Bücher: Gehirnmanipulation

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Walter Rath

 

 

 

Manipulation des Gehirns

 Geschrieben 1984 (in der Karibik)

 

 

 

I N H A L T :

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Das große Umdenken                     293 >>

 

 

 

 

 

Die Fernseh-Show

 

  Es herrschte neugierige, spannende Stille im neuen, großen Sendesaal der British Broadcasting Corporation, BBC, mit den stadionähnlich angeordneten Sitzreihen, nachdem angekündigt worden war, daß jetzt auf Direktsendung geschaltet werde.

 

  Auf einer Liege in der "Arena" ruhte bewegungslos Ayleen Broch, Sekretärin von Beruf, Staatsbürgerin von Trinidad und Tobago, fast neunundzwanzig Jahre alt und aus der Ehe zwischen ihrer etwas molligen, spanisch blütigen Mutter und dem sehr schlanken Vater, indi­scher Abstammung, als dritte Tochter hervorgegangen. Professor Doktor Kurt Hinze, Gehirnspezialist und eng­ster Mitarbeiter von Professor William Rondi, hatte sie bereits mit einer Dormibon-Spritze in Tiefschlaf versetzt. Ayleen Broch, atmete zwar regelmäßig, war aber nicht mehr bei Bewußtsein. Neben ihrer Liege war ein Turm aus Apparaturen aufgebaut, die mit Drahtstrippen untereinander verbunden waren. Ein vielfarbiges Kabelgewirr ging von den Gerä­ten zum Kopf von Ayleen und verschwand unter einer grünen, an einen Operations-Saal erinnernden Kopfbedeckung. So konnte niemand sehen, wie die Drähte darunter endeten.

 

  Ein ähnlicher Kabelstrang war zum berühmten, in den Vereinigten Staaten von Amerika beheimateten Pianisten, Clay Crayton, verlegt worden und verschwand auch dort unter einer gleichen Kopf-Haube, wie sie die Sekretärin trug. Crayton, inzwischen fünfundvierzig Jahre alt und afrikanischer Sklavenherkunft, harrte, geistesabwesend wirkend, abwartend am weißen Steinway-Flügel mit Goldbronze-Verzierungen offensichtlich der Dinge, die auf ihn zukommen sollten. Er zählte hin und wieder seine zwar recht langen, aber kräftigen Melker-Finger.

 

  Professor Hinze, bereits über sechzig, dem seine deutsche Herkunft, trotz der sonnengebräunten Haut unverkennbar anzusehen war, verfolgte emsig mit sehr ernster Miene die Kabel, prüfte hier und dort, stellte an Reglern der Apparate.

 

  An einem sichelförmigen Tisch saßen der Moderator der Sendung, mit seinem typisch englisch länglichen Gesicht und mit einem etwas seitlich verschobenen, schmallippigen Mund und rechts von ihm Professor William Rondi. Letzterer war vor etwas mehr als sechsundfünfzig Jahren in Jamaika zur Welt gekommen als Sohn einer Mutter halb-afrikanischer Abstammung und eines Vaters, dessen Vorfahren ebenfalls als Sklaven von Gambia in die soge­nannte Neue Welt verschleppt worden waren. Einer der Großeltern mütterlicherseits war jedoch Europäer gewesen, wodurch Rondi zu der scharfen Nase und einem fast asketisch wirkenden Mund gekommen war. Ein weiterer, recht durchschnittlich europäisch aussehender Herr mittleren Alters und eine zierliche, typisch asiatisch aussehende Dame, deren Alter, nach europäischen Maßstäben, zwischen vierzig und sechzig zu schätzen wäre, hatten zur Linken des Moderators Platz genommen.

 

  Die "Arena" war gut ausgeleuchtet und wurde von mehreren Fernsehkameras beobachtet.

 

  Der Moderator begann: "Verehrte Gäste im Sendesaal, liebe Zuschauer zu Hause, was Sie jetzt in den nächsten Minuten miterle­ben werden, dürfte wohl die außergewöhnlichste Demonstration einer bisher für unvorstellbar gehaltenen Methode von Wissensvermittlung im sogenannten Maßstab eins zu eins werden, wenn alles klappt..."

 

  Bei diesen Worten wandte er sich lächelnd Professor Rondi zu, der, wie ein wenig verlegen, mit den Schultern zuckte, dann aber sogleich das Wort ergriff: "Meine Methode habe ich jetzt schon sehr häufig im Labor versucht, zuerst an mir selbst, dann an vier sogenannten Versuchspersonen, und schließlich haben zwei zahlende Klienten nach entsprechendem Erfolg ihre Zufriedenheit bekundet. Ich sehe keinen Grund, daß diesmal etwas schief gehen sollte..."

 

  Der Moderator hob abwehrend die Hand, um Professor Rondi am Weiterreden zu hindern: "Ehe Sie uns kurz zu erzählen haben, was hier demonstriert werden soll, darf ich erst einmal die anwesenden Beteiligten vorstellen: Das hier ist William Rondi, Professor für Computerwissenschaften und Informatik und Leiter der Technischen Institute in Port-of-Spain und in San Fernando, der Niederlassung der Westindischen Universität in Trinidad, die bekanntlich ihren Hauptsitz in Jamaika hat. Professor Rondi hat sich auf das Gebiet der künstlichen Intelligenz spezialisiert..."

 

  "Diesen irreführenden Ausdruck künstliche Intelligenz muß ich richtig stellen", unterbrach der Professor und erklärte: "Nur biologische, nach organisch chemischen Prozessen funktionierende Wesen, insbesondere Menschen, können intelligent sein, wenn unter Intelligenz kreatives Denken verstanden wird. Ich sträube mich hartnäckig dagegen, die bloße Speicherfähigkeit von Daten, was auch Wissen genannt wird, als Intelligenz zu bezeichnen, selbst wenn solches mehr oder weniger passives Wissen eventuell mit einfacher, mehr oder weniger geschickter, kombinatorischer Verarbeitungsfähigkeit ausschließlich im Rahmen eines mehr oder weniger festgefahrenen sozialen Systems einhergeht. Das ist Schlauheit, und besondere Schlauheit wird im Volksmund als Bauernschläue bezeichnet..."

 

  "Moment mal!" rief der, von seinem Äußeren her unauffällige, vom Moderator bisher noch nicht vorgestellte Herr am Halbmondtisch, "wir sollten uns schon an die gängigen Begriffsdefinitionen halten..."

 

  Der Moderator winkte ab und bat: "Aber meine Herren, wir haben leider nicht die Zeit, uns in solchen Grundsatzdiskussionen zu verlieren. Der Herr, der gerade seinen Einwand gegen Professor William Rondi vorgebracht hat, ist Doktor Victor Beck, Psychologe und Verhaltensforscher an der berühmten Harvard-Universität. Neben ihm sitzt Frau Lee Kok Eng, Professor für Anglistik an der Universität von Peking. Sie hält zur Zeit Gastvorlesungen bei uns in England und betreibt Forschung über Sprachentwicklung. Kann man das so bezeichnen?" fragte er die zierliche Dame. Sie zuckte mit den Schultern, wiegte den Kopf hin und her und nickte dann mit gespitztem, leicht lächelndem Mund.

 

     "Wir haben Frau Eng eingela­den", fuhr der Moderator fort, "um die chinesischen Sprachkennt­nisse von Professor Rondi zu testen, äh, ich wollte sagen, zu bestätigen. Da drüben sitzt der wohl jedem, trotz seiner komi­schen Haube bekannte Pianist Clay Cray­ton, um dessen elektrische Verdrahtung sich gerade Professor Kurt Hinze kümmert, der sich als Neurologe und Gehirnspezialist einen Namen gemacht hat und der engster Mitarbeiter von Professor Rondi auf dem Gebiet einer vollkommenen Wissensübertragung von einem Gehirn zum anderen ist. Dafür gibt es inzwischen schon den Fach­ausdruck: selektive sekto­rale Zerebral-Kopie, wenn ich das richtig behalten habe. Auf der Liege dort drüben liegt die Sekre­tärin von Profes­sor Rondi, Frau Ayleen Broch, der heute Abend das Klavier­spielen beigebracht werden soll. Ayleen hat kaum Ahnung von Mu­sik, insbe­sondere nicht von klassischer Musik. Vor dieser Sendung haben wir uns mit ihr unterhalten. Als sie nach ihren Hobbys gefragt wurde und Profes­sor Kurt Hinze mit deutlicher Ironie klassische Musik erwähnte, wurde sie nahezu aggressiv, weil sie offensichtlich darunter leidet, daß ihr Chef, Professor Rondi, ständig solche Musik hört, wann immer ihm möglich. Sie hat übrigens keine Ahnung, was mit ihr in Kürze hier geschehen wird, was in ihr Gehirn über­tragen werden soll. Sie hat sich lediglich als Ver­suchsperson zur Verfügung gestellt. Lachend meinte sie in diesem Zusammenhang: An meinem unterentwickelten Gehirn kann kaum noch was verdorben werden. Doch meine ich, wir hätten schon genug geredet. Ich selbst bin so sehr gespannt, was uns der Abend an Überraschung bringen wird. Nun möchte ich gerne das Wort Herrn Professor Rondi zu einer möglichst kurzen Erklä­rung über das, was wir vorhaben, geben."

 

     Professor Rondi räusperte sich und erklärte: "Also, ich habe mir in den Kopf gesetzt, Gehirninhalte ganz oder teilweise in andere menschliche Gehirne zu kopieren, so wie man ja heute stän­dig auf Datenträgern, wie magnetischen oder optischen Disketten, gespeicherte Daten hin- und herko­piert. Die Idee kam mir, als ich mich einmal selbst bei meinem Freund, Professor Kurt Hinze, einer Enzephalographie un­terziehen mußte, weil bei mir ein Verdacht auf Gehirntumor aufge­kommen war. Während ich also da so meine Gehirn­ströme auf Papier übertragen sah, dachte ich: Wenn die da so messen und aufzeichnen können, was in meinem Gehirn vor sich geht, dann müßte das doch viel­leicht für etwas, was nun gerade in diesem meinem Gehirn vor sich geht, charakte­ristisch sein, also charakteristisch sein für das, was ich denke, was ich weiß. Ich verwickelte Kurt sogleich in Diskus­sionen über meine Gedanken, der zuerst über mich lachte, aber dann doch anfing, ernsthaft mitzu­denken. Es würde hier zu weit führen, alle Einzel­heiten zu be­richten, die schließlich zur Rea­lisierung meiner damals spontan gekommenen Idee geführt haben, nämlich Gedanken­gänge quantitativ und qualitativ zu erfassen, zu regi­strieren und - diese Idee kam erst viel später - auf ein anderes Gehirn zu übertragen, also, im wahrsten Sinne des Wortes, Gedan­kenübertra­gung beziehungsweise Wissensübertragung. Es gab natür­lich erst einmal Mißerfolge. Beim ersten Ver­such an mir selbst, als ich französische Sprachkennt­nisse in mein Gehirn kopieren wollte, kam es zu einer Überlage­rung mit meinem, bis dahin sehr gut be­herrschten Spanisch. Das gab eine schlimme Ver­wirrung. Nun, las­sen wir das. Also heute haben wir die Kopier­methode im Griff, möchte ich behaupten. Wir testen den potentiel­len Rezipienten einer Kopie..."

 

     "Könnte man auch von einem Kopie-Empfänger sprechen?" unter­brach der Moderator.

 

     "Wie bitte?" erkundigte sich Prof. Rondi und fuhr, ohne eine Antwort abzuwarten, fort: "Ja natürlich. Also, in umfangreichen Tests ermitteln, das heißt lokalisieren  wir die Gehirnpartien, die für die Aufnahme der Kopie benutzt werden können. Fehlschläge an mir selbst haben gezeigt, daß eine Überlagerung fatale Folgen haben kann. Ich selbst habe einige Dinge, sprich Gedächtnis­lücken, die zum Glück wenigstens teilweise wieder repariert wer­den konnten, hinnehmen müssen. Also, jetzt sind wir uns schon ziemlich sicher, daß so etwas nicht mehr passieren kann..."

 

     "Sind Sie sich da wirklich so sicher?" unterbrach der Mode­rator erneut und fuhr fort: "Wie geht das Ganze denn vonstatten, ich meine die Kopiererei?"

 

     "Also, das ist so", erklärte William Rondi. "Wir müssen, also, ich meine, sprechen wir jetzt über unser Demonstrationsvor­haben: Wir müssen das sogenannte Original anzapfen, äh. Das geht so, daß wir das Original, äh, also hier unseren Pianisten zum Beispiel spielen lassen. Dabei muß er sich ja auf sein Spielen konzentrieren. Er muß seine Finger steuern, das zu Spielende, äh, ich meine, die Tasten des Klaviers in einer bestimmten Folge und Intensität anzuschlagen. Die Finger sind ja über Leitungen - das sind die Nerven -  mit dem Gehirn verbunden, wenn man es mal vorstellbar beschreiben will. Das sind ja einfach richtige elek­trische Leitungen, diese Nerven, in die Ströme geschickt werden. Die können wir nun mit unseren Appa­raturen bezüglich Entstehungs­ort, Impulsdauer, Impulsform und -richtung, sowie Intensität mes­sen. In Wirklich­keit ist das alles ein bißchen komplexer als ich es jetzt so schildere. Da sind schrecklich viele Leitungen - sprich Nerven - zu be­rücksich­tigen. Also, wir erfassen ja auch schon bereits den gan­zen Kram, ehe er in die Leitungen, sprich Nerven, verzweigt wird. Also, um alle Einzelhei­ten aufzuzeigen und verständlich machen zu können, müßte ich recht weit ausholen. Jedenfalls, äh, um zu unserer, heute Abend beabsichtigten Demon­stration zurückzu­kommen: der gute Clay hat ja nicht nur seine Finger im Spiel..."

 

     Er lachte wegen der Doppel­deutigkeit seiner zuletzt ge­brauchten Worte und führte weiter aus. "Also, lassen wir es mal bei einer groben Vereinfachung. Also, wir können elek­trische Impulse regi­strieren, aufzeichnen und/oder auf einen Rezipienten, also ein Gehirn als Empfänger übertragen, schließ­lich, also, äh... Ich hab' das mal sehr verein­facht in Schlagworten sozusagen zu­sammenge­faßt. In Wirklich wird da verstärkt, gefiltert und so einiges mehr. Also, was wollte ich denn jetzt sagen? Ach so, also, da ist nun dieser Empfänger, in unserem konkreten Fall die Ayleen, die da liegt und schläft und empfangs­bereit gemacht wor­den ist."

 

     Diesmal lachte das Publikum, was den Sprecher offensichtlich verwirrte, der fragend umherschaute und sich dann bei seinem Freund Professor Hinze erkundigte: "Habe ich was Dummes gesagt?"

 

     Der Moderator gab als Antwort: "Nein, keineswegs, nur etwas Doppeldeutiges beziehungsweise genauer gesagt: Zweideutiges. Aber fahren Sie bitte fort."

 

     "Was soll ich?" fragte Rondi, sprach aber sogleich weiter: "Nun ja, die Ayleen kann bis heute nicht Klavier spie­len. In wenigen Minuten wird sie es können. Wir haben sie vorher darauf hin ge­testet, wohin wir die Befähigung, Klavier zu spie­len, ins Gehirn eingravieren können, ohne etwas schon Vorhande­nes kaputt zu ma­chen, zu überschreiben. Wer eine Ahnung von Com­putern hat, weiß, wie unangenehm es sein kann, wenn man beim Kopieren eine bereits vorhandene Datei über­schreibt. Das kann schon mal pas­sieren..."

 

     "Und wenn das jetzt passiert?" erkundigte sich der Modera­tor.

 

     "Wie?" William Rondi schaute irritiert umher, in seinem Gedankenfluß unterbrochen, fing sich aber sogleich und erklärte: "Nun, man stelle sich vor, wir übertragen das Klavierspiel in das Gehirnzentrum für die Muttersprache. Dann kann unsere geschätzte Ayleen nachher vielleicht ganz nett klavierspielen aber nicht mehr pro­blemlos reden..." Er lachte.

 

     "Das finde ich nicht so sehr komisch", meinte der Moderator mit ärgerlicher Miene und ergänzte: "Und dann haben Sie das Wort vielleicht gebraucht..."

 

     "Quatsch", sagte Rondi etwas ungehalten. "Da passiert uns schon nichts..."

 

     "Wollen wir nicht erst einmal mit dem Experiment beginnen?" schlug der Moderator vor und fügte hinzu: "Wir können dann ja noch diskutieren, was da so bei so einer Kopiererei vor sich geht."

 

     Pianist Crayton schaute zum Halbmondtisch, rieb die Handin­nenflächen auf seinen Oberschenkeln, rutschte, offensichtlich ein wenig nervös auf seiner Sitzbank hin und her, schüttelte die Hände, die er in Richtung Tastatur bewegte.

 

     "Noch nicht", rief Professor Hinze aufgeregt, eilte zu Cray­ton und redete aufgeregt mit ihm. Da das Mirkofon erst sehr spät eingeschaltet worden war, konnte man nur die Worte hören: "Wenn ich ein Handzeichen gebe, konzentrieren Sie sich auf das Spiel und beginnen dann erst."

 

     Professor Hinze eilte zu den Apparaten, manipulierte daran herum und gab das vereinbarte Handzeichen. Crayton rutschte wieder auf der Sitzbank hin und her, um die richtige Position zur Tasta­tur zu bekommen, schüttelte die Hände, um sie wohl gelenkig zu machen, richtete sich gerade auf, rieb die Hände erneut an seiner dunklen Hose und führte sie schließlich über die Tasten. Mit einem leichten Vorschnellen des Oberkörpers drückten die Finger sanft die Tasten und ließen den ersten Satz aus der sehr bekann­ten, sogenannten Mondschein­sonate von Ludwig van Beethoven er­klingen.

 

     Erst eine Weile, nach­dem er geendet hatte, applaudierten die Zuhörer im Sendesaal. Die Sonate ist so bekannt, daß die Anwe­senden wohl nicht damit gerechnet hatten, daß bereits nach dem ersten Satz das Spiel zu Ende sein sollte. Sie waren gewohnt, auch die beiden anderen Sätze zu hören.

 

     Die Professoren Rondi und Hinze hatten während des Spiels kritisch die Meßinstrumente der Apparate beobachtet. Als Hinze einmal in Richtung eines Reglers greifen wollte, hatte Rondi ihm abwehrend auf die Hand geschlagen.

 

     Nachdem Professor Hinze die ruhende Sekretärin, Ayleen Broch, eingehend beobachtet und betastet hatte, zog er eine Spritze auf, die er langsam in ihre rechte Arm-Vene injizier­te, wäh­rend Professor Rondi die Drähte unter der Kopfhaube ent­fernte, ohne dabei die Haube abzunehmen.

 

     Ayleen Broch begann sich zu räkeln und gähnte ungeniert, so als wäre sie dabei, aus einem natürlichen Schlaf aufzuwachen. Während sie sich langsam aufrich­tete, nahm Professor Rondi ihr endlich vorsichtig die Kopfbedeckung ab. Langes, blondes Haar fiel auf ihre Schultern.

 

     "Hast du gut geschlafen?" erkundigte sich Kurt Hinze freund­lich bei ihr.

 

     Ayleen reckte ihre Arme hoch, gähnte erneut und murmelte mit verschlafener Stimme: "Oh je, was bin ich noch müde und kaputt. Trotzdem: einen guten Morgen!"

 

     Das Publikum im Sendesaal lachte; denn es war spät am Abend. Offensichtlich hatte Ayleen Broch bis zu diesem Zeitpunkt noch keine richtige Orientierung gehabt; denn sie zuckte zusammen und rief erregt: "O Gott, da sind ja viele Leute!"

 

     William Rondi hatte rasch den Pianisten Crayton von seinen Drähten befreit. Nachdem ihm die Kopfbedeckung abgenommen worden war, lachte das Publikum schallend; denn dunkles, üppig welliges Haar kam zum Vorschein. Dabei war er bekannt durch die charakte­ristische kahle Stelle mitten auf seinem Kopf, die von buschig krausen, grauen Haaren eingerahmt wurde.

 

     "Wie wär's, meine liebe Ayleen, wenn du uns die Mondschein­sonate von Beethoven vorspielen würdest?" bat Professor Rondi mit einem Lächeln, das leicht ironisch wirkte.

 

     Ayleen schaute sehr verdutzt, schüttelte den Kopf und rief erregt: "Ich kann doch überhaupt nicht Klavier spielen, und was soll ich spielen?"

 

     William Rondi erklärte an das Publikum gewandt: "Um unsere Demonstration ein wenig interessanter zu machen, haben wir Ayleen nicht einmal erklärt, was wir ihr beibringen würden. Das ist das erste Mal, daß wir so etwas gemacht haben. Ayleen hat unserem Versuch grundsätzlich zugestimmt und gesagt: Macht, was ihr wollt. Ich bin zu allen Schandtaten bereit..."

 

     "Ja, aber wieso soll ich denn jetzt Klavier spielen können?" erkundigte sie sich.

 

     Kurt Hinze ergriff jetzt das Wort und sprach in gutem Eng­lisch,  jedoch mit deutlich deutschen Akzent: "Wir wollten uns selbst beweisen, daß wir beliebige Wissensübertragung im Griff haben. Eine kleine Einschränkung haben wir gemacht."

 

     Bei diesen Worten wandte er sich an die Sekretärin und rede­te auf sie ein: "Da du sehr rasch auf der Schreibmaschine - ich meine, dem Textcomputer tippen kannst, haben wir bereits ausrei­chende mechanische Beweg­lichkeit und ausreichende Muskelkraft deiner Finger für das Kla­vierspiel ange­nommen, und das ausgewähl­te Stück ist technisch nicht schwer zu spielen. Du müßtest es also ohne Schwierigkeiten können. Versuch es bitte einmal. Setzt dich ans Klavier. Dann wird alles ziem­lich automatisch ablau­fen."

 

     Die beiden Professoren schoben Ayleen, die sich ein wenig sträubte und unsicher umher blickte, zum Steinway-Flügel.

 

     "Du kannst spielen!" versuchte Professor Rondi sie zu über­zeugen.

 

     Ayleen nahm auf der Sitzbank Platz, schaute nervös umher; denn sie hatte nie in ihrem Leben eine "Bühnenvorstellung" geben müssen. Außerdem hatte sie nie an einem Flügel gesessen. Es dreh­te sich alles um sie herum. Ihr wurde ziemlich übel. Sie sah die Umgebung nur in den beiden Farben: grelles Gelb und tiefes Schwarz. So jedenfalls hatte sie später Bekannten und Freunden die Lage geschildert, in der sie sich jetzt befand.

 

     "So, jetzt konzentriere dich auf das Spiel!" sagte Rondi fast in einem Befehlston.

 

     Ayleen schaute ihn wie um Hilfe flehend mit leerem Gesichts­ausdruck an.

 

     Doch dann schaute sie auf die Tastatur, rutschte auf der Sitzbank hin und her, um die rich­tige Position zur Tastatur zu bekommen, schüttelte die Hände, um sie wohl gelenkig zu machen, richtete sich gerade auf, rieb die Hände an ihrem Kleid und führ­te sie schließlich über die Tasten. Mit einem leichten Vorschnel­len des Oberkörpers drückten die Finger dann recht sanft auf die Tasten und ließen den er­sten Satz aus dieser Mond­scheinsonate von Ludwig van Beethoven genau so erklingen, wie ihn der bekannte Pia­nist Cray Crayton vorge­spielt hatte, zumin­dest nicht direkt hörbar unterschiedlich. Nun applaudierten die Zuhö­rer im Sende­saal tosend und nicht enden wollend. Ayleen schaute verwirrt in die Fernsehkamera und zu ihrem Chef, Profes­sor Rondi, auf, der den Arm auf ihre Schultern gelegt hatte und ein strah­lendes, zufriedenes Lächeln zeigte. Der Applaus mit Bravo-Rufen er­schreckte offensichtlich die Sekretä­rin, die ja nie in ihrem Leben einen öffentlichen Auftritt erlebt hatte. Ihre Augen waren weit aufgerissen, ihr Gesicht ein wenig krampfhaft verzerrt. Immer wieder versuchte der Moderator das Publikum zu beschwichti­gen. Ayleen war schließlich aufgesprungen, lachte hysterisch und hielt sich sichtbar verkrampft an Kurt Hinze und William Rondi fest.

 

     Erst nach Minuten beruhigten sich die Applaudierenden. Ay­leen Broch rief immer wieder: "Das darf doch nicht wahr sein! Das war wirklich ich, der da soeben gespielt hat?" 

 

     "Versuchs doch noch mal", schlug Kurt Hinze vor und erkundigte sich: "Weißt du, was du eigentlich gespielt hast?"

 

     Etwas roboterhaft antwortete Ayleen nach einigem Zögern: "Den ersten Adagio sostenuto Satz aus der Sonate Numero 14, Cis-Dur, Opus 27, Numero 2, auch Mondschein-Sonate genannt, von Lud­wig van Beethoven."

 

     Wieder begann das Publikum einen stürmischen Applaus.

 

     Ayleen Broch setzte sich wieder an das Klavier. Wieder be­gann sie auf der Sitzbank hin und her zu rutschen, um die rich­tige Position zur Tastatur zu bekommen. Genau wie zuvor schüttel­te sie die Hände, richtete sich gerade auf, als hätte sie es schon tausendmal so gemacht, rieb erneut die Hände an ihrem Kleid und führte sie schließlich über die Tasten. Auch diesmal drückten die Finger sanft die Tasten mit einem leichten Vor­schnellen des Oberkörpers.

 

     Nach dem ersten Satz aus besagter Mond­scheinsonate von Lud­wig van Beethoven, der auch diesmal mit genau derselben Präzision wie zuvor und wie er vom Berufs­piani­sten Crayton ge­spielt worden war (was an hand der Fernseh­auf­zeich­nung später analysiert worden ist), begannen die Zuhörer im Sen­desaal noch begeisterter zu toben.

 

     Als das Geklatsche, das den Victoria-Was­serfällen Konkurrenz machte, langsam abebbte, meinte Professor Rondi an Ayleen ge­wandt: "Kannst Du noch etwas spie­len?" Sie schaute ihn fragend an, wiederholte die gleiche Proze­dur mit Hin- und Herrutschen, Hände-Ausschütteln, Hände-Reiben, ehe sie wieder mit einem Vor­schnellen des Oberkörpers den zweiten Sonatensatz begann.


     Aber schon nach wenigen Takten blieb sie diesmal stecken. Es herrschte betretenes Schweigen im Saal. Pro­fessor Rondi lachte und rief: "Das hatte ich nicht einmal erwar­tet, daß du sogar diese Takte zustande bringen würdest. Wir haben dir ja nur den ersten Satz in dein Gehirn geladen."

 

     "Mehr kann ich nicht?" erkundigte sich die Sekretärin mit sichtlich enttäuschter Stimme. Pro­fessor Rondi nickte, reichte ihr die Hand und führte sie an den Halbmondtisch. Die Zuschau­er applaudierten diesmal recht verhalten.

 

     Es herrschte für ein paar Sekunden bedrückende Stille, in der der Moderator sich mehrmals räusperte, aber offensichtlich nicht wußte, wie er seine Sendung weiterbringen könnte.

 

     "Das war nun wirklich ein kleines Affentheater, das wir zu sehen bzw. zu hören bekommen haben", kommentierte Doktor Victor Beck, Psycholo­ge und Verhaltensforscher, mit unverhohlener Aggression. "Was sollte das Ganze also bezwecken? Ihre Dame kann also nur ein einziges kurzes Stück, wie ich mitbekommen habe", läster­te er, an Pro­fessor Rondi gewandt.

