Bücher: Tagebuch eines Selbstmörders - Teil II

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Walter Rath


Tagebuch
eines
Selbstmörders
Teil II
 (Fortsetzung von Teil I

 

 

Inhalt des Ersten Teiles:

 

    Die Tagebuchaufzeichnungen beginnen am 3.12.1968, einen Tag nach dem 15. Geburtstag des unehelich geborenen Schreibers, Michel de Beauchamp, dessen Vater, ein französischer, kleinadeliger Großwildjäger Gefallen an einer sehr hübschen afrikanischen Hausangestellten mit einem Anteil arabischen Blutes gefunden hatte.

 

    Michel de Beauchamp, der die ersten sieben Schuljahre bei einer Schwester seines Vaters in Frankreich verbrachte, dann zu seiner Mutter, die für die Familie eines französischen »Landwirtschaftsexperten« in einer ärmlich ländlichen Gegend in Nordwest-Kenia arbeitete, zurückkehrte, wird von dem deutschstämmigen Jesuitenpater Dr. D. Kurt van der Angel unterrichtet und weitgehend geprägt.

 

    Nach der Hochschulreife, die Michel in einem kenianischen Internat erwarb, studierte er in Nairobi Elektrotechnik, befreundete sich dort mit dem englischen, in einem Privattheater auftretenden Ballett-Tänzer, John, mit dem er längere Zeit zusammen wohnte. Mit diesem John und einer Theatergruppe besuchte er die Türkei.

 

    Nachdem das Engagement seines Freundes John ausgelaufen war und dieser Kenia verlassen hatte, plante Michel einen Selbstmord, insbesondere weil er keine Anstellung nach erfolgreichem Studienabschluß fand. Dieser Selbsttötungsversuch wurde von einer deutschen Touristin, namens Elisabeth Herrmann, verhindert. Die Bekanntschaft mündete in eine intime Beziehung.

 

    Durch seine Freundin fand Michel in einem luxuriösen Strandhotel in Mombasa eine Beschäftigung zuerst als Hauselektriker, dann als Übersetzer und Fremdsprachen-Korrespondent.

 

    Einige Tage nach der Rückreise der Freundin nach Wiesbaden, kam der Sohn Franz des schweizerischen Hoteldirektors Bruhns zu Besuch, der in Freiburg im Breisgau Philosophie und Geschichtswissenschaften studiert. Michel verliebte sich in ihn.

 

    Der Hoteldirektor erfuhr von der Beziehung zwischen seinem Sohn und Michel, stellte letzteren der Öffentlichkeit als das »Ergebnis eines Seitensprungs« vor, um auf diese Weise das Zusammensein der beiden jungen Männer zu erleichtern. Michel nennt den Hoteldirektor gerne »Big Daddy«, was soviel wie »groß(artig)er Papa« im Deutschen heißen könnte.

 

    Vor der Ankunft von Franz hatte Michel während Vertragsverhandlungen zur Errichtung eines neuen Strandhotels den schweizerischen Bauunternehmer Maurice Maréchaux kennengelernt, der ihm ein Stipendium in Deutschland anbot. Michel gelang es auf diese Weise, mit seinem Freund Franz zusammenbleiben zu können und ein Studium der Psychologie und Biologie ebenfalls in Freiburg zu beginnen.

 

    Beide Studenten wohnen im Hause der wohlhabenden Witwe eines Fabrikanten, Barbara Rinke, und deren Haushälterin, Martha Bartsch, zu denen die beiden Untermieter ein sehr gutes Verhältnis ausbauen können.

 

    Die anfänglich kühle und reservierte Hausherrin wird durch die Unbefangenheit, Offenherzigkeit und auch durch das Verständnisvermögen »ihrer« Studenten verändert, die Michel anläßlich der Feier seines fünfundzwanzigsten Geburtstages als »(gute) Fee« bezeichnet.

 

    Es gelingt ihm, viele Freundschaften anzubahnen, u.a. mit dem Gewerkschaftsvertreter, Willi Potter, der Fließbandarbeiterin Petra, einer Studienkollegin, Gabriele genannt. Guten Kontakt hat er mit Professor Kayser, einem seiner Dozenten.

 

    Franz und Michel verbringen hin und wieder ihre Freizeit in einem Club von homoerotischen Menschen oder besuchen eine spezielle »Herrensauna«.

 

    Ihr bisheriges Zusammenleben kann als glücklich und ungetrübt bezeichnet werden.


 

Tagebuchauszüge

(Fortsetzung, zweiter Teil)

 

Teil II   „Abstieg zu den Tälern der Trübsal“

Inhaltsverzeichnis:

X Zusammenfassung: Inhalt des ersten Teils  
X Die Promotion Dienstag, 12.06.79
X Reise nach Venedig Samstag, 30.06.79
X Ende einer glücklichen Zeit? Freitag, 06.07.79
X Wir können zusammenbleiben Montag, 23.07.79
X Franz leidet unter Kopfschmerzen Mittwoch, 23.04.80
X Franz ist wieder zu Hause Montag, 28.04.80
X Bruch mit Elisabeth Sonntag, 12.10.80
X Fee hat uns verlassen Freitag, 16.01.81
X Die Testamentseröffnung Dienstag, 20.01.81
X Brief aus Casablanca Freitag, 20.02.81
X Winterurlaub Dienstag, 03.03.81
X Das Todesurteil Donnerstag, 26.03.81
X Rothenburg ob der Tauber Samstag, 18.04.81
X Die letzte Fahrt zum Krankenhaus Mittwoch, 22.04.81
X Franz lebt nicht mehr Freitag, 15.05.81  
X Grausamer Schmerz Samstag, 16,05.81
X Abschied von Big Daddy Montag, 25.05.81
X Einzug der Rosenstocks Montag, 01.06.81  
X Das Interview mit Professor Kayser Montag, 22.06.81
X Interview mit Professor Köhler Freitag, 26.06.81  
X Fahrt nach Helgoland Mittwoch, 22.07.81
X Fahrt nach Malindi Montag, 10.08.81  
X Erneuter Streit mit Johannes Samstag, 05.09.81
X Überraschung Sonntag, 06.09.81  
X Ferienreise an die Riviera Donnerstag, 10.09.81
X Streit mit Wernher Montag, 14.09.81
X Ratschläge von Professor Kayser Dienstag, 29.09.81
X Frau Rosenstock und Sohn Winfried Samstag, 24.10.81
X Was weiß Pater Kurt schon vom Leben? Samstag, 28.11•81
X Gut gemeinte Ratschläge Donnerstag, 24.12.81
X Jahreswechsel Donnerstag, 31.12.81
X Ich hatte Christine unterschätzt Dienstag, 05.01.82
X Ein Tag, so wunderschön wie heute Montag, 08.02.82
X Leichenschmaus Dienstag, 16.02.82
X Wie soll es weitergehen? Donnerstag, 18.02.82
X Unerwarteter Anruf Samstag, 20.02.82
X Rückblick auf ein interessantes Leben Sonntag, 28.03.82
X Letzte Tagebucheintragung Dienstag, 06.04.82

 

Bleistift-Zeichnungen (zum Teil II)

X Wernher Pfeiffer
X Tassa
X Frau Doktor Blumenfeld
X Professor Kayser
X Johannes Felten

X Winfried Rosenstock in der Badeanstalt
X Christine Potter
X Hartmut (Rainer Maria) Novalis

X Michel de Beauchamp-Bruhns (wenige Wochen vor seinem Freitod,
                 jedoch von Christine Potter im gleichen Stil gezeichnet)

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Anmerkung: Die in  {...}  gesetzten Worte und  Sätze sind später von  Pater Kurt van der Angel hinzugefügt worden, während (...) als Ergänzungen und Erklärungen  vom Tagebuchschreiber, Michel de Beauchamp, selbst eingesetzt wurden.


  

Die Promotion

 

Dienstag, 12.6.1979

 

    Wir waren heute Morgen schon sehr früh aufgestanden. Franz war etwas nervös und hatte nicht gut geschlafen.

