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Walter Rath
Tagebuch eines Selbstmörders
Teil I
"Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie" (die Ehebrecherin, die nach den Gesetzestafeln des Moses durch Steinigen zu töten gewesen wäre).
Das Neue Testament, Evangelium des Johannes, Kapitel 8, Vers 7.
Mit diesem Buch sollen Sie, verehrte Leser, eine Person aus einer sogenannten Randgruppe näher kennen lernen, einen jungen Mischling, der aus der Abenteurerbeziehung eines französischen Geschäftsmanns und leidenschaftlichen Großwildjägers mit einer afrikanischen, von arabischem Blut beeinflußten Dienstbotin ungewollt hervorging.
Der dem eigenen Geschlecht zugeneigte junge Mann kommt mit verschiedenen Kulturkreisen, den ursprünglich afrikanischen, sowie den sogenannten westlichen Weltanschauungen in Berührung, und wird mit unterschiedlichen Religionen, dem rein römisch-katholischen, dann dem jesuitischen Gedankengut und ebenfalls u.a. mit dem muselmanischen Glauben konfrontiert. Er kann keine psychische, aber auch keine wirklich physische Heimat finden, da er durch sein "Anderssein" oft auf gesellschaftliche, ihn deprimierende Ablehnung und Widerstände stößt.
In einer Krisensituation, in der er sich auf sich allein gestellt fühlt, kann er nicht mit seinem Leben fertig werden.
Die Absicht der, im Folgenden als Tagebuchauszüge geschriebenen Seiten ist, einige Denkanstöße zu geben. Es wäre schön, wenn zumindest bei einigen unter Ihnen, verehrte Leser, etwas mehr Verständnis und Sympathie für eine Person geweckt werden könnte, die sich nicht an vorgedachten Denkbahnen orientiert, ja gar nicht orientieren kann, weil sie sich vor vielen divergierenden Wegen stehen sieht, weil verschiedene gesellschaftliche Systeme sie in die gleiche Lage versetzten wie Buridans Esel*, der vor dem Dilemma stand, sich zu entscheiden, von welchem beiden, gleichweit von ihm entfernten Heuhaufen er – trotz großen Hungers - (fr)essen sollte und aus Mangel an Entscheidungsfähigkeit schließlich verhungerte.
Das "Tagebuch" schildert zwar ein Einzelschicksal, zeigt aber, wenn man aufmerksam ließt, allgemein die Probleme, das Hin- und Hergerissensein, womit wir uns alle in unserer jetzigen Geschichtsperiode auseinander zu setzen haben, weil eine Großzahl von unterschiedlichen, oft völlig konträren Informationen, Meinungen, Weltanschauungen, Religionen, Kulturformen auf uns einwirken. Was ist für uns noch objektiv richtig und gültig? Fragen wir uns das nicht häufig, und spüren nicht immer mehr Mitmenschen, daß kaum noch von einer bestehenden, einer „festgefügten" Ordnung gesprochen werden kann?
Da nimmt z.B. die Lustlosigkeit am Arbeitsplatz zu, weil ein sogenannter mündiger Bürger erkennt, daß er Anrecht darauf hat, über die Politik seiner Firma zumindest informiert zu werden und über die Gestaltung seines Arbeitsplatzes mitbestimmen zu können, wobei ihm sicher auch Mitentscheidung über die Einstellung von Arbeitskollegen zuzugestehen wäre.
Die Ausgaben für die sogenannte Verteidigung der jeweils von den Herrschenden festgesetzten Systeme und nicht der großen „Masse" eines Landes werden als sinnlos oder zumindest als in ihrer Höhe nicht mehr als gerechtfertigt erkannt, vor allem im Hinblick darauf, daß in einigen Teilen der Erde ganze Bevölkerungsgruppen verhungern und keine Aussicht haben, jemals ein menschenwürdiges Dasein führen zu können.
Wird es nicht allerhöchste Zeit, nicht nur nachdenklich zu werden, sondern sich endlich gegen die rücksichtslose Ausbeutung der Naturschätze der Erde und gegen die Zerstörung der Umwelt zu stemmen, insbesondere im Interesse der Nachwelt?
Nun kann jedoch kein Einzelindividuum mehr die Lösung aller Probleme anbieten (was jedoch einige neue Religionsstifter und Fundamentalisten glauben, dazu befugt und auserkoren zu sein). Lösungsvorschläge müßten einem Gremium, bestehend aus Wissenschaftlern praktisch aller Diszipline übertragen werden, das vorher die wahren, wirklich echten Bedürfnisse aller Lebewesen zu analysieren hat; denn viele der oberflächlich, auf Grund jahrhundertelanger Manipulation durch Religionen und Weltanschauungen heute zutage tretenden Vorstellungen der Menschen müssen als durch regelrechte Gehirnwäsche übergestülpte Wünsche angesehen werden. Es ist sicher absurd anzunehmen, daß die jungen Mädchen in islamischen Gesellschaften sich zum Beispiel tatsächlich eine Beschneidung wünschen oder daß eine kleine Volksgruppe besser gestellt wäre, wenn sie in einem eigenen, unabhängigen Land regiert würde. Haben zum Beispiel die Unabhängigkeiten vieler ehemaliger Kolonien tatsächlich der Bevölkerungsmehrheit einen besseren Lebensstandard und eine größere Freiheit gebracht?
Muß erst wieder eine Katastrophe in Form beispielsweise einer schrecklichen kriegerischen Auseinandersetzung den Anstoß zum Nachdenken geben, um dann einen Schritt weiter als zur Gründung eines Völkerbundes und als nächstes der Vereinten Nationen zu kommen, sowie zu einem einigermaßen fortschrittlichen Grundgesetz, wie es sich die Bundesrepublik Deutschland erarbeitet hatte, das inzwischen jedoch schon wieder ausgehöhlt zu werden scheint?
In den folgenden Tagebuchauszügen sind, neben dem Aufzeigen von Problemen, Versuche zu Lösungsansätzen und Anregungen für einen Ausweg zu finden.
Eine Verbesserung unserer Beziehungen zueinander und eines Miteinanderauskommens in der weltweiten Menschengemeinschaft, ja in der Gemeinschaft aller Lebewesen, zum Vorteil jedes einzelnen Geschöpfes, ist sicher nur durch mehr Verständniswillen für einander, durch gegenseitige Rücksichtnahme, durch Eindämmung der Machtgier, zumindest durch Kontrolle der „Mächtigen", durch Begünstigung der Entfaltungsmöglichkeit jedes einzelnen Individuums zu dem, was eigentlich Leben und insbesondere bewußtes Menschsein bedeutet, zu erreichen, wozu auch eine umfassende Bildung gehört, die über eine „wirtschaftliche ausnutzbare“ hinausgeht. Die - oft aber auch als entspannend unterhaltsam gedachten Tagebuchauszüge sollen dazu Anregungen geben.
Der junge Tagebuchschreiber schildert alle seine einschneidenden Erlebnisse, ob sie seinen „Geist", d.h. seine „Seele", oder seinen Körper betreffen, mit unverhüllter, aber immer analysierender Offenheit. Jemand, der „das Glück hat", noch in althergebrachten, traditionsbewußten Bahnen denken und leben zu können und sich ähnlich wie ein durch Instinkte geleitetes Tier leicht nach einem vorgegeben, von Natur aus mitgegeben Programm zu orientieren vermag, wird beim Lesen dieses Buches an manchen Stellen des Textes sicher unangenehm berührt und vielleicht sogar schockiert werden.
Alles, was das folgende Buch schildert, hat sich zwar irgendwie und irgendwann zugetragen. Zusammenhänge, Namen, Orte, Ereignisse, zeitliche Reihenfolgen sind bewußt geändert, vermischt und vertauscht worden, damit Personen und wirkliche Beziehungen zu einander nicht mehr stimmen können.
Sprachlich ist bewußt nichts „geschliffen". Eine Einfachheit in der Ausdrucksweise und eine gewisse Naivität, sowie „romantische“ Sentimentalität sind absichtlich zur leichteren Lesbarkeit (und als Anregung zum schmunzeln) gewählt worden.
Der Autor
Ankara, Dezember 1982
*************
* Die Geschichte von dem Esel wird fälschlich Johannes Buridan zugeschrieben. Die Idee selbst stammt jedoch aus Aristoteles' „De caelo“ (Über den Himmel). Dort ist es jedoch ein Hund, der sich zwischen zwei Mahlzeiten entscheiden muss…
X zur Verzweigung zum jeweiligen Kapitel
| X Anliegen des Buches | Dezember 1982 |
| X Gedanken und Bemerkungen (Nachruf) | September 1982 |
| X Abschiedsbrief |
Teil I „Zu den Wipfeln der Glückseligkeit“
Empfehlung: Die nachfolgenden Seiten bis „Teil I“ sollten vielleicht erst einmal übersprungen werden, da sie sonst nur schwer zu verstehen sind.
(Mit dem Suchbefehl [Ctrl] - bzw. [Strg] [F] suchen!)
| Tagebuchauszüge | |
| X Erstes Nachdenken | Dienstag, 03.12.68 |
| X Schock | Dienstag, 03.12.68 |
| X Eine große Änderung | Dienstag, 04.11.69 |
| X Das Internat | Montag, 16.03.70 |
| X Studium | Montag, 01.10.73 |
| X Theaterbesuch | Freitag, 05.10.73 |
| X Liebeskummer | Donnerstag, 25.04.74 |
| X Ich ziehe zu John | Samstag, 27.04.74 |
| X Reise in die Türkei | Mittwoch, 18.12.74 |
| X Istanbul | Montag, 23.12.74 |
| X Krise | Dienstag, 18.07.78 |
| X Ausweg | Freitag, 21.07.78 |
| X Erfahrung mit einer Frau | Samstag, 22.07.78 |
| X Der Tierpark | Sonntag, 23.07.78 |
| X Eine Chance | Montag 24.07.78 |
| X Tag vor dem Abschied | Mittwoch, 26.07.78 |
| X Abschied von Elisabeth | Donnerstag, 27.07.78 |
| X Mussa | Montag, 31.07.78 |
| X Elisabeth hat geschrieben | Dienstag, 01.08.78 |
| X Ein bedauernswerter Mensch | Mittwoch, 02.08.78 |
| X Vertragsabschluß | Donnerstag, 03.08.78 |
| X Ein Durchschnittstyp | Samstag, 05.08.78 |
| X Die Bootsfahrt | Sonntag, 06.08.78 |
| X Eine lange Nacht | Montag, 07.08.78 |
| X Die Malaria | Freitag, 11.08.78 |
| X Beginn einer Beziehung | Samstag, 12.08.78 |
| X Zwei Briefe | Sonntag, 13.08.78 |
| X Seine beiden Söhne | Montag, 14.08.78 |
| X Unstimmigkeit mit Franz | Mittwoch, 16.08.78 |
| X Brief von Maurice | Donnerstag, 17.08.78 |
| X Maurice antwortet | Montag, 28.08.78 |
| X Sprachprobleme | Mittwoch, 30.08.78 |
| X Was ist mit Franz? | Freitag, 01.09.78 |
| X Wieder zwei Briefe | Samstag, 02.09.78 |
| X Reisevorbereitungen | Freitag, 22.09.78 |
| X Unverhofftes Wiedersehen | Sonntag, 24,09.78 |
| X Abschied von Pater Kurt | Dienstag, 26.09.78 |
| X Afrikanische Sitten | Freitag, 29.09.78 |
| X Aufbruch in ein neues Leben | Sonntag, 01,10.78 |
| X Deutschland | Montag, 02.10.78 |
| X Die Universität | Dienstag, 03.10.78 |
| X Martha | Samstag, 21.10.78 |
| X Haß | Dienstag, 21.11.78 |
| X Der Club | Donnerstag, 23.11.78 |
| X Mein Geburtstag | Samstag, 02.12.78 |
| X Dokumentation eines zerstörten Lebens | Samstag, 09.12.78 |
| X Das Eis beginnt zu schmelzen | Samstag, 16.12.78 |
| X Die Herrensauna | Montag, 08.01.79 |
| X Arbeitgeber und Gewerkschaftsvertreter | Donnerstag, 11.01.79 |
| X Ausflug mit Fee | Samstag, 28.04.79 |
| X Das neue Auto | Samstag, 12.05.79 |
Michels Bleistift-Zeichnungen (Teil I)
Der 20jährige Michel de Beauchamp
(jedoch von Pater D. Paul gezeichnet)><
Pater Kurt: so von Michel de Beauchamp als typisch gesehen
><
Lehrer MacDunhill (mit seinen Hängeschultern) ><
Marc vor seinem Flugzeug ><
John
><
Elisabeth ><
Mussa ><
Maurice ><
Direktor Bruhns ><
Franz ><
Frau Rinke ><
Katze Caesar ><
Martha ><
Willi Potter am Arbeitsplatz ><
Willi Potter zu Hause ><
>< zum jeweiligen obigen Bild
Teil II „Abstieg zu den Tälern der Trübsal“ (>Hier< direkt zur Fortsetzung)
Inhaltsverzeichnis:
| Zusammenfassung: Inhalt des ersten Teils | |
| Die Promotion | Dienstag, 12.06.79 |
| Reise nach Venedig | Samstag, 30.06.79 |
| Ende einer glücklichen Zeit? | Freitag, 06.07.79 |
| Wir können zusammenbleiben | Montag, 23.07.79 |
| Franz leidet unter Kopfschmerzen | Mittwoch, 23.04.80 |
| Franz ist wieder zu Hause | Montag, 28.04.80 |
| Bruch mit Elisabeth | Sonntag, 12.10.80 |
| Fee hat uns verlassen | Freitag, 16.01.81 |
| Die Testamentseröffnung | Dienstag, 20.01.81 |
| Brief aus Casablanca | Freitag, 20.02.81 |
| Winterurlaub | Dienstag, 03.03.81 |
| Das Todesurteil | Donnerstag, 26.03.81 |
| Rothenburg ob der Tauber | Samstag, 18.04.81 |
| Die letzte Fahrt zum Krankenhaus | Mittwoch, 22.04.81 |
| Franz lebt nicht mehr | Freitag, 15.05.81 |
| Grausamer Schmerz | Samstag, 16,05.81 |
| Abschied von Big Daddy | Montag, 25.05.81 |
| Einzug der Rosenstocks | Montag, 01.06.81 |
| Das Interview mit Professor Kayser | Montag, 22.06.81 |
| Interview mit Professor Köhler | Freitag, 26.06.81 |
| Fahrt nach Helgoland | Mittwoch, 22.07.81 |
| Fahrt nach Malindi | Montag, 10.08.81 |
| Erneuter Streit mit Johannes | Samstag, 05.09.81 |
| Überraschung | Sonntag, 06.09.81 |
| Ferienreise an die Riviera | Donnerstag, 10.09.81 |
| Streit mit Wernher | Montag, 14.09.81 |
| Ratschläge von Professor Kayser | Dienstag, 29.09.81 |
| Frau Rosenstock und Sohn Winfried | Samstag, 24.10.81 |
| Was weiß Pater Kurt schon vom Leben? | Samstag, 28.11•81 |
| Gut gemeinte Ratschläge | Donnerstag, 24.12.81 |
| Jahreswechsel | Donnerstag, 31.12.81 |
| Ich hatte Christine unterschätzt | Dienstag, 05.01.82 |
| Ein Tag, so wunderschön wie heute | Montag, 08.02.82 |
| Leichenschmaus | Dienstag, 16.02.82 |
| Wie soll es weitergehen? | Donnerstag, 18.02.82 |
| Unerwarteter Anruf | Samstag, 20.02.82 |
| Rückblick auf ein interessantes Leben | Sonntag, 28.03.82 |
| Letzte Tagebucheintragung | Dienstag, 06.04.82 |
Bleistift-Zeichnungen (zum Teil II)
Wernher Pfeiffer
Tassa
Frau Doktor Blumenfeld
Professor Kayser
Johannes Felten
Winfried Rosenstock
Christine Potter
Hartmut (Rainer Maria) Novalis
Michel de Beauchamp-Bruhns (wenige Wochen vor seinem Freitod,
jedoch von Christine Potter im gleichen Stil gezeichnet)
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Gedanken und Bemerkungen
(Nachruf)
Der Verlust meines noch sehr jungen, besten und vertrautesten Schülers und Freundes, Michel de Beauchamp-Bruhns, hat mich sehr bewegt, zutiefst getroffen und betroffen gemacht. Er hat seinem, mit vielen Ereignissen angehäuften Leben, aus eigenem Entschluß, nach langem Kampf mit sich selbst und mit seiner Umwelt, ein schreckliches Ende gesetzt, wobei er leider, völlig entgegen seinem Lebensprinzip - nämlich keinem Lebewesen Schaden zuzufügen - einen Mitmenschen in den Tod mitgerissen und andere verletzt hat, was ich ihm verzeihe; denn er hat es nicht in seinen, für perfekt gehaltenen Plänen bedacht. Es ist ja auch bekannt, daß ein sogenannter wirklicher Selbstmörder in seiner vermeintlich verzweifelten Situation einzig und allein nur noch daran denkt, wie er seinem Leben »erfolgreich« ein Ende setzen kann.
Ich habe mich entschlossen, die, meiner Meinung nach für ein Gesamtverständnis seines Anliegens wesentlichen Auszüge aus seinem mir anvertrauten, sehr umfangreichen, in naiver Form geschriebenen, jedoch in Lebens- und Verhaltensweisen einer von den gesetzten Normen der menschlichen Gesellschaften zwar teilweise tolerierten, aber dennoch keineswegs wirklich voll akzeptierten Gruppe, nämlich der sogenannten Homosexuellen, Einblick gebenden Tagebuchaufzeichnungen zur Veröffentlichung freizugeben, nachdem ich persönlich selbst erst einmal große Bedenken, die mir beim ersten Durchlesen kamen, ausräumen mußte.
Aus den täglichen Aufzeichnungen meines Schülers und Freundes, Michel de Beauchamp-Bruhns, habe ich Ereignisse und Gedanken zusammengestellt, die neben seinem zentralen, »sozial-kritischen« Anliegen auch den Versuch zur Gewöhnung an Offenheit zur »Entprüderisierung« einschließen, insbesondere bezüglich zwischenmenschlicher, „körperlicher“ Spielarten.
Ich muß zugeben, daß einige Beschreibungen aus dem Leben und
den Praktiken der Homosexuellen mir völlig unbekannt waren und mich -
insbesondere wegen meines Lebensweges, ja, aus meiner Berufung heraus -
abgestoßen haben.
Die Auswahl aus seinen mehrere tausend Seiten füllenden teilweise märchenhaften Aufzeichnungen, in denen nach afrikanischer Tradition die geschilderten Begebenheiten oft phantasievoll ausgeschmückt wurden, war für mich nicht einfach und spiegelt sicherlich mehr oder weniger - unvermeidlich - meinen heutigen Standpunkt wieder.
Erst nachdem ich die teilweise doch sehr schwer lesbaren Manuskripte, die korrigiert, ergänzt und kommentiert worden sind, ein zweites und sogar ein drittes Mal gelesen hatte, wurden meine Einwendungen gegen eine Veröffentlichung zurückgedrängt. Ich habe zu gestehen, daß ich einige Zeit der Gewöhnung, des Umdenkens, insbesondere aufgrund meines anerzogenen Normendenkens, meiner daraus resultierenden Denkgewohnheiten und meiner gesellschaftlichen Stellung brauchte, die Sicht meines Schülers und Freundes weitgehend nachempfinden zu können, wie ich hoffe.
Ganz bewußt habe ich die Texte nicht überarbeitet, um nicht Gefahr zu laufen, damit eventuell doch den vom Tagebuchschreiber ursprünglich gemeinten Sinn zu verändern. Aus diesem Grunde sind auch verschiedentlich vorkommende Wiederholungen insbesondere von Betrachtungen weltanschaulicher Art belassen worden.
Ich muß gestehen: Ich war und bin an offene Darstellungen gewisser Erlebnisse, insbesondere an, im Tagebuch aufgezeigte körperlich zwischenmenschliche Beziehungen, die mit aller größter Selbstverständlichkeit genau so schildert werden wie »Zusammensein am Frühstückstisch« oder »einen Ausflug machen«, nicht gewohnt und werde mich auch kaum noch daran gewöhnen können, obwohl mein junger Freund, aufgrund einer sehr früh zwischen uns getroffenen Vereinbarung nie Hemmungen vor mir zeigte und über alles - ich betone, alles sprach. Ich höre ihn, wenn ich an ihn denke, in seiner einfachen und entwaffnenden Art, die mir immer in Erinnerung bleiben wird, fragen: „Warum eigentlich nicht? Wem wird ein Leid zugefügt?" Meine Voreingenommenheit, meine Lebenstradition und die damit verbundenen Denkgewohnheiten allein reichen zur Verneinung dieser Frage „Warum eigentlich nicht?" nicht aus, insbesondere wenn man bedenkt, daß sich die Menschheit daran gewöhnt hat, mit Neugier, sogar in lustempfindender Weise Schilderungen über gräßliche Verbrechen, über Mordszenen, über Folterungen und Quälereien zu akzeptieren, die sogar nachweislich zur Nachahmung und damit zur Zufügung von Leid anregen - so wird behauptet.
Michel de Beauchamp-Bruhns war ein lieber, liebenswerter, ehrlicher und zweifellos ein sehr einfühlsamer Mensch, der auf sogenannte Lebensereignisse sehr sensibel und emotional, leider aber auch teilweise zu gefühlsbetont reagierte.
In seinem an mich gerichteten, letzten Brief, der ebenfalls dem Leser dieses Buches zugänglich gemacht wird, deutet er an, daß er seine Tagebuchaufzeichnungen als eine Art Hinterlassenschaft und als ein Vermächtnis ansieht, womit er in Erinnerung bleiben, eine Spur seines Lebens hinterlassen möchte. In seinem Tagebuch versucht er, seinen Mitmenschen zu verdeutlichen und zu vermitteln, daß das Leben eines »ganz normalen« Außenseiters geschildert wird, ein Leben, das bei Tausenden oder Millionen, zumindest in Wachträumen ähnlich abläuft, wenn man sozio-psychologischen Untersuchungen Glauben schenken darf.
Eines scheint mir noch erwähnenswert zu sein, nämlich daß ich mir natürlich gewünscht hätte, dieses Leben von Michel de Beauchamp-Bruhns würde nicht so geendet haben, und ich hätte es auch, offen gestanden, begrüßt, wenn es einen »normaleren« Verlauf genommen hätte.
Vielleicht können die Darstellungen als Versuch angesehen
werden - so hat es der Tagebuchschreiber jedenfalls gewollt - Anregungen zu
Diskussionen zu geben, künstlich aufgebaute Tabus (wenn man die Klassische
Antike in Betracht zieht) zu analysieren und wegzuräumen, Verständnis zu wecken
und über Voreingenommenheiten kritisch nachzudenken.
Pater D.Dr.phil. Kurt van der Angel
Lubumbashi, September 1982.
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Hier ist das Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau… Guten Abend meine Damen und Herren. Bundeskanzler...
Auf der Autobahn Hannover - Hamburg in Richtung Hamburg ereignete sich heute nachmittag ein schwerer Verkehrsunfall. Bei klarem Wetter, aber lebhaftem Verkehr fuhr ein Sportwagen, offenbar mit sehr hoher Geschwindigkeit von hinten unter einen überholenden LKW. Beide Fahrzeuge gingen sogleich in Flammen auf. Während der LKW-Fahrer sich retten konnte, verbrannte der Sportwagenfahrer bis zur völligen Unkenntlichkeit. Er konnte noch nicht identifiziert werden. Offensichtlich durch Schaulust verursacht, ereignete sich auf der Gegenspur der Autobahn ein Serienauffahrunfall mit einem Toten und mehreren zum Teil schwer Verletzten. Die Autobahn mußte in beiden Richtungen für 2 Stunden gesperrt werden.
Und nun zum Schluß der Tagesschau die Wettervorhersage für Morgen, Donnerstag, den achten April............
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Das war der kurze, sachliche Bericht über das gewollte, Aufsehen erregende Ende des 28-jährigen Mischlings, Michel de Beauchamp-Bruhns.
Einige Tage später erhält sein ehemaliger Lehrer und väterlicher Freund, der Jesuitenpater D. Dr. Phil. Kurt van der Angel, an seinem Wirkungsort in Ostafrika folgenden, undatierten Brief, dem ein Tagebuchmanuskript beigefügt ist, das in offensichtlicher Eile verbessert, ergänzt, d.h. in gewisser Weise überarbeitet worden zu sein scheint:
Mein liebster, hochverehrter Vater,
ich spüre den Drang, Sie, meinem verständnisvollsten
Vertrauten, meine Beweggründe wissen zu lassen, die zu meinem, nicht dem Zufall
überlassenen Ende führen werden. Die Absendung dieses Briefes wird die letzte
Handlung vor der Ausführung meines Planes sein. Ich kann dann nur hoffen, daß
alles so - wie durchdacht und auch „erprobt" - abläuft.
Hin und wieder verspüre ich noch fantasiegefüllte, panische Angst, begleitet von heftig stechenden Schmerzen in der Unterleibsgegend, aber mehr davor, daß bei der Durchführung meines Planes irgendetwas nicht so ablaufen könnte, wie in Gedanken vielfach durchgespielt.
Für meine Pläne werde ich folgende Erfahrung nutzen: Jedes
Mal, wenn ich mit dem, mir von meinem Freund Franz überlassenen Sportwagen fuhr,
schien es mir, als ob ein solches Fahrzeug einige meiner Mit-Verkehrsteilnehmer
dazu provoziert, einem den Weg zu versperren, indem auf die Überholspur gefahren
wird. Es sieht so aus, als ob viele Verkehrsteilnehmer irgendwie eifersüchtig
auf ein schnelles, starkes, teures Auto sind. Vielleicht haben aber auch viele
Fahrer solcher luxuriösen Fahrzeuge durch ständiges Blinken und durch ihre oft
an Nötigung grenzenden Versuche, sich immer den ersten Platz im Verkehrsfluß zu
sichern, so, wie sie sich auch immer gesellschaftlich und beruflich nach vorne
gedrängt haben, die Reizbarkeit der übrigen Verkehrsteilnehmer bewirkt. Mir hat
es aber immer sehr viel Spaß bereitet, sehr schnell zu fahren. Aber ich bin oft
gezwungen worden, einer gefährlichen Situation nur mit einer äußersten
Vollbremsung auszuweichen. Das werde ich nun einmal, d.h. einmalig dann nicht
machen, wenn ein bestimmter Lastwagentyp zum Überholen ansetzt, dessen hintere
Stoßstange sich genau in Höhe meines Kopfes befindet, wenn ich in meinem
Sportwagen sitze. Das ist in Kürze mein Plan.
Ich habe das Bedürfnis, mein Leben vor Ihnen, liebster Vater, auszubreiten, indem ich Ihnen meine Tagebuchaufzeichnungen über wichtige, tägliche Ereignisse in meinem Leben zusende. Die meisten kennen Sie zwar schon durch unsere offenen Gespräche oder durch den Briefwechsel. Aber dennoch meine ich, daß meine Notizen mehr Einzelheiten und vieles klarer zeigen, was ich in bestimmten Situationen empfunden habe, was für Beweggründe mich geleitet haben. Auf keinen Fall will ich meine Tagebuchaufzeichnungen als eine Art Beichte angesehen wissen. Religiöse oder sogar kirchliche Auffassungen sind mir fremd, wie Sie ja wissen, und philosophische Betrachtungen gehen, meiner Ansicht nach, immer wegen der nicht ausreichend begründeten „Axiome" an der Realität vorbei. Meine eigene, unabhängige Weltanschauung hat sich insbesondere in den letzten Monaten völlig verfestigt. Das Gegenteil von dem, an das Sie, trotz Ihrer überragenden Intelligenz und Fähigkeit zum analytischen, deduktiven Denken zumindest doch noch im Prinzip glauben, ist für mich Gewißheit geworden. Weder das Weltsystem noch das Leben auf dieser Erde haben irgend einen Sinn. Nichts ist geplant. Nichts ist vorherbestimmt und zielorientiert. Alles unterliegt einfach nur dem Zufall, den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit, wenn auch der Mensch das nicht verstehen will und vielleicht in der Regel nicht kann, weil er seine eigenen, jedoch im Wesentlichen anerzogenen Wünsche, Vorstellungen, Denkgewohnheiten und täglichen Antriebe, etwas sogenanntes Sinnvolles zu tun, auf das „große Weltgeschehen" übertragen will.
Ein innerer Zwang, vielleicht eine nicht ganz bewußte,
instinktive Auflehnung gegen meine Absicht, meinem Leben freiwillig und gewollt
ein Ende zu setzen, oder der mir nicht ganz klare Wunsch, der im Widerspruch zu
dem vorher gesagten wäre, durch eine schriftliche „Hinterlassenschaft", durch
mein Tagebuch, über dieses von mir gewollte Ende hinaus „weiterzuleben", nicht
ganz vergessen zu werden, mögen mich zu diesem Brief und zur Übersendung des
Tagebuches treiben. Ich weiß es nicht genau. (Vielleicht kann auch ich mir nicht
eingestehen, daß alles sinnlos war, nur zufällig. Bin ich nicht doch auch ein
ganz normaler Mensch?)
Es ist wirklich nicht einfach, sich über die wenigen Grundnaturtriebe hinweg zu setzen, die auch uns Menschen noch als Steuerungsprogramme (in der Computerdiktion spricht man von Betriebs-Systemen oder Mikroprogrammen) mitgegeben worden sind. Sind nicht der Fortpflanzungs- und der recht verläßliche Selbsterhaltungstrieb für den Erhalt der verschiedenen pflanzlichen, tierischen und auch menschlichen Rassen verantwortlich? Was auch immer an Naturereignissen, an Katastrophen, an Leiden, das dem Einzelindividuum zugefügt wird, geschieht, der Fortpflanzungs-, d.h. der Vermehrungsprozeß wird nicht eingestellt. Der Selbsterhaltungstrieb zwingt die Lebewesen, selbst in ausweglosesten Situationen nicht aufzugeben, sich nicht selbst zu vernichten. Selbst wenn unbeschreibliches psychisches oder physisches Leiden vorausgesehen werden können, ja sogar erduldet werden müssen, bleibt der Überlebenswille erhalten. Aber nur die Menschen können sich über den Selbsterhaltungstrieb zwar hinwegsetzen. Aber es ist nicht leicht. Leute lassen sich auf grauenhafteste Weise foltern, in Kriegsgeschehen schicken, ohne sich aufzulehnen, selbst wenn dadurch das eigene Leben direkt und sofort gefährdet wird. Mir ist z.B. nicht bekannt, daß ein Soldat seinen Vorgesetzen angegriffen hat, der ihn auf eine lebensgefährliche, völlig aussichtslose Mission schicken wollte. Der Angriff auf den Vorgesetzten hätte ja den absolut sicheren und unmittelbaren Tod zur Folge, während das Risiko der Mission ja immerhin noch mit einem, wenn auch noch so kleinen günstigen Wahrscheinlichkeitsfaktor behaftet ist, mit der Hoffnung, daß man auch „Glück" haben könne.
Basiert nicht die Beziehung zwischen uns beiden, mein lieber,
geschätzter Vater, auch auf dem Trieb, dem nachzugeben Ihnen Ihre Denkbahn, auf
die Sie sich begeben haben oder auf die Sie durch Umwelteinflüsse, durch Ihre
„Erziehung" gebracht wurden, verbietet? Darf ich es offen fragen? Trotz unserer
Vereinbarung zur Offenheit, habe ich es Ihnen gegenüber doch nie gewagt, diesen
Punkt so direkt anzusprechen, nämlich daß, wie ich sicher bin, Sie die vielen,
vielen Stunden, die Sie als Lehrer für mich zwar unentgeltlich aufgewandt, aber
vielleicht auch genossen haben, weil Ihnen das Zusammensein mit mir angenehm
war; denn ich bin sicher, daß ich Sie körperlich reizte. Ohne Zweifel fanden Sie
auch Befriedigung dadurch, daß ich gelehrig, aufmerksam und wissensbegierig war,
wodurch Sie glauben und hoffen konnten, mit vielen Ihrer Gedanken in mir
weiterleben zu können. Ist das nicht ein wesentlicher „Lehrantrieb", sich mit
seinen Ideen und seinem Wissen „fortpflanzen" zu können? Da Sie mich, wie ich es
jetzt will, überleben werden, bereite ich Ihnen sicher eine große Enttäuschung.
Das tut mir leid.
Ich möchte nicht versäumen, hier noch einmal zu wiederholen,
was ich Ihnen oft gesagt habe: Sie mit Ihrem Wissen, Ihrer außergewöhnlichen
Intelligenz, Ihrer Interpretations- und Kritikfähigkeit, aber auch mit Ihrem
Lehrtalent haben mich weitgehend geprägt, mir den Horizont geweitet, mich zum
Nachdenken angeregt, mich sensibilisiert. Ich habe es weitgehend Ihnen zu
verdanken, daß mein Leben vielseitig, interessant, lebenswert geworden ist, daß
ich mehr erleben und erfahren konnte als der Großteil meiner Mitmenschen. Sicher
habe ich dadurch aber auch vielmehr gelitten als die Großzahl meiner
Mitmenschen, weil ich nichts als „gottgegeben", unabdingbar hingenommen habe,
weil ich versucht und gelernt habe, mich in Gefühle und Leiden anderer Lebewesen
hineinzuversetzen und mit ihnen zu empfinden. Ich habe wohl, trotz meines noch
verhältnismäßig jungen Alters ein Maximum an Erfahrungsreichtum in jeder
Hinsicht sammeln können. Wie wäre mein Leben ohne Ihren Einfluß verlaufen?
Nachdem ich durch den Tod meines zu sehr geliebten Freundes Franz auch meinen Lebensinhalt, meinen Daseinswunsch verloren habe, wobei der Verlust im Laufe des letzten Jahres mir immer unerträglicher geworden ist, sind meine Abwehrkräfte gegen die Unvernunft, gegen die (größtenteils nicht einmal bewußte) Bösartigkeit, gegen die Dummheit, Uneinsichtigkeit, Gleichgültigkeit, gegen den Leviathanismus (*) der Mehrheit meiner Mitmenschen völlig erlahmt. Mein Kampf gilt jetzt nur noch der Überwindung meines Selbsterhaltungstriebes. Wenn Sie diesen Brief erhalten, habe ich den Kampf gewonnen, was mir das Gefühl geben wird, ganz unabhängig geworden zu sein, ganz losgelöst von Zwängen und Trieben. (Leider werde ich dieses Gefühl nicht genießen können, denn mit meinem zerstörten Körper werden natürlich auch jegliche Gefühle ausgelöscht sein, es sei denn, daß etwas schief geht und ich mich nur verkrüppele, wovor ich panische Angst habe.)
(*) Leviathan (ursprünglich Meeresungeheuer) = skrupelloser Riese, Mensch von ungeheurer geistiger, politischer und finanzieller Macht (beim Philosophen Hobbes der Staat).
Mein liebster Vater, mein Tagebuch, das ich Ihnen als Erinnerung an mich überlasse, wird Ihnen, wie ich hoffe, ausreichende Erklärungen für das wie und Warum meiner Reaktionen auf Ereignisse in meinem Leben, für Motivationen meines Handelns geben.
Ich habe keine Kraft mehr, das Manuskript noch einmal
abzuschreiben. Können Sie es lesen?
Ich weiß, Sie würden versuchen, mich von meinem Entschluß abzubringen. Doch bin
ich froh, mich mit niemandem mehr, nicht einmal mit mir selbst, auseinander
setzen zu müssen. Das habe ich hinter mir. Mein Kampf ist praktisch zu Ende. Ich
fühle mich erleichtert und befreit, aber doch auch sehr erschöpft in Erwartung
der „ewigen Ruhe", nach einem regelrechten - ich muß gestehen - sehr, sehr
schweren Todeskampf.
Bitte verzeihen Sie mir die „Todsünde" (im wahrsten Sinne des
Wortes), die ich nach Ihrer Wertvorstellung begehen werde.
Ihr
Michel in tiefster Verehrung
„Du verdammter blöder Idiot!" schrie Pater Kurt van der Angel, stürmte zum Telefon und hatte nach zwei Stunden die qualvolle Gewißheit. Ihm war, als wäre ein großes Stück aus seinem Körper in der Eingeweidegegend gerissen worden. Er verharrte stundenlang regungslos in dem einzigen, komfortablen, aber von der Zeit gezeichneten Sessel im, von Büchern und Schriften überquellenden Arbeitszimmer seines kleinen, bescheidenen Hauses, betäubt von Schmerz. Oder befand er sich in einem Zustand wie nach einem Unfallschock?
Dunkelheit hatte sich ausgebreitet. Sein afrikanischer Haushälter hatte das Zimmer betreten. Er schaltete die Beleuchtung ein und lächelte Pater van der Angel - wie üblich - schweigend an, um dann barfüßig lautlos das Zimmer wieder zu verlassen.
Pater Kurt van der Angel starrte, aber ohne etwas zu sehen, auf das Manuskript, das zu einem schweren Paket zusammengeschnürt gewesen, jedoch von den Zollbeamten zur Kontrolle an manchen Stellen aufgerissen worden war.
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Teil 1
Zu den Wipfeln der Glückseligkeit
(So lautet der pathetische Eintrag im Tagebuch)
Tagebuchauszüge:
Anmerkung: Die in {...} gesetzten Worte und Sätze sind später von Pater Kurt van der Angel hinzugefügt worden, während (...) als Ergänzungen und Erklärungen von Michel de Beauchamp-Bruhns eingesetzt wurden.
Diesen Tagebuchaufzeichnungen ist offensichtlich nachträglich ein Gedicht von Johann Ludwig Runeberg, dem finnland-schwedischen Nationaldichter in der Übertragung von Hans von Gumppenberg vorangestellt.
Es trägt den Titel »Leid und Freude«.
Leid und Freude, beide
wohnten mir im Herzen,
Leid in einer Kammer,
in der andern Freude.
Trotzig triumphierend
herrschte bald das Leid nur,
bald allein die Freude.
Einzig, da kamst du,
schlossest auf die Türe,
beide zu vereinen:
Nun ist Leid mir Labsal,
Wehmut mir die Freude.

Der 20jährige Tagebuchverfasser, Michel de Beauchamp
kurz nach der Aufnahme seines Studiums der Elektrotechnik
(mit Bleistift und Finger-Wischtechnik gezeichnet von
Pater D. Hermann Paul, dem „Zeichenlehrer“ von Michel)
Dienstag, 3.12.1968
Gestern war ich 15 Jahre alt geworden, ein Ereignis, das von niemandem, nicht einmal von meiner Mutter, erwähnt worden war. Auch Pater Kurt, den ich sehr verehre, ja anbete und mehr liebe als man einen richtigen Vater lieben kann, unterrichtete mich in der üblichen Weise.
Jetzt beim Schreiben erinnere ich mich, daß er gestern besonders abgespannt und erschöpft zu sein schien. Er hatte sich häufig an die Brust gefaßt und seine Stirn gepreßt.
Ich war sehr traurig gewesen. Unterrichtete er mich nur, weil er einmal damit angefangen hatte und sich nun weiterhin dazu verpflichtet fühlte?
Meiner Mutter war ich nicht nur gleichgültig. Sie hatte mich ungewollt zur Welt gebracht und damit ihr ganzes Leben verdorben. Das hatte sie mir oft genug gesagt.
Immer deutlicher wird mir bewußt, daß nirgends ein Loch entstehen, nichts vermißt würde, wenn ich, wohin auch immer, verschwinden würde. Bin ich nicht eine Belastung für meine Umwelt, für meine Mutter und ihre Herrschaft, für die sie arbeitet und für die ich nicht existent bin, für Pater Kurt, der seine Zeit für mich opfert, für die Tiere und Pflanzen, von denen ich esse, die wegen mir geschlachtet, zerstört werden?
Ich hatte fast die ganze vergangene Nacht geweint, onaniert und den Drang verspürt, mich an etwas anschmiegen zu können, etwas Lebendiges an mich zu drücken und an meiner Haut zu spüren. Aber ich hatte niemanden, keine Freunde, keine Geschwister, keine Eltern, bei denen ich mich geborgen fühlen könnte. Ich umarmte das Kissen, das mir ein wenig ein wohliges Gefühl gab. Meine Mutter war immer nur abweisend. Sie mag nicht einmal mit mir reden, so wie ich es eigentlich nur mit Pater Kurt kann. Sie würde mich niemals drücken oder streicheln, so wie das Tante Gisèle {Schwester väterlicherseits, bei der Michel 6 Jahre in Frankreich verbrachte} manchmal getan hatte und was so schön war. Pater Kurt erklärte mir einmal, daß es in unserer afrikanischen Gesellschaft eine lange Tradition ist, ein Kind, das älter als 4 Jahre ist, nicht mehr zu liebkosen, wie er es nannte. Eltern sei es nicht erlaubt, nach diesem Alter körperlichen Kontakt zu haben und Liebe und Zuneigung zu zeigen.
In meinem Fall kam noch hinzu, daß ich meine Mutter wohl immer wieder an ihren Wunschtraum erinnerte, an die versäumte Gelegenheit, von meinem Vater aus diesem primitiven, deprimierenden afrikanischen Dasein herausgeholt zu werden. Was dann aus ihr geworden wäre, ob sie wirklich das erträumte Glück gefunden hätte, wenn er sie mit nach Frankreich genommen hätte, ist keineswegs sicher, meinte Pater Kurt. Sie aber träumt von einem schönen Haus, in dem sie die Herrin wäre. Sie träumt von gesellschaftlichen Ereignissen, bei denen man sie bewundert, ihr die Hand küßt, so wie man das bei unserer Mamsab {Ausdruck in Kisuahili für Hausherrin} tut, wenn Gäste kommen. Sie sprach einmal mit mir darüber, Tränen in den Augen. Aber sie vergißt, sagt Pater Kurt, daß sie anders aussieht als die Europäer, die Weißen. Ob die Kreise, aus denen mein Vater stammt und in denen er verkehrt, sie, meine schwarze Mutter, bewundert, ihr in Ehrerbietung die Hand geküßt hätten, ist nicht so sicher. Vielleicht ist sie glücklicher in ihren Träumen, meint Pater Kurt.
Ich habe sie nie richtig weinen sehen, so wie das Frauen sonst immer tun. Sie schaut oft geistesabwesend drein und wendet sich dann plötzlich mit einem Seufzer wieder ihrer Arbeit zu.
Ich habe nie mit ihr über Wesentliches, so wie mit Pater Kurt, sprechen können, nur manchmal über alltägliche Dinge, über Essen oder Kleidung. Sie erzählt gerne und viel von den gesellschaftlichen Ereignissen im Hause unserer Herrschaft, bei denen sie servieren darf. Sie sieht und registriert dabei alle Einzelheiten, wer was wem angeboten hat, wer was ißt, wer mit wem wie lange gesprochen hat und worüber. Sie kann gut folgen, da sie einmal die Gäste seit langem kennt und da in diesen Kreisen immer nur über die gleichen Themen gesprochen wird, über Safaris {Ausflüge}, die Jagd, über andere gesellschaftliche Ereignisse, darüber, wo man gutes und wo man schlechtes Essen bekommt, wo man billig und zollfrei einkaufen und wie man Geld machen kann, wie man Behörden austrixt oder wie klug man jemanden übers Ohr gehauen hat.
Dienstag, 3.12.1968
{offensichtlich später nachgetragen}
In der Nacht nach meinem Geburtstag hatte es angefangen zu donnern. Als ich heute morgen aufstand, sah man dicke Kumulus-Gewitterwolken am Horizont, die sich ineinander tummelten und sich rasch näher wälzten. Ich machte mich geschwind fertig, um noch vor dem zu erwartenden Regen zu Pater Kurt zu kommen. Aber der Regen überraschte mich doch schon auf halbem Wege. Es fielen sogar kleine Glasperlen {Hagel} vom Himmel. Sie schmerzten furchtbar, wenn sie auf die Haut schlugen. Es wurde plötzlich sehr kalt und ich bekam große Furcht. Ich lief, so schnell ich konnte, zur Hütte von Pater Kurt, von panischer Angst, ich weiß nicht wovor, getrieben. Dabei hatte ich gar nicht bemerkt, daß ich überall (wahrscheinlich vom scharfen afrikanischen Gras und vom Entlangstreifen an Dornbüschen) blutig war. Meine Kleidung war völlig durchnäßt und unsagbar schmutzig, sicher von den Spritzern aus den Pfützen, in die ich beim raschen Laufen getreten hatte.
Ich schlug mit den Fäusten gegen die Tür von Pater Kurts Haus, der sogleich aufmachte. „Nanu, schon so früh?" fragte er. „Was ist denn los? Du siehst ja schlimm aus. Hat dich der Blitz gejagt?"
Ich war völlig erschöpft und außer Atem, so daß ich nicht sprechen konnte. Ich taumelte richtig in das Zimmer und erklärte keuchend, daß ich vor dem Regen hier sein wollte. Pater Kurt fing an, meine Sachen auszuziehen, die richtig fest auf der Haut klebten. „Ich habe gerade ein Bad gehabt", sagte er. „Das Wasser im Faß ist noch sehr warm. Es wird dir gut tun und dich wieder zu einem Menschen werden lassen."

Pater Kurt: so von Michel de Beauchamp als typisch gesehen
Mir war in der Aufregung gar nicht bewußt geworden, daß ich völlig entblößt Dastand. {Einem Afrikaner ist es verwehrt, sich einem anderen Menschen, auch gleichen Geschlechts, in voller Blöße zu zeigen.} Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie ich in das Badefaß gekommen bin. Ich hockte mich. So daß auch meine Schultern mit dem angenehmen Wasser bedeckt wurden.
Pater Kurt wanderte im Zimmer auf und ab, erklärte, wie es zu Gewittern kommt, daß es auch gefährlich sei, über freie, kahle ungeschützte Felder zu laufen, weil der Blitz Spitzen und Erhöhungen, die aus der Umgebung herausragen, wie einzelne Bäume, bevorzugt. Er hielt einen Vortrag über elektrische Felder. Ich kann mich aber an Einzelheiten nicht mehr erinnern. „Der starke Regen", sagte er, „der meistens mit einem Gewitter einhergeht, bzw. das Wasser auf dem Boden, das gar nicht so rasch wegfließen kann, schreckt dann Tiere, auch Schlangen aus ihren Schlupfwinkeln auf, die dann leicht in ihrer Aufregung, in ihrem Ge- und Verstörtsein Menschen angreifen können. Man muß bei einem solchen Unwetter schon etwas vorsichtig sein!" riet er. (Ich glaube heute nicht mehr, daß das stimmt. Die Tiere haben selbst große Angst, sind mit sich selbst beschäftigt und greifen überhaupt nicht an, wie man das oft in Filmen sehen kann, wo sich bei einer Flut die verschiedensten Tiere zum Beispiel auf einen im Wasser treibenden Baumstamm gerettet haben und »friedlich« miteinander dahintreiben.)
Es war unwahrscheinlich schön im warmen Badewasser. Ich hatte zwar eine solche Erfahrung schon bei meinen Verwandten in Frankreich gemacht, wo man einmal die Woche baden mußte. Aber es kam mir jetzt doch wieder ganz neu vor. Es war unvergleichlich angenehmer als mit einem Eimer kalten Wassers hantieren zu müssen, wie in der einfachen Behausung meiner Mutter.
Pater Kurt legte eine Hand auf den Rand des Badefasses, beugte sich nach unten und stützte sein Kinn auf die Hand. Er schaute mich freundlich lächelnd aus nächster Nähe an. Ich hatte ihn bewußt noch nie so dicht vor mir gesehen.
Mit der anderen Hand kraulte er in meinem nassem Haar, was mir ein sehr wohliges Gefühl gab, das ich nicht näher beschreiben kann. „Fühlst du dich wohl?" fragte er. Ich nickte.
Er hatte beeindruckende Augen. Die Iris zeigte mehrere Farben: Auf dem graublauen Untergrund liefen kleine grünliche Streifen, flammenähnlich von der Pupillenöffnung weg. Es waren schöne, schimmernde Farben, ähnlich wie auf den Hälsen und Flügeln mancher Vögel (z.B. bei Kolibris). Die Augäpfel waren fast rein weiß, etwas bläulich weiß. Aber auch bei seinen Augen waren zum Rand hin rote Adern zu sehen, die ich bei uns Afrikanern als so häßlich empfinde. Meine Augen waren einfach dunkel wie Kaffeebohnen und die Augäpfel rot. (Die meisten Afrikaner leiden unter einer chronischen Bindehautentzündung, was ich damals noch nicht wußte.)
Mir wurde plötzlich bewußt, daß Pater Kurt keine Brille trug. Ich hatte ihn noch nie ohne Brille (zumindest nicht bewußt) gesehen. Er sah ganz anders als sonst aus.
„Nun, was siehst du in meinem Gesicht?" fragte er. Ich wurde verlegen und schaute nach unten.
Er richtete sich wieder auf und sagte: „Jetzt bist du lange genug eingeweicht. Ricke dich auf und wasch dich mit dem Waschlappen ab", den er mir zuwarf.
„Darf ich noch ein wenig, noch eine Minute in dem angenehmen Wasser bleiben", bat ich.
„Meinetwegen“, antwortete er, wanderte wie gewohnt durch das Zimmer und »unterrichtete«: „Wenn sich Luftschichten unterschiedlicher Temperatur aneinander reiben, entsteht also Reibungs-Elektrizität, doch korrekt muß man von Berührungs-Elektrizität sprechen ..."
Ich beobachtete ihn und erst jetzt fiel mir auf, daß er nur eine kurze Hose und Sandalen trug. Die Haut seines Gesichts, seiner Arme und seiner Beine, sowie der Hals waren stark braun. Diese Farben kannte ich an ihm. Aber seine Brust, sein Rücken und der Bauch waren weiß. Er hatte große dunkle Brustwarzen, die von augenbrauen-ähnlichen Haarbüscheln umgeben waren. Die weiße Haut war überall fleckig. Da waren überall braune Tupfen. Es sah aus, als habe er ein weißes, (hautenges,) nicht ganz sauberes Hemd an. Irgendwie empfand ich diese Haut als nicht schön. Er sah richtig komisch aus. Wie konnten die Hemden, die er trug, so auf seiner Haut abfärben? (Damals wußte ich noch nichts von unterschiedlichen, rassenabhängigen Hautpigmentierungen. Mir war nicht bekannt, daß die Haut von Pater Kurt, wie bei allen Weißen, tatsächlich so aussieht, wenn sie nicht der Sonne ausgesetzt wurde.)
„So, jetzt ist es aber genug!" sagte Pater Kurt streng.
Ich richtete mich auf und versuchte, mit dem Schwamm meinen Rücken abzureiben.
„Komm', ich helfe dir!" Pater Kurt nahm mir den Schwamm ab und rieb kräftig meinen Rücken, faßte mich an der Schulter, drehte mich um und gab mir den Schwamm mit den Worten zurück: „Den Rest kannst du selber erledigen!"
Er verließ das Zimmer, kam nach kurzer Zeit mit einem großen Tuch zurück und forderte mich auf: „Komm' jetzt raus!"
Ich stieg über die Stufen neben dem Faß und begann plötzlich zu frösteln. „Du hast ja eine Gänsehaut", bemerkte Pater Kurt. "Ich reib' dich kräftig ab, damit du schnell trocken wirst und dich nicht erkältest. Siehst du, hier haben wir ein schönes Beispiel aus der Physik: Das warme Wasser, das einen dünnen Film auf deiner Haut bildet, verdunstet, geht in die Dampfphase über. Dabei wird deinem Körper, deiner Haut Wärme entzogen. Den Prozeß nennt man Verdunstungskälte. Es wird Energie benötigt, um die Wassermoleküle aus der flüssigen Phase in die Dampfphase zu beschleunigen. Diesen Energieentzug aus deiner Haut fühlst du. Der Energieverlust kühlt die Haut. Du beginnst zu frieren. Genau gesehen ist das so: Die »schnelleren« also die wärmeren Moleküle lösen sich aus dem Wasserfilm, verdampfen und die »langsameren« also die kälteren bleiben zurück."
Nachdem ich abgerieben und in das große Tuch gehüllt war, fühlte ich mich wieder angenehm warm, wohl und erfrischt.
„Hattest du nicht gestern Geburtstag?" fragte Pater Kurt unvermittelt. Ich nickte. Er drückte mich fest an sich und berührte mit seinen Lippen meine Backe. „Herzlichen Glückwunsch noch nachträglich", sagte er leise.
Mir schossen Tränen in die Augen. Ich wurde plötzlich von einem richtigen Weinkrampf geschüttelt. Ich schämte mich, weil doch gar kein Grund zum Weinen gegeben war und weil ein Junge, insbesondere ein Afrikaner niemals weinen darf, auf keinen Fall vor anderen Leuten. Ja in Frankreich hatte ich erlebt, daß Jungen weinten und sogar von ihren Eltern getröstet wurden. Das darf in Afrika aber nicht passieren. Ich bekam mich nicht unter Kontrolle und war über mich sehr erschreckt.
„Aber Junge, was ist denn los mit dir?" hörte ich Pater Kurt sagen. Er drückte mich wieder fest an sich, wobei mir das Badetuch entglitt. Ich spürte seine bloße Haut, was mich erschrak, schockierte und irgendwie wieder zur Besinnung brachte. Diese Haut fühlte sich anders an als meine eigene, mehr wie Papier. Ich erinnere mich ganz deutlich daran. Aber sie erzeugte auf und in meinem Körper ein Kribbeln, ein etwas, was ich bisher nie erfahren hatte und auch nicht beschreiben kann. Ich spürte seinen Atem auf meiner Schulter und fühlte sein Herz an meinem Oberarm ganz deutlich schlagen, der fest gegen seine Brust gepreßt wurde. Ich hatte noch nie, soweit ich mich erinnern kann, einen anderen Menschen so bewußt gespürt, Haut an Haut. Ich mußte wieder schluchzen und kann mich nicht mehr erinnern, warum ich ihn plötzlich mit beiden Armen fest umschlang. Ich fühlte plötzlich Haut auf meinen Lippen, seinen Mund auf dem meinen. Ich spürte seine Zunge in meinem Mund und war wie betäubt.
Mit einem Mal riß sich Pater Kurt los und sagte ganz leise mit einer mir unbekannten Stimme: „Mein Gott! O Herr hilf mir! Mein Junge, bitte, das dürfen wir nicht!" Dann wurde seine Stimme laut: „Du bist eine große Gefahr für mich!"
Er begann zu schreien (hysterisch). Schreie, die ich nie vergessen werde, drangen in mein Ohr: „Satan! - Satan! - Saaataan! ..." Diese entsetzlichen Schreie wollten nicht aufhören. Ich hatte das Gefühl, daß sie von den Wänden hallten, von überall herkamen. Die Rufe kamen von einer Stimme, die ich nicht kannte, die ich noch nie gehört hatte. Ich geriet in panische Angst. War Pater Kurt wahnsinnig geworden, ging mir durch den Kopf? Hatte ich etwas gemacht, woran ich mich nicht erinnern konnte, ihn vielleicht verletzt, unbewußt? War etwas an mir, was ich nicht wußte, aber andere Personen verletzte, wahnsinnige Schmerzen bereitete? Tiere, die tödlich verletzt sind, schreien so schrecklich, zum Beispiel Schweine, die man zum Schlachten prügelt und zerrt. Ich war unfähig, etwas zu tun, mich zu bewegen. Ich kannte doch Pater Kurt seit Jahren. Was hatte ihn so verändert? Was hatte ich ihm, in jedem Falle aber doch völlig ungewollt getan.
Jetzt beim Schreiben, beim ruhigen Nachdenken über das Ereignis kann ich auch keine Erklärung finden. Es muß doch wohl mit unserem gegenseitigen Umarmen zusammenhängen. Dabei hatte er doch angefangen, mich an sich zu drücken. Ich war frisch gebadet, konnte kaum unangenehm riechen, was man uns Afrikanern gerne nachsagt. Dabei riecht gerade Pater Kurt manchmal so stark und unangenehm, daß es mir äußerst peinlich ist, in seine Nähe zu müssen. Als wir uns umarmten, war mir so wohl, so angenehm. Ich fühlte mich geborgen, gern gehabt. Seine Berührung war so schön, wie ich es nicht beschreiben kann, und dann versetzte er mir diesen Schock. Wenn ich ehrlich über dieses Ereignis nachdenke, würde es mich nicht mehr wundern, wenn er, Pater Kurt, den ich bewundere, den ich verehre, dem ich immer voll vertraut hatte, mich plötzlich mit einem Messer ersticht, ohne Vorwarnung, ohne daß ich je wissen werde, warum. Er wird das Messer nehmen - ich bemerke es gar nicht, freundlich lächelnd auf mich zugehen und es mir mit einem Schrei, einem dieser entsetzlichen Schreie, in meinen Körper stoßen.
Nach diesem Ereignis war er doch wieder sehr freundlich gewesen. Warum hat er mir nicht erklärt, was geschehen war. Ich hatte vor vielen Jahren einmal eine ähnliche Erfahrung mit meiner Mutter gemacht. Sie stürzte sich plötzlich auf mich, schlug mit einem großen Holzkochlöffel auf mich ein und schrie: „Du bist an allem schuld!" Nur dadurch, daß es mir gelang wegzulaufen, konnte sie mich nicht totschlagen. Später war sie besonders nett und freundlich zu mir. Pater Kurt hatte zu erklären versucht, daß sie sich wohl wieder einmal in einen ihrer Wunschträume, in ihre Phantasien vertieft hatte, sich dann plötzlich in die Realität zurückversetzt gesehen und Enttäuschung und Wut an mir ausgelassen habe. Mir hat sie nie etwas erklärt oder ihre Beweggründe angedeutet. Sie versetzte mir damals einen schrecklichen Schock. Nun hat sich Pater Kurt auch so erschreckend verhalten. Wie und wo kann ich die Erklärung für das seltsame Betragen von Pater Kurt finden? (Diese beiden Erlebnisse mit meiner Mutter und Pater Kurt haben wohl bei mir ein nicht abbaubares Mißtrauen allen Menschen gegenüber, ja sogar auch ein wenig Franz {späterer Freund von Michel} gegenüber, manifestiert.)
„Es tut mir wirklich leid, wie ich mich benommen habe“, bat Pater Kurt plötzlich, wieder mit der mir gewohnten Stimme und fügte hinzu: „ich habe die Kontrolle über mich verloren. Bitte, verzeih' mir und vergiß es, ja?"
Ich konnte nichts sagen. Meine Stimmbänder funktionierten einfach nicht. Pater Kurt begann, in der üblichen Weise zu reden. Ich konnte aber nichts mitbekommen, mich nicht konzentrieren. Mein Kopf war leer. Schwach erinnere ich mich daran, daß er mir eine Uhr um das Handgelenk binden wollte oder auch band. „Die hab' ich dir zu deinem Geburtstag besorgt. Ich hoffe, sie gefällt dir. Gestern habe ich mich nicht wohl gefühlt und an deinen Geburtstag tatsächlich überhaupt nicht gedacht..."
Ich weiß nicht mehr, wie oder ob ich mich bedankt habe. Die Uhr ist jedenfalls wunderschön, und ich freue mich auch richtig darüber.
Meine Erinnerung setzte erst wieder voll ein, als ich mich in eine Decke gehüllt fand, aber dennoch fröstelte. Pater Kurt sagte: „Ich schicke jetzt Richard (den afrikanischen Haushälter. Es sei erklärt, daß alle mit weißen Erziehern oder Dienstherren in Berührung kommende Afrikaner einen sogenannten christlichen Namen erhalten) zu deiner Mutter und laß' dir neue Sachen zum Anziehen holen. Deine Kleidung ist ja verdreckt, naß und kaum noch zu gebrauchen. Ich such' dir 'was von mir zumindest zur Überbrückung heraus."
Er nahm mich mit in sein Schlafzimmer und begann im Kleiderschrank zu kramen. Als er glaubte, alles, was ich nötig haben könnte, gefunden zu haben, legte er ein Hemd, eine Hose mit Unterhose sorgfältig auf sein Bett und wandte sich an mich: „Ich werfe deine Sachen in das Badefaß zum Einweichen. Diese, meine Kleidungsstücke werden dir schon irgendwie passen. Inzwischen bist du ja schon größer und nahezu kräftiger als ich." Dann verließ er das Zimmer.
Die Kleidung paßte mir einigermaßen. Ich wartete unschlüssig im Zimmer. Pater Kurt kam nach kurzer Zeit herein, lachte und sprach: „Die Sachen passen ja besser als ich erwartet habe. Wenn du willst, kannst du sie behalten. So jetzt komm! Wir beginnen endlich, nach all' dem Unsinn vorher, mit dem Unterricht!"
Ich blieb, wie so oft, den ganzen Tag bei ihm. Er fuhr zwar hin und wieder mit dem Beatle (= Volkswagen-»Käfer«, in Deutschland produziertes Auto) fort; aber ich hatte während seiner Abwesenheit Übungen zu schreiben und auch Gelegenheit, in seinen Büchern zu blättern, deren Inhalt ich meistens nicht Verstand.
Ich glaube, an jenem Tag wurde es viel früher dunkel als sonst. Es gewitterte immer noch, begleitet von wolkenbruchartigen Regenfällen, mit unterschiedlich langen Pausen. Die Blitze und besonders der Donner erschreckten mich. Richard hatte die Lampen angezündet und servierte das Abendessen, das mir gar nicht schmeckte. Ich fühlte mich entsetzlich müde und mußte dauernd gähnen.
„Du gehst heute Abend besser nicht nach Hause“, schlug Pater Kurt vor. „Erstens ist es zu regnerisch, zweitens sehr dunkel, und drittens habe ich deiner Mutter heute Morgen durch Richard schon vorsorglich Bescheid sagen lassen."
Er gab mir ein blaues Nachhemd und bot mir sein Bett an. (Er hatte in dem sehr einfach eingerichteten Haus sonst keine weitere Schlafgelegenheit.) Ich schlief erschöpft sogleich ein, wurde, ich weiß nicht wann, aufgeweckt, als sich Pater Kurt neben mich legte. Er streichelte mein Gesicht, berührte mit seinen Lippen meine linke Wange und sagte leise: „Schlaf' gut und gute Nacht! Gott behüte dich!"
Ich war inzwischen völlig wach, hätte mich gerne auf eine
Seite gedreht, traute mich aber nicht. Pater Kurt lag auf dem Rücken und begann
schon nach sehr kurzer Zeit, grunzende Schnarchgeräusche von sich geben. Ich
fühlte mich sehr einsam und trotz seiner Nähe so schrecklich allein (und
deprimiert). Ich würde gerne meinen Arm um ihn gelegt haben, was ich aber auf
keinen Fall, insbesondere nach dem heutigen, schrecklichen Ereignis gewagt
hätte. (Pater Kurt hat mir später erklärt, daß er mich zu der Übernachtung mit
ihm gebeten hatte, um einer sogenannten Versuchung bewußt zu widerstehen.)
