der Wissens-Empfangskandidat
in einen siebentägigen künstlichen Tiefschlaf versetzt, wodurch seine
Sinnesorgane einmal keine Störung der Wissensübertragung verursachen. Aber zum
anderen ist viel wichtiger, die organisch chemischen Prozesse, also die
chemische Gehirnzellen-Veränderung bei der Langzeitspeicherung des Wissens
ablaufen zu lassen. Organisch chemische Prozesse laufen nun mal recht langsam
ab. Professor Hinze gab deshalb noch Katalysatoren in den partiellen Blutkreislauf,
also in die Halsschlagader, worüber ja bekanntlich das Gehirn versorgt wird.
Auch die Nahrungszufuhr muß bei der entwickelten Wissensübertragungsmethode
direkt durch Eingabe in die Blutbahn erfolgen; denn der schlafende Mensch, der
sogenannte Rezipient, soll nicht zur Stillung irgendwelcher natürlichen
Bedürfnisse aufgeweckt werden. Der Klient, wie die Professoren Rondi und Hinze
ihre "Rezipienten" auch nennen, befindet sich während der Zeit der
Wissensübertragung wie auf einer supermodernen Intensivstation eines allerbestens
ausgestatteten Krankenhauses.
Allzu große Präzision ist bei der
Wissensvermittlung nicht erforderlich. Das menschliche Gehirn hat nämlich die
phantastische Eigenschaft, kleine Unstimmigkeiten im Laufe eines gewissen
Zeitraums, nachdem eigene Erfahrungen gesammelt worden sind, auszuglätten.
Immerhin gelingt es auf die vorher
beschriebene Weise, ein Wissensgebiet, dessen "klassische Erlernung"
bisher noch mindestens vier bis sechs Jahre Universitätsstudium und bis zu
zehn Jahre Berufserfahrung und Weiterbildung erforderte, in einem Zeitraum von
nicht mehr als insgesamt zehn Tagen zu vermitteln. Ein junger Mensch von um die
zwanzig Jahre oder sogar noch jünger hat dann bereits das Wissen und die
Erfahrung, die bisher jemand erst im Alter von nahezu vierzig erlangen konnte.
Die Professoren Hinze und Rondi hatten
über fünfzehntausend Personen registriert, die auf "Bedienung" warten. Für
eine sogenannte normal-tarifliche Wissensvermittlung war ein Preis von
zweihunderttausend US-Dollar vorgesehen gewesen. Das war ursprünglich einmal
als eine Art Schutzpreis gegen zu viele Nachfragen gedacht gewesen. Es wurde
den Wissenschaftlern jedoch häufig bis zu vier-, ja sogar bis zu fünffach mehr
geboten, damit sie einen "Klienten" bevorzugt annahmen. Die Inhaber des
Wissensvermittlungsinstitutes gaben solchen Wünschen in der Regel nach; denn
auch sie waren für Geld recht empfänglich. Kaum jemand würde in naher Zukunft
eine Chance haben, günstiger "behandelt" zu werden.
Zehn Personen konnten zum Zeitpunkt dieses
Berichtes gleichzeitig angenommen werden. Da die Wissensvermittlung mit zwei Untersuchungstagen,
sieben Kopiertagen und einem Ruhetag unter Aufsicht, also genau zehn Tage beansprucht,
verließen jeden Monat dreißig, mit ihrem Wunschwissen voll gestopfte Menschen
das Institut und hinterließen durchschnittlich fünfzehn Millionen US-Dollar.
Der Jahresumsatz belief sich also auf nicht weniger als hundertundachtzig
Millionen.
Einmal aufgezeichnetes Wissen läßt sich in
beliebiger Anzahl in Rezipienten-Gehirne kopieren. Da bereits schon eine
umfangreiche Bank an Wissensgebieten aufgebaut werden konnte, gingen die
Kosten stetig zurück. Die Aufwendungen für die insgesamt neunzehn, unvergleichlich
gut bezahlten Mitarbeiter lagen knapp unter fünfzehn Millionen im Jahr.
Sogenannte Spitzenkräfte als direkte
Mitarbeiter erhielten jährlich bis weit über eine Millionen US-Dollar. Selbst
Gärtner, Hausangestellte und Telefonisten bezogen Präsidentengehälter.
Weitere Kosten für den Unterhalt der
technischen Einrichtungen und für Anschaffungen erreichten ähnlich hohe Beträge
wie die Personalausgaben. Die jährlichen Reineinnahmen der beiden Inhaber des
Wissensvermittlungsinstitutes konnten auf etwa hundertunddreißig Millionen
US-Dollar geschätzt werden, wovon sie anfänglich einen Großteil der University
of the West Indies gespendet hatten, um deren bescheidene Einrichtungen zu
verbessern. Leider kürzten daraufhin die Regierungen der Karibikstaaten
ihrerseits ihre Beteiligung an finanziellen Mitteln für die Universität
entsprechend und zweigte die freigeworden Mittel zur Stärkung ihrer
militärischen Potenz ab.
Inzwischen waren die Professoren Hinze und
Rondi dabei, sich in jeder Hinsicht von der Universität zurückzuziehen. Ihre
Lehraufträge und die mit der Professur verbundene Leitung ihrer Universitäts-Institute
hatten sie bereits schon vor einem Jahr abgegeben und ihre freiwillige
Unterstützung der University of the West Indies ebenfalls fast ganz
eingestellt. Im Gegenzug war die Regierung von Trinidad und Tobago nicht mehr
vom Aufenthalt der beiden Wissenschaftler auf ihrem Territorium begeistert,
obwohl sowohl Kurt Hinze als auch William Rondi seit langer Zeit zu
Ehrenbürgern von Trinidad und Tobago auf Lebzeit erklärt worden waren und
obwohl sie einen im Vergleich zum Staatshaushalt nicht zu vernachlässigenden
Strom an ausländischen Devisen in das Land, das heißt auf Bankkonten der
Inselstaaten fließen ließen.
Da trotz der zwar inzwischen versiegenden
Ölvorkommen des Inselstaates aber immer noch keine Einkommensteuer erhoben
wurde, weil dann ja auch die Gesetzemacher zur Kasse gebeten werden könnten,
mußten Kurt Hinze und William Rondi zu den Best-Verdienenden dieser Welt
gezählt werden, die sogar ihr Einkommen nahezu beliebig erhöhen konnten, wenn
sie nur wollten; denn nichts wäre ihnen leichter gewesen als die Zahl der
Wissensvermittlungsplätze zu erhöhen. Die Einrichtung eines solchen Platzes
kostet zwar etwas mehr als fünfzehn Millionen US-Dollar. Aber weit mehr als
vierzig weitere Plätze hätten sie spielend finanzieren können. Doch sie hatten
- vielleicht noch - zu starke moralische Bedenken dagegen, daß sie die klassische
Ausbildungssituation in eine Katastrophe stürzen und daß sie selbst in reine
Management-Funktionen zur Organisation ihres Wissensvermittlungsinstituts
abgedrängt werden könnten. Noch hatten sie allein den Überblick, vermieden
detaillierte Aufzeichnungen und Dokumentationen ihrer Arbeit, damit solche
nicht in "falsche Hände" gerieten. Eine Geschäftsausweitung würde unvermeidlich
eine Vergrößerung des Mitarbeiterstabes nach sich gezogen haben, wobei sie -
sicher mit Recht - befürchteten, die Gefahr der Spionage nicht mehr abschätzen
und abwehren zu können.
Professor Hinze, der sich wortlos zu
seinem, ganz in Gedanken versunkenen Freund, William Rondi, gesellt hatte, um
ebenfalls einen Blue-Mountain-Kaffee in der rasch hereinbrechenden Dunkelheit
zu genießen, brach schließlich das Schweigen: "Du, William, ich befinde mich
in einer richtigen Krise, verdammt noch mal. Das, was wir in unseren
Laboratorien betreiben, kommt mir manchmal genau so gefährlich für die
Menschheit vor wie ein Arbeiten an der Entwicklung einer Neutronen-Bombe,
deren Explosion kaum unmittelbare Zerstörung verursacht, aber im Laufe der Zeit
alles kaputt macht."
William Rondi, dessen dunkle Haut kaum
noch den letzten tiefroten Lichtschimmer am Horizont der bereits längst untergegangenen
Tropensonne reflektierte, verschränkte, sich bewußt entspannend, die Hände
hinter seinem Wissenschaftlerhaupt, seufzte tief und erwiderte: "Was soll ich
dir antworten? Allmählich beginnt mir das alles scheißegal zu werden. Ich bin
mehr und mehr geneigt, einfach nur die Geheimnisse zu lüften, die sich vor mir
noch auftun. Also, ich will einfach nur meine persönliche Neugier befriedigen.
Wer, was, wie und wo und wann und warum und so weiter aus unseren
Forschungsergebnissen macht, ist mir - ich sage es nochmals - mehr und mehr
scheißegal..."
"Bist du übergeschnappt?" fuhr sein
Freund Kurt Hinze ihn an. "Gehen auch wir den üblichen Weg? Werden auch wir
skrupellos? Formt das Sein auch schließlich unser Bewußtsein? um an die Worte
von Karl Marx zu denken. Du, ich bekomme Angst. Wir beginnen, gefährlich zu
werden, glaube mir."
Als Rondi schwieg, fuhr Professor Hinze
fort: "Beinahe bin ich geneigt zu bedauern, daß das Attentat auf uns nicht
gelungen ist..."
"Also, jetzt redest du irre", erregte sich
Rondi und konterte: "Mag sein, daß wir nun mal zumindest für die Idee zu dem, was
wir inzwischen erreicht haben, verantwortlich sind. Aber so etwas lag sicher
schon irgendwie in der Luft. Vielleicht hatte jemand eine ähnliche Idee. Es
gibt doch Tausende Menschen, die sich mit der Gehirnphysiologie, der
Psychologie und so weiter beschäftigen. Glaubst du tatsächlich, daß es
niemanden mehr auf der Welt geben könnte, der unsere Gedanken nachvollziehen
kann und vielleicht, im Prinzip zumindest schon solche Überlegungen angestellt
hat? Wir haben bereits lange vor dem versuchten Mordanschlag Patente
angemeldet, immerhin schon durchaus ausreichende Dokumentationen von Regeln
zum technischen Handeln der Öffentlichkeit geliefert, wie es im Patentwesen
heißt. Selbst wenn wir so vermessen wären anzunehmen, daß wir intelligenter
als überhaupt ein Mitmensch sind, dann sind die anderen doch, nachdem nun mal
die Idee geboren ist, in der Lage, unsere Verfahren nachzuentwickeln,
vielleicht auf großen Umwegen. Vielleicht dauert es etwas länger. Vielleicht
machen die ein paar Gehirne kaputt, was wir - zum Glück - haben vermeiden
können. Also, mir ist das auch nicht so egal, wie ich eben gesagt habe. Das war
einfach ein, also so ein bockiges Sich-über-alles-Hinwegsetzen."
Nach
diesen Worten stand er auf, um die Terrassenbeleuchtung einzuschalten und für
seinen Freund und sich einen Rum-Punch zu holen.
Nachdem Rondi es sich wieder in seinem
komfortablen, weich gepolsterten Rattan-Sessel bequem gemacht hatte, begann
Hinze erneut die Unterhaltung: "Mir ist so, als hätten wir eine Neutronenbombe
entwickelt, die, nachdem sie nun einmal fertig ist, unvermeidlich auch
irgendwann einmal losgehen wird..."
"Also, wenn du schon einen solchen
Vergleich ziehen willst", unterbrach Professor Rondi, "dann ist die Bombe doch
schon losgegangen. Noch hat sie keinen Schaden angerichtet, was ja das Prinzip
einer solchen heimtückischen Waffe ist, die überhaupt keinen militärischen Sinn
hat; denn eigentlich sollte in einem sogenannten modernen Atomkrieg der Feind
aufgehalten und an Aktionen seinerseits gehindert werden. Die Neutronenbombe
richtet kaum einen Primärschaden an. Ihre Bösartigkeit liegt in der
Langzeitstrahlung, die langsam aber sicher alles Leben zerstört, versaftet,
wie die Militärs sagen. Also, das ist eine der größten Schweinereien, die sich
menschliche Gehirne ausgedacht haben. Aber ist ihr Bau verhindert worden? Da
will ich jetzt für unsere Arbeit ansetzen: Wir hatten eine Idee und haben diese
realisiert. Mit Sicherheit wären auch andere Leute früher oder später in
gleiche Gedanken verfallen und wären, wie auch immer, schließlich und
unvermeidlich irgend wann bestimmt auch zu gleichen Ergebnissen wie wir
gelangt. Wir sind ihnen nur zuvor gekommen. Also, wir haben die Bombe zuerst gebaut,
die nun alle überkommenen, klassischen Ausbildungsstätten in ihrer Existenz
bedroht, ganz zweifellos. Millionen und aber-millionen Lehrer und in solchen
Institutionen Beschäftigte werden demnächst nicht mehr gebraucht. Unsere
Tätigkeit und die von uns aufgezeigten und praktizierten Möglichkeiten werden
eine gesellschaftliche Revolution heraufbeschwören. Nach unserer Methode
werden blutjunge, optimal befähigte Arbeitskräfte produziert, die dem
Arbeitsmarkt mindestens fünfzehn Jahre länger dienen können als die durch die
hergebrachte Ausbildungsmethode und den anschließenden Erfahrungsbereich
gelaufenen Fachleute. Dabei haben die bisherigen Spezialisten ja schon kaum
mehr eine Berufschance. Wenn da nicht ein Umdenken bezüglich der Arbeitszeit
und Arbeitsverteilung gelingt, dann ist eine Katastrophe früher oder später
sowieso nicht mehr abzuwenden. Darüber bin ich mir sehr klar. Nun weiß ich
nicht, ob, wie, also auf welche Weise wir, als die Verursacher zusätzlicher
und unabsehbarer Probleme, in die Veränderungen des sozialen Gefüges steuernd
eingreifen können. Ich hätte zwar da so einige Ideen, wie die menschliche
Gesellschaft das alles durchaus positiv verändern könnte. Das setzt aber
Einsicht in die Notwendigkeit dieser Veränderung voraus. Doch daran wird
alles scheitern..."
"Es sei denn", fuhr diesmal Hinze seinem
Freund in die Rede, "wir nutzen unsere Wissensübertragungsmethoden. Da kommt
mir ein Gedanke, den wir diskutieren sollten: Wir könnten allen, die bei uns
als Rezipienten durchgeschleust werden, zusätzlich eine solche Einsicht als
jeweiligen Zusatz zu dem gewünschten Wissenskopier-Programm mit eintrichtern.
Das würde bedeuten, daß alle, die von uns in die Arbeitswelt entlassen werden,
das Bewußtsein zur notwendigen Veränderung der Gesellschaft kostenlos mitbekommen
haben."
Er machte eine Pause, und aus seinem
nachdenklichen Gesicht konnte geschlossen werden, daß er sehr angestrengt über seine Ideen
brütete.
Professor Rondi hatte zuerst mit
gespitztem Mund immer wieder genickt; doch dann schüttelte er den Kopf und
meinte: "Beinahe hätte ich dir zugestimmt. Der Gedanke klingt auf den ersten
Blick ziemlich verlockend. Wir haben theoretisch die Macht, unseren Klienten
unsere Vorstellungen und unseren Willen aufzuzwingen. Das beherrschen wir. Wir
könnten unsere Methode rasch verbreiten, also, plötzlich überall sogenannte
Kopierstationen für unser Programm aufmachen. Noch reißt sich alles darum,
insbesondere, wenn wir gleichzeitig die Preise in Richtung auf reelle Kosten
herabsetzen. Also, dann könnten wir innerhalb kürzester Zeit eine Masse von
Leuten mit unserer Meinung, mit unserer Weltanschauung, mit unseren
Vorstellungen sozusagen in Umlauf bringen. Aber was wären wir dann? frage ich
mich. Wir wären nichts anderes als diese fanatischen, vielleicht auch nur
geschäftstüchtigen Religionsstifter, die es heute ja wie Sand am Meer gibt,
die auch von sich glauben, daß allein ihre Meinung, ihre Weltanschauung und
ihre Vorstellungen für alle Menschen, ja für die ganze Welt gültig sind.
Leider ist nun gerade meine Grundhaltung und - soweit ich dich ja nun seit Jahren
kenne - auch deine immer die gewesen, selbstkritisch zu sein. Du, so etwas
können und dürfen wir nicht machen..."
"Ich fürchte, wir müssen", fiel Hinze ihm
ins Wort. "Wir haben doch die Probleme aufgeworfen und sind verpflichtet, Lösungen
anzubieten..."
"Das klingt schon besser", meinte William
Rondi. "Doch will ich erst einmal klarstellen, daß wir nicht die Verursacher
der derzeitigen Arbeitsprobleme sind. Unsere Wissensvermittlungsverfahren
würden lediglich die Probleme auf die Ausbildungsstätten ausweiten, sicher
schlimm genug, zugegeben. Wir können aber höchstens Lösungen, wie immer sie
aussehen mögen, anbieten. Wer sie haben will, kann sie von uns
bekommen..."
"und wer sie ablehnt", fuhr Hinze fort, "der muß als uneinsichtig eingestuft werden und wird sich gegen mögliche
Lösungen stemmen und sie vielleicht mit all seinen Mitteln zu verhindern
suchen..."
Sein Freund unterbrach: "Willst du etwa
daraus ableiten, daß wir das Recht haben, unsere Möglichkeiten - nämlich unsere
Meinung, also unsere Weltanschauung, unsere Vorstellungen unseren Klienten
aufzuzwingen, im wahrsten Sinne des Wortes?"
Kurt Hinze nickte mehrmals mit langsamen
Kopfbewegungen, wobei er recht nachdenklich wirkte, während Rondi in gleicher
Weise seinen Kopf schüttelte.
Beide schwiegen eine Weile, ehe Rondi
weitersprach: "Also, ich muß schon sagen, da schleicht sich bei uns wohl die
Gefahr ein, daß wir leicht auf Abwege geraten können, daß wir uns zu Diktatoren
entwickeln. Du, da wird mir mit einem Male ganz klar, daß auch wir ganz normale
Menschen sind, was Rechthaberei und so weiter betrifft. Wie soll ich mich verdeutlichen?
Also, wie immer, wenn irgendeine recht spontane Veränderung eines sich langsam
entwickelt habenden Systems, hier des sogenannten Ausbildungssystems, gemacht
wird, dann ergeben sich mehr Probleme als vermeintliche Systemverbesserungen.
So hat doch jede Revolution beispielsweise immer erst einmal ein Chaos verursacht,
wenn ich an die französische, an die russische Revolution, an Befreiung von
Kolonialherrschaft denke; oder liege ich da falsch? Sind die ehemaligen
Kolonien nach ihrer sogenannten Unabhängigkeit nicht fast alle von einem
einzigen, sich zum Landesbesitzer geputschten Militär regelrecht ausgebeutet
und ausgeplündert worden? Die neuen Landesbesitzer haben jegliche Entwicklung
verhindert, die Untergebenen durch eine Staatsreligion gleichgeschaltet und
durch Abzweigung des größten Teils des Staatshaushaltes für Militärausgaben
ihre Macht erhalten. Die Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonien hat der
Bevölkerung einer solchen Kolonie keine Vorteile gebracht. Im Gegenteil... Wenn
unsere Wissensvermittlungsmethode allgemein eingeführt wird - ich muß das wiederholen
- dann gibt es eine Katastrophe zumindest auf dem Arbeitsmarkt. Niemand wird
mehr ältere, erfahrene Fachleute beschäftigen wollen. Was wird aus den Leuten,
die im bisherigen, sogenannten klassischen Ausbildungsbereich tätig sind? Die
Arbeitslosenzahl wird sich von zur Zeit etwa zweiundzwanzig Prozent im Durchschnitt
in den sogenannten Industrienationen auf nahezu fünfzig Prozent oder so
ähnlich erhöhen. Damit werfen wir die Industrienationen mit einem Schlage auf
ein Niveau der Entwicklungsländer. Jetzt kann ich sarkastisch werden und
sagen: Die Kriminalität wird sprunghaft steigen. Es werden ungeheure Mengen an
privaten und staatlichen Wächtern und Schutzleuten benötigt, vielleicht als
Ausgleich. Aber wer und wie soll das alles finanziert werden?"