 

    Big Daddy begegnete mir in der Eingangshalle in dunklem Anzug, jedoch ohne Krawatte. Aus dem nicht voll zugeknöpften Hemd quollen graue, krause Haare.

 

    „Du bist schon auf den Beinen!?“ bemerkte ich.

 

    Er kam auf mich zu, streckte die Arme aus, ergriff meinen Kopf mit seinen beiden wuchtigen Pranken und sagte: „Nun bin ich doch ziemlich stolz, daß ich bald einen Herrn Doktor als Sohn haben werde, daß er mit seiner Arbeit, für die es die höchste Auszeichnung gegeben hat, Intelligenz bewiesen und alles in der Mindestzeit geschafft hat. Irgendwie, ich weiß nicht, macht es mich doch... Nun ja... Auch dir wünsche ich viel Erfolg. Franz sagt, du hättest überhaupt keine Schwierigkeiten mit dem Lernen. Ich muß zugeben, daß ich ein bißchen aufgeregt bin, so wie bei meiner Hochzeit.“

 

    Ich erkundigte mich, warum? Er zuckte mit den Achseln und kommentierte: „Es kann ja kaum noch 'was schiefgehen. Es gibt eigentlich keinen Grund, sich aufzuregen. Aber ich bin's.“ Er lächelte mich an.

 

    Gerne hätte ich mich erkundigt, warum er bei seiner Hochzeit denn aufgeregt gewesen sei, eventuell weil keine Erfahrung mit Frauen, insbesondere mit seiner Frau hatte. Aber das konnte ich ja wohl kaum mit ihm in der Diele diskutieren. {Es wurde im ersten Teil vermerkt, daß der Hoteldirektor »jungfräulich« in die Ehe gegangen sei.}

 

    Martha lief vorbei und verschwand, einen hektisch Eindruck machend, mit einem freundlichen Guten-Morgen-Wunsch in der Küche, aus der es nach frischem Kaffee und röstenden Speisen duftete.

 

    „Kannst du verstehen, daß Maurice Maréchaux auch gekommen ist?“ erkundigte ich mich bei Big Daddy.

 

    Er antwortete: „Er mag euch beide, so wie alle Leute euch mögen, dieser Willi, die Gabriele und besonders diese Frau Rinke, eure Fee. Die ist ganz verrückt nach euch, habe ich den Eindruck.“

 

    In diesem Augenblick sah ich Fee oben auf der Brüstung. Sie kam in einem dunkelblauen, bis auf den Boden reichenden, eng anliegenden Kleid zu uns, die breite Treppe herabgeschritten wie zu einem Filmauftritt, hoch erhobenen Hauptes, ließ eine Hand über das Geländer laufen, während sie mit der anderen ihr Kleid ein wenig hochraffte.

 

    „Einen wunderschönen, guten Morgen wünsche ich den Herren“, sagte sie auf halbem Wege, lächelte, erkundigte sich, wie wir geschlafen hätten, streckte Big Daddy die Hand entgegen, die er mit einer leichten Verbeugung ergriff. Nachdem ein paar Worte der Höflichkeit ausgewechselt waren, ging sie in den Salon.

 

    Der alte Bruhns schaute hinter ihr her, wiegte den Kopf und meinte: „Die sieht verdammt vornehm aus, eine beeindruckende Erscheinung. Wenn ich daran denke, was du nach deiner Ankunft über sie geschrieben hast, über die Hexe, die Kinder brät und so...“ Er lachte.

 

    Caesar {eine Edelkatze} strich um meine Beine, streckte seine Vorderpfoten aus, gähnte, setzte sich vor mich und schaute mit großen Augen zu mir auf. Ich nahm ihn auf den Arm. Er richtete sich hoch und rieb seinen Kopf an meiner Backe. Als Big Daddy ihn anfassen wollte, schlug er nach ihm.

 

    „Hat denn die gnädige Frau immer noch nicht gemerkt, in welchem Verhältnis ihr, also Franz und du miteinander seid?“ wollte Big Daddy wissen.

 

    Ich lächelte und antwortete: „Ich glaube, sie ahnt etwas; denn vor langer Zeit hat sie uns davor gewarnt, wir sollten uns nicht zu sehr aneinander verlieren oder so ähnlich. Wir haben bisher aber nie eine richtige Gelegenheit gehabt, dieses Thema voll aufzuhellen. Irgendwie geht mir dieses blöde Versteckspiel gegen den Strich... Aber ich muß jetzt erst mal ganz dringend auf die Toilette.“

 

    Wir saßen schon eine Weile zusammen am Frühstückstisch, hatten jedoch noch nichts von Maurice gehört, was mich plötzlich sehr beunruhigte. Wenn ihm in der Nacht etwas passiert wäre, er vielleicht einen Schlaganfall bekommen hätte. Solche Gedanken gingen mir durch den Kopf.

 

    Ganz aufgeregt sagte ich: „Hat jemand etwas von Maurice... ich meine, von Herrn Maréchaux gehört?“

 

    „Schau doch mal nach ihm“, riet Big Daddy.

 

    Ich rannte in panischer Angst, absolut sicher, daß etwas ganz Schlimmes geschehen war, die breite Treppe hoch, klopfte an seine Zimmertür und stürzte hinein, ohne ein Herein abzuwarten. Er saß angezogen, mich freundlich anlächelnd, auf dem Bett und streckte mir einladend die Arme entgegen.

 

    „Mein Gott, ich hatte mir schon solche Sorgen gemacht, daß du vielleicht einen Schlaganfall bekommen hättest“, plapperte ich völlig unbedacht und außer Atem. Ich schlang meine Arme um ihn und drückte ihn fest.

 

    Nachdem ich ihn wieder losgelassen hatte, fragte ich vorwurfsvoll: „Warum kommst du denn nicht zum Frühstück? Ich hatte mir solche Sorgen gemacht.“

 

    Er strahlte mich sehr glücklich an und erklärte: „Ich hatte mich so sehr danach gesehnt, daß du zu mir kommen würdest, daß du... Geh jetzt. Ich komme sofort nach.“

 

    Er erhob sich umständlich, wie ein uralter Mann, vom Bett, wobei ich ihm half, und ich drückte ihn nochmals fest an mich, obwohl ich mich jetzt dazu zwingen mußte.

 

    „Geh jetzt“, bat er leise.

 

    Ich rannte ausgelassen die Brüstung entlang und übersprang mehrere Stufen die Treppe hinunter, stolperte, glitt aus oder blieb wahrscheinlich irgendwo an dem Läufer hängen und stürzte kopfüber auf den Parkettboden. Es wurde dunkel um mich herum und ich verlor das Bewußtsein.

 

    Als ich meine Besinnung wieder erhielt, kniete Big Daddy neben mir, betastete meinen Körper und meinte: „Ich glaube nicht, daß er sich etwas gebrochen hat, und er kommt wieder zu sich.“

 

    Ich entdeckte Franz, der dastand wie eine bekleidete, aus weißem Marmor gehauene Stein-Statue. Big Daddy schob einen Arm unter meinen Nacken und den anderen unter meine Kniekehlen, hob mich behutsam hoch und trug mich ächzend in unser Wohnschlafzimmer, wobei er stöhnte: „Wenn der nicht so verdammt schwer wäre.“

 

    Mir war so entsetzlich übel, daß ich nicht verhindern konnte, mich zu übergeben, was mir äußerst peinlich war; denn ich hatte Big Daddy bekleckert und vor allem den Teppich.

 

    „Entschuldigung... Das ist mir so peinlich... Mir ist so schlecht“, murmelte ich.

 

    „Du hast eine schwere Gehirnerschütterung“, stellte Big Daddy fest. „Hat denn schon jemand einen Arzt gerufen?“ rief er im Befehlston.

 

    Martha rannte zum Telefon und redete aufgeregt in die Sprechmuschel.