Dienstag, 4.11.1969
Es war mir gerade noch gelungen, vor einem besonders starken Sturzregen das Haus von Pater Kurt zu erreichen.
Richard hatte auf mein Klopfen hin geöffnet und mich kaum gegrüßt. Ich hatte immer schon das Gefühl, daß er mir nicht freundlich gesonnen ist, wahrscheinlich weil Pater Kurt ihn hin und wieder gebeten hatte, mir etwas zu bringen, Kaffee oder zu Essen, obwohl mir das nicht recht war; denn es ist gegen alle Sitten, wenn ein älterer, männlicher, einheimischer Afrikaner einen jugendlichen Artgenossen »bedienen« soll. Ich hatte mir vorgenommen, darüber mit Pater Kurt zu sprechen. Richard war bestimmt wütend auf mich, und ich wollte mich ja auch auf keinen Fall bedienen lassen.
Richard begann, sich in der Küche zu beschäftigen und ließ mich im Wohn- und Studierzimmer allein.
„Ist Pater Kurt nicht da?" rief ich.
Richard antwortete schroff: „Hapana {nein}!" Ich traute mich nicht, weitere Fragen zu stellen, wo er sei und wann er wohl zurückkommen werde. Auch hätte ich gerne ein Glas Wasser gehabt. Da ich rasch gelaufen war, hatte ich sehr großen Durst bekommen.
Ich schaute in meine Bücher, während der Regen laut auf das Blechdach prasselte. Man konnte nicht weit aus dem Fenster hinaus sehen. Die Regenfäden waren zu dicht gespannt. Ganz plötzlich schien die Sonne, vertrieb die Regenschauern und übergoß die nähere Umgebung mit einer leuchtend gelben Farbe, die einen starken Kontrast zu den dunklen Wolken und dem nicht aufgehellten, nahezu schwarz erscheinenden Teil der etwas hügeligen Landschaft bildete.
Nachdem ich eine Stunde gewartet hatte, sah ich in der Ferne den alten Käfer von Pater Kurt auf das Haus zu holpern.
Mit den Worten „ich habe gute Nachrichten für dich" stürmte Pater Kurt ins Haus. „Deine Verwandten in Frankreich haben endlich zugestimmt, daß du das Internat besuchen darfst. Das heißt, sie werden alle Kosten übernehmen. Natürlich mußt du eine Aufnahmeprüfung machen. Wir haben aber noch etwas Zeit, dich darauf vorzubereiten."
Ich bekam einen Schreck; denn das bedeutete, daß ich weit weggeschickt und von Pater Kurt getrennt werden würde. Auch hatte ich Angst vor den anderen Jungen, mit denen ich täglich zusammen zu sein hatte. Mir kamen die Hänseleien der Mitschüler in Frankreich in Erinnerung. Schlimme Worte hatten sie immer hinter mir her gerufen. „Schwarzes Schaf" war der harmloseste Ausdruck. Ich kämpfte gegen Tränen, als mir klar wurde, daß man monatelang im wahrsten Sinne des Wortes eingesperrt sein würde, sich der sogenannten Ordnung in einem großen Schlafsaal zu fügen hatte und keine Minute ohne Aufsicht sein werde. Was hatte ich verbrochen, weswegen ich in eine Art Gefängnis kam?
„Du scheinst dich nicht über die gute Nachricht zu freuen?" bemerkte Pater Kurt.
Ich sprach mit Tränen in den Augen, stockend über meine Ängste und Befürchtungen.
Pater Kurt aber lachte und sagte: „Dir ist es bisher zu gut gegangen. Jetzt kommt endlich auch der Ernst des Lebens auf dich zu. Du hast zu lernen, dich einzuordnen und zu gehorchen und mit dem sogenannten wirklichen und rauen Leben fertig zu werden. In der menschlichen Gemeinschaft kann nicht jeder machen, wozu er gerade Lust hat. Ich gebe zu, ein Internatsleben, was ich am eigenen Leib erfahren habe, ist nicht einfach; ja, es ist sogar hart. Aber desto leichter wird es dir später im praktischen Leben fallen, dich mit deiner Umwelt im Existenzkampf auseinander setzen zu können. Außerdem kannst du ohne ordentliche Schule, die allgemein anerkannt ist, keine Abschlußprüfung machen. Du willst doch mal studieren oder?"
Ich nickte und zuckte gleichzeitig mit den Achseln. Meine Kehle war ganz ausgetrocknet, und ich mußte mich mehrmals räuspern, ehe ich es wagte, etwas sagen können.
„Richard", rief Pater Kurt, „bring' dem Jungen ein Glas Wasser!"
„Nein, bitte nicht“, schrie ich ebenso laut wie Pater Kurt gerufen hatte, und fügte mit normaler Stimme hinzu: „Ich kann mir das Wasser selber holen." Dann erklärte ich Pater Kurt den Grund.
„Ja, du hast recht“, sagte er. „Daran habe ich nie gedacht."
Er rief Richard ins Zimmer und erklärte ihm, daß es sein Fehler gewesen sei, die gesellschaftlichen Regeln des Landes nicht beachtet zu haben, daß ich ihn darauf hingewiesen habe und Richard mir nichts übel nehmen solle.
Pater Kurt war schon ein großartiger Mensch, der alles klargestellt haben wollte.
Richard begleitete mich mit einem freundlichen Lächeln in die Küche und füllte mir freiwillig ein Glas mit Wasser, das er mir mit einer ironischen Verbeugung wie vor einer hochgestellten Persönlichkeit reichte. Das Wasser hatte ich so hastig getrunken, daß ich anschließend nach Luft ringen mußte.
„Darf ich mir noch Wasser nachfüllen?" fragte ich Richard höflich. Er nahm mir das Glas ab, ließ Wasser hineinfließen und reichte es mir wieder mit einer tiefen Verbeugung. Wir lachten beide.
Pater Kurt begann, erneut auf mich einzureden, warum der Internatsbesuch für mich besonders wichtig sei. Er erklärte, daß ich dort sehr viel mehr lernen werde als in einem Privatunterricht bei ihm, daß er auch eigentlich gar nicht so viel Zeit habe, um mir den vollen Stoff zu vermitteln, den ich zur Abschlußprüfung zu beherrschen hätte und so weiter, und so weiter; denn für manche Unterrichtsfächer müße er sich selber auch entsprechend vorbereiten, weil ihm der Stoff nicht mehr ganz geläufig sei.
Ich hörte nur halb interessiert zu und konnte meine Furcht vor dem Schulbetrieb nicht loswerden.
Sogleich begann Pater Kurt, mich auf die Aufnahmeprüfung vorzubereiten. Er hatte
eine Sammlung loser Blätter mitgebracht, auf denen Fragen ähnlicher Art
zusammengestellt waren, die in einer Aufnahmeprüfung gestellt werden könnten. Im
Laufe der nächsten Monate sollte ich in die Lage versetzt werden, alle richtigen
Antworten geben zu können.
Montag, 16.3.1970
Heute morgen waren meine wenigen Sachen in zwei Taschen verstaut worden, die uns nun auf den Rücksitzen des grau-weißen Käfers von Pater Kurt auf dem Weg zum Internat begleiteten.
Nach drei Stunden Fahrt konnten wir aus den Bergen kommend die große Stadt Kisumu und den angrenzenden, unendlich ausgedehnten Viktoria-See übersehen.
Ich konnte immer noch nicht verstehen, warum ich gerade außerhalb des üblichen Schuljahreswechsels in dieses Internat mußte. Warum war diese sogenannte sofortige Einschulung so extrem wichtig? Ich hatte große Angst vor dem Internat, der fremden Umgebung, den Mitschülern, aber vor allem vor dem Verlust der Freiheit. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, daß es nicht mehr möglich sein werde, einfach über Felder laufen, durch die Büsche streifen, an den Bach gehen zu dürfen.
Wir näherten uns der Stadt sehr rasch, viel zu rasch, trotz der vielen Windungen der Straße die Hügel hinab. Der alte Käfer von Pater Kurt lief jetzt schneller als sonst. Er schien sich zu beeilen, um mich los zu werden.
Die Luft war stickig schwül warm geworden. Ich begann zu schwitzen trotz des Fahrtwindes, der durch die offenen Fenster strömte.
Je näher wir der Stadt kamen, desto mehr Menschen strömten auf das Häusermeer zu: Vor allem Frauen in ihren bunten Gewändern, meistens mit schweren Lasten auf dem mit Tüchern, in den gleichen Farben wie die Gewänder umschlungenem Kopf. Zum Schutze des Kopfes gegen zu unangenehmen Druck der schweren Lasten trugen die meisten Frauen einen, der Kopfform angepaßten Stoffring. Alles wurde geschleppt: Meterlange, zusammengebündelte Bambusstangen, Körbe mit Obst und Gemüse, Taschen, deren Inhalt man nicht sehen konnte, eine leere Schale. Eine Frau trug nur eine kleine Dose auf ihrem Kopf und ruderte dazu mit ihren Armen. Die Großzahl hatte ein schlafendes Kind auf den Rücken gebunden. Eine Frau, mit einem großen Bündel Holzkohle auf dem Kopf, trug sogar zwei. An den ausgeblähten Bäuchen konnte man sehen, daß in ihnen weiteres neues Leben entstand. Sie gingen barfüßig, aufrecht, gleichmäßig, aber zugleich doch lässig, die Arme, wie lose in die Schultergelenke eingeklinkt, hin- und herpendeln lassend. Die Fleisch- oder Fettmassen um die Hüften herum schwappten beim Gang hin und her. Die Männer, meist nur mit Hemd und Hose bekleidet, ohne Kopfbedeckung, mit sehr kurz geschnittenen Haaren marschierten rasch. Kaum jemand von ihnen trug etwas. Fast alle gingen einzeln, allein auf sich gestellt, während ich doch sonst immer nur meine Mitmenschen in Gruppen erlebt hatte, mindestens zu zweit: Zwei Männern, sich an der Hand haltend, 2 Frauen in eifrigem Gespräch. Diese Leute hier schienen mir anders. Es waren zwar die mir vertrauten Menschengestalten, aber alle mit ernstem Gesichtsausdruck, ohne Mimik. Man konnte ahnen, daß sie sich unter einem Zwang fühlten, den ich nicht kannte. Nur wenige kamen aus der Stadt heraus, welche die hineinströmenden nicht einmal flüchtig grüßten, soweit ich erkennen konnte. Niemand blieb stehen, um Neuigkeiten (Habari; der Gruß in unserer Landessprache, was heißt: „Was gibt es Neues?") auszutauschen. Das hatte ich noch nie erlebt, daß man so anteilnahmslos, so als nähme man den anderen gar nicht wahr, aneinander vorbeilief.
„Du bist so ruhig", bemerkte Pater Kurt.
Ich antwortete nicht, hätte zwar gerne über meine Beobachtungen mit ihm gesprochen. Aber die Fahr- und Windgeräusche des Autos waren zu laut.
Wir fuhren an den ersten Häusern vorbei. Die Menschenscharen waren noch dichter geworden, darunter viele Kinder in ihren Schuluniformen: die Mädchen meistens in blauen, manchmal in grünen oder roten Röcken und weißen Blusen mit halblangen Ärmeln, dazu mit bis zu den Knien reichenden, weißen Strümpfen. Die Jungen trugen statt Rock und Bluse natürlich kurze, fast bis zu den Knien reichende schwarze, blaue oder grüne Hosen, dazu in der Regel ein weißes Hemd. Jedes Kind in Uniform trug eine Tasche, meistens mit zu langen Griffen, so daß die Tasche bis zum Boden reichte, und weswegen die Kinder eine schräge Haltung annehmen mußten, um die Taschen nicht über den Boden schleifen zu lassen. Warum trugen die Kinder die Taschen nicht auf dem Kopf, was doch sehr bequem ist und unserer Tradition entspricht, oder auf dem Rücken, wie sie es in Frankreich taten? In beiden Fällen hatte man die Arme frei und konnte viel bequemer gehen.
Die Kinder gingen zwar in Gruppen, aber auch sehr eilig und nicht miteinander raufend und lärmend. Ich war schon öfter mit Pater Kurt in der Stadt gewesen, aber diese Unterschiede im Verhalten der Menschen zum Dorf und meinem direkten größeren Heimatort Bungoma {nördlich von Kisumu am Victoria-See} hatte ich noch nie zuvor bemerkt.
„Wir sind gleich da", rief Pater Kurt, seine Stimme die Fahrgeräusche übertönend lassend.
Menschen überquerten die Straße, ohne auf unser Auto Rücksicht zu nehmen. Pater Kurt grüßte freundlich mit einer Handbewegung und kopfnickend jeden, der zu uns blickte. Nur wenige grüßten zurück. "Kennen Sie die Leute hier auch alle?" wollte ich wissen. (Natürlich hatte er immer jeden in unserer Umgebung gegrüßt, wo ihn alle Leute kannten.)
„Sie sind alle meine Kinder“, sagte Pater Kurt lächelnd.
Wir fuhren auf ein, von einer sich weit erstreckenden, hohen Mauer umgebenes Gelände zu. Dahinter ragten einige Gebäude hervor. Über der mit einer weißrot gestreiften Schranke versperrten Einfahrt stand der aus großen, schmiedeeisernen Buchstaben geprägte Name der Schule, in die ich einziehen sollte. Mir schlug das Herz vor Aufregung bis zum Halse.
Der Wächter war aus seinem Pförtnerhäuschen herausgekommen, als er unser Auto kommen sah, und öffnete die Schranke. Er schien Pater Kurt zu kennen. Die beiden riefen sich freundliche Worte in unserer Landessprache zu.
Als wir in das Gelände gefahren waren, konnte ich drei oder vier lang gestreckte, zweistöckige Gebäude mit großen, vergitterten Fenstern entdecken und einige ausgedehnte Flachbauten, die alle zur linken Seite des Geländes konzentriert waren. Den rechten Teil des Grundstücks nahm eine sehr große Wiese ein, deren Gras aber nur fleckenweise wuchs. Es gab mehr Sandflächen als Rasen. Auf der Wiese standen Holzrahmen, die wohl Fußballtore symbolisieren sollten, und es gab Korbnetze an galgenähnlichen Gerüsten. Ein mehrere Meter hoher Drahtnetzzaun lief um das ganze restliche Gelände herum; denn nur die Seite, von der wir in das Gelände hineingefahren waren, war durch die Mauer geschützt.
Das Auto wurde unter einer Gruppe von Bäumen geparkt, wo noch drei andere Personenwagen standen. Pater Kurt deutete mir an, auszusteigen.
Wir gingen auf einen Gebäudekomplex zu, der zur linken Seite der Frontmauer so errichtet war, daß die Mauer selbst die Rückwand bildete. Vor dem Haus waren Blumen und Sträucher gepflanzt.
Ich wurde dem Schulleiter, einem älteren Inder, vorgestellt, der mit uns in Englisch, der Unterrichtssprache dieser Schule, redete, wobei er die für Inder typische, das „r" eigenartig rollende Aussprache hatte. Ich hatte Schwierigkeiten, ihn zu verstehen. {Es gibt viele Kenianer, indischer Herkunft, die für die englischen Kolonialherren meistens in der Verwaltung eingesetzt worden waren.}
Er {der Internatsinhaber} rügte vor allem meinen zu langen Haarwuchs. Als erstes müsse ich zum Haarschneider. Nach einiger Zeit der Unterhaltung wurde der Lehrer gerufen, der mich betreuen werde, ein junger Engländer, wie man sagte. Dieser führte mich zu einem der Flachbauten, um mir ein Bett und ein Spind für meine Sachen anzuweisen. Ich hatte einen winzigen Raum mit drei Mitschülern, alle Afrikaner, ein oder zwei Jahre älter als ich, zu teilen. Mir wurden Waschräume, Toiletten, Essraum und Arbeitssaal gezeigt. Dann hatte ich meine Sachen aus dem Auto zu holen. Mir wurde befohlen, mich zu beeilen, um sogleich am Unterricht teilnehmen zu können, der in wenigen Minuten beginnen werde. Ich war überrascht, daß von der Aufnahmeprüfung, auf die ich vorbereitet worden war, gar keine Rede war.
Pater Kurt verabschiedete sich von mir, wobei er mich kurz umarmte und sagte: „Ich komme dich, so oft ich kann, besuchen."
Einer meiner Zimmergenossen, von kräftiger Gestalt und älter als ich wirkend, war mit zum Auto gekommen, um mir beim Tragen meiner Sachen zu helfen. Auf dem Wege zurück zu unserer Unterkunft meinte er: „Du mußt dir aber unbedingt die Haare schneiden lassen. Du siehst ja schlimm aus."
Die Schüler hatten begonnen, sich vor den Unterkunftsgebäuden in Dreier-Reihen aufzustellen. Zu etwa dreißig Jungen marschierten wir schweigend im Gleichschritt in den Unterrichtsraum, geführt von unserem Betreuer und Gruppenlehrer, der auch den Unterricht begann. Erdkunde stand auf dem Stundenplan. Der Lehrer berichtete über Bodenschätze und ihre Ausbeutung in europäischen Ländern. Da ich darüber wenig wußte und der Unterricht sehr lebendig mit Bildern und Zeichnungen an der Tafel gestaltet wurde, interessierte mich das Thema sehr. Ich stellte viele Fragen, zum Beispiel darüber, wie Bergleute so viele Meter unter der Erdoberfläche Luft bekämen und ob es dort nicht zu heiß sei, da kein Wind wehe. Der Lehrer beantworte alle Fragen sehr anschaulich und ausführlich. Ich vergaß, daß ich nicht allein am Unterricht teilnahm. Es hatte sich ein richtiger Dialog zwischen Lehrer und mir entwickelt. Ich war enttäuscht, als es hieß, die Stunde sei jetzt um und bis zur nächsten Stunde über Physik gäbe es eine viertel Stunde Pause. Alle Mitschüler stürmten sogleich lärmend aus dem Saal. Ich blieb sitzen und dachte darüber nach, was ich gehört hatte, ohne zu bemerken, daß der Lehrer hinter mir stand. Er sagte: „Alle müssen die Klasse nach den Unterrichtsstunden verlassen. Also bitte! Ich habe den Eindruck, du interessierst dich für Erdkunde. Es gibt leider nur wenige Schüler, die wissbegierig sind. Wir können uns ein wenig draußen unterhalten. Ich möchte gerne wissen, was du bisher gemacht hast, woher du kommst und so weiter."
Als wir draußen waren, sagte der Lehrer, MacDunhill war sein Name, als erstes: „Du mußt dir wohl deine Haare schneiden lassen. Hat der Direktor das nicht gesagt?" Ich nickte.
„Eigentlich schade", meinte er, wobei er mit der Hand über meinen Kopf fuhr und grinsend an den Haaren zog. Ich fand Mister MacDunhill sehr sympathisch.
Er machte auch den Physikunterricht, wo die optischen Gesetze von konvexen und konkaven Linsen behandelt wurden, die ich sehr gut kannte. Mister MacDunhill war begeistert, als ich die Strahlengänge richtig auf die Tafel bringen und die dazugehörenden Formeln dazuschreiben konnte über den Zusammenhang zwischen Brennweite der Linse, dem Abstand des abzubildenden Objekts und der Entfernung des Bildes von der Linse. Mister MacDunhill prüfte mich über die Brechungsgesetze, die mir völlig klar waren. Ich erklärte die Ablenkung von Strahlen, wenn sie schräg Medien von unterschiedlicher optischer Dichte durchdringen, wobei ich hinzufügte, daß an einer Übergangsstelle immer ein Teil der Strahlen reflektiert werde. Auch diese Stunde ging viel zu schnell vorüber.
MacDunhill ging wieder mit mir spazieren, lobte meine Kenntnisse und mein Interesse am Unterricht. Auch die beiden anderen Stunden an diesem Morgen, Englische Literatur und Mathematik, waren interessant und machten mir Spaß.
Vor dem Mittagessen bekam ich die Haare geschnitten. Nach dieser Prozedur fand ich mich verunstaltet aussehend. Ich fühlte mich gedemütigt und deprimiert.
Ich lief MacDunhill in die Arme, der fragte: „Findest du dich jetzt besser aussehend?"
Ich schüttelte den Kopf und mußte mit meinen Tränen kämpfen. MacDunhill sagte: „Ich hasse Uniformen und diese ekelhaften kahl geschorenen Köpfe, die aussehen wie der verunstaltete Rasen dort drüben. Das wird nur gemacht, um das Individuum zu zerstören, das Individuum zu vermassen, damit die Herrschenden es besser beherrschen und sich unterordnen können. Nur der Massenmensch läßt sich in einen unsinnigen Krieg schicken, sich beeinflussen, wobei er dann noch selbst glaubt, daß es richtig ist, was er im Auftrage einer kleinen, nur ihre eigenen Interessen vertretenden Klicke tut. Das ist überall auf der Welt die gleiche Methode. Es fängt mit dem Haareschneiden, in Uniformenstecken an, hört mit dem in den Tod jagen auf..."
Ich habe vergessen, was er sonst noch gesagt hat, außer dem Ratschlag: „Vergiß niemals, daß du du bist, ein Individuum, ein Mensch, den es kein zweites Mal gibt. Bitte mach' aber keinen Gebrauch davon, was ich dir gesagt habe. Das würde meine sofortige Entlassung bedeuten. Ich hatte gehofft, ihr hier in Afrika würdet nach der Unabhängigkeit, nach der langen Demütigung und Knechtschaft während der Kolonialzeit einen anderen, besseren, menschlichen Weg finden. Nein, die ganze Scheiße, verdammt noch mal, wird sich nie, nirgends ändern."
Er schien enttäuscht, verzweifelt, aber sehr engagiert zu sein.
Ich mochte ihn mit seinen leuchtend blauen Augen, dem dunkelbraunen, gelockten Haar, das an manchen Stellen aufgehellt erschien und wie weiche Baumwolle mit dem Wind hin- und herwehte. Leider war sein Gesicht wegen des dunklen Bartes teilweise verdeckt.
Das Essen war kaum zu genießen. Es gab Ugali {besteht aus zerstoßenen oder zermahlenen stärkehaltigen Feldfrüchten, das heißt insbesondere Getreidesamen oder Wurzelknollen} mit Bohnen und einer Fettsoße, dazu trockenen Salat und eine Banane. Wenn die Gespräche am Tisch zu laut wurden, mahnten die Aufsicht führenden Lehrer zur Ruhe.
Ich saß neben dem Mitschüler, der mir geholfen hatte, meine
Sachen in unsere Unterkunft zu bringen. Ich schaute umher, ob ich die beiden
anderen Jungen entdecken könne. Aber ich konnte mich überhaupt nicht mehr
erinnern, wie sie ausgesehen hatten.
Lehrer MacDunhill (mit seinen Hängeschultern)
Mein Nachbar sagte: „Du bist wohl so ein richtiger Streber! Willst wohl Lieblingsschüler bei den Lehrern werden. Aber wir werden dich schon zur Vernunft bringen. Die kommende Nacht ist noch nicht um."
Das erinnerte mich an meine Erfahrungen in Frankreich, wo mich die Mitschüler immer gequält hatten, wegen meiner Hautfarbe, weil ich anders war als sie. Es wurde mir klar, daß es hier genau so ablaufen werde. Ich wollte hier raus aus diesem Gefängnis. Das würde ich nicht aushalten. Mich packte eine Wut in völliger Verzweiflung. Ich holte mit voller Kraft aus und schlug meinem Nachbarn mit dem Handrücken meiner geschlossenen, rechten Faust, deren Gelenk ich mit der linken Hand umschlossen hatte, mit voller und blinder Wucht ins Gesicht, daß er mit dem Stuhl nach hinten kippte und sich blutend auf dem Boden wälzte.
Ich wurde sogleich zum Gebäude des Direktors abgeführt. Der Schulleiter war aber nicht da, und niemand konnte sagen, wann und ob er überhaupt heute noch zurückkehren würde. MacDunhill, der ja für unsere Quartiere verantwortlich war, übernahm die Untersuchung. Er war äußerst nervös. Ich erklärte, was vorgefallen war. Der zierlich wirkende Junge, der neben demjenigen gesessen hatte, den ich zu Boden geschlagen hatte, wurde als Zeuge gehört. Er bestätigte meine Aussage und fügte hinzu, daß er auch eine ganz schlimme Erfahrung hätte machen müssen, als er in die Schule aufgenommen wäre. In der ersten Nacht habe man ihn plötzlich in ein Tuch gewickelt, das mit Kordel umschnürt worden sei. Dann hätte man ihn in eine Ecke geworfen und auf ihn gepinkelt. Er sei fast erstickt, als das Tuch anfing zu trocknen und sich ganz fest um ihn gespannt habe. Er habe sich bis heute nie getraut, das jemandem zu erzählen. Er wisse aber, daß der Mitschüler, der von mir geschlagen worden sei, als der Anführer für alle möglichen Quälereien angesehen werden müsse. Nach seiner Aussage wurde der Junge weggeschickt.
Der indische Lehrer, der mich zum Gebäude der Schulleitung gebracht hatte und der den Mathematikunterricht gibt, murmelte: „Hier werden alle zu Verbrechern gemacht."
MacDunhill bat seinen Kollegen zu schauen, wie schwer mein Zimmergenosse verletzt worden sei. Als wir alleine waren, sagte er, vor sich blickend: „Ich finde es genau richtig, was du gemacht hast. Man darf sich nicht alles gefallen lassen, und überall auf der Welt in Internaten und in Gefängnissen laufen solche Riten ab, nach denen ein Neuankömmling gepeinigt wird, Taufe nennen die Alteingesessenen das. Was wir eben gehört haben. Ist sicher nur ein Beispiel von dem, was wir als Lehrer gar nicht wissen. Daß ich deine Reaktion als allein machbar und richtig in der Situation, in der du warst, finde, darf ich aber nicht offiziell vertreten. Du hast gegen die hergebrachten Schulregeln, so würde unser Schulleiter sagen, verstoßen. Wer hat aber diese, uns allen aufgezwungenen Regeln hergebracht? Woher kommen sie? Muß man sich fragen. Deswegen, weil du gegen diese von irgend jemandem hergebrachten Regeln verstoßen hast, mußt du bestraft werden. Wir müßten dich sogar von der Schule verweisen, wenn du deinen Mitschüler schwer verletzt hast. Wenn die dich in der Nacht fertig gemacht hätten, was sie wohl jetzt nicht mehr wagen, dann hätte der Direktor nichts unternommen, da du es nicht nachweisen können würdest; und die sogenannte Taufe ist ja auch althergebrachte und damit anerkannte Sitte. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich finde dich sehr sympathisch und möchte gerne einen Schüler wie dich hierbehalten. Ich bin sicher, daß es sich lohnen und auch Befriedigung bringen würde, wenn ich nur solche Schüler wie dich unterrichten könnte. Verdammt noch mal, daß das passieren mußte. Ich rede auch zu viel, kenne dich kaum und übe in deiner Gegenwart unerlaubte Gesellschaftskritik. Aber, verdammt noch mal, ich bin hierher gekommen und unterrichte praktisch ohne Entlohnung, weil ich geglaubt habe, man könne an einem Aufbau einer, sagen wir ruhig pathetisch, einer neuen, besseren Welt mitarbeiten. Die Wirklichkeit ist, daß der Eigentümer dieses Internats nur das Schulgeld für sich privat einstreichen will, daß er daher die Lehrer so schlecht wie möglich bezahlt und den Schülern gegenüber ein Minimum an Leistung bietet, was Unterkunft und Essen angeht. Wie kann man die Ausbeutung des Menschen und der Umwelt durch einzelne Menschen endlich einmal bezähmen? Ihr, die zukünftige Generation könntet es schaffen. Aber werdet ihr es wollen? Werdet ihr nicht auch, verblendet durch althergebrachte Regeln, nach denen nur der zählt, der es zu etwas gebracht hat, wie man sagt, das Spiel mitspielen? Ihr werdet später einmal möglicher Weise zumindest in gehobenen Positionen sein, damit Macht haben und korruptionsanfällig sein, was dann wieder in Ausbeutung unter Ausnutzung eurer Macht mündet und so weiter..."
Wir saßen schweigend da. Ich fühlte Hoffnung, daß man mich aus dem Internat jagen würde. Hier konnte ich nicht bleiben, davon war ich überzeugt. Dann fuhr MacDunhill fort: „Nun, wenn diese meine Einstellung der Schulleiter erfährt, fliege ich sofort."
Ich erkundigte mich, warum ich keine Aufnahmeprüfung über mich ergehen lassen mußte. Der Lehrer antwortete: „Das weiß ich auch nicht. Aber dem Schulleiter sind die Leistungen der Schüler auch ziemlich gleichgültig. Ihn interessiert vorwiegend, wie viel er monatlich an Schulgeld abkassieren kann."
Es verging eine unendlich lange Zeit, bis der indische Lehrer, an dessen Namen ich mich heute Abend nicht mehr erinnern kann, zurückkam. Er berichtete, daß meinem Zimmergenossen nicht allzu viel passiert sei. Ich habe ihn wohl seitlich am Kopf getroffen, nicht direkt von vorne. Dennoch sei allerdings die Nase zum Bluten gebracht worden, möglicher Weise durch den Fall auf den Boden. Er lachte, als er das sagte. Er bat mich, das Zimmer zu verlassen und draußen zu warten.
Als ich hereingerufen wurde, sagte MacDunhill: „Das, was du getan hast, wird auf unserer Schule nicht geduldet. Das muß ganz klar gesagt werden. Da du aber ganz neu ++ 05hier sein, sofort nach deiner Ankunft schon am Unterricht teilgenommen hast und noch keine Gelegenheit hattest, die Schulregeln zu lesen, müssen wir zu deiner Entschuldigung annehmen, daß du dir über die Folgen deiner Tat nicht im Klaren warst. Wir können dich daher weder von der Schule verweisen, noch dir eine Strafe auferlegen. Hiermit wirst du aber verwarnt, dich strikt an die Regel dieses Internats zu halten. Wir hoffen, daß wir in Zukunft keine Klagen wieder hören."
Dann sagte er leise, wie zu sich selbst, aber an seinen Kollegen gewandt: „Und was schreiben wir ins Protokoll?"
„Wenn du 'was schreiben zu müssen glaubst, dann tu's. Ich nicht“, antwortete dieser, faßte mich am Arm und sagte: „Hau' ab!"
Draußen wartete eine Gruppe Schüler. Einer rief: „Wie war's?"
Ich ging, ohne Antwort, in meinen Aufenthaltsraum. Dort lag der von mir geschlagene Zimmergenosse auf dem Bett und preßte ein blutgetränktes Taschentuch auf seine Nase. Ich schaute ihn mit noch nicht verrauchten Haß-Gefühlen an, wußte aber nichts zu sagen.
„Mensch“, sagte dieser, wobei er mir die Hand zur Versöhnung hinhielt, „du hast aber wohl ganz gewaltige Kräfte. Du hast mich wie eine Kanonenkugel so getroffen, daß mir tatsächlich Hören und Sehen verging. Alle Achtung!"
Wir mußten beide lachen. Er deutete mir an, mich zu ihm aufs Bett zu setzen. Die beiden anderen Kollegen kamen herein und waren wohl überrascht, daß keine Feindseligkeit mehr herrschte. Wir stellten uns gegenseitig vor. Der Junge, den ich geschlagen hatte, hieß Alphayo (zu deutsch wohl Alfons), die beiden anderen nannten sich Chiboli und Kizito. Kizito war sehr dünn, wirkte nervös, roch unangenehm verschwitzt. Er blickte sogleich zu Seite, wenn man ihn anschaute. Chiboli war groß und etwas plump gebaut. Er hatte einen sehr gutmütigen Gesichtsausdruck.
Ich zwang mich zu erklären: „Eines möchte ich euch ganz klar und unmißverständlich sagen: Ich bin ein Individualist.."
„Was bist du?" wollte Kizito wissen.
„Erklär' ich dir später“, antwortete ich und fuhr in meiner Erklärung fort: „Also, ich bin nur hier, weil ich einen offiziellen Schulabschluß machen muß und in jedem Falle auch machen will. Wenn ihr das als Streberei betrachtet, ist das euere Sache. Wer mich aber daran hindern will, dem schlage ich die Knochen zu Brei. Ich lasse mich von euch nicht behindern. Ich komme aus ganz armen Verhältnissen und will da in jedem Falle raus. Nur deshalb lasse ich mich in dieses Gefängnis hier einsperren. Ich hoffe, ihr respektiert meine Einstellung. Wenn ihr nur hier seid, um eure Zeit totzuschlagen, dann ist das eure Entscheidung. Laßt mich aber zufrieden."
„Du hast Recht“, sagte Chiboli. „Ich komme auch von einem der ärmsten Dörfer aus der Gegend hier und hatte das Glück, das der »Master« meines Vaters, ein Däne, dem mein Vater das Haus sauber halten muß, mir das Schulgeld bezahlt und das in Devisen. Daher mag mich der Schulleiter besonders gern. Nur fällt mir die Schule nicht so leicht wie dir vielleicht. Ich habe oft keine Lust und muß mich wirklich zwingen. Darf ich dich ab und zu mal bitten, mir zu helfen?"
Ich hielt ihm meine Hand ausgestreckt hin und er schlug kräftig ein. Dann erklärte ich, daß auch meine Ausbildung von Ausländern finanziert werde. Alphayo informierte mich: „Das schützt dich besonders und bringt dir bestimmt viele Vorteile; denn der Schulleiter will solche, in Devisen zahlende Typen nicht verärgern, die ja auch auf eine anderes Internat gehen könnten".
Ich war sicher, daß ich keine großen Probleme mehr mit meinen
Unterkunftsgenossen haben würde.
Montag, 1.10.73
Ich war in guter Stimmung auf der Fahrt nach Nairobi. Es ging vorbei an Teeplantagen, in die lange Ketten von Teepflückern in ihren gelben Kunststoffmänteln zum Schutz gegen die harten, die Haut ritzenden Pflanzen, mit Kiepen auf dem Rücken hineinströmten und aus ihnen wieder heraus. Wir holperten auf teilweise sehr schlechter Straße an Wäldern, Hängen mit Ziegen- und Rinderherden vorbei. Es begegneten uns nur wenige Fahrzeuge. Man sah nur selten Menschen auf den Straßen, Lasten schleppend oder Tiere treibend.
Wir machten in Nakuru halt, um Brennstoff zu tanken, etwas zu essen und zu trinken.
Dann ging es weiter, auf ansteigender Straße vorbei am Naivasha-See, an dem sich so viele Flamingos aufhielten, daß die Wasserfläche zu den Rändern hin rosa leuchtete. Leider war der See zu weit weg, um einzelne Tiere ausfindig machen zu können.
Das uralte Käferauto von Pater Kurt krabbelte mühsam über die gewundene Straße, die vor Nairobi gelegenen Berge hinauf. Die Aussicht auf das rechts neben der von uns erkletterten Hügelkette gelegene weite, in vielen variierenden Farben leuchtende Tal, das am uns gegenüber liegenden Ende von wuchtigen, gleichmäßig aufgehäuften Vulkanbergen begrenzt wird, wurde immer schöner. An den kegelförmigen Bergen hingen dicke Wolken. Im saftig grünen Tal ging heftiger Regen aus Wolken nieder, die unter uns lagen. Die Sonne bewirkte einen kurzen, aber sehr farbigen Kreisausschnitt aus einem Regenbogen.
Je höher wir kamen, desto kühler, ja sogar kalt wurde es. Nach einer Fahrt von fast zwei Stunden konnten wir Teile der Hauptstadt weit vor uns sehen. Wir waren wohl sehr hoch, wenn man bedenkt, daß Nairobi, tief vor uns, in einem Tal, dessen Begrenzung man trotz klaren Wetters nicht sehen konnte, schon mehr als sechzehnhundert Meter über dem Meeresspiegel liegt.
Plötzlich kamen mir meine Gefühle auf der Fahrt zu meiner Einschulung in das Internat in Kisumu in Erinnerung, meine Angst damals vor dem Neuen, dem Gefängnis, als das ich dann tatsächlich das Internat auch empfunden habe.
Diesmal war ich in guter Laune, froh gestimmt und das Gegenteil von deprimiert. Ich war zwar in einer ähnlichen Situation wie damals, sollte bei den Patres in einer klosterähnlichen Umgebung wohnen und wieder die Schulbank der technischen Hochschule (Polytechnic) drücken. Aber ich werde nicht eingesperrt sein, da ich jeden Tag mit dem Bus zur Schule muß, wie Pater Kurt mir erklärt hatte. In Freistunden würde ich in die lebendige Stadt laufen können und an Sonntagen ganz frei sein. So lauteten die mir gegebenen Informationen.
In Nairobi gab es Kinos, Kaffeehäuser, Theater, große Geschäfte, also viel zu sehen.
Ich konnte kaum erwarten, in die Stadt zu kommen. Doch plötzlich bog Pater Kurt von der Hauptstraße nach links auf einen holperigen Sandweg ab.
„Wohin fahren wir denn jetzt?" rief ich.
„Zu den Patres“, kam die Antwort.
Ich war enttäuscht. Nach einer Fahrt von einer viertel Stunde oder etwas mehr erreichten wir einen Gebäudekomplex, der von einer hohen, undurchdringlichen, bunt blühenden Hecke umgeben war, aus der Schwärme von Vögeln aufstiegen, als wir vorbeifuhren. Durch eine breite Lücke in der Hecke kamen wir zum Gebäude, aus dem einige Männer herbeigeeilt kamen.
Wir wurden sehr herzlich begrüßt, in eine Halle geführt, wo auf einem sehr, sehr langen Tisch Teller, Bestecke, Gläser und mit Tüchern abgedeckte Wasserkrüge standen. Irgendwo her kam Appetitanregender Duft von knusprig gebratenem Fleisch. Wir setzten uns erst auf einfache Stühle neben dem Eßtisch. Die Patres stellten kleine, niedrige Tischchen neben uns und neben ihre Stühle, brachten die Gläser vom Tisch und gossen uns blaß-roten Wein ein. Ich bat um etwas Wasser und erklärte, daß ich keinen Alkohol möge. Die Paters lachten, spöttelten über meine »Jugend« und »Tugend« und bemerkten, daß auch der Wein ein Geschenk des Himmels sei.
Nach einer kurzen Rast gab es Essen, das mir ausgezeichnet schmeckte. Man wies mir ein kleines Zimmer zu, das ich mit niemandem zu teilen hatte, bedeutet mir, daß ich, wo immer Platz sei, meine Studien machen könne. Man redete nicht über Regeln und Ordnungen, Verbote und Gebote. Statt dessen wurde diskutiert, wie ich am besten zur Schule kommen könnte, wer, wann, an welchen Tagen sowieso auch in die Stadt führe und mich also mitnehmen könne, daß man mir Autofahren, Kochen, Umgang mit Haustieren und Pflege des Gartens und sonstige Dinge beibringen werde.
Endlich am Nachmittag fuhren wir in Richtung Stadt, aber am Stadtkern vorbei zur Hochschule. Pater Kurt erledigte die Formalitäten meiner Anmeldung zum Studium der Elektrotechnik. Ich erhielt einen Stundenplan, eine Studienordnung, einen Ausweis mit Lichtbild und andere Papiere.
Auf dem gleichen Wege, auf dem wir gekommen waren, fuhren wir zu den Patres zurück.
Pater Kurt gab mir unterwegs »Verhaltensmaßregeln«, zum
Beispiel solche, daß ich nicht in bestimmte Stadtgebiete gehen solle, da es dort
nur so von Räubern wimmele, daß ich mich nicht zu irgend welchen Dingen
verführen lassen solle, daß ich jetzt für mein Taschengeld selbst verantwortlich
sei und es nicht in den ersten Tagen eines Monats vergeuden dürfe und, und, und.
Ich hörte gar nicht recht zu, war von der langen Fahrt und den vielen Eindrücken
verwirrt. Ich hatte ein großes Bedürfnis zu schlafen.
Freitag, 5.10.1973
Nachdem ich gestern mehrmals am Gebäude des kleinen Privattheaters vorbeigelaufen war und mir die Bilder im Aushang von den Schauspielern und über Szenen des laufenden Programms, eines modernen Ballettstückes angeschaut hatte, verspürte ich heute eine nicht bezwingbare Lust, einmal eine Vorstellung zu besuchen, obwohl ich mir eine Eintrittskarte finanziell überhaupt nicht leisten kann. Aber ich bin noch nie in einer Theatervorstellung gewesen. Das wollte ich doch einmal unbedingt erleben. Ich kaufte mir eine Karte für die erste Vorstellung, da die spätere Vorstellung bereits ausverkauft war. Der Besuch der früheren bot mir auch den Vorteil, danach bequem noch mit dem Bus nach Hause zu kommen.
Ich hatte mir heute meinen Anzug angezogen, der zwar sehr eng geworden war, mich aber doch noch gut kleidete. Von meinen Studienkollegen wurde ich wegen meines Aussehens gehänselt; denn es herrschte in der Schule »Jeans-Zwang«. Ich gab vor, einen sogenannten offiziellen Besuch machen zu müssen, von dem viel für mich abhinge. Ich müsse also versuchen, den bestmöglichen Eindruck zu machen.
Nach den Vorlesungen wanderte ich durch den Uhuru-Park {Freiheits-Park, am Westteil des Stadtkerns gelegen}, bekam großen Durst, überlegte, wie viel Geld ich überhaupt bei mir hatte und beschloß, da ich heute sowieso wegen der Theaterkarte über meine Verhältnisse leben würde, in ein Kaffeehaus zu gehen, schlenderte durch die Stadt über die etwa einen Kilometer lange Hauptstraße, deren Name unserem Präsidenten gewidmet ist und Jomo-Kenyatta-Avenue heißt. Ich betrachtete die Schaufenster. Alles, was mir in den Auslagen gefiel, würde ich mir nie leisten können. Am Ende dieser breiten, mit teuren Geschäften gesäumten, von Touristen, von sich verkaufenden Mädchen und von Bettlern wimmelnden Straße, befindet sich ein sehr beliebtes Trefflokal, wie ich heute erfahren habe, wo man im Freien unter einem hohen Baum sitzen kann, an den Zettel und Visitenkarten mit vielfältigen Wünschen, Kontaktsuchen, Angeboten und Anfragen nach Mitfahrgelegenheiten und vieles mehr geheftet sind. Ich versuchte, in dem stark besuchten Lokal einen leeren Tisch ausfindig zu machen. Zum Glück stand eine Gruppe junger Touristen gerade auf, als ich mich einem Tisch näherte.
Ich wartete auf den Kellner, der aber, ohne mich zu beachten und, selbst als ich ihn in unserer Landessprache ansprach, vorbeiging. Ich konnte beobachten, daß er müßig an der Stelle zur Ausgabe der Getränke stand und sich nur bewegte, wenn ein weißer Tourist ihn heranwinkte. Ich begann vor Wut zu kochen. Betrachteten uns unsere eigenen Landsleute hier als Menschen niederer Klasse? Ich merkte, wie sich mein Pulsschlag beschleunigte.
Plötzlich wurde ich von einer angenehm sanft, etwas affektiert klingenden, männlichen Stimme aus meinen zornigen Gedanken abgelenkt.
„Darf ich mich zu dir setzen?" wurde ich in klarstem Oxford-Englisch gefragt. Vor mir stand, freundlich lächelnd, ein ungewöhnlich gut aussehender junger Mann, vielleicht etwas älter als ich, mit langen, leicht gewellten, strohblonden, am Hinterkopf mit einem breiten, bunten Band zusammengehaltenen Haaren, mit sonnengebräunter Haut, ohne diese dunklen, gesprenkelten Flecken, wie man sie sonst bei Europäern meistens sieht.
Ich nickte und machte eine einladende Handbewegung. Kaum, daß er saß, kam der Kellner, begrüßte ihn mit Handdruck und nahm die Bestellung, eine Cola, entgegen.
„Werde ich nicht bedient?" fragte ich etwas gereizt.
Jetzt war mir tatsächlich klar, daß der Kellner nicht daran interessiert war, seine Landsleute zu bedienen. Er blieb abwartend stehen, ohne etwas zu sagen, ohne jeglichen Gesichtsausdruck. Ich bestellte eine Coca-Cola. „Coca-Cola haben wir nicht!" sagte der Kellner kurz angebunden und blieb wartend stehen. Ich wurde fast ohnmächtig vor Zorn, unfähig, mich zu bewegen oder zu reagieren.
„Hier gibt's nur Pepsi“, hörte ich meinen Tischnachbarn sagen, „willst du eine Pepsi?" Ich nickte, und er gab das Getränk in Auftrag.
Mein Tisch-Partner reichte mir die Hand und sagte: „Ich heiße John, mache hier beim Theater mit."
Ich stellte mich auch vor, mit etwas zitternder Stimme, da ich wegen des Verhaltens des Kellners, das eine starke Adrenalinausschüttung in mein Blut bewirkt hatte, meinen Körper noch nicht ganz unter Kontrolle hatte.
John schien viele Leute hier zu kennen. Vorbeigehende begrüßen ihn, wechselten Worte mit ihm, wünschten ihm Erfolg für heute Abend.
Ich war etwas aufgeregt, als ich merkte, daß mein Tisch-Partner heute Abend auch für mich spielen werde. Ehe ich danach fragen konnte, sprach er mich an: „Bist du nur vorübergehend hier? Ich habe dich noch nie gesehen. So wie du aussiehst, wärest du mir bestimmt aufgefallen."
Ich erzählte von mir und schloß ein, daß ich für heute Abend eine Theaterkarte gekauft habe, die ich mir zwar nicht hätte leisten können, aber daß der Wunsch, einmal in meinem Leben eine Vorstellung zu besuchen zu reizvoll gewesen sei.
„Dann gehen wir gleich zum Theater, geben die Karte zurück und ich besorge dir eine Freikarte“, bot John an. Ich lehnte höflich ab, aber John bestand auf seinem Vorschlag.
Er erzählte, daß es ihm in England nicht schlecht gegangen sei; denn seine Eltern seien ziemlich vermögend und er brauche eigentlich nicht zu arbeiten. Seine Eltern seien mit seinem Beruf als Ballett-Tänzer und Schauspieler überhaupt nicht einverstanden. Dieser Beruf sei in England völlig überlaufen. Man hätte kaum eine Chance, irgendwo beschäftigt zu werden. Daher sei er ganz froh, hier spielen zu können, zwar für eine Entlohnung, die auf gar keinen Fall zum Bestreiten des Lebensunterhaltes reiche. Er brauche immer Zuschüsse von zu Hause. Aber er fühle sich hier in Kenia frei, nicht mehr völlig von seinen Eltern abhängig und nicht mehr den ständigen Reibereien mit ihnen ausgeliefert.
Plötzlich sprang er auf und sagte: „Es ist höchste Zeit, daß
ich gehe. Ich habe ganz die Zeit vergessen. Ich muß mich umziehen. Wir fangen ja
schon bald an. Kommst du mit?" Er zahlte für uns beide, und wir eilten zum
Theater.
John hatte eine eigenartige Gehweise. Er machte mit schwingenden Hüften recht kurze trippelnde Schritte und schwenkte die Arme, indem er die Unterarme anwinkelte. Dazu machte er hin und wieder ruckartige Bewegungen mit dem Kopf.
Er lachte oft während unserer Unterhaltung etwas unnatürlich. Ich überlegte, wo ich diese Gehweise schon gesehen haben könnte, wobei mir einfiel, daß oft europäische Frauen beim Gehen, Sprechen und sich Bewegen ein solches Gebaren und eine ähnliche Mimik zeigen.
Ich war ganz aufgeregt; denn ich konnte mich erinnern, gelesen zu haben, daß er heute Abend der Hauptakteur sein werde.
An der Verkaufsstelle des Theaters gab John meine Karte zurück, was wohl nicht ganz so einfach war, wie er gemeint hatte; denn man wollte ihm keine Freikarte geben, insbesondere keine mit Sitzposition im Zuschauerraum, sondern nur auf Zusatzstühlen. Aber es gelang ihm doch, eine Karte zu bekommen und mir das Eintrittsgeld zurückgeben zu können.
Er nahm mich mit in seinen Umkleideraum. Es machte ihm offensichtlich gar nichts aus, sich vor mir und auch anderen Theaterleuten, die an der geöffneten Tür vorbeiliefen, völlig zu entblößen, gespielt aufgeregt seine Kleidung für die Vorstellung zu suchen, obwohl alles doch schon zurechtgelegt war. Er hatte einen wunderschön aussehenden Körper, makellos wie man sagt, ohne Flecken, aber doch auch hellere Hautfärbungen am Oberkörper, an den Oberarmen und war völlig weiß um die sogenannte Schamgegend herum. Es sah so aus, als trüge er eine ganz weiße, durchsichtige Unterhose.
(Ich weiß inzwischen, daß die Haut der Europäer sich dunkel färbt, wenn sie der Sonne ausgesetzt wird. Die Teile, die keine Sonnenstrahlen erhalten, bleiben kremig weiß. Ich finde das zu komisch.)
Die Haut von John schien so dünn zu sein, daß an den Innenseiten seiner Oberschenkel ein leicht bläuliches Netz von Adern zu sehen war. „Schau mich nicht so lüstern an!" rief John plötzlich, eilte auf mich zu und küßte mich auf den Mund, rannte wieder umher, wedelte drollig mit den Armen und murmelte (mit affektierter, näselnder Stimme): „mein Gott, o du liebe Zeit, ..."
Ich fand die Situation sehr komisch, fühlte mich wie in einer Privatvorstellung.
John zwängte sich in eine enge Unterhose, streifte ein leuchtend rotes Teil von den Füßen her über den Unterkörper, sprühte eine zischende Flüssigkeit unter seine Arme und auf andere Körperteile, bemühte sich, seine Arme in dieses eigenartige Kleidungsstück, das wie eine komplette rote, zu enge Menschenhaut aussah, zu bekommen, wobei er seinen Körper schlangenförmig bog, und schließlich stand er als ein rotgefärbter Mann da in einer künstlichen Haut, die nur das Gesicht nicht bedeckte. Ich mußte lachen, da er wirklich sehr komisch aussah. Er wirkte eigentlich immer noch völlig nackt, hatte ich den Eindruck. Man konnte durch die rote Kunsthaut hindurch alle Einzelheiten seiner aufreizenden Nacktheit erkennen, die Brustwarzen, die einzelnen Muskeln. Nur der Bauchnabel war nicht zu sehen. Sein stark ausgeprägtes Geschlechtsteil war zu einem Wulst zusammengepreßt.
Eine jüngere Frau kam herein, um sein Gesicht zu pudern und rot anzumalen. Die Haare wurden gekämmt und wieder zusammengebunden, diesmal mit einem goldfarbenen Band.
Ich hatte mehrmals einen wohlklingenden Dreiklang-Gong vernommen.
John zog sich eigenartige Schuhe an, die vorne wie die Schnauze eines Schweines aussahen, stellte sich vor mich und sagte: „So, das wär's. Gefall' ich dir? Du mußt jetzt unbedingt gehen. Wir fangen gleich an. Es hat schon zum dritten Mal geläutet."
Ich hatte Mühe, den Zuschauerraum zu finden, mußte mich durch meine Reihe zwängen, in der schon alle Besucher Platz genommen hatten.
Das Licht erlosch. Unsere Nationalhymne wurde gespielt, wobei sich alle erhoben und sich nach dem Verklingen wieder setzten.
Es war fast völlig dunkel. Der Vorhang wurde aufgezogen. Laute Musik setzte ein und gleichzeitig wurde gleißendes Licht auf die Bühnenmitte gerichtet, auf der eine Gruppe Männer halbkreisförmig stand, auch in künstlichen Häuten, wie ich das bei John gesehen hatte. Diese waren allerdings blau gefärbt.
Die ebenfalls gut aussehenden Männer trugen Frauen auf den Schultern, welche ebenfalls nahezu nackt, aber gelb gefärbt waren. Die Gruppe bewegte sich in rhythmischen Bewegungen aufeinander zu, bildete einen Halbkreis, und die Frauen ergriffen sich an den Händen, wonach die Männer den Kreisdurchmesser sogleich mit trippelnden Schritten vergrößerten. Es wurde eine solche Kuppel geformt, wie sie zum Beispiel die Vatikankirche hat.
Plötzlich stürzte John auf die Bühne und in das Innere der Kuppel in seiner auffällig roten Farbe. Die Beleuchtung wurde nur auf Rot eingestellt, so daß man die anderen Männer kaum noch sah, nur noch in der Luft schwebende, jetzt orange leuchtende Frauen. John machte Bewegungen, als griffe er nach ihnen, sprang hoch, hielt sich an den Händen der Frauen, die die Kuppelspitze bildeten, fest, schwebte dort einige Sekunden bis die Menschenkuppel unter sehr lauten Musikakkorden zusammenbrach.
Die Scheinwerfer wurden auf blau geschaltet, wodurch die in regelmäßiger Verteilung auf dem Boden liegende Gruppe stark leuchtete, die Männer in Blau und die Frauen in Grün, diesmal John jedoch kaum sichtbar. Nur sein goldenes Haarband leuchtete und glitzerte.
Er hüpfte und sprang wild, als kaum sichtbarer Geist zwischen den auf dem Boden Hockenden und Liegenden zu einer raschen Tanzmusik. Mich überraschte, daß er auf niemanden trat.
Er schien jemanden zu suchen, ergriff plötzlich eine Frau, wobei die Musik aufschrie. Die Gruppe erhob sich. Alle liefen durcheinander. Die Beleuchtung wechselte und damit wieder die Farben.
Ich war begeistert, wohl auch das übrige Publikum; denn alle fingen plötzlich zu klatschen an, was mich erschreckte und sehr störte. Aber das Klatschen paßte irgendwie in die Szene, die aggressiv war und geräuschvoll. Ich klatschte kräftig mit.
In der Pause verließen fast alle den Zuschauerraum, in dem etwa zweihundert Menschen sitzen konnten, was ich durch Zählen der Reihen und Sitze pro Reihe ermittelte. Es war kein einziger Platz frei gewesen.
Einige Leute gingen nach draußen, andere blieben, sich unterhaltend in den Vorräumen zum Zuschauerraum. Ich wanderte umher, um mir alles anzuschauen, entdeckte eine Bar, in der sich viele Menschen drängten und sich um Kaffee, aber meistens um Bier bemühten.
Ich verspürte auch starken Durst, stand aber verloren hinter der dichten Traube, die sich gestikulierend und lärmend um die Theke der Bar drängte.
Neben mir stand ein älterer Herr in einem Kaunda-Anzug {bequemer Tropenanzug, genannt nach dem Präsidenten Kenneth Kaunda von Zambia} (in Braun, mit charakteristisch kurzärmeliger Jacke), ein typischer, ehemaliger, englischer Kolonialoffizier mit nach oben gedrilltem, langhaarigem, rötlich-braunem Schnurrbart, mit roter Gesichtsfarbe und grell hellblauen Augen.
Er lächelte mich an, wobei er nur eine Seite des Mundes verzog, während die andere Gesichtshälfte unbeeinflußt blieb. „Möchten Sie (oder du, was man in der englischen Sprache nicht unterscheiden kann) auch etwas zu trinken haben?" fragte er höflich.
„Ja, ich wäre an einer Cola interessiert", erwiderte ich zurücklächelnd.
„Mit Whisky?" wollte der ältere Herr wissen. Ich schüttelte den Kopf.
Ich konnte nicht herausfinden, wie es ihm gelang, für sich sogleich einen Whisky und für mich eine Cola gereicht zu bekommen. Ich bedankte mich und wollte ihm das Geld geben, das ich abgezählt nach dem Preisaushang in der Hand hielt. Er winkte ab und sagte: „Eine Cola kann ich mir noch leisten."
Dann wollte er wissen, wie mir die Aufführung Gefälle, was ich mache, ob ich alleine wohne und dergleichen Dinge.
Plötzlich zog jemand an meiner Schulter. Es war John in einen Kimono-ähnlichen Mantel gehüllt. Er begrüßte freundlich und überschwänglich meinen Gesprächspartner, den er gut zu kennen schien.
„Macht dir (oder euch, was die englische Sprache nicht unterscheidet) unser Stück Spaß?" erkundigte sich John. Ich drückte meine Begeisterung aus.
John bekam auch eine Cola, ohne daß ich gesehen hatte, wie diese Bestellung vor sich gegangen war. John bedankte sich bei dem älteren Herrn, woraus ich schloß, daß dieser auch ihm das Getränk spendiert hatte. John stürzte das Getränk hinunter und sagte in seiner komischen, theatralischen Art: „Ich muß rasch wieder verschwinden. Es geht gleich weiter. O Gott o Gott... Wartest du nach der Vorstellung auf mich. Wir könnten uns noch ein wenig unterhalten, ehe die nächste Aufführung beginnt."
Es ertönte ein Gong, der ankündigte, daß die Vorstellung bald weitergehen werde. Aber das Publikum zeigte keinerlei Reaktion und Eile.
Der ehemalige Kolonialoffizier lud mich zum Abendessen ein: „Ich kenne ein ganz ausgezeichnetes Restaurant etwas außerhalb."
Ich wollte abwehren: „Ich habe John versprochen, auf ihn zu warten."
„Das habe ich mitbekommen. Kennt ihr euch schon lange?" erkundigte er sich, fuhr dann aber selbst eine Antwort gebend fort: „Nun, das kann kaum sein, da du ja erst seit ein paar Tagen in Nairobi bist. Nun gut, wir können uns ja dann so kurz vor Beginn der nächsten Vorstellung hier in der Bar treffen, John informieren und anschließend zum Essen fahren. Einverstanden?"
Ich zuckte mit den Schultern: „Ich muß aber noch unbedingt den letzten Bus erreichen, da ich weit außerhalb bei Patres wohne."
„Kein Problem“, entkräftete der ältere Herr. „Ich habe einen Wagen, und wir können nach dem Essen sehen, was wir machen. Einverstanden?"
Ich gab auf und nickte, obwohl mir nicht wohl war, mit dem, vorher nie gesehenen Herrn noch zum Abendessen zu sollen. Auch konnte ich nicht verstehen, warum er so sehr an einem weiteren Zusammensein mit mir interessiert war.
Es läutete jetzt zum dritten Mal und alle Zuschauer strömten eifrig in den Vorstellungsraum.
Die Darbietung war wirklich ausgezeichnet gewesen. Ich war sehr beeindruckt von den Bewegungen der menschlichen Körper, dem Farbspiel, der Musik, der ganzen Atmosphäre, dem bisher vielleicht schönsten Erlebnis in meinem Leben. Ich beschloß, so oft wie möglich Theaterbesuche zu machen, mußte mir dann aber eingestehen, daß ich mir das nicht leisten können würde.
Ich wartete in der Bar auf John. Viele Zuschauer kamen, um noch etwas zu trinken. Man unterhielt sich über die Darbietung, und ich war überrascht, auch viel Kritik zu hören: „Katzenmusik... obszön... nervenaufreibend... keine Kunst... moderner Mist..."
Ich konnte nicht verstehen, wie Leute diese wirklich schöne Darbietung so ganz anders sehen konnten, ganz im Gegensatz zu meinen Empfindungen. Für mich war die Musik mitreißend, die Natürlichkeit der Körper der Darsteller in ihren gekonnten, graziösen Bewegungen ein Genuß gewesen.
Ich schaute ständig umher, um John zu erblicken. Mein englischer Kolonialoffizier war auch nicht zu sehen. So hoffte ich, daß er sich seine Einladung doch noch einmal überlegt hatte.
Es verging eine ziemlich lange Zeit bis John hereinkam, mir vorwerfend: „Ich hab' dich überall gesucht. Ich dachte, du wärest nach der Vorstellung zur Garderobe gekommen. Hast du die ganze Zeit hier gewartet?"
Ich nickte und sprach über meine Begeisterung für das Ballett, was John offensichtlich gerne hörte: „Du bist ja richtig hin- und hergerissen“, sagte er scherzend.
Er schaute umher, grüßte Anwesende, die ihm Lob aussprachen. Er winkte in eine Richtung des Barraumes. Ich schaute in die Richtung und entdeckte meinen englischen Kolonialoffizier, der in einer Gruppe ihm ähnlich aussehender Männer saß.
John atmete immer noch schwer. Es muß doch sehr anstrengend sein, auf der Bühne so wild umherspringen zu müssen, hoch in die Luft, sich auf den Boden werfen, auf den Zehenspitzen trippeln. Ich stellte viele Fragen: über seine Ausbildung, das Training, die Anstrengung, das Gefühl, von Zuschauern bejubelt zu werden. „Es ist eigentlich das Schönste, was ich mir vorstellen kann", meinte John, „Leuten Freude zu machen. Es gibt wohl kaum ein größeres Erfolgserlebnis, als auf der Bühne stehen zu können..."
Ich würde auch gerne Schauspieler werden.
Wir redeten und redeten. Ich fand John hinreißend, hübsch, äußerst sympathisch. Ich hätte ihn umarmen können, mit ihm tanzen und springen. „Ich kann dir leider keine Freikarte mehr für die nächste Vorstellung besorgen", sagte er. „Aber wenn du willst, kannst du uns hinter der Bühne beobachten."
Ich hätte das schrecklich gerne getan, wandt aber ein, daß ich meinen Bus noch erreichen müsse und auch noch dem ehemaligen Kolonialoffizier versprochen habe, mit ihm essen zu gehen. „Ach, den kannst du vergessen“, meinte John. „Der will sich doch nur mit jungen Männern amüsieren. Laß dich mit dem nicht ein! Wenn du nach der Vorstellung nicht mehr nach Hause kommst, kannst du bei mir bleiben. Einverstanden?"
Ich schüttelte den Kopf und erklärte, daß ich bei Patres wohne, die mich erwarteten, und ich großen Ärger bekommen könne, wenn ich, ohne etwas angekündigt zu haben, nicht nach Hause käme.
John versuchte, mich dennoch zur Zustimmung zu seinem Vorschlag zu überreden. Ich hätte so sehr gerne eingewilligt, hatte aber zu große Angst, daß ich meine Unterkunft bei den so netten Patres verlieren, daß Pater Kurt außer sich sein und die Finanzierung meines Studiums in Gefahr geraten könne. Ich mußte ablehnen.
John schien sehr enttäuscht. Dann sagte er: „Ich muß mich jetzt beeilen“, und fügte hinzu: „Man merkt, daß du noch nicht selbständig genug bist. Treffen wir uns morgen am Dornen-Baum? (Name des Kaffeehauses, wo ich John am Nachmittag getroffen hatte.) Wann?"