 

     "Im Prinzip haben sie recht", erwiderte dieser, fügte dann hinzu: "Aber quod erat demonstrandum - äh, ich meine, was demon­striert werden sollte - ist hundertprozentig gelun­gen. Hätten wir Clay Crayton sein ganzes Repertoire spielen las­sen, wäre Ayleen jetzt in der Lage, das ebenso zu können, viel­leicht tech­nisch nicht ganz so vollkommen, da vielleicht ihre Finger oder viel­mehr die Muskeln zu den Fingern nicht gelenkig genug durch­trai­niert sind. Aber dazu hatten wir ja keine Zeit. Immerhin ist auch be­wiesen worden, daß Ayleen sogar ein wenig mehr spielen kann als wir von Clay Crayton gehört haben, weil der bereits am Ende des er­sten Sonaten-Satzes an den zweiten gedacht und sich wahrschein­lich schon - wie gewohnt - innerlich darauf eingestellt hatte. Also, meine Damen und Herren, genau darum geht es bei unserer Methode: Wir brauchen nicht das ganze Repertoire, das zum Bei­spiel ein Berufspianist beherrscht, zu übertragen. Beim Spiel denkt er bereits an andere Dinge, und alles, was während der Übertragung im Kopf des Origi­nals, des Spenders vor sich geht, wird mitkopiert, verstehen Sie. Das können wir nicht - viel­leicht noch nicht - verhindern. Das hat jedoch einen Vorteil: Bei einer Fremdsprache zum Bei­spiel, lassen wir das Original eine Zeitlang reden, heute nach unserer verbesserten Methode diskutie­ren und das eine Woche lang. Also, dann haben wir die gesamte Sprache im Kasten, wie wir sa­gen, und nicht nur die Spra­che, sondern auch den ganzen kulturel­len Hintergrund, eben die Sprache als Mutter­sprache, wie man es nennt, verstehen Sie? Denn während der Spre­cher redet, denkt er in seiner Sprache mit all den kultu­rellen, zu seinem Sprachraum gehörenden Erfahrungen. Das alles gehört mit zu einer Muttersprache. Als Original nehmen wir natür­lich gut ausgebildete und an Wissen reiche Leute. Also, dann haben wir nicht nur die Sprache sondern auch die ge­schichtlichen Ereignis­se, die landesspezifisch kulturel­len, die weltanschauli­chen Hin­tergrün­de, also alles, was so mit einer soge­nannten Fremdsprache im Zu­sam­menhang steht. Also, Sie müssen uns aller­dings zugute halten und äh, also, daß wir eigentlich ja immer noch am An­fang unserer For­schung stehen. Aber mit den Sprachen, nun, da bin ich der Mei­nung, das haben wir schon recht gut im Griff. Wir haben bereits vierzehn Sprachen aufgezeichnet, die wir einem Rezipien­ten, also einem Empfänger, der so eine Sprache lernen will, in etwa einer Woche regelrecht eintrichtern können. Eine Woche Vor­bereitung brauchen wir, um sicherzugehen, daß wir vorhande­nes Wissen nicht überla­gern, nicht über­schreiben, also zerstören. Ich selbst habe in einem Anflug von Euphorie, anders kann ich es heute nicht mehr be­zeichnen, neben meiner englischen Mutter­sprache, weitere sieben Sprachen gespeichert. Damit ist mein Gehirn nach­weislich prak­tisch voll. Was nämlich mit dem wirklich perfekten Beherrschen einer Sprache zusammenhängt, ist ja unge­heuerlich: Da sind die geschichtlichen, die kulturellen und sozi­al spezifischen Kennt­nisse erforderlich. Da muß man etwas über die Kunst und die Lite­ratur wissen und so vieles andere mehr, wenn man eine Sprache perfekt kennen will. Da ist also kaum mehr Platz in meinem Gehirn geblieben. Das könnte ziemlich schlimm werden, muß ich Ihnen gestehen, verdammt. Also, noch behalte ich in der Regel all die­sen täglichen Kram. Aber wie das in einigen Jahren werden wird, weiß ich nicht; denn alle Ereig­nisse des Tages werden ja gespei­chert, wenn auch der Zugriff je nach Inter­essenlage priori­tär gesetzt wird. Äh, was wollte ich sa­gen..." Professor Rondi schau­te hilfesuchend seinen Mitarbeiter Professor Kurt Hinze an. Der zuckte aber lächelnd mit den Schul­tern.

 

     Der Moderator ergriff das Wort: "Professor Rondi, Sie haben uns soeben gesagt, daß Sie außer Ihrer Muttersprache weitere sieben Sprachen in Ihr Gehirn gespeichert haben und das so wie jeweils eine Muttersprache, also mit all dem kulturellen Hinter­grund und so weiter. Könnten Sie uns kurz die Sprachen nennen? Und dann würden wir gerne in einer kurzen Unterhaltung mit Professor Eng aus Peking bestätigt sehen, wie weit das tatsächlich gelungen ist."

 

     "Also", begann William Rondi, "das sind Japanisch, Chine­sisch, Russisch, Deutsch, meinem Freund Kurt Hinze zu Ehren, Französisch, Spanisch und Arabisch. Übrigens, vielleicht wissen Sie es nicht; aber Eng ist der Vorname von Frau Lee. Die Chinesen sehen Namen genau umgedreht, das heißt: Zuerst kommt der Familienname, dann der Gruppenname und schließlich der individuelle Vorname. Wenn Sie von Professor Eng sprechen, dann müßten Sie mich mit Herr William anreden."

 

     Dann verwickelte er Professor Lee Kok Eng in ein Gespräch, offensichtlich in Chinesisch; denn nie­mand im Saal schien etwas zu verstehen. Während der Unterhaltung wirkte er in seinen Geba­ren und Gesten verändert. Besonders auffällig war sein dauerndes, unnatürliches Lächeln. Professor Lee bestätigte anschließend, daß sie in keiner Weise einen Unterschied bei der Unterhaltung mit William Rondi zu einem in China Geborenen finden könne. Da wäre nicht einmal der geringste fremdländische Akzent zu hören gewe­sen. Die Frage von Doktor Victor Beck, ob Rondi auch die traditi­onellen chinesischen Schriftzeichen beherrsche, beant­wortete dieser mit rasch auf Papier gekritzelten Symbolen. Frau Lee las laut in Chinesisch mit und übersetzte: "Lieber Doktor Beck, warum lernen - ich muß mich verbessern - warum erfahren Sie nicht auch die Schönheit und den Reichtum einer der ältesten von Menschen ent­wickelten Sprache und von Schriftsymbolen, die entgegen den europä­ischen eine gleichzeitige Erfassung ermöglichen und kein sequen­tielles Lesen erfordern?"

 

     "Weil mir das zu teuer wäre", rief Victor Beck vorwurfsvoll und ergänzte: "Ich habe gehört, daß Sie einem Sprachschüler um die zweihunderttausend US-Dollar abnehmen für das, was er bei Ihnen lernt."

 

     "Ja, warum ist das so teuer?" wollte der Moderator wissen.

 

     "Erstens lernt bei uns niemand eine Sprache", erläuterte Professor Rondi und führte weiter aus: "Bei uns gibt es keine Schüler. Wir vermitteln im wahr­sten Sinne des Wortes Sprachen. Wer bei uns war, hat eine Sprache zu nahezu hundert Prozent er­worben. Wir vermitteln Wissen so, daß derje­nige, der unser Labor verläßt, genau so gut ist wie das Original, also der sogenannte Lehrer, wenn Sie nun unbedingt in der althergebrachten Denkweise über Lehrer und Schüler bleiben wollen, und das alles dauert nur zwei Wochen. Wenn Sie also eine klassische Studienzeit an einer Uni­versität zugrunde legen, die sich über beispielsweise minde­stens vier Jahre erstreckt mit monatlichen Kosten von tau­send Dollar, dann kommen Sie doch nach Adam Riese in die Größenord­nung von schon fünfzigtausend Dollar. Und bedenken Sie, daß dann erst um viele Jahre der Erfahrung gerungen werden muß. Niemand will doch heute mehr einen Universitätsabgänger haben, weil der keine Erfah­rung hat, also noch nicht in der Praxis sein einfaches Basiswissen, so gut es auch sein mag, angewendet hat. Bei uns kriegt man alles in perfekter Vollendung. Bei uns bekommen Sie Wissen mit Erfahrung in einem Kurzurlaub vermittelt. Sie können sofort einen gut dotierten Job bekommen. Selbst wenn Sie nur fünftausend pro Monat direkt nach unserer Wissensvermittlung erhalten wür­den, dann haben Sie nach vier Jahren zweihundertund­vierzigtausend zusammen. Mit den für ein Universitätsstudium gesparten fünfzigtausend liegen wir bei schon, äh, also bei knapp dreihun­derttausend. Nun nehmen wir tatsächlich zur Zeit zweihun­dertund­fünfzigtausend. Dennoch werden gut vierzigtausend gespart, wenn ich noch die einfachen Rechenre­geln richtig beherr­sche."

 

     Er machte eine Pause, die der Moderator mit der Frage unter­brach: "Und zweitens?"

 

     "Wieso zweitens?" wollte Professor Rondi wissen.

 

     "Nun, Sie haben Ihre Rede vorhin mit erstens eingelei­tet", erklärte der Moderator.

 

     "Weiß ich nicht mehr", gab William Rondi zu, fügte dann aber hinzu: "Wenn Sie meinen, dann also gut; und zweitens ist unsere Methode unschlagbar."

 

     "Werbung ist eigentlich auf diesem Fernsehkanal immer noch nicht erlaubt", klärte Victor Beck mit deutlicher Ironie in der Stimme auf.

 

     "Aber ich will nun doch noch etwas wissen", fuhr er fort, "abgesehen davon, daß ich Ihrer Rechnung nicht folgen konn­te."

 

     "Also, noch einmal", erklärte Professor Rondi. "Ein Univer­sitäts-Studium von vier Jahren kostet mindestens fünfzigtausend. Das Wissen und noch viel mehr vermitteln wir in zwei Wochen, also in einer vernachlässigbaren Zeit. Danach können Sie sicher so­fort, also ohne für ein Studium von vier Jahren Geld auszugeben, um die sechzigtausend pro Annum mindestens verdienen, also schon in diesen vier Jahren, die Sie hätten an der Uni zubringen müs­sen. Sie verdienen demnach während der Zeit um die zwei­hundert­undvierzigtausend. Zählen Sie die Fünfzigtausend an Auf­wand für die Uni hinzu, kommen Sie auf zweihundertundneunzigtau­send. Wir kassieren zweihundertundfünfzigtausend. Damit sparen Sie Vierzig­tausend..."

 

     "Ja, ja, ist in Ordnung", meinte Victor Beck und fuhr fort: "Wir haben soeben eine ziemlich schlimme Demonstration miter­lebt, muß ich schon sagen. Da kann man jemandem gegen seinen Willen regelrecht etwas eintrichtern - darf ich zitieren? Ihr seid ja erst am Anfang einer gefährlichen Entwicklung. Ich meine, es können ja Menschen regelrecht nach eurer Methode manipuliert werden. Habt ihr daran schon gedacht?"

 

     Kurt Hinze und William Rondi schauten sich an.

 

     Professor Hinze ergriff das Wort und erklärte: "Glauben Sie uns bitte, daß wir dar­über schon gleich zu Beginn unserer Grund­satzüberlegungen eifrig diskutiert haben. Jede wissenschaftliche Betätigung birgt Gefah­ren in sich. Wie hat doch die Technik unse­re Welt verändert, ja an den Rand der Existenz gebracht. Ich denke an Ozonlöcher, Klimaveränderungen, Umkippen der Flüsse und Weltmeere und so weiter. Alles ist doch inzwischen verseucht und versaut. Uns ist bewußt, wo die Gefahren der Gen-Manipulation liegen, und, und, und... Natürlich könnte unsere Methode, insbe­sondere wenn sie weiterentwickelt ist, sehr wahrscheinlich menschliche Roboter züchten, die, nachdem man gewisse Gehirnpar­tien - wie zum Beispiel morali­sche Vorstellungen, was immer dar­unter verstanden wird - ausge­schaltet, überschrieben hat, wenn ich das mal wieder mit der Aufzeichnungen von Informationen in der Computertechnik vergleichen darf. Also, so ein Mensch könnte zu einem reinen Willensträger von Macht-Hungrigen ge­macht werden. Sie wissen, was ich meine..."

 

     "Und wer schützt uns davor, daß Sie nicht eines Tages Macht-Hunger bekommen und solche Schweinereien machen?" erkundigte sich Victor Beck, wieder  mit deutlicher Aggressivität in seiner Stimme.

 

     "Zur Zeit Niemand", gab Professor Rondi zu. Aus dem Sende­saal wurden Unmutslaute hörbar.

 

Professor Kurt Hinze schüttelte den Kopf und sagte mit erho­bener Stimme: "Dieses Thema sollte einer abendfüllenden Diskussi­on vorbehalten werden, schlage ich vor. Wissenschaftler sind oder können höchst gefährlich sein. Das ist absolut richtig. Die soge­nannte uneingeschränkte Freiheit der Wissenschaft halte ich heut­zutage für sehr fragwürdig. Da soll­te die menschliche Gemein­schaft ein Wörtchen mitzureden haben, zweifellos. Da sind strenge Kontrollen unerläßlich. Es darf nicht alles erlaubt werden. Auch oder vor allem Wissen­schaftler haben sich Kontrollen zu unterzie­hen. Leider ist der Charakter der Menschen so ausgelegt, daß Egoismus, daß der Grundantrieb, die sogenannte Aggression nach Adler, also Streben nach Ruhm und Macht nur durch die Mitmenschen an Auswüchsen gehindert werden kann. Ich betone also noch einmal: Die Gefahr, die aus solchen Bereichen entspringen kann und ent­sprin­gen muß, ist nicht abzusehen. Man denke an die Labors für atoma­re, chemische und biologische Kriegführung. Da braucht ja nur ein Unfall zu pas­sieren. Die Wahrscheinlich­keit, daß etwas pas­sieren wird, ja nach den Geset­zen der Wahrscheinlich früher oder später passieren muß, nimmt ständig zu. Wir jedenfalls sind demnächst gerne be­reit, uns einer Kontrollkommission zu unterwer­fen..."

 

     "Demnächst?" forschte Victor Beck.

 

     "Ja, warum erst demnächst?" hakte der Moderator nach.

 

     Kurt Hinze und William Rondi warfen sich fragende Blicke zu. Dann antwortete Professor Rondi: "Also, wir leben alle unter bestimmten gesellschaftlichen Voraussetzungen, insbesondere in einem Wirtschaftssystem, das auf Ausbeutung des jeweils anderen, also der Mitmenschen, der Mitlebewesen schlechthin, der Bodenschätze, der gesamten Welt ausgerichtet ist. Das muß zuerst ein­mal sehr deutlich gesagt werden. Das ursprünglich vernünftige und notwendig gewordene Prinzip der Arbeitsteilung mit Bezug auf Warenverteilung und mit Bezug auf handwerklich, produktionstech­nisch, beziehungsweise verfahrenstechnisch immer kom­plizierter gewordene Systeme ist zu einem sich verselbständigt habenden Aus­beutungsprinzip perver­tiert worden. Diese Bemerkung am Rande. Wir haben eine ganz neue Methode der Wissensvermittlung entwickelt, und niemand kann es uns ver­übeln, daß nicht auch wir wenigstens einige der Früchte ernten möchten. Das gebe ich ganz ehrlich zu. Würden wir unsere Methode jetzt schon der Allgemein­heit zur Ver­fügung stellen, hätte das ja auch katastro­phale Fol­gen. Was würde aus den Schu­len, den Universitäten? Da würden doch viele Millio­nen Leute freigesetzt. Hinzu kommt noch, daß unsere Methode im Prinzip den Individualismus gefährdet. Dafür haben wir doch so­eben ein typi­sches Beispiel demonstriert. Wie hat denn unsere geschätzte Ayleen Klavier ge­spielt? Das war doch genau das glei­che Spiel wie wir es vorher von Crayton gehört haben, abgese­hen vielleicht von leicht unter­schiedlicher Anschlagsstärke durch ungeübte, also mit unter­schiedlicher Muskelkraft versehene Hände. Meinen Sie nicht, daß wir uns darüber ziemlich den Kopf zerbre­chen? Wir gehen also nicht so leichtfertig mit dem um, was wir selbst als Gefahr se­hen, glauben Sie mir...!" Seine Worte wurden von Beifall der Zuhörer im Sendesaal unterbrochen.

 

     "Ich stimme voll und ganz zu, daß es notwendig ist, einen Abend mit einer Grundsatzdiskussion über Gefahren, die von der Wissenschaft ausgehen, zu füllen...", meinte der Moderator, des­sen Vorschlag von Doktor Victor Beck unterbrochen wurde: "Also, darüber ist ja nun schon viel und oft diskutiert worden. Es gibt hunderte von Publikationen zu diesem Thema. Ich wüßte, ehrlich gesagt, nicht, was da noch Neues zu diesem Thema beigetragen werden könnte. Da werden doch die Interessen auch gerade derjeni­gen berührt, die die Macht haben und niemals etwas geändert haben wollen. Das bringt doch nichts mehr. Davon bin ich überzeugt..."

 

     "Völlig falsch gedacht!" erregte sich Professor Hinze und erklärte: "Nur dadurch, daß man das Bewußtsein der Mitmenschen weckt und immer wieder Mißlichkeiten aufdeckt und vor Augen führt, kann etwas verändert werden. Über Gefahren und so muß doch immer wieder geredet werden..."

 

     Nachdem der Beifall des Publikums zu diesen Worten abgeebbt war, schloß der Moderator die Sendung: "Unsere Sendezeit ist schon längst überzogen. Wir müssen endlich zu einem Ende kommen. Ich freue mich, daß wir uns alle einig sind über die Gefahren, die von Wissenschaft und Technik ausgehen können. Wir haben alle wohl sehr deutlich erkannt, daß es auch auf diesem Gebiet Grenzen geben muß, daß gesellschaftliche Verantwortung im Bereich von Forschung und Technologie viel mehr in den Vordergrund kommen muß. Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen vielmals..."

 

 

Die "Gehirnmanipulationslaboratorien"

 

  Professor William Rondi saß auf der, zum größten Teil über­dachten Terrasse seines luxuriö­sen Hauses, das vor mehr als zwei Jahren in drei, um etwa zwei Meter in der Höhe versetzte Stufen angelegt worden war. Diesen ansehnlich komfortable Gebäudekomplex hatte er auf einen Hügel der nörd­lichen Kette von Port-of-Spain, der Hauptstadt von Trinidad (und Toba­go), bauen lassen. Der Boden der großflächigen Veranda war aus vorwiegend wei­ßem, jedoch viel­farbigem Kieselsteinbeton gegossen und glatt poliert worden. Viele  Blumen und blühende rahmten die Terrasse, von wo aus man in den am höchsten gelegenen Wohntrakt gelangte, zuerst in das über hundert Quadratmeter große, halbrunde, völ­lig verglaste Wohnzim­mer, dessen Scheiben Wärmestrahlen undurchlässig machten. Der rotbunte Marmorboden war mit wertvollen chi­nesischen Teppichen ausgelegt. Der Raum war mit bequemen, moder­nen, mittelbraunen  Möbel aus Rattannachbildungen mit schwar­zen Sitzpolstern ausge­stattet. Eine Vielzahl von meist sehr üppigen, exotischen Blattpflanzen wuchsen aus Aussparungen des Fußbodens bis nahezu an die etwa vier Meter hohe Decke mit wertvoll ausse­hender Holztäfelung, wobei jedoch eine gute, also nicht erkennba­re Kunststoff-Imitation verwendet worden war.

 

     Profes­sor Rondi war ein großer Gegner der Ausbeutung der Wälder und sah keinen Grund, wertvolles Holz zu verwenden, wenn anderes Bau­material ähnliche Zwecke erfüllte.

 

     Mehrere afrikanisch kubisti­sche Statuen verzierten den hel­len Raum, an den sich eine mit modernster Einrichtung, wie zum Beispiel mit einem, mit einer pflegeleichten Glasplatte abgedeck­ten Induktionsherd ausgestattete, geräumige Küche, eine Art Büro- oder Kommunikati­onsraum und ein dunkelrot geka­cheltes Badezimmer anschlossen. Von dem zentralen Wohnraum konnte man sowohl nach rechts und links in die beiden übrigen, tiefer gelegenen Wohn­trakte über jeweils etwa drei Meter breite Stufen gelangen. Die flachen, rundherum mit etwa zwei Meter hohen, dunk­len Holznach­bildungen eingerahmten Dächer der Gebäude bestanden vollständig aus Kollektoren zum Umwan­deln von Sonnenenergie, die sich automa­tisch dem Sonnenstand so anpaßten, daß das einfallende Strah­len­spektrum immer möglichst senk­recht auf die Kollektorflä­chen tra­fen. Allein schon durch diese technische Einrich­tung wurde die luxuriöse Villa recht kühl gehalten, da die Sonnen­ener­gie abge­fangen und umgewandelt wurde. Die zentrale Klimaanla­ge brauchte also nur noch sehr wenig der tropischen Wärmeenergie zu vernich­ten.

 

     Dem für den Bauplan des Gebäudes herange­zogenen Archi­tekten war bei der Errichtung des Luxusge­bäudes ein vollendetes Meister­werk gelungen. Er war sehr berühmt nicht nur in seiner japani­schen Heimat wegen seiner außergewöhn­lichen Begabung, technische Kon­struktio­nen zusammen mit Moosen, Kletter- und Parasitenpflan­zen ge­schmackvoll in Bau­werke zu inte­grieren.  Inzwischen trugen grün umrankte Säulen die, das ganze Haus umlaufende Veranda. Aus Sichtblenden aus Spiegel­glas sprossen Orchideen.

 

     Die Rücksei­ten der Kollektoren der Sonnenenergie waren mit sattgrünem Moos bedeckt, das sich lange Zeit al­lein von Tau er­nähren konnte, der sich an den kühlen Flächen niederschlug, weil aus dem Sonnenlichtspektrum auch die infraro­ten Strahlen in elek­trische Energie umgesetzt wurden. Diese Strahlen konnten also nicht die Moleküle der Kollek­toren be­schleu­nigen, wodurch ja bekanntlich Wärme entsteht.

 

     Bestimmte, durch künstliche Nester angelockte Vögel sorgten für die natürliche Dezimierung der den Pflanzen abträglichen In­sekten.

 

     Eine Marienkäferart hatte Blattläuse zu verzehren, und da­durch wurde die Zahl der Ameisen in Grenzen gehalten.

 

     Solche und ähnliche Methoden wurden benutzt, um ein ausgewo­genes biologisches System zu erreichen.

 

     Professor Rondi hatte eine traumhafte Aussicht über die Meeresbucht bis hin zum südamerikanischen Festland bei klarer Luft. Seine Blicke glitten über das Hilton-Hotel hinüber zum Hafengebiet, in dessen Wassern immer noch mehrere, vor vielen, vielen Jahren gestrandete Schiffs­wracks die Schiff-Fahrt behinder­ten. Niemand hatte sich ernsthaft um die Beseitigung bemüht und wird sich wahrscheinlich kaum noch darum kümmern.

 

     Die schwarze, etwas mollige, immer gut gelaunte Hausange­stellte brachte ihrem Arbeitgeber frisch aufgesetzten Blue-Mountain-Kaffee, den er sich regelmäßig bei Besuchen des Haupt­sitzes der University of the West Indies aus Jamaika mitbrachte.

 

     Es war zwar ein heißer Tag gewesen, den die, in der üblichen Farbenpracht untergehende Sonne aufgewärmt hatte. Aber die star­ke, ständig über die Hügel wehende Brise brachte angenehme Küh­lung.

 

     Auf das weitläufige Parkgrundstück mit einer bunten Viel­falt an tropischen Bäumen, farbenprächtigen Sträuchern und Blumen war vor gut einem Jahr auch die nicht minder komfortable Villa von Professor Kurt Hinze in einer Rekordzeit von wenigen Monaten ge­baut worden. Für dieses Haus war zwar ein völlig anderer Stil, entsprechend dem Geschmack seines Besitzers, vorgesehen worden. Viel künstliches Material, das Holz, Bambus oder Rattan nachbil­dete, dazwischen aber auch wuchernde Schlingpflanzen und das mit einer etwa einen Meter dicken Ried­schicht bedeckte spitze Dach paßte jedoch sehr gut zu der Rondischen Villa und der Parkland­schaft.

 

     Beide Häuser waren halb unterkellert, was eine große Selten­heit in diesem Lande war. Auf der Insel selbst waren sogar viele Häuser auf Pfäh­le gesetzt, um Insekten, Schlangen und andere Tiere aus den Häu­sern besser fernhalten zu können. In diesen, nur von einer Seite mit Naturlicht beleuchteten Kellerräumen der beiden, den Professoren gehörenden Gebäude waren die Labors ein­ge­richtet, die sich in ihrer Geräteausstat­tung nicht unterschie­den.

 

     Keine Straße führte den steilen Hügel zu den Gebäuden her­auf. Das Wissensvermittlungs-Institut war also mit normalen Land­fahrzeugen nicht zu erreichen. Selbst geländegängige Wagen würden wohl kaum die mit undurch­dringlichem  Wald und Gebüsch üppig bewachse­nen steilen Hänge erklimmen können; denn die beiden For­scher hatten für ihre Behausungen sehr bewußt einen solchen Hügel aus­gewählt und in langwierigen Ver­handlungen mit der Regierung von Trinidad und Tobago übertragen bekommen, dessen Bewachsung lange nicht den in dieser Gegend üblichen Waldbränden zum Opfer gefal­len war. Um solche eventuell doch entstehende Brände rasch nach ihrem Aus­bruch löschen zu können, wurde das Gelände ständig mit Fernsehkameras und automatischen Rauchmeldern überwacht. Von großen Wasservorräten, die als Schwimmbecken aus­gelegt waren, liefen Leitungen den Hügel hinab, an denen in be­stimmten Abstän­den ferngesteuerte Sprühventile, aber auch konven­tionelle Zapf­hähne für eine vielleicht notwendige Feuerbekämpfung angebracht waren.


     Während der ergiebigen Regenzeiten wurde das Wasser gesam­melt, biologisch, chemisch und mechanisch aufbereitet und in die beiden mit Natursteinen ausgekleideten Schwimmbecken geleitet. Die Flächen der Becken betrug 50 mal 50 Meter, und die Tiefe fiel von einem auf vier Meter ab. Das gesamte gestaute kristallklare Wasservolumen betrug über zehntausend Kubikmeter.

 

     Ein von den Wohngebäuden kaum erkennbares und schwer über­windbares Mauerwerk umsäumte den Hügel. Diese Befestigung war nämlich von der Hügelkuppe aus angeschüttet und fiel dahinter steil ab.

 

     Jeweils zwei Hubschrauber mit unterschiedlicher Sitzkapazi­tät parkten auf dem großen Landeplatz, um den Transport der Be­wohner des Hügels, der Klienten und der neun Labormitarbeiter zu ermöglichen.

 

     Nachdem einmal ein Anschlag auf die beiden, sehr eng be­freundeten Wissenschaftler versucht worden war, ließen sie sich nie mehr zusam­men transportieren. Auch sah man sie sehr selten außerhalb ihres Zuhauses zusammen. Beide hatten immer schon ir­gendwie geahnt, daß ihre Forschungsarbeiten auch Interesse in Kreisen finden würde, die glaubten, daß die sich damit eventu­ell ergebenden Möglichkeiten zu einer krankhaften Machtentfaltung genutzt werden könnten. Außerdem waren die beiden Forscher stän­digen Angriffen durch Presse und andere Medien ausgesetzt, die ihnen eine allzu rigorose Ausbeutung ihrer Forschungsergeb­nisse vorwar­fen. Hinzu kam die durchaus berechtigte Furcht der klassi­schen Lehrinstitutionen, daß eine allgemeine Nutzung der neuen Möglichkeiten zur Wissensüber­tragung ihre Existenz gefähr­den werde.

 

     Jedenfalls war vor fast einem Jahr eine mit Wärmesen­soren ausgestattete Boden-Luft-Rakete auf den Hubschrauber abge­feuert worden, als die beiden Professoren von ihren Häusern zum Techni­schen Institut in Port-of-Spain flie­gen wollten. Zum Glück blieb die Rakete im Auspuffrohr des Hub­schraubers stecken, ohne zu explodieren; denn der an der Raketen­spitze angebrachte, auf Auf­schlagdruck reagierende Zünd­kon­takt wurde nicht ausgelöst, da er ja nicht mit einem Hub­schrau­berteil in Berührung gekommen war. Die Wucht der Rakete war zwar so groß gewesen, daß der Hubschrau­ber zu trudeln anfing, aber zum Glück doch noch recht glimpflich zu Boden kam. Niemand wurde ernsthaft verletzt. Die von Spezia­listen anschließend ent­schärfte Rakete konnte als eine, von einem französischen Waffenhersteller stammende identifiziert werden. Je­doch verliefen alle weiteren Nachforschun­gen im Sande. Es konn­te angeblich nicht herausgefun­den werden, an wen die Rakete schließ­lich und endlich gegangen sein könnte, nachdem sie nach den Fir­menauszeichnungen - wie üblich - an die Landstreitkräfte gelie­fert worden war. Gerüchte, daß der französi­sche Geheimdienst seine Hände im Spiel gehabt habe, lie­ßen sich weder bestätigen noch widerlegen. Es gab keinerlei Hin­weise auf ein Motiv des Anschlages, der allerdings in jedem Fall einer sehr ernst zu nehmenden, etablierten Organisation mit einer ent­spre­chenden fachlichen und finanziellen Potenz zugeschrieben werden mußte. Daraus schlossen die beiden Wissenschaftler, daß sich ein solcher Mordversuch an ihnen mit an Sicherheit grenzen­der Wahr­scheinlich­keit wie­derholen werde; denn immer wieder waren Drohungen ausge­spro­chen worden.

 

     Die beiden einer ständigen Bedrohung ausgesetzten Personen lehnten es jedoch ab, sich selbst mit einer privaten Schutztruppe zu umgeben, die sie durchaus inzwi­schen finanzieren konnten. Sie sträubten sich vor allem deshalb, weil sie weltan­schaulich gegen militärische Aktionen jeglicher Art zur Lösung eines Kon­fliktes eingestellt waren. Darüber hinaus hielten sie private Söldner vor allem für besonders anfällig für Bestechungen, so daß sogar gera­de von solchen Perso­nen eine direkte Gefahr ausgehen könnte; denn priva­te Schutz­soldaten haben ja nach kurzer Zeit Kenntnis über alle Schwachpunkte.

 

     Dennoch waren die beiden Forscher bei Überlegungen zur Selbstverteidigung nicht ganz konsequent, was zumindest quasi-militärische Einrich­tungen betraf. Ihre Häuser, in denen sich auch die Labora­torien befanden, waren inzwischen mit modernstem technischen Gerät ausgestattet, das alle Bewegungen von Menschen und von Land- und Luftfahrzeugen im Bereich des Hügels über aus­geklügelte Computer­programme auf Andeutung einer Gefahr prüfte. Innerhalb kürzester Zeit war es den beiden Wissenschaftlern mit ihrem Mitarbeiterstab gelungen, ein so ausgefeiltes Gefahrener­kennungs- und Gefahrenabwehrsystem zu entwickeln, daß sich nach dessen Verfügbarkeit sicher viele sogenannte militärische Abwehr­dienste sehnen würden. Die Gefahren-Erkennungsprogramme basierten zum einem auf der fast lückenlosen Typenerkennung von allem, zur Zeit vorhandenen Kriegsgerät. Mit hoch auflösenden Echo-Impulsver­fahren, unter Nutzung der noch gerade technisch be­herrschten kürzesten Wellenlängen wurden alle Fahrzeuge zu Lande und vor allem in der Luft mit im Computer gespeicherten Modelle vergli­chen, d.h. mit den sich aus der Abtastung ergebenden Mustern identifizierbar gemacht. Zum anderen sorgte ein aus­gefeiltes Simulationsprogramm dafür, daß selbst in geschickter Weise beab­sichtigte Täuschungsmanöver durch­schaut werden konnten.