Professor Hinze zog mit einem Schmollmund
die Schultern hoch und kommentierte: "Darüber habe ich nicht ausreichend nachgedacht,
um eine fundierte Meinung äußern zu können. Weil wir aber die Folgen unserer Revolution voraussehen, müssen
wir denn da nicht entsprechend gleichzeitig steuernd und eben vorausblickend
agieren? Du hast doch soeben durchaus einleuchtende Vorschläge zur
Problemlösung aufgezeigt, wie ich meine. Warum willst du die denn sogleich
wieder verwerfen? Warum versuchen wir nicht einen Kompromiß, indem wir unsere
Klienten auf die Gefahren für die Menschheit mit Bezug auf eine im
Arbeitsprozeß stehende Gesellschaft hinweisen und unsere Absicht einfach
erklären, um Zustimmung erlangen zu können? Irgendwie müßte ich diese, bis
jetzt erst einmal in einer Rohfassung geäußerten Gedanken präzisieren. Ich
meine, das was du da vorhin vorgeschlagen hast - du sprachst davon: wer sie
haben will, also unsere Lösungsvorstellungen, nicht wahr?.. Also der Gedanke,
wir könnten nämlich unsere Klienten auch bereit dazu machen, daß sie zur
Lösung der sich aus unserer Tätigkeit ergebenden Probleme beitragen können
und wollen, befindet sich ja auch erst in einer Rohfassung, ist einfach nur
als ein Denkansatz in den Raum gestellt worden. Wir könnten zum Beispiel -
auch das ist eine Möglichkeit - nur noch solche Klienten annehmen, die
gleichzeitig bereit sind, die von uns befürchteten Ausfälle unserer Neutronenbombe abschirmen zu helfen, ich denke an
solche Klienten, die eben auch unsere Lösungsvorschläge einsehen..."
"oder sogar mit besseren, von uns bisher
nicht gesehenen, kommen", ergänzte Rondi und fügte hinzu: "Da die Probleme der
Arbeitslosigkeit nicht primär von uns ausgelöst worden sind, sondern nur noch gewaltig
verstärkt werden, also, da diese Probleme jetzt doch schon eine ziemliche
Komplexität erreicht haben, maße ich mir nicht an, die Lösung so aus dem Ärmel schütteln zu können wie ein Zauberer.
Es gibt doch inzwischen sicher schon eine ganze Palette von Vorschlägen, die
bestimmt dokumentiert sind, die wir aber nicht kennen, weil wir uns damit
nicht beschäftigt haben. Es wird doch dauernd von Arbeitszeitverkürzung, von
Umverteilung der Arbeit, der Umverteilung des Kapitals und ich weiß nicht was
gesprochen. Wir wissen doch zu wenig, um eine angemessene Lösung anbieten zu
können. Da muß doch wissenschaftlich vorgegangen werden. Das ist ein riesiger
Komplex mit soziologischen, weltanschaulichen, wirtschaftlichen und - weiß der
Kuckuck - welchen Komponenten..."
Beide Herren diskutierten noch mehrere
Stunden, teilweise emotional, über dieses Thema, einigten sich schließlich
darauf, einen Forschungsauftrag auszuschreiben. Sie beschlossen, die
sozialwissenschaftlichen Fakultäten aller Universitäten und andere öffentliche
sowie privaten Forschungsinstitute, die sich mit Problemen der Arbeitswelt
befaßten, anzuschreiben, um sie über die von den beiden Forschern
vorausgesehenen Probleme zu informieren. Sie wurden sich erst nach langem Hin
und Her darüber einig, statt über eine klassische Ausschreibung an gute
Lösungsvorschläge zu kommen, diese sinnvoller, in Form eines zu prämierenden
Wettbewerbes zu sammeln. Sie arbeiteten bereits Formulierungen für ein
Rundschreiben aus, die Professor Rondi in einen Computer diktierte, der die von
ihm gesprochenen Texte in Schrift umwandelte und per Knopfdruck ausdruckte.
Nach einem ersten Entwurf der beiden Wissenschafter sah der Wortlaut nach diesem
Diskussionsabend als Vorab-Ergebnis so aus:
"Durch
Einsatz von immer mehr roboterhaften Maschinen in der Arbeitswelt sind zwar in
segensreicher Weise menschenunwürdige Beschäftigung, wie schwere körperliche
Arbeit und wie beispielsweise die unzumutbare Tätigkeit am Fließband oder in
einem Schreibbüro, weit gehend
überflüssig und die Produktqualität verbessert worden. Aber mit der
Arbeitserleichterung durch Übernahme vieler Tätigkeiten eben durch Maschinen
und Roboter ist keine entsprechende Umverteilung beziehungsweise
Neuverteilung der Beschäftigung auf all die arbeitswilligen und arbeitsfähigen
Menschen einhergegangen.
Wie
Ihnen vielleicht bekannt, haben wir neue Verfahren entwickelt zur Übermittlung
von Wissen und Erfahrungen von Expertengehirnen in vernachlässigbar kurzer
Zeit auf jemanden, der sich solches Wissen und solche Erfahrungen gerne aneignen
möchte.
Sollten
unsere Wissensübertragungsmethoden allgemein eingeführt werden, dann sind
klassische Schulen und Ausbildungsstätten nicht mehr gefragt. Damit würden zum
Beispiel fast alle derzeitigen Lehrer,
Dozenten, Verwaltungsangestellte, in Lehr- und Lernmittelfirmen tätige
Personen in das derzeit schon riesige Heer der Arbeitslosen eingereiht. Das
wird zu einer folgenschweren und untragbaren Veränderung der Situation der
menschlichen Gemeinschaft führen, wahrscheinlich zu Aufruhr, zu berechtigten
Protesten und eventuell zu zur Zeit nicht voraussehbaren Ereignissen; denn in
keiner derzeitigen Nation würden die Kosten dieser zusätzlich hervorgerufenen
Arbeitslosigkeit kaum mehr von den wenigen, noch im Arbeitsprozeß
verbleibenden Menschen getragen werden können.
Es wird
sowieso allerhöchste Zeit, Gegenmaßnahmen zu ergreifen, um die klassische,
derzeitige Form der Arbeitsteilung zu überdenken, die Arbeitswelt, ja die
Wirtschaftsysteme überhaupt zu verändern, zu reformieren. Das Ziel muß sein:
Jedem Menschen eine Chance zu geben, sein Leben in zumindest materieller
Sicherheit mit einer menschenwürdigen Lebensqualität führen zu können.
Wir fordern
Sie auf, praktikable, das heißt realisierbare Vorschläge zur Erreichung dieses
Oberzieles zu unterbreiten, die sich, unter anderem, auf eine allgemeine,
allumfassende Analyse
- der derzeitigen Situation bezüglich der belebten
und unbelebten Natur generell,
- der Bedürfnisse des Einzelindividums in seinem
Umfeld,
- der Absatzmärkte, der Betätigungserfordernisse,
wie Umweltreparatur,
- des Arbeitsbedarfs und des
Arbeitskräftepotentials,
- der Reserven an verbleibenden Rohstoffen und an
Naturschätzen dieser Erde,
- der Folgen bisheriger Arbeits- und
Produktionsmethoden
usw.
zu orientieren hat.
Wir
bitten Sie, sich dieser, von uns als sehr dringlich gesehenen Aufgabe zu widmen
und Vorschläge in Form eines Wettbewerbes zu unterbreiten.
Eine Entscheidungskommission wird gebildet
werden, die sich zusammensetzt aus Vertretern internationaler Organisationen,
wie der Internationalen Organisation für Arbeit, ILO, und aus Vertretern
nationaler Arbeitsministerien, Wirtschafts- und Handelsministerien möglichst
aller Länder dieser Erde. Die Entscheidung über die drei besten Vorschläge
wird dann mehrheitlich getroffen. Wir selbst behalten uns jedoch als diejenigen,
die die Wettbewerbspreise stiften, ein Veto-Recht vor. In einem solchen Fall müßten
Ihre von der Entscheidungskommission als prämierwürdig ausgewählten Vorschläge
öffentlich diskutiert werden, um danach wieder zur erneuten Entscheidung
vorgelegt zu werden. Der sich dann ergebenden Entscheidung würden auch wir uns
beugen.
Der beste Vorschlag wird mit einer Prämie von
hundertmillionen US-Dollar prämiert, der zweitbeste mit sechszigmillionen und
der drittbeste mit vierzigmillionen. Wir behalten uns vor, fünf weitere
Vorschläge, die unseren persönlichen Vorstellungen entsprechen oder nahe
kommen, mit je zwanzigmillionen US-Dollar zu honorieren...
Falls
Sie sich an diesem Wettbewerb beteiligen wollen, dann fordern Sie
ausführlichere Unterlagen mit den Wettbewerbsbedingungen von uns an..."
"Das übersteigt aber wirklich unsere
finanziellen Möglichkeiten", meinte Professor Hinze.
Sein Freund hielt ihm entgegen: "Bis wir
zur Kasse gebeten werden, also, das wird doch nicht vor Ablauf der nächsten
drei Jahre möglich sein, haben wir das Doppelte und Dreifache im Sack. Diese
Investition wird uns wahrscheinlich auch zu unserer eigenen Sicherheit dienen,
denke ich mir. Durch die Wettbewerbsprämierung werden wir der
Weltöffentlichkeit klar beweisen, daß wir uns durchaus über eventuelle Folgen
unserer Tätigkeit im Klaren sind und daß wir durchaus sozial denken. Aber
dieser Text, den wir da entworfen haben, gefällt mir überhaupt noch nicht. Da
sollten wir noch ein wenig Gedankenschmalz hinzu fügen, meine ich."
Obwohl die beiden Herren bis zum ersten
dunkelroten Streifen am Morgenhimmel ihren Text immer wieder neu und
umformulierten, waren sie mit ihren Entwürfen immer noch nicht zufrieden. Sie
hatten aber zuviel Rum mit Ananassaft getrunken, um noch klar denken zu können,
und beschlossen, sich endlich hinzulegen.
Professor Rondi erschien gegen fünf Uhr im
Labor seines Freundes Hinze und sagte: "Ich muß dich dringend sprechen..."
"Bitte warte noch ein wenig", bat
Professor Hinze. "Ich bin gerade auf etwas gestoßen, was vielleicht wieder eine
ganz neue revolutionäre Entdeckung ist."
Aus seinem üppigen, schneeweißen
Haarschopf ragten unzählige kleine Sondenstöpsel heraus, an deren Enden eine
kurze v-förmige Gabel geformt war. An jeweils einen Gabel-Pol war ein Draht
angeschlossen. Ein Gummiband war so um den Kopf und das Kinn geschlungen, daß
es durch jede Gabel lief. Eifrig hantierte er an Geräten und verfolgte
aufmerksam, für einen Laien künstlerisch anmutende farbige kaleidoskopartige
Muster auf einem Flüssigkristall-Bildschirm.
Rondi meinte lachend: "Hast du ein neues
System zum Lockenwickeln erfunden? Du siehst wirklich komisch aus. Was machst
du denn eigentlich da? Warum verändern sich die Pattern (Muster) auf dem
Bildschirm so rhythmisch?"
Sein Freund reagierte nicht auf die
Fragen. Er war ganz in seine Forschungsarbeit versunken. Rondi konnte nicht
erkennen, um was es ging und wurde etwas ärgerlich, weil er immer großen Wert
darauf gelegt hatte, daß beide vorher besprächen und sich ständig gegenseitig
informierten, was sie jeweils machen wollten. Er entdeckte auch, daß einige der
Geräte neu entwickelt waren und nicht in seinem Laboratorium als Kopie
existierten. Da er seit einigen Wochen nicht das Labor seines Freundes
aufgesucht hatte, kam ihm sogleich der Verdacht, daß Hinze nun an etwas
arbeitete, wovon er keine Ahnung hatte. Wut kam in ihm auf. In seinem afrikanischen
Temperament wäre er fast geneigt gewesen, seinem Freund das Drahtgewirr vom
Kopf zu reißen. Aber er bezwang sich, fuhr Hinze aber energisch an: "Was geht
hier vor? Ich will wissen, was du da machst."
Kurt Hinze wehrte ab und flehte regelrecht:
"Bitte, besteh jetzt nicht auf einer Erklärung. Ich befinde mich in einer besonderen
Situation, die mir nicht ermöglicht, deine berechtigte Frage zu beantworten.
Ich bitte dich, mir noch etwa eine halbe Stunde zu gewähren..."
Bei den letzten Worten, die er sehr gequält
von sich gab, stöhnte er, als litte er unter großen Schmerzen.
Rondi wollte erneut etwas sagen, war sich
aber nicht sicher, ob er es wagen könne; denn er ahnte aus der Art und Weise,
wie Kurt Hinze mit größter Mühe gesprochen hatte, daß dieser irgend etwas
ausprobierte, was sein Gehirn nur partiell arbeiten ließ.
William Rondi ließ sich in einen Sessel
fallen und beobachtete abwartend, was im Laboratorium vor sich ging. Es gelang
ihm nicht, außer eine geringe Ahnung zu bekommen, was hier im Einzelnen ausprobiert
wurde.
Nach gut einer halben Stunde schaltete
Professor Hinze ein Gerät ab, lehnte seinen Kopf weit zurück, holte dabei tief
Luft, streckte die Arme hoch, gähnte ungeniert und erklärte: "Du, ich glaube
mich da auf einer interessanten Spur. Wir werden wahrscheinlich in Zukunft nicht mehr schlafen brauchen, wie
es aussieht..."
"Diese deine Entdeckung überrascht mich
überhaupt nicht", fuhr sein Freund ihn an. "Aber wieso hast du Geräte hier
herumstehen, die es bei mir nicht gibt? Machst du dich etwa selbständig? Das
nehme ich dir sehr übel, daß du Sachen ausprobierst, von denen ich offensichtlich
keine Ahnung haben soll..., äh, ich meine, haben darf..."
"Beruhige dich bitte und laß mich
erklären" bat Hinze. "Da hatte ich schon immer die Idee, ich meine den
Wunsch, daß man mal ausprobieren müßte, ob wir nicht die Langzeitspeicherung von
Informationen im Gehirn statt über den üblichen Schlaf auch über partielle Ruhe
der betroffenen Gehirnpartie ermöglichen könnten, so als eine Art selektiver
Informationsfixierung, wobei das restliche Gehirn voll funktionsfähig..."
"...voll wach bleibt", ergänzte Rondi mit
offensichtlich erregter Stimme und fuhr fort: "Das habe ich alles schon längst
einmal durchdacht und auch mit dir diskutiert. Also, deshalb nehme ich dir
wirklich übel, daß du deine Versuche in dieser Hinsicht nicht mit mir abgestimmt,
ich meine, daß du zumindest nicht einmal andeutungsweise darüber gesprochen
hast. Du willst wohl selbst..."
Er brach den Satz ab, machte eine
wegwerfende Bewegung mit seiner linken Hand und machte Anstalten, das Labor
seines Freundes zu verlassen. Dieser eilte zu ihm, versuchte, ihn am Arm fest
zu halten. Aber sein Freund machte eine ruckartige Bewegung zur Seite, wobei er
sich los riß.
"Ich gebe ja zu", erklärte Hinze, "daß ich
vielleicht einen Fehler gemacht habe, nicht ausführlich mit dir gesprochen zu
haben. Aber dann sollten wir das jetzt
unbedingt nachholen. Du behandelst mich, als hätte ich etwas ganz Schlimmes
gemacht. Ich muß dir sagen, daß ich mich einfach nicht getraut habe eben gerade
wegen unserer Vorbesprechung vor einiger Zeit, über meine Absichten zu
sprechen, mit diesen Versuchen zu beginnen. Ich fürchtete, mir deinen Zorn
zuzuziehen, so wie bei meiner Idee mit den Versuchen, menschliches Wissen
vielleicht auf höher entwickelte Tiere zu übertragen..."
"Davon fang jetzt bitte nicht noch einmal
an", unterbrach William Rondi. "Solche Versuchsabsichten werde ich mit allen
Mitteln unterbinden. Das werde ich aus moralischen Gründen nie dulden. Versuche dürfen
nur mit Zustimmung des Versuchsobjektes gemacht werden, und wenn dir diese Art
von Gedanken noch im Kopf umher schwirrt, dann werde ich mich in jedem Fall von
dir trennen. Dann trennen uns weite Klüften in unserer Weltanschauung."
Seine Stimme war erregt laut geworden.
Kurt Hinze war Zorn anzusehen und er
schrie beinahe zur Erwiderung: "Das Thema ist, wie du genau weißt, ein für alle
Mal begraben. Deine jetzige Reaktion zeigt mir aber, daß du oft nicht
diskussionswillig und -fähig bist und mir unterstellst, ich würde von unseren
Prinzipien abweichen wollen. Ich lasse mir aber nicht das Recht nehmen, auch
von dir nicht, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen, verdammt noch mal.
Gedankenspiele sind ja wohl noch kein Verbrechen..."
"Doch, also ja", unterbrach Rondi. "Damit
fängt es an. Das war schon ein großartiger Denkansatz, als dieser sogenannte
Christus die Gedankensünde definiert und mit einer tatsächlichen sogenannten
bösen Tat gleichgesetzt hatte..."
Sein Freund Hinze ergriff wieder mit
erregter Stimme das Wort: "Halt mir bitte keine Predigt! Ich habe dich immer
als meinen besten Freund betrachtet und war immer der Meinung, mich nicht, in
keinster Weise vor dir verstecken zu müssen. Du bringst mich aber langsam
dazu, weil du... Lassen wir das", fuhr er mit normaler Stimme fort und
erklärte: "Jedenfalls war ich mir sicher, daß du meine jetzt, an mir selbst
durchgeführten Experimente nicht gutheißen würdest, weil ich mich selber
damit in Gefahr bringen könnte oder weil das sowieso blödsinnig sei, was du in
einem Gespräch über dieses Thema ja schon so bezeichnet hast. Zu dem ersten
Teil meines Satzes: Jeder Versuch birgt ein gewisses Risiko in sich; denn sonst
brauchten ja keine gemacht zu werden. Dabei bist auch du damals zu Beginn
unserer Versuche selbst ziemlich große Risiken eingegangen. Du warst so sehr
von deinen Ideen, Wissen zu übertragen, besessen, daß einige theoretische,
detaillierte Betrachtungen, die sicher zeitaufwendiger gewesen wären, eben
durch deine Selbstversuche ersetzt wurden. Das wäre beinahe ja auch schief
gegangen, wie du genau weißt. Dann hast du später, eben weil du die, in deinem
damaligen Forschungsfanatismus - anders kann ich das nicht bezeichnen - eingegangenen
Risiken, für die Zukunft rigoros und kompromißlos energisch verdammt, und in
deinen Vorlesungen immer wieder die Notwendigkeit betont, daß Hypothesen
durch sehr hartnäckiges Nachdenken und durch theoretische Überlegungen zu
erhärten sind, ehe riskante Versuche durchgeführt werden dürften."
"Dazu stehe ich heute immer noch mehr denn
je", warf Rondi dazwischen.
Kurt Hinze ließ sich aber nicht bei seinen
Ausführungen beirren und sprach einfach weiter: "Du kommst mir fast so vor wie
die Hure, die zur Betschwester wird. Damit hast du mich praktisch dahin
gebracht, meine frühere, völlige Offenheit dir gegenüber zu reduzieren. Ich war
mir nämlich gar nicht so hundertprozentig sicher, ob es gelingen würde, die
Abläufe im Gehirn partiell zu steuern..."
"Aber genau das ist doch unsere Methode",
rief Rondi, die Arme leicht hochwerfend, die Augen weit geöffnet und die Stirn
in Falten gelegt. Er erklärte: "Das, was du jetzt hier als deine risikoreichen
Versuche darstellen willst, also, Versuche, bei denen du Angst hattest, mich
darüber zu informieren, also, das ist nun wirklich, ich meine, ja, darüber
hätten wir diskutieren können. Also da gibt es kaum Risiken, wenn du das
richtig angestellt hast. Du hast wohl überhaupt nicht begriffen, was das
Prinzip unserer Gehirnmanipulation ist."
Professor Hinze fand diesen Anwurf
ungeheuerlich und die beiden Freunde verbissen sich in ein eifriges, teilweise
sehr lautstarkes Wortgefecht, das sich über fast zwei Stunden hinzog, wobei
ihnen dennoch allerdings die rein sachlich fachlichen Gegebenheiten im Verlauf
der Auseinandersetzung auch durchaus klarer wurden.
Nachdem sich die Emotionen etwas beruhigt
hatten, wollte Hinze plötzlich wissen: "Warum bist du eigentlich zu mir gekommen?
Ich erinnere mich, daß du schon beim Eintreten in keiner besonders guten Laune
warst, obwohl du das mit Scherzen über mich als jemandem, der ein neues System
zum Lockenwickeln auszuprobieren scheint, zu überspielen versuchtest."
Rondi, der die ganze Zeit nervös auf und
ab gegangen war, setzte sich spontan auf einen der Drehstühle im Laboratorium,
kaute leicht an einer Nagelecke seines linken Daumens, spuckte das abgebissene
Hornstückchen aus und sagte ohne weitere Erklärung: "Wir haben einen Spion
unter uns."
Kurt Hinze ließ den Kopf ein wenig ruckartig
nach hinten schnellen, wobei er ihn gleichzeitig nach unten kippte und eine
verdutzte Miene zeigte. "Bist du dir da ganz sicher?" erkundigte er sich.