„Vier Uhr?" schlug ich vor.
„Einverstanden“, erwiderte John. „Wiedersehen bis Morgen!" John verschwand.
Ich hätte mich so gerne weggeschlichen, um nicht mit dem älteren Herrn zum Abendessen fahren zu müssen, traute mich aber nicht und fand das auch nicht fair, da ich zugesagt hatte. Wie sollte ich mich aber verhalten? Einfach jetzt zu ihm gehen oder hinausgehen, um anzudeuten, daß ich bereit sei, mit ihm wegzugehen? Ich blieb einfach sitzen, wartete ab und bestellte noch eine Cola, die ich langsam trank. Ich vermied, zu meinem älteren Freund hinüberzuschauen. Als ich trotz allen Zögerns meine Cola doch fast geleert hatte, ging er an mir vorbei und sagte recht leise, ohne stehen zu bleiben: „Kommst du gleich nach?"
Er verließ die Bar, ohne sich umzuschauen. Ich fand das eigenartig. Sollte es niemand merken und mitbekommen, daß ich mit ihm verabredet war? War es etwas Unrechtes und Geheimnisvolles, was er mir vorgeschlagen hatte? Ich fühlte mich in einer unwohlen Situation. Wo würde ich ihn denn jetzt treffen? Ich bereute, die Einladung zu diesem Abendessen angenommen zu haben.
Ich deutete dem Kellner in unserer Landessprache an, daß ich jetzt zahlen wolle. Er winkte ab, was ich nicht Verstand. Daher ging ich mit meinem abgezählten Geld in der Hand zur Bar. „Willst du noch 'was?" fragte mich der Kellner. „Ist doch alles schon bezahlt."
„Von wem? Wieso?" wollte ich wissen.
„Du bist wohl noch von gestern", lachte der Kellner. „Sieh' zu, daß du nach draußen kommst. Er wartet doch schon auf dich."
Mir Schoß das Blut in den Kopf. Irgendetwas stimmte hier nicht. Ich fühlte, daß ich mich auf etwas eingelassen hatte, das nicht ganz richtig war, mich vielleicht in Gefahr brachte und daß ich bestimmt irgendetwas später bereuen würde.
Ich verließ aufgeregt und verunsichert die Bar, schaute draußen umher. Ein kurzes Hupen eines Autos machte mich auf meinen englischen Freund aufmerksam, der bereits den Motor Angelassen hatte und mir deutete, einzusteigen.
Wir fuhren in eine Gegend weit außerhalb des Stadtzentrums, die ich nicht kannte, hielten vor einem Hotel und stiegen aus. Ich schaute umher, entdeckte eine leuchtende Schrift über einem großen Gebäude und las: „Kasino". Wir gingen zu einem neben dem Hotel liegenden Restaurant, das, nach der Reklameleuchtschrift zu urteilen, wohl koreanische Speisen anbot.
„Hast du schon mal koreanisch gegessen?" fragte mich mein Gastgeber. Ich schüttelte den Kopf, was er wohl nicht gesehen hatte; denn er wiederholte die Frage.
Wir betraten einen sehr eleganten Raum mit vielen Bildern an den Wänden, mit hölzernen Löwen, die rot und golden angestrichen waren, unnatürlich große Augen hatten und komisch aussahen. Ein asiatisch aussehender kleiner Herr in schwarzem Anzug begrüßte meinen Gastgeber sehr devot und geleitete uns in den Speisesaal, in dem nur wenige Gäste waren, alle sehr elegant und altmodisch gekleidet: Die Herren meistens in schwarzen Beerdigungsanzügen, wie ich sie von Frankreich her kannte, die Damen in viel Weiß, reichlich mit Schmuck um Hals und Arme.
Die Wände des Saales waren dunkelrot tapeziert. Rote Lampions, verziert mit weißen Drachen, gaben ein gedämpftes, angenehmes Licht. Auf den mit weißen Tüchern bedeckten Tischen standen viele Gläser, Blumensträuße, rotgeblümte Teller mit Goldrand.
Ich mußte mich zuerst setzen. Zwei Kellner in weinroten Anzügen mit schwarzen Schleifen um die Kragen ihrer weißen Hemden bemühten sich, die Stühle unter uns schieben. Als der Stuhl meine Kniekehlen berührte, knickte ich ein, setzte mich automatisch und lachte verlegen; aber niemand verzog eine Miene.
„Trinkst du einen Aperitif?" fragte mein Gastgeber. Da ich nicht wußte, was das war, mir aber keine Blöße geben wollte, nickte ich.
Es wurde eine Bestellung aufgegeben, an deren Einzelheiten ich mich nicht mehr erinnern kann oder ehrlicher gesagt: Ich Verstand die Namen der Getränke nicht.
Ich erhielt eine große Speisekarte, die in mir unbekannten, aber sehr schön anzusehenden Schriftzeichen, mit klein gedrucktem englischen Text darunter, hunderte von Speisen auflistete: Chopsuey, Wantong und andere Bezeichnungen, die ich nie vorher gesehen hatte und auch jetzt nicht mehr genau wiedergeben kann.
Mein Gastgeber beriet mich, schlug etwas vor, weil ich mich nicht entscheiden konnte. Mir war es peinlich, die Kellner neben uns warten zu lassen. Daher nickte ich einfach bei irgendeinem Vorschlag.
Es wurde für mich ein Glas mit einer gelblich-orangen Flüssigkeit und Eis gebracht. Mein Gastgeber erhielt wahrscheinlich Whisky, der Farbe nach zu urteilen.
Ich versuchte mein Getränk, was mir den Atem verschlug. Es schmeckte wie ekelhafte Medizin. Mein Gastgeber prostete mir zu, wie ich das schon in einem Film gesehen hatte. Ich fühlte mich völlig verunsichert, fing an zu schwitzen und nervös zu werden.
Ich faßte den Entschluß, meinem Gastgeber zu beichten, daß ich noch nie in einem solchen Restaurant gegessen hätte und ihn sicher auch blamieren werde, da ich weder Tischsitten noch sonstige Verhaltensregeln kennen würde.
Er lachte verschmitzt: „Es ist alles das erste Mal im Leben“, meinte er beruhigend. „Keine Angst! Beobachte, was ich mache, und tu's mir einfach nach."
Er begann von sich zu erzählen, den Aufständen in Malaysia, bei denen seine ganze Familie getötet worden sei, seiner Versetzung nach Kenia, den Unabhängigkeitskämpfen, den Terroranschlägen der Mau-Mau-Gangster.
Es war zwar sehr interessant für mich, aber ich konzentrierte mich darauf, nur dann zu trinken, nachdem er das Glas erhoben hatte, die Hände so auf den Tisch zu legen wie er, mich so zu setzen wie er, war dabei völlig verkrampft. Mein Rücken schmerzte. Meine Beine begannen zu zittern. Ich merkte, als ich zwar auch die Beine übereinander geschlagen hatte, um eine gewisse Lässigkeit zum Ausdruck zu bringen, daß ich aber die Zehen krampfartig nach oben hielt, wodurch sich meine Waden spannten und verkrampften. Ich kann mich nicht erinnern, jemals in einer so unangenehmen Situation gewesen zu sein.
Die Suppe, die mit einem verzierten Porzellanlöffel gegessen wurde, hatte mir sehr gut geschmeckt.
Ich hatte wieder diesen medizinischen Alkohol bekommen, der meinen Kreislauf beeinflußte, mir eine Art Schwindelgefühl gab, mich aber etwas entkrampfte.
Jetzt ahnte ich, warum man Alkohol trinkt, nämlich um gesellschaftliche Zwänge zu überstehen. Ich faßte Mut und trank mein Glas plötzlich in einem Zuge aus, hatte dabei das Gefühl, als ströme ein Teil der Flüssigkeit in meinen Beinen hinunter bis in die Zehenspitzen. Mir war plötzlich ganz wohl. Ich konnte meine Füße bewegen. Die Verkrampfungen ließen nach.
Ein älteres Ehepaar kam auf uns zu: Herr in dunkelblauem Anzug mit Goldknöpfen, Frau in hellblauem, bis auf die Erde reichenden, buschigem Kleid, mit tiefem Ausschnitt. Sie trug mehrere Ketten um ihren faltigen Hals, einige in Gold, andere mit Glassteinen besetzt.
„Mensch Marc, dich hat man lange nicht gesehen“, rief der Herr.
Mein Gastgeber und ich waren beide aufgesprungen. Ich verbeugte mich höflich bei der Begrüßung. Man wechselte noch einige Worte, und das Ehepaar begab sich an einen anderen Tisch.
Marc hieß also mein Gastgeber. Endlich wußte ich einen Namen. Er hatte mich immer mit meinem Namen angeredet, konnte mich sogar mit vollem Namen vorstellen.
Leider habe ich immer das Problem, mir bei einer Vorstellung die Namen nicht merken zu können. Marc hatte damit wohl kein Problem.
Die Speisen waren ausgezeichnet, die mein Gastgeber mit Stäbchen aus echtem Elfenbein - wie er sagte - zu sich genommen hatte. Ich konnte mit diesen Werkzeugen nicht umgehen. Alles, was ich zu greifen versuchte, rutschte wieder auf den Teller. Ich war verzweifelt gewesen und nahezu in Panik geraten. „Nimm' doch den Löffel!" hatte Marc geraten. Ich war erleichtert, mit einem mir bekannten Instrument umgehen zu dürfen.
Ich hatte durch die lösende Wirkung des Alkohols Schwierigkeiten, nicht einfach wegen geringfügiger Anlässe laut lachen zu müssen. Ich verspürte einen solchen Drang, albern zu werden, zu kichern und Unangebrachtes zu sagen. Marc wirkte sehr souverän, hatte seine Stimme, seine Gebaren überhaupt nicht verändert, obwohl er nach meiner Schätzung mindestens die doppelte Menge getrunken hatte wie ich. Außerdem hatte ich ihn doch schon vorher im Theater Alkohol trinken sehen. Vielleicht wirkte die Medizin nicht mehr so sehr auf ihn wie auf mich.
Er konnte sehr interessant erzählen, kommentierte seine Geschichten sehr kritisch, Verständnis zeigend für die Aufständischen, von denen er berichtete. Auch analysierte er gesellschaftliche Ereignisse sehr gut.
Ich begann, ihn zu mögen, und hörte ihm gerne zu.
Nachdem ich Nachspeise gegessen hatte: Vanille-Eis mit Lychees, wie die Früchte, glaube ich, hießen, fragte Marc, ob er mir noch etwas bestellen dürfe. Ich lehnte dankend ab.
„Was machen wir anschließend?" fragte Marc und schlug vor: „Möchtest du dir das Kasino ansehen?"
„Ich weiß nicht genau, was Kasino bedeutet“, gab ich zu. Marc klärte mich ausführlich auf.
Ich bemerkte aber, daß es schon zu spät geworden sei, ich unbedingt nach Hause müsse und nicht wisse, ob überhaupt noch ein Bus zu erreichen sei.
„Ich kann dich nach Hause bringen, wenn du unbedingt dort hin
willst“, tröstete Marc.
Ich erklärte ihm meine Situation, berichtete kurz von den Patres, die er, wie er behauptete, ganz gut kenne. „Ich werde jetzt Pater Paul anrufen", sagte er. „Es ist besser, ihnen zu erklären, wo du bist, daß ich mich um dich kümmere und sie nicht annehmen müssen, du seist unter die Räder gekommen."
Er rief einen Kellner und bat um ein Telefonbuch. Nach einigem Blättern stand er auf und verließ mich mit dem Buch.
Ich schaute zu dem Ehepaar, das uns begrüßt hatte, und traf mich mit den Blicken der Frau, die freundlich lächelte. Sie stand auf, kam heran, fragte, was ich in Nairobi mache. Ich erzählte von meinem Studium und daß ich bei den Patres wohne, die „Marc" gerade anriefe.
„Es ist so ein guter Mensch dieser Marc“, sagte sie. „Er hat schon so viele Stipendien ausgesetzt, ist absolut korrekt und vertrauenswürdig."
Mir war unangenehm, daß ich seinen Vornamen genannt hatte, konnte mich aber nicht verbessern, da ich seinen Familiennamen gar nicht kannte.
Es dauerte recht lange, bis Marc zurückkam, noch einige Worte mit der Frau wechselte, die zurück zu ihrem Platz ging. „Hat etwas lange gedauert, bis ich jemanden ans Telefon bekam. Deine Patres habe ich beruhigen können. Ich habe ihnen sogar angedeutet, daß du vielleicht gar nicht mehr diese Nacht heimkommen wirst. Wir können also noch ins Kasino gehen oder, wenn du willst, zu mir nach Hause. Dort können wir noch ein wenig trinken und uns schlafen legen, nachdem ich bemerkt habe, daß du recht häufig gähnen mußt."
Ich war mir sicher, daß ich mich auf keinen Fall darauf einlassen sollte, mit zu Marc nach Hause zu fahren, obwohl ich nicht genau sagen kann, aus welchem Grunde nicht. Ich überlegte krampfhaft, wie ich diesen Vorschlag abwehren könnte. Mir kam eine rettende Idee, wie ich meinte und sagte, nachdem ich vage seinem Vorschlag zugestimmt hatte: „Ich muß aber unbedingt vor den morgigen Vorlesungen nach Hause, um mir einige Unterlagen zu holen und mich vorzubereiten. Ich bin noch zu abhängig von meinen Büchern und werde ohne gründliche Vorbereitung auf keinen Fall folgen können."
„Aber morgen ist doch Samstag!" rief Marc. „Da laufen doch keine allgemeinen Vorlesungen."
Ich begann zu zittern und sah keine Ausfluchtmöglichkeit, diesem Einwand zu begegnen, log dann jedoch: „Nun, wir haben eine kleine Gruppe von Studenten gebildet, die sich mit einem Dozenten treffen will, um in einem Repetitorium Kenntnisse zu vertiefen und vorzuarbeiten."
Marc lobte meinen Eifer und zeigte sich erfreut, daß ich wohl mein Fortkommen nicht aus den Augen verlieren wolle. Wir statteten dem Kasino einen kurzen Besuch ab, und Marc brachte mich den weiten Weg zurück nach Hause, begleitete mich in das Kloster {falscher Ausdruck, da Jesuiten nur ein »Ordenshaus« haben können}, um mit den wenigen Patres, die noch nicht zu Bett gegangen waren, eine Flasche Wein zu trinken und zu plaudern.
Ich bedankte mich noch einmal sehr, verabschiedete mich und
zog mich in mein Zimmer zurück.
Donnerstag, 25.4.1974
Ich liebe John wirklich sehr, zu sehr, muß immer an ihn den-ken, in den Vorlesungen, Tag und Nacht und wo immer ich bin. Ich kann in der Schule überhaupt nicht mehr folgen, versuche, mich von meinen Gedanken loszureißen und dem Dozenten zuzuhören. Aber es gelingt nicht. Was soll nur werden? Ich werde kei-ne Klausur schreiben und niemals ein Examen machen können. Ich weiß, daß ich mein Leben zerstören, niemals einen Beruf ausüben können werde. Ich möchte aus den Vorlesungen und Kursen weglaufen, einfach zu John, um ihn in meine Arme zu schließen, um ihn zu fühlen. Nur dann bin ich glücklich und habe das Gefühl einer Geborgenheit.
Ich mag nichts essen, bin richtig krank, wahnsinnig eifersüchtig und fühle unsagbare Schmerzen, wenn er sich angeregt mit jemandem unterhält. Wenn ich nicht mit ihm zusammen bin, ist es so, als fehle etwas an mir, in mir.
Ich habe einen Brief der Verzweiflung an Pater Kurt geschrieben, ihm alles gebeichtet, worüber ich jetzt selbst erschreckt bin. Er wird entsetzt sein, mich verabscheuen und verstoßen; denn er antwortet nicht. Warum habe ich mich auch hinreißen lassen, in solcher Offenheit zu schreiben. Aber ich muß mich doch jemandem anvertrauen können. Mit den Patres kann ich doch auf keinen Fall sprechen und auch nicht mit meinen Studienkollegen. Was würden die von mir denken? Ich würde mich der Lä-cherlichkeit preisgeben. Marc? Natürlich würde er mich verstehen. Aber mit ihm will ich nicht sprechen.
John versteht mich nicht, will mich nicht verstehen, wenn ich über meine Gefühle rede. Er lacht und bezeichnet mich als kleinen, unerfahrenen Jungen. Dennoch bin ich sicher, daß er ähnlich wie ich fühlt. Er will es sich vielleicht gar nicht eingestehen.
Zuerst habe ich geglaubt, wir müßten unterschiedlich sein, so wie rein äußerlich, so auch im Denken und Fühlen. Er ist Europäer, weiß, blond und blauäugig; ich dunkel, fast schwarz, kraushaarig, schwarzäugig. Dennoch bin ich überrascht, wenn wir voreinander stehen, uns umarmen, uns gegenseitig an unseren Körpern erfreuen, wenn ich uns betrachte, an uns hinunterschaue, dabei Feststelle, daß wir gleich groß sind, gleich breite Schultern und gleichen Muskel- und Körperbau haben, die gleiche weiche Haut, die nur unterschiedlich gefärbt ist. Das ist allerdings sehr auffällig. Es sieht eigenartig aus, wenn ich meine dunklen Arme auf seine weißen Schultern lege. Das sieht wirklich recht komisch aus, wie ich zugeben muß. Sein Gesicht ist auch ähnlich aufgebaut wie meines, mit Nase, mit Kinn, Mund, Augenpaar, an deren Lindern lange Wimpern wachsen. Es ist lustig, wenn sich bei ihm der Adamsapfel, wie man dieses Ding wohl nennt, beim Schlucken und Sprechen auf und ab bewegt.
Warum gibt es eigentlich Augenbrauen? Ich versuche mir Menschen vorzustellen, die keine Augenbrauen haben. Wie mag das aussehen? Ich habe Skizzen von Gesichtern ohne Augenbrauen angefertigt, um zu studieren, wie das wirkt. Eigentlich sehen die Gesichter nicht zu sehr verändert aus, wenn eben diese Haare über den Augen fehlen.
Ohren von Menschen sehen eigentlich nicht so schön aus wie bei den meisten Tieren, zum Beispiel bei Hunden und Katzen oder Ziegen. Nur Affen haben ähnliche Ohren wie wir. Aber sonst se-hen Affen doch ganz anders aus. Ich habe eigentlich noch nie einen Affen richtig beobachtet. Ich glaube, die Augen stehen enger beieinander. Haben diese Tiere auch Wimpern und Augenbrauen? Das weiß ich gar nicht. Dann haben Affen auch eine ganz andere Mund- und Kinnausbildung. Wie können die Europäer uns Afrikaner überhaupt mit Affen vergleichen? Dann könnte man sie, die Europäer, als Verwandte der Schweine betrachten, mit ihrer rötlichen Haut, den bei manchen Männern und auch Frauen aus der Haut sprießenden Borsten, mit ihren unförmigen Bäuchen. Ich se-he jedenfalls nicht wie ein Affe aus und John nicht wie ein Schwein. Wir sind, das kann ich wohl behaupten, ein äußerst gut aussehendes Menschenpaar, so schöne Exemplare, wie man sie sel-ten zu sehen bekommt, was Marc einmal so gesagt hatte. Ich bin stolz darauf, wie ich aussehe, und ich fühle mich so unendlich glücklich, daß ich John habe.
Unser Puls schlägt gleich schnell, wie ich bei John gefühlt habe. Das ist wohl bei allen Menschen gleich, so wie ihre Kör-pertemperatur auch. Die Körpertemperatur wurde ja von Mister Fahrenheit als Bezugspunkt für seine Temperaturskala verwandt. Die Körpertemperatur beträgt auf seiner Skala hundert Grad, und die Butter schmilzt bei Null Grad. Butter ist für den Menschen ein wichtiges Nahrungsmittel, und die Körpertemperatur ist ein Charakteristikum des Menschen selber. So gesehen hat Fahrenheit eine sehr praxisbezogene Temperaturskala entworfen, die daher sicher auch noch so weit verbreitet ist.
John berührt gerne meine Haut mit seinen Lippen, so wie ich umgekehrt auch seine. Wir küssen uns beide gerne. Wenn es einen Unterschied zwischen uns gibt, können es nur kleine Nuancen sein. Sicher gibt es Nuancen im Denken. Das ist nicht verwunderlich; denn jeder Mensch, jedes Lebewesen ist rein äußerlich, in seiner Erscheinungsform ein Individuum, das man aus der ganzen Serie seiner Art an eben diesen äußerlichen kleinen Unterschieden herausfinden, aus der Masse trennen kann. Selbst kein Baum gleicht dem anderen. Gerade bei Pflanzen fällt mir das auf. Tiere voneinander zu unterscheiden, fällt mir allerdings schwer, außer solchen in den Häusern.
Wenn also jedes Lebewesen ein Individuum schon rein äußerlich ist, muß doch auch das Fühlen, Denken, Handeln, die Intelligenz leicht nuanciert sein. Wenn ich mich mit meinen afrikanischen Artgenossen unterhalte und mit Weißen, dann stelle ich keine grundsätzlichen Unterschiede fest, sondern nur Nuancen.
Ich habe von Weißen schon solch einen Blödsinn reden hören, daß man manche für schwachsinnig halten muß. Man kann aber durchaus mit vielen von ihnen auf gleicher Welle schwingen. Ich kenne John inzwischen so gut, daß ich oft im Voraus ahne, was er gleich sagen wird.
Wie ist es möglich, daß die Natur doch keine völlig unterschiedlichen Menschen hervorgebracht hat, um Meter größere und viel kleinere, mit unterschiedlicher Körperform, unterschiedlich im Denken, Fühlen und Handeln, Herrenmenschenrassen und Sklavenmenschenrassen.
Daß es solche Rassenunterschiede gibt, wurde ja nicht nur in Europa sondern auch eine Zeit lang, wenn nicht sogar teilweise bis heute in Afrika geglaubt, daß nämlich die Weißen stärker sind, intelligenter, gottähnlich. Das sind sie durchaus nicht. Ich kenne inzwischen so viele von Ihnen, daß ich sicher weiß: Sie sind ganz genau so wie wir. Es gibt dumme, fanatische, habgierige, gutmütige, dicke, dünne, lange und kurze. Die ganze Variationsbreite bei ihnen ist die gleiche wie bei uns.
Auch die Weißen lassen sich verführen durch Führer, sind a-bergläubisch und was man rechtgläubig nennt, plappern das nach, was man ihnen beigebracht hat, in der Schule, von den Eltern, durch die Zeitungen, wie Pater Kurt und auch John zugeben.
Wir hier in Afrika glauben auch an Geister, vielleicht an an-dere als die Europäer und auch in einer etwas anderen Art. Vie-le hier lassen sich immer noch von Dorfältesten und Medizinmännern vorschreiben, was sie wie machen müssen. Insbesondere in den Dörfern werden junge Leute von den Eltern zu einer Ehegemeinschaft zusammengefügt, wo wie man ein Kuh zum Bullen bringt. Dabei hat die Kuh keine Wahl und der Bulle auch nicht.
Ich kann zwar grundsätzlich keine Gefühlsunterschiede zwischen John und mir feststellen. Aber er gibt sich doch anders als ich, tut überlegen, spricht nicht über Gefühle, ist aber sicher genau so an mich gebunden wie ich an ihn. Ich spüre es deutlich. Er streift doch auch durch die Stadt, um mich zu su-chen und zu finden. Wenn wir uns dann treffen, der Himmel weiß, wieso wir uns in einer so großen Stadt schließlich doch finden, dann sagt er sehr vorwurfsvoll: „Ich habe dich überall gesucht“, als sei ich fortgelaufen oder verloren gegangen.
Warum verletzt mich John oft? Neulich als ich fragte, ob er meine Haut besonders mag, sagte er: „Haut ist wie jede Haut."
Er gibt mir das Gefühl, daß ich nichts Besonderes bin. Dabei ist er für mich einmalig: Der schönste Mensch, den ich mir vorstellen kann, der sanfteste und der liebste. Warum kann ich das nicht auch für ihn sein? Er macht mich unsicher. Daher habe ich immer Angst, ihn zu verlieren. Ich habe mir vorgenommen, ihn zu hassen. Aber das ist unmöglich. Er ist so lieb, so zärtlich, was ich noch nie in meinem Leben erfahren habe.
Pater Kurt ist nett, verständnisvoll, jedenfalls bisher. Aber
er ist doch nie zärtlich zu mir gewesen. Das Zusammensein mit Lehrer MacDunhill
im Boot auf dem See brachte mir unbeschreibliche Lust und Befriedigung. Aber
auch er war nie zärtlich, indem er mich einfach in den Arm nahm, mich
streichelte und liebkoste, was ich mir so sehr gewünscht hätte. Diese schöne
Erfahrung habe ich nur mit John erlebt.
Da ich manchmal nachts nicht nach Hause fahre, machen sich die Patres Sorge. Sie befürchten, daß ich etwas Unrechtes tue, mich herumtreibe, mich mit Mädchen Abgabe, einen unrechten Lebenswandel führe, wovor sie mich immer wieder warnen.
Das ich etwas Unrechtes tu, damit haben sie von ihrem Standpunkt aus ja auch recht.
John hat schon oft vorgeschlagen, daß ich zu ihm ziehen soll. Ich brauche dann nicht jeden Tag den weiten Weg zurückzulegen und hätte mehr Zeit für die Schule, meint er.
Warum sagt er mir aber nicht, daß er mich auch gerne bei sich hätte, daß ihm etwas an mir liegt und er mich daher dauernd bei sich haben wolle? Ich möchte so gerne dauernd mit ihm zusammen sein, würde sicher sehr glücklich sein, bei ihm wohnen zu können.
Ich liebe ihn doch so sehr und sage es ihm. Doch dann lacht er über mich: „Mein kleines schwarzes Schaf ist verliebt, liebeskrank."
Solche Worte tun mir weh. Weiß er nicht, wie er mich damit verletzt? Sagt er das sogar, um mich zu kränken? Ich wage nicht, ihn danach zu fragen.
Wenn doch nur Pater Kurt schreiben würde, welche Möglichkeiten er sieht, in die Stadt zu ziehen, zu John. Aber er wird mich verurteilen, mich hassen, sich von mir angewidert finden. Ich fühle es, daß er so reagieren wird, weil ich zu offen an ihn geschrieben habe. Jetzt schäme ich mich.
Ich kann nur nicht verstehen, daß er damals meine Beziehung zu MacDunhill, die ich ihm gebeichtet habe, tolerierte, ohne mir große Vorhaltungen zu machen.
Samstag, 27.4.1974
Pater Kurt hat doch endlich geschrieben. Aufgeregt und mit äußerst gespannter Neugierde riß ich den Umschlag auf, den mir Pater Paul überreicht hatte, und laß:
„Mein lieber Junge,
heute habe ich Deinen ausführlichen Brief von der Post abgeholt. Du schreibst mir entsetzlich schlimme Dinge. Dennoch danke ich Dir für Deine Offenheit und Dein Vertrauen zu mir. Da du mich „dringendst" um Rat und Hilfe bittest, antworte ich gleich, ohne zu wißen, was ich raten und wie ich helfen kann. Das, was Du tust, ist nach moralischer Norm sündhaft, gegen die Natur und streng verwerflich. Du schreibst und gibst zu, daß Du es weißt. Du sagst auch, daß Du lieber nicht mehr leben willst als von John abzulaßen, daß Du vergeblich versucht und mit Dir gerungen hast, Deinem „Trieb" und Deinem „unbezwingbaren Verlangen" entgegenzuwirken. Ich glaube Dir das und will nicht, wie man sagt, den Stab über Dir brechen, „den ersten Stein werfen". Einerseits müßte ich Dich drängen, Dich beschwören, unerläßlich auf Dich einwirken, damit Du zu einem sogenannten normalen Leben, zu einer Anerkennung der von der Natur und den Menschen gesetzten Ordnung findest; aber andererseits mußt Du selber wissen und entscheiden, was Du tust. Bist Du Dir darüber im Klaren, daß Deine Beziehung zu diesem John nach den bestehenden Gesetzen sogar mit empfindlicher Strafe belegt wird, wenn eine Anzeige erfolgt oder Euer Treiben Euer Zusammensein entdeckt wird?
Hat Dich dieser John ver... Verlangst Du von mir, daß ich Dich dabei unterstütze, gegen bestehende Gesetze zu verstoßen? Ich glaube, das ist zu viel verlangt. Wenn Du tun mußt, wovon du „nicht lassen kannst", dann mußt Du Deine Entscheidungen mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen auch selber treffen, ohne Unbeteiligte hineinziehen zu wollen. Das mag jetzt hart und enttäuschend für Dich sein, wenn ich Dir so offen meine Meinung sage. Aber ich kann und darf nicht anders handeln. Sei versichert, daß ich Dich niemals „verstoßen", sondern immer lieben und in Gedanken bei Dir sein werde, ganz gleich was Du tust, ganz gleich, ob Du strandest. Ich persönlich habe kein Recht, Dich zu verurteilen. Christus hat schon vor fast zweitausend Jahren gewarnt: „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!“ Ich kann und darf, das muß ich nochmals betonen, Deine Handlungsweise niemals billigen und werde die Hoffnung nicht aufgeben, daß Du Deine Probleme durch eigene Kraft lösen und den rechten Weg finden wirst. Bitte, bitte, bemühe Dich tapfer! Jeder Mensch steht einmal in Widersprüchen zu dem, was er tun muß und tun möchte. Die meisten schaffen es, den rechten Weg, trotz aller Versuchungen, Verirrungen und Verlockungen, zu finden. Mehr kann ich Dir nicht sagen.
Sei umarmt. In Liebe Dein Pater Kurt."
Ich fühlte mich so sehr allein gelassen, warf mich aufs Bett und weinte wie ein kleiner Junge. Nachdem ich mich etwas beruhigt hatte, versuchte ich klar zu denken, was aber sehr schwer war.
Warum wurde ich so von John angezogen, seinem Körper, seiner Erscheinung? Ich zwang mich, daran zu denken, welches Mädchen ich anziehend gefunden haben könnte und wurde mir bewußt, daß das niemals der Fall gewesen war. Ich finde den Körper einer Frau abstoßend, diese breiten Hüften, diese muskellosen, weichen, babyhaften Glieder, von einer unnatürlichen glatten und mich abstoßenden Haut umspannt. Nichts würde je meine sogenannten männlichen Gefühle beim Anblick einer Frau reizen können.
Es ist übertrieben zu sagen, daß Frauen mir unangenehm sind, ich sie nicht berühren könnte; nein, keineswegs. Ich könnte eine Frau umarmen, warum nicht, aber ohne einen besonderen Reiz dabei zu empfinden.
Mir wurde klar, daß ich wohl anders als die meisten Männer empfinde, die mit Begeisterung von schönen, aufreizenden Frauen berichten. In Kreisen meiner Studienkollegen wird fast über kein anderes Thema gesprochen als über den Wunsch nach Befriedigung mit einer Frau.
Ich bin also nicht normal, also das, was man pervers nennt, werde mich immer verstecken müssen, da meine Gedanken und Wünsche sogar unter »empfindlicher« Strafe stehen.
Aber die Patres warnen mich auch immer vor den Gefahren, die auf mich lauern und die von Frauen ausgehen, die mein Studium in Gefahr bringen würden, die, ja, wie soll ich sagen, so etwas wie einen Teufel im Leib haben müssen, wenn ich die strengen Glaubensbrüder richtig interpretiere. Sie geben mir das Gefühl, daß ich sogleich in den Abgrund der Hölle gleiten würde, wenn ich auch nur Gelüste auf eine Frau verspüre. Vor Männern hat mich nie jemand gewarnt.
Ich bin mir plötzlich völlig klar über meine Empfindungen den beiden Geschlechtern gegenüber. Mit Frauen hatte ich immer problemlos und ungehemmt Zusammensein und sprechen können. Sie sind für mich wohl ganz „neutrale" Wesen, wie Kinder, Pflanzen und Tiere, die man sogar jederzeit anfassen kann. In der Gegenwart von Männern war das völlig anders: Manche fand ich aufreizend, was wohl das richtige Wort ist. Schon ein bloßer, wohlgeformter Fuß, an und auf dem man die Sehnen sich bewegen sehen konnte, zog mich an. Das ist doch überhaupt nicht zu erklären; denn wie kann einer einen Fuß, auf dem man Sehnen oder sogar Adern sieht, schöner finden als den sicher objektiv glatteren, eigentlich besser geformten einer Frau? Natürlich stimmt etwas mit mir nicht. Wie kommt das? Jedes Mal, wenn ich einem, mir reizvoll erscheinenden Mann gegenüber bin, beunruhigt mich etwas, macht mich kribbelig (kann man das sagen?). Ich fühle mich gehemmt. Finde ich jedoch einen Mann häßlich, wenn er beispielsweise dick, schwammig, stark körperbehaart ist und kaum Haare auf dem Kopf hat, dann fühle ich mich abgestoßen. Ich könnte einen solchen Menschen nur widerwillig berühren, bin also ebenfalls gehemmt, und kann mich in seiner Gegenwart kaum natürlich verhalten. Warum ist das bei mir so? Frauen haben keine Körperbehaarung, stoßen mich dennoch ab. Frauen sind objektiv schöner, glatt, ohne Stoppeln oder Bart im Gesicht, was mir trotzdem widerlich ist. Ich versuche zu überlegen, welche Gründe es geben mag, die bei mir diese Gefühle hervorrufen. Kommt es daher, daß man schon als Kind nicht mit Mädchen Zusammensein durfte, daß dauernd von den Erwachsenen Warnungen vor einem Sich-Einlassen mit Frauen gegeben werden, so daß schließlich eine Frau als Gefahr angesehen wird?
In unserer Gesellschaft kann man mit Jungen raufen, sie anfassen, drücken. Männer gehen Hand in Hand über die Straße {in Afrika völlig üblich}. Man kann einem Mann den Arm auf die Schultern legen. Das sieht man überall und wird keineswegs als anstößig empfunden. Man ist immer nur mit Männern zusammen. Ist der Grund meiner Abartigkeit erziehungsbedingt? Das kann auch nicht zutreffen; denn dann müßten alle Männer so empfinden wie ich; denn sie sind doch unter gleichen Umständen aufgewachsen wie ich. Vielleicht tun sie es, geben es aber nicht zu, müßen sich genau so verstecken wie ich. Das kann doch auch nicht sein. Es können doch nicht alle Männer, die eigentlich die Regeln und Gesetze machen, gegen ihre Empfindungen gehandelt haben. Könnte der Grund, daß meine Mitmänner gegen ihre eigenen Empfindungen handeln, etwa darin liegen, weil sie meinen, Kinder produzieren zu müssen? Auch das ist ja wohl kein hinreichender Grund. Nein, nein, mit mir muß irgendetwas besonders nicht in Ordnung, in der Ordnung sein.
Aber ich bin mir zum ersten Mal ganz über meine Empfindungen im Klaren. Ich werde mich niemals in eine Frau verlieben können. Das ist ausgeschlossen. Ich werde mit einer Frau niemals ein solches Glückserlebnis haben können wie mit John, der ein wunderschöner, ja, der schönste Mann ist, den es gibt.
Ich muß mich entscheiden, wie Pater Kurt schreibt. Es gibt für mich nur eine Entscheidung: für John. Ja, ich will mich dazu bekennen, nicht unbedingt nach außen hin, aber geheim für mich in meinem Inneren.
Während ich meinen Gedanken nachhing und versuchte, über mich selbst Klarheit zu finden, klopfte es an die Tür. Mir wurde angedeutet, daß Besuch für mich da sei.
Ich wurde sehr aufgeregt und dachte nur, daß es John sein würde, wollte losrennen, beherrschte mich aber, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen. Zu meiner großen Überraschung fand ich Pater Kurt im Speisesaal, umgeben von den Patres.
Keiner beachtete mich. Ich wartete außerhalb der Gruppe. Plötzlich drehte sich Pater Kurt um, kam mit ernster Miene auf mich zu, umarmte mich, was mir sogleich die Tränen in die Augen kommen ließ. „Können wir in dein Zimmer gehen? Ich muß mit dir reden."
Auf dem Wege zu meinem Raum entschuldigte sich Pater Kurt für seinen Brief: „Ich hatte die große Befürchtung, daß dir mein Brief übel zusetzen würde. Ich empfand plötzlich eine solche Unruhe, daß ich mich gleich in den Wagen gesetzt habe und sofort hergekommen bin."
Ich konnte meine Tränen nicht unterdrücken, umarmte ihn und schluchzte: „Ich danke dir."
Erst viel später fiel mir zu meinem Entsetzen ein, daß ich auf Deutsch das vertrauliche Wort du gebraucht hatte.
Pater Kurt erklärte Pater mir: „Du hast mich um Hilfe angefleht, und ich habe dir mit meinen Zeilen gar nicht geholfen. Ich war wohl selbst in bestimmten Gefühlen verstrickt, habe Sätze formuliert, die ich zwar immer noch vertrete, aber nicht kommentarlos so stehen lassen darf. Bitte, rede offen mit mir. Du sagst, ich sei der einzige Mensch, bei dem du es wagst, dich ganz anzuvertrauen. Tu es. Dafür bin ich jetzt hier."
Ich konnte vor Rührung nicht reden, stotterte und schluchzte zwischendurch, wie ein kleiner Junge, der etwas angestellt hat und von seinem Vater zur Rede gestellt wurde. Ich fing mich aber und berichtete zuerst über meine Überlegungen, die ich über meine Empfindungen den beiden Geschlechtern gegenüber angestellt hatte und über meine Auslegungen.
„Was kann ich tun, lieber Vater?" bat ich. „Soll ich mich mein ganzes Leben lang foltern? Soll ich mich peitschen, damit der Teufel von mir weicht? Soll ich fasten?"
Pater Kurt lachte: „Wie kommst du denn auf solche Ideen? Den Teufel hast du nicht in dir. So etwas gibt es ja gar nicht. Es haben sich aber viele Menschen selbst gemartert und gequält, von den psychischen Qualen einmal ganz abgesehen, um sogenannte Gelüste, sogenannte Lustempfindungen zu bestrafen. Das halte ich für Quatsch. Entschuldige, jetzt bin ich selbst verwirrt, und weiß nicht, was ich sagen müßte."
Er schwieg. Seine Augen wanderten hin und her, so wie er es immer tat, wenn er angestrengt überlegte.
Ich unterbrach die Pause: „Warum werden meine Sehnsüchte, mein Wunsch mit John Zusammensein zu wollen so sehr verurteilt? Wir sind zusammen so glücklich. Wem schaden wir? Unrecht kann doch nur etwas sein, was einem anderen Lebewesen schadet, oder?"
Pater Kurt zuckte mit den Achseln, schien nicht ganz hingehört zu haben. Ich wiederholte, was ich gesagt hatte. Pater Kurt schaute mich mit großen Augen streng an und meinte nach einer Weile des Schweigens: „Wem ihr schadet? Weiß ich nicht. Es ist einfach nur widerlich."
„Was ist widerlich?" wollte ich wissen.
„Nun, was ihr tut!" rief Pater Kurt in offensichtlicher Erregung.
Ich war schockiert, erschreckt und verstand nicht, wie er es meinte, warum er außer Fassung geriet.
Ich bin wirklich der Meinung, daß John und ich weder uns selbst noch auf gar keinen Fall einem anderen Mitmenschen den aller geringsten Schaden zufügen - im Gegenteil. Ich kann mir für mich persönlich keine schönere und angenehmere Zeit in meinem Leben vorstellen als mit John zusammen zu sein, ihn berühren und seinen Körper genießen zu können.
Ich wagte es noch einmal, diese Überlegungen Pater Kurt zu vermitteln. Er unterbrach meine stockend vorgetragenen Gedanken: „Laß' es gut sein" und fuhr mit leiser Stimme fort, so als ob er etwas zu Bedauerndes sagen müsse: „Ich kann deine Gefühle zu gut nachempfinden."
Er machte eine Pause und fügte hinzu: „Beenden wir erst einmal dieses Thema. Du schreibst, daß es dir schwer fällt, das Studium ordnungsgemäß weiterzuführen, und gibst als klaren Grund an, daß es daran liegt, weil du diese starke gefühlsmäßige Bindung zu John hast. Das ist, wie du auch schreibst, tatsächlich wohl wie eine Krankheit, wie alkoholsüchtig oder rauschgift-süchtig sein."
Er lächelte, als er das sagte und fuhr fort: „Ich kenne keine Heilung. Aber alles im Leben ist eine Frage der Zeit. Diese starken Gefühle werden abebben. Dein Zusammensein wird irgend wann zur Alltäglichkeit werden, zur Gewohnheit. Ganz allmählich wird man dann feststellen, daß die starken Gefühle einfach überhaupt nicht mehr vorhanden sind oder doch zumindest nicht mehr belastend. Es ist so ähnlich wie nach dem schmerzlichen Verlust eines geliebten Menschen. »Die Zeit heilt Wunden«, sagt ein Sprichwort. Bei Liebesbeziehungen schlägt sogar oft die anfängliche brennende Zuneigung, so wie du sie jetzt empfindest, in Abneigung gegen die ehemals geliebte Person um. Das finde ich sehr bedauerlich, habe es aber oft genug während der Abnahme von Beichten hören müssen: »Ich hasse meinen Mann so sehr«, sagte mir einmal eine ältere Frau, »daß ich ihn eines Tages umbringen werde«. In Beichten bekommt man wirklich alles zu hören, die ganze Palette der menschlichen Nöte, der Schwächen und Unzulänglichkeiten. Mir hat einmal sogar eine Frau einen Mord gestanden, der nicht entdeckt wurde. Ich habe ihr aber auch zu keiner Selbstanzeige geraten. Sie litt sehr darunter, büßte mit ihren Skrupeln und Selbstvorwürfen, konnte aber in ihrer Situation kaum anders handeln. Jemand hatte versucht, sie zu mißbrauchen, jemand, den sie sogar geliebt hatte. Ich will das nicht im Einzelnen erzählen. Kommen wir zurück zu deinen Problemen."
Er schwieg eine Weile. Ich wartete. Dann sagte er zögernd: „Also, die einzige Lösung scheint mir auch, daß du in die Hauptstadt umziehst. Ich werde das regeln. Hast du mit John darüber gesprochen, welchen Mietanteil du zu bezahlen hast?"
„Bitte, was?" Ich verstand nicht, was er meinte.
„Du hast mir geschrieben", erklärte Pater Kurt, „daß John ein Appartement hat, das dem Theaterbesitzer gehört. John wird sicher Miete dafür bezahlen müssen, und Wohnungen sind sehr teuer in Nairobi. Wenn ihr zusammenzieht, muß der Eigentümer informiert werden und einverstanden sein. Dabei wird er die Gelegenheit nutzen, die Mietkosten zu erhöhen, wenn er überhaupt einverstanden ist. Habt ihr das berücksichtigt?"
Ich schüttelte den Kopf. Daß es ein solches Problem geben werde, daran hatte ich nie gedacht, wußte auch nicht, ob sich John darüber im Klaren war.
„Dieser Punkt ist aber sehr wichtig", sagte Pater Kurt bestimmt. „Ihr könnt nicht einfach so zusammenziehen."
Pater Kurt überlegte, indem er seine Augen hin- und herbewegte. „Ich kann auf keinen Fall mit dem Theaterbesitzer sprechen. Das muß schon dein John tun und die Möglichkeiten, sowie sich eventuell ergebende Konsequenzen ausfindig machen. Wenn Miete gezahlt werden muß, weiß ich nicht, woher du das Geld bekommen könntest. Dein sogenanntes Stipendium, das dir deine französischen Verwandten ausgesetzt haben, reicht ja kaum in der derzeitigen Situation. Kann ich mit John sprechen? Das tue ich zwar auch nicht gerne, werde es aber wohl müssen, da ich nicht noch einmal hierher kommen kann. Es ist ja ziemlich weit."
Mir wurde jetzt erst bewußt, daß Pater Kurt eine ziemliche Strapaze auf sich genommen hatte, umso früh hierher zu kommen, und er hatte sich nach der Ankunft überhaupt nicht ausgeruht.
Er schlug vor, zusammen mit mir nach Nairobi zu fahren, um John aufzusuchen.
Wir fuhren direkt zum Theater, da ich wußte, daß John in der Probe sein werde. Der Leiter des Balletts sagte uns, daß John nicht erschienen sei. Schon seit Tagen mache er keinen guten Eindruck, wirke krank, abwesend und unkonzentriert, behaupte aber, nichts zu haben.
Wir fanden John in seinem Apartment. Er öffnete uns, nur mit einer engsitzenden, leuchtend roten Unterhose bekleidet, was mir vor Pater Kurt unangenehm war. John zog sich rasch ein bademantelähnliches, sehr schön bunt besticktes Gewand an.
Wir gingen in die Küche, da John Kaffee kochen und unbedingt einige Kleinigkeiten, wie er sagte, für uns zubereiten wolle. Er kann phantastisch kochen und in kürzester Zeit etwas regelrecht erzaubern.
Zu den von Pater Kurt angesprochenen Problemen meinte er lachend: „Das gibt überhaupt keine Probleme. Der Theaterbesitzer ist selbst ..." Er brach den Satz ab und fuhr fort: „Ich meine, wollte sagen, er ist, er, also er kann uns bestens verstehen. Es haben nämlich viele hier in den Appartements Freunde bei sich wohnen. Wir verstehen uns alle sehr gut."
Nach einiger Zeit des Schweigens sagte Pater Kurt: „Es war ja immer schon bekannt, daß die Leute am Theater nie in Gesetze und Normen gepaßt haben."
Wir sprachen noch lange Zeit über zwischenmenschliche Beziehungen, über Theater, mein Studium und dergleichen, ehe wir zurück zu den Patres fuhren. John wollte mitfahren, was Pater Kurt aber nicht für ratsam hielt.
Wir saßen eine ganze Weile schweigend nebeneinander in diesem lauten, klapprigen Käfer-Wagen.
„Was halten Sie von John?" wagte ich endlich zu fragen.
„Auf diese Frage habe ich gewartet“, erwiderte Pater Kurt, „ich kann sie nicht direkt beantworten. Ich kenne zu wenig von ihm. Ich könnte mir vorstellen, daß er zumindest als sehr gut aussehend bezeichnet werden kann, wenn du das hören willst. Aber ich habe kein gutes Gefühl, mich in diese Sache eingeschaltet zu haben, abgesehen davon, daß es mit meiner Missionsaufgabe völlig unvereinbar ist. Auch persönlich bin ich äußerst verunsichert. Ich finde das Milieu, in welchem du sein willst und sein wirst, nachdem John und du zusammenwohnen wollt, in keiner Weise gut für dich. Du bist aber erwachsen und mußt deinen Weg selbst gehen. Ich kann natürlich nur Ratschläge geben, die du aber sicher, wenn ich ehrlich meine Meinung sagen sollte, nicht befolgen wirst. Sprechen wir also nicht mehr darüber."
Pater Kurt sagte seinen sogenannten Glaubensbrüdern im Stammhaus, daß er für mich eine kostenlose Unterkunft bei einem Bekannten in Nairobi gefunden habe, ich also nicht mehr den weiten Weg zu machen brauche.
Er brachte mich noch zu John, ehe er den weiten Weg zurück nach Bungoma antrat.
Ich umarmte ihn beim Abschied, was ihm sehr peinlich vor den zuschauenden Theatermitgliedern war, die in Nachbarappartements wohnten. „Bist du verrückt?" rief er sogar laut, mich abwehrend.
Die Zuschauer raunten kichernd böse, beleidigende Worte, mit einer Anspielung auf eine intime Beziehung zu mir, was Pater Kurt sicher schockiert hat und mir sehr leid tut. Er ist wirklich ein guter Mensch, ein Freund, auf den man sich völlig verlassen kann, und ich bereite ihm soviel Mühe, Aufregung und Kummer. Aber ich kann nicht anders und will mein Leben endlich nach meinen Vorstellungen leben.
Diese Art von Abschied von Pater Kurt tut mir so leid, ein solch unangenehmer Abschied von einem Menschen, der so viel für mich und auch andere tut und sich mit all seiner Kraft einsetzt. Über ihn haben sich meine Nachbarn lustig gemacht, wie man sagt. Ich bin empört darüber. Selbst John, mit dem ich mich darüber unterhalten wollte, lachte und sagte sogar: „Ein komischer Kauz ist er doch, dein Pater."
Mir war so, als hätte mich John ohne Grund geohrfeigt.
John ist, da bin ich sicher, auch sehr glücklich, daß wir jetzt zusammen wohnen. Er hatte, während Pater Kurt mit mir zu den Patres gefahren war, um meine Sachen zu holen, so viel eingekauft, leckeres Essen in einer solchen Vielseitigkeit vorbereitet, daß wir Tage brauchen werden, um alles zu verzehren.
Wenn Nachbarn anklopften, um uns zu besuchen oder vielleicht etwas zu borgen, wies er sie schroff ab: „Heute will ich nicht gestört werden!"
Jetzt finde ich es schön, verliebt zu sein. Es ist wie die
Erfüllung eines Lebens, mit John zusammensein zu dürfen. Ich werde auch wieder
mit aller Kraft arbeiten, um mein Studium in der vorgegebenen Zeit erfolgreich
zu Ende führen zu können.
Mittwoch, 18.12.1974
Es war alles so aufregend gewesen, die Reisevorbereitungen und die Erwartung auf den Flug und auf neue Länder. Ich bin völlig erschöpft. Erst Vorgestern bekam ich mein Visum für die Türkei. Ich bin empört, daß wir als Menschen einer niederen Klasse angesehen werden. John braucht als Engländer nirgends ein Visum. Ich darf in kein Land fahren, ohne vorher erst Probleme zu haben.
Gestern Abend kurz vor Mitternacht war das Flugzeug mit der Theatergruppe, einschließlich John und mir abflugbereit in Richtung Rom gewesen, wobei wir alle sehr ausgelassen waren. Wir bildeten eine bunte Gruppe, in aller Art von Kleidungsstücken angezogen. Nichts war ernst genommen worden, auch nicht all diese Kontrollen. Zuerst wurden die Flugscheine sehr umständlich und langwierig kontrolliert. Dann folgten die Zollkontrollen, wobei die meisten Passagiere ihre Koffer öffnen mußten. Dann folgten die Passkontrolle, eine erneute Flugschein- und Bordscheinkontrolle, eine sogenannte Sicherheitskontrolle, bei der man unter den Armen gekitzelt wurde. John kicherte albern, als der Beamte fühlen wollte, ob er etwas unter den Achselhöhlen versteckt hielt. Ein Tänzer wollte unbedingt von der weiblichen Beamtin sicherheitskontrolliert werden. Zuerst reagierte das Beamtenvolk unwirsch. Als dann der Junge aber sagte, er würde so gerne von einer gut aussehenden Frau gekitzelt, tat die Beamtin ihm den Gefallen und alle Wartenden waren vergnügt.
Wir wurden in eine Halle eingesperrt, in der viele Reihen von aneinander befestigten Stühlen waren. Aber die meisten Fluggäste blieben stehen, gingen auf und ab, rauchten und gaben sich sehr souverän.
Mich interessierten die auf dem Rollfeld zu sehenden Flugzeuge. Da stand ein elegantes ziemlich dicht vor unserer Wartehalle. Es hatte vier Turbinen unter den Tragflächen, war mit Schläuchen verbunden zum Betanken, zur Entleerung der Toiletten, zur Kommunikation mit dem Flugpersonal und dergleichen mehr. „Wenn ein Flugzeug startbereit gemacht wird, sieht das so aus, als wäre ein Patient auf einer Intensivstation", hatte Marc mir einmal erklärt, der sogar ein Privatflugzeug hat und mich einmal zu einem Mitflug eingeladen hatte. Er sprach gerne über die Fliegerei. Für ihn wäre sie das Schönste, was es als Hobby geben könne, meinte er.
Viele Fahrzeuge umschwirrten emsig die ungewöhnlich große, auf dem Rollfeld stehende Maschine. Ob es wohl unser Flugzeug sein würde, hätte ich gerne gewußt, wagte aber niemanden danach zu fragen.
Da war auch eine italienische Touristengruppe in unserer Wartehalle, die gestikulierte, sehr laut redete und teilweise richtig zerlumpt gekleidet war.
Man sah nur wenige Schwarze {Afrikaner}. In unserer Gruppe gibt es außer mir nur noch ein schwarzes Mädchen. Auch in unserer Gruppe sind die Weißen in der Übermacht.
Erst jetzt fiel mir ein, daß ich nicht einmal weiß, als was die Ballettgruppe in der Türkei auftreten will, als kenianische Gruppe etwa? Ob die Türken vielleicht gar nicht einmal wissen, daß die meisten Afrikaner schwarz sind? Ich fragte John.
„Natürlich, treten wir als eine kenianische Gruppe aus Nairobi auf", sagte er.
Damit bin ich gar nicht einverstanden, daß die Europäer uns, die Afrikaner, im Ausland vertreten wollen. Wir haben auch sehr gute Tanzgruppen, mit ganz anderen Themen, anderer Musik und völlig anderen Tanzbewegungen. Sollen die Türken denken, wir würden so tanzen wie diese Theatergruppe?
Nach langem Warten stürmten plötzlich die meisten Leute in eine bestimmte Richtung. Das war wohl der Ausgang zum Flugzeug.
Eine Flügeltür in der von der Decke bis zum Boden reichenden Fensterwand wurde geöffnet, vor der sich zwei Frauen in blauer Uniform mit grünen Halstüchern und blauer Offiziersmütze gestellt hatten.
Ich wollte auch so rasch wie möglich zum Flugzeug eilen, aber John hielt mich zurück: „Wir haben Platzreservierungen. Keiner kann sich auf die Plätze eines anderen setzen. Es gibt also gar keinen Grund, sich zu drängen“.
Es dauerte unendlich lange, bis die vielen Menschen sich durch die Glastür gezwängt hatten. Nun waren wir auch bald an der Tür, wurden aber aufgehalten, nachdem das Abfertigungspersonal gesehen hatte, daß sich die Menschen auf der Treppe vor dem Eingang zu dem Flugzeug stauten, das ich vorher bewundert hatte. Ich war verärgert, weil ich nicht abwarten konnte, in die Maschine zu gelangen. Endlich durften auch wir über das Rollfeld gehen. Doch wieder stauten sich die Fluggäste auf der Eingangstreppe und bewegten sich kaum vorwärts: Ganz, ganz langsam, einen Schritt höher und wieder warten.
Wir erreichten einen eigenartig aussehenden Eingang, der wie eine Luke zu einem riesigen Rohr aussah. Das war also endlich der Einstieg zum Flugzeug, an dem wieder uniformierte Männer und Frauen warteten, auf unsere Bordkarten schauten oder uns einfach nur einen Guten Abend wünschten.
Wir waren endlich im Flugzeug, bewegten uns langsam weiter, durch einen engen Gang, beinahe so wie in einem Autobus, an Sitzen vorbei, die aber sehr schön aussahen, mit weicher Polsterung, sehr hochgezogen. Ein weißes Lätzchen war in Kopfhöhe befestigt.
Einige Leute saßen schon. Andere kramten und verstauten etwas in Kästen über den Sitzen. Der Gang war so eng, daß man nur an den Leuten vorbei konnte, wenn sie in die Sitzreihen traten. Wir gingen wie durch ein sehr langes, dickes Rohr und kamen in einen anderen Teil, wo auf jeder Seite jetzt drei Sitze nebeneinander waren, die gar nicht mehr so komfortabel aussahen wie die jeweils nur gepaarten Sitze vorher.
Ich fragte John, warum wir uns nicht auf die komfortableren Sitze setzen könnten. „Das ist die erste Klasse", antwortete er.
Es gab also auch hier Klassen, wie im Zug nach Mombasa.
"Kommen wir in die dritte Klasse?" wollte ich wissen. Ich dachte an die harten Holzbänke im Zug, ohne Lehnen und wirklich sehr unbequem. Darauf zu sitzen, ist anstrengend, wenn man eine so lange Reise macht.
„Die gibt es hier nicht", lachte John, mir gleichzeitig deutend, daß ich mich in eine Reihe setzen solle ans Fenster. Das war aber gar kein richtiges Fenster, nur eine ovale Höhlung, zu meiner Überraschung statt aus Glas mit einem durchsichtigen Kunststoff fest verschlossen, nicht einmal zum Öffnen. Das mußte doch nachher bei den vielen Menschen ganz schön stickig werden, dachte ich.
Hier war alles aus Plastik, die Wände, die Kofferschränke über den Sitzen, die Klapptische in der Rückenlehne des Vordersitzes, an deren Verschlüssen man sich die Fingernägel abbracht, wenn man sie herunterklappen wollte.
Es rauschte und zischte überall. Über uns kam eiskalte Luft aus ganz kleinen Löchern, die mir genau auf den Kopf blies und sehr unangenehm war. „Kann man die Luft nicht abstellen?" fragte ich John.
Er reckte seinen Arm, begann zu drehen, und die Luft hörte auf zu strömen.
Ich schaute aus dem Fenster und entdeckte hinter uns einen ganz langen Flügel, der aber sehr klein, meiner Ansicht nach zu klein aussah. Der sollte uns also in der Luft tragen? Unter dem Flügel hingen zwei dicke Turbinen. Das kam mir doch unwahrscheinlich vor, daß ein solcher Apparat, in dem wir saßen, flugfähig sein sollte.
Auf dem Boden des Flugfeldes fuhren sehr viele Fahrzeuge mit Koffern und großen Kisten umher. Allmählich verschwanden die kleinen Schlepper.
Die brausenden Geräusche wurden auf einmal stärker, gemischt mit einem röhrenden tiefen Ton, der langsam in höhere Frequenzen überging. Wurden jetzt die Turbinen angelassen? Fragte ich mich selbst, wollte aber von John, der sich mit seinen Nachbarn unterhielt, keine Bestätigung. Der hielt mich ja sowieso für das kleine dumme Schaf, das wie ein Kleinkind dauernd blöde Fragen stellt, wie er einmal sagte.
Ein Mann lief unter den Rumpf, zog an Ketten zwei Klötze hervor und rannte vom Flugzeug weg.
Über Lautsprecher hörte man Ansagen, die ich nicht verstand, wohl in Italienisch. Aber die nachfolgende Ansage in Englisch konnte ich auch kaum mitbekommen. Man sprach von Sicherheitsvorkehrungen, machte im Gang eine kleine Aufführung mit Masken vor dem Gesicht und einer gelben Weste. Wie ich später aus den Beschreibungen in der Tasche vor mir ersehen konnte, hatte man Sauerstoffmasken und Schwimmwesten vorgeführt.
Diese Fahrzeuge sind also doch nicht so sehr sicher, stürzen also hin und wieder ab. Mir war das ziemlich gleichgültig. Ich war mit John zusammen, und wir würden zusammen sterben. Vor dem Ende würde ich ihn dann noch einmal umarmen, bevor wir in den Flammen zusammengeschmolzen würden. Ein solcher Unfall war einmal mit einem großen deutschen Flugzeug in Nairobi passiert, das kurz nach dem Start nicht in die Luft kam, den Boden berührte und in Flammen aufging. Tagelang hatten die Zeitungen davon berichtet und faszinierende Bilder abgedruckt. Ich weiß leider nicht, wo die Brennstofftanks sind, in den Flügeln vielleicht. Dann hatten wir ja noch eine Chance, weil wir ein paar Meter davon entfernt saßen.
Das Flugzeug begann, sich langsam entgegen der Fahrtrichtung zu bewegen. Ich war etwas verwirrt und fragte mich, wieso? Doch es mußte wohl vom Flughafengebäude weggeschoben werden. Aber wer kann denn solch einen Koloß schieben. Da mußten ja schon einige Leute eingespannt worden sein. Ich sah aber niemanden.
Viel später habe ich gesehen, daß man dafür ein Spezialfahrzeug hat, das wie eine große, schwere, flache Kiste aussieht, ganz große Räder hat und vorne eine Stange mit der das Bugrad des Flugzeugs verbunden wird.
Unser Flugzeug blieb stehen, machte erst einmal eine kleine Verschnaufpause und rollte dann zur Startbahn.
Jetzt konnte man deutlich die Turbinen laufen hören, aber bei weitem nicht so laut wie ich mir das vorgestellt hatte. Es war kaum störend. Die Kabine war wohl sehr gut gegen Geräusche von außen abgeschirmt. Aber ich hatte mich getäuscht. Als nämlich die Maschine zum Start ansetzte, dröhnten die Motoren doch sehr laut, »röhren« heißt das wohl im Deutschen. Ich war von der Beschleunigung beeindruckt. In Sekundenschnelle hatte das Flugzeug ein Vielfaches der Geschwindigkeit erreicht, die Pater Kurt mit seinem Volkswagen überhaupt erreichen konnte. Die Lichter am Rande der Startbahn huschten vorbei. Aber das Flugzeug hob nicht ab. Ich bekam plötzlich Angst. Wir mußten doch schon längst das Ende der Startbahn erreicht haben. Ich merkte, wie meine Hände anfingen zu schwitzen. Das Flugzeug war zu schwer und kam nicht hoch, dachte ich, und wir würden ein ähnliches Schicksal erleiden, wie damals der deutsche Jumbo. Wohl im letzten Augenblick hob es sich vorne steil hoch, verließ aber immer noch nicht den Boden. Ja, man konnte die Räder stärker als zuvor rumpeln hören. Ich erschrak zu Tode, weil ich mir das nur so erklären konnte, daß wir bereits über die Startbahn hinaus geraten seien. Doch dann plötzlich wurden wir wie von einer wuchtigen Kraft in die Sitze gepreßt und der Boden unter uns verschwand viel schneller als es wohl der schnellste Fahrstuhl schaffen würde. Ich hätte vor Begeisterung klatschen können. Aber niemand tat das.
John unterhielt sich, alberte und lachte, als ginge ihn das alles gar nichts an. Die Menschen sind schon sehr eigenartig, solch ein gewaltiges Erlebnis einfach zu verschwatzen.
Es wurden wieder Ansagen über Lautsprecher gemacht, was in Englisch etwa so klang: „Bleiben Sie solange angeschnallt, bis die Leuchtzeichen über Ihnen erloschen sind". Erst jetzt entdeckte ich die erleuchtete Schrift, die sagte: Anschnallen. Warum mußte man eigentlich angeschnallt sein? Es ist wohl noch nie jemand von den für den Flugverkehr Verantwortlichen mit dem Bus gefahren? Dort wird man ja nun so richtig hin und hergeworfen. Da wäre Anschnallen sehr angebracht. Wenn man steht, kann man sich oft nur mit Mühe an den Haltestangen festhalten.