 

    „Gib mir schnell ein feuchtes Handtuch, Franz!“ herrschte Bruhns seinen Sohn an und murmelte: „Die stehen alle da, als wären sie vom Blitz getroffen, verdammt noch mal.“

 

    Er wischte mich und sich flüchtig ab und begann, mich auszuziehen, wobei er Franz aufforderte zu helfen.

 

    „Gnädige Frau, ich werde ihn ausziehen“, erklärte er Fee.

 

    Sie nickte und sagte: „Ja, natürlich.“

 

    „Ich will ihn ganz ausziehen“, fuhr Big Daddy in unwirschem Ton fort: „Ich will ihn genauestens untersuchen und wissen, ob er sich verletzt oder etwas gebrochen hat, ob man 'was an Schwellungen und Blutergüssen sieht.“

 

    Sie bestätigte, daß das wohl sehr gut wäre, mich sogleich zu untersuchen, und sie habe den Eindruck, daß er sich - Gott sei dank - offensichtlich gut auskenne. Das sei sehr beruhigend für sie.

 

    „Sie verstehen nicht!“ Bruhns wurde ziemlich laut und fügte donnernd hinzu: „Verdammt noch mal, das wird Michel aber peinlich vor Ihnen sein.“

 

    Sie lächelte verschmitzt und erklärte: „Warum denn? Ich habe ihn doch schon mal ganz in seiner schönen und vollen Natürlichkeit gesehen. Das macht ihm bestimmt nichts aus.“

 

    Big Daddy schaute erst sie und dann mich entgeistert an. Er schüttelte den Kopf und murmelte zu sich selbst: „In diesem Irrenhaus soll sich einer auskennen.“

 

    Der alte Bruhns tastete hier und dort an mir herum, wobei er jeweils die Körperstellen behutsam bedeckte, die im Augenblick nicht von Interesse für ihn waren, damit mir nicht kalt werde. Immer wieder fragte er: „Tut dir das weh?“

 

    Mein rechter Ellenbogen schmerzte, als er ihn berührte.

 

    „Er hat eine mittelschwere Gehirnerschütterung, den rechten Ellenbogen leicht verstaucht und eine kleine Platzwunde am Knie. Das ist alles überhaupt nicht schlimm“, diagnostizierte er.

 

    Er packte Decken auf mich und sagte: „Wegen der Gehirnerschütterung wird es ihm kalt sein. Kann man einen Eisbeutel machen?... Gibt es essigsaure Tonerde?... Dann brauche ich reinen Alkohol, eine Mullbinde und ein Pflaster... Die Überreichung des Doktorhutes wird er ja nun nicht mitmachen können...“

 

Das war mir im diesem Augenblick auch ganz egal.

 

    Big Daddy war schon ein bewunderungswürdiger Mann der Praxis, wußte immer gleich, was zu tun war. Ohne seine Anwesenheit läge ich sicher immer noch vor der Treppe, umringt von aufgeregten und hilflosen Leuten. Ich liebe diesen Mann mehr als überhaupt jemand einen Vater lieben kann, sagte es ihm mit stockenden Worten, weil mir das Sprechen schwer fiel.

 

    Draußen hörte man ein Ambulanzfahrzeug. Der alte Bruhns stürmte in die Eingangshalle. Ich schloß aus Wortfetzen, daß er jemandem seine Diagnose vortrug.

 

    Ein Herr mit Brille, in weißem Kittel und mit großer Tasche, gefolgt von zwei anderen Herren mit Tragbahre, kam herein.

 

    „Wie ist das denn passiert“, erkundigte er sich, während er mich untersuchte. Alle redeten durcheinander.

 

    Der Mann in weißem Kittel, der sich mir nicht vorgestellt hatte, zumindest kann ich mich nicht daran erinnern, bestätigte die Diagnose von Big Daddy.

 

    Es gab eine Diskussion über Einlieferung in ein Krankenhaus. Big Daddy wies aber an, daß ich hier im Hause bleiben und versorgt werde.

 

    Mein Arm wurde verbunden, das Knie bepinselt, bepflastert, eine Spritze seitlich in mein Hinterteil gestochen und ein Eisbeutel auf meinem Kopf befestigt. Eine Plastikschiene wurde zu einem Winkel von etwa neunzig Grad gebogen, an meinen rechten Arm gelegt, nachgebogen und schließlich Arm und Schiene zu einer unbeweglichen Einheit umwickelt. Dann verließen mich die Medizin-Männer wieder. Ich war sehr müde und erschöpft, fröstelte leicht und hatte starke Kopfschmerzen.

 

    Franz bestand darauf, den letzten kurzen Teil des Rigorosum {die mündliche Prüfung} mit der Laudatio (Lobhudelei), also die Promotionsfeier abzusagen. Sein Vater hielt das für unsinnig und übertrieben. Er werde bei mir bleiben und mir könne absolut nichts passieren, erklärte er.

 

    Ich bat, mich endlich allein zu lassen, und begründete, daß ich die vielen Menschen, das Gerede und den Lärm um mich herum nicht mehr aushalten könne. Big Daddy wies alle aus dem Zimmer. Nur Franz blieb und jammerte, daß er so geschockt sei und auf keinen Fall heute die Zeremonie überstehen könne. Er werde sich nur blamieren; denn er könne sich nicht konzentrieren.

 

    „Wir fahren jetzt!“ befahl Bruhns, der wieder zu uns gekommen war, und legte fest: „Und ich fahre auch mit. Michel braucht erst einmal absolute Ruhe und Martha kann hin und wieder nach ihm sehen, was allerdings überhaupt nicht nötig ist. Michel ist ja nun wirklich nicht sterbenskrank. Komm jetzt!“

 

    Er zog Franz aus dem Zimmer, und ich war endlich allein. Doch dann kam Maurice hereingeschlichen, begann sich zu entschuldigen, weil er sich schuldig fühle; denn, wenn er rechtzeitig zum Frühstückstisch gekommen wäre, hätte mein Unfall nicht passieren können und so weiter. Ich bat ihn, mich allein zu lassen. Mit Tränen in den Augen verließ er das Zimmer.

 

    Es klingelte dreimal, ein Zeichen dafür, daß Besucher zu uns wollten. Ich hörte Stimmen in der Diele, darunter die einer Frau, die ich nicht kannte. Sie sprach mit starkem schweizerischem Akzent und recht laut. Ich war neugierig.

 

    Franz kam nach kurzer Zeit herein und erklärte mir, daß sein Bruder mit seiner Frau gekommen sei. Er setzte sich zu mir, streichelte mich und zeigte Tränen in den Augen, als er sagte: „Ich hatte solch einen Schreck bekommen, daß dir etwas Ernsthaftes passiert sein könnte. Ich war völlig handlungsunfähig. Mein Gott, wenn dir wirklich etwas zustoßen sollte... Das könnte ich nicht überleben...“

 

    „Mußt du nicht endlich gehen?“ fragte ich und fügte ehrlich hinzu: „Und ich wäre wirklich froh, wenn ich endlich allein sein könnte.“

 

    „Ja es wird allerhöchste Zeit“, antwortete er, nachdem er auf die Uhr geschaut hatte.

 

    Ich war so glücklich, als endlich die schwere Eingangstür ins Schloß fiel und völlige Ruhe herrschte. Aber dann kam Martha herein zu mir, um sich zu erkundigen, wie es mir ginge.

 

    „Ich will endlich allein sein!“ schnauzte ich sie an.

 

    Sie machte einen Schmollmund und murmelte: „Man meint's nur gut und ward dafür sogar angebrüllt…“ und verschwand.

 

    Ja, wenn die Leute sich einmal überlegen würden, was der Unterschied ist zwischen »gut meinen« und »gut sein« oder »gutes tun« ist. Zu Letzterem gehört leider: Etwas nachdenken. Das können nicht viele.