 

     Im Falle einer erkannten Gefahr würde die weitere Umgebung um den Wohn- und Laborbereich über, in Bruchteilen einer Sekunde aufge­baute hochenergetische, elliptoid elektrische und magnetische Feldern automatisch abge­schirmt, um eindringende Flugkörper je nach Auftreffwinkel abzu­lenken, abzuprallen oder innerhalb weni­ger Meter auf die Ge­schwindigkeit Null abzubremsen. Auch privater Luftverkehr wurde von den beiden Forschern nicht mehr geduldet.

 

     Das Prinzip der soeben erwähnten Abbremsmethode ist aus dem Physikunter­richt bekannt, wo die sogenannte Wirbel­strom-Bremse vorgeführt wird. Luftfahrzeuge kommen sehr rasch zum Stillstand und sinken in dem künstlichen Feld langsam zu Boden. Auf diese Weise soll eventuellen Insassen möglichst kein Schaden zugefügt werden. Fraglich war nur, ob das Feld lange genug auf­recht erhal­ten wer­den konnte, um ein solches relativ langsames Absinken bis zum si­cheren Erreichen des Bodens zu gewährleisten. Rondi und Hinze waren jedoch bemüht, ihre Energiespeicher zu ver­größern; denn die für den Aufbau der Abwehr-Felder benötig­te, unvorstell­bar große und nur für ein bis zwei Minuten aufrecht zu haltende Ener­gie wurde aus teuersten Batterien gespeist, die von drei Windmüh­len-Generatoren auf stän­dige Bereitschaft geladen wurden. Diese wind­getriebenen Energie­wandler versorgten zusammen mit den Sonnen-Kollektoren auch den übrigen Bedarf an elektri­schem Strom des Gebäudekomplexes. Es weht zum Glück auf den In­seln der Kari­bik immer eine mehr als ausreichend starke Brise, zumindest so­lange die Sonne scheint.

 

     Eventuell langsam an die Gebäude herange­führtes Kriegsgerät, wie zum Beispiel von Menschen getragene konventionelle Waffen, würde mit Hilfe von Wechselstrom-Induktionsfeldern geschmolzen.

 

     Bisher war es jedoch nur ein einziges Mal zur Auslösung einer irrtümlichen, sogenannten Gefahrenabwehr gekommen, als das Erkennungs-Pro­gramm noch fehlerhaft beziehungsweise lückenhaft war. Ein Großvogel wurde nachweislich, wie die Aufzeichnungen ergaben, als er die Flügel zu einem Sturzflug eingezogen hatte vom Computerprogramm falsch als eventuelle Kleinrakete eingeord­net. Vögel und andere Tiere, die ja keine anorganisch chemischen Komponenten haben, können natür­lich nicht durch die elektrischen und magnetischen Felder beein­flußt werden. Daher konnte der Vogel seinen Sturzflug ungehindert fortsetzen.

 

     Die beiden Professo­ren waren sich inzwischen sicher, daß ihr System absolut zuverläs­sig sei, obwohl sie kaum prakti­sche Tests gemacht hatten bezie­hungs­weise hatten machen können.

 

     Wie schont erwähnt, hatten die beiden Wissenschaftler jeder ein Laboratorium gleicher Ausstattung im Keller ihres jeweiligen luxuriösen Hauses. Die Apparaturen, an denen noch ständig verbes­sert wurde, waren inzwischen auf einen technischen Stand gebracht worden, der die Grenzen der bisher bekannten physikalischen Ge­setze nahezu er­reichte. Im Vergleich zu den Geräten, die noch mit den sehr bescheidenen Mitteln der University of the West Indies und aus mühsam beschafften Forschungszuschüssen europäi­scher Geber zusam­mengestrickt waren, war es heute, fünf Jahre nach den grundlegen­den Ideen, den Forschern gelungen, Pakete zur Wissens­übertragung zu variieren und von verschiedenen "Donatoren" (Wissensspendern) zu mischen und so zusammenzustellen, daß der je­weilige "Rezipient" (Wissensempfänger) individuell "ausge­rich­tet" werden konnte.

 

     Das muß sicher etwas näher und ver­einfacht an einem Beispiel erläutert werden: Angenommen, jemand möchte sich rasch auf den neuesten Wissensstand nicht nur in der allge­meinen Human-Medizin sondern in der Orthopädie bringen las­sen. Die Professoren Hinze und Rondi sprachen in einem solchen Fall herausragende Spe­ziali­sten auf diesem Gebiet als Wissensspender an, wobei in Größenord­nungen von Millionen US-Dollar verhandelt wurde. In der Regel erklärten sich solche, in ihrem Fach berühmten Personen bereit, ihre im Gehirn ge­speicher­ten Kenntnis­se zu ei­nem nicht zu verach­tenden Preis "anzapfen" zu lassen.

 

     Solche Wissens-Extraktion geschieht da­durch, daß eine Viel­zahl von Punkt-Sonden in einer inzwischen erprobten Verteilung auf der Kopfhaut des sogenannten Experten angebracht wird. Diese höchstempfindli­chen Sonden, auch Sensoren genannt, ermit­teln die mehr oder weni­ger äußerst schwachen elektrischen Ströme des denkenden Gehirns. Bei solchen Strömen können beispielsweise nur deren ultrakleine Magnetfelder mit sogenannten supraleitenden Quanteninterferometern gemessen werden. Das bedeutet aber, daß für die Supraleitung sehr niedrige Temperaturen um immerhin noch minus fünfzig Grad Celsius trotz modernstem Leitermaterials erfor­derlich sind. Eine Sondenkühlung wird mit Halbleiter-Wärmetren­nern aufrecht erhalten. Es war wirklich nicht einfach, ein sol­ches Abtastsystem zu miniaturisie­ren und eine zu starke Behinde­rung des "Donators" zu vermeiden. Das soll als Beispiel genügen, welche technischen Probleme die Wissenschaftler zu überwinden hatten.

 

     Der "an­gezapfte" Spezialist wird bei seiner beruflichen Tätig­keit etwa vierzehn Tage "begleitet", wobei er kaum eine Behinderung hinneh­men muß; denn die von den Sensoren empfangenen Magnetfeldinduktionen werden in einem batteriebetriebe­nen Appa­rat, nicht größer als eine  Ziga­rettenschachtel, ver­stärkt, digi­talisiert, dann auf eine Träger­frequenz moduliert und zu Regi­striergeräten gesendet. Dort ge­schieht dann die optische Roh-Aufzeichnung auf einer sogenannten Kompakt-Platte. Mit kompli­zierten, sich selbst verbessernden und lernen­den Computer-Pro­grammen, wird die Auf­zeichnung analy­siert, um deutliche Muster, charakteristisch für bestimmte Gedan­kengänge zu erkennen. Da das denkende, die Glieder steuernde und die Sinnes­organe kon­trollie­rende menschliche Ge­hirn, insbe­sondere bei der routi­nier­ten, beruflichen Tätigkeit wiederkehren­de Musterstrukturen "pro­du­ziert", war den Professoren Hinze und Rondi bereits in vielen Fällen eine Zuordnung von Denk­vorgängen zu solchen Mustern gelun­gen. Beide Herren waren also sehr, man kann fast sagen, fanatisch bemüht, solche Zuordnungen zu katalo­gisieren. In einer Serie von Versuchen, vorwiegend an sich selbst, hofften sie, die noch weit­gehenden Geheimnisse über die Abläufe im Gehirn zu lüften.

 

     Ehe nun der letzte Stand der Vorgänge bei der Wissensver­mittlung, der Über­tragung auf ein anderes Gehirn weiterhin er­klärt werden kann, kommen wir wieder zurück zur Wissensanzapfung von sogenann­ten Donatoren, also von solchen Leuten, die ihr Wis­sen zur Verfü­gung stellen. Gelingt es, mehrere Fachleute zu be­kommen, die erlauben, sich "anzapfen" zu lassen, dann kann deren Wissen ver­kettet und zu einem Übertra­gungsprogramm zusammenge­stellt werden. Ein solches Programm erlaubt dann individuelle Anpassung an die spezifischen Wünsche eines Klienten.

 

     Ein soge­nannter Rezipi­ent, also derjenige, der das aufge­zeichnete Wissen in sein Gehirn übertragen haben will, wird erst einmal sorgfältig daraufhin untersucht, wo "räumlich" im seinem Gehirn ein freier Bereich oder wo noch zumindest wenig benutzte Stellen, beziehungsweise nahezu unwichtige Bezirke sind. Etwa zwei Tage muß sich der Wissensempfänger gefallen lassen, daß er ein dichtes Sondennetz am Kopf mit sich führt. Dabei wird er dauernd gefragt, ja sogar weitgehend psychoanalysiert. Auf diese Weise werden die Speicher­plätze seiner bereits vorhandenen Wis­sens- und Orientie­rungsge­biete lokalisiert, das heißt, die be­reits benutz­ten Ge­hirnpartien ermittelt. Danach wird der Wis­sens-Empfangskan­didat in einen siebentägigen künstlichen Tief­schlaf versetzt, wodurch seine Sinnesorgane einmal keine Störung der Wissensüber­tragung verursachen. Aber zum anderen ist viel wichti­ger, die organisch chemischen Prozesse, also die chemische Ge­hirnzellen-Ver­än­derung bei der Langzeitspeicherung des Wissens ab­laufen zu las­sen. Organisch chemische Prozesse laufen nun mal recht langsam ab. Pro­fessor Hinze gab deshalb noch Katalysatoren in den partiel­len Blut­kreis­lauf, also in die Halsschlagader, worüber ja be­kanntlich das Gehirn versorgt wird. Auch die Nah­rungszufuhr muß bei der entwickelten Wissensübertragungsmethode direkt durch Eingabe in die Blutbahn erfolgen; denn der schlafen­de Mensch, der sogenannte Rezipient, soll nicht zur Stillung irgendwelcher natürlichen Bedürfnisse aufgeweckt werden. Der Klient, wie die Professoren Rondi und Hinze ihre "Rezipienten" auch nennen, be­findet sich während der Zeit der Wissensübertragung wie auf einer supermo­dernen Intensiv­station eines aller­bestens ausgestatteten Krankenhauses.

 

     Allzu große Präzision ist bei der Wissensvermittlung nicht erforderlich. Das menschliche Gehirn hat nämlich die phantasti­sche Eigen­schaft, kleine Unstimmigkeiten im Laufe eines gewissen Zeitraums, nachdem eigene Erfahrungen gesammelt worden sind, auszuglätten.

 

     Immerhin gelingt es auf die vorher beschriebene Weise, ein Wis­sensgebiet, dessen "klassische Erler­nung" bisher noch minde­stens vier bis sechs Jahre Universitäts­studium und bis zu zehn Jahre Berufserfahrung und Weiterbildung erforderte, in einem Zeitraum von nicht mehr als insgesamt zehn Tagen zu vermitteln. Ein junger Mensch von um die zwanzig Jahre oder sogar noch jünger hat dann bereits das Wis­sen und die Erfahrung, die bisher jemand erst im Alter von nahezu vierzig erlangen konnte.

 

     Die Professoren Hinze und Rondi hatten über fünfzehntausend Personen registriert, die auf "Bedienung" warten. Für eine soge­nannte normal-tarifliche Wissensvermittlung war ein Preis von zweihunderttausend US-Dollar vorgesehen gewesen. Das war ursprüng­lich einmal als eine Art Schutzpreis gegen zu viele Nachfragen gedacht gewesen. Es wurde den Wissenschaftlern jedoch häufig bis zu vier-, ja sogar bis zu fünffach mehr geboten, damit sie einen "Klienten" bevorzugt annahmen. Die Inhaber des Wissensvermitt­lungsinstitutes gaben sol­chen Wünschen in der Regel nach; denn auch sie waren für Geld recht empfänglich. Kaum jemand würde in naher Zukunft eine Chance haben, günstiger "behandelt" zu werden.

 

     Zehn Personen konnten zum Zeitpunkt dieses Berichtes gleich­zei­tig angenommen werden. Da die Wissensvermittlung mit zwei Unter­suchungstagen, sieben Kopiertagen und einem Ruhetag unter Auf­sicht, also genau zehn Tage beansprucht, verließen jeden Monat dreißig, mit ihrem Wunschwissen voll gestopfte Menschen das Insti­tut und hinterließen durchschnittlich fünfzehn Millionen US-Dol­lar. Der Jahresumsatz belief sich also auf nicht weniger als hundertundachtzig Millio­nen.

 

     Einmal aufgezeichnetes Wissen läßt sich in beliebiger Anzahl in Rezipienten-Gehirne kopieren. Da bereits schon eine umfangrei­che Bank an Wis­sensgebieten aufgebaut werden konnte, gingen die Kosten stetig zurück. Die Aufwendungen für die insgesamt neun­zehn, unvergleich­lich gut be­zahlten Mitarbeiter lagen knapp unter fünfzehn Millionen im Jahr.

 

     Sogenannte Spitzenkräfte als direkte Mitarbeiter erhielten jährlich bis weit über eine Millio­nen US-Dollar. Selbst Gärtner, Hausangestellte und Telefonisten bezogen Präsidentengehälter.

 

     Weitere Kosten für den Unterhalt der technischen Ein­richtun­gen und für Anschaffungen erreichten ähnlich hohe Beträge wie die Personalausgaben. Die jährlichen Reineinnahmen der beiden Inhaber des Wissensvermitt­lungs­institu­tes konnten auf etwa hundertund­dreißig Millionen US-­Dollar ge­schätzt werden, wovon sie anfänglich einen Großteil der Univer­sity of the West Indies gespendet hat­ten, um deren beschei­dene Einrichtungen zu verbes­sern. Leider kürzten daraufhin die Regierun­gen der Karibikstaaten ihrerseits ihre Beteiligung an finanziel­len Mitteln für die Uni­versität entsprechend und zweigte die freigeworden Mittel zur Stärkung ihrer militärischen Potenz ab.

 

     Inzwischen waren die Professoren Hinze und Rondi dabei, sich in jeder Hinsicht von der Universität zurückzuziehen. Ihre Lehr­aufträge und die mit der Professur ver­bundene Leitung ihrer Uni­versitäts-Institute hatten sie bereits schon vor einem Jahr abge­geben und ihre freiwillige Unterstützung der University of the West Indies ebenfalls fast ganz eingestellt. Im Gegenzug war die Regierung von Trinidad und Tobago nicht mehr vom Aufenthalt der beiden Wissen­schaftler auf ihrem Territorium begeistert, obwohl sowohl Kurt Hinze als auch William Rondi seit langer Zeit zu Ehrenbürgern von Trinidad und Tobago auf Lebzeit er­klärt wor­den waren und obwohl sie einen im Vergleich zum Staatshaushalt nicht zu vernachlässigenden Strom an ausländischen Devisen in das Land, das heißt auf Bankkonten der Inselstaaten fließen ließen.

 

     Da trotz der zwar inzwischen versie­genden Ölvorkommen des Inselstaates aber immer noch keine Einkom­mensteuer erhoben wurde, weil dann ja auch die Gesetzemacher zur Kasse gebeten werden könnten, mußten Kurt Hinze und William Rondi zu den Best-Verdie­nenden dieser Welt gezählt werden, die sogar ihr Einkommen nahezu beliebig erhöhen konnten, wenn sie nur woll­ten; denn nichts wäre ihnen leichter gewesen als die Zahl der Wissensvermitt­lungsplätze zu erhöhen. Die Einrichtung eines solchen Platzes kostet zwar etwas mehr als fünfzehn Millionen US-Dollar. Aber weit mehr als vierzig weitere Plät­ze hätten sie spielend finanzieren können. Doch sie hatten - viel­leicht noch - zu starke moralische Bedenken dagegen, daß sie die klassi­sche Ausbildungssituation in eine Katastrophe stürzen und daß sie selbst in reine Management-Funk­tionen zur Organisation ihres Wissensver­mittlungsinstituts abge­drängt werden könn­ten. Noch hatten sie allein den Überblick, vermieden detaillierte Auf­zeich­nungen und Dokumentationen ihrer Arbeit, damit solche nicht in "falsche Hände" gerieten. Eine Ge­schäftsausweitung würde unver­meidlich eine Vergrößerung des Mit­arbeiterstabes nach sich gezogen haben, wobei sie - sicher mit Recht - befürchteten, die Gefahr der Spionage nicht mehr abschät­zen und abwehren zu können. 

 

 

 

Die Neutronenbombe

 

     Professor Hinze, der sich wortlos zu seinem, ganz in Gedan­ken versunkenen Freund, William Rondi, gesellt hatte, um eben­falls einen Blue-Mountain-Kaffee in der rasch hereinbrechenden Dunkelheit zu genießen, brach schließ­lich das Schweigen: "Du, William, ich befinde mich in einer richtigen Krise, verdammt noch mal. Das, was wir in unseren Laboratorien betreiben, kommt mir manchmal genau so gefährlich für die Menschheit vor wie ein Ar­beiten an der Entwicklung einer Neutronen-Bombe, deren Explosion kaum unmittelbare Zerstörung verursacht, aber im Laufe der Zeit alles kaputt macht."

 

     William Rondi, dessen dunkle Haut kaum noch den letzten tiefroten Lichtschimmer am Horizont der bereits längst unterge­gangenen Tropensonne reflektierte, verschränkte, sich bewußt entspannend, die Hände hinter seinem Wissenschaftlerhaupt, seufzte tief und erwiderte: "Was soll ich dir antworten? Allmäh­lich beginnt mir das alles scheißegal zu werden. Ich bin mehr und mehr geneigt, einfach nur die Geheimnisse zu lüften, die sich vor mir noch auftun. Also, ich will einfach nur meine persönliche Neugier befriedigen. Wer, was, wie und wo und wann und warum und so wei­ter aus unseren Forschungsergebnissen macht, ist mir - ich sage es nochmals - mehr und mehr scheißegal..."

 

     "Bist du übergeschnappt?" fuhr sein Freund Kurt Hinze ihn an. "Gehen auch wir den üblichen Weg? Werden auch wir skrupellos? Formt das Sein auch schließlich unser Bewußtsein? um an die Worte von Karl Marx zu denken. Du, ich bekomme Angst. Wir beginnen, gefährlich zu werden, glaube mir."

 

     Als Rondi schwieg, fuhr Professor Hinze fort: "Beinahe bin ich geneigt zu bedauern, daß das Attentat auf uns nicht gelungen ist..."

 

     "Also, jetzt redest du irre", erregte sich Rondi und konter­te: "Mag sein, daß wir nun mal zumindest für die Idee zu dem, was wir inzwischen erreicht haben, verantwortlich sind. Aber so etwas lag sicher schon irgendwie in der Luft. Vielleicht hatte jemand eine ähnliche Idee. Es gibt doch Tausende Menschen, die sich mit der Gehirnphysiologie, der Psychologie und so weiter beschäfti­gen. Glaubst du tatsächlich, daß es niemanden mehr auf der Welt geben könnte, der unsere Gedanken nachvollziehen kann und viel­leicht, im Prinzip zumindest schon solche Überlegungen angestellt hat? Wir haben bereits lange vor dem versuchten Mordanschlag Patente angemeldet, immerhin schon durchaus ausreichende Dokumen­tationen von Regeln zum tech­nischen Han­deln der Öffentlichkeit geliefert, wie es im Patentwesen heißt. Selbst wenn wir so ver­messen wären anzunehmen, daß wir intelligenter als überhaupt ein Mitmensch sind, dann sind die anderen doch, nachdem nun mal die Idee geboren ist, in der Lage, unsere Verfahren nach­zuentwickeln, vielleicht auf großen Umwegen. Vielleicht dauert es etwas länger. Vielleicht machen die ein paar Gehirne kaputt, was wir - zum Glück - haben vermeiden können. Also, mir ist das auch nicht so egal, wie ich eben gesagt habe. Das war einfach ein, also so ein bockiges Sich-über-alles-Hinwegsetzen."

 

Nach diesen Worten stand er auf, um die Terrassenbeleuchtung einzu­schalten und für seinen Freund und sich einen Rum-Punch zu holen.

 

     Nachdem Rondi es sich wieder in seinem komfortablen, weich gepolsterten Rattan-Sessel bequem gemacht hatte, begann Hinze erneut die Unterhaltung: "Mir ist so, als hätten wir eine Neutronenbombe entwickelt, die, nachdem sie nun einmal fertig ist, unvermeidlich auch irgendwann einmal losgehen wird..."

 

     "Also, wenn du schon einen solchen Vergleich ziehen willst", unterbrach Professor Rondi, "dann ist die Bombe doch schon losge­gangen. Noch hat sie keinen Schaden angerichtet, was ja das Prin­zip einer solchen heimtückischen Waffe ist, die überhaupt keinen militärischen Sinn hat; denn eigentlich sollte in einem sogenann­ten modernen Atomkrieg der Feind aufgehalten und an Aktionen seinerseits gehindert werden. Die Neutronenbombe richtet kaum einen Primärschaden an. Ihre Bösartigkeit liegt in der Langzeitstrahlung, die langsam aber sicher alles Leben zerstört, versaf­tet, wie die Militärs sagen. Also, das ist eine der größten Schweinereien, die sich menschliche Gehirne ausgedacht haben. Aber ist ihr Bau verhindert worden? Da will ich jetzt für unsere Arbeit ansetzen: Wir hatten eine Idee und haben diese realisiert. Mit Sicherheit wären auch andere Leute früher oder später in gleiche Gedanken verfallen und wären, wie auch immer, schließlich und unvermeidlich irgend wann bestimmt auch zu gleichen Ergebnis­sen wie wir gelangt. Wir sind ihnen nur zuvor gekommen. Also, wir haben die Bombe zuerst gebaut, die nun alle überkommenen, klassi­schen Ausbildungsstätten in ihrer Existenz bedroht, ganz zweifel­los. Millionen und aber-millionen Lehrer und in solchen Institu­tionen Beschäftigte werden demnächst nicht mehr gebraucht. Unsere Tätigkeit und die von uns aufgezeigten und praktizierten Möglich­keiten werden eine gesell­schaftliche Revolution heraufbeschwören. Nach unserer Methode werden blutjunge, optimal befähigte Arbeits­kräfte produziert, die dem Arbeitsmarkt mindestens fünfzehn Jahre länger dienen können als die durch die hergebrachte Ausbildungs­methode und den anschließenden Erfahrungsbe­reich gelaufenen Fach­leute. Dabei haben die bisherigen Spezialisten ja schon kaum mehr eine Berufschance. Wenn da nicht ein Umdenken bezüglich der Ar­beitszeit und Arbeitsver­teilung gelingt, dann ist eine Katastro­phe früher oder später sowieso nicht mehr abzuwenden. Darüber bin ich mir sehr klar. Nun weiß ich nicht, ob, wie, also auf welche Weise wir, als die Ver­ursacher zusätzli­cher und unabsehbarer Probleme, in die Verände­rungen des sozialen Gefüges steuernd eingreifen können. Ich hätte zwar da so einige Ideen, wie die menschliche Gesellschaft das alles durchaus posi­tiv ver­ändern könnte. Das setzt aber Einsicht in die Notwendig­keit die­ser Ver­änderung vor­aus. Doch daran wird alles schei­tern..."

 

     "Es sei denn", fuhr diesmal Hinze seinem Freund in die Rede, "wir nutzen unsere Wissensübertragungsmethoden. Da kommt mir ein Gedanke, den wir diskutieren sollten: Wir könnten allen, die bei uns als Rezipienten durchgeschleust werden, zusätzlich eine sol­che Einsicht als jeweiligen Zusatz zu dem gewünschten Wissensko­pier-Programm mit eintrichtern. Das würde bedeuten, daß alle, die von uns in die Arbeitswelt entlassen werden, das Bewußtsein zur not­wendigen Veränderung der Gesellschaft kostenlos mitbekom­men ha­ben."

 

     Er machte eine Pause, und aus seinem nachdenklichen Ge­sicht konnte geschlossen werden,  daß er sehr angestrengt über seine Ideen brütete.

 

     Professor Rondi hatte zuerst mit gespitztem Mund immer wie­der genickt; doch dann schüttelte er den Kopf und meinte: "Beina­he hätte ich dir zugestimmt. Der Gedanke klingt auf den ersten Blick ziemlich verlockend. Wir haben theoretisch die Macht, unse­ren Klienten unsere Vorstellungen und unseren Willen aufzuzwin­gen. Das beherrschen wir. Wir könnten unsere Methode rasch ver­breiten, also, plötzlich überall sogenannte Kopierstationen für unser Programm aufmachen. Noch reißt sich alles darum, insbeson­dere, wenn wir gleichzeitig die Preise in Richtung auf reelle Kosten herab­setzen. Also, dann könnten wir innerhalb kürzester Zeit eine Masse von Leuten mit unserer Meinung, mit unserer Welt­anschauung, mit unse­ren Vorstellungen sozusagen in Umlauf brin­gen. Aber was wären wir dann? frage ich mich. Wir wären nichts anderes als diese fanatischen, vielleicht auch nur geschäftstüch­tigen Religionsstifter, die es heute ja wie Sand am Meer gibt, die auch von sich glau­ben, daß al­lein ihre Meinung, ihre Weltan­schauung und ihre Vor­stellungen für alle Menschen, ja für die ganze Welt gültig sind. Leider ist nun gerade meine Grundhaltung und - soweit ich dich ja nun seit Jah­ren kenne - auch deine immer die gewesen, selbstkri­tisch zu sein. Du, so etwas können und dürfen wir nicht ma­chen..."

 

     "Ich fürchte, wir müssen", fiel Hinze ihm ins Wort. "Wir haben doch die Probleme aufgeworfen und sind verpflichtet, Lösun­gen anzubieten..."

 

     "Das klingt schon besser", meinte William Rondi. "Doch will ich erst einmal klarstellen, daß wir nicht die Verursacher der derzeitigen Arbeitsprobleme sind. Unsere Wissensvermittlungs­verfahren würden lediglich die Probleme auf die Ausbildungsstät­ten ausweiten, sicher schlimm genug, zugegeben. Wir können aber höchstens Lösungen, wie immer sie aussehen mögen, anbieten. Wer sie haben will, kann sie von uns bekommen..."

 

     "und wer sie ablehnt", fuhr Hinze fort, "der muß als unein­sichtig eingestuft werden und wird sich gegen mögliche Lösungen stemmen und sie vielleicht mit all seinen Mitteln zu verhindern suchen..."

 

     Sein Freund unterbrach: "Willst du etwa daraus ableiten, daß wir das Recht haben, unsere Möglichkeiten - nämlich unsere Mei­nung, also unsere Weltanschauung, unse­re Vor­stellungen unseren Klienten aufzuzwingen, im wahrsten Sinne des Wortes?"

 

     Kurt Hinze nickte mehrmals mit langsamen Kopfbewegungen, wobei er recht nachdenklich wirkte, während Rondi in gleicher Weise seinen Kopf schüttelte.

 

     Beide schwiegen eine Weile, ehe Rondi weitersprach: "Also, ich muß schon sagen, da schleicht sich bei uns wohl die Gefahr ein, daß wir leicht auf Abwege geraten können, daß wir uns zu Diktatoren entwickeln. Du, da wird mir mit einem Male ganz klar, daß auch wir ganz normale Menschen sind, was Rechthaberei und so weiter betrifft. Wie soll ich mich ver­deutlichen? Also, wie im­mer, wenn irgendeine recht spontane Ver­änderung eines sich lang­sam entwickelt habenden Systems, hier des sogenannten Ausbil­dungs­systems, gemacht wird, dann ergeben sich mehr Probleme als vermeintliche Systemverbesserungen. So hat doch jede Revolution beispielsweise immer erst einmal ein Chaos verursacht, wenn ich an die französische, an die russische Revo­lution, an Befreiung von Kolonialherrschaft denke; oder liege ich da falsch? Sind die ehemaligen Kolonien nach ihrer sogenannten Unabhängigkeit nicht fast alle von einem einzigen, sich zum Landesbesitzer geputschten Militär regelrecht ausgebeutet und ausgeplündert worden? Die neuen Landesbesitzer haben jegliche Entwicklung verhindert, die Untergebenen durch eine Staatsreligion gleichgeschaltet und durch Abzweigung des größten Teils des Staatshaushaltes für Militäraus­gaben ihre Macht erhalten. Die Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonien hat der Bevölkerung einer solchen Kolonie keine Vorteile gebracht. Im Gegenteil... Wenn unsere Wissensvermittlungsmethode allgemein eingeführt wird - ich muß das wiederholen - dann gibt es eine Katastrophe zumindest auf dem Arbeitsmarkt. Niemand wird mehr ältere, erfahrene Fachleute beschäftigen wollen. Was wird aus den Leuten, die im bisherigen, sogenannten klassischen Aus­bildungsbereich tätig sind? Die Ar­beitslosenzahl wird sich von zur Zeit etwa zweiundzwanzig Prozent im Durchschnitt in den soge­nannten Industrienationen auf nahezu fünfzig Prozent oder so ähnlich erhöhen. Damit werfen wir die Industrienationen mit einem Schlage auf ein Niveau der Entwick­lungsländer. Jetzt kann ich sarkastisch werden und sagen: Die Kriminalität wird sprunghaft steigen. Es werden ungeheure Mengen an privaten und staatlichen Wächtern und Schutzleuten benötigt, vielleicht als Ausgleich. Aber wer und wie soll das alles finan­ziert werden?"