Als ich aus dem Fenster schaute, lag unter uns ein Lichtermeer. Das mußte wohl Nairobi bei Nacht sein. Es sah aus wie selbstleuchtende Perlenketten, die parallel liefen und sich kreuzten. Ich machte John darauf aufmerksam. Er beugte sich über mich hinweg, um aus dem kleinen Fenster zu schauen, in das nicht einmal zwei Köpfe paßten. „Sehr schön, wirklich schön", begeisterte er sich. „Macht dir das Fliegen Spaß?" lächelte er mich an. Ich nickte. Er küßte mich auf die Backe und drückte mich ganz fest an sich.
Plötzlich fing es an zu rumpeln, als führen wir über eine mit Schlaglöchern übersäte Sandpiste. Ich sah weiße Geister vorbeihuschen, die von der Beleuchtung aus der Kabine angestrahlt wurden.
„Wir sind in den Wolken“, erklärte mir John. „Da ist die Luft rauh, das heißt turbulent, und wir werden geschaukelt. Hast du Angst?" Er lächelte.
Ich zuckte mit den Schultern. Es dauerte nicht lange, dann flog das Flugzeug so ruhig, als stünde es fest und unbeweglich in der Luft. Es gab nicht die allergeringste Erschütterung. Das Turbinengeräusch ließ nach.
Es wurde erneut eine Lautsprecheransage gemacht. Das Anschnallzeichen erlosch und Uniformierte fuhren mit Servierwagen durch den Gang, die genau zwischen die beiden Sitzreihen paßten. Es gab etwas zu essen und zu trinken. Jetzt merkte ich doch, daß man sehr beengt saß. Ich konnte kaum mit den üblichen Eßwerkzeugen hantieren. Das Essen war nicht besonders gut. John bezeichnete es als billiges Kantinen-Essen. Darunter kann ich mir nichts vorstellen, da ich noch nie in einer sogenannten Kantine gegessen habe. Vielleicht konnte man die Speisen in unserer Schule in Kisumu als Kantinenessen bezeichnen. Aber das war ja nun unvergleichlich schlechter gewesen.
Nachdem die Speisereste weggeräumt waren, wurden Decken verteilt und die Hauptbeleuchtung ausgeschaltet. Viele Leute wanderten noch auf und ab, vielleicht um sich die Füße vor dem Schlafen zu vertreten.
Ich war sehr müde, hätte mich so gerne hingelegt, versuchte den Sitz möglichst weit nach hinten zu klappen, konnte damit aber auch nicht meine übliche Schlafstellung erreichen. Ich kann eigentlich nur auf der Seite liegend, John im Arm haltend, einschlafen. Dennoch bin ich, ohne es zu merken, bald in meinen Schlaf versunken. Ich war sicherlich durch all die Aufregungen um mein Visum, wegen der Reisevorbereitungen und des bevorstehenden Fluges sehr erschöpft gewesen.
An meine damalige Reise nach Frankreich, als ich gerade sechs geworden war, kann ich mich nur noch schwach erinnern. Ich hatte entsetzliche Angst, das weiß ich noch sehr genau und auch, daß das Flugzeug sehr laut war. Man hätte sich kaum unterhalten können. Es dröhnte furchtbar. Dann schaukelte es, hüpfte und sprang, rüttelte so sehr, daß ich lange davon geträumt habe. Aber wie das Flugzeug damals, insbesondere von innen ausgesehen hatte, das weiß ich wirklich nicht mehr. Zurück war ich mit dem Schiff gekommen, eine sehr lange und langweilige Reise, an die ich mich noch gut erinnern kann. Ich war ja auch schon fast dreizehn Jahre damals gewesen.
Durch eine Lautsprecheransage wurde ich geweckt, wachte mit
leichten Kopfschmerzen auf, fühlte in meinen Muskeln um den Nacken herum
stechende und ziehende Schmerzen, wenn ich den Kopf bewegte. John war nicht auf
seinem Platz. Ich blickte umher, konnte ihn aber nicht sehen. Als er zurückkam,
brachte er eine Cola für mich mit, die er aus der Bordküche geholt hatte. Er
gähnte andauern und sagte, daß er sehr schlecht geschlafen habe und sich nach
einem Bett sehne.
Die Decken wurden eingesammelt, und zwei Kellnerinnen (Stewardessen) servierten ein einfaches Frühstück.
Draußen konnte man einen sehr hellen Halbmond und einige Sterne sehen und tief unter uns Wolken. Das Flugzeug flog wohl sehr hoch, ganz ruhig. Man hörte deutlich das Rauschen des Fahrtwindes auf der Außenhaut der Kabine.
Nicht lange nach dem Frühstück wurden wir über Laufsprecher darauf aufmerksam gemacht, daß wir bald in Rom landen würden, uns anzuschnallen hätten und später nicht mehr rauchen dürften. Nun, das betraf weder John noch mich. Er haßte den Gestank, den die Raucher verbreiteten, noch mehr als ich. Ich kann wirklich nicht verstehen, wie jemand Genuß daran finden kann, Rauch einzuatmen. Wer ist bloß auf die Idee gekommen zu rauchen? Ich habe das auch einmal versucht. Mir wurde ganz übel. Ich mußte ganz schlimm husten, meinte, dabei zu ersticken. Der Versuch zu rauchen war wohl die schlimmste Erfahrung in meinem Leben. Rauchen ist doch wirklich widernatürlich. Am schlimmsten stinken Zigarren oder der Qualm einer Pfeife.
Man konnte deutlich merken, wie das Flugzeug zur Erde hinabsank, dabei in sehr rascher Frequenz rüttelte und zwar immer dann, wenn auf der Tragfläche Klappen senkrecht gestellt wurden. Daß die hochgestellten Bleche nicht vom Fahrtwind weggerissen wurden und das Flugzeug immer noch fliegen konnte, ist mir zumindest gefühlsmäßig nicht begreifbar; denn durch diese starke Beeinflussung des Tragflächenprofils in seiner Auftriebsdynamik dadurch, daß einfach ein Stück nach oben herausgeklappt wird, können doch die physikalischen Strömungsgesetze nicht mehr stimmen.
Plötzlich gab es einen Ruck, begleitet von polternden Geräuschen. Das Flugzeug holperte. Die Lautsprecheransage bat, die Zigaretten auszumachen, da wir bald zur Landung ansetzen würden.
John erkläre mir, daß jetzt die Fahrwerke ausgeklinkt worden seien und wir uns dem kontrollierten Absturz näherten. Dabei lachte er.
Wir hatten die Wolkendecke unterflogen. Man konnte Lichter auf der Erde sehen. Mit einem leichten Ruck berührte das Flugzeug den Boden, bremste unheimlich stark, wobei die Turbinen viel lauter waren als zuvor. Ganz langsam rollte die Maschine dann zum Flughafengebäude. Obwohl in der Lautsprecherdurchsage ausdrücklich darum gebeten worden war, noch so lange angeschnallt sitzen zu bleiben bis das Flugzeug seine endgültige Parkposition erreicht habe, standen schon viele Leute in den Gängen, kramten in den Gepäckkästen über den Sitzen, zogen sich Mäntel an und schienen es sehr eilig zu haben. Ich wurde auch nervös. John blieb ganz ruhig sitzen, sagte, daß wir über vier Stunden Aufenthalt hätten, also viel, viel Zeit.
Das Aussteigen ging rascher vonstatten als der Einstieg in Nairobi, da auch im hinteren Teil der Kabine eine Tür geöffnet war. Wir gingen eine Treppe hinab und bestiegen einen Bus, der auf uns wartete und uns zum Flughafengebäude brachte.
Wir wurden wieder kontrolliert. Ein uniformierter Beamte durchsuchte meinen Paß Seite für Seite und redete auf mich ein. Ich verstand ihn aber nicht. Irgend jemand aus unserer Gruppe sagte immer wieder zu ihm: „Transit". Der Beamte wollte meinen Flugschein sehen: „Ticket, ticket!" Dazu streckte er die Hand mit eindeutiger Geste aus, die mir deutlich machte, daß er etwas haben wollte, nämlich meinen Flugschein (Ticket). Ich gab ihm den Flugschein, den er lange untersuchte. Dann schlug er endlich einen Stempel in meinen Paß und gab ihn mir zurück. Ich war nervös geworden und zitterte vor Aufregung.
Wenn es doch bloß nirgends auf der Welt diese Uniformierten gäbe. Die bereiten einem immer Schwierigkeiten und zumindest Unbehagen. Menschen in Uniformen bedeuten eine Gefahr, der man nicht einmal ausweichen kann. Vor einem gefährlichen Tier kann man entfliehen. Versucht man aber, vor einem Uniformierten zu entkommen, wird die Situation noch gefährlicher. Ich war nur überrascht, daß es im Flughafen dann keine weiteren Kontrollen gab.
Wir gerieten in einen großen Gebäudeteil, dem sogenannten Transitteil des Flughafens, wie man überall lesen konnte. Es gab Bars, Restaurants, sogenannte zollfreie Verkaufsstellen, Toiletten.
Zufällig schaute ich auf Preise und war schockiert. Die Preise erschienen vielleicht hundertmal höher als bei uns, bin mir jetzt aber nicht mehr sicher. Ich sprach John an, der lachend sagte: „Ja, das ist Europa. Nun siehst du selbst, daß man hier hart arbeiten muß; denn der sogenannte Wohlstand hat nun mal seinen Preis."
Ich konnte nicht verstehen, daß Schuhe für fünfzigtausend angeboten wurden und sogar teurer. Bei uns in Kenia kann sich kaum jemand Schuhe leisten. Aber für über fünfzigtausend könnte bei uns kein Geschäft jemals auch nur ein einziges Paar verkaufen. „John, das muß doch ein Witz sein", sagte ich. „Man kann doch für über fünfzigtausend keine Schuhe verkaufen, und hier schau' die anderen Sachen an".
„Ja was willst du machen, das sind nun mal die Preise hier", erwiderte John. Ich konnte das wirklich nicht verstehen.
Ich hätte so gerne ein Stück Schokolade gehabt, die bei uns schon unerschwinglich ist. Hier verlangte man hundertundsechzig dafür. „Schau mal, was die Schokolade kostet?" rief ich.
„Willst du eine Tafel?" fragte John.
„Bist du verrückt?!" protestierte ich.
John ging an den Verkaufsstand, zeigte auf eine Tafel Schokolade, gab dem Verkäufer einen Schein mit der Zahl eins. Er bekam die Schokolade und außerdem noch Geld zurück. Das verstand ich überhaupt nicht. „Wieso kaufst du so teurere Schokolade? Das ist doch purer Wahnsinn!" ereiferte ich mich. „Dann gibst du einen Schein mit der Zahl eins, bekommst Schokolade und dazu auch noch Geld zurück. Wie soll ich das verstehen?"
„Ganz einfach", erklärte John. „Ich habe mit englischem Geld, mit einem Pfund bezahlt. Unser Geld, ein Pfund, ist mehr wert als all deren Scheine hier zusammengenommen".
Allmählich dämmerte bei mir etwas. Ich hatte nicht an die Wechselkurse gedacht und die Unterteilung der sogenannten Währungseinheit. Unser kenianischer Schilling hat ja hundert Cents, Pfennige, wie die Deutschen die Unterteilung ihrer Mark nennen. Wenn die Preise hier entsprechend in Pfennigen ausgewiesen waren, dann waren sie schon annehmbarer.
Ich ärgerte mich über John, der mir das nicht gesagt hatte, mich für dumm hielt und mich vor den anderen aus der Gruppe wohl lächerlich machen wollte.
Die Schokolade, die er mir reichte, lehnte ich schmollend ab. „Bist du böse wegen der Vergeudung?" hänselte er mich.
„Nein, ich bin dahinter gekommen, was hier die Zahlen bedeuten“, sagte ich ärgerlich. „Du wolltest mir das aber nicht erklären und mich als dummes Schaf erscheinen lassen."
John lachte, packte mich, hob mich hoch und wirbelte mich herum. „Mensch, mit dir möchte ich doch keinen Ballett-Tanz machen", rief er. „Wenn ich solch einen schweren Brocken wie dich jeden Tag mehrere Male hoch in die Luft wirbeln müßte, wäre meine Kraft dazu doch nicht ausreichend."
Er tat es aber noch einmal, fing sogleich zu keuchen an, wobei sich seine schön geformte Brust in raschen Rhythmus dehnte und wieder zusammenzog.
Er ist unheimlich stark, wie ich wußte. Wenn wir uns lieben, er mich in Ekstase an sich drückt, geht mir oft die Luft aus. Er kann einen so fest umschließen, wie man das einer Python {Riesen-Schlange} nachsagt, die sich um einen ringelt, und nachdem man ausgeatmet hat, die Umschnürung enger zieht, so daß man nicht mehr einatmen kann und erstickt.
Gerade die Kraft in den wunderschönen Muskeln meines Freundes, die sich wie flexible Plastik-Knochen, bedeckt von einer samtigen Haut anfühlen, finde ich so reizvoll. Ich beiße gerne in diese Muskeln, die dann sofort angespannt werden und damit unverletzlich werden.
Der Ballettmeister bestellte für alle Kaffee, »Capuzzino«, hieß das Getränk, wie ich glaube. Es war ein unheimlich starker Kaffee, wie ich ihn vorher nie getrunken habe. Ich hatte das Gefühl, als schlüge mein Herz schneller, nachdem ich das Getränk zu mir genommen hatte.
Endlich wurden wir aufgerufen, uns zu einem bestimmten Ausgang zu begeben, da unsere Maschine nach Ankara startbereit sei.
Wir wurden mit einem Bus zu einem Flugzeug gebracht, das viel kürzer war als das, mit dem wir von Nairobi gekommen waren. Am Heck befanden sich zwei, etwas schräg nach unten gerichtete Triebwerke. Ich fand das Flugzeug sehr elegant aussehend.
Es war immer noch nicht richtig hell draußen, obwohl es schon nach neun Uhr war. Draußen war es eisig kalt. Aber auch im Flugzeug fror ich und bedauerte, daß wir alle unsere Kleidungsstücke mit den Koffern aufgegeben hatten.
Leider war es sehr bewölkt, so daß man bis kurz vor Ankara kaum etwas vom Erdboden sehen konnte. Dennoch schaute ich dauernd aus dem Fenster, um die Wolken von oben und langsam unter uns weggleiten zu sehen. Nicht weit von unserem Ziel konnte man schneebedeckte Berge sehen, ein sehr schöner Anblick.
Wir wurden vom Flughafen mit einem alten Bus, der dem Staatstheater gehörte, abgeholt, der über eine breite zweispurige Straße an völlig kahlen Bergen vorbei einen langen Weg in die Stadt fuhr. An den Hängen klebten niedrige Häuser aus grauem Stein. Nur manche waren leuchtend blau angestrichen. Man sah Moscheen, deren runde Türme mit einer langen Spitze und einem Kragen vor dem Spitzenansatz wie Raketen gen Himmel ragten.
Alles sah grau und trübe aus. Es gab keine Blumen, keine
blühenden, grünen Bäume. Die wenigen Pflanzen, die man sah, waren grau oder
schmutzig braun, wohl mit Staub überzogen. Als wir uns durch eine gewundene
Schlucht dem Stadtkern näherten, fuhren wir in eine bläulich trübe Dunstglocke,
durch breite Straßen, die von neuen Häusern gesäumt wurden, vorbei an Statuen,
an ernst drein schauenden Kriegs-Männern auf Pferden aus grün oxydierter Bronze.
Wir wurden vor einem großen, alt aussehenden Hotel abgeladen, das innen mit alten Möbeln und ausgetretenen Teppichen ausgestattet war. Auf den blau gestrichenen Wänden mit großen, direkt aufgemalten, nichts-sagenden Bildern blätterte die Farbe ab.
Unser Zimmer war recht geräumig, mit großen Fenstern, unter denen aus gußeisernen Rippen zusammengesetzte häßliche Apparate hingen, die mit zwei dicken, an den Wänden vorbeilaufenden Rohrleitungen verbunden waren. Das waren wohl die Heizkörper für den Winter. Als ich sie anfaßte, merkte ich, daß sie etwas warm waren.
Zwei recht schmale Betten standen weit voneinander entfernt. Es gab wohl nur in Frankreich diese schönen breiten Betten, in die man sich sogar quer legen konnte und die ich sonst nirgends gesehen habe.
Ein alter, gedrechselter und geschnitzter, kleiner
Schreibtisch mit einem gedrechselten Stuhl und ein niedriger, runder, mit einer
gravierten Messingplatte versehener Tisch zierten das Zimmer. Die beiden, um den
runden Tisch gruppierten braunroten Polstersessel waren fleckig und schmutzig,
an manchen Stellen speckig glänzend. Auf dem Boden lagen sehr alte dicke, bunte,
sicher früher einmal sehr schön gewesene Teppiche.
Das Badezimmer war sehr häßlich mit seinen weißen, teilweise vergilbten und oft beschädigten Kacheln, der Badewanne mit Roststreifen und der Toilette, die innen ganz schwarz-braun war und unangenehm roch.
Dennoch würden wir es in dem Zimmer aushalten können, meinte ich.
John legte sich auf das Bett, das am weitesten von der Tür entfernt war, reckte sich und gähnte unaufhörlich. Er hatte dunkle Schatten unter den Augen. Seine Haut wirkte faltig und grau. Ich machte mich rasch im Badezimmer frisch.
Der Eßsaal war sehr geräumig und die bunt bemalte Decke in der Mitte des Raumes mit Säulen abgestützt. Man hatte Tische zu einer langen Reihe zusammengestellt und mit weißen Tüchern überzogen.
Einige Leute vom türkischen Staatstheater, die manchmal ein nur schwer verständliches Englisch sprachen, fragten die üblichen Dinge: Wie die Reise war, ob es Probleme gegeben habe und dergleichen.
Ich hatte keinen großen Hunger und das Essen war wirklich nicht besonders schmackhaft.
Nach dem Essen verließen uns die türkischen Theaterkollegen und wir ruhten uns auf unseren Zimmern aus.
Ich wachte gegen halb-sechs Uhr auf und stellte mit Erstaunen fest, daß es draußen ganz finster war; das also schon vor sechs Uhr. Mir fiel ein, daß in Europa im Winter die Sonne sehr früh untergeht und am nächsten Morgen auch erst spät aufgeht.
Die Luft roch ganz eigenartig nach einer Art Rauch. John erklärte mir, daß es jetzt schon sehr kalt draußen sei und die Häuser geheizt würden. Es röche eindeutig nach Rauch von brennender Braunkohle, der aus den Kaminen käme. Ich war mir sicher, daß ich das nicht lange aushalten können würde. Ich bekam nur schwer Luft, war nahe dran zu husten, und sehnte mich nach der frischen Luft zu Hause.
John und ich machten vor dem Abendessen einen Stadtbummel. Es war unangenehm kalt, etwas neblig, und vor allem roch die Luft so schlimm, daß ich wirklich anfing, dauernd zu husten.
Wir gingen die breite, vor dem Hotel verlaufende Straße hinunter, an vielen Geschäften vorbei mit Auslagen, die unverschämte Preise auswiesen. Diesmal regte ich mich darüber aber nicht mehr auf. Mir kam meine Unwissenheit über die verschiedenen Währungswerte in Erinnerung, mit der ich mich in Rom lächerlich gemacht hatte.
Trotz der Kälte waren viele Menschen auf der Straße, meistens mit langen Mänteln. Oft sah man, daß sie sich einen Schal vor den Mund gebunden hatten oder einfach nur zum Schutz hielten. Sie waren wohl erkältet. John erklärte mir aber, daß sie sich eher gegen die schmutzige Luft schützen wollten. Er schien nicht unter der ekelhaften, stickigen Luft zu leiden.
Was mir sogleich auffiel, war, daß es keinen einzigen Bettler gab, dafür sehr viele Männer in braunen und grünen Uniformen.
Auch hier, in diesem Lande gingen viele Männer, so wie bei uns, sich an der Hand haltend. Ich hätte auch gerne John an die Hand genommen. Aber er hatte beide Hände tief in seine Hosentaschen vergraben.
Wenn sich Männer begegneten, die sich wohl gut kannten, umarmten sie sich und küßten sich auf die Wangen.
Es gab viele sehr gut aussehende Männer, schlank, mit scharfen, edlen Gesichtszügen.
Ich stellte fest, daß fast niemand, der mir entgegen kam, an mir vorüberging, ohne mir fest in die Augen zu sehen. Zuerst war mir das unangenehm, und ich wich den Blicken aus. Dann schaute auch ich den Entgegenkommenden fest in die Augen und lächelte, woraufhin man mir grüßend zunickte.
Die wenigen Frauen, die uns entgegenkamen, schauten ebenso musternd, wichen aber den Blicken sofort aus.
Zuerst dachte ich, daß man nur mich anschaute, weil ich anders aussah, stellte aber fest, daß sie auch die sogenannten Ihresgleichen ebenso ansahen. Ich sprach John darauf an, der anfänglich nicht begriff, was ich meinte, dann auch bestätigte, daß offensichtlich niemand an einem anderen interessenlos vorüberginge. Das fand ich so erstaunlich; denn in der Regel war ich fremden Menschen begegnet, die nur mit sich beschäftigt zu sein schienen und es sicher auch waren, die sich also überhaupt nicht für ihre Mitmenschen interessieren. Ich fand das Verhalten hier phänomenal.
Ich beobachte immer gerne Menschen, schaue sie an und betrachte sie, ohne genau zu wissen, warum, also ohne definierbares Interesse. Ich habe mir das angewöhnt und kann keinen Grund dafür nennen. Aber hier, es ist schwer zu beschreiben, aber hier hatte ich das Gefühl, daß die Menschen nicht gleichgültig aneinander vorüberliefen. Was mag der Grund sein, weswegen sich die Menschen hier anders als sonst üblich verhalten, wollte ich von John wissen. Er zuckte die Achseln und meinte: „Ich bin nicht sicher, ob die sich anders als anderswo verhalten."
Ich versuchte, ihn zu bewegen, meine Beobachtungen zu bestätigen. Er sagte nur: „Vielleicht hast du recht“, zuckte wieder mit den Schultern und ging schweigend weiter.
Es ist schwierig, mit John in ein richtiges Gespräch zu kommen, in ein Gespräch so wie mit Pater Kurt oder Lehrer MacDunhill.
Wenn man bei uns auf dem Lande irgendwo hingeht, sehen einen die Passanten auch an, weil man sich eventuell kennen könnte. Man grüßt sich auch dann, wenn man sich nie vorher gesehen hat. In der Stadt, wie zum Beispiel in Nairobi, ist das allerdings bei uns vollkommen anders. Nun hatte ich hier in Ankara das Gefühl, in einer Dorfgemeinschaft zu sein. Jedenfalls verhielten sich die Leute auf der Straße so ähnlich. Ich fand sie alle sehr sympathisch und würde gerne näheres über sie erfahren, wie sie leben, was sie denken, welche Probleme sie haben.
Plötzlich sagte John: „Wollen wir nicht wieder zurückgehen? Ich finde es kalt, und zu sehen gibt es nichts. Die Stadt ist völlig uninteressant."
Es war auch schon nach sieben Uhr und wir würden es kaum
schaffen, pünktlich zum Abendessen zurück zu sein.
Montag, den 23.12.74
Heute waren wir mit dem sogenannten Blauen Zug nach Istanbul gefahren worden. Es war eine interessante Fahrt gewesen an steilen Berghängen vorbei, durch enge Schluchten. Der von einer Diesellokomotive gezogene Schnellzug fuhr stark bremsend oft ziemlich steil bergab, durch Tunnel, in denen es stockfinster war und die ein unangenehmes Gefühl gaben. Dann wieder ging es über hohe Brücken oder an schroff und unheimlich steil abfallenden Hängen vorbei.
Obwohl alle aus der Theatergruppe sehr aufgekratzt waren wegen des großen Erfolges der Aufführungen vor ausverkauften Sälen, schaute ich fast nur aus dem Fenster.
John tanzte verschiedentlich im Gang zwischen den Sitzreihen und war sehr albern.
Ich wollte aber gerne etwas vom Land sehen, wäre gerne ausgestiegen, um ein Dorf zu besuchen, um zu sehen, wie dort die Leute lebten, wie wohl ihre Häuser von innen aussähen. Jedes Dorf, selbst das kleinste, hatte seine eigene »Rakete«, so kamen mir die Minaretts mit „Bleistiftspitzen" jedenfalls vor. Die Dächer der Häuser waren mit roten Ziegeln bedeckt.
Auf dicht an die Gleise herführenden Wegen und Pfade sah man Männer und Jungen auf Eseln reiten, niemals Frauen. Diese trugen Lasten wie bei uns.
Als wir den Bahnhof in Istanbul verließen, lag vor uns ein so breiter Fluß, wie ich ihn noch nie vorher gesehen hatte.
Wir liefen mit unserem Gepäck zu einem großen Schiff, Fähre genannt, das uns über das Wasser übersetzte und so groß war, daß man sich darin verlaufen konnte.
(John klärte mich später auf, daß es kein Fluß war, den wir überquerten, sondern der »Bosporus«, eine Verbindung des Schwarzen Meeres mit dem Mittelmeer. Ich bin nun mal doof und weiß das alles nicht.)
Die riesige, auf zwei, durch einen kleinen, schmalen Fluß getrennte Hügel ausgebreitete Stadt, auf die wir zufuhren, erschien mir wunderschön.
Man sah große Moscheen. Jede hatte mehrere Minarette. Die ganz großen waren von vier symmetrisch verteilten umstellt und mit einem großen halbkugelförmigen und mehreren kleinen Kuppeldächern ausgestattet. Sie befanden sich auf dem bei der Überfahrt links liegenden Hügel. An diesem Hügel entlang lief eine hohe Mauer von kleinen eckigen Türmen unterbrochen, in Burgen, so nannte sie John, mündend.
Ein türkischer Mitreisender, der mich in recht gutem Englisch angesprochen hatte, erklärte mir: „Was du dort siehst, sind die besonders berühmten türkischen Bauten von Sinan, dem osmanischen Baumeister. Da drüber ist die Prinzenmoschee mit dem schmalen, wie ein gespitzter Bleistift aussehender Moschee-Turm mit zwei Kragen, Minarett genannt. Die eigentliche Moschee hat eine große halbkugelförmige zentrale Kuppel und drum herum mehrere kleine, und dann siehst du die Rüsten-Passa-Moschee und die Sulaiman-Moschee, alle drei um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts erbaut. Besonders berühmt ist die Sultan-Ahmad-Moschee, auch blaue Moschee genannt und zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts fertiggestellt. Sie wird deshalb als blaue Moschee bezeichnet, weil alle Wände mit blaugrünen Fayencen verkleidet sind. Die ist jedoch nicht von Sinan..."
„Was sind Fayencen?" wollte ich wissen.
Er antwortete: „Also als Fayence wird eine weißglasierte und im betreffenden Fall blaugrün bemalte Irdenware {gebrannte Tonerde} bezeichnet nach Faenza in Italien, wo das zum ersten Male gemacht wurde."
Der freundliche Herr erklärte mir noch viel mehr, was ich jedoch teilweise wieder vergessen habe.
Jedenfalls sah das alles sehr interessant aus. Ich war mir sicher: Hier würde es bestimmt viel mehr zu sehen geben als in der recht monotonen Hauptstadt.
Obwohl das Schiff recht langsam über das ruhige Wasser glitt, dauerte mir die Überfahrt nicht lange genug. Es gab so viel zu sehen.
Leider war ich völlig durchfroren, als wir den Hafen erreichten.
Während der Fahrt zum Hotel im Bus gab es wieder viel zu bestaunen: Fischmärkte, Verkaufsstände, interessante Gebäude, aus starken Mauern aufgebaut.
Als wir unser Zimmer ein wenig eingerichtet hatten, bat ich John, mit mir durch die Stadt zu laufen. Er lehnte ab: „Ich war schon zweimal in Istanbul. Die Stadt interessiert mich nicht mehr besonders."
Ich war ratlos: „Was schlägst du dann vor, was wir machen könnten."
Er wollte erst einmal etwas trinken. Daher gingen wir an die Bar, wo sich bereits einige aus der Theatergruppe an Bier erfreuten.
Ich hielt mich etwas abseits. Irene {eine der Balletttänzerinnen aus der kenianischen Theatergruppe} kam auf mich zu: „Du machst keinen glücklichen Eindruck. Hast du dich mit John gezankt?"
Ich schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, ich wäre gerne durch die Stadt gelaufen. Die ist sicher sehenswert. John will aber nicht mit."
„Das ist eine gute Idee!" rief sie begeistert. „Gehen wir doch zusammen!"
Ich lief zu John, um ihm zu sagen, daß ich mit Irene spazieren gehen wolle. Er nickte nur und unterhielt sich weiter mit seinen Kollegen.
Wir liefen planlos, die Arme ineinander wie bei einem Liebespaar verschlungen, durch die Stadt, an Geschäften vorbei, die schöne Lederwaren anboten, die vollgestopft waren mit gravierten Messing- und Kupferwaren. Es wurden Metall-Teller, Schalen, Tabletts mit Tassen und Kannen, versehen mit wunderschönen Ornamenten, gezeigt. Sogar richtige, geschmackvoll angeordnete Bilder waren auf die Kupferwaren in vielen bunten Farben mühsam eingraviert worden. Es war kaum zu sagen, welche Stücke am schönsten waren. Ich konnte mich vom Anblick manchmal kaum losreißen.
Immer wieder wurden wir zum Teetrinken und Kaufen aufgefordert.
Ohne daß wir es wahrgenommen hatten, befanden wir uns in einem Labyrinth von Geschäften. Ich bin mir nicht sicher, aber ich meine, daß wir uns unter der Erdoberfläche befanden; denn die mit Menschen vollgestopften und von Fahrzeugen freien Wege vor den offenen Geschäften waren überdacht. Jedenfalls drang kein Licht von außen ein, und es war nicht winterlich kalt.
Es waren so viele Menschen hier, daß man kaum vorwärts kommen konnte.
Es gab hunderte Geschäfte mit Teppichen in allen nur erdenkbaren Farben und Größen, mit Metallwaren, mit Textilien und mit allen nur erdenklichen Waren. Eine solche Pracht hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen. Auch Irene war begeistert. Wir konnten uns kaum satt sehen.
Fast überall wurden wir zum Teetrinken eingeladen. Irene meinte, es sei wohl unhöflich, dauernd abzulehnen. Ich hatte Angst, daß man ein Mittel in den Tee gegeben haben könnte, um uns besinnungslos zu machen und uns dann auszurauben. Irene konnte sich vor Lachen nicht halten, als ich sie warnte.
Die Geschäftsleute waren nicht böse, wenn wir zwar bei ihnen Tee getrunken hatten, dann aber wieder gingen, ohne etwas zu kaufen. Sie schienen großen Spaß daran zu haben zu handeln, nannten einen Preis, den sie immer weiter reduzierten, wenn wir kein Interesse zeigten.
Waren wurden durch lautes Rufen angepriesen. Es herrschten eine unvorstellbare Hektik und nervöser Lärm. Ein solches Erlebnis, kilometerweit durch ein Geschäftslabyrinth zu laufen, hatte ich mir nie vorstellen können.
Plötzlich stellte ich fest, daß es schon recht spät war, kurz nach sieben Uhr, und wir eigentlich zurück zum Hotel gehen sollten. Irene sagte, wir können auch unterwegs eine Kleinigkeit essen, wenn wir es zum gemeinsamen Abendessen nicht mehr schaffen würden.
„Aber wie finden wir hier wieder heraus?" sagte sie ganz bekümmert.
Ich bekam einen großen Schreck. Es gab nichts, woran man sich hätte orientieren können. Man sah nur eines von diesen offenen Geschäften nach dem anderen.
Auf unsere Bitte, uns den Ausgang zu zeigen, fragte man: „Wohin? In welche Richtung?" Wir wußten es nicht.
Ich bekam panische Angst, wollte unbedingt raus hier, einfach nur raus. „Wo ist der nächste Ausgang?"
Antwort: „In welche Richtung?"
Ich begann vor Aufregung zu schwitzen und mußte mich beherrschen, nicht zu schreien. Ich zitterte vor Angst, versuchte zu laufen, wobei ich Irene an der Hand hinter mir her zerrte. Aber die vielen Menschen waren undurchdringlich, und wir kamen nur langsam voran. Ich kämpfte mich vorwärts, einfach in eine bestimmte Richtung, und plötzlich befanden wir uns in einer normalen Straße.
Irene lachte: „Wir haben es geschafft! Wir sind wieder draußen. Hattest du Angst?"
Ich zitterte so sehr, daß ich kaum sprechen konnte. Sie preßte sich fest an mich und bemerkte: „Mein Gott, war das interessant. So toll hatte ich mir den Basar nicht vorgestellt."
(Basar heißt so etwas also. Nie wieder gehe ich in einen Basar. Das habe ich mir geschworen. Bestimmt nie wieder).
„Was machen wir jetzt?" wollte Irene wissen.
„Natürlich schnell zum Hotel!" antwortete ich.
„Und wo ist das?" fragte sie.
Weder ich noch sie hatten uns den Namen des Hotels, nicht einmal der Straße gemerkt. Ich konnte nicht mehr gehen. Ich fühlte mich so erschöpft, so unendlich müde.
Wir fanden ein kleines Restaurant. Irene wollte unbedingt etwas essen. Mir war überhaupt nicht danach zu Mute.
Ich zitterte so sehr, daß ich die kleine, mit blauen und goldenen Ornamenten verzierte Tasse mit dem starken Kaffee kaum halten konnte.
Irene strich über meinen Kopf und riet: „Beruhige dich endlich. Es hat keinen Zweck, in Panik zu geraten."
Ein Herr am Nachbartisch fragte uns in recht gutem Englisch: „Habt ihr ein Problem?"
Ich erzählte sprudelnd, wie jemand, der in der Wüste langsam im Sande versinkt und dem sich ein Mensch nähert; das hatte ich einmal im Film gesehen.
Der Herr hörte geduldig zu und meinte: „Es gibt Tausende Hotels hier. Können Sie es näher beschreiben?"
Ich beschrieb, so gut ich mich erinnern konnte. Er schüttelte den Kopf: „Die Beschreibung trifft auf sehr, sehr viele zu. Das ist eine blöde Situation, kommt aber nicht selten vor. Das soll vielen Touristen täglich passieren. Das wird sogar ein Problem für die Polizei werden, Ihnen zu helfen."
Irene berichtete, daß wir mit einer Theatergruppe aus Kenia hier seien.
Der Herr lächelte, kam auf uns zu, verbeugte sich, nannte einen Namen, der wie »Üzümzülü« klang und fügte hinzu: „Ich bin der Verwaltungschef im hiesigen Theater. Ihre Gruppe ist ins Merlin-Hotel gebracht worden, gleich hier um die Ecke. Ich werde Sie gleich hinbringen."
Irene schlang beide Arme um mich und küßte mich vor Freude.
Wie kann es möglich sein, daß einem in einer Stadt mit mehreren Millionen Einwohnern so zufällig der Mann begegnet, der uns sogar offiziell betreut?
Ich werde es nie wieder wagen, in diese Stadt zu gehen.
Dienstag, 18.7.1978
Ich hatte vor 3 Wochen mein Abschlussexamen an der polytechnischen Schule gemacht, sogar mit ausgezeichneten Ergebnissen.
Pater Kurt ist immer noch in Europa wegen seiner Krankheit, einer Herzschwäche, zur Kur. Er beantwortet meine Briefe nicht. Geht es ihm so schlecht, daß er nicht schreiben kann? Auch heute war wieder nichts für mich im Postfach des Theaters gewesen, dessen Adresse ich weiterhin angeben und benutzen darf.
Nachdem der Vertrag von John am Theater ausgelaufen war und nicht verlängert werden konnte, ist er vorige Woche endgültig in seine Heimat nach England zurückgekehrt. Jetzt fehlt er mir doch sehr. Ich hänge stärker an ihm als ich gedacht habe. Der Abschied war eigentlich nicht so schwer. Aber heute fühle ich mich so unendlich verlassen. Würde ich ihn jemals wiedersehen? Er hat mich weder zu sich eingeladen, noch gesagt, ob und wann er wiederkommen wolle. Ich hätte ihn so gerne gefragt, aber darauf gewartet, daß er von sich aus etwas anbieten oder sagen würde.
Warum war eigentlich unsere Beziehung ganz allmählich in eine Art Gleichgültigkeit abgeglitten? Ich habe das Gefühl, wir hatten uns kaum noch etwas zu erzählen. Unsere körperlichen Beziehungen waren fast gar nicht mehr reizvoll. Dabei hatte ich ihn doch so sehr geliebt, ein so starkes Verlangen nach ihm gehabt, als wir uns kennen gelernt hatten. Wir haben uns nie ernsthaft gestritten, nie unüberwindliche Meinungsverschiedenheiten gehabt. War unsere Liebe einfach verbraucht? Kann sich auch ein Gefühl verbrauchen, so wie alles vergeht, sich verschleißt, vorbeigeht, schließlich stirbt und nicht mehr da ist? Ich bin unfähig, darüber nachzudenken.
Gestern habe ich auch das Zimmer, in dem ich mit John wohnte, aufgeben müssen. Der Theaterbesitzer hatte mich regelrecht hinausgeworfen. Er hat ja recht. Ich kann nicht länger dort bleiben, wenn die Zimmer für neue Schauspieler gebraucht werden.
Es gelingt mir nicht, Arbeit zu finden. Ich hatte mich zu sehr darauf verlassen, bei Vinay {eine von einem Inder geführte Firma zur Herstellung und zum Vertrieb von elektrischen Geräten} unterzukommen. Ich hätte mir denken können, daß sich die Firma nicht lange würde halten können bei dem üppigen Lebensstil von Vinay. Er hat ja wirklich das Geld nur so um sich geworfen, in wirklich verantwortungsloser Weise, aber seine Angestellten und Arbeiter mit einem Hungerlohn abgespeist, so wie das alle Firmeninhaber machen.
Ich bin wirklich verzweifelt. Überall, wohin ich komme, werde ich abgewiesen, meistens nicht einmal zu einem Firmenleiter vorgelassen.
An wen kann ich mich nur wenden? Nicht einmal eine Stelle als Dienstbote, als Kellner oder was auch immer, bietet sich an. Für sogenannte niedere Arbeit ist offensichtlich mein Examen hinderlich. Man wies mich beispielsweise als Kellner zurück, weil ich eine „solche Tätigkeit nicht ernst nehmen und nur vorübergehend ausführen würde."
Aber ich muß doch irgendwo von leben. Ich liege buchstäblich auf der Straße, ernähre mich vom Verkauf meiner Kleidung, meiner fast wertlosen Schmuckstücke. Heute habe ich schließlich auch meine Armbanduhr absetzen müssen, die mir Pater Kurt zu meinem fünfzehnten Geburtstag geschenkt hatte.
Vergangene Nacht habe ich mit Bettlern unter freiem Himmel geschlafen, die mich hänselten, weil ich noch etwas anders aussehe als sie, noch nicht so heruntergekommen. Du liebe Zeit, werde ich in Kürze auch nur noch in Lumpen umherlaufen, mich nicht waschen und rasieren können? Was soll nur werden? Wohin kann ich noch gehen und mich bewerben? Wenn ich bald völlig heruntergekommen aussehe, habe ich doch überhaupt keine Chance mehr.
Was kann ich nur tun? Wer könnte mir helfen, der Theaterbesitzer, der mich sogar sehr grob hinausgeworfen hatte, Marc vielleicht? Nein, das kommt überhaupt nicht infrage. Marc wäre es bestimmt peinlich, mich irgendwo anzupreisen. Man könnte doch auf einen Verdacht bezüglich unserer Beziehung kommen. Er hatte mir oft angeboten, daß ich mich um sein Sommerhaus in der Schweiz kümmern könnte. Warum sollte ich das eigentlich nicht tun? Ich versuchte, mich dafür zu begeistern. Aber könnte ich fast immer alleine in diesem ganz abgelegenen Haus leben, wo ich im Winter regelrecht eingesperrt wäre, und überhaupt kann ich doch nicht ganz von Marc abhängig sein, nur als sein »Lustknabe«? Dann gibt es bestimmt irgendwann unüberwindliche Probleme mit einer Aufenthaltserlaubnis gerade in der Schweiz, die, wie mir jemand einmal sagte, völlig »überfremdet« sei und keine Ausländer mehr hereinlassen will.
Ich fühle mich ganz und gar von jeglicher Gesellschaft ausgeklammert, völlig isoliert, in einer Ausweglosigkeit und sehe überhaupt keine Möglichkeit mehr, nicht einmal auf der Basis einer Illusion, aus dieser Lage herauszukommen.
Wenn ich nicht solch ein Feigling wäre, könnte ich mich einer dieser Banden anschließen, denen es nicht einmal schlecht geht. Aber wie lange würde ein solches Leben gut gehen, bis man von der Polizei geschnappt wird oder bei den Bandenmitgliedern in Ungnade fällt?
Was kann ich nur machen?
Freitag, 21.7.1978
In den letzten beiden Tagen sank mein Lebensmut wirklich auf den absoluten Nullpunkt, wie man sagt. Schreckliche Depressionen hatten mich befallen, die es mir unmöglich machten, weiterhin auf Arbeitsuche zu gehen, überhaupt noch an ein einigermaßen, sozusagen normales Leben zu denken. Ich sah ja auch schon sehr heruntergekommen aus, wie ich in einem Spiegel einer Kaffeehaus-Toilette feststellen mußte. Ich überlegte, wie Marc wohl reagieren würde, wenn ich, so wie ich jetzt aussah, bei ihm anzuklopfen wagte. Er wäre bestimmt entsetzt und würde am liebsten im Boden versinken aus Scham, jemanden wie mich zu kennen, insbesondere wenn er - wie so oft - Gäste in seinem Hause hätte.
Zum Glück plagte mich heute der Hunger nicht mehr so schrecklich wie in den vergangenen Tagen.
Ich brachte viele Stunden damit zu, darüber nachzudenken, wie ich meiner Situation ein Ende, ein wirkliches, endgültiges Ende setzen könnte. Ich begann, mit dem Gedanken zu spielen, mich aus dem Leben zu entfernen und überlegte alle Möglichkeiten: Sich Erhängen oder Ertränken, sich zu Tode betrinken, sich von einem Lastwagen überfahren lassen oder vor den Zug werfen, sich die Pulsadern aufschneiden, sich selbst mit dem Messer zu verletzen, Bandenmitglieder so provozieren, daß sie das Gewünschte erledigten, sich mit der Polizei anlegen, die auch eine tödliche Gefahr bedeutet, wenn ich zum Beispiel in das Staatshaus {Amtssitz des Präsidenten} rennen und auf Aufforderung, stehen zu bleiben, nicht reagieren würde..
Es gibt wohl kaum eine Möglichkeit, die ich in meinem Denkspiel ausgelassen habe, zuerst nicht wirklich ernsthaft, mehr als eine Art Zeitvertreib.
Aber seit der endgültigen Abreise von John, dessen Anwesenheit mich doch über die beginnenden Depressionen wegen meiner aussichtslosen Versuche, eine Stelle zu finden, hinweg half, begann ich diesen Gedanken, sich durch einen Selbstmord von allen Problemen zu befreien, immer ernsthafter nachzugehen bis daß ich den gewollten Tod als den einzig möglichen Ausweg sah.
Heute fand ich wirklich keine andere Möglichkeit mehr, als mein Leben bewußt und endgültig zu beenden, nachdem ich nur noch hundert Schillinge in der Tasche hatte, und sogar auf dem Markt Früchte mit furchtbarem Herzklopfen und schrecklicher Angst gestohlen hatte. Wenn ich aufgefallen wäre, hätte ich das Obst immerhin noch bezahlen können. Was würde aber sein, wenn ich ganz auf Stehlen angewiesen wäre.
Ich versteifte mich auf den Gedanken, den ich für unabdingbar sicher für die Durchführung meines Planes hielt, nämlich mich von einem hohen Gebäude herabzustürzen. Die Wahrscheinlichkeit, bei diesem Vorhaben nicht mit dem Tod zu enden, hielt ich für absolut gleich Null. Ich fand diese Idee sogar faszinierend: Von ganz hoch herab zu fliegen, sich zu befreien, aus diesem scheußlichen Leben zu entschweben, schwerelos zu werden.
Den Turm des Konferenzzentrums hatten schon vor mir einige Verzweifelte für ihren Zweck, der jetzt auch der meinige war, mit Erfolg benutzt. Ich konzentrierte mich auf diese Möglichkeit und versuchte, mich in die Lage zu versetzen, wie das ablaufen würde: Der Weg dort hinauf, über die Treppe oder etwa mit dem Aufzug? Der Blick von oben hinunter, und dann über das Geländer springen.
Immer wieder versuchte ich, die Schritte in allen Einzelheiten in Gedanken zu durchlaufen und nach- beziehungsweise vorzuempfinden.
Ich konnte mich aber überhaupt nicht konzentrieren. Anfänglich schweiften meine Gedanken immer wieder ab, und ich überlegte, mein letztes Geld darauf zu verwenden, soviel Alkohol zu trinken, so viel Bier in mich zu füllen wie möglich, ehe ich den Turm bestiege. Aber ich mochte eigentlich doch keinen Alkohol. Es würde eine Qual sein, so viel von diesem widerlichen Getränk zu sich nehmen zu müssen, in mich hineinzuzwingen. Vielleicht müßte ich mich auch übergeben und meine Blase zum Platzen gefüllt spüren, wenn ich dann oben auf dem Turm angekommen wäre. Bei diesem Gedanken mußte ich über mich selbst lachen: Erst pinkeln und dann springen. Ich begann laut zu lachen, hysterisch vielleicht.
Dann liefen meine Überlegungen in eine andere Richtung. Ich sah einen Strohhalm als Überlebensmöglichkeit: Ich könnte mich betrinken und mich dann in die »Obhut« der Polizei begeben, die mich, wenn ich laut grölend durch die Gegend liefe, Passanten anpöbelnd, sogleich aufgreifen und einsperren würde. Ich faßte sogar wieder etwas Lebensmut bei diesem Gedanken.
Dann wurde mir aber bewußt, daß die Polizei rauh und brutal ist. Sie schlägt Leute zusammen, insbesondere Betrunkene. Bei dem System, das diese Organisation hat, käme ich auch nie wieder aus ihren Fängen. Man würde mich nach all den Entwürdigungen wegen Trunkenheit und unrechtmäßigen Benehmens (so lautet der offizielle Ausdruck der Polizei) vor Gericht bringen, das mich zu einer Geldbuße verurteilt, die ich nicht bezahlen kann. Dann würde man mich im Gefängnis behalten und weiter schikanieren, eben weil ich niemals bezahlen könnte. Das wäre also nur eine Verlängerung meiner ausweglosen Situation. Ich empfand es auch entwürdigend, sich in solche Gedanken zu flüchten, nur um ganz primitiv zu überleben, und kehrte zu der Idee, sich vom Turm hinunter zu zerschmettern, zurück.
Wohl auch weil ich seit einiger Zeit nichts Richtiges gegessen hatte und meinen Kopf recht blutleer fühlte, gelang es mir allmählich, mich in Sterbens-, in eine Art Selbsthinrichtungsstimmung zu bringen. Dann kam mir der Gedanke, mich tatsächlich hinrichten zu lassen. Ich brauchte nur einen hochstehenden Politiker anzugreifen oder zu bedrohen. Die Bedrohung eines Politikers ist in unserem Lande tödlich. Entweder wird man von der Polizei an Ort und Stelle erschossen, aber sicher nach Gefangennahme zum Tode verurteilt. Aber alle Zeitungen würden über mich berichten.
Doch auch diese Gedanken waren blödsinnig, ging mir durch den Kopf. Würde ich nicht an Ort und Stelle von der Polizei oder den Bewachern umgebracht, schlüge man mich erst zusammen, und ich müßte die ganze monatelange, entwürdigende Prozedur im Gefängnis bis zur Verurteilung über mich ergehen lassen. Es war lächerlich, an so etwas überhaupt zu denken.
Ich hämmerte mir ein: Du mußt dich jetzt und sofort vom Turm hinabstürzen. Du hast keine Wahl. Begreife es endlich.
Allmählich konnte ich mich immer besser auf den Ablauf konzentrieren, ihn in meiner Vorstellung durchspielen.
Mein Herz begann zu rasen. Es hämmerte im Kopf, und ich fühlte Übelkeit, als es mir wenigstens gelang, in meinem Gedankenspiel bis an das Geländer zu kommen.
Ich war früher schon einige Male auf dem Turm gewesen, kannte mich aus und insbesondere mit dem eigenartigen Gefühl in der Magengegend, wenn ich aus der Höhe direkt nach unten geblickt hatte.
Mit zugepreßten Augen versuchte ich, mich in das Gefühl zu versetzen, wie es ist, wenn man da oben steht, in die Tiefe schaut und unkorrigierbar über das Geländer springt.
Ich begann zu keuchen, fühlte mich eiskalt, mir wurde schrecklich übel, und ich mußte mich sogar übergeben, was eine Pause in mein Gedankenspiel brachte.
Als ich mich etwas beruhigt hatte, war ich so sehr über mich erschreckt, daß ich in Verzweiflung geriet. Ich hatte Angst, Todesangst, nachdem ich mich in die Situation hineingesteigert hatte, wie es sein würde, da oben zu stehen und tatsächlich zu springen.
Mir wurde plötzlich klar: Ich war zu feige. Ich hatte wahnsinnige Furcht vor einem willkürlich zu setzenden Ende meines Daseins und würde versagen. Ja, ich würde versagen.
Ich bin ein Schwächling, es wird ja auch immer wieder von allen Mitmenschen bestätigt: Schwule sind Schwächlinge. Verweichlicht sind sie, Scheißkerle, abnorm, pervers, abartig. Wenn ich ein richtiger Mann wäre - das wurde mir klar, der sich eine Frau ohne Skrupel nimmt, sie fickt wie ein Bulle, der sich nicht kümmert, ob jemand verreckt, der begeistert auf die Jagd, ja sogar mutig in den Krieg geht und Vergnügen am Abknallen von Lebewesen hat, der Leute foltern kann und totschießt, der Tiere ohne Probleme schlachtet, und wenn sie sich wehren, ihnen erst mal sämtliche Knochen bricht, ohne etwas dabei zu empfinden, ja, solche Kerle würden auch mit einer Situation, in der ich steckte, konsequent fertig. Es gab und gibt richtige Männer, die sich für eine Idee in den Tod stürzen, wie die Kamikaze-Flieger {japanische Piloten, die im 2. Weltkrieg mit ihren, mit Bomben beladenen Flugzeugen Schiffe rammten. »Kamikaze« bedeutet auf Japanisch: göttlicher Wind}. Echte Männer, Soldaten, die Mann gegen Mann kämpfen, weil eine Obrigkeit das so will, Boxer, denen Schläge nichts ausmachen, zählen zu den bewunderten Männern. Das sind nicht so verweichlichte Typen wie ich einer bin, der Angst vor dem geringsten Schmerz hat, zum Beispiel davor, daß er beim Fußballspiel getreten werden könnte, der keinen Mut hat.
Ich begann mich zu hassen. Hatte man nicht oft genug gelesen und in Filmen gesehen, wie sich richtige Männer, deren Ehre verletzt worden war, duellieren. Die brauchten vorher nicht zu kotzen. Echte Männer, die Spielschulden machten, Offiziere, die eine Schlacht verloren haben, jagen sich eine Kugel durch den Kopf. Solche Männer, denen das Leben anderer Lebewesen nichts bedeutet, die noch natürlich reagieren und empfinden, werden auch mit dem eigenen Leben in jeder Situation fertig und das im wahrsten Sinne des Wortes.
Meine Gedanken und Sinne hatten doch zu einem Großteil immer nur um Lustbefriedigung gekreist. Jeden Tag mindestens einmal sich befriedigen oder befriedigen zu lassen, jedem Kerl nachschauen, ja, davon hatte ich mich mein ganzes Leben lang treiben lassen.
Ich haßte mich so sehr. Ich mußte endlich weg aus diesem Leben, aus dieser Welt, in der ich nur ein Taugenichts, ein überflüssiges Lebewesen war. Ich gehörte doch gar nicht hierher in diese Welt. Ich hatte kein Recht zu leben. Ich war lebensuntüchtig, lebensunwert, schwarz dazu, ja noch schlimmer, ein Mischling, unehelich, im Suff gezeugt: Ein schwarzer, schwuler Mischling. Solch eine Kreatur ist in keiner Gesellschaft geduldet worden. Früher hätte man mich gleich in den Sumpf geworfen und gar nicht erst einmal aufgezogen. Die Art muß rein bleiben. Ein weißer Rabe wird ausgestoßen, abgehackt. So ist es im Tierreich. So funktionieren menschliche Gesellschaften. Rom, Griechenland sind an den Schwulen zugrunde gegangen. Das kann man überall nachlesen.
Ich entwickelte einen solchen Haß gegen mich, daß ich meinen Kopf auf einen schweren Stein schlug. Mir drehte sich alles und mir wurde wieder schrecklich übel. Ich schlug mit dem Stock, an den ich mein kärgliches Bündel meiner restlichen Habe zum besseren Tragen befestigt hatte, kräftig auf meinen Oberschenkel, was furchtbar schmerzte und mich ein wenig zur Vernunft brachte.
Mein Herz raste. Meine Muskeln schmerzten, ähnlich wie das bei Leuten sein soll, die einen epileptischen Anfall überstanden haben.
Ich lag eine Weile flach auf dem Boden, und mir wurde bewußt, daß ich mich wieder übergeben hatte. Der Mund, die Speiseröhre brannten. Die Nase war verstopft. Ich ging, ohne Antrieb zum Teich im Park, wusch mich und spülte meinen Mund, ohne an das ekelhaft schmutzige Wasser zu denken. Ich legte mich wieder auf den Rücken und spürte die heißen Sonnenstrahlen. Ich verspürte Lust zum Onanieren, konnte diesem Drang aber in dem öffentlichen Park nicht nachkommen.
Ich glaube, ich war völlig daneben, wie man sagt. Ich beschloß mit all meiner Energie, endlich diesem Leben ein Ende zu setzen, kann mich heute beim Schreiben aber nicht mehr an Einzelheiten meines Entschluß und des weiteren Ablaufes erinnern, außer daß ich in die Stadt ging, zum Konferenzzentrum, dabei wohl immer nur auf den Turm starrend, der mich irgendwie magnetisch anzog, glaube ich. Ich fühlte mich von irgendetwas geschoben.
Ich stieg stundenlang, wie es mir jetzt beim Schreiben vorkommt, die vielen Stufen hinauf, um mich herum nichts wahrnehmend. Ich kann mich nur daran erinnern, daß alles mich Umgebende dunkel und trübe aussah, wie in einem Traum. Da gab es keinen Hintergrund, nur helle, unklare Flecke dicht vor mir. Alles war in Gelb oder Schwarz gehüllt. Mein Hals war wie zugeschnürt. Ich fühlte meinen Körper wie ein teigige Masse dahin fließen, entgegen der Schwerkraft, immer höher, dann auf der Plattform zäh auf das Geländer zu.
Plötzlich sah ich in die Tiefe, in eine entsetzliche Tiefe, eine Tiefe ohne Ende, eine saugende, gefährliche Tiefe.
Eine jähe Angst, panisches Entsetzen packten mich, trafen mich wie ein Blitzschlag. Ich griff wohl nach irgendeinem Halt und hörte einen ganz entsetzlichen Schrei, ohne mir bewußt zu werden, daß er aus meiner eigenen Kehle kam. Es war ein widerlicher, schriller, erschreckender Schrei.
Ich hatte kaum gemerkt, daß mich jemand gepackt und auf den Boden geworfen hatte. Ich blickte hoch, sah eine schlanke Frau vor mir stehen, zuerst undeutlich. Dann war mir, als bräche ein neuer Tag an. Alles um mich herum wurde in wenigen Sekunden deutlich und klar, hell, sehr hell, richtig taghell. Meine Augen schmerzten. Eine Gruppe Menschen hatte mich umringt, starrte mich an. Die fremde Frau beugte sich vor, ergriff meine Hand und zog mich hoch.
Ich hatte reflektorisch „Danke" auf Deutsch gesagt (obwohl ich doch in der Regel bei spontanen Anlässen in Französisch denke) und wahrscheinlich noch „Vielen Dank" hinzugefügt.
Ich stand vor einer hübschen Jeansfrau mit kastanienbraunen, schulterlangen Haaren, blickte in graublaue Augen und murmelte: „Entschuldigen Sie" und „tut mir leid".
„Du sprichst Deutsch?" hörte ich sie mit einer sehr markanten, mir wehtuenden Stimme fragen. „Aber du bist doch kein Deutscher oder doch?"
„Ich bin ein Scheißkerl! Entschuldigung! Bitte verzeihen Sie mir", rief ich und wollte weglaufen. Aber die Frau stand dicht vor mir, und eine riesige Gruppe Menschen, alles Weiße, wie ich meine, bildete einen engen Halbkreis um mich, wie um ein in die Enge getriebenes Tier.
Ich zitterte, als ich merkte, daß ich gegen das Geländer gelehnt war, spürte diese lebensgefährliche, absolut todbringende Tiefe, diese unendliche gähnende Leere hinter mir, die mir eine Gänsehaut in Wellen wie eisig kalte, schuppige Schlangen über den ganzen Körper kriechen ließ, die mich beinahe wieder zu dem Schrei eines tödlich Getroffenen veranlaßt hätte. Ich glaubte, die Besinnung zu verlieren.
Die Frau fragte, mich an den Schultern packend: „Ist etwas los mit dir? Du wolltest doch nicht etwa da hinunter?" hinter mich deutend.
„Mein Gott, so ein bildhübscher Junge“, hörte ich eine andere Frau sagen, „das darf doch wohl nicht wahr sein! Um Gottes Willen ..."
Nun vernahm ich sehr deutlich laute Stimmen, in mehreren Sprachen.
„Bitte entschuldigen Sie!" sagte ich und versuchte, durch die Menge zu entkommen.
„Nein! Nein!" befahl die Frau in engen Jeans-Hosen. „Jetzt müssen wir erst einmal ernsthaft miteinander reden!"
Ihr Gesicht mit einer sehr spitzen Nase war leicht faltig, trotz einer jugendlichen Haut. Ihre seeblauen, recht kleinen, aber dennoch ausdrucksvollen Augen zeigten Selbstbewußtsein, einen starken Willen. Sie hielt mich mit sehr festem Druck an beiden Armen. Sie war offensichtlich stark und sportlich trainiert.
Sie führte mich die Treppe hinunter in das unter uns liegende
Dreh-Restaurant. Meine Beine konnten mich kaum tragen. Ich zitterte und glaube,
daß ich mich auf den Stufen und dem Wege zum stadtbekannten Speiselokal an der
Frau festgehalten habe, um nicht die Kontrolle über mich zu verlieren.
Ich fand mich am Tisch des eleganten Restaurants sitzend, ein Glas Cola vor mir,
gegenüber der Frau, sah neben meinem Stuhl meine wenigen Sachen.
(Jetzt beim Schreiben kann ich mich nicht mehr erinnern, warum und auf welche Weise ich meine wenigen Halbseligkeiten mit mir zum Turm genommen hatte und wie sie jetzt in das Restaurant gekommen waren.)
„Wolltest du wirklich? Das ist kaum zu glauben", sprach die fremde Frau mich an.
Ein Kloß in meinem Hals hinderte mich am Sprechen. Ich konnte mich kaum bezwingen, nicht zu weinen. Dann packte mich plötzlich eine Lust zu lachen, nur einfach so, ohne Grund. Ich hatte wohl den Verstand verloren. Die Frau sah mich an, versuchte mit schmalen, leicht rot nachgefärbten Lippen zu lächeln. Ich wich ihrem Blick aus.
Nach einer Weile des Schweigens forderte sie mich erneut auf zu erzählen. Ich schüttelte den Kopf.
Dann nach einer weiteren wortlosen Zeit befahl sie: „So, jetzt gehen wir erst einmal in mein Hotel. Dort badest du und ich besorge dir neue Kleidung! Du siehst ja ziemlich abgerissen aus. Das tut mir leide, es so offen sagen zu müssen. Reden müssen wir allerdings doch auch wohl miteinander, irgendwann, muß ja nicht unbedingt jetzt und hier sein!"
Unterwegs erzählte sie von sich, als wären wir schon lange bekannt oder besser gesagt, als wäre nichts Besonderes vorgefallen: Sie sei Lehrerin an einer höheren Schule für Mathematik und Sport und verbringe ihren langen Sommerurlaub, so wie auch im vorigen Jahr, hier in Kenia.
Als sie im Hotel den Schlüssel verlangte, schauten mich die Angestellten grinsend an. Einer machte sogar ein eindeutiges Zeichen mit Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger.
Ich wollte weglaufen, was mir dann wiederum peinlich war, und weil sie mich fest an der Hand hielt, wagte ich es nicht.
Nachdem sie das Hotelzimmer geöffnet hatte und wir eingetreten waren, sperrte sie die Tür mit ihrem Schlüssel ab. Dann ging sie gleich ins Badezimmer und ließ Wasser in die Wanne und in das Spülbecken laufen. Ich stand wie angewurzelt da.
Sie kam auf mich zu, begann die Knöpfe meines Hemdes zu öffnen und hantierte an meiner Hose. Erst jetzt begriff ich, daß ich mich ausziehen sollte, um zu baden, wie sie vorher gesagt hatte. Daher entledigte ich mich der Sachen, die sie in das Spülbecken steckte. „Zieh auch die Unterhose aus!" befahl sie, nachdem sie zu mir zurückgekommen war, und fügte energisch hinzu: „Nun, mach schon!"
Sie zog einfach die Hose hinunter und tauchte auch sie in das Spülbecken. Ich kletterte sogleich in die Badewanne, die allerdings erst wenig Wasser enthielt. Mir war das so entsetzlich peinlich, von einer Frau gesehen zu werden, das erste Mal in meinem Leben. Sie schien sich aber für meinen Körper überhaupt nicht zu interessieren, begann zu waschen, beziehungsweise meine Kleidungsstücke einzuweichen, wie sie sagte.
Sie lief in das Zimmer, kramte in einem Koffer, wie ich durch die offene Tür sehen konnte und kam mit zwei Tuben zurück. Auf einer stand »Badedas«, wie ich mich erinnere. Sie gab eine blaue Wurst daraus in den Wasserstrahl der Badewanne und sagte: „Das hätte ich zu Beginn tun sollen. Kannst du etwas rühren?"
Es begann sogleich, sehr angenehm zu riechen, und das Wasser schäumte stark, wobei mich der weiße Schaum so bedeckte, daß sie jetzt zum Glück nicht mehr meine Blöße sehen konnte, ein erlösendes Gefühl für mich.