Sein Freund wiegte bejahend seinen Kopf
mehrere Male mit kleiner werdenden Schwingungen und berichtete: "Also, du
weißt, daß ich mich auf diese verkürzte Tiefenanalyse unserer Psyche geworfen
habe und auf Vorgänge, die in unserem Gehirn ablaufen, wenn wir bewußt die Unwahrheit
sagen. Da hatte sich früher unser Benjamin eigentlich recht gerne zur Verfügung
gestellt, und ich habe sehr gerne mit ihm zusammen gearbeitet. Der war doch
immer so ein richtiger Sonnenkerl mit seinem breiten, lachenden Gesicht, dem
ich nie etwas Hinterhältiges und Heimtückisches zugetraut hätte, der mir zwar
die schönsten Lügengeschichten auftischte, wobei sein Gehirn keine, mir als
typisch erkennbaren Muster darstellte. Übrigens sind bisher alle meine
Versuche auf diesem Gebiet gescheitert. Unsere Musterbibliothek ist viel, viel
zu klein, wahrscheinlich ein Grund, daß tiefenanalytisch nichts, ich meine,
noch nichts zu erkennen ist..."
Hier muß vielleicht erst erläutert werden,
was Professor Rondi mit seinen Versuchen vor hatte: Er geht nach den klassischen
Vorstellungen der Psychologen davon aus, daß alle Informationen und Eindrücke,
die die Umwelt auf ein menschliches Individuum einfließen läßt, im Gehirn
gespeichert sind, daß aber für manche Ereignisse der sogenannte Rückruf in das
Bewußte abgeschnitten ist. Wenn Erlebnisse einfach nicht von der Psyche zu verkraften
sind, wenn sie insbesondere eine traumatische, also verletzende Wirkung ausgelöst
haben oder dem Persönlichkeitscharakter völlig widerstreben, dann kann es zu
dem kommen, was als Verdrängung in das Unbewußte bezeichnet wird. Mit der
Psychoanalyse wird versucht, den Zugang zu solchen, vom Individuum nicht nur
gespeicherten, sondern irgendwann beziehungsweise irgendwie fehlverarbeiteten
Informationen wieder zu ermöglichen. Eine Psychoanalyse ist bekanntlich sehr
zeitaufwendig, manchmal sogar unmöglich, weil der Analytiker
nicht nur neben Fachwissen und -erfahrung auch ein
Nachempfindungsvermögen haben muß für die Erlebniskomplexe und -kombination in
Verbindung mit charakterlichen Eigenschaften der zu analysierenden Person.
Nur dann kann der Analytiker aufdecken, was von dem zu Analysierenden als
nicht von ihm selbst lösbare Probleme "verdrängt" worden ist. Das gelingt
also nur einigermaßen gut, wenn der Analytiker neben Fachwissen auch das
Einfühlungsvermögen hat, um es zu wiederholen; denn er tastet sich langsam an
den Verdrängungskomplex heran, indem er seinen Klienten bittet, über seine
Erlebnisse zu berichten, also darüber nachzudenken. Über wenige, aber sehr
gezielte Fragen wird dann das Nachdenken in Richtung auf den Problemkomplex
gelenkt, an den die Psyche des Klienten aber überhaupt nicht mehr heran will.
Die zu analysierende Person weicht ab oder richtiger: sie weicht in der Regel
aus, blockt ab. Diesen Punkt muß der Analytiker erkennen können.
Hier glaubte Professor Rondi ansetzen zu
können. Er war davon überzeugt, daß dieser Sperrmechanismus, wenn man ihn mal
anschaulich so bezeichnet, mit bestimmten Impulsarten und -formen des
Gehirns einhergehen muß. Falls es ihm gelänge, solche charakteristischen Sperr-Impulsmuster
zu entdecken, dann könnte ein maschinen-unterstützter Psychoanalytiker sehr
rasch erkennen, wann ein Klient sich in die Nähe eines verdrängten Bereiches
bewegt. In einem weiteren Schritt hofft William Rondi, dann aus seinen Mustern
erkennen zu können, welche Art von Problemkomplex verdrängt, also gesperrt
ist. Die Mustererkennung ist jedoch nur dann möglich, wenn bereits sogenannte
Vergleichsmuster, Sollmuster oder vielleicht als so-müßten-sie-sein zu
bezeichnende Muster bekannt, also in Computer-Medien eingespeichert sind.
Würde es gelingen, eine gewaltige Zahl an
Mustern, charakteristisch für die verschiedensten Gedanken, zu sammeln, dann
glaubte Rondi, auch erkennen zu können, wenn jemand etwas anderes sagt als das,
was im Gehirn als Erlebniskomplex gespeichert ist; denn, um es ganz einfach
auszudrücken, ein Lügner denkt beim Schwindeln eben an die Wahrheit. So sieht
es Professor Rondi. Sein Freund Hinze war nicht ganz davon überzeugt. Der hielt
es durchaus für möglich, daß jemand sich ganz in seine Lügenphantasie
"verlieren" kann und die Wahrheit sogar verdrängt. Er war der Meinung, daß
jemand eine Geschichte erfinden kann und sich so sehr dort hinein steigern
kann, daß sie für den Erzähler regelrecht zur Realität wird. "Das ist bei
deinem Benjamin mit Sicherheit der Fall", meinte er. "Mit dem kannst du diese
Versuche nicht machen..."
Wieder prallten Meinungen heftig
aufeinander.
Es sieht fast so aus, als wären die beiden
Forscher doch bereits schon an die Grenzen des rein wissenschaftlich technisch
Aufdeckbaren bei den Vorgängen im Gehirn geraten. Aber gerade dort, wo um jede
kleine und kleinste Erkenntniserweiterung gerungen werden muß, setzt oft ein
nahezu fanatischer Ehrgeiz in der Forschung ein.
Nach dieser kleinen Abschweifung sollten
wir zurückkommen zum Bericht von Professor Rondi über seinen Verdacht.
"Also, weiter zu dem, was ich dir
eigentlich vordringlich erzählen wollte", fuhr William Rondi fort. "Über den
Stand meiner Forschungen berichte ich dir zu gegebener Zeit. Also, dieser
Benjamin kam mir in den letzten Tagen ein wenig anders vor als sonst. Er wirkte
bedrückt, vergaß sein breites, strahlendes Lächeln, meidete meine Gegenwart
ganz offensichtlich. Wie verhielt er sich denn dir gegenüber?"
Kurt Hinze ließ seinen Kopf parallel zu
den Schultern schwingen, machte einen gespitzten Schmollmund, zog die Stirn in
Falten und schien zu überlegen. "Ja, wenn du mich zwingst, über unseren
Benjamin nachzudenken", antwortete er schließlich, "dann meine ich, deine
Beobachtungen durchaus bestätigen zu können. Der hat ja vorwiegend bei der
Neuentwicklung meiner Geräte mitgearbeitet. Ich war also vielleicht sogar viel
öfter mit ihm zusammen als du. Der wirkt genau seit drei Wochen verändert. Ich
kann das deshalb so genau rekonstruieren, weil die Geräte für meine
Selbstversuche vor genau knapp drei Wochen fertig geworden sind, worauf ich ja
brennend gewartet hatte. An einem dieser Tage, kurz vor Fertigstellung kam
Benjamin fast vier Stunden später als vereinbart 'rauf zu uns. Er war sehr reserviert,
ja richtig in seinem Verhalten verändert. Als ich ihn darauf ansprach, gab er
zur Erklärung, daß er sich nicht gut fühle, unter Kopfschmerzen leide und so
weiter. Ich habe das als Entschuldigung durchaus akzeptiert. Nun muß ich
jedoch bestätigen, daß sich diese seine Abweichung von seinem, uns gegenüber
gezeigten Verhalten seit dem nicht wieder zurückgebildet hat. Ich war aber so
mit meinen Versuchen okkupiert, daß ich dem keine besondere Aufmerksamkeit
gewidmet habe. Nun, aus diesem Verhalten aber gleich herzuleiten, daß Benjamin
zum Spion geworden ist, halte ich für absoluten Quatsch."
"Das ist ja auch nur ein indikatives
Symptom", sagte Rondi. "Natürlich sagt das veränderte Verhalten von Benjamin
nichts über die Ursache aus. Daß du mir als Wissenschaftler eine solche dumme
Schlußfolgerung unterstellst, finde ich im höchsten Maße beleidigend. Das
verbitte ich mir!" Rondi war Wut durchaus anzumerken.
Hinze lachte, so als freue er sich sehr,
seinen Freund so leicht necken und ärgern zu können, gab aber keinen Kommentar
zu den Reaktionen von Rondi, der in seinem Bericht fortfuhr: "Also, da hab' ich
den Benjamin heute noch einmal über meine Forschungsvorhaben informiert und
ihn gefragt, ob er sich wieder zu einem weiteren Versuch zur Verfügung stellen
würde. Ohne eine Antwort von ihm abzuwarten, also, sein Einverständnis
voraussetzend, da er ja schon zig Mal mitgemacht hat, habe ich ihm erklärt, was
ich vorschlagen wollte. Also, hab' ich gesagt, 'du erzählst mir, ich meine, du
tust so, als wolltest du mir beichten, daß du ein Spion seiest, vielleicht, um
dich interessant zu machen, um mich zu erpressen oder etwas ähnliches. Denk
dir 'ne schöne Geschichte aus. Aber versuche, dich so da hinein zu steigern,
daß die Geschichte für dich Wirklichkeit wird. Ich gebe dir ein wenig Zeit zum
Nachdenken. Dann fangen wir an, einverstanden?' Plötzlich springt der Benjamin
auf, schreit mich an: 'wie kommen Sie auf solch eine Geschichte', rennt zur
Tür, telefoniert nach einem Hubschrauber und will offensichtlich so schnell wie
möglich weg.
Nun muß ich dir sagen, daß ich, als ich
neulich in den USA war, das Glück hatte, über Professor Alwin Smith von Harvard
Zugang zu einem Gefängnis zu bekommen, um Aufzeichnungen von sogenannten
Kriminellen machen zu können. Ich geriet an einen Spion, der wegen
Industriespionage eingesperrt worden war..."
"Hast du mir doch schon erzählt",
unterbrach Hinze.
Doch Rondi fuhr fort: "Also, da habe ich
von diesem Spion die Pattern im Speicher und wollte einfach mal harmlos sehen,
ob die irgend etwas Charakteristisches an sich haben, also ob mir unser Programm
bei einem Mustervergleich irgend welche Anhaltspunkte liefert. Der Benjamin,
der immer ganz gut war, sich Geschichten so einfallsreich und glaubwürdig
auszudenken - der sollte übrigens Phantasie-Romane schreiben, also, da war ich
der Meinung, wenn ich ihn ein wenig vorbereit hätte, daß der so Gedankengänge
von diesem Spion hätte nachvollziehen können. Ich hatte mir überhaupt nichts
dabei gedacht. Da hatte ich das Glück, mal solche Aufzeichnungen machen zu
können von so einem sogenannten Kriminellen, das gelingt ja nicht alle
Tage..."
"Blödsinn, völliger Unsinn!" rief
Kurt Hinze dazwischen. "Du bist wohl immer noch der irrigen Meinung, daß
sogenannte Kriminelle - immerhin sagst du wenigstens sogenannte, daß die also ein anderes Gehirn haben als wir, ach
Quatsch, ich meine, daß die nach der Auffassung von manchen Moralisten in
anderen Bahnen denken. Darüber haben wir doch lang und breit disku-tiert."
"Darum geht es jetzt ja überhaupt nicht",
wehrte sein Freund ab. "Also, nun laß mich erst einmal weiter berichten. Also,
der Benjamin will so schnell wie möglich weg. Mir geht sogleich ein Licht auf,
daß ich da wohl genau den wunden Punkt von ihm angesprochen hatte, der ihn in
den letzten Wochen so verändert erscheinen ließ. Wenn der nun tatsächlich ein
Spion ist, sicher eine ganz lohnende Sache für ihn, da er sich mit allen
unseren Geräten bestens auskennt und über unsere Methoden von uns immer
detailliert informiert worden war. Der ist einer der wenigen von unseren
Leuten, die alles wissen. Du auf so
eine Situation haben wir uns überhaupt nie vorbereitet. Ich war ganz hilflos.
So eine Möglichkeit haben wir doch völlig ausgeschlossen bei den Millionen
Dollar, die wir jedem jährlich zahlen. Da muß wohl jemand viel mehr geboten
haben..."
"Verdammt noch mal, jetzt rede doch
endlich, was dann passiert ist", unterbrach Hinze brennend vor Neugier.
Rondi schaute ihn fragend an und wollte
wissen: "Was soll denn dann passiert sein?"
Sein Freund warf die Arme hoch, preßte sie
dann auf seinen Magen und stöhnte: "Mensch, ich will wissen, was du mit dem Benjamin
gemacht hast, als der weg wollte."
"Nichts! Der ist weggeflogen. Das ist
alles. Den werden wir wohl kaum wiedersehen", antwortete Professor Rondi so,
als ob ein Fischer nun einfach hinnimmt, wenn ihm wieder einmal ein besonders
großes Beutetier entwischt ist.
Kurt Hinze starrte ihn völlig fassungslos
an, begann den Kopf zu schütteln mit immer größer werdenden Amplituden und murmelte
schließlich: "Dann geht die Bombe demnächst irgend wann und irgend wo wirklich
los, ohne daß wir auch nur noch den geringsten Einfluß auf Gegenmaßnahmen
haben. Verdammt noch mal, wie konntest du den Kerl einfach abhauen lassen?
Also, da hakt bei dir wohl etwas aus, oh verdammt."
Rondi grinste und erklärte: "Du hast doch
eben wieder davon angefangen, daß es keine Kriminalität gibt..."
"Was?" schrie Hinze und begann wie
eine Raubkatze in einem Zookäfig in seinem Labor nervös auf und ab zu laufen.
Dann meinte er: "Ja, es geht doch nicht um Kriminalität, sondern um Interessenkonflikte.
Du hast dich gerade eben noch so schrecklich darüber aufgeregt, daß ich
selbständig Versuche mache, obwohl wir einmal beschlossen hatten, uns
gegenseitig über alles, was wir tun und was wir tun wollen, zu informieren. Das
war berechtigt; denn wir hatten eine Übereinkunft getroffen. Falls sich jemand
nicht an eine Übereinkunft hält, dann ist diese Person unverläßlich. Wenn da
nun jemand unsere Methoden und Ideen, entgegen den mit uns getroffenen
Abmachungen verkauft, dann verstößt das ganz einfach, aber auch sehr klar gegen
unsere Interessen, und ich bin bereit, diese Interessen mit allen Mitteln erst
einmal zu verteidigen, verstehst du? Dieser Benjamin will sich einfach an uns
bereichern. Das sind dann seine, mit uns kollidierenden Interessen. Das
schlimmste ist allerdings, daß er sich vielleicht überhaupt nicht über die Nebenerscheinungen
unseren Methoden, über die Gefahren und Probleme, die damit zusammenhängen, im
Klaren ist. Vielleicht haben wir nachlässig gehandelt, unsere Mitarbeiter
nicht darüber in wiederholten Zusammenkünften zu informieren. Nun kann doch
dieser Benjamin die Gesellschaft in ein Chaos stürzen, begreifst Du das denn
nicht? Wir haben unser Gehirn strapaziert, um diese Problematik abzuwehren,
um dafür Lösungen zu finden und so weiter. Jetzt ist das alles nicht mehr
relevant. Wir können jetzt nur noch abwarten und zusehen, wie sich eine
Katastrophe, welcher Art auch immer anbahnt."
Rondi lächelte so, als wäre er ganz
zufrieden und als ob ihn das alles nicht beträfe. Schließlich räusperte er sich
und erklärte: "Damit liegt die Verantwortung einfach nicht mehr nur bei uns.
Wir haben doch genug Geld, um damit bis zum Rest unseres Lebens auszukommen,
und können endlich ungestört unsere Forschungen weiterführen, ohne uns mit
Gewissensskrupeln belasten zu müssen. Ich habe eigentlich richtig aufgeatmet,
nachdem mir klar wurde, daß dieser Benjamin mir alle Verantwortung mitgenommen
hat."
Hinze sah ihn mit zusammen gepreßten Augen
argwöhnisch und forschend an, schien sehr intensiv nachzudenken und sagte: "So einfach
ist das jetzt, meinst du? Wir sind also die gesamte Verantwortung los. So ist
das. Und Geld haben wir auch genug, meinst du? selbst wenn demnächst vielleicht
sogar ein Krieg ausbricht, selbst wenn die Geldwährungen zusammenbrechen, weil
das ganze derzeitige Wirtschaftssystem früher oder später so oder so kollabiert,
wenn keine Reformen durchgeführt werden. Du bist ganz schön... Ach, sollte mir
auch scheißegal sein." Er schlug wütend auf einen seiner Gerätetürme und
massierte anschließend seine Handunterkante leicht mit den Zähnen.
"Dann sind wir uns ja einig", meinte
Rondi. "Wenn dir das auch alles egal ist, also mir ist es egal, dann könnten wir uns endlich darauf konzentrieren,
was uns an unserer Forschungsarbeit
wichtig ist, und wir brauchen kaum noch darüber nachzudenken, welche
Konsequenzen unsere Ergebnisse auf die allgemeine Menschheit haben könnten.
Wir sollten endlich unsere Arbeitsergebnisse voll und ganz der Öffentlichkeit
zugänglich machen. Also, das ist mein Vorschlag. Ich habe keine Lust, mir noch
viel Gedanken darüber zu machen, welche, insbesondere negative Folgen sich
daraus ergeben könnten, wenn wir jedem die Möglichkeit geben, von unserer Wissensübertragungsmethode
Gebrauch zu machen. Ich schlage vor: wir lassen dieses Thema erst einmal auf
sich beruhen und stürzen uns in die Arbeit,
die uns a priori interessiert."
Nach diesen Worten wandte er sich zum
Hinausgehen. Sein Freund saß da und schüttelte mit langsamen Bewegungen den
Kopf.
Plötzlich drehte Rondi sich um und fuhr
Hinze an: "Aber daß du völlig selbständig arbeiten willst, das nehme ich dir
schon übel. Du solltest mir wenigstens jetzt berichten, was du herausgefunden
hast..."
"Sehr gerne", fiel Hinze ihm ins
Wort. Er berichtete mit Begeisterung, daß er selbst jetzt schon drei Tage
keinen Schlaf mehr gebraucht habe, daß die während des Schlafes durchgeführte
Langzeitspeicherung der während des Tagesverlaufs von den Sinnesorganen
registrierten Eindrücke mit Hilfe seiner Geräte partiell durch wechselnde
Ruhigstellung entsprechender Gehirnbereiche möglich sei. "Man kann von
Abschaltung sprechen", erklärte er. "Die anderen Gehirnbereiche hast du
voll zur Verfügung und kannst du voll benutzen."
"Und was erreichst du damit?"
erkundigte sich Rondi. "Du brauchst für deine Tätigkeit vielleicht dann gerade
einen Bereich, der aber abgeschaltet ist.
Irgendwie bist du - um es mal laienhaft auszudrücken - immer geistig
behindert. Ich hatte die Idee, den Schlaf einfach mit den uns bereits
anwendbaren Methoden insgesamt zu verkürzen. Dennoch widert mich das alles ein
wenig an, weil wir uns damit in Richtung auf eine Art unnatürlichen
Kunstmenschen bewegen. Wenn wir uns demnächst auch nur noch künstlich ernähren,
also nur konzentriert Stoffe aufnehmen, vielleicht als Tabletten, die unser
Organismus zum Leben braucht, dann sind wir keine Menschen mehr. Wir haben ja
auch die Möglichkeit, unsere Gefühle mit unseren Apparaturen ganz
abzuschalten, um uns damit auf die Ebene einer an und für sich toten Maschine
zu begeben. Ich will mich aber auf keinen Fall in solch eine Zielrichtung
begeben; denn nach wie vor möchte ich leckere Speisen und Getränke genießen
und mich meiner Sinnlichkeit hingeben. Die Experimente der völligen Manipulationsmöglichkeit
unseres Gehirns sollten einfach nur so zum Spiel und zur Erkenntnisbereicherung
dienen, mehr nicht."
Noch einige Stunden verbissen sich die
beiden Wissenschaftler in ihre teilweise heftige Auseinandersetzung über
dieses Thema, wobei sie ganz die eventuelle Spionageaffäre vergaßen.
Nachdem die beiden Forscher Hinze und
Rondi seit einigen Tagen nichts mehr von ihrem Mitarbeiter, Doktor Ingenieur
Benjamin Selatan, gehört hatten, unternahmen sie die vorbereiteten Schritte
zur Einrichtung von Wissensvermittlungsinstituten in fast allen Ländern der
Welt. Sie beauftragten eine Industrieberatungsfirma, alle staatlichen,
halbstaatlichen und privaten Ausbildungs- und Weiterbildungseinrichtungen
anzusprechen und eine Lizenznahme anzubieten. Gleichzeitig verhandelten sie
mit Produzenten von elektronischen Geräten über die Massenfabrikation der von
ihnen und ihren Mitarbeitern entwickelten Apparaturen. Ferner beriefen sie
eine Pressekonferenz auf ihrem "Festungshügel" ein. Eingeladen wurden je
ein Vertreter von den großen Nachrichtenagenturen und ein Fernsehteam der
Nationalen Fernsehgesellschaft von Trinidad und Tobago, die eine weltweite
Verbundschaltung mit fast allen Fernsehanstalten verhandelte, damit die von den
Wissenschaftlern angekündigte Erklärung direkt verbreitet werden konnte.