 

     Professor Hinze zog mit einem Schmollmund die Schultern hoch und kommentierte: "Darüber habe ich nicht ausreichend nachge­dacht, um eine fundierte Meinung äußern zu können. Weil wir aber die Folgen unserer Revolution voraussehen, müssen wir denn da nicht entsprechend gleichzeitig steuernd und eben vorausblickend agieren? Du hast doch soeben durchaus einleuchtende Vorschläge zur Problemlösung aufgezeigt, wie ich meine. Warum willst du die denn sogleich wieder verwerfen? Warum versuchen wir nicht einen Kompromiß, indem wir unsere Klienten auf die Gefahren für die Menschheit mit Bezug auf eine im Arbeitsprozeß stehende Gesell­schaft hinweisen und unsere Absicht einfach erklären, um Zustim­mung erlangen zu können? Irgendwie müßte ich diese, bis jetzt erst einmal in einer Rohfas­sung geäußerten Gedanken präzisieren. Ich meine, das was du da vorhin vorgeschlagen hast - du sprachst davon: wer sie haben will, also unsere Lösungsvorstellungen, nicht wahr?.. Also der Gedanke, wir könnten nämlich unse­re Klien­ten auch bereit dazu machen, daß sie zur Lösung der sich aus unserer Tä­tig­keit ergebenden Probleme beitragen können und wol­len, be­findet sich ja auch erst in einer Rohfassung, ist ein­fach nur als ein Denkansatz in den Raum gestellt worden. Wir könnten zum Bei­spiel - auch das ist eine Möglichkeit - nur noch solche Klienten anneh­men, die gleichzeitig bereit sind, die von uns befürch­teten Ausfälle unserer Neutronenbombe abschirmen zu hel­fen, ich denke an solche Klienten, die eben auch unsere Lösungs­vorschläge einse­hen..."

 

     "oder sogar mit besseren, von uns bisher nicht gesehenen, kommen", ergänzte Rondi und fügte hinzu: "Da die Probleme der Arbeitslosigkeit nicht primär von uns ausgelöst worden sind, sondern nur noch gewaltig verstärkt werden, also, da diese Probleme jetzt doch schon eine ziemliche Komplexität erreicht haben, maße ich mir nicht an, die Lösung so aus dem Ärmel schüt­teln zu können wie ein Zauberer. Es gibt doch inzwischen sicher schon eine ganze Palette von Vorschlägen, die bestimmt dokumen­tiert sind, die wir aber nicht kennen, weil wir uns damit nicht beschäftigt haben. Es wird doch dauernd von Arbeitszeitverkür­zung, von Umverteilung der Arbeit, der Umverteilung des Kapitals und ich weiß nicht was gesprochen. Wir wissen doch zu wenig, um eine angemessene Lösung anbieten zu können. Da muß doch wissen­schaftlich vorgegangen werden. Das ist ein riesiger Komplex mit soziologischen, weltanschaulichen, wirtschaftlichen und - weiß der Kuckuck - welchen Komponenten..."

 

     Beide Herren diskutierten noch mehrere Stunden, teilweise emotional, über dieses Thema, einigten sich schließlich darauf, einen Forschungsauftrag auszuschreiben. Sie beschlossen, die sozialwissenschaftlichen Fakultäten aller Universitäten und ande­re öffentliche sowie privaten Forschungsinstitute, die sich mit Pro­blemen der Arbeitswelt befaßten, anzuschreiben, um sie über die von den beiden Forschern vorausgesehenen Probleme zu infor­mieren. Sie wurden sich erst nach langem Hin und Her darüber einig, statt über eine klassische Aus­schreibung an gute Lösungs­vor­schläge zu kommen, diese sinnvoller, in Form eines zu prämie­renden Wettbewerbes zu sammeln. Sie arbeiteten bereits Formulie­rungen für ein Rundschreiben aus, die Professor Rondi in einen Computer diktierte, der die von ihm gesprochenen Texte in Schrift umwandelte und per Knopfdruck aus­druckte. Nach einem ersten Ent­wurf der beiden Wissenschafter sah der Wort­laut nach die­sem Dis­kussionsabend als Vorab-Ergebnis so aus:

 

          "Durch Einsatz von immer mehr roboterhaften Ma­schinen in der Arbeitswelt sind zwar in segensreicher Weise menschenunwürdige Beschäftigung, wie schwere kör­perliche Arbeit und wie beispiels­weise die unzumutbare Tätigkeit am Fließband oder in einem Schreibbüro,  weit­ gehend überflüssig und die Produktqualität verbes­sert worden. Aber mit der Arbeitserleichterung durch Über­nahme vie­ler Tätigkeiten eben durch Maschinen und Robo­ter ist keine entsprechende Umverteilung bezie­hungsweise Neuverteilung der Beschäftigung auf all die arbeitswil­ligen und arbeitsfähigen Menschen einhergegangen.

 

      Wie Ihnen vielleicht bekannt, haben wir neue Ver­fahren entwickelt zur Übermittlung von Wissen und Er­fahrungen von Expertengehirnen in vernachlässigbar kur­zer Zeit auf jemanden, der sich solches Wissen und sol­che Erfahrungen gerne aneig­nen möchte.

 

      Sollten unsere Wissensübertragungsmethoden all­gemein eingeführt werden, dann sind klassische Schu­len und Ausbildungsstätten nicht mehr gefragt. Damit würden zum Beispiel  fast alle derzeitigen Lehrer, Do­zenten, Verwaltungsangestellte, in Lehr- und Lernmittel­firmen tätige Personen in das derzeit schon riesige Heer der Arbeitslosen eingereiht. Das wird zu einer folgen­schwe­ren und untragbaren Veränderung der Situation der menschlichen Gemeinschaft führen, wahrscheinlich zu Aufruhr, zu berech­tigten Protesten und eventuell zu zur Zeit nicht voraus­seh­baren Ereignissen; denn in keiner derzeitigen Nation würden die Kosten dieser zusätzlich hervorgerufenen Arbeitslosig­keit kaum mehr von den weni­gen, noch im Arbeitsprozeß verbleibenden Menschen getra­gen werden können.

 

      Es wird sowieso allerhöchste Zeit, Gegenmaßnahmen zu er­greifen, um die klassische, derzeitige Form der Ar­beitsteilung zu über­denken, die Arbeitswelt, ja die Wirtschaftsysteme über­haupt zu verändern, zu reformie­ren. Das Ziel muß sein: Jedem Menschen eine Chance zu geben, sein Leben in zu­mindest materieller Sicherheit mit einer menschenwür­digen Lebensqualität führen zu können.

 

      Wir fordern Sie auf, praktikable, das heißt reali­sierbare Vorschläge zur Erreichung dieses Oberzieles zu unterbreiten, die sich, unter anderem, auf eine allge­meine, allumfassende Analyse

 

- der derzeitigen Situation bezüglich der belebten und unbelebten Natur generell,

- der Bedürfnisse des Einzelindividums in seinem Umfeld,

- der Absatzmärkte, der Betätigungserfordernisse, wie Umweltreparatur,

- des Arbeitsbedarfs und des Arbeitskräftepotentials,

- der Reserven an verbleibenden Rohstoffen und an Natur­schätzen dieser Erde,

- der Folgen bisheriger Arbeits- und Produktionsmethoden

usw.

 

zu orientieren hat.

 

      Wir bitten Sie, sich dieser, von uns als sehr dringlich gesehenen Aufgabe zu widmen und Vorschläge in Form eines Wettbewerbes zu unterbreiten.

 

      Eine Entscheidungskommission wird gebildet werden, die sich zusammensetzt aus Vertretern internationaler Organisationen, wie der Internationalen Organisation für Arbeit, ILO, und aus Vertretern nationaler Arbeitsmini­sterien, Wirtschafts- und Handelsministerien möglichst aller Län­der dieser Erde. Die Entscheidung über die drei besten Vorschläge wird dann mehrheitlich ge­troffen. Wir selbst behalten uns jedoch als diejenigen, die die Wett­bewerbs­preise stiften, ein Veto-Recht vor. In einem solchen Fall müßten Ihre von der Entscheidungs­kommission als prämierwürdig ausgewählten Vorschläge öffentlich disku­tiert werden, um danach wieder zur er­neuten Ent­scheidung vorgelegt zu werden. Der sich dann ergebenden Entschei­dung würden auch wir uns beugen.

 

      Der beste Vorschlag wird mit einer Prämie von hundertmillionen US-Dollar prämiert, der zweitbeste mit sechszigmillionen und der drittbeste mit vierzigmillio­nen. Wir behalten uns vor, fünf weitere Vorschläge, die unseren persönlichen Vorstellungen entsprechen oder nahe kommen, mit je zwanzigmillio­nen US-Dollar zu honorie­ren...

 

      Falls Sie sich an diesem Wettbewerb beteiligen wollen, dann fordern Sie ausführlichere Unterlagen mit den Wettbewerbsbedingungen von uns an..."

 

     "Das übersteigt aber wirklich unsere finanziellen Möglich­keiten", meinte Professor Hinze.

 

     Sein Freund hielt ihm entgegen: "Bis wir zur Kasse gebeten werden, also, das wird doch nicht vor Ablauf der nächsten drei Jahre möglich sein, haben wir das Doppelte und Dreifache im Sack. Diese Investition wird uns wahrscheinlich auch zu unserer eigenen Sicherheit dienen, denke ich mir. Durch die Wettbewerbsprämierung werden wir der Weltöffentlichkeit klar beweisen, daß wir uns durchaus über eventuelle Folgen unserer Tätigkeit im Klaren sind und daß wir durchaus sozial denken. Aber dieser Text, den wir da entworfen haben, gefällt mir überhaupt noch nicht. Da sollten wir noch ein wenig Gedankenschmalz hinzu fügen, meine ich."

 

     Obwohl die beiden Herren bis zum ersten dunkelroten Streifen am Morgenhimmel ihren Text immer wieder neu und umformulierten, waren sie mit ihren Entwürfen immer noch nicht zufrieden. Sie hatten aber zuviel Rum mit Ananassaft getrunken, um noch klar denken zu können, und beschlossen, sich endlich hinzulegen.

 

 

Der Spion

 

     Professor Rondi erschien gegen fünf Uhr im Labor seines Freundes Hinze und sagte: "Ich muß dich dringend sprechen..."

 

     "Bitte warte noch ein wenig", bat Professor Hinze. "Ich bin gerade auf etwas gestoßen, was vielleicht wieder eine ganz neue revolutionäre Entdeckung ist."

 

     Aus seinem üppigen, schneeweißen Haarschopf ragten unzähli­ge kleine Sondenstöpsel heraus, an deren Enden eine kurze v-för­mige Gabel geformt war. An jeweils einen Gabel-Pol war ein Draht ange­schlossen. Ein Gummiband war so um den Kopf und das Kinn ge­schlungen, daß es durch jede Gabel lief. Eifrig hantierte er an Geräten und verfolgte aufmerksam, für einen Laien künstle­risch anmutende farbige kaleidoskopartige Muster auf einem Flüs­sig­kristall-Bildschirm.

 

     Rondi meinte lachend: "Hast du ein neues System zum Locken­wickeln erfunden? Du siehst wirklich komisch aus. Was machst du denn eigentlich da? Warum verändern sich die Pattern (Muster) auf dem Bildschirm so rhythmisch?"

 

     Sein Freund reagierte nicht auf die Fragen. Er war ganz in seine Forschungsarbeit versunken. Rondi konnte nicht erkennen, um was es ging und wurde etwas ärgerlich, weil er immer großen Wert darauf gelegt hatte, daß beide vorher besprächen und sich ständig gegenseitig informierten, was sie jeweils machen wollten. Er entdeckte auch, daß einige der Geräte neu entwickelt waren und nicht in seinem Laboratorium als Kopie existierten. Da er seit einigen Wochen nicht das Labor seines Freundes aufgesucht hatte, kam ihm sogleich der Verdacht, daß Hinze nun an etwas arbeitete, wovon er keine Ahnung hatte. Wut kam in ihm auf. In seinem afri­ka­nischen Temperament wäre er fast geneigt gewesen, seinem Freund das Drahtgewirr vom Kopf zu reißen. Aber er bezwang sich, fuhr Hinze aber energisch an: "Was geht hier vor? Ich will wis­sen, was du da machst."

 

     Kurt Hinze wehrte ab und flehte regel­recht: "Bitte, besteh jetzt nicht auf einer Erklärung. Ich befinde mich in einer beson­deren Situation, die mir nicht ermöglicht, deine berechtigte Frage zu beantworten. Ich bitte dich, mir noch etwa eine halbe Stunde zu gewähren..."

 

     Bei den letzten Worten, die er sehr ge­quält von sich gab, stöhnte er, als litte er unter großen Schmer­zen.

 

     Rondi wollte erneut etwas sagen, war sich aber nicht sicher, ob er es wagen könne; denn er ahnte aus der Art und Weise, wie Kurt Hinze mit größter Mühe gesprochen hatte, daß die­ser irgend etwas ausprobierte, was sein Gehirn nur partiell ar­beiten ließ.

 

     William Rondi ließ sich in einen Sessel fallen und beobach­tete abwartend, was im Laboratorium vor sich ging. Es gelang ihm nicht, außer eine geringe Ahnung zu bekommen, was hier im Einzel­nen aus­probiert wurde.

 

     Nach gut einer halben Stunde schaltete Professor Hinze ein Gerät ab, lehnte seinen Kopf weit zurück, holte dabei tief Luft, streckte die Arme hoch, gähnte ungeniert und erklärte: "Du, ich glaube mich da auf einer interessanten Spur. Wir werden wahr­scheinlich  in Zukunft nicht mehr schlafen brauchen, wie es aus­sieht..."

 

     "Diese deine Entdeckung überrascht mich überhaupt nicht", fuhr sein Freund ihn an. "Aber wieso hast du Geräte hier herum­stehen, die es bei mir nicht gibt? Machst du dich etwa selbstän­dig? Das nehme ich dir sehr übel, daß du Sachen ausprobierst, von denen ich offensichtlich keine Ahnung haben soll..., äh, ich meine, haben darf..."

 

     "Beruhige dich bitte und laß mich erklären" bat Hinze. "Da hatte ich schon immer die Idee, ich meine den Wunsch, daß man mal ausprobieren müßte, ob wir nicht die Langzeitspeicherung von Informationen im Gehirn statt über den üblichen Schlaf auch über partielle Ruhe der betroffenen Gehirnpartie ermöglichen könnten, so als eine Art selektiver Informationsfixierung, wobei das rest­liche Gehirn voll funktionsfähig..."

 

     "...voll wach bleibt", ergänzte Rondi mit offensichtlich erreg­ter Stimme und fuhr fort: "Das habe ich alles schon längst einmal durchdacht und auch mit dir diskutiert. Also, deshalb nehme ich dir wirklich übel, daß du deine Versuche in dieser Hinsicht nicht mit mir abgestimmt, ich meine, daß du zumindest nicht einmal andeutungsweise darüber gesprochen hast. Du willst wohl selbst..."

 

     Er brach den Satz ab, machte eine wegwerfende Bewegung mit seiner linken Hand und machte Anstalten, das Labor seines Freun­des zu verlassen. Dieser eilte zu ihm, versuchte, ihn am Arm fest zu halten. Aber sein Freund machte eine ruckartige Bewegung zur Seite, wobei er sich los riß.

 

     "Ich gebe ja zu", erklärte Hinze, "daß ich vielleicht einen Fehler gemacht habe, nicht ausführlich mit dir gesprochen zu haben. Aber dann sollten wir das jetzt unbedingt nachholen. Du behandelst mich, als hätte ich etwas ganz Schlimmes gemacht. Ich muß dir sagen, daß ich mich einfach nicht getraut habe eben gera­de wegen unserer Vorbesprechung vor einiger Zeit, über meine Absichten zu sprechen, mit diesen Versuchen zu beginnen. Ich fürchtete, mir deinen Zorn zuzuziehen, so wie bei mei­ner Idee mit den Versuchen, menschliches Wissen vielleicht auf höher entwic­kelte Tiere zu übertragen..."

 

     "Davon fang jetzt bitte nicht noch einmal an", unterbrach William Rondi. "Solche Versuchsabsichten werde ich mit allen Mitteln unterbinden. Das werde ich aus moralischen Gründen nie  dulden. Versuche dürfen nur mit Zustimmung des Versuchsobjektes gemacht werden, und wenn dir diese Art von Gedanken noch im Kopf umher schwirrt, dann werde ich mich in jedem Fall von dir tren­nen. Dann trennen uns weite Klüften in unserer Weltanschau­ung." Seine Stimme war erregt laut geworden.

 

     Kurt Hinze war Zorn anzusehen und er schrie beinahe zur Erwiderung: "Das Thema ist, wie du genau weißt, ein für alle Mal begraben. Deine jetzige Reaktion zeigt mir aber, daß du oft nicht diskussionswillig und -fähig bist und mir unterstellst, ich würde von unseren Prinzipien abweichen wollen. Ich lasse mir aber nicht das Recht nehmen, auch von dir nicht, meinen Gedanken freien Lauf zu las­sen, verdammt noch mal. Gedankenspiele sind ja wohl noch kein Verbrechen..."

 

     "Doch, also ja", unterbrach Rondi. "Damit fängt es an. Das war schon ein großartiger Denkansatz, als dieser sogenannte Christus die Gedankensünde definiert und mit einer tatsächlichen sogenannten bösen Tat gleichgesetzt hatte..."

 

     Sein Freund Hinze ergriff wieder mit erregter Stimme das Wort: "Halt mir bitte keine Predigt! Ich habe dich immer als meinen besten Freund betrachtet und war immer der Meinung, mich nicht, in kein­ster Weise vor dir verstecken zu müssen. Du bringst mich aber langsam dazu, weil du... Lassen wir das", fuhr er mit normaler Stimme fort und erklärte: "Jedenfalls war ich mir si­cher, daß du meine jetzt, an mir selbst durchgeführten Experimen­te nicht gut­heißen würdest, weil ich mich selber damit in Gefahr bringen könnte oder weil das sowieso blödsinnig sei, was du in einem Gespräch über dieses Thema ja schon so bezeichnet hast. Zu dem ersten Teil meines Satzes: Jeder Versuch birgt ein gewisses Risiko in sich; denn sonst brauchten ja keine gemacht zu werden. Dabei bist auch du damals zu Be­ginn unserer Versuche selbst ziem­lich große Risiken eingegangen. Du warst so sehr von deinen Ide­en, Wissen zu über­tragen, besessen, daß einige theoretische, detaillierte Betrach­tungen, die sicher zeitaufwen­diger gewesen wären, eben durch deine Selbstversuche ersetzt wur­den. Das wäre beinahe ja auch schief gegangen, wie du genau weißt. Dann hast du später, eben weil du die, in deinem damaligen Forschungsfanatis­mus - anders kann ich das nicht bezeichnen - ein­gegangenen Risi­ken, für die Zukunft rigoros und kompromißlos energisch verdammt, und in deinen Vorle­sungen immer wieder die Notwendigkeit betont, daß Hypothe­sen durch sehr hartnäckiges Nachdenken und durch theo­retische Überle­gungen zu erhärten sind, ehe riskante Versuche durchgeführt wer­den dürften."

 

     "Dazu stehe ich heute immer noch mehr denn je", warf Rondi dazwischen.

 

     Kurt Hinze ließ sich aber nicht bei seinen Ausführungen beirren und sprach einfach weiter: "Du kommst mir fast so vor wie die Hure, die zur Betschwester wird. Damit hast du mich praktisch dahin gebracht, meine frühere, völlige Offenheit dir gegenüber zu reduzieren. Ich war mir nämlich gar nicht so hundertprozentig sicher, ob es gelingen würde, die Abläufe im Gehirn partiell zu steuern..."

 

     "Aber genau das ist doch unsere Methode", rief Rondi, die Arme leicht hochwerfend, die Augen weit geöffnet und die Stirn in Falten gelegt. Er erklärte: "Das, was du jetzt hier als deine risikoreichen Versuche darstellen willst, also, Versuche, bei denen du Angst hattest, mich darüber zu informieren, also, das ist nun wirklich, ich meine, ja, darüber hätten wir diskutieren können. Also da gibt es kaum Risiken, wenn du das richtig ange­stellt hast. Du hast wohl überhaupt nicht begriffen, was das Prinzip unserer Gehirnmanipulation ist."

 

     Professor Hinze fand diesen Anwurf ungeheuerlich und die beiden Freunde verbissen sich in ein eifriges, teilweise sehr lautstarkes Wortgefecht, das sich über fast zwei Stunden hinzog, wobei ihnen dennoch allerdings die rein sachlich fachlichen Gege­benheiten im Verlauf der Auseinandersetzung auch durchaus klarer wurden.

 

     Nachdem sich die Emotionen etwas beruhigt hatten, wollte Hinze plötzlich wissen: "Warum bist du eigentlich zu mir gekom­men? Ich erinnere mich, daß du schon beim Eintreten in keiner besonders guten Laune warst, obwohl du das mit Scherzen über mich als jemandem, der ein neues System zum Lockenwickeln auszuprobie­ren scheint, zu überspielen versuchtest."

 

     Rondi, der die ganze Zeit nervös auf und ab gegangen war, setzte sich spontan auf einen der Drehstühle im Laboratorium, kaute leicht an einer Nagelecke seines linken Daumens, spuckte das abgebissene Hornstückchen aus und sagte ohne weitere Erklä­rung: "Wir haben einen Spion unter uns."

 

     Kurt Hinze ließ den Kopf ein wenig ruckartig nach hinten schnellen, wobei er ihn gleichzeitig nach unten kippte und eine verdutzte Miene zeigte. "Bist du dir da ganz sicher?" erkundigte er sich.

 

     Sein Freund wiegte bejahend seinen Kopf mehrere Male mit kleiner werdenden Schwingungen und berichtete: "Also, du weißt, daß ich mich auf diese verkürzte Tiefenanalyse unserer Psyche geworfen habe und auf Vor­gänge, die in unserem Gehirn ablaufen, wenn wir bewußt die Un­wahrheit sagen. Da hatte sich früher unser Benjamin eigentlich recht gerne zur Verfügung gestellt, und ich habe sehr gerne mit ihm zusammen gearbeitet. Der war doch immer so ein richtiger Sonnenkerl mit seinem breiten, lachenden Ge­sicht, dem ich nie etwas Hinterhältiges und Heimtückisches zuge­traut hätte, der mir zwar die schönsten Lügengeschichten auf­tischte, wobei sein Gehirn keine, mir als typisch erkennbaren Muster dar­stellte. Übrigens sind bisher alle meine Versuche auf diesem Gebiet gescheitert. Unsere Musterbibliothek ist viel, viel zu klein, wahrscheinlich ein Grund, daß tiefenanalytisch nichts, ich meine, noch nichts zu erkennen ist..."

 

     Hier muß vielleicht erst erläutert werden, was Professor Rondi mit seinen Versuchen vor hatte: Er geht nach den klassi­schen Vorstellungen der Psychologen davon aus, daß alle Informa­tionen und Eindrücke, die die Umwelt auf ein menschliches Indi­viduum einfließen läßt, im Gehirn gespeichert sind, daß aber für manche Ereignisse der sogenannte Rückruf in das Bewußte abge­schnitten ist. Wenn Erlebnisse einfach nicht von der Psyche zu verkraften sind, wenn sie insbesondere eine traumatische, also verletzende Wirkung ausge­löst haben oder dem Persönlichkeits­charakter völlig widerstreben, dann kann es zu dem kommen, was als Verdrängung in das Un­bewußte bezeichnet wird. Mit der Psychoanalyse wird versucht, den Zugang zu solchen, vom Individu­um nicht nur gespei­cherten, son­dern irgendwann beziehungsweise irgendwie fehlverar­beiteten Informationen wieder zu ermöglichen. Eine Psychoanalyse ist bekanntlich sehr zeitaufwendig, manchmal sogar unmöglich, weil der  Analytiker  nicht nur neben  Fachwis­sen  und -erfahrung auch ein Nachempfindungsvermögen haben muß für die Erlebniskom­plexe und -kombination in Verbindung mit cha­rak­terli­chen Eigen­schaften der zu analysierenden Person. Nur dann kann der Analyti­ker aufdecken, was von dem zu Analysierenden als nicht von ihm selbst lösbare Probleme "verdrängt" worden ist. Das gelingt also nur einigermaßen gut, wenn der Analytiker neben Fachwissen auch das Einfühlungsvermögen hat, um es zu wie­derho­len; denn er tastet sich langsam an den Verdrängungskomplex her­an, indem er seinen Klienten bittet, über seine Erleb­nisse zu berichten, also darüber nachzudenken. Über wenige, aber sehr gezielte Fragen wird dann das Nachdenken in Richtung auf den Problemkomplex gelenkt, an den die Psyche des Klienten aber über­haupt nicht mehr heran will. Die zu analysierende Person weicht ab oder richtiger: sie weicht in der Regel aus, blockt ab. Diesen Punkt muß der Analytiker erken­nen können.

 

     Hier glaubte Pro­fessor Rondi an­setzen zu können. Er war davon überzeugt, daß dieser Sperrmecha­nismus, wenn man ihn mal anschau­lich so bezeich­net, mit bestimm­ten Impulsarten und -formen des Gehirns einher­gehen muß. Falls es ihm gelänge, solche charak­te­ristischen Sperr-Impuls­muster zu entdecken, dann könnte ein ma­schinen-unterstütz­ter Psychoanalyti­ker sehr rasch erkennen, wann ein Klient sich in die Nähe eines verdrängten Bereiches bewegt. In einem weiteren Schritt hofft William Rondi, dann aus seinen Mustern erkennen zu können, welche Art von Problemkomplex ver­drängt, also gesperrt ist. Die Muster­erkennung ist jedoch nur dann möglich, wenn be­reits sogenannte Vergleichsmuster, Soll­muster oder vielleicht als so-müßten-sie-sein zu bezeichnende Muster bekannt, also in Compu­ter-Medien eingespeichert sind.

 

     Würde es gelingen, eine gewaltige Zahl an Mustern, charakte­ristisch für die verschiedensten Gedanken, zu sammeln, dann glaubte Rondi, auch erkennen zu können, wenn jemand etwas anderes sagt als das, was im Gehirn als Erlebniskomplex gespeichert ist; denn, um es ganz einfach auszudrücken, ein Lügner denkt beim Schwindeln eben an die Wahrheit. So sieht es Professor Rondi. Sein Freund Hinze war nicht ganz davon überzeugt. Der hielt es durchaus für möglich, daß jemand sich ganz in seine Lügenphanta­sie "verlieren" kann und die Wahrheit sogar verdrängt. Er war der Meinung, daß jemand eine Geschichte erfinden kann und sich so sehr dort hinein steigern kann, daß sie für den Erzähler regel­recht zur Realität wird. "Das ist bei deinem Benjamin mit Sicher­heit der Fall", meinte er. "Mit dem kannst du diese Versuche nicht machen..."

 

     Wieder prallten Meinun­gen heftig aufeinander.

 

     Es sieht fast so aus, als wären die beiden Forscher doch bereits schon an die Grenzen des rein wissenschaftlich technisch Aufdeckbaren bei den Vorgängen im Gehirn geraten. Aber gerade dort, wo um jede kleine und kleinste Erkenntniserweiterung gerun­gen werden muß, setzt oft ein nahezu fanatischer Ehrgeiz in der Forschung ein.

 

     Nach dieser kleinen Abschweifung sollten wir zurückkommen zum Bericht von Professor Rondi über seinen Verdacht.

 

     "Also, weiter zu dem, was ich dir eigentlich vordringlich erzählen woll­te", fuhr William Rondi fort. "Über den Stand meiner Forschungen berichte ich dir zu gegebener Zeit. Also, dieser Benjamin kam mir in den letzten Tagen ein wenig anders vor als sonst. Er wirk­te bedrückt, vergaß sein breites, strahlendes Lä­cheln, meidete meine Gegenwart ganz offensichtlich. Wie verhielt er sich denn dir ge­genüber?"

 

     Kurt Hinze ließ seinen Kopf parallel zu den Schultern schwingen, machte einen gespitzten Schmollmund, zog die Stirn in Falten und schien zu überlegen. "Ja, wenn du mich zwingst, über unseren Benjamin nachzudenken", antwortete er schließlich, "dann meine ich, deine Beobachtungen durchaus bestätigen zu können. Der hat ja vorwiegend bei der Neuentwicklung meiner Geräte mitgear­beitet. Ich war also vielleicht sogar viel öfter mit ihm zusammen als du. Der wirkt genau seit drei Wochen verändert. Ich kann das deshalb so genau rekonstruieren, weil die Geräte für meine Selbstversuche vor genau knapp drei Wochen fertig geworden sind, worauf ich ja brennend gewartet hatte. An einem dieser Tage, kurz vor Fertigstellung kam Benjamin fast vier Stunden später als ver­einbart 'rauf zu uns. Er war sehr re­serviert, ja richtig in seinem Verhalten verändert. Als ich ihn darauf ansprach, gab er zur Erklärung, daß er sich nicht gut fühle, unter Kopfschmerzen leide und so weiter. Ich habe das als Entschuldigung durchaus akzep­tiert. Nun muß ich jedoch bestäti­gen, daß sich diese seine Ab­weichung von seinem, uns gegenüber gezeigten Verhalten seit dem nicht wieder zurückgebildet hat. Ich war aber so mit meinen Ver­suchen okkupiert, daß ich dem keine besondere Aufmerksamkeit gewidmet habe. Nun, aus diesem Verhalten aber gleich herzuleiten, daß Benjamin zum Spion geworden ist, halte ich für absoluten Quatsch."

 

     "Das ist ja auch nur ein indikatives Symptom", sagte Rondi. "Natürlich sagt das veränderte Verhalten von Benjamin nichts über die Ursache aus. Daß du mir als Wissenschaftler eine solche dumme Schlußfolgerung unterstellst, finde ich im höchsten Maße beleidi­gend. Das verbitte ich mir!" Rondi war Wut durchaus anzumerken.