Aus der anderen Tube mischte sie eine gelbliche Wurst in das Waschbeckenwasser.
„Ich gehe jetzt und kaufe dir ein paar Sachen“, sagte sie. „Nimm es mir nicht übel, wenn ich dich einschließe. Es wird wohl etwas dauern, bis ich wieder zurück sein werde." Sie verschwand.
Es war so wunderschön, nach langer Zeit wieder einmal baden zu können. Ich streckte mich aus und wäre beinahe eingeschlafen.
Ich hatte keine Lust das Wasser zu verlassen, wusch meine Haare, seifte meinen Körper ein, duschte den Schaum ab, mußte zur Toilette und ging wieder in das Wasser; denn als ich aufgestanden war, drehte sich alles um mich herum. Im Wasser fühlte ich mich schwerelos, leicht und angenehm.
Doch beschloß ich, das Zimmer und das Hotel sehr schnell zu verlassen, fühlte mich aber zu schwach und träge, diesen Entschluß auszuführen, was ja nicht einfach gewesen wäre, nämlich die nassen Kleidungsstücke anzuziehen und die Tür unbemerkt aufzubrechen.
Plötzlich mußte ich so heftig weinen, daß der Körper geschüttelt wurde. Ich fühlte mich so erschöpft wie noch nie in meinem Leben, bemühte mich, aufzustehen, den Schaum abzuduschen und mich abzutrocknen. Das fiel mir alles so unendlich schwer.
Ich stand völlig ratlos da; denn da war ja nichts zum Anziehen.
Dann begann ich, die beiden Betten zu untersuchen, wovon eines parfümiert roch, woraus ich schloß, daß sie darin schlafen würde. Daher kroch ich einfach in das andere und schlief sofort ein.
Ich wachte aus einem angenehmen Traum auf: John saß auf der Bettkante und küßte mich.
Zu meinem Entsetzen sah ich aber in das Gesicht der Frau. Hatte sie mich geküßt? Ging es mir durch den Kopf.
„Was bist du für ein hübscher Junge", sagte sie, nachdem sie den Rauch ihrer stinkenden Zigarette durch einen rund geformten Mund senkrecht nach oben geblasen hatte, wodurch sich zwei bläuliche Wirbelringe bildeten. Dann fragte sie: „Willst du nicht erzählen, was los war? Ich weiß nicht einmal wie du heißt."
Ich stellte mich vor, und es fiel mir nicht mehr so schwer, über meine Probleme zu sprechen, wobei sie sanft über meinen Arm strich. „Warum tun Sie das alles für mich?" fragte ich unvermittelt.
Sie zuckte die Achseln und antwortete nach einer Pause: „Muß man sich nicht um jemanden kümmern, wenn er in äußerster Not ist? Ich glaube, dazu ist man sogar gesetzlich verpflichtet."
„Was ist man?" wollte ich wissen, da ich nicht verstand, was sie gemeint hatte.
Sie erklärte, daß man nach den Gesetzen, die sich die Menschen gegeben hätten, dann helfen muß, wenn jemand in Lebensgefahr ist. Davon hatte ich noch nie etwas gehört.
Ich hatte so schrecklichen Hunger und mein Magen knurrte vernehmlich. Gerne hätte ich gebeten, mir etwas zum Essen zu besorgen. Dazu traute ich mich aber nicht. Ich kannte ja auch ihren Namen nicht, um sie anreden zu können.
„Entschuldige bitte", sagte sie lächelnd und mein Problem lösend, „daß ich nicht daran gedacht habe, daß du hungrig bist. Das ist unüberhörbar. Steh auf! Ich habe dir neue Sachen mitgebracht. Wir gehen in ein Restaurant."
Erst jetzt wurde mir bewußt, daß es völlig dunkel draußen war. Ich hatte also sehr lange geschlafen. Sie wiederholte die Aufforderung, aufzustehen. Wie konnte ich aber, da ich doch völlig nackt war.
„Also, ich habe auch schlimmen Hunger", rief sie. „Jetzt steh endlich auf!"
Ich überlegte, was ich machen könnte. Ich sah neue Sachen, wohl für mich gekauft, auf ihrem Bett liegen: Unterhose, Hemd, Anzug. Sie kam, schlug einfach die Bettdecke zurück, reichte mir eine Unterhose, in die ich blitzartig schlüpfte und was mich danach sogleich sicherer fühlen ließ. Sie hielt mir ein weißes Hemd hin, das sehr elegant geschnitten war, und wunderschön aussah mit zwei schmalen, parallel um Kragen und Ärmelmanschetten laufenden blaß-roten und schwarzen Streifen.
„Ist das schön", sagte ich.
Sie half mir beim Anziehen. Es paßte nach meinen Wünschen, eng anliegend, jedoch bequem. Wie hatte sie meine Größe so genau ermitteln können? Auch die hellgraue Anzugshose mit schmalen, dunklen, in Längsrichtung laufenden Streifen, mit sich nach unten ein wenig erweiternden Beinen und mit Preßbügelfalten, paßte wirklich gut. Die Sachen waren nach meinem Geschmack. Ich fühlte mich plötzlich so glücklich, wäre ihr so gerne um den Hals gefallen, traute mich aber nicht. Dennoch bedankte ich mich überschwänglich.
Sie zeigte mir eine weitere Garnitur, die mir sogar noch besser gefiel.
„Aber das werde ich nie bezahlen können!" rief ich erschreckt.
„Was?" entgegnete sie. „Wer spricht denn von Bezahlen? Red nicht so einen Unsinn! Willst du erst die anderen Sachen probieren oder? Ja, wir gehen erst zum Essen! Das kannst du später!... Ach so! Schuhe habe ich keine passenden gefunden. Du mußt vorerst deine alten anziehen! Die sind ja auch noch einigermaßen zu gebrauchen. Nur kurz abwischen werde ich sie."
Ich eilte in das Badezimmer, um mich zu erleichtern, wo sie alle meine alten Kleidungsstücke auf Bügel zum Trocknen aufgehängt hatte. Sie hatte also, während ich schlief, alles sauber gewaschen, was mir sehr peinlich war, denn die Kleidung war so ungeheuer schmutzig gewesen.
Endlich gingen wir, um etwas zu essen, verließen das Zimmer und das Hotel und gingen in das gegenüber liegende Restaurant, worauf sie bestand, obwohl ich sie gewarnt hatte, weil es als sehr teuer bekannt sei.
Ich spürte Unbehagen beim Überqueren der Straße an der Seite der Frau. Sie hatte sich sogar bei mir eingehakt. Ich war sichtbar viel jünger als sie und hatte eine andere Hautfarbe. Jeder würde sofort denken, daß wir das übliche Prostitutions-Verhältnis zwischen Tourist und einheimischem Partner hätten. Ein junger Afrikaner rief dann auch dementsprechend in unserer Landessprache: „Nun, ist sie gut?"
Ich reagierte nicht, wäre aber am liebsten sogleich weggelaufen.
Im Restaurant, einem der bekanntesten in der Stadt, insbesondere wegen der hohen Preise, gingen wir an einen Tisch in einer Ecke und setzen uns. Sie bekam eine Karte. Ich schien für die einheimischen Kellner überhaupt nicht zu existieren. Sie reichte mir die Karte: „Hier such dir 'was aus! Wir könnten aber zuerst schon mal etwas zu trinken bestellen. Ich möchte ein Bier. Was möchtest du?"
„Ich möchte eine Cola", bat ich. Ich bestellte in Englisch und bemühte mich, den einheimischen Akzent zu vermeiden.
Der Kellner fragte in der Landessprache, ob wir schon die Speisen ausgewählt hätten. Ich sagte in Englisch, wobei ich versuchte, den Akzent und Tonfall von John nachzuahmen: „Entschuldigung, ich habe nicht verstanden." Er wiederholte dann seine Frage in Englisch. Wir hätten aber die Speisen noch nicht ausgesucht, erklärte ich ihm.
Der Kellner entfernte sich und sprach offensichtlich mit den Kollegen über uns; denn alle schauten zu uns herüber. Sie waren sich wohl nicht ganz sicher, ob ich auch einer von denen war, die mit der Lust-Befriedigung von ausländischen Touristen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Ich trug beispielsweise keinen Schmuck, was ein typisches Anzeichen für einen Prostituierten gewesen wäre. Dann war ich deutlich als Mischling zu erkennen und reagierte nicht auf die Landessprache. Was die Kellner nicht wissen konnten, war: Ich trug bereits geschenkte Kleidung. Das Essen würde ich auch nicht bezahlen können.
Es dauerte lange, bis die Getränke kamen. In dieser Zeit hatte meine Partnerin schon die zweite, nach Zigarre riechende Zigarette eingeäschert.
Ich bestellte selbstsicher das Essen. Der Kellner fragte wieder in der Landessprache, ob wir eine Flasche Wein haben wollten. Ich ging nicht auf die Frage ein und wiederholte statt dessen die Bestellung des Essens erneut in sehr langsam gesprochenem Englisch. Nun bot er seinen Wein auch auf Englisch an. Ich wandte mich an meine Freundin in Deutsch: „Möchten Sie Wein?"
Sie schaute mich überrascht an: „Warum sagst du Sie zu mir? Bin ich schon so alt? Ich heiße Elisabeth Herrmann, falls du es vergessen haben solltest, und ich bin zwar fünfunddreißig Jahre alt, aber noch nicht zu alt."
„Tut mir leid", versuchte ich zu vermitteln, „ich wollte Sie, äh, ich meine, ich wollte dich nicht beleidigen. Aber ich habe das so gelernt..."
„Fremde mit Sie anzureden", fiel sie mir ins Wort, ohne besonderen Gesichtsausdruck zu zeigen.
Ich versuchte zu lächeln, sagte nichts weiter zu diesem Thema.
Dann kam ihr der wartende Kellner in Erinnerung. Sie verlangte eine Weinkarte, erklärte dann aber, mit einer abwinkenden Handbewegung eine Korrektur anzudeuten: „Vielleicht bestellen wir später."
„Ich möchte mich wirklich mit dir befreunden", sagte Elisabeth, „alles über dich wissen."
Wir unterhielten uns über das Land hier, die Landschaft, die Tiere und über Politik, wobei ich feststellte, daß sie ziemlich genau meiner Denkrichtung entsprach.
Das Essen war ausgezeichnet. Nur war ich noch nicht satt geworden und bestellte zusätzlich einen Pudding, sowie Kaffee für uns beide.
„Jetzt hätte ich doch Lust, noch etwas Wein zu trinken. Trinkst du eine Flasche mit?" bat sie.
Ich erklärte, daß ich eigentlich keinen Alkohol mag, korrigierte aber, um ihr einen Gefallen zu tun: „Heute habe ich auch Appetit." Ich ließ uns die Karte erneut zeigen und wir wählten einen Rotwein, der teurer war als alles, was wir bisher gegessen und getrunken hatten.
Wir unterhielten uns sehr angeregt, insbesondere weil mir der Alkohol schon mit dem ersten Schluck einen wirren Kopf gab.
Ich hatte meine Lebensgeschichte zu erzählen, wobei ich nicht mehr wußte, ob und was ich vorher erzählt hatte. „Du hast in deinen bisherigen Erzählungen nie erwähnt, daß du eine Partnerbeziehung hattest, zum Beispiel eine Freundin. Warst du nie verliebt? Keine enttäuschte Liebe?" sagte sie plötzlich.
Sollte ich nun ein Mädchen erfinden? Z.B. John (= Johannes) in Joan (= Johanna im Deutschen) verwandeln? Wegen meines Zögerns meinte sie: „Du brauchst darüber nicht zu sprechen, wenn du nicht magst."
„Danke", sagte ich. „Ist es nicht schon spät?" ergänzte ich.
Wir waren die letzten Gäste. Der Wein war längst ausgetrunken, und der Kellner hatte bereits die Rechnung gebracht.
„Würdest du bitte zahlen?" bat Elisabeth. Ich erschrak furchtbar. Ich besaß doch keinen Cent. Nun ja, wo waren übrigens eigentlich meine restlichen hundert Shillinge geblieben? überlegte ich.
Ich stocherte in den Taschen meiner Jacke und sah Elisabeth verlegen an, die mich schmunzelnd beobachtete.
Sie rief laut in Englisch, wohl so, daß jeder es hören sollte: „Du weißt nie, wo du dein Geld hingesteckt hast. Es ist in deiner Hosentasche." Sie fügte leise auf Deutsch hinzu: „In die Gesäßtasche hab ich dir genug gesteckt. Ich weiß nicht, wie die auf Englisch heißt" und lachte. Ich fingerte nervös in der Tasche und zog ein Bündel Scheine hervor.
Wir gingen schweigend ins Hotel. Ich wäre wieder gerne einfach weggelaufen, aber wohin?
Als wir im Zimmer waren, blieb ich ratlos an der Tür stehen, während Elisabeth begann, sich ungeniert auszuziehen. „Willst du da stehen bleiben?" fragte sie.
Ich hantierte umständlich an meinen Schuhen, während sie völlig entblößt ins Badezimmer ging und die Tür aufließ, so daß ich sie beim Zähneputzen beobachten konnte. Ich zog mich auch rasch aus, da sie nicht schaute und schlüpfte ins Bett. Sie duschte, kam zurück in das Zimmer, und rieb sich die restlichen Wassertropfen völlig ungeniert ab.
Ich betrachtete sie sehr aufmerksam, da ich noch nie in meinem Leben eine Frau völlig unverhüllt gesehen hatte, und sie mich überhaupt nicht beachtete, soweit ich feststellen konnte.
Sie war wohl objektiv außergewöhnlich gut gebaut, wie man sagt, hatte eine makellose Haut, sogenannte straffe Brüste, einen sportlichen Körper. Dennoch stieß mich etwas ab, was ich nicht sogleich definieren konnte. Aber es war die allgemeine Körperform der Frau, das breite Becken mit den sich darunter verjüngenden Beinen, darüber die enge Hüft-Einschnürung.
Ja, ein Mann sah ganz anders aus. Das Becken war schmal, die Oberschenkelpartie breiter. Bei der Frau war es genau umgekehrt. Auch traten keine ausgeprägten Muskeln hervor, was mich am männlichen Körper so reizte. Die Frau hat wohl einen zum Mann völlig unterschiedlichen Körper, gehört wirklich einer ganz anderen Rasse an. Hier könnte man wirklich von Rassenunterschieden sprechen, ein Gedanke, der mir in Gegenwart von John nie gekommen wäre.
Das Mittelteil dieses Frauenkörpers erinnerte mich an ein Violoncello.
„Warum beobachtest du mich so intensiv und so, als hättest du noch nie eine Frau in deinem Leben gesehen?" fragte sie mich plötzlich, mir einen Schreck versetzend. Wie war es möglich gewesen, daß sie meine beobachtenden Blicke bemerkt hatte? Ich konnte vor Schreck nichts sagen.
„Hast du wirklich noch nie eine Frau gesehen?" bohrte sie lachend weiter. Ich schüttelte den Kopf. „Das darf doch nicht wahr sein!" rief sie. „Das hätte ich wissen müssen. Dann hätte ich nicht so ungeniert vor dir posieren dürfen. Ist dir die Situation peinlich?"
Ich nickte. Sie kramte einen Bademantel hervor, den sie sich anzog, und setzte sich auf meinen Bettrand.
„Bist du schockiert?" wollte sie jetzt wissen. Ich wußte nichts zu antworten.
„Willst du dir die Zähne nicht putzen?" ging die Fragerei weiter.
„Ich weiß nicht, wo ich meine Zahnbürste habe", entgegnete ich.
Sie holte eine neue Bürste aus dem Koffer. Ich sprang aus dem Bett und lief ins Badezimmer, überlegte krampfhaft, ob sie jetzt mit mir schlafen wollte, ob ich verpflichtet wäre, den ersten Schritt zu tun, die Initiative zu ergreifen, wie man sagt, insbesondere weil das meine »männliche Pflicht« sei.
Ich war so sehr nervös und begann vor Aufregung zu zittern. Ich war ganz wirr im Kopf.
Mir war plötzlich völlig klar, daß sie sich von mir Befriedigung erwartete, daß sie sich natürlich nicht um mich gekümmert hatte, weil ich in einer Notsituation war. Sie hatte durchaus rasch verstanden, meine verzweifelte Lage auszunutzen.
Um wenigstens ein Anzeichen dafür zu geben, daß ich die Situation irgendwie meistere, rief ich, eine souveräne Stimme vortäuschend: „Wie spät ist es eigentlich?"
„Gerade Mitternacht vorbei", entgegnete sie.
Samstag,
22.7.1978
Elisabeth war, während ich mir im Badezimmer die Zähne putzte, in ihren Bademantel gehüllt auf meinem Bett sitzen geblieben und feilte an ihren Fingernägeln.
Ich huschte an ihr vorbei und schlüpfte rasch unter die Decke meines Bettes, wodurch sie sich in ihrer Beschäftigung nicht unterbrechen ließ.
Ich begann vor Nervosität zu zittern, konnte meine Muskeln nicht entspannen und lag da mit völlig wirrem Kopf, war überhaupt nicht müde und beobachtete Elisabeth.
„Fühlst du dich jetzt wieder in Ordnung?" wollte sie wissen. Ich nickte.
„Du mußt doch sehr müde sein nach diesem eigentlich für dich so schrecklichen Tag!?" fuhr sie fort. Ich schüttelte den Kopf.
Sie musterte mich plötzlich sehr aufmerksam, veränderte ihre Sitzposition und fuhr mit dem Handrücken über meine linke Wange und meinte: „Hast du überhaupt keinen Bartwuchs? Doch man kann Stoppeln fühlen. Du hast dich also erst kürzlich rasiert?"
Ich nickte und erklärte, daß ich in meinem Bündel so einen Hautschaber hätte, der mir zwar sehr wehtäte. Aber ich könne Bärte nicht ausstehen.
Sie lachte mich an: „Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben einen so hübschen Burschen gesehen. Ich muß dich genau anschauen, um doch einige Makel zu entdecken, finde aber keine." Ich grinste zurück.
„Deine Augen sind etwas entzündet", stellte sie fest, nachdem sie sich vorgebeugt hatte, um mich aus nächster Nähe zu betrachten.
Ich überlegte, ob ich sie jetzt umarmen müsse, ob das nicht meine Pflicht als Mann sei. Ich war so nervös, daß ich anfing zu schwitzen. Natürlich wartete sie darauf; denn warum sonst hätte sie sich auf meine Bettkante gesetzt? »Du mußt ihr den von dir erwarteten Lohn anbieten«, redete ich mir ein, zwang mich förmlich, plötzlich die Arme um sie zu legen und sie an mich zu pressen. Sie legte den Kopf auf mein Brust und bemerkte: „Dein Herz rast ja ganz schlimm und du keuchst. Bist du etwa erregt?"
Während sie letzteres sagte, griff sie nach meinem Glied. Sie setzte sich wieder und fragte freundlich lächelnd: „Bist du etwa impotent?"
Ich war entsetzt und schüttelte heftig den Kopf.
Sie zog den Bademantel aus und kroch zu mir ins Bett, wobei sie erklärte: „Das fände ich nicht einmal schlimm (impotent zu sein). Man muß ja nicht unbedingt immer miteinander schlafen, nicht wahr?"
Sie begann, mich zu streicheln und zu erregen, setzte sich auf mich, und führte mein doch inzwischen steif gewordenes Glied in ihre Scheide, was mir ein solches Lustgefühl vermittelte, wie ich das noch nie erlebt hatte und auch nicht beschreiben kann. Das Zusammensein mit ihr war die schönste Erfahrung, die ich bisher machen konnte. Wir wälzten uns im Bett. Ich begann völlig erschöpft zu werden und ließ mich, nachdem ich zu einem Höhepunkt gekommen war, auf eine Seite fallen, nachdem ich gemerkt hatte, daß auch ihre Muskelanspannungen nachließen. Wir blieben eine Weile, uns in den Armen haltend, liegen. Dann stand sie auf, machte im Badezimmer ein Handtuch naß und reinigte uns, wobei sie sagte: „War das auch für dich so schön?"
Ich nickte, fühlte mich völlig erschöpft, merkte, daß mein rechtes Bein unkontrollierbar zitterte. Mir war sehr übel, und ich fühlte mich deprimiert.
Elisabeth kam wieder zu mir unter die Bettdecke, streichelte über meine Körper, mir beobachtend in das Gesicht schauend. Ich preßte sie an mich, mußte plötzlich wie ein kleines Kind weinen, versuchte anfänglich zwar, mich unter Kontrolle zu bekommen. Aber dann sträubte ich mich nicht mehr gegen diesen unangenehmen Gefühlsausbruch.
Elisabeth sagte ziemlich leise, so als wäre es für sie eine Erleichterung: „Nun endlich!" was ich nicht verstand.
Sie streichelte mich und kraulte in meinen Haaren. Dann habe ich wohl das Bewußtsein verloren oder bin einfach nur eingeschlafen.
Als ich aufwachte, war sie dabei, sich anzuziehen. Ich fühlte mich sehr krank. Alle Muskeln schmerzten. Mein Glied brannte unter der Vorhaut. Ich spürte jeden Pulsschlag von innen gegen die Schädeldecke hämmern.
„Bitte, bitte, steh' jetzt auf!" befahl Elisabeth.
„Ich kann nicht. Ich fühle mich ganz schwer krank“, erklärte ich.
Sie kam, fühlte meinen Puls, und betastete meine Stirn. „Der Puls ist normal. Aber du scheinst Fieber zu haben“, stellte sie fest.
Ich versuchte aufzustehen. Um mich herum drehte sich alles. Mir wurde mit einem Male so sehr übel, daß ich es gerade noch schaffte, mich in den Abort zu übergeben. Es roch widerlich. Doch ich fühlte mich erleichtert und fast spontan besser.
Elisabeth hatte sogleich damit angefangen, die Wasserspülung zu betätigen und das Becken zu reinigen, was mir äußerst unangenehm war. „Laß mich das doch bitte selber machen", bat ich.
„Quatsch, mir macht das nichts aus! Geht es dir jetzt besser?" fragte sie. Ich nickte.
Sie erklärte: „Es wäre schon sehr seltsam gewesen, wenn der gestrige Tag so spurlos an dir vorüber gegangen wäre. Diese psychische Strapaze, der du ausgesetzt warst, muß sich irgendwie auswirken. Aber wenn es dir besser geht... Ich meine, du darfst dich aber nicht hängen lassen, und wir sollten nach dem Frühstück einen ausgedehnten Stadtbummel machen."
Sie bestellte Frühstück für zwei Personen auf das Zimmer, wobei ich feststellte, daß sie recht gut Englisch sprach. Sie wiederholte die Bestellung nach einer Weile noch einmal sehr energisch, weil wohl derjenige, der die Bestellung entgegennahm, etwas ihr nicht Passendes gesagt hatte. Dabei hob sie „ja, für zwei" besonders hervor.
Ich raffte meine Sachen zusammen, lief in das Badezimmer und wollte mich rasch anziehen. Elisabeth folgte und fragte: „Willst du nicht erst duschen?" wobei sie mich in den Arm nahm und zärtlich küßte, was mich sogleich wieder erregte, leider bei einem Mann sogleich äußerlich sichtbar. Ich versuchte, von ihr loszukommen, um mich hinter dem Duschvorhang zu verstecken.
Sie lachte: „Dir ist wohl immer alles sehr peinlich. Dabei ist das alles doch so schön und natürlich. Ich mag dich, möchte dich dauernd anfassen, fühlen und liebkosen. Dummer Wuschel!"
Ich duschte, trocknete mich rasch ab und begann mich anzuziehen.
Nach dem Frühstück fühlte ich mich so schlapp, daß ich am liebsten wieder in das Bett gekrochen wäre. Aber Elisabeth bestand auf einem kurzen Spaziergang.
Als sie den Schlüssel am Empfang abgegeben wollte, sagte der Hotelangestellte: „Wir haben da ein Problem", dabei mich anschauend, was meinen Pulsschlag beschleunigte und mir äußerst peinlich war.
Sie sprach sehr selbstsicher: „Ich habe jetzt nicht viel Zeit. Da das Problem aber sicher mit Geld zu lösen ist, regele ich das, wenn wir zurückkommen."
Wir bummelten durch die Stadt und tranken einen Kaffee am berühmten Treffpunkt unter dem sogenannten großen Dornenbaum, wo ich John kennen gelernt hatte.
Ich fühlte mich so schlapp und erschöpft, daß ich nur den einen Wunsch hatte, mich irgendwo hinlegen zu können. Elisabeth merkte es wohl und ordnete an, zurück zum Hotel zu gehen. Sie reichte mir den Zimmerschlüssel: „Geh schon. Ich regele erst die finanzielle Seite. Da ich ein Einzelzimmer gemietet habe, wollen die jetzt wegen dir mehr."
Ich überlegte, ob ich jetzt die Gelegenheit nutzen sollte, wegzulaufen, schnell meine Sachen holen und verschwinden. Das wäre aber nicht richtig Elisabeth gegenüber gewesen, die so viel für mich getan hatte und so lieb war. Ich fiel erschöpft auf das Bett, das inzwischen gemacht worden war, und schlief ein.
Ich wachte auf, weil Elisabeth heftig an die Tür klopfte.
Sie half mir beim Ausziehen, legte sich zu mir, nachdem sie sich ebenfalls entblößt hatte.
Ich verfiel in einen Tiefschlaf, der von einem Dämmerschlaf
abgelöst wurde, wobei ich merkte, daß Elisabeth über meine Haut strich und mich
liebkoste.
Sonntag, 23.7.1978
Elisabeth hatte mich, wie es mir vorkam, mitten in der Nacht wachgekitzelt. Sie sagte sanft: „Wir müssen unbedingt aufstehen; denn die Geländewagen zum Tierpark fahren schon um fünf Uhr los."
Ich wäre so gerne noch im Bett geblieben, mußte aber wohl gehorchen.
Vom Reisebüro aus fuhren wir mit drei Land-Rovern {in Kenia unter Lizenz eines englischen Unternehmens hergestellte Geländewagen} ab, vollgepackt mit meistens älteren Touristen aus vielen Ländern.
Zumindest alle Männer hatten teure Fotoapparate umgehängt, teilweise mit riesigen Objektiven. Elisabeth hantierte auch an einer offensichtlich teuren und komplizierten Kamera. Bei uns beiden war es also umgekehrt. Ich kam mir vor wie ihr Schoßhündchen, fühlte mich ziemlich deprimiert, dachte an meine Zukunft, an Arbeitsmöglichkeiten, an eine eigene Existenz.
Ich begann stark unter der völligen Abhängigkeit von Elisabeth zu leiden. Sie bestimmte alles, bezahlte selbstverständlich, hatte dauernd Sachen für mich, sogar sehr teure Schuhe gekauft. Die Peinlichkeiten und bewußten Demütigungen waren schwer für mich zu erdulden. Jeder erkannte sogleich die sogenannte eindeutige, abhängige Beziehung zwischen uns beiden, und ich wurde auch entsprechend behandelt. Ich war also zu einem der üblichen Touristenprostituierten geworden.
Dabei mochte ich Elisabeth, die sehr unkompliziert war, über alles sprach, zwar nie sehr tiefsinnig, aber auch nicht belastend.
Ich versuchte, mich von meinen Gedanken loszureißen, und unbelastet erst einmal die Landschaft unter der aufgehenden Sonne zu genießen, die wunderbare Farbenpalette.
Wir fuhren an einem mit nur wenigen Bäumen bewachsenen, dürren Gras-Hang entlang. Das Tal war noch dunkel, schwarz-blau-grau und ließ keine Einzelheiten erkennen. Der Jeep schaukelte auf dem Feldweg, so daß man sich festhalten mußte. Elisabeth hielt meinen Arm umklammert, den sie andauernd leicht streichelte, was mir ein wohliges Gefühl gab.
Plötzlich rief der Fahrer etwas, was ich nicht mitbekam, weil wir am weitesten hinten saßen. Alle schauten den Hang hinunter, wo eine Antilopenherde graste, leider in der Morgendämmerung noch nicht gut erkennbar.
Über uns hinweg zogen bläulich-rote Wolken, die zur Sonne hin leuchtend orange und in direkter Nähe der Sonne gleißend gelb gefärbt waren. Der Himmel direkt über uns war ganz tief dunkelblau und weiter von der Sonne weg, fast schwarz. „Es lohnt sich wirklich einen Sonnenaufgang zu erleben", sagte Elisabeth. „Findest du auch die Landschaft so wunderschön?"
Ich nickte und drückte ihren Arm, wie zum Dank, daß ich mitfahren durfte.
Sie begann zu fotografieren. Ich war der Meinung, daß es noch zu dunkel sei und die Bilder wegen der notwendigen langen Belichtungszeit bestimmt verwackeln würden. Als ich es Elisabeth sagte, erwiderte sie: „Ich habe einen sehr empfindlichen Film eingelegt. Nach der Belichtungsanzeige müssen die Aufnahmen gut werden."
Ein mir gegenüber sitzender, etwa vierzig Jahre alter Mann, typisch englisch aussehend, was an seinem Gesichtsschnitt deutlich zu erkennen war, starrte mich unentwegt an. Nach einiger Zeit versuchte er ein Gespräch in bestem Hochenglisch (Königs-Englisch): „Du bist nicht von hier? Sprecht ihr Deutsch?"
Ich nickte. „Das sind doch eindeutig Deutsche", sagte eine Frau neben ihm, sicher die Ehefrau.
Der Mann wandte sich an Elisabeth: „Sprechen Sie (oder sprichst du) auch Englisch?"
Diese Frage war völlig überflüssig, da Elisabeth fast ununterbrochen mit anderen Touristen in recht gutem Englisch gesprochen hatte.
Sie sagte etwas sarkastisch: „Das weiß ich nicht. Manche Leute können mich allerdings verstehen und ich sie auch."
„Ist das Ihr Sohn?" wollte der Mann, auf mich zeigend, jetzt wissen.
Elisabeth lachte und rief laut: „Ja, als ich zum ersten Mal hier war, vor zwei Jahren, hat mich auf genau so einer Fahrt wie dieser heute, der Fahrer vergewaltigt."
Die Touristen lachten. Der Mann wurde rot erleuchtet, worüber ich am meisten lachen mußte. Es ist so komisch, daß diese europäischen Chamäleons wirklich in Sekundenschnelle ihre Hautfarbe ändern können. Ich beobachtete, daß auch die neben ihm sitzende Frau einen roten Kopf bekommen hatte. Beide schwiegen fortan.
Ein uns entgegen kommender Jeep hielt an und berichtete dem Fahrer, wo Löwen zu sehen seien. Daraufhin fuhren wir quer durch das Gras den Hügel hinunter zu einer Wasserstelle, wo sehr viele Tierarten standen: Emu-Herden, verschiedene Gazellen, sogar eine große Herde der gefürchteten Büffel.
Hinter einem Gebüsch entdeckten wir eine große Zahl Löwen dicht beieinander. Zwei männliche Tiere (ich weiß nicht, ob sie im Deutschen »Löweriche« heißen) mit langer Mähne, aber stolz hochgerichtetem Kopf (»Haupt« sagt man wohl) lagen im Gras. Mehrere Löwinnen fraßen an einem Kadaver, den Überresten eines Büffels, wie man bei näherem Hinschauen an den gebogenen Hörnern entdeckten konnte. Der ganze Bauchteil war schon weggefressen. Man konnte richtig in den Kadaver hineinschauen. Ich glaubte, sich darin ein Tier bewegen zu sehen. Nach einigen Minuten kroch eine Löwin, blutüberschmiert heraus. Sie hatte sich ganz in den Büffel hineingefressen.
Die Natur ist widerlich. Geier und Hyänen versuchten, sich dem Kadaver zu nähern, wurden aber von den Löwinnen weggejagt, die beim Sturmlaufen den Unterkiefer vorschoben und die Augen etwas zusammenkniffen. Sie hatten einen richtig ärgerlichen Gesichtsausdruck, jagten aber nur einige Meter, um die Abfallfresser einfach nur auf respektierlichem Abstand zu halten.
Unser Fahrer sagte, daß solche Szenen selten zu sehen seien. Ganz langsam näherten wir uns der Mordstätte, wobei uns die Löwen und Abfallfresser kaum beachteten. Nur die Löweriche betrachteten uns mißbilligend und richtig hochnäsig.
Die Kameras klickten. Sogar Filme wurden gedreht.
Nach etwa einer Stunde waren wohl die Löwen gesättigt und lagerten in unmittelbarer Nähe der Leiche, ließen aber die Geier und sonstigen Vögel, deren Namen mir unbekannt sind, nicht heran. Auch die Hyänen wurden immer noch auf Abstand gehalten. Zwei ganz junge Löwenbabys tappten in dem Kadaver umher, zerrten an einem Fleischstück in entgegengesetzte Richtung. Das Stück riß auseinander und beide purzelten auf die Erde. Eines der Löwenkinder lag sogar auf dem Rücken und bewegte die Pfoten im Zeitlupentempo in der Luft. Das sah unwahrscheinlich komisch aus. Die kleinen Löwenkinder torkelten wie betrunken auf eine Löwin zu, die sie packte und genüßlich mit einer großen Zunge sauberleckte; denn auch die Babys waren blutüberschmiert. Eines versuchte, die Mutter um den Hals zu fassen, fiel aber um und brauchte lange, um wieder auf die Beine zu kommen.
Offensichtlich verfügten diese Löwenjungtiere genau so wenig über ihre Körperbeherrschung wie menschliche Kleinkinder, die zum Beispiel, wenn man ihnen einen Ball zuwirft, erst viel zu spät zugreifen und die sich, nachdem sie auch hingefallen sind, im Zeitlupentempo etwas schwankend wieder aufrichten.
Die Touristen waren begeistert. Der Fahrer ermahnte immer wieder, keine Laute von sich zu geben. Menschenstimmen würden die Tiere irritieren.
Mit einem Male, ohne ersichtlichen Grund kümmerten sich die Löwen nicht mehr darum, daß Geier, Hyänen und andere Fleischfresser sich über die Reste des Kadavers hermachten. Sie waren wohl satt. In kurzer Zeit, war der Kadaver von Vögeln richtig zugedeckt, die ab und zu hochhüpften, weil die Hyänen nach ihnen schnappten. Ich konnte nicht beobachten, daß es den Hyänen gelang, einen der großen Vögel zu erwischen.
Die anderen Tiere, Antilopen, Büffel, Emus trotteten in verschiedene Richtungen von der Wasserstelle weg. Niemand aus der Büffelherde schien das von den Löwen ermordete Tier zu vermissen.
Mehrere Stunden blieben wir an dem Ort, wo die Löwen in der Nacht zugeschlagen hatten, bis sich auch allmählich die Raubvögel und die Hyänen verzogen, nur noch Rippen und Knochen zurücklassend.
Das Mittagessen wurde in einer Lodge (Park-Hotel-Restaurant) eingenommen. Allen schmeckte es sehr. Diesmal fielen die Touristen über die Stücke eines von Menschen ermordeten Zebras her.
Mir schmeckte das Essen überhaupt nicht, als ich mir vorstellte, wie hübsch diese Tiere aussehen.
Zum Abschluß gab es Vanille-Eis. Elisabeth fragte den Kellner: „Haben Sie das Eis auf Holzkohle gegrillt?" Der arme Mann verstand sie nicht.
Sie sagte, daß das Eis eindeutig nach Holzkohle schmecke. Ich hatte auch einen eigenartigen Geschmack festgestellt und als Elisabeth diesen als von Holzkohlefeuern herrührend diagnostizierte, konnte ich das nur bestätigen. Der Kellner ging kopfschüttelnd weg.
Ein ehemaliger englischer Kolonialoffizier klärte uns auf: „Sie haben ganz recht. Die Milch hier schmeckt nach Holzkohle und damit natürlich auch das Eis. Nachdem Sie bereits gegessen haben kann ich es ja erzählen. Es ist folgendermaßen: Die Massais {Nomaden-Volksstamm im südwestlichen Teil von Kenia} ziehen mit ihren riesigen Rinderherden umher und haben Wasserprobleme. Sie waschen sich in Kuh-Urin, spülen die ledernen Milchschalen auch im Urin der Rinder. Nachdem die, in der Hitze ranzig gewordene Milch ausgespült ist, legen sie zwei Schalen so aufeinander, daß sie kugelförmig geschlossen sind. Dann füllen sie zur Desinfektion glühende Holzkohle ein. Daher also der Geschmack."
„Wenn die Massais sich an solcher Milch nicht infizieren, werden wir das wohl auch nicht", kommentierte Elisabeth selbstbewußt und fügte hinzu: „Hat eigenartig, aber nicht schlecht geschmeckt."
Andere Touristen regten sich jedoch über diese „entsetzliche Schweinerei" auf.
Es wurde schon dunkel, als wir uns, vom Ausflug zurück, in Richtung Hotel begaben.
Auf dem kurzer Weg zu Fuß von der Stelle, wo uns die Jeeps am Touristen-Sammelplatz abgesetzt hatten, wollte Elisabeth wissen: „Hat es dir heute auch so gut gefallen wie mir? Du hast nur sehr wenig gesprochen. Ist etwas los?"
Ich zuckte mit den Schultern.
„Raus mit der Sprache!" lachte sie befehlend.
„Ach, weißt du", begann ich, „es ist mir doch so unangenehm, wenn die Leute uns zusammensehen. Sie können sich alle denken, was zwischen uns ist. Das ist mir so unerträglich peinlich."
„Wieso das denn?" ereiferte sie sich und fuhr fort: „Was ist denn zwischen uns? Ach so!... Erstens tun wir das zusammen, was die anderen auch gerne täten, und ehrlich gesagt, ich freue mich schon darauf. Ich bin sicher, daß sie alle neidisch sind, diese Heuchler. Hast du nicht gesehen, wie dich dieser schwule Bock mit seiner ausgedörrten Alten angestiert hat. Dem habe ich ganz ordentlich den Mund gestopft... Ich glaube, ich habe eben erstens gesagt. Dann also zweitens: Wir tun niemandem etwas zuleide, richten bei niemandem einen Schaden an, oder?"
Ich zuckte mit den Schultern. Dann entschloß ich mich, unserer Beziehung endlich ein Ende zu setzen. Ich konnte das nicht mehr aushalten und sagte: „Wieso meinst du, daß der Mann schwul war?"
„Ja, hast du denn keine Augen im Kopf. Wie der dich wirklich die ganze Zeit mit geilen Blicken angeglotzt hat! Du weißt doch hoffentlich, wovon ich spreche? Vielleicht hat der dir gefallen?!" rief sie lachend.
Ich faßte allen Mut zusammen und sagte: „Ich bin auch schwul!"
Elisabeth blieb stehen, drehte sich nach mir um und starrte mich fassungslos an.
„Ach so?" kommentierte sie nur und fuhr nach einer Pause fort: „Darüber müssen wir ja nicht auf der Straße sprechen."
Als wir jetzt weitergingen, war sie nicht mehr bei mir eingehakt. Ich überlegte, ob ich jetzt nicht endlich schnell weglaufen sollte, folgte ihr aber, wie von irgendetwas gezogen, wie ein Hund an der Leine.
Im Zimmer angekommen, setzte sie sich auf das Bett, in dem wir geschlafen hatten, und deute mir mit einer Handbewegung, mich neben sie zu setzen. Ich begann vor Aufregung zu schwitzen.
„Ich habe dich gleich zu Anfang unserer Beziehung gefragt, welche Erlebnisse du mit anderen Mädchen und so weiter hattest“, begann sie. „Jetzt geht mir vielleicht ein Licht auf, warum du nicht antworten wolltest. Du bist tatsächlich schwul?"
Ich nickte, ohne sie anzuschauen, mußte plötzlich weinen, wobei ich einfach meinen Kopf auf ihre Oberschenkel legte, und ich stotterte: „Ich mag dich sehr. Warum habe ich das eigentlich gesagt? Jetzt ist alles aus."
Sie kraulte in meinem Haar, faßte meinen Kopf, zog mich hoch zu sich, so daß sie mich anschauen konnte. Sie küßte mich und lachte: „Du wolltest mich also ärgern?"
Ich schüttelte den Kopf. „Du hast wirklich die Wahrheit gesagt?" forschte sie. Ich nickte. Sie schaute mich schweigend an, ratlos vielleicht.
Ich bekam große Angst. Wenn sie mich jetzt hinauswirft, ich also von diesem schönen, bequemen Hotel wieder in den Park müßte, ging mir durch den Kopf. Sie war ja so energisch, würde mich keineswegs verstehen können, da sie Sport liebt, Wettkämpfe, Krieg, Jagd, alles, was ich verabscheue.
„Hör mir mal gut zu“, bat sie. „Ich weiß nicht, wie ich, was
ich, ich meine, wie ich mich jetzt verhalten muß."
„Es ist aus“, schluchzte ich. „Ich muß wieder zurück in den Park..."
„Unsinn!" unterbrach sie mich. „Wenn ich mir überlege, wie es mit dir war bei unserem Zusammensein, das so anders war, nicht einen massigen Kerl auf einem rumwirtschaftend, sondern leichter, gefühlsbetonter irgendwie, sanfter. Du, das war so schön mit dir. Wirklich ganz anders. Menschenskind, aber was mußt du gelitten haben. Du hast das nur gemacht, weil du meintest... Ich meine, du hast mir nur einen Gefallen tun wollen? Du hast dir gesagt, du mußt das tun. Das erwartet die Alte von dir, nicht wahr?"
Obwohl sie ja genau das gesagt hatte, was mir durch den Kopf gegangen war, schüttelte ich heftig den Kopf. „Das war doch für mich genau so schön“, gestand ich ehrlich, „wirklich, glaube mir, ein solcher Reiz, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Ich bin verrückt. Ja, ich bin einfach verrückt."
Sie preßte meinen Kopf zwischen ihre beiden Hände und schaute mich an, was mir unangenehm war. Ich versuchte, ihre Augen zu meiden.
„Schau mich an!" befahl sie. „Jetzt gibt es wohl einiges zu bereden. Noch verstehe ich wirklich nicht, was tatsächlich mit dir los ist. Du hast wohl nicht nur krause Haare, sondern auch einen krausen Verstand." Sie lachte.
„Das Muß wohl wahr sein", bestätigte ich mir.
„Also sprich erst mal der Reihe nach, wieso du meinst, schwul zu sein“, forderte sie.
Ich begann, zuerst stotternd und mit Zögern, dann flüssiger über meine Erlebnisse mit MacDunhill, John und Marc zu berichten, ließ sogar einige recht bedeutungslose Kurzerlebnisse nicht aus. „Wenn doch wenigstens John bei mir geblieben wäre!" schloß ich.
Elisabeth holte tief Luft und sagte: „Das war ja eine lange Geschichte. Jetzt wird mir allmählich einiges klarer. Du wolltest dich aus Liebeskummer umbringen!?"
Ich schüttelte den Kopf: „Nein, glaube ich nicht, bestimmt nicht wegen John. Unsere Beziehung war zu Ende. Unsere Liebe ausgebrannt, verbraucht, erloschen. Ich habe nun jedoch keinen Menschen mehr..."
„Außer mir“, fiel sie mir ins Wort und preßte mich fest an sich. „Jetzt ist doch alles gut und in Ordnung", fuhr sie fort. „Du hast ja endlich Geschmack, nach all den Verirrungen, an einer Frau gefunden oder?"
Ich zuckte die Schultern. Ja, bestimmt, ich fand sie nett, das Zusammensein in der Nacht äußerst reizvoll, wenn sie nur einen anderen Körper hätte. Ich hatte mich daran gewöhnt, sie im Schlaf im Arm zu halten, Vergnügen daran, mit ihr zu einer Befriedigung zu kommen. Aber ihr Körper war mir völlig gleichgültig, sogar unangenehm anzuschauen. Konnte ich ihr das sagen? Nein auf gar keinen Fall. Das würde sie kränken. Sie kann ja nichts dazu, daß sie solch einen Körper hat, daß sie zu der anderen Rasse Mensch zählt.
„Was geht in diesem Krauskopf vor?" wollte sie wissen. „Raus mit der Sprache! Hast du 'was gegen Frauen? Das kannst du mir ruhig sagen. Ich weiß, daß ich ungewöhnlich gut aussehe. Ich bin also keineswegs darauf angewiesen, daß du mir schmeichelst und nur Honig ums Maul schmieren mußt. Also?"
Ich sagte ihr stotternd und zögernd, was ich empfand. Sie begann laut zu lachen: „Zu einer anderen Klasse, ach nein, Rasse Mensch gehöre ich? So seht ihr Schwulen das also? Ist das komisch, wirklich komisch. Ich empfinde allerdings, man kann sagen, ähnlich wie du, nur anders herum. Ist das nicht komisch? Eine nackte Frau kann mich überhaupt nicht reizen, aber der Typus der anderen Rasse, den du vorhin als für dich ideal beschrieben hast - nein, ist das lustig - der Anblick eines Wesens dieser anderen Rasse läßt meine Haut prickelig werden, sogar wenn da ordentlich Haare auf dem Körper wachsen, die man durch die Finger fließen lassen kann. Du hast ja den glatten Körper eines noch nicht erwachsenen Mannes. Beleidige ich dich jetzt?"
Ich schüttelte den Kopf und mußte auch lachen: „Mein Körper hat den Nachteil, ganz richtig, daß in der Regel nur alte Böcke hinter mir her sind, die wohl so eine Mischung aus Frau und Mann haben möchten oder so 'was wie Kindesverführer sind. Ich jedenfalls kann behaarte Männer nicht ausstehen. Die ekeln mich an."
Wir begannen über körperliche Reize und Empfindungen zu reden, zogen uns aus, weil es schon so spät und eigentlich höchste Zeit zum Schlafen war.
„Darf ich mich immer noch in dein Bett legen?" fragte Elisabeth.
Ich nickte, streckte ihr die Arme entgegen, und wir liebten uns stürmisch.
Nachdem sie mich gewaschen hatte, begann sie meinen Körper zu betrachten, regelrecht zu untersuchen, wobei sie albern kicherte. Ich fand das auch sehr lustig. „Mensch“, sagte sie, „heute habe ich zum ersten Male in meinem Leben mir mal genau angeguckt, wie die Wesen der anderen Rasse tatsächlich aussehen und konstruiert sind."
Wir alberten, kitzelten und balgten uns, wurden dann doch so
schrecklich müde, daß wir bald einschliefen, wieder eng umschlungen.
Montag, 24.7.1978
Heute Morgen waren wir zur Küste geflogen. Elisabeth, die ich jetzt wirklich gern habe und bestimmt auch immer gern haben werde, wollte zurück zum Strandhotel, das sie eigentlich als Reiseziel gebucht hatte und wo sie bestens bekannt zu sein schien.
Nairobi war nur ein, sonst im Reiseprogramm nicht vorgesehener Abstecher für sie gewesen.
Sie stellte mich anderen Touristen vor, die mich jedes Mal in einer Weise musterten und angrinsten, daß man deutlich erkennen konnte, wie sie die Beziehung zwischen ihr und mir einschätzten.
Mir war das zwar peinlich; aber ich versuchte, mir klar zu machen, daß wir keinem etwas zuleide taten.
Mich schmerzte allerdings die Abhängigkeit vor ihr. Ich mußte alles mitmachen, was sie anordnete, wagte nicht oder nur selten zu widersprechen. Ich war ihr Sklave geworden, von ihr gekauft, ohne festen Kaufpreis. Aber ach, was soll's?!
Sie kannte auch den Direktor des Hotels gut, zu dem sie mit mir gleich ins Büro ging, mich vorstellte und sogleich von mir zu erzählen begann, wie sie mich kennengelernt habe, daß ich Deutsch, Englisch, Französisch und Kisuahili wie jeweils die Muttersprache beherrsche, Elektrotechnik studiert habe, aber keine Anstellung habe finden können.
Monsieur Bruhns, so heißt der Direktor, etwa Mitte fünfzig, groß, breit, grob gebaut, sicher sehr stark, grauhaarig, sprach mich sogleich in Französisch an, wohl um meine Sprachfähigkeiten zu erkunden.
Er sei Schweizer, erklärte er mir, und wollte wissen, wo ich mich überall beworben habe. Ich erwiderte, daß ich vor meinem Examen die Beschäftigungszusage von einer Elektrogeräte-Wartungs- und Herstellungsfirma gehabt habe. Leider sei die Firma in Konkurs gegangen. Davon hatte Herr Bruhns gehört, weil der Fall in den Zeitungen gestanden habe. Er bot mir sofort eine Beschäftigung im Hotel an, wobei er erklärte: Der Hotelelektriker habe sich bei einer Reparatur an einem Klimagerät die rechte Hand übel zugerichtet, weil er unter Spannung gearbeitet habe und sogar zu faul gewesen wäre, den Stecker herauszuziehen. Ich könne die Stelle bekommen, wenn ich mir die Arbeit zutraue. Dieser Job würde zwar nicht meiner Ausbildung entsprechen. Auch sei die Bezahlung nicht attraktiv. Aber ich könne wenigstens überleben, bis ich etwas Besseres gefunden habe. Ob der Elektriker jemals wieder würde arbeiten können, sei fraglich. Er, der Direktor, habe ihn erst einmal entlassen. Ich könne also auch seine Unterkunft bekommen.
Mein Herz raste vor Glück. Ich war endlich unabhängig und sagte begeistert zu. Dann begann ich zu überlegen und wollte wissen, wovon der Elektriker denn jetzt lebe. Monsieur Bruhns, eigentlich ein deutscher Name, gab zur Antwort, daß er es nicht wisse. Ich fragte weiter, wo der Elektriker jetzt sei. Als ich erfuhr, daß er sich immer noch irgendwo im Hotel aufhalte, bat ich, mit ihm sprechen zu dürfen, bevor ich mich endgültig entschlösse, die angebotene Stelle anzunehmen. Der Direktor machte ein mißbilligendes Gesicht, trat auf den Klingelknopf unter seinem Schreibtisch, woraufhin sogleich ein Hotelbediensteter hereinkam.
Ich wurde zum Elektriker geführt, der aus meinem Stamm kam. Ich erklärte ihm in unserer Sprache, worum es ginge, bot ihm an, den Lohn und, wenn er wolle, auch das Zimmer mit ihm zu teilen. Mussa, so heißt der Elektriker, zeigte sich sehr glücklich und bedankte sich immer wieder.
Ich ging zum Direktor zurück. Elisabeth war immer noch bei ihm. Beide tranken Cognac. Ich bekam, ohne gefragt zu werden, auch ein Glas eingeschüttet. Das Getränk schmeckte widerlich, brannte in Speiseröhre und Magen schlimmer als Sodbrennen, verschlug mir den Atem und zwang mich zum Husten. Elisabeth und Monsieur Bruhns, die mich beim Trinken beobachtet hatten, lachten laut.
„So etwas Leckeres wohl nicht gewöhnt?" neckte mich der Direktor auf Deutsch in einem eigenartig singenden, rollenden Tonfall.
Der konzentrierte Alkohol strömte mir durch die Magenwände, wie es mir vorkam, in alle Glieder meines Körpers und benebelte meinen Kopf. Es ist mir unverständlich, wie Leute solch ein Getränk freiwillig trinken und sogar genießen können.
Ich erzählte dem Direktor, diesmal auch in Deutsch, da er sich mit Elisabeth in dieser Sprache unterhielt, über mein Gespräch mit dem Elektriker. Wenn er, der Herr Direktor, mit meiner, Mussa gegebenen Zusage einverstanden wäre, würde ich die Stelle wirklich sehr, sehr gerne annehmen.
„Du scheinst ja sehr sozial eingestellt zu sein“, kommentierte er und fügte hinzu: „Ich habe nichts gegen deine privaten Abmachungen. Das mußt du selber wissen. Vielleicht kann der Elektriker dich dann einweisen und dir ein wenig helfen. Es ist wirklich manchmal viel zu tun. Von mir aus kannst du gleich beginnen."
Elisabeth, offenbar vom Alkohol beeinflußt, protestierte heftig. Heute hätte sie vor, einiges mit mir zusammen zu unternehmen.
Der Direktor lachte und sagte: „Sie haben ihn sich mitgebracht, und ich kann verstehen, daß Sie den Urlaub noch ein wenig mit ihm genießen wollen. Er scheint ja wirklich ein netter, sympathischer Bursche zu sein, sieht vor allem gut aus. Daher will ich Ihnen beiden nicht den Spaß verderben."
Deutlicher konnte wohl niemand werden. Mir schoß das Blut in den Kopf. Ich war also so etwas wie eine Speise, wie dieser Alkohol, zum Genießen. Ich konnte aber nichts sagen, mußte froh sein, eine Stelle zu haben, wenn auch für so wenig Geld, daß ich nur das Einfachste würde essen können. Elisabeth und der Direktor unterhielten sich noch eine Weile ungeniert über Beziehungen zwischen Touristen und meinesgleichen, die ihnen auch ihren Körper verkauften. Als wir uns verabschiedeten, lud uns Monsieur Bruhns zum Abendessen ein.
Ich war wütend, deprimiert, haßte Elisabeth und alle, die hier umher liefen, diese geilen, widerlichen Prostitutionstouristen, meistens häßlich wie Spinnen, mit dicken, vollgefressenen Bäuchen und dünnen Beinen.
Elisabeth holte sich einen Zimmerschlüssel. Ich lief wie üblich nebenher wie ein Hündchen.
Umbringen sollte man das Pack.
In dem sehr schönen Zimmer mit Blick auf das leuchtend bunte Meer, tief blau, grün, ja sogar orange und die Sonnenstrahlen gleißend grell reflektierend, ging ich auf den Balkon, um die wunderschöne Sicht besser genießen zu können und um mich zu beruhigen.
Nach einiger Zeit kam Elisabeth, legte den Arm um mich und fragte: „Bist du glücklich?"
Ich sprang zur Seite von Wut gepackt. Sie erschrak offensichtlich und rief: „Was ist denn jetzt los."
„Ihr Sklavenhalter“, schrie ich sie an. „Ihr meint, ihr könntet mit uns machen, was ihr wollt." Ich beschimpfte sie.
Elisabeth zog mich ins Zimmer und begann mit mir ganz sachlich und ruhig zu diskutieren: „Du hast Recht. Es tut mir leid, daß ich mich auch so dumm benommen habe, daß du den Eindruck bekommen mußtest, als würde ich dich zu den Prostituierten rechnen, die hier wirklich beiderlei Geschlechts massenweise rumlaufen. Vielleicht kann ich dir erklären, wie und woher das alles kommt. Wir müssen das ganze Jahr angespannt arbeiten. Gut, dabei verdienen wir recht ordentlich und können uns einen Urlaub leisten, in dem man 'was erleben, Wunschträume realisieren will, weg aus dem Alltag, verstehst du? Dafür arbeiten wir hart. Hier fühle ich mich so wohl in der schönen Landschaft, der warmen Sonne, der frischen Luft, unter den freundlichen und netten Menschen, ja, die sich uns nicht selten anbieten, ja sogar teilweise aufdrängen, die zwar sehr lieb sind, aber dann auch Forderungen stellen. Natürlich ist das ein trauriges Kapitel, daß Menschen sich selbst verkaufen, ja, in den meisten Fällen wohl verkaufen müssen. Nun solange sie es noch ein wenig freiwillig und ohne sogenannte Zuhälter tun, geht es noch einigermaßen".
Ich bestätigte ihr: „Zuhälterei, meiner Ansicht nach eines der schlimmsten Verbrechen, gibt es bei uns kaum in Kenia."
Sie fuhr fort: „Ja das meine ich, beobachtet zu haben. Aber nun sehe ich unsere Beziehung ganz anders, vielleicht einseitig aus meiner Sicht. Ich habe doch nichts von dir verlangt oder? Du hast dich mir doch nicht angeboten oder? Ich jedenfalls sehe dich vielmehr als guten Freund, als den vertrautesten Kameraden, den ich bisher hatte. Zumindest ist das bei mir das Wichtigste und keineswegs das andere, von dem wir jetzt reden. Du verstehst, was ich meine? Mit dir kann ich doch besser reden als mit jemandem vorher. Sind wir nicht in unsere Beziehung so irgendwie durch Zufall, wenn auch durch einen sehr eigenartigen und ungewöhnlichen Zufall hineingeschlittert? Ich mag dich inzwischen verdammt unwahrscheinlich gerne, vielleicht zu gerne. Nun ja... Voriges Jahr hatte ich jemanden, den ich sehr gerne wieder losgeworden wäre. Er war zwar schrecklich aufdringlich, hatte aber keinen schlechten Charakter, ging mir jedoch wirklich auf den Wecker... Entschuldige, daß ich mit einem so dummen, geschmacklosen Geschwätz alles das, was ich vorher gesagt habe und sagen wollte, jetzt so blöde wieder zerredet habe. Aber du siehst, daß ich überhaupt keine Hemmungen vor dir habe, dir alles anvertraue..."
Meine Wut war verraucht. Ich wollte nicht mehr argumentieren, nahm sie in den Arm, fühlte mich glücklich und erleichtert wegen der neuen Stelle, in der schönen Umgebung.
Wir begannen, albern zu werden, über die Betten zu rennen, um uns zu fangen, zogen Badekleidung an und rannten an den Strand.
Endlich war meine wochenlange Spannung verschwunden und der Nachmittag am Strand mit Elisabeth war sehr schön: Wir machten uns über die anderen Touristen lustig, über ihr Aussehen, ihre Gebärden, neckten uns.
„Schau dir den an!" flüsterte Elisabeth. „Das wäre der richtige für dich!"
Eine Mischung aus Mensch und weißem Elefant ging selbstbewußt an uns vorbei, mit einem Bauch, der über die Hose quoll, mit richtig dicken Speckfalten, sogar auf dem Rücken, am ganzen Körper behaart wie ein Orang-Utan {Menschenaffe, malaiisch »Waldmensch«}, glatzköpfig, mit rot gerösteter Haut.
„Es gibt wohl noch eine dritte Rasse", lachte ich, „wüßte mal gerne, wer darauf geil ist."
Ich kitzelte sie, zerrte sie durch den Sand ins Wasser, wo wir
umhertollten bis uns die Luft ausging. Ich war überglücklich.
Mittwoch, 26.7.1978
Elisabeth und ich hatten fast schon eine Woche lang Tag und Nacht eine recht glückliche Zeit miteinander verbracht.
Ich hatte zwar in den letzten drei Tagen meine neue Tätigkeit ausüben müssen, wobei mir Mussa, etwa fünfzig Jahre alt, Anleitung gab. Überall gab es etwas zu reparieren. Er hatte sich seine Arbeit wohl wirklich sehr leicht gemacht.
„Was können die auch mehr von mir verlangen bei dieser miesen Bezahlung“, wandte er ein, als ich eine entsprechende Andeutung gemacht hatte. Sicher hatte er recht. Aber andererseits ging mir durch den Kopf, daß für die miese Arbeit, die Mussa gemacht hatte, auch kaum mehr bezahlt werden konnte. Dauernd kamen Beschwerden von Gästen, daß die Klimaanlage nicht richtig liefe, daß eine Steckdose im Badezimmer ohne Strom wäre und man sich nicht rasieren könne. Niemand sei bisher gekommen.
Ich bemühte mich, alles sofort zu reparieren und zu erledigen. Die Gäste redeten auf mich ein, daß sie sich schon bei der Ankunft beschwert hätten. Aber nichts sei geschehen. Ich erklärte in der jeweiligen Heimatsprache der Touristen, die ich am Akzent, wenn sie versuchten, mit mir Englisch zu sprechen, rasch feststellen konnte, daß der Elektriker verunglückt sei und ich erst jetzt eingestellt worden sei.
Sie waren begeistert, wenn sie sich mit mir ohne Verständigungsprobleme unterhalten konnten. Jedem mußte ich meine Geschichte erzählen. Ich hatte aber gar keine Zeit dazu; denn ich wollte ja möglichst rasch nach einer Reparatur zurück zu Elisabeth.
Ich bekam Geschenke: Hemden, zusammengeschmolzene Schokolade, Geld. Sie gaben reichlich, diese Touristen. Ich kalkulierte, daß meine Einnahmen aus diesen sogenannten Trinkgeldern um ein Vielfaches höher sein würden als mein Lohn. Das war sehr beruhigend.
Jeder wollte ein Foto von mir machen, mich anfassen, gab mir die Heimatadresse. Ich solle doch unbedingt schreiben, bat man.
Nur wenige Leute waren unfreundlich und muffelig, während andere versuchten, mich zu drücken, vor allem ältere Damen, und zu küssen unter schwärmenden Worten: „Ist der niedlich und hübsch!"
Ich kam mir vor wie ein Kleinkind, das bewundert wird: „Ist das nicht niedlich. Wo hat es denn seine Beißerchen? Nun lach doch mal!"
Niemand kam auf die Idee, mich im Deutschen oder Französischen in der sogenannten Höflichkeitsform anzureden. Ich wurde natürlich geduzt. Ein Afrikaner ist nun mal so etwas wie ein niedliches Äffchen.
Ich erledigte meine Arbeit so rasch wie möglich, und da es sich meistens nur um das Auswechseln einer Sicherung oder einer verschmorten Steckdose handelte, weil Mussa statt die Sicherung auszuwechseln, eine dicke Drahtbrücke eingesetzte, hatte ich immer zwischendurch etwas Zeit, zu Elisabeth zu laufen, die in der Regel am Strand lag, las und sich freute, wenn ich kam.
Die Taschen hatte ich voll mit Sicherungen, Steckdosen und Glühbirnen. Mussa dagegen hatte sich erst einmal den Schaden angeschaut, lief dann los, um sich ein Teil zu besorgen und verbrachte daher Stunden für eine Reparatur.
Ich konnte bei Elisabeth meinen Ärger über die Touristen loswerden. Sie hörte zu und konnte mich rasch beruhigen. Sie stärkte mein Selbstbewußtsein, das durch die Begegnung mit den Touristen litt.
Ich machte sie schwarz mit meinen von der Arbeit schmutzigen Händen, malte ungeniert Figuren auf ihren Bauch, wobei sie kicherte. Wir hatten uns so sehr aneinander gewöhnt. Sie war zu einer Selbstverständlichkeit in meinem Leben geworden.
Ich war durch die Sonne fast so schwarz wie meine afrikanischen Kollegen geworden. Nur der Teil des Körpers, den meine Badehose bei den Strandbesuchen bedeckte, war hellbraun geblieben.
Während des heutigen Abendessens kam eine recht alte Engländerin zu unserem Tisch, in deren Zimmer ich eine Steckdose gewechselt hatte. „Ei, da ist ja mein süßer, schmucker Boy!" rief sie. „Du bist ja unwiderstehlich heute Abend in diesem schönen Hemd und der kurzen Hose, richtig sexy!" Sie lachte.