 

    Ich schlief rasch ein, wachte wegen meiner Kopfschmerzen auf und schlief wieder ein. Ein schrecklicher Traum quälte mich: Ich war irgendwo sehr hoch, auf einem schwankenden Untergrund. Um mich herum war es dunkel, neblig trüb. Ich war absolut sicher, daß ich auf einem sehr hohen Berg oder einem Turm oder einer Brücke sein müsse und daß ein kleiner Fehltritt mich in eine unendliche Tiefe fallen lassen würde. Obwohl ich den Abgrund nicht sah, spürte ich ihn. Starker Wind kam auf. Ich fror, zitterte vor Kälte, verlor den Halt unter meinen Füßen und fiel, fiel völlig schwerelos in eine grenzenlose Tiefe. Ich schrie, hörte mich selbst schreien. Meine Schreie hallten wider wie aus entfernten Lautsprechern, erfüllten den ganzen unendlichen, dunklen Raum um mich herum. Ich schlug hart auf und wachte auf.

 

    Martha stand vor mir, die mich schüttelte: „Was ist los!“ schrie sie.

 

    Ich war schweißgebadet, ergriff ihre Hand und dankte ihr, daß sie mich aufgeweckt habe.

 

    „Ich habe so schrecklich geträumt“, erklärte ich ihr und erzählte.

 

    „So was kenne ich auch... mein Herz... mein Herz...“ japste sie theatralisch und fuhr fort: „Ich habe dich schreien hören. Das kannst du dir überhaupt nicht vorstellen, wie du geschrien hast. Ich bin gleich zu dir gelaufen. Mein Gott, was hab' ich mich erschreckt... Ich muß aber jetzt wieder in die Küche.“

 

    Sie gab mir eine Kopfschmerztablette und ging. Ich schlief wieder ein.

 

    Durch laute Stimmen, Lachen und Geschnatter in der Diele wurde ich plötzlich aufgeweckt und schaute auf die Uhr. Es war schon fast zwei Uhr am Nachmittag. Franz kam zu mir, schwenkte einen Doktorhut in der Hand.

 

    „Geht es dir besser?“ erkundigte er sich.

 

    Ich fühlte mich wirklich wieder ganz normal. Die Kopfschmerzen waren völlig verschwunden.

 

    Franz legte seinen Kopf auf meine Brust, den ich streichelte, dieses Doktorenhaupt, das ein offiziell anerkanntes Doctus-Gehirn enthielt, mit Wissen gefüllt, gelehrt.

 

    Ich hatte plötzlich ein seltsames Gefühl, etwas Befremdliches, etwas, was ich jetzt beim Schreiben nicht mehr genau nachempfinden kann. Was war an diesem Gehirn verändert, nachdem es offiziell geweiht worden war? War es mir immer noch vertraut? Ich hatte plötzlich die Idee, als läge etwas zwischen uns, dieser akademische Titel als abgrenzende Schranke, etwas nebulöses... (Ich weiß wirklich nicht mehr, was ich tatsächlich empfunden habe.)

 

    Während Franz sehr leise über das Rigorosum, die Laudatio und dergleichen sprach, was alles sehr gut verlaufen sei und über die - seiner Ansicht nach - lächerliche Zeremonie der Verleihung der Doktorwürde, klopfte es. Der alte Bruhns kam herein, gefolgt von seinem zweiten Sohn, einer durchschnittlich aussehenden Frau, die ich nicht kannte, aber wahrscheinlich nur die Schwägerin von Franz sein konnte. Auch Fee, Maurice und Willi Potter erschienen. Ich wußte gar nicht, daß auch Willi eingeladen worden war. Darüber freute ich mich sehr.

 

    Alle redeten, wollten von mir wissen, wie es mir ginge. Der Lärm stach in meinem Kopf, tat mir weh.

 

    Die unbekannte Frau kam zu mir, lachte und sagte mit breitem Berner Akzent {Bern, die Hauptstadt der Schweiz}: „Was hat denn der Michel für einen komischen Doktorhut aufgesetzt. Was bist du denn? Doktor eisig?“

 

{Anmerkung: Ihren Mann, also den Bruder von Franz hatte Michel bereits bei einem sehr kurzen Besuch des Geburtshauses kennengelernt und sehr unsympathisch gefunden. Erst auf Drängen von Franz war er zu bewegen gewesen, Michel mit Du anzureden. Dann hatte er, wissend um die homosexuellen Neigungen von Franz, bösartige Bemerkungen gemacht, ob der Freund dann als Schwager oder Schwägerin einzuordnen wäre. Die Frau des Bruders von Franz war während dieses Besuches wegen Familienangelegenheiten bei ihren Verwandten gewesen.}

 

    Sie nahm Franz den Hut ab und setzte ihn sich auf, wobei sie scherzte: „Und ich bin Doktor nichts!“

 

    Ich wunderte mich, daß sie sogleich meinen Vornamen und das vertrauliche Du anwandte. Sie hatte sich außerdem nicht einmal vorgestellt, ging offensichtlich davon aus, daß ich aus meiner Unterhaltung mit Franz bestens über sie informiert sei. Sie machte einen recht unkomplizierten Eindruck und ich fand sie sogleich sympathisch.

 

    Als ich mir wegen des ausgelassenen Lärms schützend die Ohren zuhielt, donnerte Big Daddy: „Könnt ihr nicht etwas leiser sein! Mein Junge hat immerhin eine schwere Gehirnerschütterung!“

 

    Er setzte sich auf meine Bettkante und sagte mit gedämpfter Stimme: „Das war eine sehr schöne Feier. Franz hat sehr gut gesprochen. Ich habe zwar kein Wort verstanden. Aber es war eine richtige Predigt. Wie ein Pfarrer hat er geredet... Jetzt ist ja das Studentenleben für ihn endlich vorbei. Ich bin gespannt, ob und wo dein Brüderchen eine Stelle findet. Vielleicht ist bald für euch eine Trennung...“

 

    Er brach ab, als er merkte, daß ich erschrak und mir Tränen in die Augen quollen. Daß seit dem heutigen Tag in unserer Beziehung ein Einschnitt zu befürchten sein mußte, daran hatte ich überhaupt nicht gedacht und solche Gedanken wohl ganz verdrängt. Ich mußte mich sehr beherrschen, nicht laut zu weinen.

 

    Big Daddy ordnete an, daß man mich jetzt erst einmal wieder allein zu lassen habe, insbesondere wohl, um mich aus einer etwas peinlichen Situation zu befreien. Er ist offensichtlich doch viel feinfühliger als ich gedacht hatte.

 

    Ich hörte Hermine {die Schwägerin von Franz} beim Weggehen sagen: „Der sieht ja noch hübscher aus als auf den Bildern, besonders mit dem Eisbeutel. Franz hat einen guten Geschmack...“

 

    Ich war wieder eingeschlafen, wurde durch Martha geweckt, die wissen wollte, ob ich nicht hungrig sei, und sie würde mir gerne etwas bringen wollen. Ich schüttelte den Kopf und bat, mich noch ein wenig in Ruhe zu lassen.

 

    Doch recht bald verspürte ich einen immer unbändiger werdenden Appetit, insbesondere weil ich an diesem Morgen auch kein Frühstück bekommen hatte. Ich versuchte aufzustehen. Mir wurde wieder leicht übel. Dieses Unwohlsein verschwand rasch. Doch das Knie schmerzte ein wenig. Ich zog mir meinen eleganten, hell-beigen, braun umrandeten Hausmantel an, nahm den Beutel mit dem inzwischen geschmolzenen Eis von meinem Kopf, ging zur Toilette, wusch mich kurz und begab mich in den Salon, wo sich die, das Examen Feiernden immer noch über die duftenden Speisen hermachten.

 

    „Was machst du denn hier?“ fuhr mich der alte Bruhns an.

 

    „Ich habe auch großen Hunger“, bekannte ich. Alle lachten.

 

    Big Daddy sprang auf, kam zu mir, stützte mich und befahl: „Marsch zurück ins Bett! Du mußt ganz flach liegen! Du darfst auf keinen Fall mit einer Gehirnerschütterung aufstehen und rumlaufen!“

 

    Ich weigerte mich, erklärte, daß es mir sehr gut ginge, ich mich ganz normal fühle und auch meinte, das Recht zu haben, an der Feier teilzunehmen. Big Daddy lenkte ein. Ich durfte neben ihm am Tisch sitzen.