 

     Hinze lachte, so als freue er sich sehr, seinen Freund so leicht necken und ärgern zu können, gab aber keinen Kommentar zu den Reaktionen von Rondi, der in seinem Bericht fortfuhr: "Also, da hab' ich den Benjamin heute noch einmal über meine Forschungs­vor­haben informiert und ihn gefragt, ob er sich wieder zu einem weiteren Versuch zur Verfügung stellen würde. Ohne eine Antwort von ihm abzuwarten, also, sein Einverständnis voraussetzend, da er ja schon zig Mal mitgemacht hat, habe ich ihm erklärt, was ich vorschlagen wollte. Also, hab' ich ge­sagt, 'du erzählst mir, ich meine, du tust so, als wolltest du mir beichten, daß du ein Spion seiest, vielleicht, um dich interessant zu machen, um mich zu erpres­sen oder etwas ähnliches. Denk dir 'ne schöne Geschichte aus. Aber versuche, dich so da hinein zu steigern, daß die Ge­schichte für dich Wirklichkeit wird. Ich gebe dir ein wenig Zeit zum Nachdenken. Dann fangen wir an, einverstanden?' Plötzlich springt der Benjamin auf, schreit mich an: 'wie kommen Sie auf solch eine Geschichte', rennt zur Tür, telefoniert nach einem Hubschrauber und will offensichtlich so schnell wie möglich weg.

 

     Nun muß ich dir sagen, daß ich, als ich neulich in den USA war, das Glück hatte, über Professor Alwin Smith von Harvard Zugang zu einem Gefängnis zu bekommen, um Aufzeichnungen von sogenannten Kriminellen machen zu können. Ich geriet an einen Spion, der wegen Industriespionage eingesperrt worden war..."

 

     "Hast du mir doch schon erzählt", unterbrach Hinze.

 

     Doch Rondi fuhr fort: "Also, da habe ich von diesem Spion die Pattern im Speicher und wollte einfach mal harmlos sehen, ob die irgend etwas Charakteristisches an sich haben, also ob mir unser Pro­gramm bei einem Mustervergleich irgend welche Anhaltspunkte lie­fert. Der Benjamin, der immer ganz gut war, sich Ge­schichten so einfallsreich und glaubwürdig auszudenken - der sollte übri­gens Phantasie-Romane schreiben, also, da war ich der Meinung, wenn ich ihn ein wenig vorbereit hätte, daß der so Ge­dankengänge von diesem Spion hätte nachvollziehen können. Ich hatte mir über­haupt nichts dabei gedacht. Da hatte ich das Glück, mal solche Aufzeichnungen machen zu können von so einem sogenann­ten Krimi­nellen, das gelingt ja nicht alle Tage..."

 

     "Blödsinn, völliger Unsinn!" rief Kurt Hinze dazwischen. "Du bist wohl immer noch der irrigen Meinung, daß sogenannte Krimi­nelle - immerhin sagst du wenigstens sogenannte, daß die also ein anderes Gehirn haben als wir, ach Quatsch, ich mei­ne, daß die nach der Auffassung von manchen Moralisten in anderen Bahnen denken. Darüber haben wir doch lang und breit disku-tiert."

 

     "Darum geht es jetzt ja überhaupt nicht", wehrte sein Freund ab. "Also, nun laß mich erst einmal weiter berichten. Also, der Benjamin will so schnell wie möglich weg. Mir geht sogleich ein Licht auf, daß ich da wohl genau den wunden Punkt von ihm ange­sprochen hatte, der ihn in den letzten Wochen so verändert er­scheinen ließ. Wenn der nun tatsächlich ein Spion ist, sicher eine ganz lohnende Sache für ihn, da er sich mit allen unseren Geräten bestens auskennt und über unsere Methoden von uns immer detailliert informiert worden war. Der ist einer der wenigen von unseren Leuten, die alles wissen. Du auf so eine Situation haben wir uns überhaupt nie vorbereitet. Ich war ganz hilflos. So eine Möglichkeit haben wir doch völlig ausgeschlossen bei den Millio­nen Dollar, die wir jedem jährlich zahlen. Da muß wohl jemand viel mehr geboten haben..."

 

     "Verdammt noch mal, jetzt rede doch endlich, was dann pas­siert ist", unterbrach Hinze brennend vor Neugier.

 

     Rondi schaute ihn fragend an und wollte wissen: "Was soll denn dann passiert sein?"

 

     Sein Freund warf die Arme hoch, preßte sie dann auf seinen Magen und stöhnte: "Mensch, ich will wissen, was du mit dem Ben­jamin gemacht hast, als der weg wollte."

 

     "Nichts! Der ist weggeflogen. Das ist alles. Den werden wir wohl kaum wiedersehen", antwortete Professor Rondi so, als ob ein Fischer nun einfach hinnimmt, wenn ihm wieder einmal ein beson­ders großes Beutetier entwischt ist.

 

     Kurt Hinze starrte ihn völlig fassungslos an, begann den Kopf zu schütteln mit immer größer werdenden Amplituden und mur­melte schließlich: "Dann geht die Bombe demnächst irgend wann und ir­gend wo wirklich los, ohne daß wir auch nur noch den geringsten Einfluß auf Gegenmaßnahmen haben. Verdammt noch mal, wie konntest du den Kerl einfach abhauen lassen? Also, da hakt bei dir wohl etwas aus, oh verdammt."

 

     Rondi grinste und erklärte: "Du hast doch eben wieder davon angefangen, daß es keine Kriminalität gibt..."

 

     "Was?" schrie Hinze und begann wie eine Raubkatze in einem Zookäfig in seinem Labor nervös auf und ab zu laufen. Dann mein­te er: "Ja, es geht doch nicht um Kriminalität, sondern um Inter­essenkonflikte. Du hast dich gerade eben noch so schrecklich darüber aufgeregt, daß ich selbständig Versuche mache, obwohl wir einmal beschlossen hatten, uns gegenseitig über alles, was wir tun und was wir tun wollen, zu informieren. Das war berechtigt; denn wir hatten eine Übereinkunft getroffen. Falls sich jemand nicht an eine Übereinkunft hält, dann ist diese Person unverläß­lich. Wenn da nun jemand unsere Metho­den und Ideen, entgegen den mit uns getroffenen Abmachungen verkauft, dann verstößt das ganz einfach, aber auch sehr klar gegen unsere Interessen, und ich bin bereit, diese Interessen mit allen Mitteln erst einmal zu vertei­digen, verstehst du? Dieser Benjamin will sich einfach an uns bereichern. Das sind dann seine, mit uns kollidierenden Interes­sen. Das schlimm­ste ist allerdings, daß er sich vielleicht über­haupt nicht über die Ne­benerscheinungen unseren Methoden, über die Gefahren und Proble­me, die damit zusammenhängen, im Klaren ist. Vielleicht haben wir nachlässig gehandelt, unsere Mitarbei­ter nicht darüber in wiederholten Zusammenkünften zu informieren. Nun kann doch dieser Benjamin die Gesellschaft in ein Chaos stür­zen, be­greifst Du das denn nicht? Wir haben unser Gehirn strapa­ziert, um diese Problematik abzuweh­ren, um dafür Lösungen zu finden und so weiter. Jetzt ist das alles nicht mehr relevant. Wir können jetzt nur noch abwarten und zusehen, wie sich eine Katastrophe, welcher Art auch immer an­bahnt."

 

     Rondi lächelte so, als wäre er ganz zufrieden und als ob ihn das alles nicht beträfe. Schließlich räusperte er sich und er­klärte: "Damit liegt die Verantwortung einfach nicht mehr nur bei uns. Wir haben doch genug Geld, um damit bis zum Rest unseres Lebens auszukommen, und können endlich ungestört unsere Forschun­gen weiterführen, ohne uns mit Gewissensskrupeln belasten zu müs­sen. Ich habe eigentlich richtig aufgeatmet, nachdem mir klar wurde, daß dieser Benjamin mir alle Verantwortung mitgenommen hat."

 

     Hinze sah ihn mit zusammen gepreßten Augen argwöhnisch und forschend an, schien sehr intensiv nachzudenken und sagte: "So einfach ist das jetzt, meinst du? Wir sind also die gesamte Ver­antwortung los. So ist das. Und Geld haben wir auch genug, meinst du? selbst wenn demnächst vielleicht sogar ein Krieg ausbricht, selbst wenn die Geldwährungen zusammenbrechen, weil das ganze derzeitige Wirtschaftssystem früher oder später so oder so kolla­biert, wenn keine Reformen durchgeführt werden. Du bist ganz schön... Ach, sollte mir auch scheißegal sein." Er schlug wütend auf einen seiner Gerätetürme und massierte an­schließend seine Handunterkante leicht mit den Zähnen.

 

     "Dann sind wir uns ja einig", meinte Rondi. "Wenn dir das auch alles egal ist, also mir ist es egal, dann könnten wir uns endlich darauf konzentrieren, was uns an unserer Forschungsarbeit wichtig ist, und wir brauchen kaum noch darüber nachzudenken, welche Konsequenzen unsere Ergebnisse auf die allgemeine Mensch­heit haben könnten. Wir sollten endlich unsere Arbeitsergebnisse voll und ganz der Öffentlichkeit zugänglich machen. Also, das ist mein Vorschlag. Ich habe keine Lust, mir noch viel Gedanken darü­ber zu machen, welche, insbesondere negative Folgen sich daraus ergeben könnten, wenn wir jedem die Möglichkeit geben, von unse­rer Wis­sensübertragungsmethode Gebrauch zu machen. Ich schlage vor: wir lassen dieses Thema erst einmal auf sich beruhen und stürzen uns in die Arbeit, die uns a priori interessiert."

 

     Nach diesen Worten wandte er sich zum Hinausgehen. Sein Freund saß da und schüttelte mit langsamen Bewegungen den Kopf.

 

     Plötzlich drehte Rondi sich um und fuhr Hinze an: "Aber daß du völlig selbständig arbeiten willst, das nehme ich dir schon übel. Du solltest mir wenigstens jetzt berichten, was du heraus­gefunden hast..."

 

     "Sehr gerne", fiel Hinze ihm ins Wort. Er berichtete mit Begeisterung, daß er selbst jetzt schon drei Tage keinen Schlaf mehr gebraucht habe, daß die während des Schlafes durchgeführte Langzeitspeicherung der während des Tagesverlaufs von den Sinnes­organen registrierten Eindrücke mit Hilfe seiner Geräte partiell durch wechselnde Ruhigstellung entsprechender Gehirnbereiche möglich sei. "Man kann von Abschaltung sprechen", erklärte er. "Die anderen Gehirnbereiche hast du voll zur Verfügung und kannst du voll benutzen."

 

     "Und was erreichst du damit?" erkundigte sich Rondi. "Du brauchst für deine Tätigkeit vielleicht dann gerade einen Be­reich, der aber abge­schaltet ist. Irgendwie bist du - um es mal laienhaft auszudrüc­ken - immer geistig behindert. Ich hatte die Idee, den Schlaf einfach mit den uns bereits anwendbaren Methoden insgesamt zu verkürzen. Dennoch widert mich das alles ein wenig an, weil wir uns damit in Richtung auf eine Art unna­türlichen Kunstmenschen bewegen. Wenn wir uns demnächst auch nur noch künstlich ernähren, also nur konzentriert Stoffe aufnehmen, viel­leicht als Tabletten, die unser Organismus zum Leben braucht, dann sind wir keine Men­schen mehr. Wir haben ja auch die Möglich­keit, unsere Gefühle mit unseren Apparaturen ganz abzuschalten, um uns damit auf die Ebene einer an und für sich toten Maschine zu begeben. Ich will mich aber auf keinen Fall in solch eine Zielrichtung begeben; denn nach wie vor möchte ich leckere Spei­sen und Getränke ge­nießen und mich meiner Sinnlichkeit hingeben. Die Experimente der völligen Manipulationsmöglichkeit unseres Gehirns sollten einfach nur so zum Spiel und zur Erkenntnisberei­cherung dienen, mehr nicht."

 

     Noch einige Stunden verbissen sich die beiden Wissenschaft­ler in ihre teilweise heftige Auseinandersetzung über dieses Thema, wobei sie ganz die eventuelle Spionageaffäre vergaßen.

 

 

 

Lizenzvergaben

 

     Nachdem die beiden Forscher Hinze und Rondi seit einigen Tagen nichts mehr von ihrem Mitarbeiter, Doktor Ingenieur Benjamin Selatan, gehört hat­ten, unternahmen sie die vorbereiteten Schrit­te zur Einrichtung von Wissensvermittlungsinstituten in fast allen Ländern der Welt. Sie beauftragten eine Industrieberatungsfirma, alle staatlichen, halbstaatlichen und privaten Ausbil­dungs- und Weiterbildungsein­richtungen anzusprechen und eine Lizenznahme anzubieten. Gleich­zeitig verhandelten sie mit Produ­zenten von elektronischen Gerä­ten über die Massenfabrikation der von ihnen und ihren Mitarbei­tern entwickelten Apparaturen. Ferner beriefen sie eine Presse­konferenz auf ihrem "Festungshügel" ein. Eingeladen wurden je ein Vertreter von den großen Nachrichten­agenturen und ein Fernsehteam der Nationalen Fernsehgesellschaft von Trinidad und Tobago, die eine weltweite Verbundschaltung mit fast allen Fernsehanstalten verhandelte, damit die von den Wis­senschaftlern angekündigte Erklärung direkt verbreitet werden konnte.

 

     Tage, bevor sich die Vertreter der Medien auf dem Gelände der Professoren Hinze und Rondi einfinden sollten, berichteten die Medien bereits in sei­tenlangen Zeitungsartikeln, in Rundfunk- und Fernsehdiskussionen über die Arbeit der beiden Wissenschaft­ler. Klienten wurden aus­findig gemacht, bei denen die Wissens­übertragung bereits durchge­führt worden war und die ihre Kennt­nisse in der Regel mit großem Erfolg hatten nutzen können. Sie berichteten über Einzelheiten der bei ihnen angewandten Methoden.

 

     Regierungsvertreter, insbesondere Kultusministerien berieten in Mammutsitzungen über Folgen, falls die Forschungsergebnisse allgemein genutzt und damit die klassischen Ausbildungsstätten überflüssig werden würden. Die von Rondi und Hinze angekün­digte Erklärung löste nahezu ein Chaos aus. Es wurde überall auf der Welt kaum noch von etwas anderem gesprochen.

 

     Für den Tag der Presseerklärung hatte Kurt Hinze seine Ter­rasse mit genau neunzehn Stühlen versehen, einen mit Blumen ge­schmückten und mit verschiedenen Getränken, sowie süßem und sal­zigem Gebäck ausgestatteten Tisch, eine niedrige, kleine Bühne, wohl Podest genannt, eine parabolische Richtantenne für die Fern­sehdirektüber­tragung auf­stellen lassen.

 

     Nachdem die sechzehn ausgewählten Journalisten mit den Hubschraubern der Wissen­schaftler auf dem etwas niedriger als die Villa, windgeschützt gelegenen Landeplatz eingetroffen waren, mußten sie hinter einander einen, von üppig blühenden Büschen und Sträuchern gesäumten Pfad hinaufsteigen, der mit Natursteinen belegt war und hin und wieder kleine Stufen ent­hielt. Dabei merk­ten sie nicht, wie sie und ihr Gepäck von versteckten elek­tro­nischen und optischen Sensoren auf Waffen untersucht wurden. Doch wurden keine Anzei­chen für unzulässige beziehungsweise ungewöhn­liche Gegenstände ent­deckt.

 

     William Rondi und Kurt Hinze schlenderten den Ankommenden entgegen, begrüßten sie freundlich auf der Rasenfläche vor der Terrasse und geleiteten sie zum Haus. Es dauerte fast eine ganze Stunde von allgemeinem Geplauder bei einem Willkommenstrunk mit einem kleinen Imbiß und bis alle technischen Vorbereitungen für die Übertragung in die Außenwelt getroffen worden waren.

 

     Die Sekretärin, Ayleen Broch, war verantwortlich für die Überwachung der internen Verfolgung der Pressekonferenz bezüglich Bild- und Tonqualität. Sie saß neben dem Mikrofon vor einem Bildschirm.

 

     Ein Sprecher der Fernsehgesellschaft trat schließlich an das Mikrofon. Zwei Fernsehkameras waren auf ihn gerichtet, während die Optik einer weiteren die beiden Forscher und die übrigen Anwesenden "im Auge behielt".

 

     Nachdem der Fernsehansager seine sogenannte Einführungsrede, die etwa fünf Minuten dauerte, beendet hatte, trat Professor Rondi an das Mikrofon und verlas seine gut vorbereitete Erklä­rung, die den rein technischen Teil der neuen Wissensübertra­gungsmethode zwar kurz, aber so allgemein verständlich wie mög­lich erläuterte.

 

     Danach ergriff Professor Hinze das Wort, um darauf hinzuwei­sen, daß beide Wissenschaftler die aller größten Bedenken gehabt und jetzt auch noch hätten wegen unabsehbarer Folgen für das ganze derzeitige, klassische Erziehungs-, beziehungsweise das Ausbil­dungssystem, für den Arbeitsmarkt und überhaupt die Perso­nalpoli­tik in der Wirtschaft im Allgemeinen, wenn ihre Wissens­übertra­gungsmethode weltweit angewendet werde. Er erläuterte die Beden­ken sehr ausführlich und rief mit theatralisch vorgetrage­nen Sätzen die Verantwortlichen der Regierungen, der Wirtschaft, der Universitäten und der sozialen Einrichtungen, wie zum Beispiel der in vielen Ländern eingerichteten Arbeitsämter, auf, sich des Problems bewußt zu werden und Lösungen zu erarbeiten.

 

     "Die Ein­führung unserer Wissensübertragungsmethoden wird zweifellos eine völlig Revolutionierung, also totale Umwälzung des Ausbildungsbe­reiches und des Personaleinsatzes bewirken", schloß er.

 

     Danach trat Professor Rondi wieder an das Mikrofon, erläu­terte die Wettbewerbsausschreibung der beiden Wissenschaftler für Vorschläge der bereits jetzt schon bestehenden weltwirtschaftli­chen Probleme, die nach allgemeiner Einführung der von ihnen ausgearbeiteten Wissensübertragungsmethode eventuell in katastro­phaler Weise verschlimmert werde. Dann verlas er die Ausschrei­bungsunterlagen für den Wettbewerb.

 

     Schließlich übernahm Professor Hinze das Mikrofon erneut, um abschließend zu erklären, daß sie, die beiden Forscher, jetzt jedoch gezwungen sein, ihre Wissensübertragungsmethode der Allge­meinheit zur Verfügung zu stellen. Er faßte seine Rede zusammen: "Bisher haben wir lediglich eine Art Erprobung durchgeführt und wollten die allge­meine Bereitstellung unserer Methode solange hinauszögern bis Lösungen der von uns als unabsehbar negativen Folgen der soge­nannten Nebenerscheinungen zumindest in Sicht gekommen wären. Leider müssen wir aber wegen einer Auskundschaf­tung unserer For­schungen jetzt schon an die Öffentlichkeit tre­ten, um einer eventuell unver­antwortlichen Nutzung zuvor zu kom­men."

 

     Professor Hinze holte tief Luft, um die von beiden Freunden im Einzelnen besprochenen Erläuterungen zu ihren Vermutungen mit Bezug auf die befürchtete Wissensweitergabe durch den Informati­ker und Elektronikingenieur Doktor Benjamin Selatan abzugeben.

 

     Doch bevor er seine Rede wieder aufnahm, faßte er sich mit einer mehr schlagenden Handbewegung an seinen Hals, was so aus­sah, als wolle er ein Insekt abwehren. Dann sah man, wie sich seine Ge­sichtsmus­keln verkrampften und sich seine Haut deutlich rötete. Er begann zu schwanken und sackte in sich zusammen.

 

     Es dauerte einige Zeit, ehe jemand in der Lage war zu rea­gieren. Eine Jour­nalistin, die, wie sich später herausstellte, vor ihrer jetzigen Tätigkeit ein Krankenschwesternexamen abgelegt und mehrere Seme­ster Medizin studiert hatte, bemühte sich um Hinze, konnte weder einen Puls fühlen noch eine Atemtätigkeit feststellen und sagte leise: "Er ist tot."

 

     Sie entdeckte in der Nähe der Halsschlagader eine starke Schwellung und eine Hautverletzung mit rot-bläulichen Farbrän­dern. "Das sieht aus, als hätte ihn ein Rieseninsekt ge­stochen", meinte sie und fuhr fort. "Aber eher sieht das aus, als wäre es ein Schlangenbiß, jedoch nur von einem Zahn. Es wird aber eher ein Stich von einem gefährlichen Insekt, von einem sehr giftigen Skorpion viel­leicht sein. Sehr eigenartig..."

 

     Nun begannen alle, durcheinan­der zu reden.

 

     Professor Rondi, der sich nach kurzer Zeit etwas von einem Schock erholt hatte, beorderte, daß sein Freund sofort in die, in der Regel von Mitarbeitern des Wissensvermittlungsinstituts bei Krankheiten aufgesuchte Klinik geflogen werde. Er eilte zum Tele­fon, um dem Krankenhaus die Ankunft des Hubschraubers anzukündi­gen und damit dort Vorbereitungen getroffen würden zu einer Wie­derbelebung und zur Injektion eines Gegengiftes. Ein in erster Hilfe ausgebildeter Mitarbeiter des Wissensvermittlungsinstituts war ständig mit Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzmassagen bemüht, den Kreislauf von Professor Hinze wieder in Gang zu bringen.

 

     Nachdem das Fluggerät das Gelände verlassen hatte, war der Fernsehsprecher, der die einführenden Worte für die Pressekonfe­renz gesprochen hatte, an das Mikrofon getreten, um eindringlich um Ruhe zu bitten. Daraufhin versammelten sich die Journalisten wieder auf der Terrasse, und eine lebhafte Diskussion über den Vorfall begann, die der erfahrene Fernsehmoderator kaum lenken konnte.

 

     Professor Rondi war in den Überwachungsraum gebeten worden, wo ständig zwei Fachleute die hochkomplizierten Geräte zur Beob­achtung der Umgebung zu bedienen und zu kontrollieren hatten.

     "Pro­fessor Hinze ist ermordet worden", behauptete einer der Experten aufgeregt, als William Rondi das Zimmer betrat.

 

     "Hier schauen Sie sich das an!" bat der andere.

 

     Ihr Chef betrachtet in sichtbarer Erregung den flachen, hochauflösenden Flüssigkri­stall-Farbbildschirm, auf dem ein recht kleiner Mann, mittleren Alters und asiatischen Ursprungs den Park durcheilte und, wie in einem Spiel­film aus Hongkong,  elegant die, das Gelände einzäu­nende Mauer überkletterte. Offensichtlich hatten die, für die Überwa­chung zuständigen Per­sonen sehr rasch reagiert und die Kamera eingeschaltet, die den Außenteil des betreffenden Mauerab­schnitts beobachten konnte. Der Sprung von der etwa drei Meter hohen Mauer war in allen Einzel­heiten festge­halten worden. Die Einzelbild­schaltung zeigte, wegen der sehr kurzen Belichtungszeit von ein zweitausendstel Sekunde, eine gestochen scharfe Aufzeich­nung des Flüchtenden. Sogar die Ge­sichtszüge, die deutliche An­spannung und Konzentration erkennen ließen, wurden wie bei einer Por­traitauf­nahme dargestellt. Jedes dieser Einzelbilder kopierten die beiden Überwachungsfachleute mit Hilfe eines modernen Tintenstrahldruckers in Farbe. Als die Flucht dann in normalem Filmablauf wiedergegeben wurde, sah man, wie der Mann nach dem Sprung den Boden zuerst mit den Händen berührte und sich, offensichtlich gut eingeübt, abrollte.

 

     Rondi faßte den Entschluß, die ausgedruckten Einzelbilder den Journalisten auszuhändigen.

 

     Beim Verlassen des Überwachungsraums drehte er sich plötz­lich um und fragte aufge­regt: "Wieso haben Sie soeben von Mord gesprochen? Erstens ist ja nicht sicher, daß mein Freund Kurt Hinze nicht wiederbelebt werden kann und zweitens ist eine flie­hende Person noch kein hundertpro­zenti­ger Beweis dafür, daß diese einen sogenannten Mord verübt hat. Haben Sie Aufnah­men von der Pressekonferenz, ich meine vom Ver­halten der dort anwesenden Personen?"

 

     Die beiden Überwachungsin­genieure schauten sich an und schüttelten den Kopf. "Wir haben doch jede einzelne Person vor  der Pressekonferenz überprüft und dabei nichts Verdächtiges fest­ge­stellt", erklärte einer der beiden.

 

     "Wir haben uns dann, wie üblich, auf die Beobachtung von eventuell von außen kommenden Gefahren konzentriert und nicht mehr auf die Anwesenden", ergänz­te der andere.

 

     "Haben Sie Bilder von den Teilnehmern der Pressekonferenz?" wollte Rondi wissen.

 

     Ohne eine Antwort zu geben, hantierten die Fachleute an den Videogeräten mit angeschlossenem Drucker und präsentierten ihrem Chef nach wenigen Sekunden die Abbildungen der Besucher auf dem Bildschirm.

 

     Als der malaiisch aussehende Mann gezeigt wurde, der das Gelände nach dem Mord beziehungsweise dem Mordversuch an Profes­sor Hinze fluchtartig verlassen hatte, betätigten die Experten den Drucker, um in wenigen Sekun­den ein bleibendes Bild in recht natürlichen Farben zu kopieren. Rondi ergriff dieses und eilte davon, wobei er "vielen Dank" murmelte.

 

     Nach kurzer Zeit kam er wieder zurück und bat: "Wir haben doch die Registrierungen der Teilnehmer an der Pressekonferenz mit Paßbildfotos. Bitte suchen Sie mir die betreffende Person heraus."

 

     Es dauerte nicht lange, bis ihm eine Kopie des Teilnahmeaus­weises ausgehändigt werden konnte.

 

     Professor Rondi las:

 

               Name: Dr. Patrik A. Poharto

     Geboren am: 23. Mai und so weiter

                 in: Bandung/Indonesien           Paßfoto

  Familienstand: Verh., 2 Kinder

              Größe: 154 cm

            Adresse: 7, Katherine Street, und so weiter

          Beruf: Direktor (Produktion)

Beschäftigt bei: TBS - Television & Broadcasting

                     Services, Kalifornien

Angaben bestätigt durch:  Stempel von TBS

                          Unterschrift

                          Christian K. McDool

                          Personalchef

                     am:  Datum

 

     "Haben wir noch jemanden von Television and Broadcasting Services aus Kalifornien?" erkundigte sich Rondi.

 

 

     Die Kartei wies einen Mr. Henry Dwight Donald als Leiter der Nachrichtenabteilung aus.

 

     "Das verstehe ich nicht", sagte der Professor und erklärte: "Ich habe doch nur mit einer Person von Television and Broad­casting Services gesprochen und kann mich auch nur an das Foto erinnern, das diesen Poharto zeigt. Aber an ein Foto, auf dem die Person so aussah wie dieser Donald, kann ich mich nicht erinnern. Kann ich bitte alle Teilnehmerausweise haben!"

 

     Nachdem seinem Wunsch entsprochen worden war, meinte er: "Nun zahlenmäßig stimmt alles, und wir haben ja auch diese Aus­weise der Teil­nehmer an der Pres­sekonfe­renz mit ihren Paßdaten vor dem Bestei­gen der Hubschrau­ber, die sie hierher gebracht ha­ben, ver­glichen."

 

     Einer der Überwachungsfachleute antwortete: "Ich mache rasch für Sie jeweils eine Kopie von jedem Teilnahmeausweis. Die Origi­nalkopien sollten wir hier behalten."

 

     Originalausweise waren natürlich jedem Teilnehmer ausgehän­digt worden.

 

     Der Chef des Wissensvermittlungsinstituts eilte mit den Kopien davon.

 

     Doch nach kurzer Zeit kam er erneut zurück. "Es gibt doch Korres­pondenz", erklärte er und bat: "Machen Sie mir eine Auf­stellung über die Namen aller Anträge zur Teilnahme an der Pres­sekonferenz mit Institutionen, aller unserer Ablehnungen mit Begründung in Stich­worten und der von uns gegebenen Zusagen."

 

     "Das können wir nicht. Diese Unterlagen be­finden sich im Sekretariat von Professor Hin­ze", wurde ihm er­klärt. "Außerdem sollten wir uns gerade jetzt um die Geländeüber­wachung kümmern", fügte der Spre­cher hinzu.

 

     In diesem Augenblick läutete das Telefon. Die Klinik bestä­tigte den Tod von Professor Hinze, hervorgerufen durch "Kurare", dem bekannten indianischen Pflanzengift.

 

     "Haben Sie herausgefund­en, wie das Gift in den Körper meines Freundes, Professor Hinze, eingedrungen ist?" fragte Rondi den Oberarzt, der angerufen hat­te.

 

     Dieser berichtete: "Offensichtlich wurde die unmittelbare Nähe der Halsschlagader von einer Art Glaskapsel getroffen, die die Haut durchdrang, zerplatzte und das hochkonzentrierte Gift freisetzte. Das muß dann teilweise direkt in die Blutbahn gelangt sein, wodurch sich der sofortige Tod erklären läßt. Eine genaue Analyse der Kapselhülle haben wir noch nicht. Wir haben nur win­zige glasähnliche Splitter gefunden. Mehr kann ich zur Zeit nicht sagen. Jedenfalls war die Giftkonzentration so hoch, daß eine Ratte, der wir etwas Blut von Professor Hinze, also eine recht verdünnte Giftdosis eingespritzt haben, immerhin noch nach zwei Minuten starb, wobei sie deutliche Symptome zeigte wie sie eben von diesem Kurare ausgelöst werden..."