Elisabeth hatte mir eines von diesen teuren, bunt bestickten Hemden gekauft. Darunter trug ich eine weiße, eng sitzende kurze Hose. Mein Arbeitskittel, in dem ich mich bei den Hotelgästen während der Reparatur zeigte, war dunkelbraun und nicht sehr ansehnlich.
Ohne zu fragen, begann die Alte, mich mit störendem Blitzlicht zu fotografieren.
Elisabeth sprang wütend auf und rief: „Jetzt ist es wohl genug! Wir sind doch hier nicht im Zoo. Benehmen Sie sich zu Hause auch so?"
Die Frau stand erschreckt da und stammelte: „Tut mir leid.... Wir haben nur einmal im Jahr Urlaub. Es ist so schön hier: Die Sonne, die Blumen und Blüten und diese wunderschönen, lieben, freundlichen Menschen. Zu Hause ist alles trist und grau, mein Ehemann dauernd betrunken." Sie schaute in Richtung Bar-Theke.
„Ist ihr Mann dort?" fragte ich.
„Ja, der mit dem Kolonialoffiziersschnäuzer in Tropen-Uniform", bestätigte sie.
Elisabeth sagte zu mir auf Deutsch: „O je, die kann einem wirklich leid tun."
Der Mann an der Bar, auf den die Kurzbeschreibung zutraf, sah wirklich aus wie ein Kolonialoffizier der Frühzeit mit roter, faltiger Haut, mit wikingerroten Haaren, einem nach oben gedrillten Schnauzbart. Er trug kakibraune Uniform, bestehend aus kurzärmeliger Jacke mit Metallknöpfen und bis über die Knie-Scheiben reichender Hose. Dazu hatte er Kniestrümpfe angezogen und sogar einen Tropenhelm auf der Theke liegen. Sein Gesicht war entstellt. Ein Backenknochen fehlte. Offensichtlich trank er Whisky schweigend vor sich hin.
„Wollen Sie etwas mit uns essen?" fragte Elisabeth mitleidsvoll.
„Ich würde schrecklich gerne", antwortete sie, sich auf einen Stuhl setzend. „Bitte entschuldigen Sie, wenn ich mich daneben benommen habe“, sagte sie kleinlaut. „Aber ich bin immer wieder überwältigt von all den schönen Dingen hier."
„Kann ich verstehen", tröstete Elisabeth. „Aber die Afrikaner, so wie meine Freund hier, sind ganz normale Menschen oder nicht? Ich halte es für unmöglich, wenn Touristen sie wie Zootiere behandeln. Mein Freund ist zum Beispiel ausgebildeter Ingenieur, spricht außer den Landessprachen Englisch, Französisch und Deutsch, ebenfalls wie jeweils eine Muttersprache, verstehen Sie? Können Sie mir viele Europäer nennen, die eine ähnliche Ausbildung und Kenntnis haben?"
Die alte Dame schüttelte den Kopf und entschuldigte sich immer wieder, was mir auch auf den Geist ging.
Ich war aber Elisabeth so dankbar, daß sie sich so tapfer eingesetzt hatte, das Herz, wie man sagt, auf dem rechten Fleck hat. Sie ist zwar schulmeisterhaft und unfähig, ihren Beruf abzuschütteln. Aber sie ist geradezu, aufrichtig und wirklich lieb.
Die alte Dame begann zu erzählen, daß ihr Ehemann während des zweiten Weltkrieges in Malaysia gegen die Japaner gekämpft habe, dort schwer verwundet worden und später in Indien gewesen sei. Er wäre in der damaligen Zeit stehen geblieben. Sie würden nur noch nebeneinander her leben, hätten sich kaum etwas zu sagen. Sie arbeite als Sekretärin in einer Reinigungsfirma, würde den Jahresurlaub hier so sehr genießen, während ihr Ehemann immer nur davon spräche, daß man den Schwarzen Zucht und Ordnung beibringen müsse, daß sie ohne Knute nicht leben könnten. Man sähe das an den Verhältnissen überall hier. Es ginge drunter und drüber nach der Selbständigkeit. Sie redete und redete, bis ich nicht mehr zuhören konnte. Sie bestand darauf, das Essen für uns mit zu bezahlen mit dem Argument: Es käme so selten vor, daß man so nette und verständnisvolle Leute träfe.
Ich war froh, als sie endlich ging, und erleichtert, wieder zusammen mit Elisabeth in ihrem Zimmer sein zu können, und legte mich auf das Bett, um mich zu entspannen.
Unvermittelt sagte Elisabeth, aus dem Badezimmer kommend: „Morgen früh muß ich leider abreisen. Meine Mutter ist schwer erkrankt. Man hat mich heute angerufen. Früher oder später hätte ich ja sowieso wieder zurückgemußt. Schade, daß ich nicht bis zum Ende meines Urlaubs zusammen mit dir bleiben kann."
Ich fühlte mich wie von einem Blitz getroffen. Wir hatten seltsamer Weise nie über ihre Aufenthaltsdauer gesprochen. Ich hatte nie daran gedacht, daß sie jemals würde abreisen müssen. Alles war so selbstverständlich gewesen und geworden, das tägliche Zusammensein mit ihr.
Mein Herz klopfte wie wild. Ich begann vor Aufregung zu schwitzen. Elisabeth verschwand wieder im Badezimmer. Ich warf mich auf den Bauch und bekam einen Weinkrampf, vergrub mein Gesicht in dem Kopfkissen, das in Sekunden ganz naß war.
Sie hatte wohl bemerkt, was mit mir los war, kam zurück aus dem Badezimmer, drehte mich mit starker Kraft auf meinen Rücken, schaute mich mit der Zahnbürste im Mund an und versuchte, mit seifiger Zahnkrem zu reden, wobei sich manchmal regelrechte Sprechblasen bildeten, rannte dann doch zurück ins Bad, um sich den Mund zu spülen, und kam zurückgeeilt.
„Aber Junge“, sagte sie sanft, sich neben mich setzend. „Das war doch klar, daß ich nicht für immer bleiben konnte. Für die Weihnachtsferien schicke ich dir eine Flugkarte. Dann können wir uns wiedersehen. In Ordnung?"
Nach einer Pause fuhr sie fort: „Dann ist doch auch klar, daß wir keine Partnerschaft wie Mann und Frau auf Dauer haben können und auch nicht wollen. Du weißt, wie ich das meine."
Sie lächelte und fügte hinzu: „Du hast deine Rolle als Mann allerdings ganz gut gespielt. Keiner könnte auf den Gedanken kommen, daß du schwul bist, ein wirklich blödes und häßliches Wort. Was kann man aber sonst sagen: Homosexuell? Das klingt so medizinisch und auch so, als müsse man etwas dagegen tun."
Sie versuchte, mich zu kitzeln, wohl um mich zu erheitern. Sie drückte und küßte mich.
Ich fühlte nur, daß ich den einzigen Menschen, den ich jetzt lieb hatte, mit dem ich so vertraut geworden war, wie vorher mit niemandem, wieder verlieren würde.
Messer schnitten durch meine Brust, schlitzten meine Eingeweide.
Wenn doch nur Pater Kurt zu erreichen wäre! Ich brauchte ihn so dringend. Warum war er gerade jetzt krank und auf unabsehbare Zeit in Europa?
Ich scheute mich nicht, zu weinen wie ein kleines Kind. Ich fühlte mich plötzlich wie ihr Kind, dem sie ein neues Leben geschenkt hatte. Nachdem ich ihr das gestanden hatte, herrschte sie mich an: „Du bist wirklich ein sentimentales Gefühlsbündel!" Doch dann drückte sie mich und ergänzte: „Ich hab dich doch auch so schrecklich gerne, und wir bleiben doch Freunde. Die Welt geht doch nicht unter, Herr Gott noch mal!"
„Ich lieb dich doch so sehr“, stammelte ich schluchzend und wiederholte: „Du hast mir doch das Leben, ich meine, wieder geschenkt."
„Das ist doch sentimentalster Quatsch, verdammt noch mal!" ereiferte sie sich. „Mag sein, daß ich dir ein wenig geholfen habe, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen, und ich glaube, es ist sogar ganz gut, daß du jetzt auf dich allein angewiesen sein wirst. Das warst du eigentlich nie. Du hängst dich immer an irgend jemanden an, an Pater Kurt, John und wie die nicht alle heißen. Du mußt noch lernen, dein Leben selbst zu meistern, verstehst du?"
„Wenn du in Deutschland bist, wirst du mich schnell vergessen haben“, jammerte ich.
„Quatsch“, rief sie, „diese Zeit mit dir, diesen Urlaub kann ich doch wohl nie vergessen, nein niemals."
Sie küßte mich, zog mein Hemd hoch und leckte an meinem Bauch. Ich wehrte sie ab, rollte mich zusammen und kicherte: „Ich muß doch erst duschen. Ich bin erhitzt und verschwitzt."
„Ich mag dich“, erklärte sie, „auch wenn du klebrig bist oder riechst. Wer hat dir das Gefühl eingeredet, daß man bei seinem engsten Partner immer zivilisiert, anerzogen sauber sein muß? Du schmeckst jetzt zum Beispiel so wunderschön salzig."
Sie versuchte wieder, meine Haut mit der Zunge zu berühren. Ich konnte sie jedoch davon abhalten und wir begannen zu raufen. Sie setzte sich, etwas außer Atem und meinte: „Weißt du eigentlich, was das für eine Schweinerei ist, Käse zu essen, Milch aus einem Tier zu trinken, in die oft Kuhscheiße beim Melken hineingerät? Ich soll mich vor deinem Körper ekeln, von dem ich inzwischen jeden Quadratzentimeter kenne, genauer als meinen, den ich zum Beispiel von hinten kaum sehen kann und das nur mit einem Spiegel?"
Sie alberte, versuchte an meinen Ohren zu lutschen, was schrecklich kitzelte, und die Rauferei begann von neuem.
Ich hielt sie plötzlich fest, so fest ich konnte. Mir kamen wieder die Tränen und ich flehte: „Bitte, bitte fahr nicht weg! Versprich mir das! Ich lasse dich nicht los."
Sie riß sich los. Mich erstaunte, wie unerwartet stark sie doch war. Sie stellte sich vor mich und hänselte: „Das arme kleine Baby hat seine Mami verloren."
Dann versuchte sie, das Weinen eines Kleinstkindes zu imitieren. „Jetzt kriegt es keine Muttermilch mehr“, und neckte weiter: „Wer wäscht dem süßen Kleinen denn den Po, wenn er in die Windeln gemacht hat?" Ich schlug nach ihr.
„Seid ihr Schwulen alle so babyhaft und sentimental?" fragte sie ernst und fügte hinzu: „Das habe ich mal irgendwo gehört oder gelesen..."
Das traf mich ernsthaft, verletzte mich, und eine ungeheure Wut packte mich. Ich hätte sie erwürgen können.
Aber hatte sie nicht recht? Ich hatte vor allen Sachen Angst, war feige, untauglich. Ja, sie hatte vollkommen recht.
Sie herrschte mich an: „Wie oft habe ich eigentlich gehört: Das ist mir peinlich. Das ist mir unangenehm. Entschuldigung, bitte."
„Tut mir leid“, sagte ich.
„Ach ja“, unterbrach sie, „das hatte ich vergessen: Tut mir leid, habe ich vergessen hinzuzufügen. Steh jetzt endlich auf und mach dich im Badezimmer frisch! Ich will in der letzten Nacht noch etwas von dir haben!"
Ich bekam eine ungeheure Wut und schrie sie an: „Du bist eine verdammte Hure, ein Schwein, du Sau, du!"
Ich begann vor Aufgebrachtheit zu keuchen; denn mir war mit einem Male klar geworden: Dieses Miststück bezahlte mich, kaufte alle möglichen Sachen, natürlich nach ihrem Geschmack, um mich so auszustatten, wie sie mich gerne sah und um dann von mir die entsprechenden »Dienstleistungen« zu bekommen.
„Du hast kein Recht“, fuhr ich sie zornig an, „mich wie einen Sklaven zu behandeln. Du hast mich gekauft, jawohl, damit du dich an mir befriedigen kannst. Nächstes Jahr kaufst du dir dann einen anderen. Ihr verdammten Touristen-Säue! Du widerliches Dreckstück!"
Ich riß mir die vor ihr gekauften Sachen vom Leib und warf die Fetzen in das Zimmer, wobei ich schrie: „Hier hast du alles zurück. Ich will nichts haben!"
Ich rannte auf die Balkontür zu, um zu verschwinden, bekam aber in meiner Aufregung die Tür nicht auf.
Elisabeth kam auf mich zu und lachte: „Soll ich dir helfen? Du brauchst wirklich frische Luft!"
Ich stürzte mich auf sie, blieb am Teppich hängen und fiel auf den Boden. Sie stand vor mir und lachte. Ich drehte mich auf den Rücken, streckte mich lang aus und fühlte mich unbeschreibbar erschöpft.
„Mein Gott, bist du schön“, sagte sie und herrschte mich an: „Steh jetzt auf!"
Sie zog an meiner Hand. Mir gelang es, ihre Beine zu erwischen, sie auf den Boden zu werfen, und ich schlief mit ihr.
„So“, sagte ich danach, „jetzt hast du mal mit einem richtigen, stinkenden, klebrigen Neger gefickt, du Hure."
Sie lachte: „Du entschuldigst dich ja nicht!"
Nun begann sie wieder, mich zu imitieren: „Das ist mir aber so sehr peinlich. Das ist mir so unangenehm. Entschuldige bitte. Das tut mir leid." Sie versuchte, mich zu kitzeln, und zu necken.
Dann wurde sie ernst und sagte, sich neben mich hockend: „Du warst verdammt so schön anzusehen in deiner Wut. Du hättest mich umbringen können. Das hätte ich noch genossen. Du kannst ja ein richtiges wildes, unbändiges Tier sein. Es ist herrlich, dieses Temperament, das Du entwickeln kannst. Mensch, ich bin ganz verrückt nach dir. Meinst du, es fällt mir leicht, dich zu verlassen? Ich muß mich doch auch beherrschen, um nicht aus der Kontrolle zu geraten. Wir können aber nicht zusammenbleiben, wenn wir überleben wollen. Selbst wenn ich dich mit nach Deutschland nähme, fändest du dort sehr schwer Arbeit, würdest dich in diesem Land nicht wohl fühlen, wo du wegen der Witterung oft in der Wohnung eingesperrt bist, wo die Leute dir direkt den Ausländer ansehen und viele dich meiden. Wie lange würde das mit uns gutgehen? Umgekehrt wäre es genauso, wenn ich hierbliebe. In diesem Land könnte ich auch nicht auf Dauer leben. Das sage ich dir ganz offen..."
Nach einer Pause fuhr sie fort: „Gut, wenn wir heiraten und zusammen Kinder haben würden, aber das wollen wir doch beide nicht, ich meine heiraten, dann könnte man dich nicht so leicht aus Deutschland verweisen, Entschuldigung, das heißt ausweisen. Du bekämst praktisch automatisch zwar eine Aufenthaltserlaubnis. Aber wie das mit Arbeit und damit mit Selbständigkeit mir gegenüber aussähe, das weiß ich nicht. Auch hätte die Erlaubnis ja keinen Einfluß auf deine gesellschaftliche Stellung. Über uns würden die Leute reden, was mich nicht unbedingt direkt stört aber doch zermürbend sein könnte. "
Plötzlich ging mir durch den Kopf: „Sag mal, wenn du nun tatsächlich ein Kind von mir bekommst? Daran haben wir doch überhaupt nicht gedacht, um Gottes Willen, daß das beim Zusammensein von Frau und Mann doch durchaus passieren kann."
Sie lachte und sagte: „Das fände ich wunderschön, von dir ein Kind zu bekommen..."
„Ja, willst du mich denn heiraten?" fiel ich ihr ins Wort.
„Deswegen braucht man doch nicht unbedingt zu heiraten“, sagte sie und fügte erklärend hinzu: „Bei uns in Deutschland wäre das kein Problem, ein Kind ohne Vater groß zu ziehen. Ich habe schon an ein Kind gedacht, mein Wuschel, und mich überhaupt absichtlich nicht vorgesehen. Ich meine, ein Kind von dir müßte wunderschön werden und intelligent. Es wäre sogar schade, kein Kind von dir zu bekommen, und überhaupt, wenn es kein Kind von dir gäbe."
Ich war erst einmal völlig sprachlos, hätte gerne dieses Thema näher beleuchtet, konnte aber kaum noch diskutieren und zuhören, da ich so entsetzlich müde und erschöpft war, daß ich am liebsten auf dem Teppich eingeschlafen wäre.
Nun ärgerte ich mich doch schrecklich, weil ich die schönen, kostbaren Sachen zerrissen hatte.
Mit Mühe schleppte ich mich in das Badezimmer, um mich frisch zu machen, und war froh, endlich im Bett zu liegen, konnte aber trotz der Müdigkeit nicht einschlafen, da ich über Folgen und Möglichkeiten nachdachte, wenn Elisabeth tatsächlich ein Kind bekäme.
Allmählich fand ich den Gedanken auch sehr schön, wenn ich oder ein Stück, wie immer das bezeichnet werden könnte, irgendetwas von mir auf dieser Welt leben würde.
Schließlich schlief ich in angenehmer Stimmung ein.
Donnerstag, 27.7.1978
Sie weckte mich mit Küssen. Mir war das sehr unangenehm; denn nach dem Schlaf riecht man aus dem Mund. Ihr Atem war jedoch ganz frisch. Sie hatte sich offenbar schon die Zähne geputzt und ihren Mund mit einem scharfen Wasser ausgespült.
„Du riechst aus dem Mund, wie eine Stinkmorchel“, stellte sie prompt fest, küßte mich erneut und ergänzte: „Das stört mich überhaupt nicht. Wir müssen uns beeilen, wenn wir noch frühstücken wollen."
Mir wurde sogleich bewußt, daß nun endgültig unser Zusammensein zu Ende gehen werde und wir die letzte gemeinsame Nacht verbracht hatten. Ich begann zu zittern, verließ mit weichen, kaum tragfähigen Beinen das Bett, schlürfte in das Badezimmer.
Während des Frühstücks, das wegen der Abreise einer großen Gruppe von Touristen sehr zeitig angesetzt worden war und das wir an einem Tisch weit weg von den Abreisenden einnahmen, beichtete sie mir, daß sie überhaupt nicht geschlafen habe. Die Zeit sei ihr zu schade gewesen, und sie habe viel über alles Mögliche nachgedacht. Mit dem Stativ habe sie viele Fotos von mir gemacht. Ich sei sogar so müde gewesen, daß ich überhaupt nichts gemerkt habe, als sie sogar meine Bettdecke weggenommen hatte. „Ein ganzer Film ist voll von dir, mit schönen, nicht gestellten Aufnahmen. Ich werde alle in mein Arbeitszimmer hängen. Aber du hast ja einen beneidenswerten gesunden Schlaf."
„Um Gottes willen“, rief ich, „dann kann sie doch jeder sehen, der zu dir kommt."
„Das ist dir aber so sehr peinlich“, ärgerte sie mich.
„Nein im Ernst“, sagte ich, „das möchte ich wirklich nicht."
„Quatsch!" fuhr sie mich an: „Ich kann mir keine schöneren Fotos vorstellen. Wegen des Kunstlichtes werden die Farben zwar verfälscht, rotstichig, aber daher besonders malerisch und reizvoll sein."
Mit „dann kann ich nur hoffen, daß die Bilder nichts geworden sind" wollte ich mich eigentlich mehr selbst beruhigen.
„Keine Sorge“, lachte Elisabeth, „meine Kamera ist absolut zuverlässig. Die Bilder werden schon was. Ich schicke dir Kopien, du wirst sehen. Ich hätte mehr machen sollen, einen ganzen Bildband veröffentlichen. Diese Idee ist mir erst heute Nacht gekommen, leider etwas zu spät. Diese Aktion müssen wir verschieben, bis du nach Deutschland kommst."
„Schick mir auf keinen Fall Fotos“, bat ich. „Die würden mich kompromittieren. Aber mir paßt es doch nicht so ganz, daß du einfach, ohne daß ich es wußte, Fotos von mir gemacht hast. Das ist eine Seite an dir, die mir wirklich nicht gefällt. Du handelst immer sehr eigenmächtig. Das meine ich im Ernst."
„Gott sei Dank, endlich kommst du auch 'mal mit Kritik an mir an den Tag“, antwortete sie, „leider für eine Diskussion zu spät."
Jemand von der Reiseveranstaltung kündigte an, daß der Bus zum Flughafen in einer Viertelstunde vorfahren würde. Es wäre Zeit zur Eile.
Ich wandte mich an Elisabeth: „Kann ich mit zum Flughafen fahren? Aber ich habe ja nicht um Erlaubnis fragen können, weil alles, ich meine deine Abreise, so überraschend kam."
Sie lief zu Monsieur Bruhns, der schon in seinem Büro war, und kam mit der Genehmigung zurück.
Da sie bereits in der Nacht die Koffer gepackt hatte, waren wir beinahe die erstem im Bus.
Am Flughafen herrschte Chaos. Hunderte Touristen warteten auf die Abfertigung. Ehe Elisabeth durch den schmalen Durchgang zur Passkontrolle gehen mußte, umarmte sie mich und küßte mich vor aller Augen. Einige Frauen musterten mich mit nach unten gezogenen Mundwinkeln. Männer grinsten. Ich entdeckte Direktor Bruhns, der wohl wegen der Abfertigung und Verabschiedung der Touristen ebenfalls gekommen war. Auch er grinste mich an.
„Scheißpack", ging mir durch den Kopf. Elisabeth war verschwunden. Ich wurde sehr traurig, fühlte einen schrecklichen seelischen Schmerz. Warum muß Abschied so furchtbar weh tun?
Mit Entsetzen stellte ich fest, daß sie mir ihre Adresse nicht gegeben hatte, fand das aber nicht so schlimm, da ich sicher war, daß sie sich im Hotel eingetragen hatte.
Mir wurde sehr übel. Ich hatte mich wirklich an ihre Anwesenheit gewöhnt. Wie würde ich ohne sie zurecht kommen? Ich habe sie wirklich unendlich lieb. Sie ist der netteste, vertrauteste und kameradschaftlichste Mensch, dem ich je begegnet bin. Als John mich verlassen hatte, hatte ich mich nicht so leer gefühlt wie heute. Den ganzen Tag mußte ich ununterbrochen an sie denken. Die Welt um mich herum betraf mich überhaupt nicht mehr.
Im Hotel stellte ich mit Entsetzen fest, daß ich jetzt gar keine Bleibe mehr hatte. Ich mußte mir also den schrecklichen Raum mit Mussa teilen, besorgte mir eine Liege und holte meine Sachen aus Elisabeths ehemaligem Zimmer. Ehe ich die Tür zuschlug, betrachtete ich die komfortablen Räumlichkeiten noch einmal, die zwar wie alle im Hotel aussahen, für mich aber etwas Besonderes waren.
Ich ging in Richtung meiner neuen Behausung, dann aber wieder zurück zu dem Raum, den ich mit Elisabeth geteilt hatte, und schloß von innen ab, warf mich auf das ungemachte Bett, wo ich lange, richtig verzweifelt weinen mußte. Dann verließ ich das Zimmer endgültig mit einer dunklen Sonnenbrille, damit man mein verquollenes Gesicht nicht sehen konnte.
Die Bude von Mussa war entsetzlich heiß, obwohl die Fenster und die Tür geöffnet waren. Ich kam mir vor, als wäre ich in die Steinzeit zurückgestoßen worden.
Als ich die Anzüge in das, mit Roststellen »verzierte« dunkelgrün gestrichene Blechspind hängen wollte, bemerkte ich, daß einige der Taschen mit Geld gefüllt waren. Ich erschrak und wurde wütend auf Elisabeth, die mich für ihre Befriedigung reichlich entlohnt hatte. Ich brauchte doch kein Geld, verdammt noch mal. Ich verdiene ausreichend mit all den Geschenken der Hotelgäste. Das war also mein wirklicher »Hurenlohn«, ging es mir immer wieder durch den Kopf. Es war mehr als ich in sechs Monaten als Lohn bekommen würde, und wo sollte ich das Geld sicher aufbewahren können? Ich hatte keine Möglichkeit, etwas zu verschließen. Dann faßte ich den Entschluß, zum Direktor zu gehen, ihn um ein Vorhängeschloß zu bitten. Aber was sollte ich ihm als Grund nennen? Ich ging bis zur Tür seines Büros und kehrte wieder um. Als ich mich ein zweites Mal in Richtung auf das sogenannte Direktionszimmer, von den Angestellten als Heiligtum bezeichnet, zu wenden wagte, aber dann doch erneut unsicher umkehrte, lief ich Monsieur Bruhns sozusagen direkt in die Arme.
„Wollten Sie zu mir?" fragte er, die Tür aufschließend, mich hineinbittend und weiter redend: „Ich glaube, diese Elisabeth ist wirklich eine patente Frau. Sie würde für Sie durchs Feuer gehen. Sie hat mir viel und alles von Ihnen erzählt“, berichtete er.
Ich erschrak. O, hoffentlich hatte sie nicht erzählt, daß ich schwul bin. Sie war ja so entsetzlich geradezu. „Nach ihren Worten sind Sie das Ideal dieser Welt“, fuhr Direktor Bruhns mit leichter Ironie in der Stimme fort. „Wie lange wart ihr eigentlich zusammen?"
„Doch nur eine kurze Woche“, stotterte ich.
„Warum tragen Sie hier im Zimmer die Sonnenbrille?" wollte der Direktor wissen. „Sind Ihre Augen entzündet?"
Er kam auf mich zu, nahm mir die Brille ab und schaute in meine Augen, die sich wieder mit Tränen füllten, obwohl ich dagegen ankämpfte.
Direktor Bruhns grinste und sagte: „Diese Art von Entzündung ist zwar auch sehr schmerzhaft und auch verdammt unangenehm, gibt sich aber bald wieder von ganz alleine."
Erst jetzt beim Schreiben wird mir klar, daß er wohl meine Tränen erkannt hatte und seine Worte ironisch gemeint waren. Ich wundere mich nur, wieso er mich in der Höflichkeitsform anredete und nicht mehr mit „Du".
„Es tut mir leid“, begann der Direktor, „daß ich Ihnen keinen besseren Job anbieten kann, werde mich aber bemühen, etwas Anderes für Sie zu finden. Bei Ihrer Ausbildung und Begabung ist der Posten eines Wartungselektrikers ja wirklich unzumutbar. Aber alle Leute sind äußerst zufrieden mit Ihnen, manche sogar regelrecht begeistert. Ich habe nur Gutes gehört. Alle schwärmen von Ihnen."
Nach einer kleinen Pause fuhr er fort: „Was kann ich im Augenblick noch für Sie tun? Sie wollten ja zu mir, nicht wahr? Worum geht's?"
„Ja, entschuldigen Sie bitte“, sagte ich zögernd, „ich hab' da ein Problem. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Ich bin ja jetzt umgezogen und ..."
„Ach ja natürlich“, fiel Monsieur Bruhns mir ins Wort, „daran habe ich überhaupt nicht gedacht. Es ist schon eine Zumutung, mit Mussa in einem Zimmer kampieren zu müssen. Sie können mein Gästezimmer oben haben..."
„Das ist mir aber gar nicht recht“, unterbrach ich ihn. „Das wäre unmöglich, den anderen Hotelbediensteten gegenüber. Die wären dann bestimmt nicht gut auf mich zu sprechen."
„Ach, Sie können sich doch nicht mit denen vergleichen“, wandte der Direktor ein. „Ich habe doch schon in den wenigen Tagen, in denen ich Sie beobachten konnte, festgestellt, daß Sie ganz anders sind. Sie haben so viel geschafft, trotz Elisabeth..." er grinste, „wie Mustafa, äh, ich meine Mussa, nie, solange er hier ist. Sie sollen sich übrigens häufig weigern, von den Gästen Geschenke anzunehmen. Man hat sich über Ihren Stolz beschwert."
„Geschenke verpflichten“, verteidigte ich mich und fügte hinzu: „und außerdem kann ich ja wohl kaum zum Beispiel ein komplettes Radio mit Kassettenspieler von jemandem annehmen, den ich nur während einer einpaarminütigen Reparatur kennengelernt habe..."
„Ich meine das nicht als Vorwurf“, erklärte er, mich unterbrechend und fuhr fort: „sondern belobigend. Sie sollen nämlich argumentiert haben, daß man auch den anderen Bediensteten etwas geben solle. Sie sind wohl sehr sozial eingestellt, hab' ich Ihnen schon einmal gesagt oder?"
Ich nickte und lächelte: „Das ist unsere afrikanische Tradition..."
„Ja, ja, ich weiß“, unterbrach er, „bringen Sie Ihre Sachen hierher. Ich zeige Ihnen dann das Zimmer. Wir müssen nur überlegen, wie wir dann eventuelle persönliche Gäste von mir unterbringen können. Zur Zeit steht aber kein Besuch an. Es ist früh genug, an das Problem heran zu gehen, wenn es sich konkret stellt."
Ich freute mich über das Angebot, war mir dann aber nicht sicher, wie ich mich verhalten sollte. Mit einem unguten Gefühl ging ich zurück zu Mussa, der am Tisch saß, den Kopf auf seinen Armen, als ob er schliefe.
Als ich meine Anzüge aus dem Spind nahm, stellte ich fest, daß die Taschen leer waren.
Nachdem ich mich von meinem Schreck erholt hatte, trat ich Mussa den Stuhl unter seinem Gesäß weg. Er landete lang im Raum.
„Gib mir sofort das Geld zurück!" brüllte ich ihn an.
„Was für Geld?" fragte er, den Unwissenden spielend. „Dir hat wohl die Sonne zu lange auf den Kopf geschienen. Ich weiß nicht, wovon du redest."
Ich trat ihn, fast von Sinnen vor Zorn, mit voller Wucht gegen das Schienenbein. Es gab ein Geräusch, als ob ein Besenstiel durchgebrochen sei. Mussa schaute mich groß mit erschreckten Augen an. Er schien keinen Schmerz zu spüren. Ich erschrak. Hatte ich ihm das Bein gebrochen? Ich hatte einmal gehört, daß sich ein Knochenbruch genauso anhört wie Brechen von Holz und daß bei einer starken Verletzung keine Schmerzen zu spüren sind, da die Nerven die Information Schmerz übersteuert, wie es in der Elektronik heißt, also zu stark und damit verzerrt weiterleiten.
Mussa versuchte aufzustehen, faßte sich an sein Bein, und es gelang ihm, sich wieder auf den Stuhl zu setzen. Das Bein konnte unmöglich gebrochen sein.
„Dein Geld kannst du dir in den Wind schreiben“, sagte er. „Jawohl, ich habe es. Das reicht endlich aus, um nach Hause zu meiner Familie zu fahren und dort auf meinem kleinen Landbesitz etwas zu machen. Du hast dir das Geld ja auch nicht rechtmäßig verdient, und wenn du noch das Maul groß aufreißt, hole ich die Polizei und sage, daß du es von den Hotelgästen gestohlen hast. Dann verschwindest du im Kittchen. Du Schwein hast mir meine Stelle weggenommen. Du Miststück, du. Dich bringe ich eines Tages im Schlaf um. Das verspreche ich dir. Dann ist endgültig Schluß mit der Hurerei mit den Touristen, du Schwein."
Ich hatte mich gefangen. Das Geld war mir gleichgültig. Mussa hatte im Prinzip recht mit seinen Vorwürfen, wie ich es verdient hatte. Auch hatte ich mit dem Geld überhaupt nicht gerechnet. Ich war sogar ärgerlich auf Elisabeth.
Ich wollte Mussa aber eine Lektion erteilen und sagte ganz ruhig: „Mussa, was du gemacht hast, ist eine bittere Enttäuschung für mich. So etwas hätte ich von dir nie gedacht, von einem gläubigen Muslim, der du vorgibst zu sein. Warum habe ich das Geld nicht versteckt? Nun, weil ich dir vertraut habe. Du weißt ja überhaupt nicht, woher ich das Geld habe und wofür es ist. In deiner schmutzigen Fantasie hast du dir alles gleich sauber zurecht gelegt. Ich hatte geglaubt, daß du ein Freund sein könntest. Aber man kann sich auf niemanden mehr verlassen. Unsere alte afrikanische Tradition geht schwimmen, wonach wir zusammengehalten haben, uns gegenseitig unterstützten, man sich auf seinen Nachbarn, auf seine Stammesangehörige verlassen konnte. Ich bin auf das Geld nicht angewiesen. Ich wollte dich auf die Probe stellen, damit du es weißt. Du hast die Probe nicht bestanden. Das macht mich ganz traurig..."
Bei diesen Worten riß Mussa das Geld aus seiner Tasche und warf es auf den Tisch. „Hier hast du es wieder“, sagte er weinerlich. „Ich bin wirklich ein Schwein."
Er jammerte und stöhnte, beschwor Allah {islamischer Gott}, ihm zu verzeihen, stieß Gebetsfloskeln aus, wand sich wie ein verletztes Tier.
Ich legte den Arm auf seine Schultern und sagte: „Hier nimm das Geld. Du kannst es gebrauchen. Ich habe keine Familie, brauche nicht für Schulgeld für Kinder aufzukommen und so weiter. Wenn wir Afrikaner nicht zusammenhalten, ist es aus. Wir beide kommen doch beide aus dem gleichen Stamm, bei dem es nach unserer Tradition selbstverständlich war, daß wir uns immer gegenseitig unterstützt haben, wenn es irgend möglich war. Wir haben uns aufeinander verlassen können. So war es immer, und so sollte es auch bleiben, oder? Steck du das Geld also ein."
Jetzt gab es ein Hin und Her an Argumenten und Gegenargumenten. Mussa brachte vor, daß ich noch jung sei und das Leben vor mir läge. Ich müsse mir eine Existenz aufbauen, solle versuchen, mich selbständig zu machen, dann könne ich anderen Brot und Arbeit geben. Ich wolle sicher auch mal eine Familie haben mit Kindern, die 'was werden sollten. Er wisse, wie teuer eine Familie sei.
Während des traditionellen Palawerns, des Hin und Her, der Pros und Kontras wurde auch das Geld auf der Tischplatte hin- und hergeschoben.
Nach einer halben Stunde hatte ich gesiegt und Mussa
überzeugt, daß er das ganze Geld nehmen sollte, weil er es im Augenblick nötiger
habe als ich.
Ich ging zum Direktor und sagte ihm, daß ich doch bei Mussa wohnen wolle. „Vielen herzlichen Dank für Ihr Angebot“, fügte ich hinzu.
Monsieur Bruhns strahlte mich an: „Das hätte ich mir gleich
denken können bei Ihrer Einstellung. Doch wenn Sie es nicht aushalten können,
denken Sie daran, daß mein Angebot immer gilt, einverstanden?" Er streckte mir
eine klotzige Schaufel von Hand hin, die ich, so fest ich konnte, drückte. Er
klopfte mir mehrere Male wohlwollend auf die Schultern.
Montag, 31.7.1978
Als ich aufwachte, war Mussa nicht im Zimmer. Sein Bett war sorgfältig zurechtgemacht. Es sah immer so aus.
Mein Drahtbett quietschte bei jeder Bewegung. Es war entsetzlich heiß. Ich war in meinem eigenen Schweiß gebadet.
Wo mochte Elisabeth jetzt sein? Sie hatte mir ein Bild von ihrer Wohnung gezeigt. Dennoch hatte ich mir nicht recht vorstellen können, wie ihr Zuhause wirklich war. Die Wohnung meiner französischen Familie blitzte in meiner Erinnerung auf. Vielleicht war ihre Wohnung ähnlich.
Jedenfalls, das war mir klar: sie hatte ein ordentliches Bett, so wie in den schönen Hotelzimmern, nicht unter der schrecklichen Hitze zu leiden und gut geschlafen.
Ich räkelte mich, faßte immer wieder den Entschluß
aufzustehen, fand aber nicht die Kraft, den Vorsatz auszuführen. Ich fühlte mich
äußerst unwohl in meiner verschwitzten Nässe.
Mussa kam herein mit Brot, Butterresten, verschiedenen Konfitüren und Käsestücken. „Hast du deine Familie hier?" fragte ich.
„Warum?" grinste er.
„Ich meine, für wen ist das alles?" wollte ich wissen.
„Für uns natürlich“, meinte er. „Das habe ich alles von den Touristenüberresten zusammengetragen."
Mir war nicht wohl bei dem Gedanken, daß wir diese Reste essen sollten. Er hatte zwei, schon geöffnete Limo-Flaschen unter dem Arm. {»Limo«, Abkürzung von »Limonade«. Stammt von arabisch »limun« für »Zitronenbaum«.}
„Hast du die etwa gekauft?" wollte ich wissen.
Er schüttelte den Kopf: „Ich habe darin die Reste an Kaffee zusammengeschüttet. Das Brot wird für uns den ganzen Tag reichen." Er war richtig stolz.
Ich dachte darüber nach, was für Sprünge doch mein Lebensablauf machte. Ich hatte Europa, genauer gesagt, Frankreich kennen gelernt, war dort ein paar Jahre zur Schule gegangen. Dann kam ich zurück in die Hütte meiner Mutter, wurde von Pater Kurt unterrichtet, lebte mittelmäßig mit John zusammen, schlief vor kurzem noch, völlig mittellos im Park unter freiem Himmel an Hecken, dann von einem Tag zum anderen mit Elisabeth in Luxushotels, jetzt wieder in einer primitiven Bude, wo ich mich sogar von Essensresten ernähren sollte. Über Buntheit in meinem Leben kann ich mich ja nun keineswegs beklagen.
Ich hatte gar nicht bemerkt, daß Mussa wieder verschwunden war. Er kam aber bald zurück, diesmal mit Tee in einer häßlichen, zerbeulten Aluminium-Kanne. Er nahm, nur noch teilweise mit Emaille überzogene, alte Blech-Becher aus dem Spind und »deckte« den Frühstückstisch.
Hatten wir es nicht urgemütlich? (Ein Ausdruck eines Touristen, den er bei jeder Gelegenheit vorbrachte.)
Mussa stürzte sich auf das Frühstück, als habe er tagelang nichts gegessen, wie ein ausgehungertes Tier, das nicht weiß, wann es wieder einmal etwas zum Essen findet.
Seine rechte Hand (die er sich beim Arbeiten an einem Elektroherd bei nicht abgeschalteter Stromleitung verbrannt hatte und nicht an einer Klimaanlage, wie der Direktor behauptet hatte) war noch mit einem völlig verdreckten, ekelerregenden Verband verbunden. „Zeigst du mir mal die Hand“, fragte ich nach dem Frühstück. Er hielt mir die verbundene Hand hin.
„Ich meine“, sagte ich, „ohne den Verband."
„Der geht nicht mehr ab“, meinte er. „Der ist festgewachsen."
Der Verband war unansehnlich, unappetitlich und schmierig. Ich hatte das Gefühl, als ginge von der Hand ein Geruch wie von Verwesung aus.
Ein Hotelbediensteter kam herein und wandte sich an mich: „Du mußt gleich kommen! Es ist eine neue Gruppe von Touristen angekommen. In einem Zimmer funktioniert ein Stecker nicht. Die Leute machen Terror, weil das Radio, das sie mitgebracht haben, nicht geht."
Ich ging gleich mit und dachte daran, daß immer wieder der Ausdruck Stecker mit Steckdose verwechselt wird. Ich klopfte höflich an die mir gezeigte Zimmertür und trat erst ein, nachdem mir ein älterer Herr von etwa fünfzig Jahren geöffnet hatte.
Ich erläuterte auf Englisch, warum ich gekommen sei. „Hier kaputt!" erklärte er mir, auf eine Steckdose deutend und fügte hinzu: „All Schitt hier! Du reparieren!"
Aus dem Badezimmer rief eine Frau mit kreischender Stimme auf Deutsch: „Ist da jemand gekommen?"
„Ja“, gab der Herr zurück. „Wir bekommen vielleicht den Stecker repariert, wenn die das überhaupt können!"
„Sind Sie eben erst angekommen?" erkundigte ich mich, diesmal auf Deutsch, der Sprache, in der sich beide unterhalten hatten. Dabei lächelte ich freundlich und sprach weiter: „Dann müssen Sie von dem langen Nachtflug ziemlich erschöpft und müde sein. Ich glaube, daß ich Ihnen auf die Steckdose schnell wieder Strom bringen kann. Es ist normaler Weise nur die eingebaute Sicherung, die durchbrennt, weil manche Touristen sogar kleine Kocher anschließen, wofür die Steckdosen nicht gedacht und die Sicherungen natürlich nicht ausgelegt sind."
„Du..., Äh, ich wollte sagen..., Sie sprechen ja fließend Deutsch!" erstaunte sich der Herr und rief in Richtung Badezimmer: „Du wirst es nicht glauben, Elisabeth, aber der Elektriker spricht unsere Sprache völlig ohne Akzent" und fügte an mich gewandt hinzu: „Entschuldigung, aber ich bin sehr überrascht. Wo hast du.., Äh.., ich meine, wo haben Sie das gelernt?"
„Ach wissen Sie, wenn man täglich mit Touristen zusammen ist“, log ich, „dann lernt man die verschiedenen Sprachen sehr rasch."
Der Herr kniff die Augen ungläubig zusammen, runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf: „Das halte ich für völlig unmöglich! Sind Sie etwa nicht von hier? So einfach lernt sich eine Sprache nun doch nicht, insbesondere nicht so, wie Sie sie beherrschen."
„Gut, ich bin hier geboren und aufgewachsen“, bestätigte ich.
In diesem Augenblick kam die Dame aus dem Badezimmer, die offensichtlich auch
Elisabeth hieß, aber mit meiner Elisabeth nicht die geringste Ähnlichkeit hatte.
„Donnerwetter, ist das ein hübscher Kerl“, sagte sie mit kreischender Stimme, mich musternd.
„Danke, gnädige Frau“, erwiderte ich mit einer leichten
Verbeugung.
„Der hat ja sogar gute Manieren“, fuhr sie fort. Ich lächelte sie freundlich an. Sie kam näher, um mich genauer betrachten zu können.
„Elisabeth!" fuhr der Herr sie vorwurfsvoll an.
Ich wich zur Seite, öffnete die Steckdose, sah sogleich, daß tatsächlich die Sicherung durchgeschmolzen war, setzte eine neue ein und schraubte den Deckel wieder fest.
„Probieren sie einmal das Radio“, bat ich. „Es müßte jetzt wieder Spannung auf der Steckdose sein."
Das Radio spielte. „Das ging aber sehr schnell“, meinte der Herr. „Übrigens ich bin Doktor Schönfeld, und das ist meine Frau Elisabeth Schönfeld."
„Ich heiße Michel de Beauchamp“, stellte ich mich vor, wobei ich meinen Namen so französisch wie möglich aussprach.
„Nein so 'was! Das ist ja die französische Übersetzung meines Namens“, rief Doktor Schönfeld begeistert. „Nur habe ich kein »von« dazu bekommen. Können Sie denn auch Französisch."
Ich nickte: „Ja ich bin..., äh, wenn... ich meine, darf ich das ganz offen gestehen? Ich bin aus einem Touristen-Kuckucks-Ei geschlüpft. Nein, Entschuldigung, das stimmt nicht ganz, ich kannte ja meinen Vater und meine Mutter und bin ein paar Jahre in Frankreich zur Schule gegangen."
„Ist aber ein hübscher Vogel geschlüpft“, kicherte Elisabeth albern.
Er ermahnte sie wieder mit einem strengen „Aber Elisabeth!".
Ich verabschiedete mich und wollte gehen. „Ach bitte, bitte bleib' einen Augenblick!" rief sie. „Ich würde so gerne ein Foto von dir machen!"
„Elisabeth!" herrschte Doktor Schönfeld sie an. „Du kannst den jungen Mann doch nicht duzen!"
„Wissen Sie“, erklärte sie, diesmal die formelle deutsche Anrede benutzend. „Wir sind das erste Mal in Afrika. So schön hatte ich mir das nicht erträumt. Vor allem die Menschen hatte ich mir anders vorgestellt."
Ich hätte gerne gesagt: »Sie hatten wohl eher solche Primaten erwartet, die sie in Ihren Zoos so gerne an Reifen schwingend beobachten«. Aber ich schluckte diese Worte herunter und erwiderte nichts.
„Bitte lassen Sie mich ein Foto von Ihnen machen“, wiederholte sie.
Ich wich aus: „Aber doch nicht in dieser schäbigen Monteurkleidung. Ich habe ja auch etwas Ordentliches zum Anziehen."
„Bitte bestimmen Sie, wann Sie bereit sein werden, ein Foto von Ihnen machen zu können“, insistierte sie.
Ich antwortete: „Ich bin immer hier auf dem Gelände und wir werden sicher noch oft Gelegenheit dazu haben."
„Darf ich Ihnen ein paar Mark für Ihre prompte Arbeit extra geben?!" bot Doktor Schönfeld an.
Mir kam eine Idee: „Sind Sie Arzt?"
Er nickte: „Haben Sie ein Problem?"
„Nein“, sagte ich, „aber mein Vorgänger, der vor mir Elektriker war, ist verunglückt. Er hat sich beim Arbeiten an einem Elektrogerät die Hand verschmort."
„O, nein!" kreischte Elisabeth.
„Leider, gnädige Frau“, bestätigte ich höflich und fügte hinzu: „Nun kann dieser Mann mit dem geringen Einkommen, das er bekam, wissen Sie, er ist sogleich nach dem Unfall, als er wertlos wurde, entlassen worden... Also er ist nicht in der Lage, das Honorar eines Arztes zu bezahlen. Wenn Sie, Herr Doktor, ihn sich einmal anschauen könnten, wäre ich Ihnen sehr dankbar. Da ich ganz gut verdiene und alleinstehend bin, kann ich durchaus das Honorar übernehmen. Es gibt da nur ein Problem, mein Kollege dürfte das nicht wissen. Er würde meine Hilfe in jedem Fall ablehnen..."
„Unsinn!" unterbrach mich Doktor Schönfeld. „Ich bin sogar Unfallarzt und einmal gucken, kostet überhaupt nichts. Wann soll ich mir den Herrn denn anschauen?"
„Sie müssen sich erst einmal nach der langen Reise ausruhen“, meinte ich und fügte, allerdings nicht ehrlich hinzu: „Das wird auch nicht so eilig sein."
„Ja, aber Sie sprachen doch von einem Unfall“, kreischte Frau Schönfeld. „Dann muß doch sofort etwas geschehen."
Was hatte sie nur für eine schreckliche, unnatürliche Stimme.
„Gnädige Frau, der Unfall ist schon vor einiger Zeit passiert“, klärte ich auf.
„Man hat einen Verband angelegt, der jetzt nicht mehr abgeht, also richtig
festgewachsen ist, und die Hand scheint mir nach fauligem Fleisch zu riechen..."
„Um Gottes Willen“, rief Doktor Schönfeld. „Das hört sich gar nicht gut an. Ich
komme sofort mit und schau mir Ihren Kollegen gleich einmal an."
„Nein, bitte nicht“, entfuhr es mir. Ich konnte den Arzt doch nicht in unsere primitive Bude führen und ergänzte: „Ich weiß nicht, wo der Elektriker im Augenblick steckt. Wenn ich ihn finde, komme ich mit ihm spätestens in einer viertel Stunde. Falls ich bis dahin nicht hier gewesen bin..."
„Sie können jederzeit kommen“, fiel mir Doktor Schönfeld ins Wort. „Das, was Sie mir geschildert haben, ist aber auf keinen Fall auf die lange Bank zu schieben. Kommen Sie sofort, sobald Sie den Verunglückten ausfindig gemacht haben."
„Gut“, antwortete ich, „sollte ich ihn nicht finden, sage ich in jedem Fall in wenigen Minuten Bescheid; denn Sie können ja unmöglich auf uns warten. Deswegen sind Sie ja nicht nach Afrika gekommen." Ich verabschiedete mich und verließ das Zimmer.
Im Weggehen hörte ich diese Elisabeth kreischen: „Das fängt ja gut an. Jetzt wirst du sogleich zu einem Buschdoktor, Eduard..."
Ich erklärte Mussa, daß ich bei einer Reparatur seine Hilfe brauche, und er kam, zu meinem Erstaunen, sogleich, ohne weiter Fragen zu stellen, mit.
Nachdem ich Mussa dem Ehepaar auf Deutsch vorgestellt hatte, schaute der Arzt sogleich auf den ekelhaft aussehenden Verband und sagte, daß er im Badezimmer den Verband lösen werde. Er habe als Unfallarzt die wichtigsten Instrumente und Behandlungsmittel immer dabei; dazu fühle er sich verpflichtet. Ich solle aber im Zimmer bleiben; denn es wäre sicher kein schöner Anblick, die Hand zu sehen. Ich erklärte Mussa in unserer Landessprache, daß dieser Mann Arzt sei, sich nach seiner Hand erkundigt habe und sie sich ansehen wolle. Er solle sich also nicht weigern.
Ich merkte, daß Mussa ausweichen wollte. Dazu war aber zu feige und ließ sich ins Badezimmer führen. Ich folgte, um bei Sprachproblemen aushelfen zu können.
„Leute, Leute“, sagte der Arzt, „Ihr macht Sachen. Das ist alles vereitert. Da hätte längst ein Arzt konsultiert werden müssen. Das wird eine tolle Sauerei sein und bestialisch stinken, wenn ich den Verband abmache. Wir gehen besser auf den Balkon. Da kann ja auch besser sehen."
„Nein, so 'was!" kreischte Elisabeth.
„Bitte, gnädige Frau, ich werde Ihrem Herrn Gemahl helfen“, schlug ich, so höflich wie möglich, vor. „Sie können derweil vielleicht ihre Sachen auspacken."
„Ich bin ausgebildete Krankenschwester und war jahrelang bei meinem Mann Arzthelferin. Natürlich werde ich helfen!" fuhr sie mich an.
Der Verband war in wenigen Minuten abgenommen. Es stank schrecklich nach faulendem Fleisch. Ich konnte die einzelnen Finger überhaupt nicht klar erkennen und erschrak beim Anblick dieser fauligen Masse. Umso erstaunter war ich, als Doktor Schönfeld ruhig feststellte: „Ist zum Glück doch gar nicht so schlimm, wie ich gedacht hatte. Das kriegen wir wahrscheinlich ohne Amputation wieder einigermaßen hin."
Herr und Frau Doktor werkelten eine halbe Stunde lang an der Hand mit Tupfen, leichtem Schaben, Waschen, Flüssigkeit auftragen, Pudern, Verband anlegen. Nur um etwas zu sagen, bemerkte ich, scherzhaft gemeint: „Sie haben ja offensichtlich alles nötige dabei, so daß Sie Ihre Praxis hierher verlegen könnten."
„Ja, gerade als verantwortungsbewußter Unfallarzt bin ich immer vorbereitet, wissen Sie“, gab der Herr Doktor zur Erklärung. „Unfälle passieren überall. Stellen Sie sich vor, ich müßte daneben stehen und könnte nicht helfen."
Das fand ich wirklich sehr verantwortungsbewußt und machte mir den Mann sehr sympathisch.
Als er fertig war, machte er ein sehr zufriedenes Gesicht und erklärte: „Das war wirklich der allerletzte Augenblick. Hätten Sie noch einen Tag mit einer Behandlung gewartet, wäre die Amputation, wenigstens einiger Finger unvermeidlich geworden. Mit etwas Glück bekommen wir das aber wieder hin. Ich muß Morgen aber unbedingt noch einmal nach der Hand schauen und die Wunde behandeln. Jetzt gebe ich Ihrem Kollegen noch eine Spritze. Bitten Sie ihn, die Hose an einer Seite etwas herunter zu lassen."
Ich bekam einen großen Schreck. Das würde Mussa niemals zulassen. Während ich ihm die Notwendigkeit zu erklären versuchte, öffnete Frau Schönfeld bereits die Hose, streifte sie ein wenig nach unten, um eine Gesäßmuskelhälfte freizulegen. Mussa stand wie versteinert da und ließ sich die Spritze ohne irgend eine Abwehr-Reaktion setzen. Wahrscheinlich saß die in der langen Kolonialzeit geprägte Propaganda, sich auf keinen Fall gegen einen Weißen auflehnen zu dürfen, bei ihm noch so fest, daß ein Weißer alles mit ihm machen konnte.
Mich hatte die Prozedur der Behandlung seiner Hand ziemlich mitgenommen, und ich fühlte mich völlig erschöpft. Ich bedankte mich vielmals und überschwänglich bei dem Arztehepaar und sagte: „Mir ist das äußerst peinlich, Ihnen gleich zu Urlaubsbeginn eine solche Geschichte zugemutet zu haben. Ich..."
„Unsinn“, unterbrach mich Elisabeth mit ihrer kreischenden Stimme, „das war unsere Pflicht, und wir haben das gerne gemacht. Dafür darf ich dann wohl ein Foto von Ihnen machen."
„So viele Sie mögen“, lachte ich erleichtert und ergänzte: „Natürlich werde ich die Honorarrechnung übernehmen..."
„Quatsch!" rief Doktor Schönfeld, „vergessen Sie das doch. Also bis Morgen!"
Ich war sehr froh, daß Mussa geholfen worden war. Doch, selbst als ich ihm erklärte, was mit seiner Hand tatsächlich los gewesen war, meinte er, der Aufwand wäre nicht nötig gewesen. Er habe die Hand jeden Tag nach alter Tradition in seinem Urin gebadet und den Verband wieder umwickelt. Nur seit gestern habe sich der Verband nicht mehr lösen lassen, was ein sehr gutes Anzeichen für die Heilung gewesen sei. Es habe sich also schon eine feste Kruste gebildet, die dann später irgendwann zusammen mit dem Verband abgefallen wäre.
„Hast du denn nicht gesehen und vor allem gerochen, daß alles schon faulte? Da war nichts von einer Kruste zu sehen!" schrie ich ihn an.
Er erwiderte: „Ja natürlich, das alte, verbrannte Fleisch muß doch wegfaulen."
Ich gab auf. Man konnte ihm nichts begreiflich machen.
„Ich fahre morgen früh nach Hause“, sagte er plötzlich und unvermittelt.
„Nein, das kannst du nicht“, beschwor ich ihn. „Erst muß die Hand wieder in Ordnung sein! Bitte, lieber Mussa“, flehte ich, „fahr nicht! Morgen wird der Arzt einen neuen Verband machen und sich kümmern, bis alles wieder in Ordnung kommt. Sonst besteht die Gefahr, daß dir die Finger abgenommen werden müssen."
„Wer will mir die Finger abnehmen?" fragte er gereizt.
„Die müssen ab, wenn du nicht tust, was dir geraten worden ist“, entgegnete ich.
Er wandte ein: „Glaubst du, diese rothaarigen Medizinmänner wissen mehr als wir mit unserer langen Erfahrung?" (Als rothaarige Medizinmänner werden in unserer Sprache englische Ärzte bezeichnet.)
„Du hast dich aber auch nicht an unsere Medizinmänner gewandt“, warf ich ihm vor.
„So eine Kleinigkeit heilt auch von allein“, entgegnete er.
Ich flehte ihn wieder an: „Bitte, ich beschwöre dich, fahr erst nach Hause, wenn die Hand geheilt ist. Dann kannst du sicher hier auch wieder arbeiten."
Er gab offensichtlich endlich nach: „Gut, dann bleibe ich eben, wenn du es so willst. Du bist ja klüger als wir. Etwas weißes Blut zirkuliert ja in dir. Das kann jeder sehen. Damit hast du auch deren Weisheit mitbekommen." Er zeigte nach Norden, wo Europa liegt, und fuhr fort: „Aber Elektriker für die paar Flöhe, die es dafür gibt! Nein, das mache ich nicht mehr."
„Mussa“, redete ich auf ihn ein, „das Geld, das ich dir gegeben habe, reicht doch nur für ein paar Monate, und was dann?"
„Ein paar Monate?" wiederholte er. „Soviel Geld habe ich noch nie zusammen auf einem Haufen gesehen, geschweige denn in der Tasche gehabt. Ich werd' nie mehr arbeiten!"
Ich versuchte, ihm zu erklären und vorzurechnen, daß er, wenn er sonst keine weiteren Ausgaben machen würde, vielleicht das Schulgeld für seine Kinder für ein Jahr würde bezahlen können, aber nur für ein einziges Jahr. Ich war verzweifelt, daß er mich nicht verstand. Er hatte doch immerhin die Elektrikerlehre erfolgreich beendet, Lesen und Schreiben, vor allem auch rechnen gelernt. Warum konnte er meine Gedankengänge nicht begreifen und nachvollziehen?
Nachdem er mir versprochen hatte, nicht nach Hause zu fahren, begab ich mich wieder an meine Arbeit: Birnen und Sicherungen austauschen, Klimageräte reparieren, manchmal nur nachstellen, weil auch Europäer nicht immer so intelligent sind, einen Thermostat zu betätigen, das heißt auf die richtige Temperatur einzustellen.
Ich lungerte zwei Stunden am Strand umher, hätte gerne Gedanken nachgehangen, dachte dauernd an Elisabeth, die in einer mir unbekannten Umgebung in Deutschland war. Aber ich wurde immer wieder aus meinem Träumen und Grübeln gerissen. Entweder sprachen mich meine Landsleute an und hänselten mich wegen meines abweichenden Aussehens oder Touristen kamen herbei, die ein Foto von mir oder mit mir machen wollten.
„Du bist ja wie aus reiner, süßer Schokolade“, kicherte eine dickliche Dame.
„Und Sie aus weißem Kuchenteig“, bemerkte ich boshaft und verärgert. Die übrigen Touristen, die das gehört hatten, amüsierten sich köstlich.
„Da siehst‘e mal, daß diese Bimbos auch schlagfertig sein können“, konstatierte ein umfangreicher, bierbäuchiger Fettball.
Plötzlich dachte ich an Mussa und bekam eine, mir völlig unerklärliche, unruhige Ahnung, rannte zu unserer Bude, wo er nicht war. Ich erkundigte mich bei Hotelkollegen nach ihm. Jemand sagte, er habe Mussa mit Sack und Pack zur Bushaltestelle gehen sehen. Ich eilte hin und sah ihn dort im Gras liegen. Ich war drauf und dran, hysterisch auf ihn einzuschlagen.
„Du Miststück“, schrie ich ihn an. „Hast du nicht fest versprochen zu bleiben?! Du hättest ja auch einmal ein wenig an mich denken können. Ich bin immer noch nicht so sehr mit der Arbeit vertraut und auf deine Hilfe angewiesen. Ich hätte nie geglaubt, daß du mich so einfach hängen lassen würdest. Dann hau doch ab und mach einer deiner Alten noch ein neues Kind, damit die Familie noch schneller ruiniert ist."
Er stand gemächlich auf, warf seinen Sack über die Schultern und trottete, ohne etwas zu sagen, in Richtung unseres Hotels. Der Bus fuhr an uns vorbei.
Ich versuchte immer wieder, auf ihn einzureden, ihm das Problem mit seiner Hand noch einmal klar zu machen und vor allem seine wirkliche finanzielle Situation.
Überraschend erklärte er mir: „Du hast ja recht. Ich kann ja auch bis drei zählen. Du weißt genau, daß ich den Arzt nicht bezahlen kann, und ich bin sicher, daß du das wieder heimlich hinter meinem Rücken übernehmen wirst. Also muß die Hand auch so heilen. Sie muß einfach heilen, verstehst du, und wenn sie es nicht tut, dann war es eben Allah's {Gottes} Wille. Verstehst du mich? So, und dann die andere Geschichte. Wenn ich früher nach Hause fuhr, wurde ich sogleich von meinen Frauen gefragt, wie viel Geld hast du mit. Was glaubst du, wie viel ich bei mir hatte? Wenn ich die Summe nannte, ging das Gekreische und Gezeter los: Das reicht doch hinten und vorne nicht. Wir müssen doch dies und das und jenes bezahlen, wovon, wovon? Was bringst du uns da? Warum kommst du eigentlich, um dich auch noch bei uns durchzufressen?... Ach weißt du, dann liegt man manchmal auf seiner Pritsche und träumt vor sich hin. Es ist so schön zu träumen. Du weißt zwar, daß es nie Wirklichkeit werden wird. Daher ist es eben ein Traum. Nun hast du mir soviel Geld gegeben, das ich dir sogar zuerst geklaut hatte, Allah hat mich schon im Voraus mit meiner Hand dafür bestraft. Zum ersten Mal hätte meine Familie gejubelt, sich gefreut, daß ich gekommen war. Meine Frauen hätten nicht gekreischt und gezetert. Das wollte ich nur ein einziges Mal erleben. Davon hatte ich doch immer geträumt. Einmal, also diesmal hätte dieser Traum in Erfüllung gehen können. Das wäre zwar nur ein einziges Mal gewesen. Das hatte ich mir aber so schön vorgestellt. Verstehst du mich?"
Und ob ich ihn verstand. Ich konnte nur schwer meine Tränen zurückhalten, faßte ihn an der Hand (wie das bei uns üblich ist, wenn man sich versteht) und sagte ziemlich leise: „Mussa, das kannst du dir doch alles erst recht erfüllen, wenn deine Hand geheilt ist. Das Geld zur Erfüllung dieses einfachen Traumes bleibt dir und du hast dann sogar wieder vollbezahlte Arbeit."
Mussa schaute mich dennoch sehr traurig an, obwohl er sich zu
einem Lächeln zwang.
Dienstag, 1.8.1978
Seit einer Woche hatte ich täglich auf einen Brief oder irgendeine Art von Nachricht von Elisabeth gewartet.
Heute Morgen als ich in der Halle einen Lampenstecker austauschte, tippte Mwaura (im Deutschen »Muaura« ausgesprochen), der Hotelbote, auf meine Schulter und reichte mir einen Brief.
„Kommt aus Deutschland“, sagte er. „Kann ich die Briefmarken haben? Oder sammelst du auch? Diese hier sind sehr schön."
„Natürlich kannst du sie haben“, antwortete ich. „Diese hier machen auf Umweltverschmutzung aufmerksam."
„Was ist das, Umweltverschmutzung?" erkundigte er sich.
„Ich kann es dir auch nicht genau erklären“, wich ich aus; denn ich wollte doch den Brief sogleich lesen.
„Ich geb’ dir die Marken später!" rief ich, schon auf dem Wege zum Strand.
Gespannt öffnete ich bereits unterwegs den Umschlag, zog einige in klarer Handschrift eng beschriebene Seiten heraus und las:
Mein liebster Wuschel,
ich schreibe Dir diese Zeilen auf dem langen Rückflug. Wenn ich nicht fertig werde, weil ich mich sehr müde fühle, ergänze ich den Rest zu Hause. Ich danke Dir nochmals für die wunderschönen, unvergeßlichen Stunden, die ich mit Dir erleben durfte. Ich bin jetzt ganz traurig...