 

    „Wenn du tatsächlich überhaupt keine Kopfschmerzen mehr hast, war das nicht so schlimm...“ kommentierte er. „Aber du mußt dich ruhig und entspannt zurückgelehnt hinsetzen.“

 

    Er holte ein Kissen von irgend einer Couch, das er zwischen Stuhl und meine Lendengegend schob, befahl, ein weiteres Kissen aus dem Schlafzimmer zu holen, das über die hohe Rückenstütze des Stuhles so gefaltet wurde, daß ich meinen Kopf anlehnen konnte. Ich fühlte mich recht bequem.

 

    Ein Teller wurde mit Suppe gefüllt. Ich versuchte mit der linken Hand zu essen, was mir nur mit großer Mühe möglich war.

 

    „Ich werde dich füttern“, bot Big Daddy an.

 

    Er sah immer alles, wußte immer Rat. In seiner Gegenwart konnte man sich absolut sicher und vollkommen geborgen fühlen.

 

    „Ein Löffelchen für den Papa. Ein Löffelchen für die Mama...“ lästerte Karl {der Bruder von Franz} bösartig. Ich bin sicher, daß er das nicht nur sagte, um die übrigen Gäste zum Lachen anzuregen.

 

    Sein Vater war offenbar meiner Meinung; denn er kommentierte: „Du bist und bleibst immer derselbe in deinen Bösartigkeit und Mißgunst...“

 

    Karl ließ sich nicht abhalten, weiter zu frotzeln: „Ich darf doch wohl noch einen Scherz mit meinem armen, kranken Brüderchen machen. Wenn er das Brüderchen von Franz ist, müßte er ja auch wohl mein kleines Brüderchen sein oder?“

 

    Das war zweifellos eine sehr bösgemeinte Anspielung auf die Bemerkung seines Vaters während des Besuches an meinem Krankenbett darüber, daß ich mich bald von meinem »Brüderchen« würde trennen müssen. Der alte Bruhns schaute ihn zornig an, schwieg jedoch. Franz saß mit hochrotem Kopf am Tisch. Fee schaute fragend von einem zum anderen.

 

    Hermine, die ja auch eine Anspielung auf die Beziehung zwischen Franz und mir gemacht hatte, nämlich Franz habe einen guten Geschmack, rief plötzlich und unvermittelt, wohl um das etwas peinliche Schweigen zu unterbrechen: „Ich muß euch einen Witz erzählen, der mir gerade einfällt. Jeder weiß, daß wir Berner sehr langsam im Denken und Handeln sind. Da kommt einer aus Zürich nach Bern, geht in eine Bar, an der einige Berner sitzen, die alle fünf Minuten mal ein Wort sagen. Der Mann aus Zürich tippt seinem Trink-Nachbarn auf die Schulter und sagt zu ihm: »Hast du gesehen; es hat gerade geblitzt.« Der Berner antwortet nicht, bestellt ein weiteres Glas Bier, trinkt es gemächlich, bestellt noch ein Bier. Plötzlich erteilt er dem Züricher eine kräftige Ohrfeige. Der entrüstetet sich: »Was ist denn mit dir los? Bist du verrückt?« Der Berner erklärt ganz ruhig: »Es hat gerade eingeschlagen«.“

 

    Alle lachten, Hermine am lautesten. Sie musterte mich, lächelte mich an und nickte mir freundlich zu.

 

    Als der alte Bruhns mir noch Pudding auf den Teller füllen wollte, wehrte ich ab: „Nein, bitte, Big Daddy, ich habe wirklich schon viel zu viel gegessen.“

 

    Hermine kicherte und erkundigte sich: „Wie hat er dich genannt? Pig Daddy?“ Sie lachte.

 

    Ihr Schwiegervater schmunzelte und sagte: „Ja, ich bin der Schweine-Papa.“

 

    Alle lachten, außer Martha, die Englisch überhaupt nicht kennt und daher keine Ahnung hatte, daß bei Veränderung des B für »big«, also für groß, gewichtig, sich die Bedeutung dieses Wortes in ein Schwein (pig) wandelt, wenn also das B zu einem P umgewandelt wird. (Später habe ich erfahren, daß auch Hermine kein Wort Englisch versteht, und diesen Scherz völlig ungewollt gemacht hatte.)

 

    Nach dem üppigen Mahl fühlte ich mich sehr erschöpft und sagte, daß ich mich nun doch gerne wieder hinlegen wolle. Franz sprang auf, um mich zu begleiten und ein wenig zu stützen. Sobald ich im Bett lag und noch ein wenig mit Franz geplaudert hatte, schlief ich ein.

 

 

 

 

Reise nach Venedig

 

Samstag, 30.6.1979

 

    Fee hatte immer den Wunsch geäußerst, noch einmal in ihrem Leben Venedig, eine ihrer Traum-Städte, besuchen zu wollen.

 

    Heute Morgen fuhren wir, bei nicht allzu sonnigem Wetter los. Ich steuerte den Mecerdes-Sportwagen bis zur schweizerischen Grenze, wobei ich den Wagen bis zur Höchstgeschwindigkeit beschleunigte, wann immer es möglich war. Beim Überholen hatte ich das Gefühl, daß alle anderen Fahrzeuge auf der Autobahn überhaupt nicht fuhren und lediglich parkten. Es versetzte mich regelrecht in einen Rausch, so schnell dahinzurasen. Fee, die mit übereinander geschlagenen Beinen neben mir saß, lächelte, wenn ich sie kurz anschaute. Sie zeigte überhaupt keine Furcht, trotz ihres hohen Alters. Franz hatte sich auf dem engen Rücksitz ein richtiges Sofa gebaut, aus Kissen und Decken.

 

    In wenigen Minuten erreichten wir bereits den Grenzübergang nach Basel, wo eine lange Schlange wartete. Als wir zur Abfertigung kamen, mußten wir aussteigen, den Kofferraum öffnen und wurden gefragt, in welchem Verhältnis die Wagenbesitzerin und wir stünden.

 

    „Geht Sie das etwas an?“ empörte sich die gnädige Frau und fügte hinzu: „Ich werde mich über diese Behandlung beschweren.“

 

    Der Beamte bestand nicht weiter auf Beantwortung seiner Frage, wollte dann aber wissen, wohin wir führen.

 

    „Nach Venedig!“ erklärte Fee. Dann sagte sie, nachdem sie, wie so oft bei ähnlichen Gelegenheiten, in eine Phython-Haut geschlüpft war: „Aber auch das geht Sie nichts an. Ich werde nie wieder schweizerischen Boden betreten...“

 

    „Das sind deutsche Beamte“, klärte ich Sie auf, „und weil mal wieder ein Attentat irgendwo passiert ist, sind die Herren in Fahndungsstimmung.“

 

    Ich war ihnen sehr suspekt. Mein Paß wurde gründlich durchblättert, in ein Büro getragen, dort vielleicht mit Röntgenstrahlen durchleuchtet, fotokopiert oder was sonst noch. Es dauerte eine ganze Weile, ehe mir der Ausweis zurückgegeben wurde.

 

    „Warum fahren Sie nicht den kürzeren Weg durch Österreich?“ wurden wir gefragt.

 

    Ich gab die Auskunft, daß ich für Österreich als Kenianer ein Visum brauche, aber nicht für die Schweiz und für Italien.

 

    „Sie sprechen sehr gut Deutsch“, bemerkte ein Beamter.

 

    Ich erwiderte ärgerlich: „Sie sind nicht der erste, der das festgestellt hat. Ist das etwa nicht erlaubt?“ Wir durften endlich weiterfahren.