 

     "Verdammte Scheiße", rief Professor Rondi.

 

     "Wie?" fragte der Oberarzt.

 

     "Ich lehne jegliche Tierversuche ab und verbiete Ihnen, weitere, ähnlicher Art - zumindest in dem betreffenden Fall zu ma­chen!" schrie Rondi wütend.

 

     Der Oberarzt versuchte, solche Versuche zu rechtfertigen. Sein Gesprächspartner brach die Diskussion mit den Worten ab: "Zu solchen Diskussionen habe ich jetzt keine Zeit."

 

     Er legte den Hörer auf und verließ den Überwachungsraum.

 

     Nachdem er die Presseleute erreicht hatte, die sein Kommen mit gespanntem Schweigen verfolgt hatten, trat er an das Mikrofon und erklärte: "Mein Freund, Kurt Hinze, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit durch einen Teilnehmer an dieser Konferenz ermordet worden. Der Tod und die Ursache wurden mir soeben durch die Klinik bestätigt. Ich bin nun daran interes­siert, heraus zu finden, wer der Mörder war und aus welchem Motiv dieser Mord geschah. Würden sich bitte die Vertreter von Televi­sion and Broadcasting Services aus Kaliforni­en melden!" Nach diesen Worten schaute er umher.

 

     Ein recht großer, europäisch aussehender Mann, im Alter von etwa Ende dreißig, meldete sich.

 

     "Darf ich bitte Ihren Teilnahme­aus­weis und Ihren Reisepaß sehen?" bat Rondi, der feststellte: "Die Angaben scheinen zwar mit Ihnen übereinzustimmen. Aber wo ist Ihr Kollege, der Produk­tionsdirektor?"

 

     Der Angesprochene schüttelte den Kopf und sagte: "Mister Morpeth war doch nie im Gespräch."

 

     "Wer?" erkundigte sich Rondi und zeigte dem Nachrich­tenchef Fotos und die Kopie des Teilnehmerausweises von Dr. Po­harto, der behauptete, diese Person nie vor der Pressekonferenz gesehen zu haben und den Namen auch nicht zu kennen.

 

     Rondi wandte sich an Ayleen Broch und bat sie, die Un­terla­gen der Korrespondenz mit Television and Broadcasting Services, als TBS bekannt, zu beschaffen. Dann begab er sich wie­der zum Mikrofon, suchte die beste Portraitdarstellung von diesem angeb­lichen Doktor Patrik A. Poharto aus seinen Drucken in übli­chem Briefbogenformat heraus, hielt es vor seine Brust und erkundigte sich: "Wer ist dieser Mann?" wobei er sich in einem Halbkreis drehte und insbesondere noch einmal den anwesen­dem TBS-Vertreter anschaute, der sich als Henry Dwight Donald identifiziert hatte.

 

     Dieser schüttelte aber den Kopf.

 

     "Das ist doch dieser kleine indonesische Kollege...", rief eine Pressevertreterin, schaute umher und fragte: "Ja, wo ist er denn?"

 

     "Geflohen", gab Rondi zur Antwort, was aufgeregtes Durch­einanderreden auslöste.

 

     "Darf ich um Ruhe bitten!" bat er, be­richtete ausführlich über die Beob­achtungen seiner Überwa­chungs­experten und verteilte die Kopien der ausgedruckten Einzel­bilder.

 

     Dann hielt er dem TBS-Vertreter die Kopie des Teilnahme­aus­weises von Patrik A. Poharto noch einmal vor und erkundigte er sich: "Sie als angeblicher Chef der Nachrichtenab­teilung müßten ja nun wirk­lich ihren Kollegen, den Produktionsdirek­tor kennen."

 

     Der Angesprochene sagte ent­rüstend: "Ich bin Leiter der Nachrichten­abteilung bei TBS. Aber diese Person ist mir völ­lig unbekannt. Ich habe lediglich heute und hier flüchtig davon Notiz genommen, ohne zu ahnen, daß der auch bei uns beschäftigt sein sollte. Ich kenne meinen tatsächlichen und bis gestern mit Si­cherheit noch amtierenden Produktionskollegen, Mister Morpeth, recht gut. Aber dieser Mann, der Poharto heißen soll, ist mir völlig unbekannt."

 

     "Der Ausweis ist von einem Personalchef Sowieso bestätigt", fuhr Rondi fort. "Kennen Sie den wenigstens?"

 

     "Ja, der Name stimmt", bestätigte Mister Donald, "und auch die Unter­schrift ist mir geläufig."


     Ayleen Broch war inzwischen mit den von ihrem Chef angefor­derten Unterlagen gekommen, die er aufmerksam studierte. Während dieser Zeit redeten die Teilnehmer der Pressekonferenz aufgeregt miteinander. Die Kameraleute der Fernsehgesellschaft bemühten sich, die verteilten Abbil­dungen von dem angeblichen Doktor Patrick A. Poharto aufzunehmen. Der von der staatlichen Fernsehan­stalt von Trinidad und Tobago gewählte Konferenzkoordinator, der auch ein bekanntes Mitglied des interna­tionalen Presseclubs war, hatte allerg­rößte Mühe, einen, von den vielen angeschlossenen Fernsehanstalten als Direktsendung ausgestrahlten Ablauf in einer gerade noch annehm­baren Form zu gestalten. Den vielen Millionen Zuschauern überall in der Welt wurden völlig verwackelte Übertra­gungen zugemutet, da die Kamera­führung zur Aufzeichnung der Ein­zelbildabdrucke ohne Stativ er­folgte, wobei die Kameraleute von neugierigen Presseleu­ten geschubst und die Drucke während der Aufnahme oft einfach weggeris­sen wurden. Die Bildführung war chaotisch. Dennoch ent­schlossen sich alle Regis­seure der ver­schiedenen, an der Direkt­übertragung teilnehmenden Fernsehgesell­schaften nicht zu einem Abbruch der zeitmäßig längst überzogenen Sendung, weil sie selten Gelegenheit hatten, eine so spannende Kriminalgeschichte von Ort und Stelle, was auch in der modernen Fachsprache "live" heißt, ausstrahlen zu können.

 

     "Mister Donald", sagte Professor Rondi, "Sie werden in der Korrespondenz mit Ihrer Fernsehgesellschaft kein einziges Mal erwähnt. Ich kann mich auch nicht erinnern, ein Foto von Ihnen gesehen zu haben. Dabei habe ich ein recht gutes, ja ungewöhnlich gutes Personengedächtnis. Wie sind Sie zu einem Teilnahmeausweis gekommen?"

 

     Der Angespro­chene schüttelte den Kopf und wandte ein: "Aber ich habe doch persön­lich mit Ihnen korrespondiert und einmal auch mit Ihnen am Telefon gesprochen".

 

     William Rondi überreichte ihm die Korrespondenzkopien, die er aufmerksam durch­sah und immer wieder den Kopf schüttelte. "Dieser Brief ist zum Beispiel zwei­fellos der von mir, meiner Sekretärin diktierte Text", erkannte er und ergänzte: "Aber der Briefkopf weist jetzt anstatt meiner Nachrichtendirektion die Programmdirektion aus, und die Unter­schrift ist offensichtlich von diesem, we­nigstens mir völlig unbe­kannten Patrick A. Poharto. Ich bin völlig verwirrt..."

 

     "Zwei­fel­los ist da wohl einiges bei Ihrer Gesellschaft nicht so ganz in der Ordnung", meinte Professor Rondi und fügte hinzu: "Ich darf nur hoffen, daß uns da Ihre Kriminalpolizei in den Vereinigten Staaten von Amerika behilflich sein wird."

 

     Nachdem er von allen Konferenzteilnehmern deren offizielle staatliche Ausweise zur Registrierung hatte einsammeln lassen, wandte er sich an den Konferenzkoordinator: "Darf ich eine offi­zielle Erklärung abgeben? Mein Freund und Kollege, Pro­fessor Kurt Hinze, ist heute mit dem altbekannten, in einer Kapsel aus glas­ähnlichem Material einge­betteten Gift Kurare, zweifellos ermordet worden. Besagte Kapsel mit dem Gift drang in der Nähe der Hals­schlagader meines Freundes durch die Haut, zerplatzte oder löste sich in Bruchteilen einer Sekunde auf und setzte das tödliche Gift frei. Nach diesem Ereignis verließ ein Mann namens Doktor Patrick A. Poharto, angeb­lich Produktionsdirektor bei Television and Broadcasting Servi­ces, Kalifornien, das hiesige Gelände auf unge­wöhnliche Weise, indem er den Park durcheilte, dann die unser Grundst­ück umgebende Mauer überkletterte, von dieser hinabsprang und durch den dichten Wald des Hügelabhangs verschwand. Dieses Verschwinden ist in allen Einzel­heiten von unseren Überwachungs­kameras aufgezeichnet worden. Ich stelle jedem Teilnehmer an dieser Pressekonferenz beispielhafte Einzel­bilder zur Verfügung. Falls Sie es wünschen, können Sie auch eine Videokopie der Fluchtaufzeichnung bekommen. Wenden Sie sich bitte an meine Se­kretärin, Frau Ayleen Broch. Die Daten des Teilnahme­ausweises dieses Doktor Patrick A. Poharto nennen folgen­de Einzel­heiten: geboren am dreiundzwanzigsten Mai..."

 

     Nachdem er alle Daten aufgezählt hatte, fuhr er fort: "Alle Teilnehmer an dieser Pres­sekonferenz wurden von uns sorgfältig ausgewählt und den Teilnah­meberechtigten ein Ausweis ausgestellt. Dennoch befindet sich ein weiterer Teilnehmer unter uns, eben­falls angeblich von der Fern­sehgesellschaft Television and Broad­casting Services aus Kalifornien, der zwar im Besitz eines Teil­nehmerausweises ist; aber es gibt keine Korres­pondenz über seinen Wunsch zur Teilnahme. Also ist das Zustande­kommen des Ausweises zur Zeit nicht nachvollziehbar. In wie weit die Fernsehgesell­schaft TBS, beziehungsweise Mitarbei­ter, in den Mordfall ver­wickelt ist, beziehungsweise sind, müßte durch eine Untersuchung geklärt werden. Für die Aufklärung des Mordfalles bezüglich Tä­ter, eventueller Hintermänner, Motiv oder Motive stelle ich eine Summe von fünfzigmillionen US-Dollar be­reit, die an die Person, beziehungsweise anteilmäßig an die Per­sonen gezahlt wird, deren Hinweis zur Klärung des Mordfalles führen. Ich möchte Sie bitten, die Pressekonferenz hiermit als beendet zu betrach­ten. Sie werden verstehen, daß ich auf grund der Geschehnisse nicht mehr in der Lage bin, Ihnen zu weiteren Diskussionen zur Verfügung zu stehen. Sie werden sicher auch Verständnis dafür haben, daß ich Ihnen nicht für Ihr Erscheinen, das im Zusammen­hang mit dem von mir sehr schwer zu ertragenden Verlust meines Freundes gesehen werden muß, danken werde."

 

     Nach diesen Worten begab er sich in sein Haus, ohne sich noch einmal umzuschauen, eine schweigende Gruppe hinter sich lassend.

 

 

Ein unerwarteter Anruf

 

     Professor William Rondi lag auf seinem komfortablen Rund­bett, konnte aber keinen Schlaf finden, obwohl er ein recht star­kes Mittel genommen hatte, das auch keineswegs die ihn wegen des Ver­lustes seines vertrauten, engen Freundes plagenden Depressi­onen abschwächte sondern vielleicht sogar verstärkten. Er wälzte sich hin und her und wurde von immer wie­derkehrenden Weinkrämpfen geschüttelt. Ohnmächtige Wut auf seine Umwelt wechselte sich mit Selbstmordabsichten ab. Immer wieder versuchte er, seine aufge­wühlten Gefühle mit seinem Verstand zu beherrschen. Es gelang ihm nicht. Nachdem ihn in seinem unbe­zwingbaren Schmerz die schlimm­ste Phase von Lebensunmut gepackt hatte, in den er sich mit sei­nen weltanschaulich nicht gebundenen Überlegungen über die Sinn­losigkeit des ganzen Weltsystems bis zum Tiefstpunkt steigerte, sprang er schließlich aus dem Bett, um sich mit allen im Hause vorhandenen Schlafmitteln vollzupumpen und diesen unerträglichen Qualen willentlich ein endgültiges Ende zu setzen. In diesem Augenblick klopfte es an seine Tür und, ohne eine Antwort abzu­warten, trat Ayleen Broch in das Zimmer.

 

     "Raus!" schrie ihr Chef.

     Sie ließ sich aber nicht beeindrucken, ging einfach auf ihn zu und umarmte ihn wortlos. Er versuchte, sie abzuwehren, schlug sogar auf sie ein. Sie klammerte sich jedoch um so fester an ihn. Schließlich gab er nach, ließ sich auf den Boden fallen, wobei er sie mitriß. Beide lagen auf dem wertvol­len, weichen Teppich und ließen ihrem Schmerzempfinden mit Tränen freien Lauf.

 

     Nach eini­gen Minuten versuchte Rondi, sich endlich aus der Umklammerung zu befreien. Es gelang ihm nicht. Ayleen hatte durch tägliche syste­matische Übungen von über einer Stunde im großen, fünfzig Meter langen und fünfzehn Meter breiten, zum Hause von Kurt Hinze gehörenden, aus weichen Sandsteinen gebauten Becken kräftige Muskeln entwic­kelt. Sie war dem, jeglichem Sport abge­neigten, dennoch in einer ansehnlichen Körperform gebliebenen Professor an Kraft überlegen. Plötzlich erwiderte er die Umarmun­gen. Durch seine völlig in Un­ordnung gera­tenen Emotionen unkon­trolliert, wie­derholte er mit leiser, durch die vorausgegangenen Weinkrämpfe abge­hackt wirkender Stimme: "Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich..."

 

     Er begann, ihr die dünne Bekleidung vom Körper zu rei­ßen, fiel regelrecht über sie her und brauchte recht lange, bis er seine, wegen seiner fanati­schen Forschungsgier so sehr vernach­lässigten männlichen Bedürf­nisse einigermaßen befriedigt fand.

 

     Ayleen Broch, ein ungewöhnlich, besonders schöner Mischling, sowohl von der Körperform her als auch wegen der ausdrucksvollen Gesichtszüge, die vor allem von sehr großen, von langen Wimpern einge­rahmten, dunkelbraunen Augen und von einer indisch arischen, geraden, langen Nase geprägt wurden, war immer schon in ihren Chef verliebt gewesen und das direkt vom ersten Tage an, als sie ihn vor etwa fünf Jahren kennen gelernt hatte. Er hatte sie je­doch bewußt nie als attrak­tive Frau gesehen; denn gerade zum Zeitpunkt des Beginns ihrer Beschäftigung in seinem Technischen Institut in San Fernando war er so sehr in seinem Forschungsfana­tismus befangen gewesen, daß ihn nichts anderes interessierte. Natürlich mochte er die gutaussehende, in ihrem Beruf sehr tüch­tige und gewandte Sekretärin gerne um sich haben, die ihn oft neckte, sich ein wenig über seine Arbeit lustig machte und ihn manchmal mit sehr bissig ironischen Bemerkungen reizte. Im Laufe der Jahre hatte er sich zweifellos an sie gewöhnt, jedoch eher in einer Form wie sich oft Arbeitskollegen zwar anfreunden aber dennoch ohne sich wirklich sehr nahe zu kommen, so als wäre der Mitarbeiter ein Familienmitglied geworden, wobei dann ein intimes Verhältnis durch eine Art Inzestschwelle verhindert wird.

 

     Sie hatte ihn jedoch von Anfang an vor allem auch als Mann gesehen, war jedoch, trotz ihres schwärmerischen Gefühls für ihn, ihrer sehr ausgeprägten Trieb­haftig­keit uneingeschränkt nach­ge­gangen, verbrauchte Männer wie ein Frosch Fliegen. So wurde je­denfalls über sie gere­det. Dabei war sie aber eigentlich ganz allein nur ihrem Idol, ihrem jetzigen, endlich in den Armen hal­tenden Liebhaber, dem ihre wahren Gefühle und Zuneigungen immer schon gegol­ten hatten, innerlich treu gewesen; denn bei ihren sogenannten Affären war sie in Grunde genommen in ihrer Phantasie nur mit ihm zusammen gewesen.

 

     Sie war jedenfalls in der praktischen und körperlichen Aus­übung von Liebe sehr erfahren und konnte daher William Rondi zu einer, von ihm bisher nie erfahrenen Befriedigung verhelfen.

 

     Rondi war nach sowohl völliger körperlichen als auch geisti­gen Erschöp­fung und nun doch wirkenden Beruhigungsmitteln ent­spannt in einen solchen Tiefschlaf verfallen, so daß er weder das kurz nach Mitternacht läutende Telefon noch das Gespräch von Ayleen Broch mit dem Anrufer wahrnahm.

 

     Nachdem sie den Hörer abgenommen hatte, fragte die Telefoni­stin: "Wieso kommen Sie ans Telefon? Ich habe doch ausdrücklich die Schlafzimmernebenstelle von Herrn Professor Rondi gewählt."

 

     "Ich bin in Rondis Zimmer, weil es ihm überhaupt nicht gut geht", erklärte Ayleen und erkundigte sich: "Worum geht es?"

 

     "Da ist dieser Benjamin Selatan in der Leitung. Der will unbedingt mit dem Professor sprechen", erhielt sie zur Antwort.

 

     "Stellen sie durch!" befahl Ayleen Broch mit sprunghaft erhöhtem Pulsschlag.

 

     Nachdem sich Benjamin gemeldet hatte, wunderte er sich, weil sie sein Gesprächspartner war, und sie mußte erklären, daß Rondi nicht ansprechbar sei, weil er unter Drogen stünde.

 

     Doktor Selatan, dem auch einige Male das Vergnügen gegönnt worden war, den Körper von Ayleen zu genießen, führte aus: "Ich habe die heutige, beziehungsweise zu dieser Zeit ja schon gestrige Fernsehübertragung von euch gesehen. Um Gottes Willen! Ist Hinze wirklich ermordet worden?"

 

     Ayleen bestätigte es.

 

     "Ich wollte den Rondi fragen, ob ich morgen zu euch kommen darf", erkundigte er sich und fuhr fort: "Ich würde gerne bei euch wieder mitarbeiten, und vielleicht kann ich, ich meine, könnte ich mithelfen, äh, es könnte sein, daß mich der Professor doch wieder gut gebrauchen kann, meine ich."

 

     "Du?" fragte Ayleen völlig überrascht.

 

     "Ja, warum denn nicht?" erkundigte sich Benja­min und fügte hinzu: "William wird doch nicht so nachtragend sein, weil ich vor eini­ger Zeit einfach mal nicht mehr konnte und regelrecht wegge­laufen bin; oder wie soll man es nennen. Rondi ist doch nicht so konven­tionell, daß er mir das nicht verzeihen wird. Übrigens, was hat denn der Hinze da von Spionage bei Euch geredet? Hattet ihr tatsächlich einen Spionagefall?"

 

     Ayleen war so sehr überrascht, daß sie nichts zu sagen wußte und Benjamin Selatan mehrmals frag­te: "Bist du noch in der Lei­tung?"

 

     "Ja ich bin noch da", bestä­tigte sie und bat: "Komm', sobald du kannst..."

 

     "Oh, mein Gott", sagte sie zu sich selbst, nachdem das Ge­spräch beendet war.

 

     Professor Rondi hatte fast zwölf Stunden ohne Unterbrechung, fest an seine, endlich entdeckte und gewonnene Freundin ge­schmiegt, geschlafen. Ayleen Broch half ihm beim Duschen und Ankleiden.

 

     "Wieso bist du gestern Abend einfach in mein Zimmer gekom­men?" wollte Rondi wissen.

 

     Sie antwortete: "Ich hatte noch einmal die Korrespondenz mit TBS durchgeschaut und zwei Briefe gefunden, die ich gestern Abend in der Aufregung übersehen haben muß. Auch dieser Henry Dwight Donald hatte einen Teilnahmeantrag gestellt und von uns eine Zusage mit Ausweis erhalten. Diese Unterlagen wollte ich dir zeigen. Was diesen Mann betrifft, so scheint alles korrekt zu sein."

 

     "Aber wieso konnte ich mich nicht an Fotos dieses Leiters der Nachrichtenabteilung erinnern?" erkundigte sich Rondi und murmelte dann: "Ich werde vielleicht vergeßlich."

 

     Ayleen führte ihn zum Mittagstisch und erklärte auf dem Wege dorthin: "Sei bitte auf eine ganz große Überraschung gefaßt. Wir haben einen verlorenen Sohn wieder bekommen."

 

     "Wovon redest du", wollte er wissen.

 

     Sie erklärte: "Dieser Benjamin Selatan ist wieder da. Der hat vergangene Nacht angerufen..."

 

     Dann erzählte sie von dem Telefongespräch.

 

     Doktor Benjamin Selatan saß am Mittagstisch und kam Rondi und seiner Begleiterin mit offenem, unschuldig strahlendem Jun­genlächeln entgegen. Sein Chef zeigte eine sehr ernste, ja wüten­de Miene und stürzte sich mit den Worten: "Du verdammtes Schwein bist am Tod meines Freundes schuld", auf den jungen Mann, der erschreckt zurückfuhr.

 

     "Wieso ich?" erkundigte er sich.

 

     "Wenn du nicht so einfach ohne Erklärung weggelaufen wärest, wobei wir hundertprozentig davon überzeugt waren, daß du ein Spion seiest, dann hätte diese Pressekonferenz und das alles nicht stattgefunden", erklärte der Chef des Wissensvermittlungs­instituts zornig.

 

     Es brauchte einige Zeit, bis aufgeklärt wurde, daß Benjamin in einer depressiven Phase wegen seiner Liebesgefühle für Ayleen Broch seine Arbeitsstelle impulsiv verlassen hatte und nicht, weil er in irgendeine Spionage verwickelt gewesen sei.

 

     Trotz seines nach außen hin sehr offenen Charakters war er nie in der Lage gewesen, mit jemandem über seine Gefühlsprobleme zu reden. Er erklär­te einleuchtend: "Das hätte Ihnen doch klar sein müssen, Rondi. Wäre ich in so etwas verwickelt gewesen, dann hätte doch diese Flucht ganz und gar einen Verdacht bestätigt. Das wäre doch auch riskant gewesen. Sie hätten mich dann doch sofort hindern können. Ich verstehe das alles nicht. Oh, mein Gott! und nun bin ich viel­leicht ver­antwortlich für den Tod von Hinze..."

 

     Professor Rondi brauchte einige Zeit, um Worte zu finden: "Unsinn! Du bist nicht der Mörder. Aber was haben wir jetzt viel­leicht ausgelöst? Auf Grund des Mißverständnisses ist ja nun von unserer Seite sehr viel... Verdammt noch mal! Das ist jetzt alles ziemlich beschissen. Warum hast du denn nichts gesagt? Deine Probleme mit Ayleen..."

 

     "Ich war so fix und fertig, so ver­liebt... Ich konnte nicht mehr... Und, nun, was hat sich geän­dert? Ich wäre doch besser nicht zurück gekommen...", erklärte der junge Wissenschaftler.

 

     Es herrschte eine Weile Schweigen, während welcher Zeit sich Rondi und seine, inzwischen zu seiner Geliebten gewordenen Sekre­tä­rin mehrfach anschauten. Dann wandte sich Ayleen an den Zurück­ge­kommenen und sagte: "Ich habe dir nie gesagt, daß ich dich liebe. Gerne haben, ja, das tue ich dich schon, sehr sogar. Und, ehrlich gesagt, die Affären, die wir miteinander hatten, haben mir Spaß gemacht. Du hast nämlich einen unwahrscheinlich reizvol­len Kör­per. Aber es fehlt etwas, das auch nicht unbedingt deinen zwei­fellos guten Charakter betrifft. Ich kann es schwer definie­ren. Irgendeine Vorstellung, die ich von einem Mann habe, er­füllst du nicht. Ich kann doch auch nichts dazu, daß ich nicht in dich verliebt bin und sein kann. Ja, ich mag dich, bin gerne mit dir zusammen. Doch soll ich mich zwingen, Gefühle zu heucheln?"

 

     Sie stand auf und ging mit ausgestreckter Hand auf Benjamin zu, der aufsprang und schrie: "Faß mich nicht an!" Er drehte sich um und preßte seine Hände vor das Gesicht.

 

     Mit langsamer Bewegung wandte er sich wieder seinem Chef und dessen Sekretärin zu und murmelte: "Ich hasse Sie Rondi; denn Ayleen liebt nur Sie. Sie sind ihr Idol. Das weiß ich sehr wohl. Ich wünschte, Sie wären gestern..."

 

     "um­gebracht worden, statt meines Freundes", ergänzte Rondi und fügte hinzu: "Mir wäre das auch egal. Ich hänge nicht so schrecklich am Leben, obwohl jetzt..." Er brach ab und schaute Ayleen fragend an. Dann berichtete er offen dem zurückgekommenen, verloren geglaubten und als Spion verdächtigen, jungen Mann über seine seit gestern Abend geweckten Gefühle, die "mir jetzt jedoch reichlich Lebensinhalt und Lebenswillen geben", schloß er.

 

     Nach einer Pause sprang der junge Mann auf, hielt sich die Hände vor sein Gesicht und stöhnte: "Oh, mein Gott!" Nach einer weiteren Minute des Schweigens erklärte er: "Unsinn! Ihr Tod, Professor, wäre für mich auch nicht die Lösung meines Problems gewesen; denn das hätte mir Ayleen auch nicht näher... Ich meine, damit hätten sich Ayleens Gefühle mir auch bestimmt nicht zuge­wandt; denn ich er­fülle nun mal nicht eine gewisse Vorstellung von ihrem Typ eines Mannes, wie sie es soeben defi­niert hat und was ich immer schon wußte. Ich muß mich damit ab­finden. Aber genau das kann ich nicht. Wenn man doch einfach Gefühle abschal­ten könnte... Warum muß da die Diskrepanz zwischen dem Verstand, ich meine, der Einsicht in gewisse Gegebenheiten und diesem ver­fluchten, diesem gottverdammten Gefühl sein?"

 

     Die drei Personen hatten sich wieder um den Mittagstisch gesetzt, und jeder schien seinen eigenen Gedanken nachzuhängen.

 

     Plötzlich ertönten laute, harmonische, wohlklingende, tiefe Gongtöne, was aber höchste Gefahr bedeutete. So schnell sie konn­ten, eilten die drei zum nächsten, nur wenige Meter entfernten Schutzbunker, wovon vier mit jeweils mehreren Eingängen erst vor kurzem ange­legt worden wa­ren,  die sogar eine kleine Atombomben­explosion abhalten konnten. Sie erreichten eine Rutsche, über die sie etwa zwanzig Meter tief glitten, während die Eingänge automa­tisch durch je eine etwa zwei Meter dicke Platte aus einer Kera­mik-Kunstoffverbindung mit sehr hohem Schmelzpunkt, die auf Stahl­beton aufgesetzt war, verschlos­sen wurden.

 

     Es mag noch erläutert werden, daß jeder, der sich auf dem Gelände aufhielt, ein Miniaturtelefon mit sich zu führen hatte, einmal, um jederzeit erreichbar zu sein. Zum anderen wurde ein solches Telefon im Falle eines Alarms dahingehend aktiviert, daß es selbst Impulse mit einer personenabhängigen Kennform so lange ausstrahlte bis irgend ein Eingang zu einem beliebigen Bunker vom Träger eines solchen Gerätes durch­schritten worden war. Auf diese Weise konnte leicht festgestellt werden, welche Person sich in welchem Bunker befand.

 

     Das Impulse aussendende, drahtlose Telefon sollte auch sicherstellen, daß niemand vom Schutz durch einen Bunker ausgesperrt wurde; denn die Eingänge ver­schlossenen sich automatisch erst dann, wenn keines der tragbaren Telefone weiterhin Impulse aus­sandte, es sei denn, daß nach der Alarmauslösung mehr als vierzig Sekunden ver­strichen waren. Diese maximal benötigte Zeit zum Erreichen eines Bunkers war genau bestimmt worden, selbst für den ungünstigsten Fall. Es bestand die Anweisung, daß selbst jemand, der gerade ein sehr privates Geschäft erledigte oder unter der Dusche stand und so weiter, sofort zum nächsten Bunkereingang zu eilen hatte, wenn er nicht Gefahr lau­fen wollte, doch ausgesperrt zu werden.

 

     Die Klientenbetreuung war sowie schon seit einiger Zeit in einen Bunker verlagert worden.

 

     Die Befolgung dieser Anweisung stellte sich an diesem Tage als tatsäch­lich weise Voraus­sicht heraus; denn fast genau zwanzig Sekunden, also insgesamt nur knapp fünfzig Sekunden, nachdem Rondi, Ayleen und Benjamin, durch den steil nach oben gezogenen Bogen am unteren Ende der Rutsche abgebremst, den ei­gentlichen Bunkerraum erreicht hatten, spürten sie so etwas wie ein leichtes Erdbe­ben. "Oh, mein Gott!" rief Ayleen, sich fest an ihren Ge­liebten klammernd, "das war bestimmt eine Atom­bombenex­plosion."

 

     "Die schrecken wohl vor nichts mehr zurück", kommentierte Benja­min Selatan mit zitternder Stimme.

 

     Sechs weitere Mitarbeiter von Professor Rondi, denen auch der Unterschlupf in diesen Bunker gelungen war, standen sehr bleich und sichtbar zu Tode veräng­stigt da. Eine Dame mußte sich sogar vor Aufregung und wegen eines erlittenen Schocks über­geben.