Tage, bevor sich die Vertreter der Medien
auf dem Gelände der Professoren Hinze und Rondi einfinden sollten, berichteten
die Medien bereits in seitenlangen Zeitungsartikeln, in Rundfunk- und
Fernsehdiskussionen über die Arbeit der beiden Wissenschaftler. Klienten
wurden ausfindig gemacht, bei denen die Wissensübertragung bereits durchgeführt
worden war und die ihre Kenntnisse in der Regel mit großem Erfolg hatten nutzen
können. Sie berichteten über Einzelheiten der bei ihnen angewandten Methoden.
Regierungsvertreter, insbesondere
Kultusministerien berieten in Mammutsitzungen über Folgen, falls die Forschungsergebnisse
allgemein genutzt und damit die klassischen Ausbildungsstätten überflüssig
werden würden. Die von Rondi und Hinze angekündigte Erklärung löste nahezu ein
Chaos aus. Es wurde überall auf der Welt kaum noch von etwas anderem
gesprochen.
Für den Tag der Presseerklärung hatte Kurt
Hinze seine Terrasse mit genau neunzehn Stühlen versehen, einen mit Blumen geschmückten
und mit verschiedenen Getränken, sowie süßem und salzigem Gebäck
ausgestatteten Tisch, eine niedrige, kleine Bühne, wohl Podest genannt, eine
parabolische Richtantenne für die Fernsehdirektübertragung aufstellen
lassen.
Nachdem die sechzehn ausgewählten
Journalisten mit den Hubschraubern der Wissenschaftler auf dem etwas niedriger
als die Villa, windgeschützt gelegenen Landeplatz eingetroffen waren, mußten sie
hinter einander einen, von üppig blühenden Büschen und Sträuchern gesäumten
Pfad hinaufsteigen, der mit Natursteinen belegt war und hin und wieder kleine
Stufen enthielt. Dabei merkten sie nicht, wie sie und ihr Gepäck von
versteckten elektronischen und optischen Sensoren auf Waffen untersucht
wurden. Doch wurden keine Anzeichen für unzulässige beziehungsweise ungewöhnliche
Gegenstände entdeckt.
William Rondi und Kurt Hinze schlenderten
den Ankommenden entgegen, begrüßten sie freundlich auf der Rasenfläche vor der
Terrasse und geleiteten sie zum Haus. Es dauerte fast eine ganze Stunde von
allgemeinem Geplauder bei einem Willkommenstrunk mit einem kleinen Imbiß und
bis alle technischen Vorbereitungen für die Übertragung in die Außenwelt getroffen
worden waren.
Die Sekretärin, Ayleen Broch, war
verantwortlich für die Überwachung der internen Verfolgung der Pressekonferenz
bezüglich Bild- und Tonqualität. Sie saß neben dem Mikrofon vor einem
Bildschirm.
Ein Sprecher der Fernsehgesellschaft trat
schließlich an das Mikrofon. Zwei Fernsehkameras waren auf ihn gerichtet,
während die Optik einer weiteren die beiden Forscher und die übrigen Anwesenden
"im Auge behielt".
Nachdem der Fernsehansager seine
sogenannte Einführungsrede, die etwa fünf Minuten dauerte, beendet hatte, trat
Professor Rondi an das Mikrofon und verlas seine gut vorbereitete Erklärung,
die den rein technischen Teil der neuen
Wissensübertragungsmethode zwar kurz, aber so allgemein verständlich wie möglich
erläuterte.
Danach ergriff Professor Hinze das Wort,
um darauf hinzuweisen, daß beide Wissenschaftler die aller größten Bedenken
gehabt und jetzt auch noch hätten wegen unabsehbarer Folgen für das ganze
derzeitige, klassische Erziehungs-, beziehungsweise das Ausbildungssystem, für
den Arbeitsmarkt und überhaupt die Personalpolitik in der Wirtschaft im
Allgemeinen, wenn ihre Wissensübertragungsmethode weltweit angewendet werde.
Er erläuterte die Bedenken sehr ausführlich und rief mit theatralisch vorgetragenen
Sätzen die Verantwortlichen der
Regierungen, der Wirtschaft, der Universitäten und der sozialen Einrichtungen,
wie zum Beispiel der in vielen Ländern eingerichteten Arbeitsämter, auf, sich
des Problems bewußt zu werden und Lösungen zu erarbeiten.
"Die Einführung unserer
Wissensübertragungsmethoden wird zweifellos eine völlig Revolutionierung, also
totale Umwälzung des Ausbildungsbereiches und des Personaleinsatzes bewirken",
schloß er.
Danach trat Professor Rondi wieder an das
Mikrofon, erläuterte die Wettbewerbsausschreibung der beiden Wissenschaftler
für Vorschläge der bereits jetzt schon bestehenden weltwirtschaftlichen
Probleme, die nach allgemeiner Einführung der von ihnen ausgearbeiteten
Wissensübertragungsmethode eventuell in katastrophaler Weise verschlimmert
werde. Dann verlas er die Ausschreibungsunterlagen für den Wettbewerb.
Schließlich übernahm Professor Hinze das
Mikrofon erneut, um abschließend zu erklären, daß sie, die beiden Forscher,
jetzt jedoch gezwungen sein, ihre Wissensübertragungsmethode der Allgemeinheit
zur Verfügung zu stellen. Er faßte seine Rede zusammen: "Bisher haben wir
lediglich eine Art Erprobung durchgeführt und wollten die allgemeine
Bereitstellung unserer Methode solange hinauszögern bis Lösungen der von uns
als unabsehbar negativen Folgen der sogenannten Nebenerscheinungen zumindest
in Sicht gekommen wären. Leider müssen wir aber wegen einer Auskundschaftung
unserer Forschungen jetzt schon an die Öffentlichkeit treten, um einer eventuell
unverantwortlichen Nutzung zuvor zu kommen."
Professor Hinze holte tief Luft, um die
von beiden Freunden im Einzelnen besprochenen Erläuterungen zu ihren
Vermutungen mit Bezug auf die befürchtete Wissensweitergabe durch den Informatiker
und Elektronikingenieur Doktor Benjamin Selatan abzugeben.
Doch bevor er seine Rede wieder aufnahm,
faßte er sich mit einer mehr schlagenden Handbewegung an seinen Hals, was so
aussah, als wolle er ein Insekt abwehren. Dann sah man, wie sich seine Gesichtsmuskeln
verkrampften und sich seine Haut deutlich rötete. Er begann zu schwanken und
sackte in sich zusammen.
Es dauerte einige Zeit, ehe jemand in der
Lage war zu reagieren. Eine Journalistin, die, wie sich später herausstellte,
vor ihrer jetzigen Tätigkeit ein Krankenschwesternexamen abgelegt und mehrere
Semester Medizin studiert hatte, bemühte sich um Hinze, konnte weder einen
Puls fühlen noch eine Atemtätigkeit feststellen und sagte leise: "Er ist
tot."
Sie entdeckte in der Nähe der
Halsschlagader eine starke Schwellung und eine Hautverletzung mit
rot-bläulichen Farbrändern. "Das sieht aus, als hätte ihn ein Rieseninsekt gestochen",
meinte sie und fuhr fort. "Aber eher sieht das aus, als wäre es ein
Schlangenbiß, jedoch nur von einem Zahn. Es wird aber eher ein Stich von einem
gefährlichen Insekt, von einem sehr giftigen Skorpion vielleicht sein. Sehr
eigenartig..."
Nun begannen alle, durcheinander zu
reden.
Professor Rondi, der sich nach kurzer Zeit
etwas von einem Schock erholt hatte, beorderte, daß sein Freund sofort in die,
in der Regel von Mitarbeitern des Wissensvermittlungsinstituts bei Krankheiten
aufgesuchte Klinik geflogen werde. Er eilte zum Telefon, um dem Krankenhaus
die Ankunft des Hubschraubers anzukündigen und damit dort Vorbereitungen
getroffen würden zu einer Wiederbelebung und zur Injektion eines Gegengiftes.
Ein in erster Hilfe ausgebildeter Mitarbeiter des Wissensvermittlungsinstituts
war ständig mit Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzmassagen bemüht, den Kreislauf
von Professor Hinze wieder in Gang zu bringen.
Nachdem das Fluggerät das Gelände
verlassen hatte, war der Fernsehsprecher, der die einführenden Worte für die
Pressekonferenz gesprochen hatte, an das Mikrofon getreten, um eindringlich um
Ruhe zu bitten. Daraufhin versammelten sich die Journalisten wieder auf der
Terrasse, und eine lebhafte Diskussion über den Vorfall begann, die der
erfahrene Fernsehmoderator kaum lenken konnte.
Professor Rondi war in den Überwachungsraum
gebeten worden, wo ständig zwei Fachleute die hochkomplizierten Geräte zur Beobachtung
der Umgebung zu bedienen und zu kontrollieren hatten.
"Professor Hinze ist ermordet worden",
behauptete einer der Experten aufgeregt, als William Rondi das Zimmer betrat.
"Hier schauen Sie sich das an!" bat
der andere.
Ihr Chef betrachtet in sichtbarer Erregung
den flachen, hochauflösenden Flüssigkristall-Farbbildschirm, auf dem ein recht
kleiner Mann, mittleren Alters und asiatischen Ursprungs den Park durcheilte
und, wie in einem Spielfilm aus Hongkong,
elegant die, das Gelände einzäunende Mauer überkletterte.
Offensichtlich hatten die, für die Überwachung zuständigen Personen sehr
rasch reagiert und die Kamera eingeschaltet, die den Außenteil des betreffenden
Mauerabschnitts beobachten konnte. Der Sprung von der etwa drei Meter hohen
Mauer war in allen Einzelheiten festgehalten worden. Die Einzelbildschaltung
zeigte, wegen der sehr kurzen Belichtungszeit von ein zweitausendstel Sekunde,
eine gestochen scharfe Aufzeichnung des Flüchtenden. Sogar die Gesichtszüge,
die deutliche Anspannung und Konzentration erkennen ließen, wurden wie bei
einer Portraitaufnahme dargestellt. Jedes dieser Einzelbilder kopierten die
beiden Überwachungsfachleute mit Hilfe eines modernen Tintenstrahldruckers in
Farbe. Als die Flucht dann in normalem Filmablauf wiedergegeben wurde, sah man,
wie der Mann nach dem Sprung den Boden zuerst mit den Händen berührte und sich,
offensichtlich gut eingeübt, abrollte.
Rondi faßte den Entschluß, die
ausgedruckten Einzelbilder den Journalisten auszuhändigen.
Beim Verlassen des Überwachungsraums
drehte er sich plötzlich um und fragte aufgeregt: "Wieso haben Sie soeben von
Mord gesprochen? Erstens ist ja nicht sicher, daß mein Freund Kurt Hinze nicht
wiederbelebt werden kann und zweitens ist eine fliehende Person noch kein
hundertprozentiger Beweis dafür, daß diese einen sogenannten Mord verübt hat.
Haben Sie Aufnahmen von der Pressekonferenz, ich meine vom Verhalten der dort
anwesenden Personen?"
Die beiden Überwachungsingenieure
schauten sich an und schüttelten den Kopf. "Wir haben doch jede einzelne Person
vor der Pressekonferenz überprüft und dabei nichts
Verdächtiges festgestellt", erklärte einer der beiden.
"Wir haben uns dann, wie üblich, auf die
Beobachtung von eventuell von außen kommenden Gefahren konzentriert und nicht
mehr auf die Anwesenden", ergänzte der andere.
"Haben Sie Bilder von den Teilnehmern der
Pressekonferenz?" wollte Rondi wissen.
Ohne eine Antwort zu geben, hantierten die
Fachleute an den Videogeräten mit angeschlossenem Drucker und präsentierten
ihrem Chef nach wenigen Sekunden die Abbildungen der Besucher auf dem
Bildschirm.
Als der malaiisch aussehende Mann gezeigt
wurde, der das Gelände nach dem Mord beziehungsweise dem Mordversuch an Professor
Hinze fluchtartig verlassen hatte, betätigten die Experten den Drucker, um in
wenigen Sekunden ein bleibendes Bild in recht natürlichen Farben zu kopieren.
Rondi ergriff dieses und eilte davon, wobei er "vielen Dank" murmelte.
Nach kurzer Zeit kam er wieder zurück und
bat: "Wir haben doch die Registrierungen der Teilnehmer an der Pressekonferenz mit
Paßbildfotos. Bitte suchen Sie mir die betreffende Person heraus."
Es dauerte nicht lange, bis ihm eine Kopie
des Teilnahmeausweises ausgehändigt werden konnte.
Professor Rondi las:
Name: Dr. Patrik A. Poharto
Geboren am: 23. Mai und so weiter
in: Bandung/Indonesien Paßfoto
Familienstand: Verh., 2 Kinder
Größe: 154 cm
Adresse: 7, Katherine Street, und
so weiter
Beruf: Direktor (Produktion)
Beschäftigt
bei: TBS - Television & Broadcasting
Services, Kalifornien
Angaben
bestätigt durch: Stempel von TBS
Unterschrift
Christian K. McDool
Personalchef
am:
Datum
"Haben wir noch jemanden von Television
and Broadcasting Services aus Kalifornien?" erkundigte sich Rondi.
Die Kartei wies einen Mr. Henry Dwight
Donald als Leiter der Nachrichtenabteilung aus.
"Das verstehe ich nicht", sagte der
Professor und erklärte: "Ich habe doch nur mit einer Person von Television and
Broadcasting Services gesprochen und kann mich auch nur an das Foto erinnern,
das diesen Poharto zeigt. Aber an ein Foto, auf dem die Person so aussah wie
dieser Donald, kann ich mich nicht erinnern. Kann ich bitte alle
Teilnehmerausweise haben!"
Nachdem seinem Wunsch entsprochen worden
war, meinte er: "Nun zahlenmäßig stimmt alles, und wir haben ja auch diese Ausweise
der Teilnehmer an der Pressekonferenz mit ihren Paßdaten vor dem Besteigen
der Hubschrauber, die sie hierher gebracht haben, verglichen."
Einer der Überwachungsfachleute
antwortete: "Ich mache rasch für Sie jeweils eine Kopie von jedem Teilnahmeausweis.
Die Originalkopien sollten wir hier behalten."
Originalausweise waren natürlich jedem
Teilnehmer ausgehändigt worden.
Der Chef des Wissensvermittlungsinstituts
eilte mit den Kopien davon.
Doch nach kurzer Zeit kam er erneut
zurück. "Es gibt doch Korrespondenz", erklärte er und bat: "Machen Sie mir
eine Aufstellung über die Namen aller Anträge zur Teilnahme an der Pressekonferenz
mit Institutionen, aller unserer Ablehnungen mit Begründung in Stichworten und
der von uns gegebenen Zusagen."
"Das können wir nicht. Diese Unterlagen befinden
sich im Sekretariat von Professor Hinze", wurde ihm erklärt. "Außerdem
sollten wir uns gerade jetzt um die
Geländeüberwachung kümmern", fügte der Sprecher hinzu.
In diesem Augenblick läutete das Telefon.
Die Klinik bestätigte den Tod von Professor Hinze, hervorgerufen durch
"Kurare", dem bekannten indianischen Pflanzengift.
"Haben Sie herausgefunden, wie das Gift
in den Körper meines Freundes, Professor Hinze, eingedrungen ist?" fragte
Rondi den Oberarzt, der angerufen hatte.
Dieser berichtete: "Offensichtlich wurde
die unmittelbare Nähe der Halsschlagader von einer Art Glaskapsel getroffen,
die die Haut durchdrang, zerplatzte und das hochkonzentrierte Gift freisetzte.
Das muß dann teilweise direkt in die Blutbahn gelangt sein, wodurch sich der
sofortige Tod erklären läßt. Eine genaue Analyse der Kapselhülle haben wir noch
nicht. Wir haben nur winzige glasähnliche Splitter gefunden. Mehr kann ich zur
Zeit nicht sagen. Jedenfalls war die Giftkonzentration so hoch, daß eine Ratte,
der wir etwas Blut von Professor Hinze, also eine recht verdünnte Giftdosis
eingespritzt haben, immerhin noch nach zwei Minuten starb, wobei sie deutliche
Symptome zeigte wie sie eben von diesem Kurare ausgelöst werden..."
"Verdammte Scheiße", rief Professor Rondi.
"Wie?" fragte der Oberarzt.
"Ich lehne jegliche Tierversuche ab und
verbiete Ihnen, weitere, ähnlicher Art - zumindest in dem betreffenden Fall zu
machen!" schrie Rondi wütend.
Der Oberarzt versuchte, solche Versuche zu
rechtfertigen. Sein Gesprächspartner brach die Diskussion mit den Worten ab:
"Zu solchen Diskussionen habe ich jetzt keine Zeit."
Er legte den Hörer auf und verließ den
Überwachungsraum.
Nachdem er die Presseleute erreicht hatte,
die sein Kommen mit gespanntem Schweigen verfolgt hatten, trat er an das
Mikrofon und erklärte: "Mein Freund, Kurt Hinze, ist mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit durch einen Teilnehmer an dieser Konferenz
ermordet worden. Der Tod und die Ursache wurden mir soeben durch die Klinik
bestätigt. Ich bin nun daran interessiert, heraus zu finden, wer der Mörder
war und aus welchem Motiv dieser Mord geschah. Würden sich bitte die Vertreter
von Television and Broadcasting Services aus Kalifornien melden!" Nach
diesen Worten schaute er umher.
Ein recht großer, europäisch aussehender
Mann, im Alter von etwa Ende dreißig, meldete sich.
"Darf ich bitte Ihren Teilnahmeausweis
und Ihren Reisepaß sehen?" bat Rondi, der feststellte: "Die Angaben
scheinen zwar mit Ihnen übereinzustimmen. Aber wo ist Ihr Kollege, der Produktionsdirektor?"
Der Angesprochene schüttelte den Kopf und
sagte: "Mister Morpeth war doch nie im Gespräch."
"Wer?" erkundigte sich Rondi und
zeigte dem Nachrichtenchef Fotos und die Kopie des Teilnehmerausweises von Dr.
Poharto, der behauptete, diese Person nie vor der Pressekonferenz gesehen zu
haben und den Namen auch nicht zu kennen.
Rondi wandte sich an Ayleen Broch und bat
sie, die Unterlagen der Korrespondenz mit Television and Broadcasting
Services, als TBS bekannt, zu beschaffen. Dann begab er sich wieder zum
Mikrofon, suchte die beste Portraitdarstellung von diesem angeblichen Doktor
Patrik A. Poharto aus seinen Drucken in üblichem Briefbogenformat heraus,
hielt es vor seine Brust und erkundigte sich: "Wer ist dieser Mann?" wobei
er sich in einem Halbkreis drehte und insbesondere noch einmal den anwesendem
TBS-Vertreter anschaute, der sich als Henry Dwight Donald identifiziert hatte.
Dieser schüttelte aber den Kopf.
"Das ist doch dieser kleine indonesische
Kollege...", rief eine Pressevertreterin, schaute umher und fragte: "Ja, wo ist
er denn?"
"Geflohen", gab Rondi zur Antwort, was
aufgeregtes Durcheinanderreden auslöste.
"Darf ich um Ruhe bitten!" bat er, berichtete
ausführlich über die Beobachtungen seiner Überwachungsexperten und verteilte
die Kopien der ausgedruckten Einzelbilder.
Dann hielt er dem TBS-Vertreter die Kopie
des Teilnahmeausweises von Patrik A. Poharto noch einmal vor und erkundigte
er sich: "Sie als angeblicher Chef der Nachrichtenabteilung müßten ja nun wirklich
ihren Kollegen, den Produktionsdirektor kennen."
Der Angesprochene sagte entrüstend: "Ich bin Leiter der Nachrichtenabteilung
bei TBS. Aber diese Person ist mir völlig unbekannt. Ich habe lediglich heute
und hier flüchtig davon Notiz genommen, ohne zu ahnen, daß der auch bei uns
beschäftigt sein sollte. Ich kenne meinen tatsächlichen und bis gestern mit Sicherheit
noch amtierenden Produktionskollegen, Mister Morpeth, recht gut. Aber dieser
Mann, der Poharto heißen soll, ist mir völlig unbekannt."
"Der Ausweis ist von einem Personalchef
Sowieso bestätigt", fuhr Rondi fort. "Kennen Sie den wenigstens?"
"Ja, der Name stimmt", bestätigte Mister
Donald, "und auch die Unterschrift ist mir geläufig."
Ayleen Broch war inzwischen mit den von
ihrem Chef angeforderten Unterlagen gekommen, die er aufmerksam studierte.