 

    (Warum findet eine Begegnung mit sogenannten Ordnungshütern, die ja für die Sicherheit eines Landes verantwortlich sind, immer in einer gereizten, ja fast feindseligen Atmosphäre statt? Kommt es daher, daß man sich als potentieller Verbrecher angesehen fühlt, der seine Unschuld zu beweisen hat?)

 

    Franz dirigierte mich über die Straßen in der Schweiz, auf denen die Geschwindigkeit begrenzt ist. Unser Sportwagen hob sich nur noch durch sein elegantes Aussehen von den anderen Autos ab, konnte aber nicht zeigen, was unter der Motorhaube steckt.

 

    Wir hielten an einem See, aus dem steil ansteigende, hohe Berge, deren Gipfel wie mit Zucker oder frischem Weizenmehl bestreut waren, herauszuwachsen schienen und in dessen glatter Wasseroberfläche sie sich spiegelten. Die Landschaft sah zwar genau so aus, wie sie auf Ansichtskarten und auf Ölgemälden in Restaurants gezeigt wird. Aber es ist doch ein Unterschied, wenn man sich mitten darin befindet, die tatsächliche Großartigkeit der Gebirge ermessen, den hauchenden Wind und die wärmende, die Augen blendende Sonne fühlen, die bunten Blumen und Blüten riechen,  die singenden Vögel und die schwärmenden Insekten hören kann. Ich war überwältigt von der Schönheit dieses Landes.

 

    Nachdem Fee und Franz Kaffee aus der mitgebrachten Thermosflasche getrunken, ich meine Cola-Dose geleert und schließlich Barbara ein gewisses, dringend gesuchtes Örtchen mit Erfolg besucht hatten, fuhren wir weiter, durchquerten hin und wieder Straßentunnel, stiegen bergan und rollten dann wieder bergab. Ständig mußte ich am Lenkrad drehen in eine Rechtskurve, dann wieder links herum. Fast nach jeder Kreuzung sagte Franz: „Verdammt, hier hätten wir abbiegen müssen!“ oder „Verdammt, jetzt sind wir zu früh abgebogen.“

 

    Ich folgte einfach nur seinen Anweisungen und lehnte jede Verantwortung ab. Schließlich ist ja die Schweiz sein Heimatland.

 

    „Wo ist denn das Hotel deines Bruders?“ erkundigte sich Fee mit zirpender Stimme bei Franz. Er erklärte: „Das ist zu weit von unserem Weg ab. Das liegt fast an der österreichischen Grenze. Wir müssen aber direkt zum Brenner-Paß.“ {Alpenpaß nach Italien.}

 

    Ich gab zum Ausdruck, daß ich mich über die enge, kurvenreiche Straße wundere, die mir nicht wie eine Hauptstraße vorkäme.

 

    „Wir haben uns total verfahren“, erwiderte er verärgert und kommentierte: „Ich wollte euch etwas von der Landschaft zeigen. Daher sind wir auf Nebenstraßen gefahren und nicht direkt zum Gebirgs-Paß.“

 

    „Wir haben es doch gar nicht eilig“, beruhigte Fee, „und können ruhig ein wenig umherirren. Ist es nicht schön hier?“

 

    Zugegeben, eine so herrliche Landschaft hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen, obwohl wir ja schon öfter einen Abstecher in die Schweiz gemacht hatten. Es war nur zu schade, daß ich mich auf die Straße konzentrieren mußte und selten einen Blick zur Seite wagte. Franz schaute unentwegt auf die Straßenkarte, verfolgte unseren Weg mit dem Zeigefinger, sah also auch nichts von der reizenden Umgebung, die also nur unsere gute, alte Fee voll genießen konnte.

 

    „Können wir nicht einfach ein paar Tage hierbleiben?“ bettelte ich; denn ich fand es zu schade, dieses wunderbare Land nur einfach zu durchqueren.

 

    Fee argumentierte, daß wir bereits Hotelvorstellungen gemacht und uns daher an unseren Zeitplan zu halten hätten.

 

    Franz stimmte mir aber zu, hielt es für möglich, die Reservierungen telefonisch zu korrigieren und sagte: „Ich kenne hier in der Nähe ein sehr schönes Hotel, an dem mein Vater einmal interessiert war. Sollen wir erst mal dorthin fahren? Da können wir zumindest zu Mittag essen und uns dann überlegen, ob wir bleiben oder nicht.“

 

    Mit diesem Vorschlag erklärte sich auch Fee einverstanden.

 

    Die meistens aufsteigende Straße war recht eng geworden. Ich mußte manchmal längere Zeit hinter einem Traktor bleiben, wenn er eine breite Erntemaschine zog. An ein Überholen war nicht zu denken. Wir fuhren hin und wieder durch kleine Dörfer mit Märchen-Häusern aus Holz, an denen besonders langgestreckte, mit roten Blumen geschmückte Balkone auffielen, in eine immer schöner werdende Landschaft.

 

    Kurz nach Mittag erreichten wir einen kleinen, tief-blauen, fast schwarzen See, der nach drei Seiten hin in ein sehr enges, durch steile, hohe, schneebedeckte Berge abgegrenztes Tal mündete, während von der vierten Seite her, also woher wir kamen, eine weite, saftig grüne Wiese mit bunten, meist gelben und weißen Blumentupfern sanft anstieg. Nur wenige Häuser standen in der Nähe des Wassers. Ich ließ von der Automatik das Dach verschwinden, um diese phantastische Landschaft ungehindert bewundern zu können. Unsere sehr langsame Geschwindigkeit bewirkte kaum Fahrtwind, der Franz auf dem Rücksitz behelligen könnte. Nach seinen Anweisungen hatte ich seitlich an der Wiese vorbei einen bedrohlich ansteigenden Weg zu befahren, auf den gerade unser Auto paßte. Als uns ein Wagen entgegen kam, wartete ich in einer Ausweichbucht. Der Blick zurück auf den See, die ihn umgebenden Berge, das Grün der Wälder und den dunkel-blauen, fast schon violetten Himmel war überwältigend. „Können wir nicht hier irgendwo bleiben?“ rief ich begeistert.

 

    „Genau hierher wollte ich euch bringen“, erklärte Franz.

 

    Beim erneuten Anfahren den Berg hinauf drehte der starke Motor unseres Wagens die Räder durch. Vor uns lag ein großes, dreistöckiges Gebäude im typisch braunen Holzstil dieses Landes mit umlaufenden Veranden, an deren Geländer rosa, rote und weiße Geranien wie umlaufende Blumenkränze prangten. Das ziemlich flache Dach war weit über die Ummauerung hinausgebaut. An allen Fenstern waren grüne Schlagläden angebracht.

 

    Franz erklärte, daß es das Hotel sei, von dem er gesprochen habe. »Hotel zum Goldenen Bären« war zu lesen und über dem Eingang saß auf einem Holzthron ein Bär aus Messing oder wahrscheinlich nur mit Bronze bepinselt. Den Unterschied konnte ich nicht erkennen.

 

    Franz sprach an der Rezeption mit einem Herrn in Landestracht. Ich konnte kein Wort verstehen, war nicht einmal in der Lage, den Ursprung dieser Sprache zu erkennen. Hin und wieder hörte ich französische Worte. Franz erläuterte uns in Französisch, daß er Räto-Romamisch gesprochen habe, eine Sprache, die nur von einer kleinen Bevölkerungsgruppe von etwa fünfzig Tausend Menschen gepflegt werde. Bedauerlicher Weise gäbe es nur noch für die kommende Nacht zufällig ein Doppelzimmer, weil die Bestellung vor wenigen Minuten annulliert worden sei. In der Regel sei dieses Hotel das ganze Jahr über völlig ausgebucht. Der Herr am Empfang, der einen sehr freundlichen Eindruck machte, hatte immerzu genickt und „Oui“ gesagt, während Franz sprach.

 

    Fee erkundigte sich mit sehr sanfter Stimme in fließendem Französisch - ich wußte nicht, daß sie diese Sprache so gut beherrschte, ob nicht doch noch irgendwie und irgendwo ein Zimmer aufzutreiben sei.