 

     Sogleich nach dieser Erschütterung meldete sich ein Überwa­chungsexperte über Lautsprecher und gab einen Lagebericht: "Ich hoffe, Sie haben sich nicht zu sehr geängstigt. Der Versuch, uns mit einer kleinen Atombombe auszuradieren, ist dank unserer Schutzmaßnahmen gescheitert. Beruhigen Sie sich. Es ist nichts passiert. Unsere Gebäude sind nicht einmal beschädigt. Lassen Sie mich berichten, was geschehen ist: Ein Flugzeug, dessen Typ wir eindeu­tig erkannt haben und der in den Vereinigten Staaten von Amerika hergestellt wird, hat aus etwa zwölftausend Metern eine Bombe abgeworfen, die unser Gelände ohne unseren elektromagneti­schen Schutzschild nach unserer Flugbahnprojektion nur um etwa hundert Meter nach Norden hin verfehlt hätte. Da wir aber recht­zeitig den elliptoiden, kombinierten elektromagnetischen Wirbel­stromschutzschirm aufbauen konnten, wurde die Bombe in etwa zwei­tausend Metern Höhe bereits schon abgefangen, beziehungsweise abgelenkt, glitt etwa einen Kilometer nach Norden ins Tal, wo sie auf dem Boden explodierte. Wahr­scheinlich sollte nach den klassi­schen Methoden in einer bestimm­ten Höhe ein Fallschirm ausgelöst werden, um die Zündung der Bombe in einer bestimmten Höhe über unserem Gelände, also durch Luftdruckbestimmung, zu bewirken. Durch den Aufprall, praktisch auf die sogenannte Spitze unserer Wirbelstromabschirmung ist vielleicht der Auslösemechanismus des Fallschirms beschädigt worden. Damit erfolgte die Luftdruckände­rung durch die weiterhin hohe Absinkgeschwindigkeit so schnell, daß die Zündung erst am Boden erfolgte. Wir haben praktisch über­haupt nichts abbekommen, soweit wir bisher feststellen konnten. In jedem Fall ist es allen Personen hier auf unserem Gelände gelungen, rechtzeitig einen Bunker zu erreichen. Ich hoffe, Sie haben sich nicht zu sehr aufgeregt. Entspannen Sie sich. Es ist alles vorüber. Unsere Messungen der Radioaktivität über fest eingebaute Sonden am Rande unseres Geländes zeigten bisher keine Zunahme, was auch die Typenbeschreibung des von uns identifizierten Bombenobjektes bestätigt. Es handelt sich um eine sogenannte saubere Bombe. Wir bitten Sie allerdings, um absolut sicher zu sein, noch etwa eine Stunde auszuharren, ehe wir neu entscheiden können, wann Sie wieder ins Freie können. Leider müssen wir daran denken, daß die Bombe even­tuell völlig unbetei­ligten Lebewesen den Tod gebracht hat. Sie hatte zwar nach unseren Modellaufzeich­nungen die schwächste Sprengkraft von - in Anführungszeichen - nur fünfhundert Tonnen TNT und ist zum Glück in einem unbewohnten Gebiet explodiert. Dennoch können sich dort Menschen aufgehalten haben. Zumindest werden Tiere und Pflanzen zu Schaden gekommen sein. Es hätte eine unvorstellbare Katastro­phe gegeben, wenn die Bombe zur entgegen­gesetzten Seite gerutscht wäre und dann den Nordteil von Port-of-Spain zerstört hätte. Ich persön­lich möchte doch sehr gerne wis­sen, mit welchen organisier­ten Verbrechern wir es zu tun haben, die sehr wahrscheinlich von einer staatlichen Stelle, die über militärische Einrichtungen verfügt, getragen wird. Dieser Atom­bombenabwurf ist nach Nagasaki der erste bewußt und willentlich gegen Menschen gerichtete. Ich vermute nicht, daß es sich um einen Unfall handelt... Herr Professor Rondi, nach unserer Registrierung befinden Sie sich in Bunker A 3, und ich hoffe, wohlauf. Ich schlage vor, die Regie­rung von Trinidad und Tobago unverzüglich über die soeben erleb­ten Ereignisse zu unter­richten. Persönlich darf ich Ihnen zu Ihrer Vorausschau gratulie­ren; denn ich selbst habe nie an die Möglichkeit ge­glaubt, daß wir auf diese schreckliche Weise und so rücksichtslos angegriffen werden könnten. Ich habe, ehr­lich gesagt, Ihre Vor­schläge zum Bau der Bunker für eine Wahnidee gehalten. Nun hat mich die Realität überzeugt. Das ganze Gesche­hen ist mir immer noch unverständlich und ich kann... Entschuldi­gen Sie, meine Kolleginnen und Kolle­gen, daß ich in einer Ge­fühlswallung ange­fangen habe, persönli­che.... Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Aber das alles ist ja nun ein, mir bisher unvor­stellbar erschie­nenes, unbeschreiblich schreckliches Ereignis."

 

     Professor Rondi ging zum Telefon, sprach zu seinen Mitarbei­tern, bedauerte die schlimmen Ereignisse des gestrigen und des heutiges Tages und schloß mit den Worten: "Ich kann durchaus verstehen, wenn Sie einen Schock erlitten haben und sich lieber von uns trennen möchten, nachdem offensichtlich unser aller Leben sehr ernsthaft bedroht ist. Wir haben es mit uns todfeindlich, im wahrsten Sinne des Wortes, also mit todfeindlich Gesinnten zu tun, die uns in eine Art Kriegszustand versetzt haben. Ereignis­se, wie wir sie soeben erleben mußten, hat es bisher tatsächlich nur in einem Krieg gegeben. Ich würde es Ihnen keineswegs übel nehmen, sondern hätte vollstes Verständnis, wenn Sie sich aus der Gefah­renzone, in der wir uns befinden, heraus begeben möchten. Flucht vor Kriegsgeschehen ist völlig legitim. Besonders verun­sichernd ist: Wir wissen weder, wer uns bedroht, noch kennen wir irgend ein Motiv. Ich will Ihnen nochmals versi­chern, daß es mir auf­richtig leid tut, daß Sie in solch ein Ge­schehen mit hinein­gezo­gen worden sind."

 

     Zur Beruhigungsunterstützung wurde anschließend über die Lautsprecher in den Bunkern leise, sogenannte leichtere, klassi­sche Musik abgestrahlt.

 

     Als nächsten Schritt bat William Rondi die Telefonisten, alle ankommen­den und herausgehenden Gespräche aufzuzeichnen. Dann ließ er sich mit dem Gouverneur von Trinidad und Tobago verbin­den, der erst nach langem Bemühen zu erreichen und in höchster Aufregung war. Professor Rondi begann, über den Atombombenabwurf zu berichten.

 

     "Was? Das war eine Atom­bombe?" rief der Gouverneur aufge­bracht, dem schon von einer gewaltigen Explosion aus anderen Quellen berichtet worden war. Er fügte hinzu: "Professor Rondi, ich muß Ihnen sagen, daß Sie zum Sicher­heitsrisiko ersten Grades unseres Staates geworden sind. Wir können alle drauf ge­hen. Stel­len Sie sich vor, das Ding wäre über Port-of-Spain ex­plodiert! Ich werde alles daran setzen, daß Sie von dieser Insel verschwin­den. Sie haben uns alle in tödliche Gefahr gebracht..."

 

     "Unbeabsichtigt", rief Rondi sicht­bar wütend und erklärte: "Sie wollen mich, der ich nicht nur einfacher, die Gesetze nie­mals mißachtet habender Bürger sondern sogar Ehrenbürger bin, nun des Landes verweisen? Da bin ich gespannt, auf welcher Rechts­grundla­ge Sie das begrün­den wollen. Falls Sie solche Äußerungen von sich geben, müßte ich Ihnen unterstellen, daß vielleicht Sie selbst, ich meine die Regierung, hinter diesen verbrecherischen Attenta­ten steckt. Das sage ich ganz bewußt, um Sie zu provozie­ren, da unsere Regierung von Trinidad und Tobago bisher keinerlei Beitrag geleistet hat, um diesen Geschehnissen vorzubeugen. Oft genug habe ich Warnungen ausgesprochen, die mich... Aber lassen wir das. Sie sind also der Meinung, die Ereignisse, die Ermordung meines Kollegen, Professor Hinze, der heutige Atombombenanschlag bedürfen keiner Aufklärungsunterstützung Ihrerseits? Sie geben nicht dem Mörder oder den Mördern die Schuld? Sie weisen die Schuld den Opfern zu? Das ist wohl einmalig in der Geschichte der Rechtsprechung und im Rechtsempfinden!"

 

     Voller Zorn zerschlug er das Telefon, ging aufgeregt im Zimmer auf und ab, murmelte unver­ständliche Worte vor sich hin und ließ sich schließlich in einen Sessel fallen. Ayleen Broch kraulte mit einer Hand in seinem Haar und massierte mit der ande­ren leicht und zärtlich seine Nacken­muskeln.

 

     Über den Lautsprecher meldete sich wieder der Überwachungs­fachmann: "Kolleginnen und Kollegen, ich melde mich wieder, um Ihnen mitzuteilen: Unsere erneuten Messungen der Radioaktivität haben immer noch keinen Zuwachs erkennen lassen. Nach unseren nochmaligen und sehr gewissenhaft durchgeführten Musterverglei­chen können wir auch davon ausgehen, daß es sich um eine Atombom­be neuester Konstruktion gehandelt hat, die für An­griffs­kriege gedacht ist. Dieser Bombentyp ist - in Anführungs­zeichen - sau­ber, weil nämlich die Militärs an die sofortige Besetzung der mit solchen Bomben belegten Gebiete gedacht haben. Sie können jetzt die Bunker wieder verlassen. Ich danke Ihnen für Ihre Geduld."

 

     Rondi, Ayleen und Benjamin waren nach dem Verlassen des Bunkers wortlos und ohne sich darüber abzustimmen, zurück zum Mittagstisch gegangen, vielleicht unbe­wußt aus einem Drang heraus, das so ungeheuerliche, das zu schreckliche Geschehen nicht begreifen zu wollen und es nur in eine, lediglich unange­nehme Un­terbrechung abzudrängen. Keiner der drei Personen machte An­stal­ten, sich nach eventuellen, durch die Atombombenexplosion verur­sachte Schäden umzuschauen. Sie gingen ihres Weges, als wäre nichts besonders Ungewöhnliches geschehen.

 

     Inzwischen hatten sich aber die Bananaquits, die als die frechen Spatzen der Insel bezeichnet werden können und die die Ankom­menden ärgerlich kreischend, mit hängenden Flügeln, Abwehr anzeigend, dabei jedoch lustig wirkend, umherhüpfend empfingen, über die Es­sensreste hergemacht. Die Tischdecke war mit Kot­flecken ver­ziert und der Zucker verstreut. Ameisen und Termiten hatten sich auch bereits formiert, um die kleineren Überbleibsel auf dem Boden abzuräumen. Sie bilde­ten zwei Pfade, auf denen die zu den Nah­rungsquellen anrückenden Insekten an solchen, die Spei­sen ab­transportierten, in wohlgeord­ne­ter Marschordnung vorbei­schrit­ten. Oft blieben einzel­ne Insek­ten­individuen kurz neben ihnen Entge­genkommenden stehen, was so aussah, als würden sie sich begrüßen wollen.

 

     Ayleen war in die Küche geeilt, um frischen Kaffee aufzuset­zen; denn die immer wohlgelaunte, mollige Haushälterin von Rondi hatte heute ihren freien Tag und befand sich nicht auf dem Ge­lände.

 

     Benjamin Selatan ergriff das Wort: "Ich bin nun doch davon überzeugt, daß mein Verschwinden damals wegen meiner psychischen Probleme nichts mit dem Mord an Hinze und dem heutigen Ereignis zu tun haben, absolut nichts. Da war ja auch schon lange vorher mal ein Attentatsversuch mit dieser Rakete auf euch gemacht wor­den. Da brauche ich mir keine Gedanken zu machen. Was mir nur leid tut, ist dieser Spionageverdacht, der eventuell wegen eurer sogenannten Vorwärtsverteidigung einen nicht mehr aufhaltbaren Stein ins Rollen gebracht hat. Aber vielleicht kann man den Stein doch noch in die richtige Bahn lenken, so daß er keinen Schaden anrichtet. Und was ich auch noch sagen will: Ich möchte sehr gerne wieder mitarbeiten. Ich werde mich damit abfinden, daß Ayleen mit ihrem Vaterkomplex für mich, der ich ihr viel zu jung bin, unerreichbar ist. Wenn ich allerdings sehe, wie sie mit Ihnen schmust, William, dann schneidet das doch durch meine Ein­geweide. Zum Glück haben wir endlich mal darüber gere­det. Viel­leicht darf ich mich mal gehen lassen, wenn es mir zu unerträg­lich wird. Wenn doch der Hinze noch lebte. Dem hätte ich mich als Fachmann anver­trauen können. Der hätte mir sicher helfen können. Aber darf ich weiter mitma­chen? Ich verspreche, alle meine Kraft in die Arbeit zu stecken."

 

     Rondi schien gar nicht zugehört zu haben. Doch plötzlich sprang er vom Stuhl auf, eilte zu Benjamin, versuchte den Sitzen­den zu umarmen, der sehr verblüfft war; denn Rondi war immer der gewollt wohl erzogen Gelassene, der zwar sehr Freundliche, aber doch Unnahba­re gewesen, eigentlich von einer kühlen Ausstrahlung. Benjamin mochte ihn, zweifellos, bewunderte und schätzte ihn, fühlte sich nun doch verunsichert. William Rondi ließ sich auf seine Knie gleiten, legte seinen Kopf auf die Oberschenkel seines völlig unerwartet zurückgekehrten Mitarbeiters und begann zu schluchzen, durch die Ereignisse der letzten beiden Tage offen­sichtlich völ­lig außer Kontrolle.

 

     Nach einigem Zögern, aber dann doch auch von Zuneigungsge­fühlen gepackt, ergriff Benjamin mit beiden Händen den Kopf des Mannes, der altersmäßig sein Vater sein konnte, beugte sich vor, um seine Wange auf den Rücken des sich vor Weinkrämpfen Schüt­telnden legen zu können.

 

     Ayleen, die mit frisch gebrühtem Blue-Mountain-Kaffee zu­rückgekehrt war, schaute zuerst ratlos drein, setzte dann die Kanne auf den Tisch, kniete sich zu den beiden Männern, umschlang beide und streichelte sie zärtlich.

 

 

Kontakt mit der Regierung

 

     Das Telefon läutete. Ayleen löste sich von den beiden Män­nern, die sich auch erhoben und begannen, auf der Terrasse auf und ab zu wandern, während sie das Telefongespräch entgegen nahm. "Es ist unser Ministerpräsident, Doktor Moses", sagte sie und wollte Rondi den Hörer überreichen, der aber abwehrend den Kopf schüttelte und erklärte mit zitternder Stimme: "Ich bin überhaupt nicht in der Lage."

 

     Benjamin Selatan übernahm das Telefongespräch und behauptete selbstbewußt und selbstsicher: "Ich bin der vertrauteste Mitar­beiter von Herrn Professor William Rondi, der zur Zeit nicht in der Lage ist, mit Ihnen zu konferieren. Ich besitze jedoch alle Vollmacht, an sei­ner Statt mit Ihnen zu verhandeln. Außerdem bin ich seit Geburt Staatsbürger von Trinidad und Tobago. Mein Name ist Doktor Benja­min Selatan. Worüber möchten Sie mit uns spre­chen? Aus rechtli­chen Gründen muß ich Sie darauf hinweisen, daß ab heute von uns alle ankommenden und herausgehenden Tele­fonge­spräche, also auch dieses, mitgeschnitten werden. Wir haben uns zu diesem Schritt aus Gründen, die ich zu diesem Zeitpunkt nicht unbedingt erläutern möchte, entschließen müssen."

 

     Der Ministerpräsident zögerte, räusperte sich und sagte dann: "Professor Rondi hatte soeben ein Gespräch mit dem Gouver­neur..."

 

     "Der Herrn Professor Rondi als Opfer von Mordanschlägen entgegen allen Rechts­gepflogenheiten Ausweisung aus unserem Va­terland angedroht hat", fiel ihm Benjamin ins Wort, wohl auch um zu beweisen, daß er als selbsternannter  Vertreter seines  Chefs über alles infor­miert sei.

 

     "Das war natürlich eine, in einer Gefühlsregung ge­machte rein persönliche und bedauerliche Äußerung...", erklärte der Mini­sterpräsi­dent.

 

     Seine Worte wurden wieder von Benjamin unterbrochen: "Diese Ihre Worte muß ich jedoch mit großer Skepsis entgegen nehmen; denn offensichtlich ist doch auch mit Ihnen darüber gesprochen worden. Woher sonst wüßten Sie von der, ich zitierte, in einer Gefühlsregung gemachten rein persönlichen und bedauerlichen Äuße­rung."

 

     Wieder zögerte der Präsident mit einer Stellungnahme, offen­sichtlich nach den richtigen Worten suchend. "Also", begann er, "vergessen Sie die Äußerung des Gouverneurs bitte. Er hat mir von dem Gespräch mit Rondi berichtet und bedauert, so etwas ge­sagt zu haben. Wir haben gerade eine außerordentliche und dring­liche Kabinettssitzung einberufen; denn ein Atombombenabwurf auf unser Land muß als eine Kriegserklärung an alle Commonwealth-Länder angesehen werden, zu denen wir gehören. Da haben wir es ja wohl mit der ernsthaftesten Bedrohung eines Landes zu tun, die man sich vorstellen kann. Selbstverständlich müssen wir entspre­chend reagieren und alles tun, um weiteren Schaden unseres Staa­tes abzuwenden. Dazu ist ja nun mal jede Regierung, also auch meine verpflichtet. Wir haben keine Informationen, was, wie und warum tatsächlich passiert, welcher Schade angerichtet worden ist. Ein Untersuchungsteam ist auf dem Wege zum Ort der Atombom­benexplosi­on. Wir wissen nicht einmal, ob eine Untersuchung jetzt schon wegen der Strahlungsgefahr möglich ist. Mit meinem Anruf hatte ich die Absicht, von Herrn Professor Rondi zu erfahren, welche Informationen er hat."

 

     William Rondi hatte sich inzwischen so weit wieder gefangen, daß er das Telefongespräch mit seinem kleinen Gerät verfolgten konnte. "Gib einen vollen Bericht", befahl er seinem selbster­nannten Vertreter, der dieser Aufforderung nachkam, den Raketen­anschlag auf den Hubschrauber des Instituts erwähnte, dann von den At­tentatsdro­hungen, den daraufhin eingeführten Schutzmaßnah­men, jedoch nur andeutungsweise sprach, über den Flugzeugtyp berichte­te, der die Bombe geworfen hatte, und über seine techni­schen Kennt­nisse von der Bombe selbst. "Bitte vergessen Sie nicht, in diesem Zusammenhang die gestrige Ermordung unseres Kollegen, Professor Kurt Hinze, zu sehen", rundete er seinen Bericht ab und fügte hinzu: "Um noch einmal auf die Bombe zu sprechen zu kommen: Es handelt sich um eine sogenannte saubere Bombe, die also kaum Strahlung hinter­läßt. Bitte schicken Sie die Untersuchungskommis­sion sofort los, da keinerlei Schädigung durch Strahlen befürch­tet zu werden braucht. Uns interessiert brennend, welches un­schuldige Leben durch diesen verbrecherischen Abwurf vernichtet worden ist. Selbstverständlich sind wir im Rahmen unserer Mög­lichkeiten zu jeder Art von Zusam­menarbeit mit den Regierungs­stellen und, soweit wir können, auch zu Ihrer persönli­chen Unter­stützung bereit, wenn es um die Aufklärung der Ereig­nisse der letzten Tage geht. Was uns nur sehr befremdet, zumin­dest ziemlich verwundert hat, ist, daß bisher kein einziger Kri­minalist von Ihrer entspre­chenden Polizeidienststelle bei uns er­schienen ist, um auch nur den Willen zu einer Aufdeckung des gestrigen Mordfalles zu bekunden. Halten Sie das für normal? Das ist eine Tatsache und kann wohl nicht so einfach mit irgendeiner gefühlsmäßigen Reak­tion erklärt werden. Tut mir leid, Ihnen das als dem Höchstver­antwortlichen unserer Regierung sagen zu müssen. Betrachten Sie das durchaus als eine Rüge; denn das halten wir wirklich für einmalig in der Geschichte der Krimina­listik und für sicher hoch­interessant für die Weltpresse."

 

     "Das darf doch wohl nicht wahr sein", entrüstete sich der Ministerpräsident und versprach: "Darum werde ich mich unverzüg­lich und persön­lich küm­mern. Bitte erwarten Sie meinen Rückruf zu gegebener Zeit. Wie war noch mal Ihr Name?"

 

     Benjamin wiederholte ihn noch einmal langsam und deutlich und verabschiedete sich betont kühl mit: "Ich danke Ihnen für Ihren Anruf."

 

     "Das hast Du aber verdammt sehr gut und diplomatisch ge­macht", lobte Professor Rondi und fügte hinzu: "Ich hatte nur Angst, Du würdest zu viel über unsere Sicherheitsvorkehrungen berichten. Das wir solche getroffen haben, hat sich wohl herumge­sprochen, und mehr als daß solche eingeführt worden sind, hast du auch nicht preisgegeben. Dann ihm mangelnde Unterstützung bei der Aufklärung des Mordes an Kurt vorzuhalten, ja ihn sogar zu rügen, nachdem ihm gesagt worden ist, daß alle Gespräche aufge­zeichnet werden, also darauf wäre ich überhaupt nicht gekommen. Ihn außerdem mit der Weltpresse unter Druck zu setzen... Also, ich hab' doch wohl so einiges an dir verkannt, mein Herr Stell­vertreter."

 

     Zum ersten Mal seit der gestrigen Ermordung seines Freundes zeig­te Rondi wieder ein leichtes, Zufriedenheit ausdrückendes Lächeln.

 

 


Noch ein Mordversuch

 

     Nach kurzer Zeit läutete das Telefon wieder. Einer der Über­wachungsingenieure erklärte: "Wir können wieder etwas sehr Inter­essantes zeigen. Einer unserer Mitarbeiter, der gestern, während der Pressekonferenz die Betreuung unserer Klienten übernommen hatte, hat den Verlauf der Konferenz auf Band aufgenommen, sich heute ange­schaut und überraschende Bilder gefunden. Er ist gleich zu uns gekommen, um uns seine Aufzeichnungen vorzuspielen. Wir haben einige Ausschnitte zusammengestellt, die vielleicht Auf­schluß über den Mordhergang geben können. Wollen Sie sich das ansehen?"

 

     Rondi zuckte zusammen. Es schnitt durch seinen Magen. Er hatte ein wenig den Schmerz über den Verlust seines Freundes, Kurt Hinze, weggeschoben gehabt. Jetzt wurde die Wunde wieder gereizt. Er begann zu zittern, begleitet von heftigen Schweißaus­brüchen. Er schüttelte den Kopf und hauchte: "Ich kann und will das nicht sehen. Ich bin völlig am Ende. Ich brauche ein Beruhi­gungsmittel. Ich bekomme sonst einen totalen Nervenzusam­menbruch. Bitte helft mir."

 

     Nachdem sich Rondi in seinen weich gepolsterten Schaukel­stuhl aus Rattan-Holz gesetzt hatte, eilte Ayleen davon, um ihm ein Beruhigungsmittel zu beschaffen. Selatan bot an, sich die Aufzeichnungen im Raum zur Sicherheitsüberwachung anzuschauen und, zu passender Zeit, seinem Chef darüber zu berichten.

 

     Der sogenannte Chefüberwachungsingenieur, den Benjamin vom gemeinsamen Studium her sehr gut kannte und der Herbert Beckles hieß, berichtete: "Während der Pressekonferenz waren mehrere drahtlose Kameras aufgestellt worden: Zwei hatten die Redner am Mikrofon aus ver­schiedenen Blickwinkeln zu beobach­ten. Eine ande­re schwenkte über die Personen, die auf der Terras­se saßen und eine weitere zeigte Szenen des Geländes und sollte zufällige, eventu­ell interessante Beobachtun­gen festhalten. Nun hat unser Klien­tenbetreuer eine interessante Freizeitbeschäftigung. Er dreht Videofilme und ist daher sehr gut mit Geräten ausgestattet, be­sitzt vier Aufzeichnungsmaschinen mit hochfrequenten, also draht­losen Eingängen. Drei Geräte hat er gestern benutzt, um das fest­zuhalten, was die die beiden Redner beobachtenden Kameras ab­strahlten. Das dritte Gerät zeichnete die Bilder von den Konfe­renzteilnehmern auf und das vierte die offi­zielle Sen­dung unserer staatlichen Fernsehanstalt. Unser Kollege, der im Augenblick wieder seiner Klientenbetreuungstätigkeit nach­geht, sagte mir, er hätte einfach mal nur ausprobieren wollen, welche Qualität diese wahnsinnig teuren und immer noch sehr schweren professionellen Kameras bei Direktanzapfung brächten und was auf den Übertra­gungswegen verlo­ren gehe, einmal bis zum Mischpult, dann von dort zum Sendestudio und von da weiter schließlich zur Ausstrahlungs­antenne. Auf diese Weise haben wir die Originalauf­zeichnung von wenigstens drei Kameras, wobei die Aufzeichnung derjenigen, die das Publikum im Auge hatte, hochinteressant ist. Jetzt schau dir das mal an! Wir lassen alle Aufzeichnungen auf den drei Bild­schirmen gleichzeitig ablaufen und setzen da ein, wo es eigent­lich erst interessant wird. Los geht's."

 

     Auf dem linken und dem rechten Bildschirm erschien der Kon­ferenzkoordinator, während auf dem mittleren über die übrigen Teilnehmer hinweggeschwenkt wurde. "Da ist doch dieser Indone­sier!" rief Benjamin aufgeregt.

 

     "Ja, er sitzt in der ersten Rei­he", kommentierte sein ehema­liger Studienkollege und fuhr fort: "Ich lasse jetzt alle Bänder schnell weiter laufen; denn da passiert nichts Wichtiges im Au­genblick."

 

     Nach einiger Zeit schaltete er wieder auf normale Geschwin­digkeit. Rondi wurde auf dem linken und dem rechten Bildschirm aus verschiedenen Blickwinkeln gezeigt und sprach über die Wett­bewerbsausschreibung. Auf dem mittleren Schirm wurden wieder Teilnehmer gezeigt. Die Kamera schwenkte von einem Gesicht zum anderen und zeigte auch diesen Patrick Poharto, der seine rechte Hand trichterförmig vor seinen Mund hielt, wobei die linke das rechte Handgelenk umklammerte. Der Überwachungsfachmann schaltete jetzt auf Einzelbildwiederga­be. Es sah so aus, als ob dieser Poharto huste. Sein Gesichtsaus­druck wirkte sehr angespannt. Einige Bilder weiter sah man erneut aufgeblähte Backen, also wieder Ansetzen zum Husten. Jedes Ein­zelbild wurde eine Sekunde lang gezeigt. Langsam verschob sich das Gesicht des Mannes nach rechts aus dem Bildschirm heraus.

 

     "Stop!" schrie Benjamin aufgeregt und bat: "Kannst du auf das Bild davor schalten?"

 

     "Ja, natürlich", sagte der Überwachungsex­perte grinsend und wollte wissen: "Hast du 'was besonderes ent­deckt?"

 

     "Kommt da nicht etwas aus der hohlen Hand dieses Mannes?" forschte Benjamin und fragte weiter: "Ist das Hustenauswurf oder... Oh, mein Gott! Könnte das etwa nicht die Giftkapsel sein?"

 

     "Ich vermute ja", antwortete der Angesprochene und erklär­te: "Wenn jemand hustet und sich die Hand vor den Mund hält, will er doch wohl verhindern, daß Auswurf in die Gegend geschleudert wird, nicht wahr? Das hier ist aber... Ich meine, das spricht für sich selbst... Leider sind das die letzten beiden Bilder, ehe die Kamera zur nächsten Person schwenkt." Er stoppte die Wiedergabe der Bilder und fügte hinzu: "Da hatten wir gerade großes Glück, meine ich".

 

     Doktor Selatan war aufgesprungen und murmelte: "Also, Hinze ist mit einem Blasrohr getötet worden..."

 

     "Ich bin mir da nicht sicher", meinte sein ehemaliger Studi­enkollege. "Denn von einem Rohr ist nichts zu sehen. Ich vermute, daß die Giftkapsel einfach nur herausgespuckt worden ist... Übri­gens, schau ganz genau hin! Wer ist auf dem mittleren Bildschirm zu sehen?"

 

     "Rondi!" beobachtete der Gefragte richtig.

 

 

     Der Überwachungsingenieur nickte und kommen­tierte: "Diese Kapsel galt ihm? Hat ihn aber wohl verfehlt."

 

     Selatan ließ sich auf einen Stuhl nieder, da ihm die Knie weich geworden waren.

 

     "Also, da haben wir eine Chance", sagte sein Freund, "diese Kapsel eventuell zu finden. Vielleicht liegt sie noch in der Terrassengegend umher."

 

     Beide Männer beschlossen, sogleich mit der Suche zu begin­nen, und baten den Vertreter von Herbert Beckles, dem Überwa­chungschef, ihn noch eine Zeitlang zu ersetzen, obwohl er schon während des Atombombenabwurfs den Dienst als Hauptverantwortli­cher versehen hatte, während sein Chef in der Gerätewerkstatt hantiert und sich anschließend die Videoaufzeichnungen angesehen hatte. Nach den Regeln wäre seine Arbeitszeit längst vorüber gewesen.