„Na, hast du einen Liebesbrief bekommen?" unterbrach mich einer der umherstreunenden Touristenhaie, die alles und sich selbst den Europäern anbieten.
Ich war wütend, daß man in diesem gottverdammten Land keine Minute alleine sein kann, und brüllte ihn an: „Hau ab! Sonst hau ich dir eins in die Fresse!"
Er wich ein paar Schritte zurück und fragte: „Hat sie dir Geld geschickt? Ich hatte mal eine, die legte immer fünfzig, ja manchmal sogar hundert Mark mit in den Umschlag. Der muß ich es wohl ganz gut gemacht haben..."
„Jetzt hau doch endlich ab, verdammt noch mal!" schnauzte ich. Er entfernte sich, und ich las weiter:
und vermisse Dich jetzt schon nach knapp einer Stunde ganz schmerzlich. Ich hoffe sehr, daß Du im Hotel zurecht kommst und keine großen Probleme hast und haben wirst. Hast Du schon einen neuen Freund oder eine andere Bekanntschaft gefunden? Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, daß Du jemanden findest oder schon gefunden hast, mit dem du Dich ideal verstehst. Ich denke darüber nach, warum wir so blendend miteinander ausgekommen sind, was mir vorher nie mit einem Partner gelungen ist. Recht bald kam früher jedesmal, wenn ich mit jemandem zusammen war, immer irgendeine Mißstimmung auf, und nach längstens einer Woche war ich meinen Partner in der Regel schon leid. Du wurdest mir so vertraut. Ich hatte in keiner Weise auch nur die geringste Hemmung vor Dir. In der Regel behält man in einer Beziehung doch wenigstens ein kleines Teilchen an Privatem für sich. Bei Dir habe überhaupt nichts unter Verschluß gehalten. Ich glaube, bei Dir war es mir gegenüber genauso, oder irre ich mich? Ich bin sicher, daß ich Dich sehr liebe. Aber wenn ich versuche, meine Gefühle für Dich zu analysieren, ist es ganz anders als bei früheren Erfahrungen. Meine Verlangenspalette nach Dir ist viel, viel breiter als sonst; nicht nur der Wunsch nach Nähe, nach körperlicher Berührung, sondern auch nach Meinungsaustausch, nach Deinem Temperament. Wie habe ich doch unsere albernen, kindlichen Balgereien, vor allem am Strand so sehr genossen, woran sich plötzlich, ohne Übergang sehr ernsthafte Gespräche und Diskussionen anschließen konnten. Bei früheren Partnern war die Sehnsucht nach Nähe und körperlicher Berührung vordergründig, viel mehr nicht. Manche waren so blöd, wenn ich darüber nachdenke, daß ich mich mit ihnen überhaupt nicht unterhalten konnte. Im Bett war es sicher manchmal durchaus lustvoll. Aber wie lange dauert so 'was in der Regel?! Ansonsten ödeten sie mich an, stahlen meine Zeit, da sie meinten, ich müsse mich ihnen widmen. Dann kam es auch bei den allergeringsten Anlässen und Meinungsverschiedenheiten zum Krach und schließlich zur Trennung, wobei eine eventuelle Liebe in Haß, in Aversion umschlug. Ich meine, wir kamen deshalb so gut aus, weil Du mir nach sehr langer Zeit insgeheime Wünsche erfüllen konntest. Ich habe da eine Idee, weiß aber nicht, ob ich auf dem richtigen Wege bin. Doch laß mich das mal auseinanderlegen: Das Benehmen von Erwachsenen und Kindern ist doch völlig verschieden. Kinder lärmen, singen, schreien, betätigen sich körperlich durch Laufen, Hüpfen, Springen. Sie sind gerne albern, können Phantasien ausleben und sind unkonventionell. Erwachsensein bedeutet genau das Gegenteil. Laufen, Hüpfen, Springen sind nur erlaubt, wenn es als Sport, mit entsprechenden Regeln verbunden ist. Albern kann man nur im betrunkenen Zustand sein oder kommerziell auf der Bühne zur Unterhaltung anderer. Ein Erwachsener hat ernst zu sein, würdig, eben erwachsen. Dazu hat man ihn, den Erwachsenen, durch die lange Erziehung, d.h. Zerrung und Ziehung an ihm, im Laufe vieler Jahre gebracht. Wollen Erwachsene so überhaupt sein? Freuen sich die Großeltern nicht besonders auf die kleinen Enkel, für die sie keine Erziehungsverantwortung haben? Der uralte Großpapa fängt plötzlich an, mit seinem Enkel rumzualbern. Das hätte er mit seinem Sohn oder seiner Tochter nie gemacht. Die mußte er ja erziehen, und er durfte sich keine Blöße geben, selbst noch nicht erwachsen genug zu sein. Hier liegt vielleicht der Schlüssel zu unserem guten Verhältnis, zumindest aus meiner Sicht. Der Altersunterschied zwischen uns spielte sicher eine günstige Rolle. Du siehst sogar viel jünger aus als Du schon tatsächlich bist und hast Dir Deine Jungenhaftigkeit bewahrt, womit Du mir erlaubtest, als Erwachsene kindliche Gelüste zu befriedigen, albern zu sein, raufen und umhertollen zu können, die Umwelt um uns herum vergessend. Bei meinen früheren Beziehungen hatte ich immer ältere Herren, eingerostet, würdig und borniert. Ich hätte niemals früher im Traum daran gedacht, mit einem Typen, wie Du einer bist, etwas anzufangen. Zum Glück hat uns der Zufall zusammengebracht. Vielleicht bin ich von Dir beeindruckt worden wegen Deines ungewöhnlichen Aussehens. Aber niemals wäre in mir der Wunsch nach einer intimen Beziehung aufgekommen, hätte ich Dich in einem Restaurant, auf der Straße oder sonst wo getroffen. Ich wurde immer von väterlichen Typen gereizt, ohne sagen zu können, warum eigentlich. Du warst nicht nur ein ausgezeichneter männlicher Partner - Du verstehst, was ich meine? - sondern viel, viel mehr bis hin zu einem hilflosen Kind.
Ich fürchte, ich habe Dich dominiert. Das tut mir, nachdem ich darüber nachdenke, leid. Ich fürchte, Du hattest Dich mir unterzuordnen. Ich habe immer bestimmt. War das nicht so? Hast du darunter gelitten? Mir wird das erst jetzt gerade bewußt. Wenn Du mir hierzu offen und ehrlich antworten könntest, wäre ich Dir dankbar. Du hast Dich zwar manchmal dagegen aufgelehnt, z.B. als ich Fotos von Dir gemacht habe. Aber ich habe das einfach überhört und mich nicht darum gekümmert. Ich habe Dir eigenmächtig Klamotten gekauft, ohne mich nach Deinen Wünschen und Deinem Geschmack zu erkundigen. Ich werde mir jetzt beim Nachdenken darüber klar, daß ich Dich nach meinen Wünschen und Vorstellungen haben wollte. Ich habe Dich mit mir ins Hotel genommen, ohne Dich zu fragen, in die Restaurants, in den Tierpark, nach Mombasa, ohne Dein Einverständnis einzuholen. Da ist so etwas zwischen uns eingerissen, das ich heute bedauere. Vielleicht bin ich früher mit anderen Männern nicht klar gekommen, weil sie sich meinen dominierenden Charakter nicht gefallen ließen. Ich muß über diesen Komplex sehr intensiv nachdenken. Gut, als unsere Beziehung begann, Du nackt und völlig mittellos in meinem Hotelzimmer kauertest, ein paar schmutzige Klamotten im Spülbecken, mußte ich rasch ein paar Kleidungsstücke besorgen. Das magst Du mir zugestehen. Aber später habe ich dann nur Sachen für Dich gekauft, die mir gefielen. Ich habe Dich regelrecht schmücken wollen, nach meinem Geschmack. Du warst wie ein Blumenstrauß in der Vase, den ich arrangierte. Wehe die Blumen hätten sich aufgelehnt. Nachdem ich jetzt gerade darüber nachdenke, tut es mir sehr leid, und ich bitte Dich um Verzeihung. Über dieses Thema haben wir nie gesprochen, obwohl Du mich einmal regelrecht angebrüllt hast, und wir sollten das Thema mit unserem, hoffentlich regelmäßigen Briefwechsel endlich klären. Ich neige wohl wegen meines Berufes als Lehrerin dazu zu dominieren. In diesem Beruf bleibt einem kaum etwas anderes übrig. Aber im privaten Bereich sollte ich mich etwas mehr zurückhalten. Findest Du nicht auch? Jetzt kann ich Dich nur bitten, mir wegen meines Verhaltens nicht böse zu sein. Man sagt: Einsicht ist der erste Weg zur Besserung. Wenigstens dämmert mir jetzt die Einsicht.
Dann glaube ich, daß keineswegs die Tatsache für unsere Beziehung ungünstig war, wonach Du Dir eigentlich nichts aus Frauen machst, aus mir als Sexpartner. Ich war also relativ neutral für Dich... Ich weiß nicht, wie ich mich korrekt ausdrücken soll. Jedenfalls brauchte ich keine Konkurrenz befürchten und mich nicht dauernd Dir gegenüber im bestmöglichen Licht zeigen, wie bei früheren Beziehungen, wo ich immer darauf geachtet habe, gut frisiert und gut gekleidet zu sein, mit leichter, Schönheitsfehler übertünchender Schminke, gerade gehend, dabei den Bauch einziehend, mich im Bett immer in eine solche Stellung zu begebend, daß keine Hautfalten zu sehen waren. Das war sicher ein gewisser Streß, der auf Dauer mit zum Bruch einer Beziehung geführt hat. Natürlich wollte ich Dir auch imponieren, hätte gerne gesehen, wenn Du mich attraktiv gefunden hättest. Ich muß gestehen, nachdem Du mir von Deiner Andersartigkeit erzählt hattest, war mir alles ziemlich egal, wie bei meiner Siamkatze - hoffentlich hat sie meinen Urlaub gut überstanden. Ich sehne mich nach ihr. Dem Tier ist es egal, ob ich dick oder dünn, gut gekleidet und ordentlich frisiert bin, alt und faltig aussehe. In Gegenwart meiner Katze brauche ich mich zu nichts zwingen. Sie schmust und schnurrt immer glücklich und zufrieden. Bei Dir ging es mir ähnlich. Ich merkte, daß Du mich mochtest, meine Nähe suchtest, nicht wegen meines reizenden Körpers... Bin ich verrückt, solch einen Vergleich mit der Katze zu ziehen? Ich hoffe, Du bist nicht gekränkt und verstehst, was ich meine. Ich habe Dich genossen. Körperlich warst Du für mich das wunderschönste Tier Lebewesen, das mir je begegnet ist, mit Deiner samtig weichen, dunklen, makellosen Haut, dem schönen, idealen Körperbau, den poppigen, üppigen Haaren, diesem wunderbaren Kopfschmuck. Alle Leute drehten sich nach Dir um, und ich war stolz, daß Du mir gehörtest mein Freund warst. Wenn Petra, meine Katze, dieses elegante Tier, im Fenster zwischen den Blumen sitzt, bleiben auch die Leute auf der Straße stehen, um sie zu betrachten, und ich bin dann richtig stolz. Ich empfand überhaupt keine Aversion gegen Dich und Deinen Körper, nicht einmal gegen Deine Körpersekretionen. Du warst einmal ein wenig schockiert - ich hinterher auch selbst überrascht, als ich an Deinem Glied lutschte, nachdem Du bei mir gewesen warst. Das hätte ich bei einem verflossenen Partner nie gekonnt. Entschuldige bitte, wenn ich wieder einen Vergleich zu der Katze ziehe. Ich kann Petra, die sich mit ihrer eigenen Spucke wäscht, sogar mit der Zunge ihren Hintern ableckt und dann wieder das Fell, an mich drücken und mit meinen Lippen berühren. Objektiv ist das vielleicht nicht besonders ästhetisch. Hinterher kleben überall Katzenhaare an mir, und ich muß mich bürsten. Bist Du gekränkt, weil ich mit solchen Vergleichen komme? Wir wollten aber doch ganz ehrlich zueinander sein. Das haben wir vereinbart. Ich will eigentlich nur klar ausdrücken, daß Du viel, viel mehr warst, als nur ein Sexpartner. Du warst bist nicht nur das, sondern auch Kind, idealer Gesprächspartner, vertrauter Freund und Schmusetier. Fehlt da 'was zu einem Ideal? Schade, daß wir im Augenblick über meine Gedanken uns nur schriftlich unterhalten können.
Darf ich noch etwas ganz offen andiskutieren? Ich überlege, ob ich dauernd mit Dir Zusammensein könnte. Ja, ich könnte es und wünschte es, trotzdem ich weiß, daß Du nicht mit mir ausschließlich glücklich sein würdest. Stell Dir vor, es würde mir überhaupt nichts ausmachen, Dich eng umschlungen mit einem anderen Partner zu sehen. Wenn ich mir das jetzt so vorstelle, fände ich das sogar sehr schön. Das wäre sicher ein sehr schöner Anblick. Wie soll ich das erklären? Ich bin überhaupt nicht eifersüchtig. Wie ist das möglich? Das ist doch gegen jede Regel. (Hier an dieser Stelle habe ich lange überlegt, ehe ich weiterschrieb.) Darf ich wieder Petra zum Vergleich heranziehen? Mir fällt sonst nichts ein, um meine Gefühle deutlich zu machen. Wenn sie zu Freunden, die mich besuchen, auf den Schoß springt, sich hinkuschelt und sich an sie schmiegt, dabei zufrieden und glücklich dreinschaut, finde ich das auch sehr schön. Es freut mich, wenn sie glücklich ist. Mute ich Dir zu viel zu, wenn ich alles so unsortiert, in einem Gedankenfluß schreibe, wie es mir in den Sinn kommt?
Ich freue mich so sehr, Dich in den Winterferien wiedersehen zu können. Ich werde Dir durch den Hoteldirektor das Flugticket zukommen lassen. Sorg nur dafür, daß Du einen gültigen Pass hast und die notwendigen Impfzeugnisse. Ich werde Dir sofort von zu hause eine offizielle Einladung schicken, die Du euren Behörden für die Prozeduren vorlegen kannst. Du brauchst, glaube ich, das habe ich vergessen, Dir zu sagen, auch eine Steuerbestätigung, ehe Du Kenia verlassen kannst. Direktor Bruhns wird Dir sicher behilflich sein. Wie kommst Du mit ihm zurecht?
Liebster Wuschel, schreib mir bald, wenn Du es nicht schon getan hast. Ich bin so gespannt, wie es Dir geht.
Ich fange nun an, sehr müde zu werden. Du weißt, ich habe die vergangene Nacht überhaupt nicht geschlafen. Mir fällt auch nichts mehr ein, was ich Dir im Augenblick noch schreiben müsste. Meine Gedanken verwirren sich wegen der Müdigkeit. Ich kouvertiere den Brief, damit er bei meiner Ankunft in Frankfurt gleich in die Post gehen kann. Sei nochmals versichert, daß ich Dich unwahrscheinlich gern mag. Ich sehe dauernd Deine großen, ausdrucksvollen, dunklen Augen auf mich gerichtet. Die Erinnerung ist so schön, wenn auch jetzt sehr schmerzhaft. Deine Elisabeth.
Grüß' Bruhns und Mussa von mir.
Ich wollte gleich antworten. Aber es war kein Absender auf dem Brief. Ich geriet in Panik.
Die Doktor Schönfelds kamen zum Strand. „Hallo, junger Freund“, begrüßte er mich und meinte: „Heute kommt die Flut wohl erst sehr spät. Man sollte also noch nicht schwimmen?"
„Das ist nicht ratsam“, bestätigte ich.
„Sie haben Post bekommen?" erkundigte sich diese andere Elisabeth. „Aus Deutschland, wie ich an den Briefmarken sehe. Eine schöne Serie!" erkannte sie.
Mir kam eine Idee: „Ich habe da ein Problem..."
„Wen hat es diesmal erwischt?" unterbrach mich Doktor Schönfeld.
Ich zwang mich zu einem Lächeln und sagte: „Nein, es ist kein medizinisches Problem. Ich würde gerne diesen Brief beantworten. Aber der Absender steht nicht drauf. Kann man in Deutschland jemanden leicht ausfindig machen, wenn man den vollen Namen und die Stadt kennt?"
„Grundsätzlich ja“, meinte er, „wenn es nicht zu viele gleiche Namen in dieser Stadt gibt, wie Schmidt oder Müller."
„Hier diese Briefschreiberin heißt Elisabeth Herrmann mit zwei „err“ und wohnt in Wiesbaden. Sie ist dort Lehrerin für Sport und Mathematik“, erklärte ich.
Er wiegte den Kopf hin und her und sagte. „Herrmann ist auch kein so seltener Name. Vielleicht steht Ihre Bekannte im Telefonbuch. Wir sind zufällig auch aus Wiesbaden und könnten einen Brief von Ihnen mitnehmen und versuchen, ihn an die richtige Adresse zu bekommen. Da die Dame Lehrerin ist, wird sie sicher Telefon haben, und ob es die Richtige ist, kann man ja mit ein paar gezielten Fragen herausbekommen. Das machen wir gerne für Sie."
„Aber natürlich“, bestätigte Elisabeth Schönfeld kreischend, „wird doch sicher ein Liebesbrief sein."
Ich berichtete: „Nun diese Dame hat mir das Leben gerettet, und wir waren sehr lange hier zusammen und haben uns so gut verstanden. Nur an die Adresse haben wir nicht gedacht, wissen Sie?"
„Äh, ja, gut, ich meine“, druckste Doktor Schönfeld herum. „Wie soll ich es sagen? Ich möchte Ihnen nicht wehe tun. Aber wissen Sie, man hört da oft von Touristinnen, die im Urlaub nur ein Abenteuer suchen. Sie verstehen, was ich meine? Und dann möchten sie nachher nicht mehr, wenn sie zu Hause sind, ich meine, äh, erinnert werden... Vielleicht war das mit der Adresse nicht ganz unbeabsichtigt, verstehen Sie?"
Mich trafen diese Worte wie ein narkotisierender Schlag. Ich war wie versteinert. Daran hätte ich niemals gedacht. „Nein, nein, das glaube ich nicht!" schrie ich. „Wir hatten eine ganz besondere Beziehung. Wollen Sie den Brief lesen?" Ich hielt ihn mit ausgestreckter Hand hin und fügte hinzu: „Das geht aus dem Brief ganz eindeutig hervor, daß das mit der Adresse wirklich nur ein, ich meine..."
Frau Schönfeld hatte den Brief rasch ergriffen und begann sofort zu lesen. Ihr Ehemann riß ihn ihr aber aus der Hand und reichte ihn mir zurück mit einem vorwurfsvollen „Elisabeth" an seine Frau gerichtet: „Hast du denn überhaupt keinen Anstand mehr?! Das wird ein ganz intimer Liebesbrief sein. Schämst du dich nicht?"
„Ja“, bestätigte ich verklärt, „es ist ein wunderschöner Brief. Und von mir aus kann ihn jeder lesen..."
Dann bekam ich doch einen Schreck über mein so freigiebig gemachtes Angebot; denn im Brief hatte Elisabeth doch Bezug auf mein Anderssein genommen. Und es standen auch noch weitere Sachen drin, die man keinem Außenstehenden zeigen durfte. Ich nahm den Brief rasch zurück.
„Ich hätte ihn so gerne gelesen“, gestand Frau Schönfeld. „Liebe ist so 'was schönes“, seufzte sie, „und ich habe so viele schöne Liebesbriefe der Großen dieser Welt gelesen..."
„Dieser ist viel schöner als alle anderen“, schwärmte ich.
„Darf ich ihn dann haben“, flehte sie.
„Bist du total verrückt geworden“, fuhr Doktor Schönfeld seine Frau an und fügte drohend hinzu: „Jetzt reicht es wohl!"
„Schade, daß es mein Mann nicht erlaubt“, stammelte sie enttäuscht.
„Was ist denn los mit dir?" erboste sich der Herr Doktor und fügte ein vorwurfsvolles „Elisabeth" hinzu.
„Es ist so schön hier“, kreischte sie, „die Sonne, der warme Wind, die herrliche Natur, das Wasser, ein Land, wie für die Liebe geschaffen. Und es ist so schön, wenn zwei Menschen Hand in Hand über den Strand gehen und sich verstehen." Sie schaute in eine bestimmte Richtung, wo ein Liebespaar engumschlungen umherspazierte. Sie zeigte einen Gesichtsausdruck, als befände sie sich in einem glücklichen Traum.
„Sie können den Brief wirklich lesen“, bot ich an. Sollte sich doch die Alte ergötzen.
„Nichts da!" befahl Doktor Schönfeld. „Was ist denn los heute Morgen! Elisabeth, du bist ja außer Rand und Band!... Beantworten Sie den Brief, junger Freund. Ich werde versuchen, ihn an die richtige Adresse zu bekommen. Komm jetzt, Elisabeth, wir gehen!" Sie entfernten sich, heftig miteinander streitend.
Ich dachte nicht an meine Arbeit, rannte in meine Bude und wollte sogleich antworten. Doch der Kopf war so wirr, daß ich immer wieder eine neue Seite beginnen mußte und dann wieder zerriß. Ich brachte keinen Brief zustande.
Ein Hotelangestellter kam und sagte mir, daß ich zum Direktor kommen sollte. Dieser erklärte mir, daß einige Geschäftsleute aus der Schweiz hergekommen seien, um über den Bau eines neuen Hotelkomplexes zu verhandeln. Da die Herren entweder nur Französisch oder Deutsch sprächen, brauche man einen Dolmetscher. Der mit dieser Aufgabe beauftrage Herr sei aber wegen einer Magen- und Darmkrankheit ausgefallen. „Vielleicht können Sie das übernehmen“, schlug er vor. „Trauen Sie sich so etwas zu? Sie sollten es versuchen; denn so schnell bekommen wir keinen Ersatz." Ich stimmte begeistert zu.
Die Verhandlungen begannen mit einem gemeinsamen Mittagessen, an dem auch Vertreter aus unserem Touristik-Ministerium teilnahmen. Mir fiel es überhaupt nicht schwer, die Wünsche und Vorstellungen der Verhandlungsteilnehmer hin und her zu übermitteln. Der Tag verging wie im Fluge. Nach dem Abendessen ließ man sich mit Alkohol voll laufen. Ich wurde immer wieder zum Mittrinken aufgefordert, und konnte mich nicht dauernd widersetzen. Es fiel mir bald sehr schwer, mich unter dem Alkoholeinfluß zu konzentrieren und zu kontrollieren. Gegen Mitternacht hatte sich die Zahl der Trinker sehr reduziert. Ich mußte wegen des Bieres dauernd zur Toilette. Ein älterer, dickbäuchiger Schweizer folgte mir in der Regel. Es war mir so außerordentlich unangenehm, in seiner Gegenwart zu urinieren. Er musterte mich zweifellos lustgierig aus kleinen Augen in einem faltigen Gesicht. Unter seinem Kinn liefen lose Hautfalten zum Hals, die mich an einen Truthahn erinnerten.
Als er sehr betrunken war, fragte er fast lallend, an die Toilettenwand gelehnt: „Wohnst du hier im Hotel?" Ich nickte.
„Du machst deine Sache außerordentlich gut“, lobte er. „Ganz ausgezeichnet, ganz ausgezeichnet,..." wiederholte er mehrmals und fügte hinzu: „Du hast uns sehr geholfen."
Plötzlich bemerkte er: „Ich sehe, du trägst keine Uhr. Ich kann dir eine geben. Ich hab' da so einen Tick mit Uhren, weil ich immer befürchte, eine könnte versagen. Daher habe ich noch eine zweite, die kann, äh, die will ich dir schenken. Du kannst doch sicher eine gebrauchen?" Ich nickte.
Meine Uhr, die mir Pater Kurt geschenkt hatte und die ich verkaufen mußte, hatte ich immer vermißt, und nun fühlte ich mich glücklich, daß der Herr mir eine anbot.
„Gut“, schlug er vor, „dann komm mit auf mein Zimmer, und ich gebe sie dir."
Da er mich vorher aber so eigenartig angesehen hatte, war mir nicht wohl bei diesem Gedanken, und mir fiel ein zu sagen: „Das würde ich sehr gerne. Aber es ist den Angestellten des Hotels untersagt, Gäste auf ihrem Zimmer zu besuchen. Wir würden sofort entlassen. Bitte haben Sie dafür Verständnis."
„Dann werde ich sie holen und zu dir auf dein Zimmer bringen“, kommentierte er.
Ich schüttelte den Kopf: „Nein, das geht auch nicht. Ich wohne nicht allein, und mein Kollege schläft bestimmt schon. Das wäre mir unangenehm."
Ich fand den Mann richtig widerlich. Wenn er sprach, bewegte sich Speichel zwischen seinen Lippen, der bei Zisch- und T-Lauten sogar in mein Gesicht flog.
Ich wollte nichts mit ihm zu tun haben und erklärte, mich zu einem freundlichen Lächeln zwingend: „Bitte entschuldigen Sie mich. Ich bin so schrecklich müde und auch keinen Alkohol gewöhnt. Darf ich mich verabschieden? Vielen Dank noch mal für Ihr freundliches Angebot und für das Kompliment wegen meiner Übersetzungsarbeit. Gute Nacht!"
Ich ging zu den anderen, noch wenigen Verhandlungspartnern zurück, die mit Prostituierten scherzten, verabschiedete mich auch von ihnen und ging in meine Bude.
Mussa schlief fest.
Mittwoch, 2.8.1978
Die Verhandlungspartner hatten sich gegen acht Uhr zum Frühstück versammelt. Ich war gebeten worden, auch teilzunehmen. Man hatte die Tische zu einer langen Tafel zusammengestellt, an dessen Kopfende Direktor Bruhns saß. Als ich kam, waren außer ihm erst drei weitere Männer am Frühstückstisch. Als nächster kam der widerliche Herr, von dem ich mich am Vorabend belästigt gefühlt hatte, direkt auf mich zu.
„Haben Sie gut geschlafen?" fragte er und fuhr fort: „Ich hab' Ihnen die Uhr mitgebracht."
Er zog eine wunderschöne, goldglänzende Armbanduhr aus der Brusttasche seines kurzärmeligen Hemdes, aus dem häßliche dürre, verdorrte Arme hervorkamen.
Direktor Bruhns schaute mich groß und fragend an. Mir war nicht sehr wohl zumute.
„Aber das kann ich doch nicht annehmen“, protestierte ich. „Ich darf keine Geschenke annehmen“, behauptete ich.
Der Herr schaute hilflos auf Direktor Bruhns, der lachend
rief: „Natürlich, Michel, nimm die Uhr. Der dicke Maurice ist so reich; er
könnte dir auch gleich zwei schenken."
Mich überraschte, daß Direktor Bruhns mich in der »Du-Form« anredete, was er nur
kurz getan hatte, nachdem ich ihm von Elisabeth vorgestellt worden war.
Ich nahm die Uhr, bedankte mich vielmals und überschwänglich, und band sie mir um den linken Arm.
Direktor Bruhns winkte mich zu sich, zog einen Stuhl vom Tisch weg neben sich, deutete mir mit einer einladenden Handbewegung, mich zu setzen, und flüsterte mir ins Ohr: „Die Verhandlungen sind nicht zuletzt dank deiner Mitwirkung gestern ganz ausgezeichnet abgelaufen. Du hast gestern deine Sache wirklich hervorragend gemacht. Ich bin ganz stolz auf dich. Die {Verhandlungspartner} können heute schon den Vertrag schließen, wenn alles so weiter klappt."
Er legte einen schweren, fleischigen und borstigen Arm auf meine Schultern und fuhr fort: „Die fahren nachher nach Nairobi, um beim Ministerium für Touristik zum Abschluß des Vertrages zu kommen, das seine Zustimmung geben muß. Du fliegst natürlich mit. Da ist nur ein Problem. Die Beamten im Ministerium legen Wert auf sogenannte standesgemäße Kleidung. Du müßtest dir einen Schlips umbinden. Hast du einen ordentlichen Anzug? Ich werde versuchen, irgendwo ein weißes oder wenigstens einfarbiges Hemd aufzutreiben. Ich habe dich bisher nur in solchen Papageienfarben gesehen... Jetzt trink erst einmal Kaffee."
Inzwischen hatten sich weitere Delegationsmitglieder eingefunden. Viele brachten ungeniert, insbesondere die unseren {kenianischen}, ihre »Nachtmiezen« mit, was in diesem Lande so üblich ist.
Als ich mich umschaute, um einen freien Platz zu suchen, winkte der widerliche Herr, den der Direktor mit Maurice bezeichnet hatte, und deutete auf einen leeren Stuhl neben sich.
Es wurden Witze erzählt, die ich zu übersetzen hatte. Man neckte sich gegenseitig wegen der in der vergangenen Nacht gehabten Vergnügungen, dank der »Miezen«.
Manchmal ritt mich der Teufel, und ich schmückte beim Übersetzen einiges aus, was eigentlich nur der Direktor, der ja auch alle drei Sprachen, Deutsch, Französisch und Englisch beherrschte, mitbekam. „Ihr merkt gar nicht“, rief er in Englisch, „wie euch dieser Schlingel“, dabei auf mich deutend, „auf den Arm nimmt!"
Auch das übersetzte ich, worauf mir dieser Maurice lachend mit dem Finger drohte.
Während des Frühstücks unterhielten sich jeweils die Gruppen miteinander, die eine gemeinsame Sprache hatten, so daß ich nicht eingreifen brauchte.
Dann wurden die Reisevorbereitungen getroffen. Ich kam mir mit Anzug und Krawatte selbst fremd vor, und mich störte vor allem die Zuschnürung des Halses sehr.
Das Hineingezwängtsein in diesen Anzug gab mir ein eigenartiges Gefühl, und ich ging, wie ich selbst feststellte, besonders gerade aufgerichtet, sozusagen stolz einher.
Wir wurden in den Hotelbus verfrachtet, der uns zum Flughafen brachte. Am Schalter der East African Airways gestikulierten und schimpften lautstark einige Passagiere. Offensichtlich hatte man einige Personen, die bereits eine feste Reservierung hatten, einfach zu unseren Gunsten von der Buchungsliste gestrichen.
Im Ministerium herrschte Hochstimmung. Man scherzte und lachte. Ich wurde um Hilfe bei der Vertragsformulierung gebeten. Es fiel mir außerordentlich schwer, die französischen Äquivalente von Vertragsformulierungen, die ich oft auch überhaupt nicht verstand, zu finden.
Unterhaltungsfranzösisch gab mir eigentlich gar keine Probleme. Aber bei solchen verworrenen schriftlichen Formulierungen begann ich doch vor Aufregung zu schwitzen. Aber Maurice schien sich auf diesem Gebiet bestens auszukennen und half mir bei den Formulierungen und dem Präzisieren eines Vertragstextes im Französischen, nachdem ich wenigstens erklärend und sinngemäß übersetzt hatte. Am Abend war ich wirklich völlig erschöpft.
Das Konferenzzentrum erweckte in mir schreckliche Erinnerungen. Man hatte nämlich beschlossen, im dortigen Drehrestaurant zu Abend zu speisen. Ich konnte mich nicht konzentrieren und oft nicht rasch genug schalten, wenn sich Delegierte aus den verschiedenen Interessengruppen gegenseitig etwas zuriefen. Meine Gedanken liefen Erinnerungen nach. Ich fühlte ein Ziehen in der Magengegend und ein leichtes Schwindelgefühl, weil ich mich immer wieder an dem eine Etage höheren Geländer, die die Besucher von der schrecklichen Tiefe trennen, glaubte.
„Du bist geistes ..., äh, ich meine, Sie sind geistesabwesend“, bemerkte Maurice, der seltsamer Weise wieder neben mir saß.
„Ja, ein Freund von mir hat sich von da oben heruntergestürzt“, log ich, den Finger hochgerichtet. „Ich war dabei und konnte es nicht verhindern."
„Entsetzlich! Ganz entsetzlich, o, mein Gott!" rief Maurice aus. „Gibt es denn da keine Sicherheitsvorkehrungen?"
Es wurde beschlossen, nach dem Essen in eine berühmte Nachtbar mit Tanzmöglichkeit und käuflichen Damen zu gehen. „Für unseren Übersetzer suchen wir das schönste Mädchen aus“, rief jemand.
„Hast..., äh ich meine, haben Sie eine Freundin?" wollte Maurice wissen. Ich nickte und versuchte, verlegen zu lächeln.
Ich konnte nicht verhindern, mit der Verhandlungsdelegation in den Regierungsfahrzeugen zur Nachtbar gebracht zu werden, obwohl ich versuchte hatte, mich abzusetzen, indem ich sagte, daß ich so schrecklich müde sei und auch nicht tanzen könne. Aber ich wurde überredet mitzukommen.
„Wir sind auch alle abgespannt. Die Nacht-Bar wird uns auffrischen“, wandte jemand ein.
Dann fand ich den, mir bisher nur dem Namen nach bekannten Ort auch sehr interessant und einen Besuch wert. Wir betraten eine große runde Halle mit einer halbkugelförmigen Decke, auf der hunderte kleine Glühbirnen schwach leuchten und den Eindruck eines Sternenhimmels gaben, insbesondere weil man die Höhe nicht abschätzen konnte. Darunter waren weitmaschige Netze gespannt.
Die meisten Delegierten hatten sogleich Mädchen neben sich sitzen. Ich hatte gar nicht mitbekommen, wie das abgelaufen war.
Plötzlich streckte mir eine wirkliche Schönheit die Hand entgegen: „Ich bin Irma."
„Und ich Michel“, stellte ich mich vor.
„Darf ich mich setzen?" fragte sie. Ich nickte und lächelte sie an.
Sie war ganz in Schwarz gekleidet, wie ich meine, mit hautenger Hose und noch straffer sitzendem Pullover. Über den Schultern trug sie eine weitmaschige, wahrscheinlich weiße Netzstola, denn sie fluoreszierte wie die Hemden der Männer durch die Beleuchtung mit Ultraviolett-Strahlern. An den bloßen Unterarmen trug sie silbern aussehende Ringe. Ihr Mund war rot nachgefärbt. Ihre sehr regelmäßigen Zähne fluoreszierten ebenfalls, wenn sie lachte. Ihre Haare waren genau wie meine, »wuschelig«, wie Elisabeth gesagt hätte, und voluminös.
„Ich hab' dich hier noch nie gesehen“, begann sie ein Gespräch in unserer Landessprache.
„Ich komme von der Küste“, gab ich zur Erklärung.
Maurice stellte sich vor und bestellte für alle Getränke.
Irma wirkte, im Gegensatz zu den anderen, teilweise richtig häßlichen Frauen, schüchtern. Sie schien wohl noch frisch im Gewerbe zu sein.
Die Musik hatte eingesetzt, in ohrenbetäubender Lautstärke. Man konnte sich nicht mehr unterhalten.
„Tanzt du mit mir?" schrie Irma.
Ich zeigte alle meine Ballettkünste, die ich mir bei John, einem wirklich guten und ausgebildeten Ballett-Tänzer, angeeignet hatte. Die übrigen Tänzer bildeten einen weiten Bogen um uns, so daß wir ihnen und den anderen Gästen eine »Privatvorstellung« gaben. Irma, die offensichtlich auch eine sehr gute Tänzerin war, versuchte ebenfalls, auf den Zehenspitzen zu tanzen, was ihr nicht ganz gelang. Sie fiel zweimal hin, wobei ich sie so geschickt auffing, daß es auf die Zuschauenden wie gewollt wirkte. Man begann zu applaudieren. In meinen leichten Stoffschuhen mit den dicken Kunststoffsohlen konnte ich meine Füße gut beherrschen.
Ich weiß nicht, wie lange wir getanzt hatten; denn ich war plötzlich am Ende meiner Kräfte, begann regelrecht zu torkeln und merkte, daß ich völlig durchnäßt von Schweiß war. Wir kämpften uns zum Tisch zurück, während die Kapelle mehrmals einen Tusch spielte und die Gäste applaudierten.
Ich rang nach Luft, riß mir den Schlips ab und goß ein Getränk in mich hinein, ohne darauf zu achten, ob es mein Glas war, das ich benutzte hatte, und ohne auf den Inhalt zu achten. Es war ein Gemisch aus Cola und Whisky. Danach trank ich Unmengen Bier.
Irma hielt mit beiden Händen meinen rechten Arm und legte den Kopf auf meine Schultern.
„Ich habe noch nie einen so guten Tänzer hier gesehen. Wo hast du das gelernt?" sagte sie.
„Das war ganz, ganz große Klasse“, kommentierte Maurice, „und du erzählst, daß du nicht tanzen kannst."
Ich weiß nicht, warum ich mich so verausgabt hatte. Aber man konnte sich nicht unterhalten bei dieser lauten, völlig uninteressanten Musik, und ich wollte nicht einfach nur rumsitzen, mich langweilen und nur diesen blöden Alkohol trinken.
Nachdem ich mich etwas erholt hatte, beobachtete ich, daß die meisten Gäste nur vor sich hinstarrten und dabei die Köpfe zum Rhythmus der Musik hin- und herbewegten. Das fand ich recht komisch. Ab und zu tranken sie, sicher meistens Alkohol.
„Ich bin so entsetzlich müde“, sagte ich in einer Pause der Musik. Aber sie setzte gleich wieder von neuem ein, was für mich nur unangenehmer Lärm war.
„Kommst du mit zu mir?" schrie mich Irma regelrecht an, um die Lautsprecher zu übertönen.
Ich ergriff ihre Hand und beugte mich dich an ihr Ohr: „Bitte nimm es mir nicht übel. Ich möchte nicht. Ich bin nämlich schwul. Verstehst du?"
Ich wagte das zu sagen, weil ich gehört hatte, daß man vor diesen Mädchen keine Hemmungen zu haben braucht. „Außerdem habe ich kein Geld“, ergänzte ich, „die Leute hier halten mich aus".
Sie umarmte mich und suchte mein Ohr zu erreichen: „Schade, du gefällst mir ganz besonders. Ich weiß, daß man sagt: Alle guten Tänzer sind schwul. Ich kann dich ja meinem Bruder vorstellen. Vielleicht würdest du Gefallen an ihm haben." Sie lachte herrlich unbefangen.
Wir saßen doch noch einige Zeit schweigend da, bis die Musik für eine längere Zeit verstummte.
„Ich möchte endlich auch ins Hotel. Es ist ja schon fast Mitternacht“, sagte Maurice, winkte einem Kellner und bezahlte mit einer ganzen Tasche voll Geldscheinen, wie es mir vorkam.
„Nimm den mit“, flüsterte ich Irma zu. „Der hat Geld wie Heu, wie du siehst."
„Der ist doch zu widerlich und auch schwul“, zwinkerte sie mir zu.
„Woher weißt du das?" wollte ich wissen.
Sie lachte und machte irgendwelche Bewegungen mit ihrem Körper, die ich nicht deuten konnte. Woran konnte sie das gemerkt haben, überlegte ich. Bei mir hatte sie das wohl nicht vermutet; denn sonst hätte sie sich mir wohl nicht angeboten.
Ich hätte jetzt gerne ein wenig mit ihr ganz offen geplaudert, aber das ging in dieser lauten Bar mit den vielen Besuchern wirklich nicht.
Maurice erhob sich zum Gehen, woraufhin sich auch die anderen aus unserer Gruppe erhoben und folgten. Ich schloß mich automatisch an.
Maurice drückte Irma eine wohl riesige Summe Geldes in die Hand, die sprachlos dastand.
Ich umarmte sie zum Abschied und küßte sie auf beide Wangen. „Seh ich dich bald wieder?" fragte sie, „würde mich sehr freuen." Den restlichen Teil des Satzes mußte sie wieder gegen die eingesetzte Musik anschreien.
Die Autos standen vor der Bar und fuhren uns die wenigen Schritte zu einem Hotel, von dem behauptet wird, daß es der zweiten Frau unseres Staatspräsidenten gehöre.
Die Delegierten waren damit beschäftigt, sich als Gäste mit Namen und Adresse, Pass-Nummer. und dergleichen mehr, einzutragen. Während dessen suchte ein Hotelbediensteter die Namen in einer Liste, hakte sie ab, schrieb eine Zimmer-Nummer. auf den vom Gast ausgefüllten Zettel und überreichte einen Schlüssel.
Ich stand da und wartete ab. Nahezu alle waren bereits verschwunden, als ich nach meinem Namen gefragt wurde. Er stand nicht auf der Liste. Ich hatte mich natürlich um nichts gekümmert, war der Meinung, daß alles ordnungsgemäß, auch für mich organisiert worden sei. „Was wird denn jetzt mit mir?" fragte ich einen Schweizer, der noch an der Empfangstheke stand.
Er bat um ein Zimmer für mich.
„Wir haben leider nichts mehr frei“, entgegnete der Hotelbedienstete.
„Ja, man kann den jungen Mann doch nicht auf die Straße schicken“, protestierte der Schweizer in drollig klingendem Englisch und fügte hinzu: „Vielleicht hat jemand von uns ein Doppelzimmer bekommen, wo er mit unterkommen kann."
„Wir haben nur Zweibett-Zimmer“, erklärte der Hotelangestellte.
„Dann ist das Problem ja gelöst“, bestimmte Maurice, der, wie ich gar nicht bemerkt hatte, neben mir stand und mich am Arm haltend in Richtung auf die Fahrstühle zog.
Wäre ich doch mit Irma gegangen, bereute ich. Was sollte ich bloß machen? Mir war die Situation wirklich sehr unangenehm, blieb aber keine Wahl. Auch hatte ich nicht mehr die Kraft, mich noch gegen irgend etwas aufzulehnen.
Ich trottete mit dem Rest der Gruppe mit, die aus einem Haufen von Koffern vor den Aufzügen die jeweils ihren bezeichneten. Ich hatte gar nichts bei mir, nicht einmal eine Zahnbürste. An nichts hatte ich gedacht, nicht einmal an die Möglichkeit, übernachten zu müssen.
Maurice schloß das Zimmer auf, das mich sogleich an das Zimmer erinnerte, in dem Elisabeth und ich gewohnt hatten, nachdem wir uns kennen gelernt hatten. Aber es war doch ein ganz anderes Hotel, fiel mir ein. Die Zimmer waren wohl in diesen Zigarrenkistenhotels alle gleich.
„Wo möchtest du schlafen?" wollte Maurice wissen, „hier oder am Fenster?"
„Das ist mir völlig gleich“, antwortete ich, ergänzte aber: „Vielleicht hier“, und deutete auf das Bett neben dem Badezimmer.
„Meinen Sie, ich kann jetzt noch duschen?" fragte ich. „Ich habe mich beim Tanzen so sehr verausgabt und bin sehr verschwitzt."
„Aber natürlich“, erklärte er.
Ich ging ins Bad und begann, mich auszuziehen. „Du kannst dich doch bequemer im Zimmer ausziehen und die Sachen über einen Stuhl legen“, sagte Maurice, der mir mit einer Zahnbürste in der Hand gefolgt war.
Er wirkte sehr nervös, hantierte am Wasserhahn des Waschbeckens, den er ruckartig öffnete und wieder schloß, was für mich keinen Sinn gab. Ich ging also zurück in das erfrischend, durch die Klimaanlage gekühlte Zimmer und legte meine Sachen bis auf die Unterhose ab.
Maurice war ebenfalls aus dem Badezimmer zurückgekommen und sagte: „Ich würde gerne noch eine Flasche Wein trinken. Kannst du bestellen. Mich verstehen die doch wieder nicht."
Ich wählte die auf der Wählscheibe des Telefons angegebene Nummer. des Zimmerkellners, mußte eine Diskussion über mich ergehen lassen, da zu so später Stunde die Bar gesetzlich für alkoholische Getränke geschlossen sei. Ich wurde darauf hingewiesen, daß in der Minibar im Zimmer {kleiner Kühlschrank} Getränke zu finden wären.
Maurice hantierte an seinen Koffern, die er öffnete, darin kramte und wieder schloß, ohne etwas herauszunehmen. Ich sah, daß ihm Schweißperlen auf der Stirn standen.
Rasch ging ich in das Badezimmer, duschte und urinierte unter dem fließenden Wasser in die Badewanne, was eine lustvolle Erleichterung brachte.
Als ich mit dem Duschen fertig war und das Wasser abgestellte hatte, riß Maurice den Vorhang auf, was mir wirklich äußerst peinlich war, und reichte mir ein Handtuch.
Ich zwang mich, keine Reaktion zu zeigen, und trocknete mich ab. Dabei hatte ich das Gefühl, daß mich Maurice intensiv betrachtete, was mir ziemlich unangenehm war.
„Du warst wohl auf eine Übernachtung nicht vorbereitet“, meinte er. „Du hast ja nichts bei dir, keinen Koffer, keine Tasche, also keinen Schlafanzug und so. Oder braucht ihr Afrikaner so etwas nicht, auch keine Zahnbürste? Eure Zähne bleiben wohl sowieso weiß."
„Ich bin an Reisen nicht gewöhnt“, erklärte ich. „Daher habe ich alles vergessen. Als mich Herr Direktor Bruhns heute Morgen beim Frühstück darüber informierte, daß ich mit in die Hauptstadt solle, war ich der Meinung, wir würden abends wieder zurückkehren. An eine Übernachtung habe ich wirklich nicht gedacht."
„Das ist kein Problem“, kommentierte Maurice, „ich habe mehrere Zahnbürsten im Koffer, und ihr jungen Burschen schlaft ja heute sowieso alle ohne Schlafanzug, nicht wahr?"
„Ja, hier in Afrika mit einer kurzen Hose beziehungsweise mit einer Unterhose. Nur bei meinen Verwandten in Frankreich mußte ich auch einen Schlafanzug anziehen, der dann meistens so aussah wie ein Sträflingsanzug im Kino“, witzelte ich. „Nur die gestreifte Mütze dazu und die Nummer. auf dem Rücken fehlten."
„Ich bin an Schlafanzüge gewöhnt“, lachte er. „Ohne könnte ich überhaupt nicht schlafen... Wieso sprichst du von Verwandten in Europa?"
Nach dem Abtrocknen bei geöffnetem Vorhang schlüpfte ich rasch in die Unterhose, nachdem ich aus der Wanne gestiegen war, und begann kurz über meine Herkunft zu sprechen.
„Du bist hier noch naß“, unterbrach Maurice, nahm mir das
Handtuch ab und rieb meinen Rücken.
Maurice gab mir eine Zahnbürste. Er hatte eigentlich während der ganzen Zeit, in
der ich duschte, seine Zähne gebürstet und schien nicht aufhören zu wollen. Ich
stellte mich neben ihn und begann auch mit dieser Prozedur.
Ich merkte, daß Maurice zitterte, vor allem mit seinen Händen, wenn sie keine gewollten Bewegungen zu machen hatten. Sein rechtes Hosen-Bein flatterte. Auf seiner Stirn standen dicke Schweißperlen. Er roch ganz furchtbar verschwitzt, ein widerlicher Geruch, den die Europäer haben, so wie ein Gemisch aus ganz ranziger Butter, Jauche und irgend einem Parfum. Davon kann einem wirklich übel werden.
„Ist Ihnen nicht wohl?" fragte ich. „Wollen Sie sich nicht hinlegen?"
„Ich bin vielleicht ein wenig zu sehr abgespannt“, versuchte Maurice meine Frage zu erklären, ob ihm nicht wohl sei. Er fügte hinzu: „Das gibt sich wieder."
Ich kroch in das Bett, dessen Decke wie in allen Hotels, die ich bisher kennen gelernt hatte, ganz fest unter die Matratze gesteckt war und erst locker gezerrt werden mußte.
Ich hörte Maurice duschen. Er rief: „Kannst du mir den Schlafanzug, der auf meinem Bett liegt, reichen?"
Ich sprang aus dem Bett, erkannte, daß sein Schlafanzug auch die Sträflingsmusterung hatte: Gelber Grundton mit blauen Streifen.
Warum sind Schlafanzüge so? Es ist wohl eine Strafe ins Bett zu müssen? Ich erinnere mich, daß Tante Gisèle oft zu mir sagte, wenn sie meinte, sie müsse mich wegen einer sogenannten Untat strafen: „Zur Strafe gehst du jetzt ins Bett." Dann mußte ich die Sträflingskleidung anziehen und wurde eingeschlossen. Irgendwie komme ich aber nicht dahinter, was das alles soll, warum man zur Strafe ins Bett muß. Darüber habe auch noch nie nachgedacht. Ich liege nämlich schrecklich gerne im Bett.
Ich ergriff also diesen »Sträflings-Anzug« von Maurice, eilte in das Bad, riß den Vorhang mit „Entschuldigung" auf, hinter dem Maurice die Dusche abgestellt hatte, um ihm auch ein Handtuch zu geben, aber insbesondere, um mich dafür zu rächen, daß er es bei mir genau so gemacht hatte.
Er zuckte sichtlich zusammen und drehte sich rasch um. Aber auch ich war schockiert. Noch nie hatte ich einen häßlicheren Menschen gesehen, dessen Arme und Beine knochendünn waren mit irgendwelchen Haut- oder Muskelfetzen daran hängend. Auf der Brust wuchsen ungeordnet lange, graue Haarbüschel. Der Bauch war unbeschreiblich. Er hing wie ein halbgefüllter, loser, weiter Sack herunter. Genitalien hatte ich keine sehen können, sondern nur wirre lange graue und dunkle Haare. Auf dem Rücken hingen auch schlaffe Haut und Muskelplacken. Die Haut war gräulich braun, mit kleingesprenkelten, aber auch mit größeren Flecken und Warzen.
Nachdem ich mich von einem regelrechten kurzen Schock erholt hatte, sagte ich: „Entschuldigung, ich wußte nicht, daß es Ihnen unangenehm ist. Man kann den Anzug hier nirgends hinhängen. Soll ich ihn halten, bis Sie fertig sind?"
„Nein, nein“, stammelte er, „hängen Sie ihn an den Handtuchhalter, bitte."
Ich ging aber nicht weg, sondern hielt ihm jetzt das Handtuch hin, das er rasch ergriff, als könne er seinen Körper damit verdecken. Ich kroch wieder in mein Bett.
Ein solcher Körper ist ja wirklich unvorstellbar, ging mir durch den Kopf, und ich fühlte ungeheures Mitleid mit dem alten Mann. Konnte jemand ihn lieben? Das wäre doch völlig ausgeschlossen, eine richtige Perversion. Was war nur mit diesem Körper los? Ganz so alt kann Maurice doch noch nicht sein, höchstens zwischen fünfzig und fünfundsechzig, überlegte ich.
Er kam ins Zimmer, schielte mit einem ganz eigenartigen Blick nach mir, zerrte an seiner Bettdecke, wobei er beinahe die von mir bereits geöffnete kleine Weinflasche umgekippt hätte.
Ich sprang aus dem Bett: „Darf ich Ihnen helfen?"
Ich löste sein Bettlaken aus der Umspannung der Matratze.
„Möchten Sie den Wein im Bett trinken?" schlug ich vor. Er nickte und kroch wie ein uralter Mann unter die Bettdecke.
„Du bist sehr nett“, kommentierte er mit zittriger Stimme. Jetzt sagte er wieder „Du". Mir machte das nichts aus.
Er wirkte auf mich wie eine völlig hilflose, bedauernswerte Kreatur. Ich hatte plötzlich solches Mitleid mit ihm, daß ich mir überlegte, auf welche Weise ich besonders nett zu ihm sein könne.
Ich goß den Wein in die beiden Gläser, die auf der Minibar standen, obwohl mich der Gedanke an weiteren Alkohol anwiderte, setzte mich an sein Bett und reichte ihm ein Glas. Er ergriff es, zitterte so heftig, daß er es selbst mit beiden Händen kaum halten konnte. Ich war bekümmert.
„Ist Ihnen nicht gut?" wollte ich erneut wissen. „Irgendetwas stimmt doch nicht mit Ihnen?" fügte ich hinzu, als er nicht antwortete. „Haben Sie sich heute doch überanstrengt? Brauchen Sie einen Arzt?"
„Nein, nein“, rief er. „Ich weiß auch nicht, was mit mir ist."
Ich sah, daß er Wein verschlabberte, und nahm ihm das Glas behutsam ab, faßte hinter seinen Kopf und gab ihm zu trinken wie einem Schwerkranken. Er versuchte, mich anzulächeln: „Du bist wirklich ein so lieber Kerl. Danke."
„Bitte sagen Sie mir doch, was Sie haben“, bettelte ich. „Ich bin so beunruhigt."
„Ach, das kann ich dir auch nicht erklären“, wehrte er ab. „Ich hab' so meine Probleme."
„Sind sie physischer oder psychischer Art?" bedrängte ich ihn. Er zuckte nur mit den Schultern.
Ich wollte endlich wissen, was ihm fehlte, was ihn vielleicht bedrückte. Es mußte doch irgendeinen Grund geben.
„Bitte, bitte, sagen Sie mir endlich“, forderte ich, „was los ist. Ich kann sonst nicht schlafen, und mit mir können Sie über alles reden."
Er schwieg und starrte mich seltsam an.
„Hängt Ihr Problem eventuell mit mir zusammen?" fragte ich jetzt.
Er zuckte wieder mit den Schultern und flüsterte: „Du bist wie ein Engel, so nett und schön." Jetzt ahnte ich, daß er wohl durch meine direkte Gegenwart irritiert sein könne.
„Soll ich in mein Bett gehen?" schlug ich vor und gab zur Erklärung: „Vielleicht ist meine direkte Gegenwart, ich meine, meine so direkte Nähe nicht gut für Sie... äh, ich meine, vielleicht störe ich Sie".
Er schüttelte den Kopf und versuchte meine Hand zu ergreifen.
„Bitte, glauben Sie mir“, bedrängte ich ihn wieder, „Sie können mit mir über alles reden. Bitte, sagen Sie doch etwas!"
Er öffnete den Mund, als wolle er etwas sagen, schwieg dann aber doch eine Weile, um dann zu stammeln: „Nein, nein, ich kann und darf dir das nicht erklären, nein, um Gottes Willen, niemals."
„Sie finden mich also nett“, versuchte ich ihm zu helfen.
Er starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an, mit Augen, die jetzt eine Ausdruckskraft hatten, die ich vorher nie bemerkt hatte. Sein Gesicht war verzerrt. Er nickte leicht, als wolle er endlich meine als Aussage gesprochene Frage beantworten.
„Warum reden Sie nicht“, begann ich wieder. „So können wir doch nicht, ich meine, es ist schon ..., ich meine, ich bin beunruhigt, das heißt ..."
Ich fing richtig an zu stottern und nervös zu werden. Dann faßte ich allen Mut zusammen und fragte geradezu: „Sie hätten mich wohl gerne geliebt? Sie wissen, was ich meine."
Er starrte mich fassungslos an, öffnete ein paar Mal den Mund, konnte wohl nichts sagen, da ihm die Worte irgendwo stecken blieben. Plötzlich nickte er ganz leicht. Ich lächelte ihn breit und irgendwie belustigt, aber auch erleichtert an. Er tat mir ja so schrecklich leid.
Plötzlich packte er mich und preßte mich an sich, so fest er konnte. Das war so überraschend gekommen, daß ich überhaupt nicht reagieren konnte. Er preßte mich immer fester. Ich hatte noch sein Glas in der Hand, das ich versuchte, mit ausgestrecktem Arm zu balancieren. Es gelang mir irgendwie, mich durch eine geschickte Bewegung frei zu bekommen, zeigte auf das Glas, lächelte ihn an und stellte das Glas auf den Nachttisch. Er versuchte, sich aus der Rückenlage zu drehen. Ich sah, daß er weinte, hinderte ihn, sich umzudrehen, indem ich meine beiden Hände auf seine Schultergelenke preßte. Er wollte sich wehren, weinte heftiger und heftiger.
Ich kraulte seinen Kopf, was mir nicht einmal allzu schwer fiel, und sagte: „Jetzt ist es endlich heraus“, goß ihm Wein nach und forderte ihn auf: „Hier trink!" bewußt in der vertraulichen Du-Form. „Keine Angst, Morgen werde ich wieder Sie sagen. Es soll keine Verlegenheit aufkommen. Einverstanden?" meinte ich, ihn beruhigen zu müssen.
„Ich hatte mich so danach gesehnt“, begann er mit zögernder Stimme, „dich berühren zu dürfen. Du bist so schön, so wunderschön. Aber wie hätte ich das wagen können ...?" Er unterbrach sich. Ich schüttelte den Kopf, als könne ich ihn verstehen.
„Wie kommt es, daß du so verständnisvoll bist?" sagte er, wohl ohne eine Antwort zu erwarten, und fuhr fort: „Du...“, er leerte jetzt sein Glas in einem Zuge. „Du hast mich im Badezimmer, ich meine, nach dem Duschen gesehen..."
Er machte eine Pause, ehe er weitersprach: „Mir war das so schrecklich unangenehm, weißt du? Wie hätte ich mir einbilden können, daß, wenn, ich meine, wenn ich, eine häßlich Kröte und du ein wunderschöner Paradisvogel..."
Er hörte auf zu sprechen. Nach einer Weile sagte ich: „Maurice, auch ich werde einmal alt..." Ich überlegte: „und verwelken. Die Wünsche und, wie man sagt, die Gelüste bleiben aber wohl bestehen, so lange man lebt, habe ich irgendwo gelesen. Komme ich nicht auch einmal in eine solche Lage, wie du sie empfinden magst?"
Er begann sehr heftig zu zittern, starrte mich mit offenem Mund an, begann wieder zu weinen und schluchzte: „Was bist du bloß für ein netter Junge. Bist du nicht wirklich ein Engel?"
Jetzt schien er sich plötzlich gefangen zu haben, zitterte und weinte nicht mehr, lächelte mich an. Sein Gesicht begann zu strahlen.
Ich dachte an Elisabeth und Pater Kurt, die mir beide eingegeben hatten, immer offen und ehrlich zu sein. Hatte sich dieses Rezept nicht auch hier ausgezahlt?
Ich überlegte aber, daß ich wohl jetzt sehr vorsichtig sein müsse, um bei Maurice keine enttäuschenden Hoffnungen zu erwecken. Ich wäre niemals in der Lage gewesen, mit ihm eine körperliche Beziehung zu haben. Aber er löste den Knoten selbst, in den ich fürchtete, mich jetzt verstrickt haben zu können, indem er sagte: „Ich bin über sechzig Jahre alt, habe mein ganzes Leben der Anhäufung weltlicher Güter gewidmet und dabei meinen Körper und meine Gelüste, wie du eben gesagt hast, verkümmern lassen. Ich bin impotent, wenn du weißt, was das ist." Ich nickte.
Er fuhr fort: „Du hast mich mehrmals aufgefordert zu reden. Also gut. Ich war verheiratet, wurde aber nur von jungen Männern körperlich angezogen. Deswegen war ich mehrere Jahre im Gefängnis. Meine Frau hat sich daraufhin sogleich scheiden lassen. Ich verlor alles und mußte ganz von vorne anfangen. Ich habe alle meine Energie aufgewandt, reich zu werden. Ich wollte nur noch sehr reich und mächtig werden. Das ist mir gelungen. Ja, jetzt bin ich reich, zumindest vermögend, wenn du den Unterschied kennst. Ich habe einen Sohn und eine Tochter, die sich nur auf mein Ableben freuen, um mich zu beerben. Wir haben wegen meiner sogenannten Verfehlung überhaupt keinen Kontakt. Ich habe eigentlich nie richtig gelebt, zumindest nicht das Leben, das ich gerne gehabt hätte, meinen eigentlichen Wünschen und, ich sage wieder, Gelüsten nachkommen zu können. Verstehst du mich?" Ich nickte und lächelte ihn freundlich an.
Er erzählte weiter: „Ich habe mir Jungen gekauft, viel bezahlt. Aber es war scheußlich, nie befriedigend. Jetzt bin ich völlig ausgebrannt." Er schwieg und wiederholte: „Ausgebrannt."
Ich trank mein Glas aus und goß uns beiden neuen Wein nach. Ich versuchte, etwas Vernünftiges zu sagen: „Es freut mich, daß du so offen zu mir bist. Ich muß dir ehrlich sagen, weil ich meine, daß Offenheit, ich meine, ohne Offenheit ist eine zwischenmenschliche Beziehung wie ein..." Ich überlegte einen Vergleich: „Wie eine Verkehrslinie ohne Fahrplan. Man weiß nicht, wo es lang geht, wo man steht. Es ist schwer zu sagen, was ich meine. Jedenfalls hatte ich gestern schon das Gefühl, daß du an mir interessiert wärest. Das Mädchen in der Nachtbar heute Abend sagte mir auch, daß du bestimmt schwul seist. Der Himmel weiß, wie sie darauf gekommen ist. Ich hatte jedenfalls Angst, mit dir das Zimmer zu teilen, obwohl ich mir aus dem anderen Geschlecht auch überhaupt nichts mache. Ich hatte also Angst, bei dir zu sein, wie das durch Zufall mehr oder weniger jetzt der Fall ist. Dann spürte ich aber großes Mitleid mit dir. Kränke ich dich?"
Er schüttelte den Kopf. Ich fuhr fort: „Als ich dich unter der Dusche sah, erschrak ich. Das sage ich ganz ehrlich. Tu ich dir jetzt weh?"
„Ein bißchen", gab er zu. „Aber bitte sprich weiter!"
„Du bist ein ganz armes Schwein“, sagte ich, „trotz deines Geldes, fürchte ich, meine ich..."
Jetzt war mir meine sogenannte Offenheit doch selbst peinlich und ich begann, den Faden zu verlieren und zu stammeln: „Du hast dir dein Leben, nein, ich meine, die gesellschaftlichen Zwänge haben dir dein Leben kaputt gemacht. Du sagst, du warst sogar im Gefängnis? Macht es dir etwas aus, darüber zu sprechen. Vielleicht hilft es dir und ich verstehe dich besser."
Er nickte, lächelte mich an, begann meinen Arm zu streicheln, und sagte: „Du bist ja ganz kalt!"
Ich kroch zu ihm einfach unter die Bettdecke, da ich wirklich leicht fror wegen der, von Klimaanlage gekühlten Luft, aber es nicht wagte, in mein eigenes Bett zu gehen, was ihn sicher gekränkt oder zumindest enttäuscht hätte. Er preßte mich wieder an sich und sagte: „Ich werde dir alles, was ich habe, vermachen."
Ich sprang, wie von einem elektrischen Schlag geschockt, aus dem Bett und schrie ihn an: „Ich bin nicht kaufbar!"