 

    „Das ist völlig aussichtslos“, sagte der Empfangschef und fügte lächelnd hinzu: „Hier gibt es im Umkreis von fünfzig Kilometern kein einziges Zimmer mehr. Ich kann Ihnen höchstens mein Zimmer anbieten.“

 

    Als Fee darauf eingehen wollte, erklärte er, daß er das natürlich ironisch als Scherz gemeint habe. „Vielleicht können Sie drei aber in einem Zimmer zusammen übernächtigen“, schlug er vor. „Alle Räume bei uns sind sehr groß, und das freigewordene Zimmer hat noch ein Kinderbett, das man vielleicht durch ein anderes ersetzen kann. Das bereitet sicher kein Problem.“

 

    „Das ist eine gute Idee!“ rief ich begeistert. „Franz und ich könnten sogar in einem Bett zusammen schlafen und Fee in dem anderen. Mir macht das nichts aus...“

 

    Fee lachte und scherzte: „Ich habe noch nie in meinem Leben mit zwei“ - sie betonte Zwei - „Männern in einem Zimmer geschlafen. Jetzt soll ich das auch noch auf meine alten Tage ausprobieren?“

 

    „Wir können ja eine Trennwand aufstellen“, meinte der freundliche, offensichtlich geschäftstüchtige Herr. Es wurde noch hin und her verhandelt, über die Änderung der Vorbestellungen der Zimmer in Italien diskutiert, über Tourismus im Allgemeinen und über das Wetter im Besonderen geredet.

 

    „Ich habe schrecklichen Hunger!“ unterbrach ich.

 

    Fee und Franz bekannten, daß auch sie etwas essen müßten. Inzwischen sei aber die Küche bereits geschlossen, bekamen wir zu hören. Die Diskussion entbrannte nun darüber, ob man nicht eine Ausnahme machen könne, und eine Kleinigkeit müsse doch immer in einem Hotel dieser Klasse und Größe verfügbar sein und so weiter, und so weiter. Nach einem Anruf in der Küche wurden uns Knödelsuppe mit gerösteten Brotkrumen, gebackene, frische Forelle mit Petersilienkartoffeln und grünem Spinat, sowie Fruchtsalat angeboten. Es werde aber etwa zwanzig Minuten bis zu einer halben Stunde dauern, ehe das Essen fertig sei. Suppe könnten wir jedoch sofort haben, da sie noch warm sei. Wir begaben uns in den Speisesaal, in dem nur noch wenige Gäste ihre Mahlzeit beendeten. Fee war sehr wählerisch, einen geeigneten Tisch zu finden. Ich wurde etwas ärgerlich, als sie sich für einen Platz entschied, der weit entfernt von den Fenstern war und von dem aus man kaum etwas von der Landschaft sehen konnte. „Da sitzen mir zu viele Leute“, sagte sie, was überhaupt nicht stimmte; denn sehr viele Tische waren unbesetzt.

 

    „Ich bleibe hier“, entschied sie, „und wenn ihr wollt, könnt ihr euch wo anders hinsetzen.“ Ich kochte fast vor Wut über die störrische Alte.

 

    Nach der Suppe ging ich nach draußen auf den Balkon, um mich an der einmalig schönen Landschaft zu erfreuen.

 

    Als ich zurückkam, merkte ich, daß Franz sehr aufgeregt, mit hochrotem Kopf eifrig an Barthaaren in seinem Gesicht herumzupfte, während Fee mich freundlich anlächelte.

 

    „Was ist denn los?“ wollte ich von Franz wissen.

 

    „Nichts“, sagte er abwehrend.

 

    Ich schaute Fee hilfesuchend an, als könne sie mir eine Erklärung geben. Sie blickte jetzt auch vor sich, so als wäre irgend etwas Peinliches zu verheimlichen.

 

    Als ich mich gesetzt hatte, begann sie: „Ich habe Franz nur gesagt, daß ich über euer Verhältnis Bescheid weiß. Das ist alles.“

 

    Ich erschrak, fing mich aber sofort und forschte: „Was weißt du?“

 

    Sie überlegte, kicherte und antwortete: „Nun, was für Brüder ihr seid.“ Nach einer Weile ergänzte sie: „Ihr habt mich alte tuddelige Dame ganz schön an der Nase herumgeführt, nicht wahr?“

 

    Mir war sofort klar, was sie angesprochen hatte, und wollte wissen, woher sie das alles wisse. Sie berichtete: „Also geahnt habe so etwas immer schon. Martha hat auch schon Bemerkungen fallen lassen. Aber, um Gottes Willen, sprecht mit dieser ordinären Person nie darüber! Das wäre ganz furchtbar...“

 

    „Die hat das alles schon lange gewußt“, klärte ich sie auf.

 

    Fee kommentierte meine Bemerkung nur mit einem „ach so?“ und erzählte weiter: „Als wir die Promotionsfeier von Franz hatten, machte sein Bruder Anspielungen, die ich nicht ganz verstand. Als ich dann Gelegenheit hatte, mit seinem Vater allein zu sein, sprach ich ihn darauf an. Er hat mir dann sehr schonend und sehr geschickt die ganze Geschichte von euch erzählt, daß er zum Beispiel sich auch als Vater von dir, Michel, ausgegeben habe, um euch von Diskriminierung und Lächerlichmachung abzuschirmen. Der Mann ist phantastisch, offen und ehrlich, hat das Herz auf dem rechten Fleck. Ich muß schon sagen, ihr seid ganz schöne Heimlichtuer...“

 

    „Du aber auch...“ warf ich ihr vor. „Du hast dir doch überhaupt nichts anmerken lassen, nachdem du informiert warst.“

 

    „Gab es eine Veranlassung, darüber zu sprechen?“ fragte sie.

 

    „Und warum wird jetzt darüber geredet?“ wollte ich wissen.

 

    Franz stotterte: „Fee hat es gut gemeint. Sie... ich meine...“

 

    Sie ergriff wieder das Wort: „Ja, da Franz in naher Zukunft irgendwo eine Stelle antreten muß, wobei die Möglichkeiten in Freiburg sehr beschränkt sind, habe ich ihm gesagt, daß ihr nach wie vor mein Haus als Zuhause betrachten können sollt, um dort wenigstens gemeinsame Wochenende, Feiertage und Urlaub zu verbringen. Das war alles. Und da heute ein besonderer Tag ist... Ich meine, vielleicht müssen wir kommende Nacht tatsächlich das Zimmer miteinander teilen, wollte ich, daß ihr euch nicht vor mir zu schämen braucht. Äh, ich wollte sagen... ich denke... ich meine, ich fände es sogar sehr schön, wenn ihr euch im Arm haltet, wenn ihr schlaft... „

 

    Franz leuchtete hochrot vor Verlegenheit.

 

    Ich lachte und wollte wissen: „Wieso willst du, daß wir in deiner Gegenwart so zusammen schlafen?“

 

    Fee lächelte, kicherte, überlegte, wurde dann ernst und erklärte: „Ich muß euch gestehen: Ich habe mich einmal in euer Zimmer geschlichen. Der alte Bruhns hatte mir das geraten. Ich bin also mitten in der Nacht in euer Zimmer gegangen. Es war sehr hell draußen, weil wir Vollmond hatten. Ich habe durch den Vorhang geschaut und euch betrachtet. Einen schöneren Anblick habe nie in meinem Leben gesehen, zwei Menschen sich so eng umschlungen im Arm haltend, sich so sichtbar, inständig liebend. Dann fand ich plötzlich diese Körper schön, die verschiedenen Hautfarben, die kräftig männlichen Muskeln von Michel, eure aneinander geschmiegten Köpfe. Die Haare von Franz lagen wie ein langer Kamm auf dem Kissen. Ich bin dann zurückgegangen in mein Zimmer und wußte endlich, was ihr meintet, wenn ihr immer von dem Schönsten und so weiter gesprochen habt. Welcher Mensch sehnt sich nicht nach so etwas? Ich spürte immer wieder den Drang, euch noch einmal so zu sehen, habe mich dann aber nicht mehr getraut; denn ich...“

 

    „Warum sprichst du nicht weiter?“ erkundigte ich mich. Sie errötete, lächelte und schwieg.