 

     Auf dem Wege zum erhofften Fundort wollte Benjamin Selatan wissen, was außerdem noch auf den Videofilmen zu sehen sei. "Ab und zu noch mal das Gesicht dieses Indonesiers, sonst nichts Auffälli­ges. Leider haben wir keine ähnliche Szene, die den Po­harto so zeigt, daß da ein Zusam­menhang mit dem Mord an Hinze zu sehen ist. Der Kameramann hat ja auch nicht auf die vorgegebenen Hustenanfälle des Mörders geach­tet... äh, ich meine, auf die als Hustenanfälle getarnten, wie sagt man, also..."

 

     "Morddurch- oder -ausführung", ergänzte sein Freund.

 

     "Übrigens hattest du Urlaub? Du warst plötzlich verschwun­den", wollte der Überwachungsfachmann, Herbert Beckles, wissen.

 

     Benjamin Selatan erfaßte sogleich, daß offensichtlich Rondi und Hinze ihren Mitarbeitern nichts über den Verdacht gegen ihn geäußert hatten. Daher bestätigte er nur die Frage mit ja.

 

     Dann machten sie sich auf die Suche nach der Kapsel.

 

     Die Terrasse zum Hause von Kurt Hinze, die wesentlich größer als diejenige von Rondi war, hatte niemand seit dem gestrigen Tag aufgeräumt.

 

 

     Beckles sagte erleichtert: "Da haben wir eine kleine Chance, die Kapsel unbeschädigt zu finden, falls sie nicht längst von jemandem zertreten worden ist. Übrigens, sollten wir sehr vor­sichtig sein. Ich weiß nicht, wie zerbrechlich sie ist. Nein viel wichtiger, falls die bereits zertreten wurde und wir da mit den bloßen Händen rumtasten, dann könnte das Gift in unseren Körper eindringen, verstehst du? Hast du irgendeine geringfügige Haut­verletzung an deinen Händen oder Fingern? Das, was wir da vorha­ben, ist ja nicht so ganz ungefährlich. Wenn wir das Miststück finden, Gott steh uns bei, daß wir es finden, dann sollten wir es nicht anfassen, sondern nach klassischen Spurensicherungsmethoden vorgehen. Vielleicht kann man Speichelreste in einem forensischen Labor finden, um ein Indiz mehr zu haben, falls es gelingt, den Mörder dingfest zu bekommen. Aber wo, ich meine, im welchem Labor kann das Ding untersucht werden?"

 

     "Jetzt laßt uns erst einmal suchen und das Ding finden", riet sein Freund und schlug folgende Taktik vor: "Wo könnte der Mann gesessen haben? Wenn wir das wissen, haben wir zumindest die Richtung, in die die Kapsel ge­flogen sein wird; denn sie wurde ja wohl in Richtung auf das Mikrofon, an dem Rondi stand, losge­schickt. Einfach wild umher suchen, mag ich nicht."

 

     "Scheiße", meinte Beckles, "das hätten wir aus der Reihen­folge der gezeigten Gesichter der auf den Stühlen sitzenden Jour­nalisten abzählen können. Warte mal, viel­leicht bekomme ich das noch zusammen. Also, das begann..."

 

     Er zog mit seiner linken Hand bei jedem Zählen einen Finger aus seiner rechten Faust heraus, was er mehrmals wieder­holte und den Kopf schüttelte. Schließlich sagte er: "Ich bekomme das nicht zusammen. Wir sehen uns besser den Film noch einmal an. Wenn wir einfach so anfangen zu suchen, dann könnten wir ja auch auf die Kapsel treten. Die ist bestimmt nicht groß und kann leicht über­sehen werden. Ich halte es für so wichtig, das Miststück zu be­kommen, verdammt noch mal. Ich fühle mich nicht so be­sonders wohl, wenn wir da so einfach... Wenn wir was falsch ma­chen, du, das möchte ich nicht verantworten."

 

     Benjamin meinte: "Also, das fing an mit dem Gesicht von diesem verdammt hübschen Mädchen..."

 

     "Quatsch", unterbrach ihn sein ehemaliger Studienkollege, "ich habe dir doch den Film nicht von Anfang an gezeigt. Laß uns zurückgehen, bitte."

 

     "Einverstan­den", erklärte Selatan.

 

      Er nahm sein kleines Telefon aus der Hosentasche und beor­derte eine Überwachungsperson zur Terrasse des Hauses von Profes­sor Hinze. Als diese nach etwa drei Minuten erschien, ordnete er an: "Nichts darf auf dieser Terrasse angerührt werden und niemand darf sich ihr bis auf, sagen wir mal, bis auf fünfzig Meter nä­hern, zumindest nicht in diesem Bereich, den auch Sie bitte auf keinen Fall betreten!" Bei diesen Worten brei­tete er die Arme aus und zeigte einen bestimmten Winkel in Rich­tung auf den Bereich, wo gestern das Mikrofon gestanden hatte. Obwohl beide Herren nicht an der Pressekonferenz teilgenommen hatten, waren sie doch in der Lage den Aufstellungsort des Mikro­fons nachzukonstruieren; denn das kleine Podest war noch vorhan­den.

 

     Beckles und Selatan eilten zurück zum Überwachungsraum, sahen sich den Film von der, über das Publikum hinwegschwenkenden Kamera im Schnelldurchlauf noch einmal an und zählten die Gesich­ter, bis dieser angebliche Patrick Poharto auftauchte. Sie verge­wisserten sich, indem sie sich auch nachfolgende Schwenkszenen vorführen ließen. Dann eilten sie zur Terrasse zurück; denn es war ihnen ziemlich sicher, daß der Mörder auf dem sechsten Stuhl von rechts, aus der Sicht vom Podium her gesessen haben mußte.

 

     Die Stühle standen zwar am heutigen Tag durcheinander gewür­felt da. Aber die beiden Freizeitdetektive versuchten, sie zu ordnen. Benjamin Selatan nahm den vermeintlichen Platz ein, um auszuprobieren, welches wohl die Flugrichtung der Giftkapsel gewesen sein könnte.

 

     "Weißt du, an welcher Seite des Halses, dieser arme Hinze getroffen worden ist?" erkundigte er sich.

 

     "Warte mal", bat sein Freund Beckles und meinte: "Ich glaube rechts."

 

     "Das wäre schwer von hier aus zu realisieren", stellte Ben­jamin fest.

 

     "Und wenn Hinze gerade in dem Augenblick, ehe er getroffen wurde, den Kopf gedreht hätte", kommentierte Herbert Beckles und fuhr fort: "Mist, das haben wir doch auf dem Film von unserer Fernsehanstalt beziehungsweise auch auf diesen anderen... Da ist das doch alles drauf. Ich kann mich nicht mehr so genau erinnern, wie das noch war. Also, jetzt schau ich mir das auch noch erst wieder einmal an, ehe wir anfangen, unsystematisch 'rum zu su­chen. Wir sollten ganz sicher gehen..."

 

     Er lief los. "Ich bleibe hier!" rief ihm sein Freund nach.

 

     Als Beckles nach etwa fünf Minuten zurückkam, rief er schon von weitem: "Ja, der hatte seinen Kopf gerade in dem Augenblick als ihn dieses Ding traf, nach links gedreht. Es paßt zwar nicht so ganz... Nun, vielleicht doch... Jetzt sollten wir aber endlich anfangen."

 

     "Moment", riet Selatan, "wenn nun die Kapsel an der Kleidung von Rondi abgeprallt ist, dann könnte sie sogar fast direkt vor uns liegen. Wie wollen wir denn jetzt vorgehen?"

 

     "Könnten Sie uns bitte etwa hundert Meter Leine oder Band besorgen? Wir wollen einen Winkelbereich markieren, in dem die Kapsel mit ursprünglicher Richtung auf den Sprecher am Mikrofon ausgespuckt worden sein kann", bat Beckles die Überwachungsperson und wandte sich an seinen Freund: "Wir beginnen inzwischen mit der Suche im Nahbe­reich, einverstanden? Ich vermute allerdings, daß die Kapsel auf keinen Fall an der Kleidung abgeprallt ist; denn dann wäre sie sicher auch eingedrungen, wenn auch nicht bis auf die Haut. Nein, nein, die Kapsel hat, aus welchen Gründen auch immer, ihr Ziel verfehlt. Vielleicht hat sich Rondi gerade im richtigen Augen­blick aus der Flugrichtung der Kapsel fortbe­wegt."

 

     Dennoch began­nen beide, auf dem Boden umherzukriechen und mit ihren Augen, angespannt und voll konzentriert jede Stelle zu überstreichen.

 

     "Ich seh' sie", rief Beckles plötzlich aufgeregt. Aber was er unter dem, den nicht mehr gekachelten Boden der Terrasse be­rührenden Teil einer Holzseitenkante des Podestes fand, war eine weiße perlenähnliche Plastikkugel, die innen durchlöchert war.

 

     "Wo kommt die denn her?" wollte Benjamin wissen.

 

     Sein Freund zuckte mit den Schultern und meinte: "Die war wohl auf einer Schnur aufgereiht, die gerissen ist. Dann werden wir vielleicht noch mehr solcher Scheißdinger finden, die uns dann jedes Mal verwir­ren."

 

     Weitere solcher Kugeln konnten beide Herren dann doch nicht im Nah­bereich um den Podest herum entdecken.

 

     Inzwischen war die Überwachungsperson mit zwei Schachteln weißer Bänder von je vierzig Meter Länge zurückgekehrt und ent­schuldigte sich: "Etwas anderes habe nicht auftreiben können. Aber wonach suchen Sie eigentlich?"

 

     Doktor Selatan erklärte kurz, worum es ging, bat eines der Bänder auf der Rasenfläche hinter dem entsprechenden Terrassen­teil auszulegen, wobei er selbst, vor dem Stuhl stehend, auf dem dieser Poharto sehr wahrscheinlich gesessen hatte, ein Ende mit der linken Hand festhielt, während die Überwachungsperson das Band am anderen Ende stramm hielt. Benjamin dirigierte mit dem rechten Arm win­kend: "Noch ein bißchen weiter nach rechts, noch ein bißchen. So, das müßte der maximal äußere Bereich von mir aus gesehen nach links sein... Jetzt die andere Seite!"

 

     Dann wurde das andere Band abgewickelt, wobei die Überwa­chungsperson sich wieder, genau wie beim ersten Mal, von Selatan entfernte. Als das Ende erreicht war und das Band von beiden Leuten gespannt gehalten wurde, lautete die Anweisung diesmal: "Nach links, noch weiter, noch ein bißchen. Stopp!"

 

     "So das müßte der Winkelbereich sein, in dem die Kapsel zu finden sein sollte", meinte Selatan an seinen Studienkollegen Beckles gewandt.

 

     Die Überwachungsperson rief: "Soll ich suchen helfen?"

     "Nein, das machen wir alleine", schrie Selatan wegen der Entfer­nung zurück.

 

     Die Person kam auf die beiden Herren zu, wobei sie zur Seite in den Bereich schaute, den die weißen Bänder als Winkel kenn­zeichneten. Als sie sich bis auf etwa zehn Meter den Herren Beckles und Selatan genähert hatte, rief sie: "Da liegt 'was im Gras" und wollte sich bücken.

 

     "Nicht anfassen!" schreien die bei­den Freizeitdetektive gleichzeitig und eilten zu der bezeichneten Stelle.

 

     "Das könnte wirklich die Giftkapsel sein", bemerkte Ben­jamin und fragte: "Was machen wir nun? Wir brauchen einen Löffel und eine kleine Plastiktüte", beantwortete er selbst seine Frage.

 

     Während die Überwachungsperson beides zu besorgen hatte, knieten Beckles und Selatan neben der entdeckten Kapsel. Dann streckten sie sich bäuchlings auf dem Boden aus, wobei sie sich auf ihre Ellbögen abstützten, und betrachteten ein kleines, hell­rotes, revolvergeschoßähnliches Gebilde von etwa fünf Millimeter Durch­messer und ungefähr einem Zentimeter Länge. Ein Ende schien scharf zugespitzt zu sein, während das gegenüber liegende Ende sanft abgerundet erschien.

 

     "Das muß das Ding sein", flüsterte Benjamin, "wonach wir gesucht haben. Wenn ich daran denk, daß es für William Rondi gedacht war... Nur ein kleiner Zufall oder wie soll man das nen­nen können, hat verhindert, daß es mit dem Mordanschlag nicht geklappt hat..."

 

     Sein Freund begann seine eigenen Betrachtungen: "Wenn ich mir überlege, daß so ein winziges Ding, das nicht einmal einen halben Kubikzentimeter ausmacht, unsere gesamte Blutmenge von sieben Litern, soweit ich in Erinnerung habe, vergiften kann, dann bekomme ich Hochachtung davor. Was sind wir doch für anfäl­lige Wesen..."

 

     Benjamin philosophierte: "Gut dann bist ganz weg, vergiftet aber tot. Schlimmer ist ja noch, wenn dich deine Gefühle plagen, wenn du nur ein bißchen vergiftet bist und schrecklich leidest. Was ist das eigentlich für ein Gift, das dir zum Beispiel Liebes­kummer bereitet? Woher kommt denn nun solch ein Gift, das deine Gefühle beeinträchtigt? Wie kommt ein solches Gift in deinen Körper? Wie kommt solch eine Vergif­tung zustande, die dich um­haut, dich sogar arbeitsunfähig, ja sogar ganz lebensuntauglich macht? Hast du schon mal Liebeskummer gehabt?"

 

     "Und ob", gestand sein Freund und erkundigte sich: "Kannst du dich noch an meine große Liebe, diese verfluchte Nana erin­nern, die mir den Kopf so verdreht hatte, daß ich sogar durchs Examen gerasselt bin? Plötzlich war sie mit jemand ande­rem ver­heiratet, einer häßlichen chinesischen, kleinen Kröte, aber reich. Ich war wahnsinnig vor Eifersucht und gekränkter Eitel­keit. Diese schöne rötliche Kapsel hier wäre mir damals ein will­kom­menes, erlösendes Geschenk gewesen, eine wundersame, kost­bare Perle. Ich war so fix und fertig, habe mich zwei Tage lang in mein Zimmer eingeschlossen, nur geheult, sogar einfach ins Bett geschissen, mir immer wieder eingeredet: Du kannst einfach ster­ben. Du mußt einfach aufhören zu atmen. Du mußt es nur wollen. Dann hat mein Vater endlich die Tür aufgebrochen, mich durchgeprügelt wie noch nie. Das hat mich irgendwie wieder zurück in die Realität ge­bracht..."

 

     Er griff mit sehr langsamer Bewegung nach der Kapsel mit einem zufriedenen Lächeln auf seinen afrikanischen Lippen. Seine Miene strahlte ein großes Glücksgefühl aus. Benjamin ergriff seine Hand, zog sie behutsam von der Kapsel weg zu sich und drückte einen leichten Kuß auf seinen Handrücken. "Sollten wir nicht wieder in die Realität zurückkehren?" riet er.

 

     Herbert Beckles drehte sich auf den Rücken, lag langausgestreckt auf dem Rasen und schaute gedankenverloren in den tief­blauen karibischen Himmel.

 

     "Komm zu dir, Herby", bat sein Freund und ergänzte: "Das Grübeln über die Vergangenheit hat doch keinen Zweck."

 

     Beide Männer lagen ausgestreckt nebeneinander.

 

     "Ich bin ja nicht unglücklich", meinte Herbert Beckles und erklärte weiter: "Natürlich bin ich auch nicht glücklich. Mit diesem ganzen Gescheiße von Liebe und so weiter will ich nichts mehr zu tun haben. Ich habe seit dieser Geschichte mit der Nana keine Frau mehr ange­rührt. Hassen tue ich sie alle..."

 

     Die mit den angeforderten Utensilien zurückgekehrte Überwa­chungsperson riß die beiden ehemaligen Studienkollegen aus ihren romantischen, nostalgischen Betrachtungen: "Es tut mir leid, daß es etwas lange gedauert hat. Aber ich mußte erst einmal..."

 

     "Ver­piß dich!" schrie Beckles wütend, wobei er aufsprang, sich dann aber sofort entschuldigte und bedauerte, daß er sich so daneben benommen habe. Er erklärte, daß er wegen der Anstrengun­gen der letzten beiden Tage ein wenig nervös geworden sei.

 

 

Die Untersuchung

 

     Doktor Benjamin Selatan war zum Hause von Professor Rondi zurückgeeilt, um seinem Chef über den Fund einer eventuellen Giftkapsel und über die Videoaufzeichnungen eines Klientenbetreu­ers zu berichten. Doch Rondi hatte sich, voll gestopft mit Beruhi­gungsmitteln, in sein Schlafzimmer zurückgezogen und war nicht ansprechbar.

 

     Der Ministerpräsident, Doktor Moses, rief, wie versprochen, zurück und mußte wieder mit Benjamin Selatan als Gesprächspartner vorlieb nehmen.

 

     "Den Vorwurf, Doktor Selatan, den Sie mir wegen Unterlassung einer kriminalistischen Untersuchung der Vorgänge um den Mordfall Professor Hinze gemacht haben, muß ich entschieden zurückweisen. Selbstverständlich hätten sich unsere Behörden sofort eingeschal­tet, wenn eine Anzeige erfolgt wäre. Kann sein, daß Sie, bezie­hungsweise wer auch immer aus Ihrem Wissensvermittlungsinstitut, daran nicht gedacht haben. Doch auf meine persönliche Veranlas­sung hin ist eine Mordkommission gebildet worden, die bereits eine Leichenschau vorgenommen hat und in Kürze bei Ihnen auf dem Hügel vorstellig werden wird. Ich hoffe, daß ich Sie damit etwas beru­higen kann in Ihrer Sorge, es werde von Regierungsseite nichts unternommen."

 

     "Vielen Dank für diese Aufklärung", sagte Benjamin Selatan mit eiskalter Stimme, da ihn Redewendungen wie Mordfall Professor Hinze und Leichenschau verärgert hatten. Er rügte: "Mir ist neu, daß einem Mordfall nur aufgrund einer ausdrücklichen Anzeige, das heißt, auf Anforderung behördlicherseits nachgegangen wird. Übri­gens sollte ich wiederholend darauf aufmerksam machen, daß wir nach wie vor immer noch alle ankommenden und herausgehenden Tele­fongespräche aufzeichnen. Also, wann können wir mit dem Erschei­nen von Mord­kommissionsmitgliedern rechnen. Wir haben nämlich festgestellt, daß nicht nur Herr Professor Kurt Hinze einem Mord­anschlag zum Opfer gefallen ist sondern daß gestern auf der Pres­sekonferenz ein Mordversuch an Professor William Rondi geschei­tert ist. Pro­fessor Rondi sollte offensichtlich auf die gleiche Weise wie Professor Hinze getötet werden. Die auf ihn gerichtete Giftkapsel hat zum Glück ihr Opfer verfehlt. Diese Giftkapsel konnten wir sicherstellen und über den Mordversuch gibt es Fern­sehaufzeich­nungen. Soviel zu diesem Thema. Darf ich Sie fragen, ob schon Ergebnisse der Untersuchung über wenigstens annähernde Schadens­ausmaße der heutigen Atombombenexplosion vorliegen?"

 

     Doktor Moses antwortete: "Lassen Sie mich auf Ihre letzte Frage vorerst eingehen. Ein mir per Funk übermittelter Situati­onsbe­richt sagt nur, daß ein Krater von etwa fünfundzwan­zig Meter Tiefe mit einem Durchmesser von etwa achtzig Metern entdeckt worden ist und daß einige Hektar an Waldbeständen ver­kohlt sind. Zum Glück hatten wir vergangene Nacht sehr heftige Regenfälle, wodurch kein weiterreichender Waldbrand entstehen konn­te..."

 

     "Sind zu Schaden gekommene Menschen gefunden worden?" erkun­digte sich Sela­tan.

 

     "Bisher nicht", erhielt er zur Antwort. Benjamin atmete etwas erleichtert auf.

 

     Der Ministerpräsident fuhr fort: "Ich habe persönlich den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika angerufen und ihm vertraulich erklärt, daß der Atombombenabwurf durch ein in seinem Lande hergestelltes Flugzeug erfolgt sein soll. Da ich diesen Hinweis von Ihnen hatte, leider ohne nähere Angaben..."

 

     "Die Unterlagen kann ich Ihnen geben", unterbrach Doktor Selatan. "Es handelt sich um eine zweistrahlige Militärmaschine des Typs BC77, also der bekannten Werke für die Herstellung von Kampf- aber auch Zivilflugzeugen. Wir haben eine klare Auf­zeich­nung von der Maschine, die jedoch völlig weiß gestrichen ist und die keinerlei Hoheits­zeichen oder andere Kennungszeichen hat. Kopien unserer Aufnahmen vom Flugobjekt sowie von der Bombe kann ich Ihnen je­derzeit zu­kommen lassen. Wenn Sie mit Telefaxkopien vorerst zu­frieden sind, kann ich das sogleich veranlassen. Ich benötige nur eine entspre­chende Nummer, an die solche Bilder gesendet werden können, die wir sowieso veröffentlichen werden. Einzelheiten des Bombentyps habe ich Ihnen ja bereits durchgege­ben..."

 

     "Ach ja, das habe ich tatsächlich in meiner Aufregung ver­gessen, meinem amerika­nischen Amtskollegen weiter zu geben", gestand der Präsident, der weiter ausführte: "Das werde ich nach­holen. Natürlich wäre ich für die Überlassung von Bildern sehr dankbar. Aber sollten Sie mit einer allgemeinen Veröffentlichung nicht warten, bis daß mehr Licht in die Affäre gekommen ist?"

 

     "Woher vermuten Sie, daß solches Licht kommen könnte?" woll­te Selatan mit deutlicher Ironie in seiner Stimme wissen.

 

     Der Präsident zögerte eine Weile mit der Antwort, so daß sein Gesprächspartner in arrogantem Tonfall nachfragte: "Haben Sie meine Frage verstanden?"

 

     Nach mehrmaligem Räuspern erklärte der Präsident: "Also, ich muß Sie tatsächlich vorerst um eine gewisse Geheimhaltung bitten, da wir nicht die Bevölkerung zu sehr beunruhigen dürfen. Wenn unsere Mitbürger erfahren, daß auf Trinidad eine Atombombe abge­worfen worden ist, dann bricht doch vielleicht Panik aus. Es gibt in unserem Land keine einzige Zivilschutzmaßnahme, nicht einmal gegen einen sogenannten konventionellen Krieg. Wir haben doch keinen einzigen Bunker, nichts dergleichen. Verstehen Sie?"

 

     "Und was beabsichti­gen Sie als offizielle Erklärung für die heutige Explosion abzuge­ben?" wollte Selatan wissen, der darauf­hin einen tiefen Seufzer vernahm, ehe sein Gesprächspartner ant­wortete: "Herr Doktor Sela­tan, es tut mir leid, wenn ich eine Beobachtung nicht verheimli­chen möchte, die, wenn ich sie offen ausspreche, Sie hoffentlich nicht kränkt. Ich befürchte, daß Sie mir irgendwie feindselig gegenüber stehen. Ich merke deutlich aus Ihrer Stimme, daß Sie mir nicht besonders wohl gesonnen sind. Das finde ich bedauer­lich; denn nur in enger, vertrauensvoller Zusam­menarbeit werden wir doch die anstehenden Probleme lösen können. In einer solchen Zusammenarbeit können und sollen sogar verschie­dene Meinungen aufeinander prallen, aber doch bitte in sachlicher Weise und nicht von vorn herein emotionsgeladen. Nur aus der Synthese von Meinungsunterschieden, von verschiedenen Ansichten und Perspekti­ven wird es uns gelingen, die beste Lösungsmöglich­keit herausfil­tern zu können. Das gilt doch wohl ganz allgemein und nicht nur für unseren Problemkomplex. Bitte haben Sie doch auch Verständnis für meine Position. Ich sichere Ihnen zu, daß ich alles in meiner Macht befindliche ein­setzen werde, um die anstehenden Probleme zur Lösung zu bringen. Ich bitte Sie also nochmals herzlich und ganz persönlich und ein­dringlich, lassen Sie uns so eng es geht zusammenarbeiten. Also, jetzt zu ihrer eigentlichen Frage: Wenn die Bevölkerung erfährt, was tatsächlich heute passiert ist, entsteht eine Panik. Das können Ihnen Psycho­logen bestätigen. Was eine solche Panik für Auswirkungen hat, kann niemand absehen. Es besteht aber eine große Wahrscheinlich­keit, daß sich die Volkswut - jetzt regen Sie sich bitte nicht auf, was ich sagen muß, wenn sich also eine solche Volkswut auch gegen Ihr Institut richten könnte. In pani­scher Angst wird nicht mehr logisch reagiert, und Leute in Panik sind Argumenten nicht mehr zugänglich. Das ergibt sich aus der Definition des Begriffes Panik. Also, niemand wird abschätzen können, gegen wen sich un­voraussehbare Reaktionen, eben aus Angst, ja Todesangst richten können, so wie bei einem wilden Tier, das in die Enge getrieben worden ist und sein Leben verteidigt. Unser Volk ist schutzlos. Das ist eine Tatsache. Es will sein Leben verteidigen, wird so­wohl teilweise die Regierung angreifen und vielleicht auch Sie, indem es sich sagt, was haben wir mit diesen Leuten zu tun, wegen denen unser Leben bedroht wird. Können Sie mir folgen?"

 

     "Ja, sehr wohl", bekannte Benjamin.

 

     Der Ministerpräsi­dent fuhr fort: "Also, Herr Doktor Selatan, versuchen Sie bitte zu verstehen, daß wir offiziell sicher nicht den Mord an Professor Hinze und den Mordversuch an Professor Rondi, über den ich entsetzt bin, in einen Zusammenhang mit der heutigen Atombombenexplosion bringen dürfen, zumindest jetzt im Augenblick nicht, falls da überhaupt ein Zusammenhang besteht. Ich habe sogar die Absicht, die Explosion als einen Meteoritenab­sturz deklarieren zu lassen. Gegen eine Natur­katastrophe sind wir Menschen machtlos. Das wird hingenommen. Ich beschwöre Sie, zu­mindest vorerst zu den tatsächlichen Vorgängen zu schweigen." Diese letzten Worte schloß er wieder mit einem deut­lich hörbaren Seufzer ab.

 

     Benjamin Selatan war irgendwie von den Worten seines Mini­sterpräsidenten überzeugt worden und überlegte, welche Stellung er jetzt beziehen sollte, ohne sich mit seinem Chef, Professor Rondi, abgestimmt zu haben, ja abstimmen zu können, der im Augen­blick nicht an­sprechbar war. Doktor Selatan fühlte, daß er jetzt eine wichtige Entscheidung riskieren müsse.

 

     Diesmal seufzte er, fand aber keine Worte, woraufhin sein Gesprächspartner wieder das Wort ergriff: "Ich bin etwas beküm­mert, daß dieses unser Gespräch aufgezeichnet worden ist. Ich setze jedoch mein Vertrauen in Sie, davon keinen Gebrauch zu machen. Ich überlege gerade, wie wir zusammenarbeiten können. Sie haben offensichtlich in Ihrem Insti­tut viele Möglich­keiten... Äh, nun, was wollte ich eigentlich sagen. Warten Sie, ich muß nach­denken... Also, ich schlage vor, daß wir uns am be­sten persönlich zusammensetzen sollten. Die Lage ist so ernst, daß wir alles, aber auch alles versuchen müssen, um weitere Be­drohungen so schnell wie möglich durch Aufdeckung der Mörder­trupps abzuwenden, die offensichtlich die totale Vernich­tung Ihres Instituts sogar mit den grausamsten kriegerischen Mitteln planen. Wo und wann und mit wem können wir uns treffen? Von mei­ner Seite würde ich natür­lich den Innenminister, den Außenmini­ster, den Verteidigungsmini­ster, äh, vielleicht noch nicht unbe­dingt... Ach ja, der ist sowieso nicht im Lande... Aber den Gouverneur möchte ich auch zur Teilnahme am Gespräch einla­den. Bitte schlagen Sie vor, wer von Ihrer Seite als kompetenter Part­ner infrage kommt."

 

     Benjamin Selatan war jetzt durch den Gesprächsverlauf davon überzeugt, daß die Regierung von Trinidad und Tobago es ernst mit dem Willen meinte, die Ereignisursachen der letzten beiden Tage aufzuklären. Spontan schlug er seinerseits vor: "Warum kommen Sie nicht zu uns herauf, so bald es Ihnen möglich ist. Damit wäre die Frage des Wo und Wann geklärt. Sie könnten den Flug damit moti­vieren, sich nach den Schäden bei uns durch den Meteoritenein­schlag informieren zu wollen. Nicht alle Tage fällt ja ein Meteor auf diese Insel..."

 

     Er lachte bei diesen Worten, in das der Mini­sterpräsident offensichtlich befreit einstimmte; denn er kommen­tierte: "Ich merke, wir beginnen, uns zu verstehen."

 

     Der selbst­ernannte Stellvertreter von Professor Rondi fuhr fort: "Um diese Version zu erhärten, sollten Sie eine kurze Be­sichtigung der Einschlagstelle machen, ehe Sie zu uns heraufflie­gen. Nun zur Frage, wer von unserer Seite als Gesprächspartner zugegen sein könnte. Das ist ein wenig schwierig zur Zeit, da Professor Rondi als zweifellos die wichtigste Person einen Schock erlitten hat. In jedem Fall wird unser Sicherheitsbeauftragter, Herr Herbert Beckels, zu der Konferenz, an der ich natürlich teilnehmen werde, hinzugezogen werden. Das sollte ausreichend sein. Leider bin ich erst heute von einem Urlaub zurückgekehrt und habe die gestrige Pressekonferenz mit dem ganz schrecklichen Ereignis nicht persön­lich miterlebt. Dennoch bin ich wohl im Augenblick die über alle Einzelheiten am besten informierte Per­son. Um es kurz zu machen: Sagen Sie mir bitte Bescheid, wann wir mit Ihrem Erscheinen rech­nen können."