Ich lief wütend im Zimmer auf und ab und regte mich auf: „Wer hat dieses verdammte Geld erfunden? Ich höre immer nur..."
Alle Leute agieren nur nach dem Grundsatz von Leistung gegen Gegenleistung. Man tut nichts, um einfach gefällig zu sein, um jemandem einfach nur so eine Freude zu bereiten, was doch auch Befriedigung gibt. Aber durch Freundlichkeit und Gefälligkeit wird sogleich ein schlechtes Gewissen beim Empfänger der Gunst hervorgerufen, der sich überlegt, welche Gegenleistung er erbringen kann, ja, erbringen muß. Ich versuchte, mich zu beruhigen.
„Ich kann Sie ja verstehen“, erklärte ich, „daß Sie an Geld, an Leistung gegen Gegenleistung fixiert sind. Ich suchte einfach nur Freundschaft..."
Freundschaft mit Maurice? Das war nicht aufrichtig. Was suchte ich eigentlich? Warum hatte ich mich so »nett«, wie er es genannt hatte, benommen? Ich weiß es bis heute nicht. Jedenfalls Freundschaft suchte ich bestimmt nicht. Meine Beweggründe passen nicht in die übliche gesellschaftliche Norm. Ich mag alle Lebewesen und leide mit, wenn sie leiden. Liegt das an meinem feigen Charakter? Der mich dazu bewegt, unangenehmen Dingen aus dem Wege zu gehen, wonach ich gerne frohgestimmte, einigermaßen glückliche Wesen um mich haben will, die mich dann auch nicht mit Anforderungen belästigen, die mir peinlich sind. Ich weiß nie, wie ich mich einem Bettler gegenüber verhalten soll. Es ist mir äußerst peinlich, ihm nichts zu geben, insbesondere wenn er mich direkt dazu auffordert. Ich kann meine Beweggründe nicht analysieren.
Dieser Maurice kauerte in seinem Bett. Jetzt tat er mir wieder leid, so daß ich ihn anlächelte, worauf hin er fragte: „Macht es dir etwas aus, wieder zu mir ins Bett zu kommen?" Er zwang sich offenbar richtig zu dieser Bitte.
„Wenn du mir auch nur wieder einen Cent anbietest, drehe ich durch“, warnte ich und kroch neben ihm unter die Bettdecke.
Er begann, mich ganz vorsichtig zu streicheln, fuhr mit seinen Lippen über meinen Arm und meine Schultern, drückte mich fest an sich. „Das ist der schönste Tag in meinem Leben“, schwärmte er. „Ist es dir unangenehm, wenn ich dich streichele?" wollte er wissen.
Ich lächelte ihn nur an, ließ ihn gewähren, verhielt mich aber völlig passiv. Ich hätte ihn niemals streicheln können. Zum Glück trug er seinen »Sträflingsanzug«. Eine direkte Berührung mit seinem Körper, seiner Haut wäre mir unerträglich gewesen. Ich zwang mich, meinen Arm unter seinen Kopf zu schieben. Das war alles, was ich mir zumuten konnte.
Er begann sprudelnd aus seinem Leben zu erzählen, seiner Schulzeit, der Verführung, wie er es nannte, durch einen Lehrer, was seine schönste Zeit gewesen sei.
Er sprach von seiner Familie und wie er ins Gefängnis gekommen sei, wobei er ununterbrochen mit seiner Hand, leicht zitternd und mich kaum berührend über meine Haut fuhr und mich mit seinen Lippen berührte.
Ich wurde so entsetzlich müde, konnte trotz des besten Willens
nicht mehr zuhören und schließlich nicht verhindern einzuschlafen.
Donnerstag, 3.8.78
Maurice weckte mich gegen halb acht, indem er mir die Nase zuhielt und kicherte.
Ich lag immer noch so auf meinem Rücken, so wie ich eingeschlafen war.
Mein Glied war steif, wie fast immer morgens nach dem Aufwachen. Maurice begann daran zu spielen. Ich ließ ihn gewähren. Plötzlich begann er an mir zu lutschen und befriedigte mich.
Ich war immer noch so müde, daß ich hätte weinen mögen beim Gedanken daran, aufstehen zu müssen. Alle meine Muskeln schmerzten, wohl vom exzessiven Tanzen.
Maurice hatte seinen Kopf auf meinen Bauch gelegt. „Das rumort ja da drin“, sagte er kichernd. „Ist das nicht komisch? Du hast sicher Hunger?"
„Ja“, erwiderte ich, „den habe ich immer."
Wir standen auf und waren kurz nach acht beim Frühstückstisch, als beinahe die Letzten der Delegation.
Ich benahm mich Maurice gegenüber nicht anders als den übrigen Herren gegenüber, genau so freundlich, aber auch zurückhaltend, dabei die dem Deutschen entsprechende »Sie«-Anredeform gebrauchend. Er, Maurice, war offensichtlich froh darüber. Ihm wäre es sicher peinlich gewesen, wenn jemand auch nur den leisesten Verdacht über unsere Beziehung hätte schöpfen können.
Nach dem Frühstück fuhren wir zurück in das Ministerium. Die Verträge waren bereits geschrieben, wurden noch einmal kurz diskutiert, und dann begann man mit der Unterzeichnung.
Erst jetzt wurde mir klar, daß Maurice der Leiter der schweizerischen Delegation war; denn er allein setzte seinen Namen unter die Dokumente. Dann nach der Unterzeichnung sprach er eine halbe Stunde lang von den guten Beziehungen zwischen den beiden Ländern, von der besonderen Bedeutung des Projektes, das der Erholung und dem »Auftanken« frischer Energie, wie er es nannte, von Tausenden europäischen Bürgern dienen werde. Er dankte für das freundliche Entgegenkommen, ja „für ein nahezu freundschaftliches Geschenk", das durch die kostenlose Bereitstellung von Bauland seinem Land gegeben worden sei.
(Heute ist mir klar, daß er damit völlig Recht hatte; denn Kenia selbst profitiert vom Touristik-Umsatz kaum, da die Hotels fast alle den Europäern gehören, da sämtliche Einnahmen von den Reisebüros in der Schweiz oder in anderen europäischen Ländern verbucht und die Touristen mit europäischen Fluggesellschaften transportiert werden. Der wirtschaftliche Nutzen bleibt fast ganz in Europa. Die wenigen Gehaltsausgaben für unsere Angestellten sind vernachlässigbar. Es werden sogar viele Nahrungsmittel, die zwar bei uns auch produziert werden, aus Europa importiert.)
Zum Schluß seiner Rede meinte Maurice, auf mich zeigend, man müsse auch dem Übersetzer danken, ohne dessen Hilfe und Fähigkeiten man sicher nicht so rasch zu einer so guten Übereinkunft gekommen wäre.
Ich mußte viele Hände schütteln. Man begann Champagner zu öffnen, von dem man ganze Kisten voll mitgebracht hatte.
Der Delegationsleiter unseres Landes, Kenia, in zu eng gewordenem braunen Kaunda-Anzug {so genannt, weil dieser Zuschnitt vom Staatspräsidenten Kenneth Kauda von Sambia getragen wurde}, der in einer Hand ein »Zepter« {kunstvoll geschnitzter Stock, den Dorfälteste tragen} und in der anderen eine kleine kenianische Flagge an einem goldenen Fahnenmast trug, hielt eine noch längere und aufgeblähteer Rede: „Der gestrige Tag liegt nun hinter uns und dieser heutige, neue Tag hat uns den erwünschten Erfolg gebracht. Wir haben ein großartiges Werk geschaffen zum Wohle unseres geliebten und wunderschönen Vaterlandes und zum Wohle der uns herzlichst willkommenen, überseeischen Gäste, die nach schwerer Arbeit bei uns Erholung und neue Kraft suchen und finden werden..."
Danach bemühte sich schließlich unser angeblich über zweihundertundfünfzig Kilogramm schwere und mehr als zwei Meter große Minister für Fremdenverkehr und Natur {genauer: »tourism and wild-life«, etwa »Tourismus und wilde Natur«}, dem nachgesagt wird, eine ganze Ziege auf einmal verzehren zu können, gewichtige Worte in unserer Nationalsprache zu sagen: „Ein Meilenstein ist gesetzt... Unsere einmaligen Tierparks mit Büffeln, Löwen und Tigern werden in ihrer unbeschreiblichen Attraktion Tausende und abertausende Filme schwärzen. Die Wildnis wird mit Leben erfüllt werden..."
Ich zögerte bei der Übersetzung der »Tiger«, die es in Afrika nicht gibt, und ließ diese Tiere dann einfach unerwähnt.
Es war schon am Nachmittag, als wir endlich alle zum gemeinsamen »Abschiedsessen« aufbrachen.
Die Presse war eingeladen worden, und es wurden noch einmal viele, nichtssagende Reden gehalten.
Einmal schoß ich bei der Übersetzung über das Ziel hinaus, wie man sagt. Ich hatte eine Floskel in die Übersetzung gebracht, die ich zwar bereits am Morgen gehört hatte, der Redner aber tatsächlich erst hinterher gebrauchte. Ein deutscher Journalist hinter mir flüsterte mir in mein Ohr: „Sie sind trotz Ihres jugendlichen Alters wohl schon sehr routiniert, daß Sie bereits im Voraus wissen, welches Blabla wann drankommen wird."
Ich drehte mich um und lächelte ein hageres, aber wunderschönes, sympathisches, männliches Gesicht an.
Am Abend flogen wir endlich zurück an die Küste. Wieder hatte man, wie aus der Aufregung am Flughafen zu erkennen war, einige Passagiere einfach zu unseren Gunsten von der Buchungsliste gestrichen.
Für den nächsten Tag war eine Besichtigung des Ortes geplant, wo das »Rekreationszentrum«, wie es in einer Rede genannt worden war, gebaut werden sollte.
Mich hatten die drei Tage sehr mitgenommen. Es fiel mir sehr schwer, noch am Abendessen teilzunehmen. Danach sank ich, völlig erschöpft, ohne zu duschen, in mein schlichtes Bett aus Drahtgestell. Ich war wieder zurück in der Steinzeit.
Mussa erzählte sehr stolz, daß der Direktor ihn zum
Chefelektriker ernannt und ich ihm zu helfen habe, ihm also unterstellt sei.
Mich kümmerte das überhaupt nicht. Ich war nur müde und wollte schlafen.
Samstag, 5.8.1978
Die Doktor Schönfelds sind heute morgen abgereist. Sie haben meinen Brief an Elisabeth mitgenommen und versprochen, ihn zuzustellen.
Frau Schönfeld hat neulich viele Bilder von mir gemacht. Ich mußte richtig posieren: Kleidung wechseln, in Badehose, mit kurzer Hose, mit langer Hose, mit buntem Hemd, unter Palmen, im Sand, halb im Wasser, liegend, sitzend, lächelnd, ernst. Für jedes Bild brauchte sie fast eine halbe Stunde: „Ein bißchen nach rechts..., Kopf höher, noch ein bißchen..., rechtes Bein ein wenig weiter anwinkeln..., ja, so ist es schön..., herrlich, wie die Muskeln hervortreten..., wunderschön..., Hemd ein wenig weiter öffnen..., nicht zu sehr lächeln..." Ich bin fast wahnsinnig geworden.
„Huh, das ist sexy! So bleiben!" kreischte sie manchmal. Ich hatte also ein Vielfaches an Zeit opfern müssen als das Ehepaar für die Behandlung von Mussa.
„Deine Elisabeth wird von allen Bildern eine Kopie bekommen. Dann kommt sie sofort wieder hierher. Meinst du nicht auch?" rief sie.
Schönfelds waren eine Woche an der Küste gewesen. Mein Brief an Elisabeth würde also sehr spät bei ihr eintreffen. Sie hatte noch eine Karte (außer dem Brief) geschickt, in der sie sich beschwerte, weil sie nichts von mir gehört habe. Aber auch diese Karte war ohne Absender gewesen. Wie hätte ich antworten können?
(Als sie abgereist war, hatte ich geglaubt, ihre Adresse in den Anmeldungskarten des Hotels zu finden. Sie war aber mit einer Touristengruppe gekommen, die das nicht braucht.)
In letzter Zeit hatte ich viel Korrespondenz zu erledigen, wurde zu Führungen von Touristengruppen mitgenommen, bekam überall Geschenke. Mir ging es ganz gut. Ich besaß inzwischen sogar ein recht schönes Kofferradio mit Kassettenspieler, das eine Touristin für mich zurückgelassen, mir regelrecht aufgezwungen hatte.
{Nach den so gut verlaufenen Vertragsverhandlungen hatte der Hoteldirektor Michel vorgeschlagen, allgemein als Übersetzer und Fremdsprachenkorrespondent zu arbeiten.}
Monsieur Bruhns lud mich fast jeden Tag mindestens einmal zum Essen ein. Wir verstehen uns sehr gut, obwohl wir in vielen Dingen völlig gegensätzlicher Meinung sind. Er verträgt es aber, wenn ich ihm, manchmal sogar sehr leidenschaftlich widerspreche. Allerdings ärgert es mich, daß er in unseren Diskussion immer seine altersbedingten Lebenserfahrungen durchblicken läßt und mir das Gefühl gibt, als „sei ich noch nicht trocken hinter den Ohren", wie er einmal sagte.
Heute Morgen beim Frühstück sagte er mir, daß er seinen Sohn erwarte, den er während seiner Semesterferien eingeladen habe. Er sprach zum ersten Mal von seiner Familie, davon, daß seine Frau vor neun Jahren mit einem Auto tödlich verunglückt sei. Das habe ihn ganz aus den Geleisen geworfen, und er wäre froh gewesen, als man ihm diese Stelle (hier in Mombasa) angeboten habe. Er sei regelrecht aus der Vergangenheit geflohen. Jetzt sei er mit fünfundvierzig Prozent am Hotel beteiligt. Sein Hotel in der Schweiz werde von seinem »erstgeborenen« Sohn geführt.
Ich wollte etwas mehr über den eingeladenen Sohn erfahren. Aber er schien nicht besonders an ihm interessiert zu sein; denn er beantwortete meine Fragen nur kurz und knapp, daß Franz, so heiße er, vierundzwanzig alt sei, so wie ich, Philosophie und Kunstgeschichte studiere, „brotloses Zeug".
„Wann kommt denn Ihr Sohn“, interessierte ich mich.
„Er müßte eigentlich schon da sein. Aber wahrscheinlich hat das Flugzeug wieder mal Verspätung“, antwortete Direktor Bruhns auf die Uhr schauend.

„Warum haben Sie ihn denn nicht abgeholt?" erkundigte ich mich erstaunt.
„Ich habe wenig Zeit“, log er offensichtlich; denn wir hatten schon länger als eine Stunde am Frühstückstisch gesessen und geplaudert.
Er fügte mit ernsthafter Miene hinzu, daß man es fast hätte glauben können: „Das ließ sich leider nicht machen. Nun, wir werden ja auch ein paar Monate hier zusammen sein, also wirklich lange genug."
Ich machte mich an meine Arbeit, hatte mich an einen kleinen Tisch in einer Ecke der Empfangshalle gesetzt, um neugierig wie immer, wenn eine «neue Ladung« (wie der Direktor einmal gesprochen hatte) erwartet wurde, die ankommenden Gäste »begutachten« und bemustern zu können. Daher schaute ich auch heute zum Eingang, als der Bus vom Flughafen ankam. Unter den hereinströmenden Menschen mußte diesmal also auch der Sohn des Direktors sein. Es gab viele, die im, vom Direktor genannten Alter von Franz aussahen. Sie waren aber alle - wie üblich - für mich nichts sagend.
Einer von ihnen schaute mich an, ein zweites Mal, drehte sich im Weitergehen noch einmal um. Ich war mir darüber klar, daß ich mich für diesen völligen Durchschnittstypen, der da hereingekommen war, ganz bestimmt auch nicht interessieren würde. Aus Enttäuschung, daß wieder nichts »Reizvolles« mein Blut in Wallung gebracht hatte, hätte ich ihm am liebsten die Zunge herausgestreckt.
Einer von diesen nichtssagenden Touristen mußte also der Sohn des Direktors gewesen sein, stellte ich mit großer Enttäuschung fest. Eigentlich schade, wenn ich daran dachte, daß er wahrscheinlich demnächst mit bei den Mahlzeiten sitzen werde, wenn mich Monsieur Bruhns allerdings noch weiterhin einladen würde. Nun der Direktor war sicher auch nie besonders attraktiv gewesen, überlegte ich. Wer auch immer von denen, die ich gesehen hatte, der Sohn war, einen reizvollen jungen Mann, nach meinem Geschmack konnte ich nicht erwarten. Ich begab mich an meine Arbeit.
Mussa kam und sagte, daß er gerne jetzt endlich nach Hause zu seiner Familie wolle, ob ich mit dem Direktor wegen der Erlaubnis sprechen könne. Ich stünde mich gut mit ihm, könne also ein gutes Wort für ihn einlegen. Vielleicht könne ich auch während seiner Abwesenheit für ihn einspringen.
„Wie lange willst du denn nach Hause?" wollte ich wissen.
„Habe ich doch schon gesagt: Ein paar Wochen“, wiederholte Mussa ein wenig gereizt.
Ich konnte mich nicht erinnern, daß er eine Zeit genannt hatte und insistierte: „Ich muß das schon genauer wissen. Der Direktor wird mich fragen und Genaues wissen wollen."
„Sag' ihm irgend etwas, "empfahl Mussa.
„Mussa, das geht doch nicht!" sagte ich. „Ich muß wissen, wann du fahren willst und wann du beabsichtigst, wieder zu kommen."
„Sag' ihm, was du für richtig hältst“, wehrte Mussa ab und entfernte sich.
„Du Idiot, ich aber muß wenigstens wissen, wann du abreisen willst“, rief ich hinter ihm her.
„Heute!" schrie er zurück, ohne sich umzudrehen. Also dieser Mussa ist wirklich eine harte Nuß.
Ich machte mich auf den Weg zum Büro des Direktors, klopfte an und trat ein. Ihm gegenüber saß der junge Mann, der mich vorher genauer angeschaut, sich sogar nach mir umgedreht hatte, bei dem jedoch nicht die allergeringste Ähnlichkeit mit seinem Vater zu entdecken war. Also auch so ein durchschnittlicher Schwuler, ging mir durch den Kopf. Irgendwie war ich jetzt wirklich enttäuscht, hätte gerne weiterhin beim Essen mit Herrn Direktor Bruhns gestritten, würde jetzt aber sicher nicht mehr eingeladen werden, und wenn, müsse man damit rechnen, daß sich dieser Typ bestimmt störend einmische, meinte ich.
„Michel“, redete mich der Direktor an, „das ist mein Sohn Franz."
„Ich weiß“, entglitt es mir. Aber niemand nahm von meiner Bemerkung Notiz, da sicher zumindest dem Direktor klar war, daß ich aus seiner Ankündigung, sein Sohn werde kommen, diese Schlußfolgerung gezogen hatte.
Franz erhob sich, gab mir die Hand und erkundigte sich bei seinem Vater: „Wie heißt er? Was hast du vorhin gesagt?"
„Michel“, antwortete der Direktor mit starker Betonung der zweiten Silbe, des »el« im Französischen, obwohl wir sonst Deutsch sprachen. Er erklärte: „Er heißt genauer Michel de Beauchamp und arbeitet bei uns“, fuhr dann, sich an mich wendend, fort: „Was führt dich zu mir?"
„Ich entschuldige mich für die Störung, hab' da aber eine Frage. Es ist wegen Mussa“, erklärte ich. „Mussa war lange nicht bei seiner Familie. Er dringend nach Hause, da er die Zahlung der Schulgelder und so einiges andere zu regeln hat, und ich wollte Sie bitten, es ihm zu erlauben. Ich könnte ja wieder während seiner Abwesenheit für ihn einspringen."
„Du hast andere, wichtigere Dinge zu tun und das reichlich, und täglich wird es mehr. Warum mußt du mich fragen und nicht Mussa selbst?" wollte der Direktor wissen.
„Ich kann ja etwas länger arbeiten, während Mussa fort ist“, versuchte ich zu vermitteln, ohne auf die Frage des Direktors einzugehen.
„Kommt überhaupt nicht in Frage!" ereiferte er sich. „Erstens tust du schon so, als habe ich meine Zustimmung bereits gegeben. Ich kann etwas länger arbeiten, während Mussa weg ist“, sprach er mir nach. „Zweitens bin ich mit Mussa überhaupt nicht zufrieden. Wenn sich Leute beschweren, daß etwas kaputt ist, dann kümmert ihn das überhaupt nicht. Ich habe ihm doch bei der Wiedereinstellung sogar das Doppelte an Geld zugesagt. Aber er ist so faul wie eh und je. Am liebsten schmisse ich ihn hinaus, dann kann er ganz zu Hause bleiben und Kinder produzieren. Er will doch nur deshalb hin. Wie viele hat er denn jetzt schon?"
„Sieben“, log ich; denn die waren ja nur von seiner Zweit-Frau. Mit der Erst-Frau hatte er schon acht. Das hätte ich dem Direktor auf keinen Fall sagen können.
„Sieben Kinder! Bei diesem lächerlichen Einkommen“, höhnte er auch sogleich, schüttelte ärgerlich den Kopf und fuhr fort: „Wie will er die denn alle großziehen? Kannst du mir das sagen? Der kann doch mit den paar Kröten, die er verdient, kaum das Schulgeld für ein oder zwei Kinder aufbringen. Die landen doch alle auf der Straße. Kennt man denn hier noch keine Pille? Von Verantwortung will ich überhaupt nicht reden. Ich werd' verrückt, verdammt noch mal! Das ist doch unverantwortlich: Sieben Kinder und jedes Jahr, nein, alle neun Monate eins mehr, wie bei den Katzen: Im Frühjahr und im Herbst!..."
„Entschuldigen Sie bitte“, unterbrach ich ihn. „Das ist unsere Tradition!"
„Tradition, Tradition“, imitierte er mich. „Sind wir denn noch im finstersten Mittelalter, verdammt noch mal! Das ist ja noch die reinste Steinzeit hier, verdammt noch mal! Dann sollte man den Gesundheitsdienst wieder einstellen, vor allem auf dem Lande. Früher blieben die doch alle auf der Strecke. Heute wird jeder Kretin großgezogen!"
„Bitte, Herr Direktor!" rief ich ziemlich erregt. „Die Kinder können doch nichts dafür. Es sind doch kleine Menschen, die, wenn sie einmal da sind, auch ein Recht auf Leben haben. Die kann man doch nicht einfach umkommen lassen!"
„Herr Direktor“, äffte er mir weiter nach, „diese süßen kleinen Menschlein haben ein Recht auf Leben. In neun Monaten quäkt wieder eines mehr von Mussa. Die kommen doch heute auf eine ganz andere Weise um. Sie landen auf der Straße als Bettler und Nutten. Nichts wird aus ihnen. Will euch das nicht in den Kopf?" Dabei schaute er mich vorwurfsvoll an.
„Ich habe keine Kinder“, sagte ich kalt.
„Ich rede ja nicht von dir“, regte er sich weiter auf. „Wie viele Frauen hat der Mussa denn inzwischen? He? Er meint wohl, er sei auch so ein kleiner Kaiser, wie der von Zentralafrika." {Gemeint war der selbst ernannte Kaiser Bokassa I, der auch mehrere Frauen und zig Kinder hat.}
„Zwei“, gab ich kühl zur Antwort.
„Dann hat der doch mehr als sieben Kinder!" brüllte er mich an. „Das kannst du mir doch nicht weismachen. Ich bin doch nicht von gestern."
„Ist mal eine lange Tradition bei uns“, wiederholte ich, „und eine Bewußtseinsänderung geht nun mal nicht von heute auf Morgen. Auch die katholische Kirche ist doch immer noch strikte gegen jegliche Art von Empfängnisverhütung."
„Sehr gut!" bemerkte Franz.
„Halt du dich bitte daraus!" schnauzte sein Vater ihn an. „Zum Teufel mit all dem religiösen Gewäsch. Ob katholische Kirche oder sonst eine Religion, ist mir egal! In Europa jedenfalls kümmert sich heute keiner mehr um das dumme Pfaffengeschwätz!"
„Außer die armen, auch traditionsbehafteten Leute“, flocht ich ein. „Nur sind das in Europa, verhältnismäßig gesehen, nicht mehr so viele wie hier bei uns, die sich in ihrer miesen Situation an die Religionen klammern. Die sogenannten Gebildeten produzieren ja auch kaum noch Kinder bei Ihnen. Daher ist, wie ich gelesen habe, die Bevölkerungswachstumsrate sogar rückläufig, also auch gefährlich, weil die alten Leute in Europa wegen der besseren medizinischen Versorgung viel zu lange leben und die Arbeitenden in Zukunft deren Renten nicht mehr aufbringen können. Bitte, nehmen Sie es mir nicht übel, aber man kann doch die medizinische Versorgung nicht einfach abbrechen, wie Sie das eben vorgeschlagen haben, um bei uns die Sterblichkeit der Kinder wieder zu erhöhen und bei Ihnen die Alten früher los zu werden, ich meine, um das Problem der Renten zu lösen."
„Wirklich gut argumentiert“, kommentierte Franz erneut.
Sein Vater schaute ihn böse an und erwiderte: „Wir sprechen ja nicht von Europa sondern von hier, von dem Problem der Kinder bei euch."
„Nein, Vater“, protestierte Franz, „Michel hat Recht! Wir werden die Alten nicht ernähren können und hier kann man die Kinder nicht großkriegen!"
„Du sollst dich nicht immer in Dinge einmischen, die dich nichts angehen!" wies der Direktor seinen Sohn zurecht. „Bei uns ist das ja noch gar kein Problem. Aber wie will man hier mit der Kinderproduktion fertig werden? Wir sprechen von diesem Problem im Allgemeinen und von Mussa im Besonderen..."
„Die aufgeklärten Afrikaner“, unterbrach ich ihn, „verhalten sich ebenfalls ähnlich wie Europäer. Sie begnügen sich mit zwei oder höchstens drei Kindern, weil auch sie die Verantwortlichkeit für den Nachwuchs sehen. Mehr Kindern kann man nicht die notwendige Ausbildung zukommen lassen. Es geht darum, das Bewußtsein der Masse zu ändern. Das Problem läßt sich also doch nur über bessere Ausbildung lösen."
„Sicher, sicher, sicher! Aber wenn kein Geld für eine bessere Ausbildung da ist?" wandte der Direktor ein und fuhr fort: „Man hätte erst Schulen anstatt Krankenhäuser und Entbindungsstationen bauen sollen. Dann sollte man die Busse wieder abschaffen, welche die Leute, wie Mussa, zu ihren Weibern karren."
Franz und ich mußten lachen.
„Sie meinen, daß auch die Technisierung wieder eingedämmt werden sollte?" meinte ich ironisch.
„Ja, das meine ich“, trotzte Herr Bruhns. „Überall auf dem Lande gibt es die Entbindungsstationen und die Busse, die die Schwangeren in Scharen dorthin schaffen!"
„Tut mir leid, Herr Direktor“, protestierte ich. „Sie argumentieren unmenschlich. Das Leben der Frauen und der Kinder, insbesondere der Neugeborenen war immer in Gefahr. Jedes Lebewesen hat ein Recht auf Leben und Gesundheit..."
„Quatsch“, unterbrach er mich.
Ich fuhr sachlich fort: „Vielleicht sollte man den Frauen nach der Entbindung in einer Station gleich, wie heißen die Sachen? Pessare? - ich kenne mich mit den sogenannten Verhütungsmitteln nicht aus - einsetzen... Aber, ich meine, das geht auch nicht. Dann würden die Männer die Frauen verlassen. Eine unfruchtbare Frau ist bei uns völlig wertlos."
„Doch, doch, doch“, begeisterte sich der Direktor. „Du hast wirklich gute Ideen! Wenn die Frauen durch Gesetz Pessare eingesetzt bekämen und zwar alle, wenn damit alle kontrolliert unfruchtbar würden, wirklich alle, dann könnten die Männer nichts machen. Sehr gut!"
„Gar nicht gut“, korrigierte ich. "Es würde sich sofort herumsprechen, daß in den Stationen die Frauen unfruchtbar gemacht würden, und keiner würde mehr hingehen."
„Auch gut“, meinte Herr Bruhns. „Dann hätten wir wieder den alten Zustand einer gesunden Sterblichkeit."
„Ich bin wirklich nicht Ihrer Meinung“, warf ich ein. „Das ist eben unmenschlich, schrecklich. Ich sträube mich dagegen, ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll, über das Recht und den Wunsch auf Leben und Gesundheit so Reißbrett-Spiele zu betreiben. Kann man so etwas sagen?" Ich schaute Franz an. Er nickte.
„Ich meine“, ergänzte ich. „aus einer Warte, wie wenn man über Heuschreckenvernichtung spricht. Ich habe mal einen Artikel gelesen, in dem von Menschenmaterial, Arbeitspotential, ich kann mich an andere Vokabeln nicht mehr erinnern, gesprochen wurde. Lebewesen sind doch keine Konservendosen oder Cola-Flaschen, von denen man eben so und so viele für das Hotel braucht... Ach, ich weiß nicht, was ich eigentlich sagen wollte."
Ich hatte den Faden verloren und war nicht mehr in der Lage zu argumentieren.
„Ich verstehe ganz genau, was du meinst“, unterstützte mich Franz.
Ich faste wieder Mut und ergänzte: „Nachher mündet alles darin, daß man meint, die Probleme mit Krieg, ja sogar mit der Atombombe lösen zu müssen..."
„Ich fürchte“, rief der Direktor, „daß es schließlich dazu kommen wird, man keine andere Wahl mehr hat!"
„Aber Vater!" entrüstete sich Franz entsetzt. Es herrschte einige Zeit Schweigen.
„Also kommen wir zum Ausgangsthema zurück“, schlug Herr Bruhns vor. „Was sollen wir mit Mussa machen?"
„Darf ich Sie ersuchen, ihn fahren zulassen“, bat ich geschwollen.
Der Direktor äffte mir nach: „Darf ich Sie gnädigst ersuchen, ehrwürdiger Herr..." Dann sagte er lächelnd: „Macht, was ihr wollt. In Gottes Namen! Aber gib ihm kein Geld, hörst du? Ich kenne dich inzwischen."
Ich war wütend, daß mich immer jemand bevormunden wollte, und sagte verärgert: „Ich habe keine Kinder. Warum soll ich nicht dazu beitragen, daß wenigstens ein paar es schaffen, den Anschluß an die Veränderungen hier im Lande zu bekommen?!"
„Ich habe schon mal gesagt“, erwiderte der Direktor. „Mach in Gottes Namen, was du für richtig hältst!"
Ich bedankte mich und verließ das Büro. Ich hörte noch, wie Franz zu seinem Vater sagte: „Der Junge ist ja große Klasse..."
Mussa fuhr. Ich gab ihm eigenmächtig drei Wochen Urlaub.
Gegen drei am Nachmittag sah ich Franz, als ich dabei war, einige kleinere Schreibarbeiten in einem Raum zu erledigen, der etwas versteckt hinter dem Empfangspult liegt und von dem, wie üblich, die Tür offen stand. Er schaute sich um, als ob er jemanden suche, fragte meine Kollegen, die in die Richtung deuteten, wo ich saß. Er kam jetzt auf mich zu und fragte unvermittelt: „Fährst du mit mir im Boot raus? Die Flut hat vor drei Stunden eingesetzt, das wäre ideal."
„Sehr, sehr gerne“, entgegnete ich, sogar ehrlich; denn ich wäre immer schon gerne mit solch einem kleinen, windschnittigen und schnellen Sportboot mitgefahren, die am Strand zu unbezahlbaren Preisen gemietet werden konnten und elegant, gleißend weiße Gischt aufwirbelnd über das Wasser schossen, fügte aber hinzu: „Aber ich habe noch zu arbeiten, mindestens bis sechs."
„Ach Quatsch“, wehrte er ab. „Hier hält das doch nicht so genau."
Ich war verärgert. Dieses „Ach Quatsch" oder „Unsinn", wie die Engländer noch beleidigender sagen, als ob man Blödsinn sagen würde, diese Arroganz haßte ich, wagte aber nicht, den Sohn des Hotel-Direktors, von dem ich so sehr abhängig war, zurecht zu weisen. „Auch muß mir Ihr Vater das erlauben“, behauptete ich, wobei ich mir darüber nicht sicher war.
„Mein Vater?" erstaunte sich Franz. „Wieso das denn? Bist du ihm denn direkt unterstellt?" Er sah mich fragend an.
Ich nickte und sagte: „Nein, heute geht es bestimmt nicht. Morgen habe ich frei. Dann hätte ich nichts dagegen."
„Gut abgemacht“, begnügte er sich. „Ich bin eigentlich auch von dem langen Nachtflug noch sehr müde und könnte etwas Schlaf gebrauchen... Übrigens, mein Vater hat mir stundenlang von dir vorgeschwärmt, wie tüchtig du seist, was du alles kannst, von deinem Selbstmordversuch, der Liebesaffäre mit einer Elisabeth. Euer Zusammensein sei eine Woche lang Hauptgesprächsthema hier im Hotel gewesen. Solch eine Liebelei habe er noch nie erlebt. Hat er dir auch einiges über mich erzählt?"
Ich schüttelte den Kopf und ergänzte: „Nur, daß Sie studieren, brotloses Zeug..." Ich lachte „und daß Sie so alt seien wie ich."
„Warum redest du mich immer mit Sie an?" warf er mir vor. „Wir sind gleich alt. Ich studiere. Du hast ein Studium hinter dir. Kommilitonen sprechen sich eigentlich gleich mit du an. Ich wurde dir als Franz und nicht als Herr Bruhns vorgestellt und ich habe dich doch auch gleich von Anfang an geduzt."
„Das ist doch so üblich“, erklärte ich, „daß uns die Europäer immer mit du anreden. Das kenne ich nicht anders. Ich würde aber niemals wagen, daraufhin auch gleich mit du zu antworten, und Sie sind der Sohn des Direktors..."
„Ach Quatsch“, wiederholte er erneut. Er gebrauchte also ebenfalls dieses Wort Quatsch, das auch Elisabeth oft als Erwiderung benutzt hatte, wenn ich etwas gesagt hatte.
„Ich bestehe darauf", fügte Franz hinzu, „daß du auch »du« zu mir sagst. Oder ziehst du es vor, daß ich Sie zu dir sage?"
Ich gab keine Antwort, zwang mich, ihn anzulächeln, diesen aufdringlichen, unangenehmen Typen, und vertiefte mich in meine Arbeit.
„Bis später!" rief er und verschwand.
Gegen sechs, nach Arbeitsschluß, ging ich gleich an den Strand, um mir die Füße zu vertreten, vielleicht um auch ein wenig zu schwimmen. Noch war von der nach Zeitplan theoretisch jetzt einsetzenden Ebbe nichts zu merken.
„Hallo“, hörte ich Franz rufen. „Sieht man sich wieder?" Er kam lachend auf mich zu. „Bist du von der Arbeit müde? Mein Vater sagt, daß du eigentlich viel zu viel machst."
Ich lachte zurück: „Ich wollte eigentlich noch etwas schwimmen, habe aber plötzlich keine große Lust, da die Sonne bald verschwindet und es irgendwie kühl ist und ich kein Handtuch dabei habe, um mich gleich abzutrocknen."
„Zu kühl?" erstaunte sich Franz und lachte wohl über mich. „Darf ich dich nachher zum Essen einladen?"
„Was wird Ihr, ich meine, dein Vater dazu sagen?" wich ich aus.
„Mein Vater? Wieso schon wieder mein Vater?" wollte er wissen.
„Nun, weil Sie heute erst angekommen sind und er sicher gerne mit Ihnen, ich meine, mit dir speisen möchte“, gab ich zur Erklärung.
„Ach Quatsch“, entgegnete er. „Von zusammen Essen hat er nicht gesprochen, und ich kann ja wohl einladen, wen ich will. Laufen wir ein wenig über den Strand?"
Er faßte mich plötzlich an der Hand, die ich unwillkürlich wegzog, von ihm aber erneut ergriffen wurde, wobei er erläuterte: „Hier bei euch sieht man auch die Männer Händchen haltend durch die Gegend laufen. Ich finde das so schön, und ich habe das Gefühl, daß ich dich schon lange sehr gut kenne."
Ich war seltsam berührt, mit ihm, einem Europäer, den ich außerdem ja kaum kannte, so spazieren zu gehen.
(Bei uns ist das eine selbstverständliche Sitte, einen anderen Mann an der Hand zu halten, wenn man sich kennt und mag. Das hat eine uralte praktische Bedeutung: Wenn man sich hält, ist man gegen Abrutschen und Hinfallen auf unebenem und in sandigem Gelände gesicherter. »Man läuft besser auf vier Beinen«, sagen wir.)
Franz schwenkte übermütig unsere Arme, ließ mich los, wälzte sich im Sand, machte komische Luftsprünge, schlug sogar kreischend Purzelbäume, ließ sich in den Sand fallen. „Ist es nicht schön hier?!" rief er begeistert.
Er sprang auf, ergriff meine beiden Hände und schwärmte: „Und du bist das Schönste, was ich bisher gesehen habe."
Jetzt war mir endgültig klar, daß auch er, so wie die meisten Europäer, denen ich hier begegnet war, schwul und völlig übergeschnappt war. O, diese Europäer! Alle waren irgendwie gestört, bekamen so etwas wie einen Sonnenkoller. Ich weiß nicht, ob es so etwas gibt. Was könnte sonst mit ihnen los sein?
Während wir aßen, kam Direktor Bruhns mit auffällig mürrischem Gesicht zu uns, setzte sich und aß mit. „Ihr scheint euch ja schon ganz gut angefreundet zu haben“, sagte er und erklärte den Grund seiner Aussage: „Ich habe noch nie gesehen, daß ein schwarzer und ein weißer Mann sich an der Hand haltend, wie ein Liebespaar durch die Gegend laufen. Nun ja“, fügte er mit nach unten gezogenen Mundwinkeln, einem Ausdruck von Mißbilligung, hinzu.
Mir war das sehr peinlich, daß Herr Bruhns uns offensichtlich so hatte umherlaufen sehen.
„Warum haben Sie Ihrem Sohn alles über mich erzählt?" tat ich etwas vorwurfsvoll.
„Weil mein Sohn neugierig war“, erklärte er, „habe ich eben das erzählt, was man so erzählt, was du zum Beispiel hier machst. Ich hab' natürlich über deine Affäre mit Elisabeth, wirklich die schönste Romanze, die ich miterleben durfte, erzählt. Das ist ja kein Geheimnis gewesen oder? Das war eine gute Werbung fürs Hotel. Die Gäste waren begeistert, hatten Gesprächsthemen und waren weniger aggressiv, vor allem die Weiber. Die sind ja sowieso alle hinter dir her, gleich welchen Alters." »Und Geschlechts«, hätte ich am liebsten böse hinzugefügt.
Ich kam mir tatsächlich oft wie ein Jagdtier oder Beutetier, heißt es wohl, vor. Immer wieder angesprochen zu werden, manchmal sogar mit ganz eindeutigen Wünschen, nach körperlichem Gebrauch; das macht mich oft richtig wütend. Ich werde nicht vergessen, wie neulich dieser noch ganz junge Engländer, höchstens achtzehn, mit dem ich nie gesprochen hatte, auf mich zukam und frech, wirklich ernst gemeint, fragte: „Schläfst du heute Nacht mit mir?"
Wir hatten eine Weile schweigend zusammen gegessen, bis der Direktor mich fragte: „Hast du eigentlich endlich ihre Adresse herausgefunden?"
„Nein, aber die Doktor Schönfelds, wissen Sie..." wollte ich erklären.
Herr Bruhns fiel mir aber ins Wort: „Ja, ja, die hieß doch auch Elisabeth, die alte Schüssel mit der quietschenden Stimme eines alten, verrosteten Türscharniers. Die war doch ganz schön auf dich ge..." Er brach mitten im Wort ab und schüttelte sich vor Lachen.
„Wieso die Doktor Schönfelds?" wandte er sich dann an mich und fügte hinzu: „Die alte, ausgedörrte Schachtel will also auch einen Doktortitel gehabt haben? Was ist also mit den Doktoren Schönfeld?"
„Ja, die wohnen auch in Wiesbaden“, erklärte ich, „und wollen einen Brief, den ich an Elisabeth geschrieben habe...."
„Wie viele Seiten?" lachte der Direktor.
„Weiß ich nicht mehr“, antwortete ich. „Also die wollen versuchen, die Adresse aus dem Telefonbuch zu finden und den Brief abliefern."
„Da bin ich ja gespannt", sagte der Direktor, sich am Kopf kratzend. „Übrigens, ich muß gestehen, ich habe neulich die an dich gerichtete Karte zufällig, ach Quatsch, absichtlich gelesen. Warum soll ich das nicht zugeben. Offene Karten darf man ja lesen oder? Entschuldige, daß ich neugierig war. Sie war ja tatsächlich ziemlich ärgerlich auf dich, weil du nicht geschrieben hast. Das kommt davon, wenn man zu sehr verliebt ist; dann denkt man an nichts anderes mehr. Auf die Idee, daß du keine Adresse von ihr hast, ist sie wohl nie gekommen. Ich werde demnächst auch Registrierzwang für Reisegruppen einführen. Mir fällt ein, sie war bestimmt als Einzelreisende in Nairobi im Hotel eingetragen. Darauf bist du wohl auch nicht gekommen?! Ich könnte mich erkundigen. Soll ich?"
„O, ja bitte, wenn das geht", rief ich.
Herr Bruhns war in bester Laune, während Franz trübe, ich meine, sogar traurig drein schauend dasaß, wie ein völlig Unbeteiligter, nie lächelte.
Sonntag, 6.8.1978
Heute war ich recht früh aufgestanden; denn in der Hitze fühlt man sich im Bett nicht wohl, ist verschwitzt. Die Luft ist stickig, trotz geöffneter Fenster. Wie angenehm kann man doch in diesen bequemen, klimatisierten Hotelräumen schlafen, erquickend und erholt. In diesem widerlichen Stall, den die Sonne wie einen Backofen erwärmt, obwohl diese Zeit nicht einmal die heißeste ist, der sich auch in der Nacht kaum abkühlt, steht man morgens mit bleiernen Gliedern auf. Daher brauchte ich auch heute wieder eine Abkühlung im Meer. Ich schwamm im recht kühlen Meer, obwohl die Ebbe das Wasser vom Land wegholte, was hier aber wegen des sehr flachen Ufers völlig ungefährlich ist.
Um acht Uhr nahmen der Direktor, sein Sohn und ich das Frühstück ein.
„Ich möchte gleich eine Bootsfahrt machen“, sagte Franz an seinen Vater gewandt. „Kann ich eins dieser schnelleren Motorboote haben?“
„Von mir aus“, brummte der Direktor gleichgültig.
„Kommst du mit?“ fragte mich Franz, als hätten wir nicht bereits gestern darüber gesprochen. Herr Bruhns schaute hoch und mich fragend an.
„O ja, recht gerne“, schwärmte ich. „Ich wäre immer schon mal gerne mit einem solchen Boot gefahren.“
„Vorläufig könnt ihr aber nicht raus“, bemerkte der Direktor. „Es ist Ebbe und das Wasser zu flach.“
„Ich kenne mich doch aus“, kommentierte Franz, „mit den ungefährlichen tieferen Stellen.“
„Ich habe keine Lust, daß ein Boot beschädigt wird“, sagte sein Vater ärgerlich und begann mit Franz zu streiten. Franz blieb Sieger.
Ein schönes, leuchtend rot gestrichenes Boot mit dem Namen unseres Hotels wurde ins Wasser geschleppt und von einem Angestellten untersucht.
„Ich zieh' mich rasch um“, rief ich und lief in meine Bude. Ich beeilte mich sehr, da Franz gesagt hatte, er sei schon fertig zur Abfahrt.
Als ich kam, saß er bereits im Boot und frotzelte mich an: „Willst du in die Schneeberge?“
Ich hatte mir über eine trockene Badehose eine normale lange gezogen, dazu ein langärmeliges Hemd und darüber meine Handtücher gebunden. Ich war mir nicht sicher, ob der Fahrtwind über dem Wasserspiegel nicht zu kühl war, und wollte nicht noch schwärzer werden durch die intensive Sonne als ich sowieso schon war.
Wir fuhren los. Der Motor kreischte, ein widerliches Geräusch machend, beschleunigte uns aber in Sekundenschnelle auf eine erschreckende Geschwindigkeit. Franz war in der Handhabung eines solchen Bootes wohl sehr geübt; denn er fuhr elegante Kurven und Bögen. Die Gischt, die das Boot hinter sich herzog, zeigte viele Farben, die sich mit der wechselnden Sonnenrichtung in den Kurven änderten: Weiße Kämme, direkt darunter tiefes Schwarz, daneben grüne, blaue, manchmal fast violette Streifen. Von der Sonne weg zeigte das spritzende Wasser alle Regenbogenfarben. Obwohl kaum Wellen zu sehen waren, sprang das Boot bei jedem Wellenkamm hoch und klatschte wieder in das Wasser. Ich spürte harte Schläge auf mein Gesäß, die über die Wirbelsäule bis in den Kopf zu spüren waren. Ich war noch nie mit einem so schnellen Motorboot gefahren, hatte mir das eigentlich so sehr schön vorgestellt und war enttäuscht.
„Kannst du nicht langsamer fahren“, schrie ich gegen das nervende Kreischen des Motors. „Die Schläge des Bootes tun mir weh.“
Franz kümmerte sich nicht um meinen Wunsch. Er hockte verkrampft am Steuerrad, angespannt, als wären wir auf der Flucht vor etwas, müßten uns in einem Wettlauf mit der Zeit schnellstens in Sicherheit bringen.
Ich beugte mich zu ihm und wiederholte meine Bitte. Er reagierte aber nur mit einem verkrampften Grinsen.
Ich hockte mich auf die Sitzbank und nutzte meine Beine als Muskelfedern. Da ich jetzt über die Windschutzscheibe hinwegschauen mußte, merkte ich den starken Fahrtwind, der mir Tränen in die Augen trieb. Ich war wirklich sehr enttäuscht. Das war kein Vergnügen. Das war wirklich ein richtiges Martyrium {Marterqualen}.
Franz zog weite und enge Bögen, in denen ich mich ganz festhalten mußte, um nicht zur Seite weg in das Wasser geworfen zu werden, ehe das Boot sich durch den schweren Schwertkiel wegen der Fliehkraft in die Kurve legte (wie man wohl sagt).
Der Strand und das Hotel waren in kurzer Zeit weit zurückgelassen.
Ich schrie diesmal Franz regelrecht an, worauf hin er die Motorkraft so stark drosselte, daß das Boot in Sekunden abgebremst wurde und kaum noch Fahrt machte.
„Macht dir das keinen Spaß?“ erkundigte er sich und lachte.
Ich wäre am liebsten wieder am Strand gewesen. Eine Fahrt in einem solchen unbequemen, die Wirbelsäule zertrümmernden, und das Trommelfell marternden, lauten Boot war in meinen Augen ein richtig perverses Vergnügen.
„Weiter geht's! Festhalten!“ rief Franz und beschleunigte wieder.
Plötzlich zeigte er nach rechts und schrie: „Was war da im Wasser?“
Ich beugte mich zur Seite. In diesem Augenblick machte das Boot eine ruckartige Ausweichbewegung nach links und ich stürzte kopfüber ins Meer. Franz hatte in Sekunden das Boot gewendet, war neben mir und half mir aus dem Wasser. „Wie ist denn das passiert?“ fragte er und riet: „Pell dich erst einmal aus den Klamotten. Dann wringen wir sie aus und lassen sie in der Sonne trocknen.“
Ich versuchte, aus den Sachen zu kommen, die am Körper klebten. Insbesondere das nicht aufknöpfbare, hautenge Hemd, war schwer über den Oberkörper hinweg über den Kopf zu streifen.
Franz saß da, beobachtete mich und lachte. Am liebsten hätte ich es in Fetzen gerissen. „Willst du die Badehose nicht auch ausziehen?“ fragte Franz. „Das nasse Ding wird auf Dauer bestimmt unangenehm auf der Haut.“ Ich reagierte aber nicht, obwohl ich ihm eigentlich Recht geben mußte.
„Also hier sieht uns niemand“, versuchte er mich zu beruhigen
und zeigte umher. Die Hotels waren kaum noch zu sehen. Wir waren fast am Riff.
„Genierst du dich etwa vor mir? Du bist ja wie eine Jungfrau“, höhnte er.

Ich versuchte, ihm zu erklären, daß in unserer Kultur sich auch Männer niemals nackt vor einander zeigen. „Du bist ja nur ein Halbafrikaner“, lachte er.
„Warum willst du mich zwingen?“ sagte ich ärgerlich. „Du merkst doch wohl, daß es mir unangenehm ist.“
„Niemand zwingt dich natürlich“, erwiderte Franz und setzte ironisch hinzu: „Ich will dich nur ein wenig ärgern. Hast du bei deiner Elisabeth auch die Hose dauernd anbehalten?“
„Bitte laß solche Anspielungen!“ fuhr ich ihn wütend an, schlang mir das ganz große Handtuch unterhalb der Achselhöhlen um meinen Körper, das ich zum Glück vor dem Sturz in das Wasser auf die Bank zwischen uns gelegt hatte und das daher trocken geblieben war, zog die Badehose herunter und wrang sie aus.
Das Boot war inzwischen mit völlig gedrosseltem Motor ganz sanft weitergefahren, hatte uns um ein Kliff herumgetragen und schaukelte leicht auf niedrigen, sehr regelmäßig heranrollenden Wellen, ähnlich wie eine Nußschale in einem Teich, nachdem man einen Stein in ihre Nähe geworfen hatte, von dessen Einschlagstelle kleine Wellenringe ausgingen. Franz stellte den Motor ganz ab und sagte: „Ich hätte große Lust jetzt zu schwimmen. Kommst du mit ins Wasser?“
„Jetzt habe ich mir doch gerade die Badehose mit Mühe ausgezogen“, wandte ich ein.
„Ich bade ohne alles, wenn es dich nicht stört“, erklärte er. „Dann kannst du endlich auch mal einen nackten Mann sehen.“
„Mich stört es nicht“, klärte ich ihn auf, „und das kannst du halten wie du willst. Aber die Fischer können uns von da drüben sehen. Nacktsein ist in unserem Lande nicht erlaubt, wird sogar strafrechtlich verfolgt. Es gibt immer wieder unangenehme Probleme deswegen, weil sich die Touristinnen sogleich, nachdem sie angekommen sind, oben ohne an den Strand legen. Wir müssen dauern jemanden ermahnen, unsere Gesetze hier zu beachten. Neulich hat die Polizei zwei Frauen, die völlig entblößt waren, an einem etwas entlegeneren Strandteil verhaftet und zur Belustigung der Passanten durch die Straße bis in die Stadt zum Gericht geleitet. Irgendwelche anderen Touristen, die über die Straße gingen, haben den Frauen, denen dieses Spießrutenlaufen bestimmt sehr unangenehm war, irgendwelche Kleidungsstücke zugeworfen, so daß sie sich wenigstens notdürftig bedecken konnten. Das war ein richtiges Gaudium {lateinisch: Scherz, Spaß}, kann ich dir sagen, aber sicher sehr unangenehm für die Betroffenen. Die Frauen konnten sich nicht ausweisen, hatten kein Geld dabei, um eine Strafe zu bezahlen, waren einen Tag im Gefängnis, und ihre Sachen am Strand waren geklaut.“
Franz hatte mir kichernd und amüsiert zugehört. Er hatte sich
während meiner Schilderung völlig entkleidet, sprang ins Wasser und rief: „Hier
kann keine Polizei hinkommen, und deine Fischer werden ja wohl keine Fernrohre
besitzen.“
Er tauchte unter dem Boot durch zur anderen Seite, winkte mir zu, tauchte
zurück, schwamm mit eleganten Schwimmbewegungen vom Boot weg, tauchte immer
wieder und tummelte sich im Wasser. Er war offensichtlich ein sehr guter
Schwimmer.
Ich warf das Handtuch in das Boot und sprang auch über Bord. Franz war in Sekundenschnelle neben mir, zog mich am Bein, tauchte tief, kam unter mir hochgeschossen und stemmte mich aus dem Wasser. Diese Kraft hätte ich ihm nicht zugetraut. Es begann auch mir Spaß zu machen, mit ihm im Wasser zu tollen und zu balgen. Es war ein schönes, zwar ungewöhnliches, aber irgendwie befreiendes Gefühl, das Wasser - völlig ohne irgendwelche Bekleidung als künstliche Schutzschicht, irgendwie die Natur, direkt und überall am ganzen Körper zu spüren. Warum ist Nacktsein eigentlich so verpönt? Ist es nicht so herrlich natürlich?
Salz kribbelte auf der Zunge, brannte in Nase und Augen. Dennoch machte es wirklich Spaß.
Plötzlich rief Franz: „Mensch unser Boot!“
Der Wind war wohl doch stärker, als wir angenommen hatten, und das Boot war weit von uns weggetrieben worden. Franz kraulte weit ausholend hin, brauchte aber ziemlich lange, um es zu erreichen. Das hätte ich niemals geschafft. Er kletterte ins Boot, ließ den Motor an, kam zu mir gefahren und zog mich hinein. Ich war sehr erschöpft. Vor allem Franz keuchte vor Anstrengung.
„Ich fand das auch sehr schön“, begann ich. „Irgendwie war das richtig schön, weiß aber nicht genau, wie ich es beschreiben soll.“
Franz lachte mich freundlich an.
Wir trockneten uns ab, dabei bemüht, unter dem Bootsrand mit den so genannten kritischen Körperteilen zu bleiben. Franz streckte sich auf der hinteren Sitzbank aus, um sich von der Sonne bescheinen zu lassen. Da er die Augen geschlossen hatte, konnte ich ihn intensiv betrachten, ohne daß er es merkte. Er war nun wirklich nicht hübsch mit seiner schmalen, scharfen Nase, den hervorstehenden Backenknochen, mit einem Mund, der kaum Lippen zeigte, mit seinen glatten, bräunlichblond gestreiften Kopfhaaren. Die Beine waren dünn ebenso wie die Arme. Er sah ziemlich mager aus. Die fast völlig muskellose Brust war auf dem Brustbein leicht hellblond behaart. Auch er hatte die übliche Haut der Europäer mit Flecken und Sommersprossen, besonders über den Schultern. Am unteren rechten Bauchrand war eine recht große Narbe zu sehen. Sein Glied war ungewöhnlich groß, dick und fleischig. Der Männerkörper, den ich da beobachtete, reizte mich nun wirklich nicht.
Ich begann, mir den Körper von John in Erinnerung zu rufen, diese wunderschöne glatte, fast weiße, völlig fleckenlose Haut darunter die wohlgeformten Muskeln, Sehnen und das Adergeflecht. Das war wirklich ein Genuß gewesen, diesen durchtrainierten Körper von John zu betrachten. Dann blitzte Maurice vor mir auf, der mit John nur gemeinsam hatte, daß er auch Arme und Beine, einen Kopf und so weiter besaß. Er glich aber eher einer Kröte. Es ist schon komisch, was es doch für Unterschiede gibt.
Ich wollte darüber nachdenken, wieso man jemanden als schön ansieht, einen anderen nicht, ob es dafür objektive Kriterien gibt.
In diesem Augenblick öffnete Franz die Augen, richtete sich auf, betrachtete mich und bemerkte: „Scheint dir wohl jetzt auch nicht mehr so viel auszumachen, so dazusitzen.“ Er zeigte lachend auf meine Blöße.
„Eigentlich müßte ich mich ja vor dir verstecken“, sagte er, wobei an mir rauf und runter schaute, „vor dieser perfekten Schönheit, deiner makellosen Haut, dem wohlgebauten, Gesundheit und Kraft ausstrahlenden Körper.“
Wieso konnte ein Körper Gesundheit ausstrahlen? überlegte ich. Ich stellte mich provozierend ganz vor ihn und schlug dann das Handtuch um meine Hüften, ihn dabei angrinsend: „Weißt du, daß du ein ganz rotgefärbtes Fell bekommen hast und dir wahrscheinlich einen ganz ordentlichen Sonnenbrand holen wirst?“ Dann fügte ich stolz hinzu: „Da haben wir Schwarzen wenigstens euch Bleichhäuten einen Vorteil gegenüber. Die Sonne kann uns nichts anhaben.“
„Ich wünschte, ich hätte so eine Haut wie du“, schwärmte Franz. „Da ist ja wirklich nicht der allergeringste Makel dran.“
„Immaculate“, kommentierte ich auf Englisch {lupenrein}.
„Dich muß doch meine Haut abstoßen“, wollte er wissen.
„Daran kann man sich vielleicht gewöhnen“, wich ich aus, wurde dann aber ehrlich: „Ich glaube, objektiv ist eure Haut wirklich nicht schön, außer bei...“
Beinahe hätte ich bei John gesagt, wich aber auf „bei wenigen“ aus. Ich fügte noch hinzu: „Dadurch daß uns die Kolonialisten jahrhundertelang eingebläut haben, daß ihr 'was Besonderes seid, so etwas wie weiße Götter, gucken wir trotzdem immer noch zu euch auf.“
Ja, es geht sogar so weit, daß auch ich noch, schon aus der nachkolonialen Zeit kommend, meine afrikanische Rasse abstoßend finde, daß es mir unangenehm wäre, die objektiv schönere, schwarze Haut in einer engen Beziehung zu berühren. Das habe ich aber Franz nicht gesagt.
Er warf auf meine Ausführungen hin ein: „Aber doch heute nicht mehr.“ Ich zuckte die Schultern.
Er verwickelte mich in eine Diskussion über rassische und kulturelle Unterschiede. Er gab sich weltoffen, wie man es wohl nennt, formulierte präzise und war gut in der Argumentation. Manchmal hatte ich doch Schwierigkeiten mit französischen Worten. Ich war wohl mit meinem Vokabular, das noch aus meiner ersten Schulzeit in Frankreich herrührte, auf kein sehr hohes Niveau gekommen. (Ich hatte Franz gebeten, mit mir Französisch, was immer seine »Unterrichtssprache« gewesen war, zu sprechen, da ich anfinge, diese Sprache zu vernachlässigen.)
Ich versuchte, wenn es mir zu schwer wurde, mit Franz Deutsch zu reden, das er ja auch bestens beherrschte. Immerhin studiert er in Deutschland. Aber sein Akzent war für mich so ungewohnt und klang so komisch, daß ich bei diesem komplizierten Gespräch manchmal lachen und nachfragen mußte. Einige Worte verstand ich nicht auf Anhieb.
Franz diskutierte eifrig mit mir über entwicklungsgeschichtliche „Denkansätze“, wie er es nannte, in den verschiedenen Länderzonen, den nördlichen und den südlichen. Europa habe zum Beispiel wegen des wechselnden Klimas in den Jahreszeiten mit mehr als einem halben Jahr Unfruchtbarkeit, in einer Zeit, in der man nichts ernten kann, völlig andere Voraussetzungen für Lebewesen gehabt als Länder mit gemäßigtem, ausgeglichenem Klima. Daher hätten Menschen in Europa sich vom Beginn ihrer Existenz an, an Zukunftsplanung, Vorratshaltung, ja Produktionsvorausschau gewöhnen müssen, um die kalte Winterzeit, in der es praktisch keine pflanzliche Nahrung gab, zu überleben. Als Folge davon seien die Menschen zu erfinderischem Denken angeregt, ja gezwungen worden, dazu, wie beispielsweise die verschiedensten Früchte, Gemüsearten, ja sogar Eier am besten gelagert, konserviert werden konnten, um monatelang nicht zu verderben. Man habe heizbare, witterungsbeständige Häuser bauen müssen, habe Werkzeuge zur raschen Feldbestellung, zum Transport von Produkten, also sich Schlitten und Wagen ausdenken müssen.
„Not macht erfinderisch“, sei ein altes europäisches Sprichwort, hatte er in diesem Zusammenhang gemeint.
Hier in Afrika sei das alles keine Notwendigkeit gewesen. Man sei nicht einmal auf warme Kleidung, die gesponnen, gewebt, gestrickt, genäht werden mußte, angewiesen gewesen. Das ganze Jahr über wachse zumindest irgend etwas hier in Afrika, meinte er. Durch diese entwicklungsgeschichtlichen Zwänge, beziehungsweise Nichtzwänge seien die Rassen unterschiedlich im Existenzkampf gefordert worden, und es habe sich damit auch eine unterschiedliche Bewußtseinsbildung entwickelt. In Europa seien schon sehr früh einige auf den, in Anführungszeichen, klugen Gedanken gekommen, daß Reichtum, also viel Landbesitz, große feste Häuser, zum Beispiel Burgen, die Überlebenschancen erhöhten. So hätten sich Herrscher, also Fürsten, Könige, Mächtige herausgehoben.
„Das hat es früher bei euch doch nie gegeben, soviel ich weiß?“ fragte Franz rhetorisch.
Grundsätzlich, das müsse er immer wieder betonen, gäbe es keine Unterschiede der Intelligenz und im Bewußtsein, in den Gefühlen, Wünschen und Bedürfnissen bei den Rassen.
„Nur die Natur hat unterschiedliche Anforderungen an die Intelligenz gestellt“, dozierte er.
Er sprach von sogenannten Rassen-Minderheiten, die besondere Intelligenz entwickelt hätten, um unter dem Druck der Majorität überleben zu können.
„Wie die Juden“, warf ich ein.
„Ganz genau“, bestätigte Franz, „die sind doch ein klassisches Beispiel. In Israël, wo man Ihnen heute jede Menge Zucker in den Hintern bläst, in Form von Unterstützung durch ihre reichen Verwandten und Freunde in Amerika und durch die Wiedergutmachungszahlungen der Deutschen, fallen sie ab. Es gibt auf die Bevölkerungszahl umgerechnet nicht mehr herausragende Philosophen, Kunstschöpfer, Wissenschaftler als in anderen europäischen Ländern...“
„Außer gute Soldaten“, unterbrach ich ihn.
„Genau“, rief er begeistert, „paßt das nicht wieder ideal? Israël meint, es könne dem aggressiven Druck der Araber, ich persönlich meine aber, daß hier aber eher heutzutage von Verteidigungsgeilheit gesprochen werden müßte, nur dadurch widerstehen, daß sie eins zu, ich weiß nicht, eins zu mindestens fünfzig mal taktisch besser sind. Ich bin ein kriegerischer Kriegsgegner. Aber wenn der Einsatz von Militär zugelassen wird, so beherrschen die Israëlis dieses scheußliche Gebiet besser als jemals ein anderes Land vor ihnen. Sie haben