Während dieser Zeit redeten die Teilnehmer der Pressekonferenz aufgeregt
miteinander. Die Kameraleute der Fernsehgesellschaft bemühten sich, die
verteilten Abbildungen von dem angeblichen Doktor Patrick A. Poharto
aufzunehmen. Der von der staatlichen Fernsehanstalt von Trinidad und Tobago
gewählte Konferenzkoordinator, der auch ein bekanntes Mitglied des internationalen
Presseclubs war, hatte allergrößte Mühe, einen, von den vielen angeschlossenen
Fernsehanstalten als Direktsendung ausgestrahlten Ablauf in einer gerade noch
annehmbaren Form zu gestalten. Den vielen Millionen Zuschauern überall in der
Welt wurden völlig verwackelte Übertragungen zugemutet, da die Kameraführung
zur Aufzeichnung der Einzelbildabdrucke ohne Stativ erfolgte, wobei die
Kameraleute von neugierigen Presseleuten geschubst und die Drucke während der
Aufnahme oft einfach weggerissen wurden. Die Bildführung war chaotisch.
Dennoch entschlossen sich alle Regisseure der verschiedenen, an der Direktübertragung
teilnehmenden Fernsehgesellschaften nicht zu einem Abbruch der zeitmäßig
längst überzogenen Sendung, weil sie selten Gelegenheit hatten, eine so
spannende Kriminalgeschichte von Ort und Stelle, was auch in der modernen
Fachsprache "live" heißt, ausstrahlen zu können.
"Mister Donald", sagte Professor Rondi, "Sie werden in der Korrespondenz mit Ihrer Fernsehgesellschaft kein einziges
Mal erwähnt. Ich kann mich auch nicht erinnern, ein Foto von Ihnen gesehen zu
haben. Dabei habe ich ein recht gutes, ja ungewöhnlich gutes
Personengedächtnis. Wie sind Sie zu einem Teilnahmeausweis gekommen?"
Der Angesprochene schüttelte den Kopf und
wandte ein: "Aber ich habe doch persönlich mit Ihnen korrespondiert und einmal
auch mit Ihnen am Telefon gesprochen".
William Rondi überreichte ihm die
Korrespondenzkopien, die er aufmerksam durchsah und immer wieder den Kopf
schüttelte. "Dieser Brief ist zum Beispiel zweifellos der von mir, meiner
Sekretärin diktierte Text", erkannte er und ergänzte: "Aber der Briefkopf weist
jetzt anstatt meiner Nachrichtendirektion die Programmdirektion aus, und die
Unterschrift ist offensichtlich von diesem, wenigstens mir völlig unbekannten
Patrick A. Poharto. Ich bin völlig verwirrt..."
"Zweifellos ist da wohl einiges bei
Ihrer Gesellschaft nicht so ganz in der Ordnung", meinte Professor Rondi
und fügte hinzu: "Ich darf nur hoffen, daß uns da Ihre Kriminalpolizei in den
Vereinigten Staaten von Amerika behilflich sein wird."
Nachdem er von allen Konferenzteilnehmern
deren offizielle staatliche Ausweise zur Registrierung hatte einsammeln lassen,
wandte er sich an den Konferenzkoordinator: "Darf ich eine offizielle
Erklärung abgeben? Mein Freund und Kollege, Professor Kurt Hinze, ist heute
mit dem altbekannten, in einer Kapsel aus glasähnlichem Material eingebetteten
Gift Kurare, zweifellos ermordet worden. Besagte Kapsel mit dem Gift drang in
der Nähe der Halsschlagader meines Freundes durch die Haut, zerplatzte oder
löste sich in Bruchteilen einer Sekunde auf und setzte das tödliche Gift frei.
Nach diesem Ereignis verließ ein Mann namens Doktor Patrick A. Poharto, angeblich
Produktionsdirektor bei Television and Broadcasting Services, Kalifornien, das
hiesige Gelände auf ungewöhnliche Weise, indem er den Park durcheilte, dann
die unser Grundstück umgebende Mauer überkletterte, von dieser hinabsprang und
durch den dichten Wald des Hügelabhangs verschwand. Dieses Verschwinden ist in
allen Einzelheiten von unseren Überwachungskameras aufgezeichnet worden. Ich
stelle jedem Teilnehmer an dieser Pressekonferenz beispielhafte Einzelbilder
zur Verfügung. Falls Sie es wünschen, können Sie auch eine Videokopie der
Fluchtaufzeichnung bekommen. Wenden Sie sich bitte an meine Sekretärin, Frau
Ayleen Broch. Die Daten des Teilnahmeausweises dieses Doktor Patrick A.
Poharto nennen folgende Einzelheiten: geboren am dreiundzwanzigsten
Mai..."
Nachdem er alle Daten aufgezählt hatte,
fuhr er fort: "Alle Teilnehmer an dieser Pressekonferenz wurden von uns
sorgfältig ausgewählt und den Teilnahmeberechtigten ein Ausweis ausgestellt.
Dennoch befindet sich ein weiterer Teilnehmer unter uns, ebenfalls angeblich
von der Fernsehgesellschaft Television and Broadcasting Services aus
Kalifornien, der zwar im Besitz eines Teilnehmerausweises ist; aber es gibt
keine Korrespondenz über seinen Wunsch zur Teilnahme. Also ist das Zustandekommen
des Ausweises zur Zeit nicht nachvollziehbar. In wie weit die Fernsehgesellschaft
TBS, beziehungsweise Mitarbeiter, in den Mordfall verwickelt ist,
beziehungsweise sind, müßte durch eine Untersuchung geklärt werden. Für die
Aufklärung des Mordfalles bezüglich Täter, eventueller Hintermänner, Motiv
oder Motive stelle ich eine Summe von fünfzigmillionen US-Dollar bereit, die
an die Person, beziehungsweise anteilmäßig an die Personen gezahlt wird, deren
Hinweis zur Klärung des Mordfalles führen. Ich möchte Sie bitten, die
Pressekonferenz hiermit als beendet zu betrachten. Sie werden verstehen, daß
ich auf grund der Geschehnisse nicht mehr in der Lage bin, Ihnen zu weiteren
Diskussionen zur Verfügung zu stehen. Sie werden sicher auch Verständnis dafür
haben, daß ich Ihnen nicht für Ihr Erscheinen, das im Zusammenhang mit dem von
mir sehr schwer zu ertragenden Verlust meines Freundes gesehen werden muß,
danken werde."
Nach diesen Worten begab er sich in sein
Haus, ohne sich noch einmal umzuschauen, eine schweigende Gruppe hinter sich
lassend.
Professor William Rondi lag auf seinem komfortablen
Rundbett, konnte aber keinen Schlaf finden, obwohl er ein recht starkes
Mittel genommen hatte, das auch keineswegs die ihn wegen des Verlustes seines
vertrauten, engen Freundes plagenden Depressionen abschwächte sondern
vielleicht sogar verstärkten. Er wälzte sich hin und her und wurde von immer
wiederkehrenden Weinkrämpfen geschüttelt. Ohnmächtige Wut auf seine Umwelt
wechselte sich mit Selbstmordabsichten ab. Immer wieder versuchte er, seine
aufgewühlten Gefühle mit seinem Verstand zu beherrschen. Es gelang ihm nicht.
Nachdem ihn in seinem unbezwingbaren Schmerz die schlimmste Phase von
Lebensunmut gepackt hatte, in den er sich mit seinen weltanschaulich nicht
gebundenen Überlegungen über die Sinnlosigkeit des ganzen Weltsystems bis zum
Tiefstpunkt steigerte, sprang er schließlich aus dem Bett, um sich mit allen im
Hause vorhandenen Schlafmitteln vollzupumpen und diesen unerträglichen Qualen
willentlich ein endgültiges Ende zu setzen. In diesem Augenblick klopfte es an
seine Tür und, ohne eine Antwort abzuwarten, trat Ayleen Broch in das Zimmer.
"Raus!" schrie ihr Chef.
Sie ließ sich aber nicht beeindrucken,
ging einfach auf ihn zu und umarmte ihn wortlos. Er versuchte, sie abzuwehren,
schlug sogar auf sie ein. Sie klammerte sich jedoch um so fester an ihn.
Schließlich gab er nach, ließ sich auf den Boden fallen, wobei er sie mitriß.
Beide lagen auf dem wertvollen, weichen Teppich und ließen ihrem
Schmerzempfinden mit Tränen freien Lauf.
Nach einigen Minuten versuchte Rondi,
sich endlich aus der Umklammerung zu befreien. Es gelang ihm nicht. Ayleen
hatte durch tägliche systematische Übungen von über einer Stunde im großen,
fünfzig Meter langen und fünfzehn Meter breiten, zum Hause von Kurt Hinze
gehörenden, aus weichen Sandsteinen gebauten Becken kräftige Muskeln entwickelt.
Sie war dem, jeglichem Sport abgeneigten, dennoch in einer ansehnlichen
Körperform gebliebenen Professor an Kraft überlegen. Plötzlich erwiderte er die
Umarmungen. Durch seine völlig in Unordnung geratenen Emotionen unkontrolliert,
wiederholte er mit leiser, durch die vorausgegangenen Weinkrämpfe abgehackt
wirkender Stimme: "Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich..."
Er begann, ihr die dünne Bekleidung vom
Körper zu reißen, fiel regelrecht über sie her und brauchte recht lange, bis
er seine, wegen seiner fanatischen Forschungsgier so sehr vernachlässigten
männlichen Bedürfnisse einigermaßen befriedigt fand.
Ayleen Broch, ein ungewöhnlich, besonders
schöner Mischling, sowohl von der Körperform her als auch wegen der
ausdrucksvollen Gesichtszüge, die vor allem von sehr großen, von langen Wimpern
eingerahmten, dunkelbraunen Augen und von einer indisch arischen, geraden,
langen Nase geprägt wurden, war immer schon in ihren Chef verliebt gewesen und
das direkt vom ersten Tage an, als sie ihn vor etwa fünf Jahren kennen gelernt
hatte. Er hatte sie jedoch bewußt nie als attraktive Frau gesehen; denn
gerade zum Zeitpunkt des Beginns ihrer Beschäftigung in seinem Technischen
Institut in San Fernando war er so sehr in seinem Forschungsfanatismus
befangen gewesen, daß ihn nichts anderes interessierte. Natürlich mochte er die
gutaussehende, in ihrem Beruf sehr tüchtige und gewandte Sekretärin gerne um
sich haben, die ihn oft neckte, sich ein wenig über seine Arbeit lustig machte
und ihn manchmal mit sehr bissig ironischen Bemerkungen reizte. Im Laufe der
Jahre hatte er sich zweifellos an sie gewöhnt, jedoch eher in einer Form wie
sich oft Arbeitskollegen zwar anfreunden aber dennoch ohne sich wirklich sehr
nahe zu kommen, so als wäre der Mitarbeiter ein Familienmitglied geworden,
wobei dann ein intimes Verhältnis durch eine Art Inzestschwelle verhindert
wird.
Sie hatte ihn jedoch von Anfang an vor
allem auch als Mann gesehen, war jedoch, trotz ihres schwärmerischen Gefühls
für ihn, ihrer sehr ausgeprägten Triebhaftigkeit uneingeschränkt nachgegangen,
verbrauchte Männer wie ein Frosch Fliegen. So wurde jedenfalls über sie geredet.
Dabei war sie aber eigentlich ganz allein nur ihrem Idol, ihrem jetzigen,
endlich in den Armen haltenden Liebhaber, dem ihre wahren Gefühle und
Zuneigungen immer schon gegolten hatten, innerlich treu gewesen; denn bei
ihren sogenannten Affären war sie in Grunde genommen in ihrer Phantasie nur mit
ihm zusammen gewesen.
Sie war jedenfalls in der praktischen und
körperlichen Ausübung von Liebe sehr erfahren und konnte daher William Rondi
zu einer, von ihm bisher nie erfahrenen Befriedigung verhelfen.
Rondi war nach sowohl völliger
körperlichen als auch geistigen Erschöpfung und nun doch wirkenden Beruhigungsmitteln
entspannt in einen solchen Tiefschlaf verfallen, so daß er weder das kurz nach
Mitternacht läutende Telefon noch das Gespräch von Ayleen Broch mit dem Anrufer
wahrnahm.
Nachdem sie den Hörer abgenommen hatte,
fragte die Telefonistin: "Wieso kommen Sie ans Telefon? Ich habe doch
ausdrücklich die Schlafzimmernebenstelle von Herrn Professor Rondi gewählt."
"Ich bin in Rondis Zimmer, weil es
ihm überhaupt nicht gut geht", erklärte Ayleen und erkundigte sich: "Worum geht
es?"
"Da ist dieser Benjamin Selatan in
der Leitung. Der will unbedingt mit dem Professor sprechen", erhielt sie zur
Antwort.
"Stellen sie durch!" befahl Ayleen Broch
mit sprunghaft erhöhtem Pulsschlag.
Nachdem sich Benjamin gemeldet hatte,
wunderte er sich, weil sie sein Gesprächspartner war, und sie mußte erklären,
daß Rondi nicht ansprechbar sei, weil er unter Drogen stünde.
Doktor Selatan, dem auch einige Male das
Vergnügen gegönnt worden war, den Körper von Ayleen zu genießen, führte aus:
"Ich habe die heutige, beziehungsweise zu dieser Zeit ja schon gestrige
Fernsehübertragung von euch gesehen. Um Gottes Willen! Ist Hinze wirklich
ermordet worden?"
Ayleen bestätigte es.
"Ich wollte den Rondi fragen, ob ich
morgen zu euch kommen darf", erkundigte er sich und fuhr fort: "Ich würde
gerne bei euch wieder mitarbeiten, und vielleicht kann ich, ich meine, könnte
ich mithelfen, äh, es könnte sein, daß mich der Professor doch wieder gut
gebrauchen kann, meine ich."
"Du?" fragte Ayleen völlig
überrascht.
"Ja, warum denn nicht?" erkundigte
sich Benjamin und fügte hinzu: "William wird doch nicht so nachtragend sein,
weil ich vor einiger Zeit einfach mal nicht mehr konnte und regelrecht weggelaufen
bin; oder wie soll man es nennen. Rondi ist doch nicht so konventionell, daß
er mir das nicht verzeihen wird. Übrigens, was hat denn der Hinze da von
Spionage bei Euch geredet? Hattet ihr tatsächlich einen Spionagefall?"
Ayleen war so sehr überrascht, daß sie
nichts zu sagen wußte und Benjamin Selatan mehrmals fragte: "Bist du noch in
der Leitung?"
"Ja ich bin noch da", bestätigte sie
und bat: "Komm', sobald du kannst..."
"Oh, mein Gott", sagte sie zu sich
selbst, nachdem das Gespräch beendet war.
Professor Rondi hatte fast zwölf Stunden
ohne Unterbrechung, fest an seine, endlich entdeckte und gewonnene Freundin geschmiegt,
geschlafen. Ayleen Broch half ihm beim Duschen und Ankleiden.
"Wieso bist du gestern Abend einfach in
mein Zimmer gekommen?" wollte Rondi wissen.
Sie antwortete: "Ich hatte noch einmal die
Korrespondenz mit TBS durchgeschaut und zwei Briefe gefunden, die ich gestern
Abend in der Aufregung übersehen haben muß. Auch dieser Henry Dwight Donald
hatte einen Teilnahmeantrag gestellt und von uns eine Zusage mit Ausweis
erhalten. Diese Unterlagen wollte ich dir zeigen. Was diesen Mann betrifft, so
scheint alles korrekt zu sein."
"Aber wieso konnte ich mich nicht an Fotos
dieses Leiters der Nachrichtenabteilung erinnern?" erkundigte sich Rondi
und murmelte dann: "Ich werde vielleicht vergeßlich."
Ayleen führte ihn zum Mittagstisch und
erklärte auf dem Wege dorthin: "Sei bitte auf eine ganz große Überraschung
gefaßt. Wir haben einen verlorenen Sohn wieder bekommen."
"Wovon redest du", wollte er wissen.
Sie erklärte: "Dieser Benjamin Selatan ist
wieder da. Der hat vergangene Nacht angerufen..."
Dann erzählte sie von dem Telefongespräch.
Doktor Benjamin Selatan saß am
Mittagstisch und kam Rondi und seiner Begleiterin mit offenem, unschuldig
strahlendem Jungenlächeln entgegen. Sein Chef zeigte eine sehr ernste, ja
wütende Miene und stürzte sich mit den Worten: "Du verdammtes Schwein bist am
Tod meines Freundes schuld", auf den jungen Mann, der erschreckt zurückfuhr.
"Wieso ich?" erkundigte er sich.
"Wenn du nicht so einfach ohne Erklärung
weggelaufen wärest, wobei wir hundertprozentig davon überzeugt waren, daß du
ein Spion seiest, dann hätte diese Pressekonferenz und das alles nicht
stattgefunden", erklärte der Chef des Wissensvermittlungsinstituts zornig.
Es brauchte einige Zeit, bis aufgeklärt
wurde, daß Benjamin in einer depressiven Phase wegen seiner Liebesgefühle für
Ayleen Broch seine Arbeitsstelle impulsiv verlassen hatte und nicht, weil er in
irgendeine Spionage verwickelt gewesen sei.
Trotz seines nach außen hin sehr offenen
Charakters war er nie in der Lage gewesen, mit jemandem über seine
Gefühlsprobleme zu reden. Er erklärte einleuchtend: "Das hätte Ihnen doch klar
sein müssen, Rondi. Wäre ich in so etwas verwickelt gewesen, dann hätte doch
diese Flucht ganz und gar einen Verdacht bestätigt. Das wäre doch auch riskant
gewesen. Sie hätten mich dann doch sofort hindern können. Ich verstehe das
alles nicht. Oh, mein Gott! und nun bin ich vielleicht verantwortlich für den
Tod von Hinze..."
Professor Rondi brauchte einige Zeit, um
Worte zu finden: "Unsinn! Du bist nicht der Mörder. Aber was haben wir jetzt
vielleicht ausgelöst? Auf Grund des Mißverständnisses ist ja nun von unserer
Seite sehr viel... Verdammt noch mal! Das ist jetzt alles ziemlich beschissen.
Warum hast du denn nichts gesagt? Deine Probleme mit Ayleen..."
"Ich war so fix und fertig, so verliebt...
Ich konnte nicht mehr... Und, nun, was hat sich geändert? Ich wäre doch besser
nicht zurück gekommen...", erklärte der junge Wissenschaftler.
Es herrschte eine Weile Schweigen, während
welcher Zeit sich Rondi und seine, inzwischen zu seiner Geliebten gewordenen
Sekretärin mehrfach anschauten. Dann wandte sich Ayleen an den Zurückgekommenen
und sagte: "Ich habe dir nie gesagt, daß ich dich liebe. Gerne haben, ja, das
tue ich dich schon, sehr sogar. Und, ehrlich gesagt, die Affären, die wir
miteinander hatten, haben mir Spaß gemacht. Du hast nämlich einen
unwahrscheinlich reizvollen Körper. Aber es fehlt etwas, das auch nicht
unbedingt deinen zweifellos guten Charakter betrifft. Ich kann es schwer
definieren. Irgendeine Vorstellung, die ich von einem Mann habe, erfüllst du
nicht. Ich kann doch auch nichts dazu, daß ich nicht in dich verliebt bin und
sein kann. Ja, ich mag dich, bin gerne mit dir zusammen. Doch soll ich mich
zwingen, Gefühle zu heucheln?"
Sie stand auf und ging mit ausgestreckter
Hand auf Benjamin zu, der aufsprang und schrie: "Faß mich nicht an!" Er
drehte sich um und preßte seine Hände vor das Gesicht.
Mit langsamer Bewegung wandte er sich
wieder seinem Chef und dessen Sekretärin zu und murmelte: "Ich hasse Sie Rondi;
denn Ayleen liebt nur Sie. Sie sind ihr Idol. Das weiß ich sehr wohl. Ich
wünschte, Sie wären gestern..."
"umgebracht worden, statt meines
Freundes", ergänzte Rondi und fügte hinzu: "Mir wäre das auch egal. Ich
hänge nicht so schrecklich am Leben, obwohl jetzt..." Er brach ab und
schaute Ayleen fragend an. Dann berichtete er offen dem zurückgekommenen, verloren
geglaubten und als Spion verdächtigen, jungen Mann über seine seit gestern
Abend geweckten Gefühle, die "mir jetzt jedoch reichlich Lebensinhalt und
Lebenswillen geben", schloß er.
Nach einer Pause sprang der junge Mann auf,
hielt sich die Hände vor sein Gesicht und stöhnte: "Oh, mein Gott!" Nach
einer weiteren Minute des Schweigens erklärte er: "Unsinn! Ihr Tod, Professor,
wäre für mich auch nicht die Lösung meines Problems gewesen; denn das hätte mir
Ayleen auch nicht näher... Ich meine, damit hätten sich Ayleens Gefühle mir
auch bestimmt nicht zugewandt; denn ich erfülle nun mal nicht eine gewisse
Vorstellung von ihrem Typ eines Mannes, wie sie es soeben definiert hat und
was ich immer schon wußte. Ich muß mich damit abfinden. Aber genau das kann
ich nicht. Wenn man doch einfach Gefühle abschalten könnte... Warum muß da die
Diskrepanz zwischen dem Verstand, ich meine, der Einsicht in gewisse
Gegebenheiten und diesem verfluchten, diesem gottverdammten Gefühl sein?"
Die drei Personen hatten sich wieder um
den Mittagstisch gesetzt, und jeder schien seinen eigenen Gedanken
nachzuhängen.
Plötzlich ertönten laute, harmonische,
wohlklingende, tiefe Gongtöne, was aber höchste Gefahr bedeutete. So schnell
sie konnten, eilten die drei zum nächsten, nur wenige Meter entfernten
Schutzbunker, wovon vier mit jeweils mehreren Eingängen erst vor kurzem angelegt
worden waren, die sogar eine kleine
Atombombenexplosion abhalten konnten. Sie erreichten eine Rutsche, über die
sie etwa zwanzig Meter tief glitten, während die Eingänge automatisch durch je
eine etwa zwei Meter dicke Platte aus einer Keramik-Kunstoffverbindung mit
sehr hohem Schmelzpunkt, die auf Stahlbeton aufgesetzt war, verschlossen
wurden.
Es mag noch erläutert werden, daß jeder,
der sich auf dem Gelände aufhielt, ein Miniaturtelefon mit sich zu führen
hatte, einmal, um jederzeit erreichbar zu sein. Zum anderen wurde ein solches
Telefon im Falle eines Alarms dahingehend aktiviert, daß es selbst Impulse mit
einer personenabhängigen Kennform so lange ausstrahlte bis irgend ein Eingang
zu einem beliebigen Bunker vom Träger eines solchen Gerätes durchschritten
worden war. Auf diese Weise konnte leicht festgestellt werden, welche Person
sich in welchem Bunker befand.
Das Impulse aussendende, drahtlose Telefon
sollte auch sicherstellen, daß niemand vom Schutz durch einen Bunker
ausgesperrt wurde; denn die Eingänge verschlossenen sich automatisch erst
dann, wenn keines der tragbaren Telefone weiterhin Impulse aussandte, es sei
denn, daß nach der Alarmauslösung mehr als vierzig Sekunden verstrichen waren.
Diese maximal benötigte Zeit zum Erreichen eines Bunkers war genau bestimmt
worden, selbst für den ungünstigsten Fall. Es bestand die Anweisung, daß selbst
jemand, der gerade ein sehr privates Geschäft erledigte oder unter der Dusche
stand und so weiter, sofort zum nächsten Bunkereingang zu eilen hatte, wenn er
nicht Gefahr laufen wollte, doch ausgesperrt zu werden.
Die Klientenbetreuung war sowie schon seit
einiger Zeit in einen Bunker verlagert worden.
Die Befolgung dieser Anweisung stellte
sich an diesem Tage als tatsächlich weise Voraussicht heraus; denn fast genau
zwanzig Sekunden, also insgesamt nur knapp fünfzig Sekunden, nachdem Rondi,
Ayleen und Benjamin, durch den steil nach oben gezogenen Bogen am unteren Ende
der Rutsche abgebremst, den eigentlichen Bunkerraum erreicht hatten, spürten
sie so etwas wie ein leichtes Erdbeben. "Oh, mein Gott!" rief Ayleen,
sich fest an ihren Geliebten klammernd, "das war bestimmt eine Atombombenexplosion."
"Die schrecken wohl vor nichts mehr
zurück", kommentierte Benjamin Selatan mit zitternder Stimme.
Sechs weitere Mitarbeiter von Professor
Rondi, denen auch der Unterschlupf in diesen Bunker gelungen war, standen sehr
bleich und sichtbar zu Tode verängstigt da. Eine Dame mußte sich sogar vor
Aufregung und wegen eines erlittenen Schocks übergeben.
Sogleich nach dieser Erschütterung meldete
sich ein Überwachungsexperte über Lautsprecher und gab einen Lagebericht: "Ich
hoffe, Sie haben sich nicht zu sehr geängstigt. Der Versuch, uns mit einer
kleinen Atombombe auszuradieren, ist dank unserer Schutzmaßnahmen gescheitert.
Beruhigen Sie sich. Es ist nichts passiert. Unsere Gebäude sind nicht einmal
beschädigt. Lassen Sie mich berichten, was geschehen ist: Ein Flugzeug, dessen
Typ wir eindeutig erkannt haben und der in den Vereinigten Staaten von Amerika
hergestellt wird, hat aus etwa zwölftausend Metern eine Bombe abgeworfen, die
unser Gelände ohne unseren elektromagnetischen Schutzschild nach unserer
Flugbahnprojektion nur um etwa hundert Meter nach Norden hin verfehlt hätte. Da
wir aber rechtzeitig den elliptoiden, kombinierten elektromagnetischen Wirbelstromschutzschirm
aufbauen konnten, wurde die Bombe in etwa zweitausend Metern Höhe bereits
schon abgefangen, beziehungsweise abgelenkt, glitt etwa einen Kilometer nach
Norden ins Tal, wo sie auf dem Boden explodierte. Wahrscheinlich sollte nach
den klassischen Methoden in einer bestimmten Höhe ein Fallschirm ausgelöst
werden, um die Zündung der Bombe in einer bestimmten Höhe über unserem Gelände,
also durch Luftdruckbestimmung, zu bewirken. Durch den Aufprall, praktisch auf
die sogenannte Spitze unserer Wirbelstromabschirmung ist vielleicht der
Auslösemechanismus des Fallschirms beschädigt worden. Damit erfolgte die
Luftdruckänderung durch die weiterhin hohe Absinkgeschwindigkeit so schnell,
daß die Zündung erst am Boden erfolgte. Wir haben praktisch überhaupt nichts
abbekommen, soweit wir bisher feststellen konnten. In jedem Fall ist es allen
Personen hier auf unserem Gelände gelungen, rechtzeitig einen Bunker zu
erreichen. Ich hoffe, Sie haben sich nicht zu sehr aufgeregt. Entspannen Sie
sich. Es ist alles vorüber. Unsere Messungen der Radioaktivität über fest
eingebaute Sonden am Rande unseres Geländes zeigten bisher keine Zunahme, was
auch die Typenbeschreibung des von uns identifizierten Bombenobjektes
bestätigt. Es handelt sich um eine sogenannte saubere Bombe. Wir bitten Sie
allerdings, um absolut sicher zu sein, noch etwa eine Stunde auszuharren, ehe
wir neu entscheiden können, wann Sie wieder ins Freie können. Leider müssen wir
daran denken, daß die Bombe eventuell völlig unbeteiligten Lebewesen den Tod
gebracht hat. Sie hatte zwar nach unseren Modellaufzeichnungen die schwächste
Sprengkraft von - in Anführungszeichen - nur fünfhundert Tonnen TNT und ist zum
Glück in einem unbewohnten Gebiet explodiert. Dennoch können sich dort Menschen
aufgehalten haben. Zumindest werden Tiere und Pflanzen zu Schaden gekommen
sein. Es hätte eine unvorstellbare Katastrophe gegeben, wenn die Bombe zur
entgegengesetzten Seite gerutscht wäre und dann den Nordteil von Port-of-Spain
zerstört hätte. Ich persönlich möchte doch sehr gerne wissen, mit welchen
organisierten Verbrechern wir es zu tun haben, die sehr wahrscheinlich von
einer staatlichen Stelle, die über militärische Einrichtungen verfügt, getragen
wird. Dieser Atombombenabwurf ist nach Nagasaki der erste bewußt und
willentlich gegen Menschen gerichtete. Ich vermute nicht, daß es sich um einen
Unfall handelt... Herr Professor Rondi, nach unserer Registrierung befinden Sie
sich in Bunker A 3, und ich hoffe, wohlauf. Ich schlage vor, die Regierung von
Trinidad und Tobago unverzüglich über die soeben erlebten Ereignisse zu unterrichten.
Persönlich darf ich Ihnen zu Ihrer Vorausschau gratulieren; denn ich selbst
habe nie an die Möglichkeit geglaubt, daß wir auf diese schreckliche Weise und
so rücksichtslos angegriffen werden könnten. Ich habe, ehrlich gesagt, Ihre
Vorschläge zum Bau der Bunker für eine Wahnidee gehalten. Nun hat mich die
Realität überzeugt. Das ganze Geschehen ist mir immer noch unverständlich und
ich kann... Entschuldigen Sie, meine Kolleginnen und Kollegen, daß ich in
einer Gefühlswallung angefangen habe, persönliche.... Ich weiß nicht, was
ich sagen soll. Aber das alles ist ja nun ein, mir bisher unvorstellbar
erschienenes, unbeschreiblich schreckliches Ereignis."
Professor Rondi ging zum Telefon, sprach
zu seinen Mitarbeitern, bedauerte die schlimmen Ereignisse des gestrigen und
des heutiges Tages und schloß mit den Worten: "Ich kann durchaus verstehen,
wenn Sie einen Schock erlitten haben und sich lieber von uns trennen möchten,
nachdem offensichtlich unser aller Leben sehr ernsthaft bedroht ist. Wir haben
es mit uns todfeindlich, im wahrsten Sinne des Wortes, also mit todfeindlich
Gesinnten zu tun, die uns in eine Art Kriegszustand versetzt haben. Ereignisse,
wie wir sie soeben erleben mußten, hat es bisher tatsächlich nur in einem Krieg
gegeben. Ich würde es Ihnen keineswegs übel nehmen, sondern hätte vollstes
Verständnis, wenn Sie sich aus der Gefahrenzone, in der wir uns befinden,
heraus begeben möchten. Flucht vor Kriegsgeschehen ist völlig legitim.
Besonders verunsichernd ist: Wir wissen weder, wer uns bedroht, noch kennen
wir irgend ein Motiv. Ich will Ihnen nochmals versichern, daß es mir aufrichtig
leid tut, daß Sie in solch ein Geschehen mit hineingezogen worden
sind."
Zur Beruhigungsunterstützung wurde
anschließend über die Lautsprecher in den Bunkern leise, sogenannte leichtere,
klassische Musik abgestrahlt.
Als nächsten Schritt bat William Rondi die
Telefonisten, alle ankommenden und herausgehenden Gespräche aufzuzeichnen.
Dann ließ er sich mit dem Gouverneur von Trinidad und Tobago verbinden, der
erst nach langem Bemühen zu erreichen und in höchster Aufregung war. Professor
Rondi begann, über den Atombombenabwurf zu berichten.
"Was? Das war eine Atombombe?" rief
der Gouverneur aufgebracht, dem schon von einer gewaltigen Explosion aus
anderen Quellen berichtet worden war. Er fügte hinzu: "Professor Rondi, ich muß
Ihnen sagen, daß Sie zum Sicherheitsrisiko ersten Grades unseres Staates geworden
sind. Wir können alle drauf gehen. Stellen Sie sich vor, das Ding wäre über
Port-of-Spain explodiert! Ich werde alles daran setzen, daß Sie von dieser
Insel verschwinden. Sie haben uns alle in tödliche Gefahr gebracht..."
"Unbeabsichtigt", rief Rondi sichtbar
wütend und erklärte: "Sie wollen mich, der ich nicht nur einfacher, die Gesetze
niemals mißachtet habender Bürger sondern sogar Ehrenbürger bin, nun des
Landes verweisen? Da bin ich gespannt, auf welcher Rechtsgrundlage Sie das
begründen wollen. Falls Sie solche Äußerungen von sich geben, müßte ich Ihnen
unterstellen, daß vielleicht Sie selbst, ich meine die Regierung, hinter
diesen verbrecherischen Attentaten steckt. Das sage ich ganz bewußt, um Sie zu
provozieren, da unsere Regierung von Trinidad und Tobago bisher keinerlei
Beitrag geleistet hat, um diesen Geschehnissen vorzubeugen. Oft genug habe ich
Warnungen ausgesprochen, die mich... Aber lassen wir das. Sie sind also der
Meinung, die Ereignisse, die Ermordung meines Kollegen, Professor Hinze, der
heutige Atombombenanschlag bedürfen keiner Aufklärungsunterstützung
Ihrerseits? Sie geben nicht dem Mörder oder den Mördern die Schuld? Sie weisen
die Schuld den Opfern zu? Das ist wohl einmalig in der Geschichte der
Rechtsprechung und im Rechtsempfinden!"
Voller Zorn zerschlug er das Telefon, ging
aufgeregt im Zimmer auf und ab, murmelte unverständliche Worte vor sich hin
und ließ sich schließlich in einen Sessel fallen. Ayleen Broch kraulte mit
einer Hand in seinem Haar und massierte mit der anderen leicht und zärtlich
seine Nackenmuskeln.
Über den Lautsprecher meldete sich wieder
der Überwachungsfachmann: "Kolleginnen und Kollegen, ich melde mich wieder, um
Ihnen mitzuteilen: Unsere erneuten Messungen der Radioaktivität haben immer
noch keinen Zuwachs erkennen lassen. Nach unseren nochmaligen und sehr
gewissenhaft durchgeführten Mustervergleichen können wir auch davon ausgehen,
daß es sich um eine Atombombe neuester Konstruktion gehandelt hat, die für Angriffskriege
gedacht ist. Dieser Bombentyp ist - in Anführungszeichen - sauber, weil
nämlich die Militärs an die sofortige Besetzung der mit solchen Bomben belegten
Gebiete gedacht haben. Sie können jetzt die Bunker wieder verlassen. Ich danke
Ihnen für Ihre Geduld."
Rondi, Ayleen und Benjamin waren nach dem
Verlassen des Bunkers wortlos und ohne sich darüber abzustimmen, zurück zum
Mittagstisch gegangen, vielleicht unbewußt aus einem Drang heraus, das so
ungeheuerliche, das zu schreckliche Geschehen nicht begreifen zu wollen und es
nur in eine, lediglich unangenehme Unterbrechung abzudrängen. Keiner der drei
Personen machte Anstalten, sich nach eventuellen, durch die
Atombombenexplosion verursachte Schäden umzuschauen. Sie gingen ihres Weges,
als wäre nichts besonders Ungewöhnliches geschehen.
Inzwischen hatten sich aber die
Bananaquits, die als die frechen Spatzen der Insel bezeichnet werden können und
die die Ankommenden ärgerlich kreischend, mit hängenden Flügeln, Abwehr anzeigend,
dabei jedoch lustig wirkend, umherhüpfend empfingen, über die Essensreste
hergemacht. Die Tischdecke war mit Kotflecken verziert und der Zucker
verstreut. Ameisen und Termiten hatten sich auch bereits formiert, um die
kleineren Überbleibsel auf dem Boden abzuräumen. Sie bildeten zwei Pfade, auf
denen die zu den Nahrungsquellen anrückenden Insekten an solchen, die Speisen
abtransportierten, in wohlgeordneter Marschordnung vorbeischritten. Oft
blieben einzelne Insektenindividuen kurz neben ihnen Entgegenkommenden
stehen, was so aussah, als würden sie sich begrüßen wollen.
Ayleen war in die Küche geeilt, um
frischen Kaffee aufzusetzen; denn die immer wohlgelaunte, mollige Haushälterin
von Rondi hatte heute ihren freien Tag und befand sich nicht auf dem Gelände.
Benjamin Selatan ergriff das Wort: "Ich
bin nun doch davon überzeugt, daß mein Verschwinden damals wegen meiner
psychischen Probleme nichts mit dem Mord an Hinze und dem heutigen Ereignis zu
tun haben, absolut nichts. Da war ja auch schon lange vorher mal ein
Attentatsversuch mit dieser Rakete auf euch gemacht worden. Da brauche ich mir
keine Gedanken zu machen. Was mir nur leid tut, ist dieser Spionageverdacht,
der eventuell wegen eurer sogenannten Vorwärtsverteidigung einen nicht mehr
aufhaltbaren Stein ins Rollen gebracht hat. Aber vielleicht kann man den Stein
doch noch in die richtige Bahn lenken, so daß er keinen Schaden anrichtet. Und
was ich auch noch sagen will: Ich möchte sehr gerne wieder mitarbeiten. Ich werde
mich damit abfinden, daß Ayleen mit ihrem Vaterkomplex für mich, der ich ihr
viel zu jung bin, unerreichbar ist. Wenn ich allerdings sehe, wie sie mit Ihnen
schmust, William, dann schneidet das doch durch meine Eingeweide. Zum Glück
haben wir endlich mal darüber geredet. Vielleicht darf ich mich mal gehen
lassen, wenn es mir zu unerträglich wird. Wenn doch der Hinze noch lebte. Dem
hätte ich mich als Fachmann anvertrauen können. Der hätte mir sicher helfen
können. Aber darf ich weiter mitmachen? Ich verspreche, alle meine Kraft in
die Arbeit zu stecken."
Rondi schien gar nicht zugehört zu haben.
Doch plötzlich sprang er vom Stuhl auf, eilte zu Benjamin, versuchte den Sitzenden
zu umarmen, der sehr verblüfft war; denn Rondi war immer der gewollt wohl
erzogen Gelassene, der zwar sehr Freundliche, aber doch Unnahbare gewesen,
eigentlich von einer kühlen Ausstrahlung. Benjamin mochte ihn, zweifellos,
bewunderte und schätzte ihn, fühlte sich nun doch verunsichert. William Rondi
ließ sich auf seine Knie gleiten, legte seinen Kopf auf die Oberschenkel seines
völlig unerwartet zurückgekehrten Mitarbeiters und begann zu schluchzen, durch
die Ereignisse der letzten beiden Tage offensichtlich völlig außer Kontrolle.
Nach einigem Zögern, aber dann doch auch
von Zuneigungsgefühlen gepackt, ergriff Benjamin mit beiden Händen den Kopf
des Mannes, der altersmäßig sein Vater sein konnte, beugte sich vor, um seine
Wange auf den Rücken des sich vor Weinkrämpfen Schüttelnden legen zu können.
Ayleen, die mit frisch gebrühtem
Blue-Mountain-Kaffee zurückgekehrt war, schaute zuerst ratlos drein, setzte
dann die Kanne auf den Tisch, kniete sich zu den beiden Männern, umschlang
beide und streichelte sie zärtlich.
Das Telefon läutete. Ayleen löste sich von
den beiden Männern, die sich auch erhoben und begannen, auf der Terrasse auf
und ab zu wandern, während sie das Telefongespräch entgegen nahm. "Es ist unser
Ministerpräsident, Doktor Moses", sagte sie und wollte Rondi den Hörer
überreichen, der aber abwehrend den Kopf schüttelte und erklärte mit zitternder
Stimme: "Ich bin überhaupt nicht in der Lage."
Benjamin Selatan übernahm das
Telefongespräch und behauptete selbstbewußt und selbstsicher: "Ich bin der vertrauteste
Mitarbeiter von Herrn Professor William Rondi, der zur Zeit nicht in der Lage
ist, mit Ihnen zu konferieren. Ich besitze jedoch alle Vollmacht, an seiner
Statt mit Ihnen zu verhandeln. Außerdem bin ich seit Geburt Staatsbürger von
Trinidad und Tobago. Mein Name ist Doktor Benjamin Selatan. Worüber möchten
Sie mit uns sprechen? Aus rechtlichen Gründen muß ich Sie darauf hinweisen,
daß ab heute von uns alle ankommenden und herausgehenden Telefongespräche,
also auch dieses, mitgeschnitten werden. Wir haben uns zu diesem Schritt aus
Gründen, die ich zu diesem Zeitpunkt nicht unbedingt erläutern möchte,
entschließen müssen."
Der Ministerpräsident zögerte, räusperte
sich und sagte dann: "Professor Rondi hatte soeben ein Gespräch mit dem Gouverneur..."
"Der Herrn Professor Rondi als Opfer von
Mordanschlägen entgegen allen Rechtsgepflogenheiten Ausweisung aus unserem Vaterland
angedroht hat", fiel ihm Benjamin ins Wort, wohl auch um zu beweisen, daß
er als selbsternannter Vertreter
seines Chefs über alles informiert sei.
"Das war natürlich eine, in einer
Gefühlsregung gemachte rein persönliche und bedauerliche Äußerung...",
erklärte der Ministerpräsident.
Seine Worte wurden wieder von Benjamin
unterbrochen: "Diese Ihre Worte muß ich jedoch mit großer Skepsis entgegen
nehmen; denn offensichtlich ist doch auch mit Ihnen darüber gesprochen worden.
Woher sonst wüßten Sie von der, ich zitierte, in einer Gefühlsregung gemachten
rein persönlichen und bedauerlichen Äußerung."
Wieder zögerte der Präsident mit einer
Stellungnahme, offensichtlich nach den richtigen Worten suchend. "Also",
begann er, "vergessen Sie die Äußerung des Gouverneurs bitte. Er hat mir von
dem Gespräch mit Rondi berichtet und bedauert, so etwas gesagt zu haben. Wir
haben gerade eine außerordentliche und dringliche Kabinettssitzung einberufen;
denn ein Atombombenabwurf auf unser Land muß als eine Kriegserklärung an alle
Commonwealth-Länder angesehen werden, zu denen wir gehören. Da haben wir es ja
wohl mit der ernsthaftesten Bedrohung eines Landes zu tun, die man sich
vorstellen kann. Selbstverständlich müssen wir entsprechend reagieren und
alles tun, um weiteren Schaden unseres Staates abzuwenden. Dazu ist ja nun mal
jede Regierung, also auch meine verpflichtet. Wir haben keine Informationen,
was, wie und warum tatsächlich passiert, welcher Schade angerichtet worden ist.
Ein Untersuchungsteam ist auf dem Wege zum Ort der Atombombenexplosion. Wir
wissen nicht einmal, ob eine Untersuchung jetzt schon wegen der
Strahlungsgefahr möglich ist. Mit meinem Anruf hatte ich die Absicht, von Herrn
Professor Rondi zu erfahren, welche Informationen er hat."
William Rondi hatte sich inzwischen so
weit wieder gefangen, daß er das Telefongespräch mit seinem kleinen Gerät
verfolgten konnte. "Gib einen vollen Bericht", befahl er seinem selbsternannten
Vertreter, der dieser Aufforderung nachkam, den Raketenanschlag auf den
Hubschrauber des Instituts erwähnte, dann von den Attentatsdrohungen, den
daraufhin eingeführten Schutzmaßnahmen, jedoch nur andeutungsweise sprach,
über den Flugzeugtyp berichtete, der die Bombe geworfen hatte, und über seine
technischen Kenntnisse von der Bombe selbst. "Bitte vergessen Sie nicht, in
diesem Zusammenhang die gestrige Ermordung unseres Kollegen, Professor Kurt
Hinze, zu sehen", rundete er seinen Bericht ab und fügte hinzu: "Um noch
einmal auf die Bombe zu sprechen zu kommen: Es handelt sich um eine sogenannte
saubere Bombe, die also kaum Strahlung hinterläßt. Bitte schicken Sie die
Untersuchungskommission sofort los, da keinerlei Schädigung durch Strahlen
befürchtet zu werden braucht. Uns interessiert brennend, welches unschuldige
Leben durch diesen verbrecherischen Abwurf vernichtet worden ist. Selbstverständlich
sind wir im Rahmen unserer Möglichkeiten zu jeder Art von Zusammenarbeit mit
den Regierungsstellen und, soweit wir können, auch zu Ihrer persönlichen
Unterstützung bereit, wenn es um die Aufklärung der Ereignisse der letzten
Tage geht. Was uns nur sehr befremdet, zumindest ziemlich verwundert hat, ist,
daß bisher kein einziger Kriminalist von Ihrer entsprechenden
Polizeidienststelle bei uns erschienen ist, um auch nur den Willen zu einer
Aufdeckung des gestrigen Mordfalles zu bekunden. Halten Sie das für normal? Das
ist eine Tatsache und kann wohl nicht so einfach mit irgendeiner gefühlsmäßigen
Reaktion erklärt werden. Tut mir leid, Ihnen das als dem Höchstverantwortlichen
unserer Regierung sagen zu müssen. Betrachten Sie das durchaus als eine Rüge;
denn das halten wir wirklich für einmalig in der Geschichte der Kriminalistik
und für sicher hochinteressant für die Weltpresse."
"Das darf doch wohl nicht wahr sein",
entrüstete sich der Ministerpräsident und versprach: "Darum werde ich mich
unverzüglich und persönlich kümmern. Bitte erwarten Sie meinen Rückruf zu
gegebener Zeit. Wie war noch mal Ihr Name?"
Benjamin wiederholte ihn noch einmal
langsam und deutlich und verabschiedete sich betont kühl mit: "Ich danke Ihnen
für Ihren Anruf."
"Das hast Du aber verdammt sehr gut und
diplomatisch gemacht", lobte Professor Rondi und fügte hinzu: "Ich hatte nur
Angst, Du würdest zu viel über unsere Sicherheitsvorkehrungen berichten. Das
wir solche getroffen haben, hat sich wohl herumgesprochen, und mehr als daß
solche eingeführt worden sind, hast du auch nicht preisgegeben. Dann ihm
mangelnde Unterstützung bei der Aufklärung des Mordes an Kurt vorzuhalten, ja
ihn sogar zu rügen, nachdem ihm gesagt worden ist, daß alle Gespräche aufgezeichnet
werden, also darauf wäre ich überhaupt nicht gekommen. Ihn außerdem mit der
Weltpresse unter Druck zu setzen... Also, ich hab' doch wohl so einiges an dir
verkannt, mein Herr Stellvertreter."
Zum ersten Mal seit der gestrigen
Ermordung seines Freundes zeigte Rondi wieder ein leichtes, Zufriedenheit
ausdrückendes Lächeln.
Nach kurzer Zeit läutete das Telefon
wieder. Einer der Überwachungsingenieure erklärte: "Wir können wieder etwas sehr
Interessantes zeigen. Einer unserer Mitarbeiter, der gestern, während der
Pressekonferenz die Betreuung unserer Klienten übernommen hatte, hat den
Verlauf der Konferenz auf Band aufgenommen, sich heute angeschaut und
überraschende Bilder gefunden. Er ist gleich zu uns gekommen, um uns seine
Aufzeichnungen vorzuspielen. Wir haben einige Ausschnitte zusammengestellt, die
vielleicht Aufschluß über den Mordhergang geben können. Wollen Sie sich das
ansehen?"
Rondi zuckte zusammen. Es schnitt durch seinen
Magen. Er hatte ein wenig den Schmerz über den Verlust seines Freundes, Kurt
Hinze, weggeschoben gehabt. Jetzt wurde die Wunde wieder gereizt. Er begann zu
zittern, begleitet von heftigen Schweißausbrüchen. Er schüttelte den Kopf und
hauchte: "Ich kann und will das nicht sehen. Ich bin völlig am Ende. Ich
brauche ein Beruhigungsmittel. Ich bekomme sonst einen totalen Nervenzusammenbruch.
Bitte helft mir."
Nachdem sich Rondi in seinen weich
gepolsterten Schaukelstuhl aus Rattan-Holz gesetzt hatte, eilte Ayleen davon,
um ihm ein Beruhigungsmittel zu beschaffen. Selatan bot an, sich die
Aufzeichnungen im Raum zur Sicherheitsüberwachung anzuschauen und, zu passender
Zeit, seinem Chef darüber zu berichten.
Der sogenannte Chefüberwachungsingenieur,
den Benjamin vom gemeinsamen Studium her sehr gut kannte und der Herbert
Beckles hieß, berichtete: "Während der Pressekonferenz waren mehrere drahtlose
Kameras aufgestellt worden: Zwei hatten die Redner am Mikrofon aus verschiedenen
Blickwinkeln zu beobachten. Eine andere schwenkte über die Personen, die auf
der Terrasse saßen und eine weitere zeigte Szenen des Geländes und sollte
zufällige, eventuell interessante Beobachtungen festhalten. Nun hat unser
Klientenbetreuer eine interessante Freizeitbeschäftigung. Er dreht Videofilme
und ist daher sehr gut mit Geräten ausgestattet, besitzt vier
Aufzeichnungsmaschinen mit hochfrequenten, also drahtlosen Eingängen. Drei
Geräte hat er gestern benutzt, um das festzuhalten, was die die beiden Redner
beobachtenden Kameras abstrahlten. Das dritte Gerät zeichnete die Bilder von
den Konferenzteilnehmern auf und das vierte die offizielle Sendung unserer
staatlichen Fernsehanstalt. Unser Kollege, der im Augenblick wieder seiner
Klientenbetreuungstätigkeit nachgeht, sagte mir, er hätte einfach mal nur
ausprobieren wollen, welche Qualität diese wahnsinnig teuren und immer noch
sehr schweren professionellen Kameras bei Direktanzapfung brächten und was auf
den Übertragungswegen verloren gehe, einmal bis zum Mischpult, dann von dort
zum Sendestudio und von da weiter schließlich zur Ausstrahlungsantenne. Auf
diese Weise haben wir die Originalaufzeichnung von wenigstens drei Kameras,
wobei die Aufzeichnung derjenigen, die das Publikum im Auge hatte, hochinteressant
ist. Jetzt schau dir das mal an! Wir lassen alle Aufzeichnungen auf den drei
Bildschirmen gleichzeitig ablaufen und setzen da ein, wo es eigentlich erst
interessant wird. Los geht's."
Auf dem linken und dem rechten Bildschirm
erschien der Konferenzkoordinator, während auf dem mittleren über die übrigen
Teilnehmer hinweggeschwenkt wurde. "Da ist doch dieser Indonesier!" rief
Benjamin aufgeregt.
"Ja, er sitzt in der ersten Reihe",
kommentierte sein ehemaliger Studienkollege und fuhr fort: "Ich lasse jetzt
alle Bänder schnell weiter laufen; denn da passiert nichts Wichtiges im Augenblick."
Nach einiger Zeit schaltete er wieder auf
normale Geschwindigkeit. Rondi wurde auf dem linken und dem rechten Bildschirm
aus verschiedenen Blickwinkeln gezeigt und sprach über die Wettbewerbsausschreibung.
Auf dem mittleren Schirm wurden wieder Teilnehmer gezeigt. Die Kamera schwenkte
von einem Gesicht zum anderen und zeigte auch diesen Patrick Poharto, der seine
rechte Hand trichterförmig vor seinen Mund hielt, wobei die linke das rechte
Handgelenk umklammerte. Der Überwachungsfachmann schaltete jetzt auf
Einzelbildwiedergabe. Es sah so aus, als ob dieser Poharto huste. Sein
Gesichtsausdruck wirkte sehr angespannt. Einige Bilder weiter sah man erneut
aufgeblähte Backen, also wieder Ansetzen zum Husten. Jedes Einzelbild wurde
eine Sekunde lang gezeigt. Langsam verschob sich das Gesicht des Mannes nach
rechts aus dem Bildschirm heraus.
"Stop!" schrie Benjamin aufgeregt und
bat: "Kannst du auf das Bild davor schalten?"
"Ja, natürlich", sagte der Überwachungsexperte
grinsend und wollte wissen: "Hast du 'was besonderes entdeckt?"
"Kommt da nicht etwas aus der hohlen Hand
dieses Mannes?" forschte Benjamin und fragte weiter: "Ist das
Hustenauswurf oder... Oh, mein Gott! Könnte das etwa nicht die Giftkapsel
sein?"
"Ich vermute ja", antwortete der
Angesprochene und erklärte: "Wenn jemand hustet und sich die Hand vor den Mund
hält, will er doch wohl verhindern, daß Auswurf in die Gegend geschleudert
wird, nicht wahr? Das hier ist aber... Ich meine, das spricht für sich
selbst... Leider sind das die letzten beiden Bilder, ehe die Kamera zur
nächsten Person schwenkt." Er stoppte die Wiedergabe der Bilder und fügte hinzu:
"Da hatten wir gerade großes Glück, meine ich".
Doktor Selatan war aufgesprungen und
murmelte: "Also, Hinze ist mit einem Blasrohr getötet worden..."
"Ich bin mir da nicht sicher", meinte sein
ehemaliger Studienkollege. "Denn von einem Rohr ist nichts zu sehen. Ich
vermute, daß die Giftkapsel einfach nur herausgespuckt worden ist... Übrigens,
schau ganz genau hin! Wer ist auf dem mittleren Bildschirm zu sehen?"
"Rondi!" beobachtete der Gefragte
richtig.
Der Überwachungsingenieur nickte und
kommentierte: "Diese Kapsel galt ihm? Hat ihn aber wohl verfehlt."
Selatan ließ sich auf einen Stuhl nieder,
da ihm die Knie weich geworden waren.
"Also, da haben wir eine Chance", sagte
sein Freund, "diese Kapsel eventuell zu finden. Vielleicht liegt sie noch in
der Terrassengegend umher."
Beide Männer beschlossen, sogleich mit der
Suche zu beginnen, und baten den Vertreter von Herbert Beckles, dem Überwachungschef,
ihn noch eine Zeitlang zu ersetzen, obwohl er schon während des
Atombombenabwurfs den Dienst als Hauptverantwortlicher versehen hatte, während
sein Chef in der Gerätewerkstatt hantiert und sich anschließend die
Videoaufzeichnungen angesehen hatte. Nach den Regeln wäre seine Arbeitszeit
längst vorüber gewesen.
Auf dem Wege zum erhofften Fundort wollte
Benjamin Selatan wissen, was außerdem noch auf den Videofilmen zu sehen sei.
"Ab und zu noch mal das Gesicht dieses Indonesiers, sonst nichts Auffälliges.
Leider haben wir keine ähnliche Szene, die den Poharto so zeigt, daß da ein
Zusammenhang mit dem Mord an Hinze zu sehen ist. Der Kameramann hat ja auch
nicht auf die vorgegebenen Hustenanfälle des Mörders geachtet... äh, ich
meine, auf die als Hustenanfälle getarnten, wie sagt man, also..."
"Morddurch- oder -ausführung", ergänzte
sein Freund.
"Übrigens hattest du Urlaub? Du warst
plötzlich verschwunden", wollte der Überwachungsfachmann, Herbert Beckles,
wissen.
Benjamin Selatan erfaßte sogleich, daß
offensichtlich Rondi und Hinze ihren Mitarbeitern nichts über den Verdacht
gegen ihn geäußert hatten. Daher bestätigte er nur die Frage mit ja.
Dann machten sie sich auf die Suche nach
der Kapsel.
Die Terrasse zum Hause von Kurt Hinze, die
wesentlich größer als diejenige von Rondi war, hatte niemand seit dem gestrigen
Tag aufgeräumt.
Beckles sagte erleichtert: "Da haben wir
eine kleine Chance, die Kapsel unbeschädigt zu finden, falls sie nicht längst von
jemandem zertreten worden ist. Übrigens, sollten wir sehr vorsichtig sein. Ich
weiß nicht, wie zerbrechlich sie ist. Nein viel wichtiger, falls die bereits
zertreten wurde und wir da mit den bloßen Händen rumtasten, dann könnte das
Gift in unseren Körper eindringen, verstehst du? Hast du irgendeine
geringfügige Hautverletzung an deinen Händen oder Fingern? Das, was wir da
vorhaben, ist ja nicht so ganz ungefährlich. Wenn wir das Miststück finden,
Gott steh uns bei, daß wir es finden, dann sollten wir es nicht anfassen,
sondern nach klassischen Spurensicherungsmethoden vorgehen. Vielleicht kann man
Speichelreste in einem forensischen Labor finden, um ein Indiz mehr zu haben,
falls es gelingt, den Mörder dingfest zu bekommen. Aber wo, ich meine, im welchem
Labor kann das Ding untersucht werden?"
"Jetzt laßt uns erst einmal suchen und das
Ding finden", riet sein Freund und schlug folgende Taktik vor: "Wo könnte der
Mann gesessen haben? Wenn wir das wissen, haben wir zumindest die Richtung, in
die die Kapsel geflogen sein wird; denn sie wurde ja wohl in Richtung auf das
Mikrofon, an dem Rondi stand, losgeschickt. Einfach wild umher suchen, mag ich
nicht."
"Scheiße", meinte Beckles, "das hätten wir
aus der Reihenfolge der gezeigten Gesichter der auf den Stühlen sitzenden
Journalisten abzählen können. Warte mal, vielleicht bekomme ich das noch
zusammen. Also, das begann..."
Er zog mit seiner linken Hand bei jedem
Zählen einen Finger aus seiner rechten Faust heraus, was er mehrmals wiederholte
und den Kopf schüttelte. Schließlich sagte er: "Ich bekomme das nicht zusammen.
Wir sehen uns besser den Film noch einmal an. Wenn wir einfach so anfangen zu
suchen, dann könnten wir ja auch auf die Kapsel treten. Die ist bestimmt nicht
groß und kann leicht übersehen werden. Ich halte es für so wichtig, das
Miststück zu bekommen, verdammt noch mal. Ich fühle mich nicht so besonders
wohl, wenn wir da so einfach... Wenn wir was falsch machen, du, das möchte ich
nicht verantworten."
Benjamin meinte: "Also, das fing an mit
dem Gesicht von diesem verdammt hübschen Mädchen..."
"Quatsch", unterbrach ihn sein ehemaliger
Studienkollege, "ich habe dir doch den Film nicht von Anfang an gezeigt. Laß
uns zurückgehen, bitte."
"Einverstanden", erklärte Selatan.
Er nahm sein kleines Telefon aus der
Hosentasche und beorderte eine Überwachungsperson zur Terrasse des Hauses von
Professor Hinze. Als diese nach etwa drei Minuten erschien, ordnete er an:
"Nichts darf auf dieser Terrasse angerührt werden und niemand darf sich ihr bis
auf, sagen wir mal, bis auf fünfzig Meter nähern, zumindest nicht in diesem
Bereich, den auch Sie bitte auf keinen Fall betreten!" Bei diesen Worten
breitete er die Arme aus und zeigte einen bestimmten Winkel in Richtung auf
den Bereich, wo gestern das Mikrofon gestanden hatte. Obwohl beide Herren nicht
an der Pressekonferenz teilgenommen hatten, waren sie doch in der Lage den Aufstellungsort
des Mikrofons nachzukonstruieren; denn das kleine Podest war noch vorhanden.
Beckles und Selatan eilten zurück zum
Überwachungsraum, sahen sich den Film von der, über das Publikum hinwegschwenkenden
Kamera im Schnelldurchlauf noch einmal an und zählten die Gesichter, bis
dieser angebliche Patrick Poharto auftauchte. Sie vergewisserten sich, indem
sie sich auch nachfolgende Schwenkszenen vorführen ließen. Dann eilten sie zur
Terrasse zurück; denn es war ihnen ziemlich sicher, daß der Mörder auf dem
sechsten Stuhl von rechts, aus der Sicht vom Podium her gesessen haben mußte.
Die Stühle standen zwar am heutigen Tag
durcheinander gewürfelt da. Aber die beiden Freizeitdetektive versuchten, sie
zu ordnen. Benjamin Selatan nahm den vermeintlichen Platz ein, um
auszuprobieren, welches wohl die Flugrichtung der Giftkapsel gewesen sein
könnte.
"Weißt du, an welcher Seite des Halses,
dieser arme Hinze getroffen worden ist?" erkundigte er sich.
"Warte mal", bat sein Freund Beckles und
meinte: "Ich glaube rechts."
"Das wäre schwer von hier aus zu realisieren",
stellte Benjamin fest.
"Und wenn Hinze gerade in dem Augenblick,
ehe er getroffen wurde, den Kopf gedreht hätte", kommentierte Herbert Beckles
und fuhr fort: "Mist, das haben wir doch auf dem Film von unserer
Fernsehanstalt beziehungsweise auch auf diesen anderen... Da ist das doch alles
drauf. Ich kann mich nicht mehr so genau erinnern, wie das noch war. Also,
jetzt schau ich mir das auch noch erst wieder einmal an, ehe wir anfangen,
unsystematisch 'rum zu suchen. Wir sollten ganz sicher gehen..."
Er lief los. "Ich bleibe hier!" rief
ihm sein Freund nach.
Als Beckles nach etwa fünf Minuten
zurückkam, rief er schon von weitem: "Ja, der hatte seinen Kopf gerade in dem
Augenblick als ihn dieses Ding traf, nach links gedreht. Es paßt zwar nicht so
ganz... Nun, vielleicht doch... Jetzt sollten wir aber endlich anfangen."
"Moment", riet Selatan, "wenn nun die
Kapsel an der Kleidung von Rondi abgeprallt ist, dann könnte sie sogar fast
direkt vor uns liegen. Wie wollen wir denn jetzt vorgehen?"
"Könnten Sie uns bitte etwa hundert Meter
Leine oder Band besorgen? Wir wollen einen Winkelbereich markieren, in dem die
Kapsel mit ursprünglicher Richtung auf den Sprecher am Mikrofon ausgespuckt
worden sein kann", bat Beckles die Überwachungsperson und wandte sich an seinen
Freund: "Wir beginnen inzwischen mit der Suche im Nahbereich, einverstanden?
Ich vermute allerdings, daß die Kapsel auf keinen Fall an der Kleidung
abgeprallt ist; denn dann wäre sie sicher auch eingedrungen, wenn auch nicht
bis auf die Haut. Nein, nein, die Kapsel hat, aus welchen Gründen auch immer,
ihr Ziel verfehlt. Vielleicht hat sich Rondi gerade im richtigen Augenblick
aus der Flugrichtung der Kapsel fortbewegt."
Dennoch begannen beide, auf dem Boden
umherzukriechen und mit ihren Augen, angespannt und voll konzentriert jede
Stelle zu überstreichen.
"Ich seh' sie", rief Beckles plötzlich
aufgeregt. Aber was er unter dem, den nicht mehr gekachelten Boden der Terrasse
berührenden Teil einer Holzseitenkante des Podestes fand, war eine weiße
perlenähnliche Plastikkugel, die innen durchlöchert war.
"Wo kommt die denn her?" wollte
Benjamin wissen.
Sein Freund zuckte mit den Schultern und
meinte: "Die war wohl auf einer Schnur aufgereiht, die gerissen ist. Dann
werden wir vielleicht noch mehr solcher Scheißdinger finden, die uns dann jedes
Mal verwirren."
Weitere solcher Kugeln konnten beide
Herren dann doch nicht im Nahbereich um den Podest herum entdecken.
Inzwischen war die Überwachungsperson mit
zwei Schachteln weißer Bänder von je vierzig Meter Länge zurückgekehrt und entschuldigte
sich: "Etwas anderes habe nicht auftreiben können. Aber wonach suchen Sie
eigentlich?"
Doktor Selatan erklärte kurz, worum es
ging, bat eines der Bänder auf der Rasenfläche hinter dem entsprechenden
Terrassenteil auszulegen, wobei er selbst, vor dem Stuhl stehend, auf dem
dieser Poharto sehr wahrscheinlich gesessen hatte, ein Ende mit der linken Hand
festhielt, während die Überwachungsperson das Band am anderen Ende stramm
hielt. Benjamin dirigierte mit dem rechten Arm winkend: "Noch ein bißchen
weiter nach rechts, noch ein bißchen. So, das müßte der maximal äußere Bereich
von mir aus gesehen nach links sein... Jetzt die andere Seite!"
Dann wurde das andere Band abgewickelt,
wobei die Überwachungsperson sich wieder, genau wie beim ersten Mal, von
Selatan entfernte. Als das Ende erreicht war und das Band von beiden Leuten
gespannt gehalten wurde, lautete die Anweisung diesmal: "Nach links, noch
weiter, noch ein bißchen. Stopp!"
"So das müßte der Winkelbereich sein, in
dem die Kapsel zu finden sein sollte", meinte Selatan an seinen Studienkollegen
Beckles gewandt.
Die Überwachungsperson rief: "Soll ich
suchen helfen?"
"Nein, das machen wir alleine", schrie
Selatan wegen der Entfernung zurück.
Die Person kam auf die beiden Herren zu,
wobei sie zur Seite in den Bereich schaute, den die weißen Bänder als Winkel
kennzeichneten. Als sie sich bis auf etwa zehn Meter den Herren Beckles und
Selatan genähert hatte, rief sie: "Da liegt 'was im Gras" und wollte sich
bücken.
"Nicht anfassen!" schreien die beiden
Freizeitdetektive gleichzeitig und eilten zu der bezeichneten Stelle.
"Das könnte wirklich die Giftkapsel sein",
bemerkte Benjamin und fragte: "Was machen wir nun? Wir brauchen einen Löffel
und eine kleine Plastiktüte", beantwortete er selbst seine Frage.
Während die Überwachungsperson beides zu
besorgen hatte, knieten Beckles und Selatan neben der entdeckten Kapsel. Dann
streckten sie sich bäuchlings auf dem Boden aus, wobei sie sich auf ihre
Ellbögen abstützten, und betrachteten ein kleines, hellrotes,
revolvergeschoßähnliches Gebilde von etwa fünf Millimeter Durchmesser und
ungefähr einem Zentimeter Länge. Ein Ende schien scharf zugespitzt zu sein,
während das gegenüber liegende Ende sanft abgerundet erschien.
"Das muß das Ding sein", flüsterte
Benjamin, "wonach wir gesucht haben. Wenn ich daran denk, daß es für William
Rondi gedacht war... Nur ein kleiner Zufall oder wie soll man das nennen
können, hat verhindert, daß es mit dem Mordanschlag nicht geklappt hat..."
Sein Freund begann seine eigenen
Betrachtungen: "Wenn ich mir überlege, daß so ein winziges Ding, das nicht
einmal einen halben Kubikzentimeter ausmacht, unsere gesamte Blutmenge von
sieben Litern, soweit ich in Erinnerung habe, vergiften kann, dann bekomme ich
Hochachtung davor. Was sind wir doch für anfällige Wesen..."
Benjamin philosophierte: "Gut dann bist
ganz weg, vergiftet aber tot. Schlimmer ist ja noch, wenn dich deine Gefühle
plagen, wenn du nur ein bißchen vergiftet bist und schrecklich leidest. Was ist
das eigentlich für ein Gift, das dir zum Beispiel Liebeskummer bereitet? Woher
kommt denn nun solch ein Gift, das deine Gefühle beeinträchtigt? Wie kommt ein
solches Gift in deinen Körper? Wie kommt solch eine Vergiftung zustande, die
dich umhaut, dich sogar arbeitsunfähig, ja sogar ganz lebensuntauglich macht?
Hast du schon mal Liebeskummer gehabt?"
"Und ob", gestand sein Freund und
erkundigte sich: "Kannst du dich noch an meine große Liebe, diese verfluchte
Nana erinnern, die mir den Kopf so verdreht hatte, daß ich sogar durchs Examen
gerasselt bin? Plötzlich war sie mit jemand anderem verheiratet, einer
häßlichen chinesischen, kleinen Kröte, aber reich. Ich war wahnsinnig vor
Eifersucht und gekränkter Eitelkeit. Diese schöne rötliche Kapsel hier wäre
mir damals ein willkommenes, erlösendes Geschenk gewesen, eine wundersame,
kostbare Perle. Ich war so fix und fertig, habe mich zwei Tage lang in mein
Zimmer eingeschlossen, nur geheult, sogar einfach ins Bett geschissen, mir
immer wieder eingeredet: Du kannst einfach sterben. Du mußt einfach aufhören
zu atmen. Du mußt es nur wollen. Dann hat mein Vater endlich die Tür
aufgebrochen, mich durchgeprügelt wie noch nie. Das hat mich irgendwie wieder
zurück in die Realität gebracht..."
Er griff mit sehr langsamer Bewegung nach
der Kapsel mit einem zufriedenen Lächeln auf seinen afrikanischen Lippen. Seine
Miene strahlte ein großes Glücksgefühl aus. Benjamin ergriff seine Hand, zog
sie behutsam von der Kapsel weg zu sich und drückte einen leichten Kuß auf
seinen Handrücken. "Sollten wir nicht wieder in die Realität
zurückkehren?" riet er.
Herbert Beckles drehte sich auf den
Rücken, lag langausgestreckt auf dem Rasen und schaute gedankenverloren in den
tiefblauen karibischen Himmel.
"Komm zu dir, Herby", bat sein Freund und
ergänzte: "Das Grübeln über die Vergangenheit hat doch keinen Zweck."
Beide Männer lagen ausgestreckt
nebeneinander.
"Ich bin ja nicht unglücklich",
meinte Herbert Beckles und erklärte weiter: "Natürlich bin ich auch nicht glücklich.
Mit diesem ganzen Gescheiße von Liebe und so weiter will ich nichts mehr zu tun
haben. Ich habe seit dieser Geschichte mit der Nana keine Frau mehr angerührt.
Hassen tue ich sie alle..."
Die mit den angeforderten Utensilien
zurückgekehrte Überwachungsperson riß die beiden ehemaligen Studienkollegen
aus ihren romantischen, nostalgischen Betrachtungen: "Es tut mir leid, daß es
etwas lange gedauert hat. Aber ich mußte erst einmal..."
"Verpiß dich!" schrie Beckles
wütend, wobei er aufsprang, sich dann aber sofort entschuldigte und bedauerte,
daß er sich so daneben benommen habe. Er erklärte, daß er wegen der Anstrengungen
der letzten beiden Tage ein wenig nervös geworden sei.
Doktor Benjamin Selatan war zum Hause von
Professor Rondi zurückgeeilt, um seinem Chef über den Fund einer eventuellen
Giftkapsel und über die Videoaufzeichnungen eines Klientenbetreuers zu
berichten. Doch Rondi hatte sich, voll gestopft mit Beruhigungsmitteln, in
sein Schlafzimmer zurückgezogen und war nicht ansprechbar.
Der Ministerpräsident, Doktor Moses, rief,
wie versprochen, zurück und mußte wieder mit Benjamin Selatan als
Gesprächspartner vorlieb nehmen.
"Den Vorwurf, Doktor Selatan, den Sie mir
wegen Unterlassung einer kriminalistischen Untersuchung der Vorgänge um den
Mordfall Professor Hinze gemacht haben, muß ich entschieden zurückweisen.
Selbstverständlich hätten sich unsere Behörden sofort eingeschaltet, wenn eine
Anzeige erfolgt wäre. Kann sein, daß Sie, beziehungsweise wer auch immer aus
Ihrem Wissensvermittlungsinstitut, daran nicht gedacht haben. Doch auf meine
persönliche Veranlassung hin ist eine Mordkommission gebildet worden, die
bereits eine Leichenschau vorgenommen hat und in Kürze bei Ihnen auf dem Hügel
vorstellig werden wird. Ich hoffe, daß ich Sie damit etwas beruhigen kann in
Ihrer Sorge, es werde von Regierungsseite nichts unternommen."
"Vielen Dank für diese Aufklärung", sagte
Benjamin Selatan mit eiskalter Stimme, da ihn Redewendungen wie Mordfall Professor Hinze und Leichenschau verärgert hatten. Er
rügte: "Mir ist neu, daß einem Mordfall nur aufgrund einer ausdrücklichen
Anzeige, das heißt, auf Anforderung behördlicherseits nachgegangen wird. Übrigens
sollte ich wiederholend darauf aufmerksam machen, daß wir nach wie vor immer
noch alle ankommenden und herausgehenden Telefongespräche aufzeichnen. Also,
wann können wir mit dem Erscheinen von Mordkommissionsmitgliedern rechnen.
Wir haben nämlich festgestellt, daß nicht nur Herr Professor Kurt Hinze einem
Mordanschlag zum Opfer gefallen ist sondern daß gestern auf der Pressekonferenz
ein Mordversuch an Professor William Rondi gescheitert ist. Professor Rondi
sollte offensichtlich auf die gleiche Weise wie Professor Hinze getötet werden.
Die auf ihn gerichtete Giftkapsel hat zum Glück ihr Opfer verfehlt. Diese
Giftkapsel konnten wir sicherstellen und über den Mordversuch gibt es Fernsehaufzeichnungen.
Soviel zu diesem Thema. Darf ich Sie fragen, ob schon Ergebnisse der
Untersuchung über wenigstens annähernde Schadensausmaße der heutigen
Atombombenexplosion vorliegen?"
Doktor Moses antwortete: "Lassen Sie mich
auf Ihre letzte Frage vorerst eingehen. Ein mir per Funk übermittelter Situationsbericht
sagt nur, daß ein Krater von etwa fünfundzwanzig Meter Tiefe mit einem
Durchmesser von etwa achtzig Metern entdeckt worden ist und daß einige Hektar
an Waldbeständen verkohlt sind. Zum Glück hatten wir vergangene Nacht sehr
heftige Regenfälle, wodurch kein weiterreichender Waldbrand entstehen konnte..."
"Sind zu Schaden gekommene Menschen
gefunden worden?" erkundigte sich Selatan.
"Bisher nicht", erhielt er zur Antwort.
Benjamin atmete etwas erleichtert auf.
Der Ministerpräsident fuhr fort: "Ich habe
persönlich den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika angerufen und
ihm vertraulich erklärt, daß der Atombombenabwurf durch ein in seinem Lande
hergestelltes Flugzeug erfolgt sein soll. Da ich diesen Hinweis von Ihnen hatte,
leider ohne nähere Angaben..."
"Die Unterlagen kann ich Ihnen geben",
unterbrach Doktor Selatan. "Es handelt sich um eine zweistrahlige
Militärmaschine des Typs BC77, also der bekannten Werke für die Herstellung von
Kampf- aber auch Zivilflugzeugen. Wir haben eine klare Aufzeichnung von der
Maschine, die jedoch völlig weiß gestrichen ist und die keinerlei Hoheitszeichen
oder andere Kennungszeichen hat. Kopien unserer Aufnahmen vom Flugobjekt sowie
von der Bombe kann ich Ihnen jederzeit zukommen lassen. Wenn Sie mit
Telefaxkopien vorerst zufrieden sind, kann ich das sogleich veranlassen. Ich
benötige nur eine entsprechende Nummer, an die solche Bilder gesendet werden
können, die wir sowieso veröffentlichen werden. Einzelheiten des Bombentyps
habe ich Ihnen ja bereits durchgegeben..."
"Ach ja, das habe ich tatsächlich in
meiner Aufregung vergessen, meinem amerikanischen Amtskollegen weiter zu
geben", gestand der Präsident, der weiter ausführte: "Das werde ich nachholen.
Natürlich wäre ich für die Überlassung von Bildern sehr dankbar. Aber sollten
Sie mit einer allgemeinen Veröffentlichung nicht warten, bis daß mehr Licht in
die Affäre gekommen ist?"
"Woher vermuten Sie, daß solches Licht
kommen könnte?" wollte Selatan mit deutlicher Ironie in seiner Stimme
wissen.
Der Präsident zögerte eine Weile mit der
Antwort, so daß sein Gesprächspartner in arrogantem Tonfall nachfragte: "Haben
Sie meine Frage verstanden?"
Nach mehrmaligem Räuspern erklärte der
Präsident: "Also, ich muß Sie tatsächlich vorerst um eine gewisse Geheimhaltung
bitten, da wir nicht die Bevölkerung zu sehr beunruhigen dürfen. Wenn unsere
Mitbürger erfahren, daß auf Trinidad eine Atombombe abgeworfen worden ist,
dann bricht doch vielleicht Panik aus. Es gibt in unserem Land keine einzige
Zivilschutzmaßnahme, nicht einmal gegen einen sogenannten konventionellen
Krieg. Wir haben doch keinen einzigen Bunker, nichts dergleichen. Verstehen
Sie?"
"Und was beabsichtigen Sie als offizielle
Erklärung für die heutige Explosion abzugeben?" wollte Selatan wissen,
der daraufhin einen tiefen Seufzer vernahm, ehe sein Gesprächspartner antwortete:
"Herr Doktor Selatan, es tut mir leid, wenn ich eine Beobachtung nicht
verheimlichen möchte, die, wenn ich sie offen ausspreche, Sie hoffentlich
nicht kränkt. Ich befürchte, daß Sie mir irgendwie feindselig gegenüber stehen.
Ich merke deutlich aus Ihrer Stimme, daß Sie mir nicht besonders wohl gesonnen
sind. Das finde ich bedauerlich; denn nur in enger, vertrauensvoller Zusammenarbeit
werden wir doch die anstehenden Probleme lösen können. In einer solchen Zusammenarbeit
können und sollen sogar verschiedene Meinungen aufeinander prallen, aber doch
bitte in sachlicher Weise und nicht von vorn herein emotionsgeladen. Nur aus
der Synthese von Meinungsunterschieden, von verschiedenen Ansichten und
Perspektiven wird es uns gelingen, die beste Lösungsmöglichkeit herausfiltern
zu können. Das gilt doch wohl ganz allgemein und nicht nur für unseren
Problemkomplex. Bitte haben Sie doch auch Verständnis für meine Position. Ich
sichere Ihnen zu, daß ich alles in meiner Macht befindliche einsetzen werde,
um die anstehenden Probleme zur Lösung zu bringen. Ich bitte Sie also nochmals
herzlich und ganz persönlich und eindringlich, lassen Sie uns so eng es geht
zusammenarbeiten. Also, jetzt zu ihrer eigentlichen Frage: Wenn die Bevölkerung
erfährt, was tatsächlich heute passiert ist, entsteht eine Panik. Das können
Ihnen Psychologen bestätigen. Was eine solche Panik für Auswirkungen hat, kann
niemand absehen. Es besteht aber eine große Wahrscheinlichkeit, daß sich die
Volkswut - jetzt regen Sie sich bitte nicht auf, was ich sagen muß, wenn sich
also eine solche Volkswut auch gegen Ihr Institut richten könnte. In panischer
Angst wird nicht mehr logisch reagiert, und Leute in Panik sind Argumenten
nicht mehr zugänglich. Das ergibt sich aus der Definition des Begriffes Panik.
Also, niemand wird abschätzen können, gegen wen sich unvoraussehbare Reaktionen,
eben aus Angst, ja Todesangst richten können, so wie bei einem wilden Tier, das
in die Enge getrieben worden ist und sein Leben verteidigt. Unser Volk ist
schutzlos. Das ist eine Tatsache. Es will sein Leben verteidigen, wird sowohl
teilweise die Regierung angreifen und vielleicht auch Sie, indem es sich sagt,
was haben wir mit diesen Leuten zu tun, wegen denen unser Leben bedroht wird.
Können Sie mir folgen?"
"Ja, sehr wohl", bekannte Benjamin.
Der Ministerpräsident fuhr fort: "Also,
Herr Doktor Selatan, versuchen Sie bitte zu verstehen, daß wir offiziell sicher
nicht den Mord an Professor Hinze und den Mordversuch an Professor Rondi, über
den ich entsetzt bin, in einen Zusammenhang mit der heutigen
Atombombenexplosion bringen dürfen, zumindest jetzt im Augenblick nicht, falls
da überhaupt ein Zusammenhang besteht. Ich habe sogar die Absicht, die
Explosion als einen Meteoritenabsturz deklarieren zu lassen. Gegen eine Naturkatastrophe
sind wir Menschen machtlos. Das wird hingenommen. Ich beschwöre Sie, zumindest
vorerst zu den tatsächlichen Vorgängen zu schweigen." Diese letzten Worte
schloß er wieder mit einem deutlich hörbaren Seufzer ab.
Benjamin Selatan war irgendwie von den
Worten seines Ministerpräsidenten überzeugt worden und überlegte, welche
Stellung er jetzt beziehen sollte, ohne sich mit seinem Chef, Professor Rondi,
abgestimmt zu haben, ja abstimmen zu können, der im Augenblick nicht ansprechbar
war. Doktor Selatan fühlte, daß er jetzt eine wichtige Entscheidung riskieren
müsse.
Diesmal seufzte er, fand aber keine Worte,
woraufhin sein Gesprächspartner wieder das Wort ergriff: "Ich bin etwas bekümmert,
daß dieses unser Gespräch aufgezeichnet worden ist. Ich setze jedoch mein
Vertrauen in Sie, davon keinen Gebrauch zu machen. Ich überlege gerade, wie wir
zusammenarbeiten können. Sie haben offensichtlich in Ihrem Institut viele
Möglichkeiten... Äh, nun, was wollte ich eigentlich sagen. Warten Sie, ich muß
nachdenken... Also, ich schlage vor, daß wir uns am besten persönlich
zusammensetzen sollten. Die Lage ist so ernst, daß wir alles, aber auch alles
versuchen müssen, um weitere Bedrohungen so schnell wie möglich durch
Aufdeckung der Mördertrupps abzuwenden, die offensichtlich die totale Vernichtung
Ihres Instituts sogar mit den grausamsten kriegerischen Mitteln planen. Wo und
wann und mit wem können wir uns treffen? Von meiner Seite würde ich natürlich
den Innenminister, den Außenminister, den Verteidigungsminister, äh,
vielleicht noch nicht unbedingt... Ach ja, der ist sowieso nicht im Lande...
Aber den Gouverneur möchte ich auch zur Teilnahme am Gespräch einladen. Bitte
schlagen Sie vor, wer von Ihrer Seite als kompetenter Partner infrage
kommt."
Benjamin Selatan war jetzt durch den Gesprächsverlauf
davon überzeugt, daß die Regierung von Trinidad und Tobago es ernst mit dem
Willen meinte, die Ereignisursachen der letzten beiden Tage aufzuklären.
Spontan schlug er seinerseits vor: "Warum kommen Sie nicht zu uns herauf, so
bald es Ihnen möglich ist. Damit wäre die Frage des Wo und Wann geklärt. Sie
könnten den Flug damit motivieren, sich nach den Schäden bei uns durch den
Meteoriteneinschlag informieren zu wollen. Nicht alle Tage fällt ja ein Meteor
auf diese Insel..."
Er lachte bei diesen Worten, in das der
Ministerpräsident offensichtlich befreit einstimmte; denn er kommentierte:
"Ich merke, wir beginnen, uns zu verstehen."
Der selbsternannte Stellvertreter von
Professor Rondi fuhr fort: "Um diese Version zu erhärten, sollten Sie eine
kurze Besichtigung der Einschlagstelle machen, ehe Sie zu uns herauffliegen.
Nun zur Frage, wer von unserer Seite als Gesprächspartner zugegen sein könnte.
Das ist ein wenig schwierig zur Zeit, da Professor Rondi als zweifellos die
wichtigste Person einen Schock erlitten hat. In jedem Fall wird unser
Sicherheitsbeauftragter, Herr Herbert Beckels, zu der Konferenz, an der ich
natürlich teilnehmen werde, hinzugezogen werden. Das sollte ausreichend sein.
Leider bin ich erst heute von einem Urlaub zurückgekehrt und habe die gestrige
Pressekonferenz mit dem ganz schrecklichen Ereignis nicht persönlich
miterlebt. Dennoch bin ich wohl im Augenblick die über alle Einzelheiten am
besten informierte Person. Um es kurz zu machen: Sagen Sie mir bitte Bescheid,
wann wir mit Ihrem Erscheinen rechnen können."