 

    Nach einer Weile schlug sie vor: „Wir sollten jetzt nicht mehr davon reden.“

 

    Franz wollte noch etwas sagen. Ich deutete ihm aber an, indem ich den rechten Zeigefinger vor meinen Mund hielt, daß wir im Augenblick dieses Thema tatsächlich verlassen sollten.

 

    Wir wurden informiert, daß wir jetzt unser Zimmer besichtigen könnten, das uns zusagte, nahmen die Gelegenheit wahr, uns frisch zu machen und die Kleidung zu wechseln.

 

    Ich redete auf Franz ein, mit mir in die Berge zu kommen. Fee wollte im Hotel bleiben, sich auf der Terrasse in der Sonne ausruhen.

 

    Wir liefen die breite Treppe hinab, durch die Eingangshalle nach draußen. Ich winkte Fee zu, die uns so rasch nicht folgen konnte. Sie wirkte wie eine königliche Hoheit in ihrem langen dunkelroten Kleid, das recht weit ausgeschnitten war. Um die Falten an ihrem Hals zu verdecken, trug sie einen Seidenschal in der gleichen Farbe wie das Kleid. Die Augen waren durch eine große Sonnenbrille verdeckt. Auf dem Kopf trug sie einen eleganten, weißen Hut mit sehr breitem Rand. Ein rotes Band, in der Farbe des Kleides zierte die Kopfbedeckung. An ihren Armen blitzte echtes Gold. An ihren Füßen sah ich weiße Schuhe mit recht hohen Absätzen.

 

    Ich lief wie ein nach langer Zeit von der Kette losgebundener Hund auf die Wiese, wälzte mich im Gras, fühlte mich sehr glücklich und befreit, weil wir uns nun endlich nicht mehr vor der alten Dame verstellen mußten. Endlich, endlich und zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich ganz in einem richtigen Zuhause mit Franz, Martha, Fee, Big Daddy, Willi, Gabi und den anderen Freunden. Ich durfte endlich ich selbst sein, brauchte nicht mehr immer wieder vorsichtig und nicht mehr diplomatisch sein, wenn ein Gespräch heikle Themen berührte. Wenn Franz und ich allein in unseren Gemächern waren, brauchten wir nicht immer zu befürchten, daß es klopfe und Fee hereinkam. Jetzt erinnere ich mich, daß sie in letzter Zeit nie mehr, ohne ein klares Herein abzuwarten, die Tür geöffnet hatte.

 

    (Unsere Tür war ja nie abgeschlossen gewesen, weil Franz das für unnötig befunden hatte, und wir glaubten, daß eine abgeschlossene Tür Verdacht erregen könnte, nachdem ich dann mit zu ihm in das Haus eingezogen war.)

 

    Franz hatte mich eingeholt und warnte: „Wir sind hier schon ziemlich hoch über dem Meeresspiegel. Wenn du zu schnell läufst, bekommst du ganz plötzlich keine Luft mehr.“

 

    Ich hörte nicht auf die Warnung und rannte bergauf. Als ich den Nadel- oder, besser gesagt, den Latschen-Wald erreichte, stach es heftig in meiner Brust und ich rang nach Luft, während mein Herz ungewöhnlich heftig klopfte. Ich mußte mich keuchend auf den Boden fallen lassen. Es dauerte eine ganze Weile, ehe Franz mich erreichte. Ich sprang auf, weil ich mich schämte, daß er - wieder einmal mehr - Recht gehabt hatte. Über meine Niederlage - im wahrsten Sinne des Wortes - sollte er sich nicht schaden-freuen. Es ging mir auch fast wieder normal.

 

    Wir kletterten höher und höher durch den Wald. Der Baumbestand war recht dünn geworden und das Gelände immer steiler, sogar felsig, was uns daran hinderte, einfach geradeaus zu gehen. Die Pfade, an die wir uns bisher gehalten hatten, verzweigten und waren immer schwächer als solche zu erkennen. Auf einem Felsvorsprung entdeckte ich eine Gemse, die mit schräg gestelltem Kopf nach uns äugte und dann verschwand.

 

    Ich begann zu fotografieren, zuerst recht wahllos, dann mehr gezielt: Die Landschaft als Übersicht, indem ich mehrere Bilder nacheinander so knipste, damit sie als Panorama-Band aneinandergereiht werden könnten; Blüten, möglichst mit einem Insekt als Macro-Aufnahme; Franz im Gegenlicht. Franz wollte mich unbedingt ganz nackt in der freien Natur fotografieren. Ich zog mich aus, nahm nach seiner Regie-Anweisung verschiedene theatralische Stellungen ein, legte mich auf den Boden in das Gebirgsgras, das aber so rauh war, daß meine Haut leicht angeritzt wurde und unangenehm zu jucken anfing. Ich zog mich wieder an und wir gingen weiter. Ich begann zu schwitzen und entblößte meinen Oberkörper. Wasser rieselte durch Felsspalten oder sprudelte wie eine Dusche von einem Vorsprung herab. Die Nachmittagssonne erzeugte darin Regenbogenfarben. Ich legte die restlichen Kleider ab und wollte mich von dem kristallklaren Wasser abkühlen lassen. Als das Wasser mit hoher Fallgeschwindigkeit auf meinen Körper spritzte, bekam ich einen Schock. Mein Herz setzte beinahe aus. Meine Lungen pumpten ruckweise, unkontrollierbar und schmerzend Luft; denn das Wasser kam mir kälter vor als Eis. Franz hatte die Gelegenheit genutzt, dieses mein Erlebnis mehrfach auf Film zu bannen.

 

    „Du wußtest, daß das Wasser so entsetzlich kalt ist?“ fuhr ich ihn an.

 

    Er bog sich vor Lachen. Ich stürzte mich auf ihn, warf ihn zu Boden, raufte mit ihm, was schließlich zu einem wunderschönen körperlichen Erlebnis mit ihm in freier Natur ausartete. Ich fühlte mich sehr erschöpft und wäre am liebsten eingeschlafen. Aber meine Haut juckte durch die Reizungen des harten Grases. Wir zogen uns wieder an und gingen weiter. Franz erklärte mir, daß das Wasser direkt aus dem schmelzenden Gletscher über uns käme. Ich wollte gerne das Eis sehen. Wir kletterten höher und höher, befanden uns auf einmal direkt unter einer meter-dicken tropfenden Eisschicht, mußten umkehren, suchten nach einer Möglichkeit, auf den Gletscher zu kommen, was uns erst nach langem Suchen gelang. Wir befanden uns direkt auf einem recht flachen Eisfeld, das das Sonnenlicht so stark reflektierte, daß ich ohne Sonnenbrille, die ich aber im Hotel gelassen hatte, kaum etwas sehen konnte. Ich konnte einfach die Augen nicht offen halten. Das schmerzte zu sehr.

 

    Ich war von der Anstrengung des Kletterns schweißgebadet; denn ich hatte bestimmt durch ständiges Abweichen vom direkten Ziel im Vergleich zu Franz eine mehrfache Strecke zurückgelegt. Ich zog erneut mein Hemd aus, was Franz wieder zu Bedenken anregte: „Sei vorsichtig! Hier oben wirst du dir schnell einen Gletscherbrand holen. Wir gehen besser sofort zurück.“

 

    Er hatte sich regelrecht vermummt, seine leichte Jacke über den Kopf gezogen, an der Sonnenbrille ein Taschentuch befestigt und versuchte sogar, die Hände in die Hemdsärmel einzuziehen, wie eine Schildkröte ihren Kopf und ihre Glieder in den Panzer. Er sah zu komisch aus. Ich fotografierte ihn und bat, jetzt von mir Bilder auf dem Eis zu machen, ganz nackt. Er weigerte sich recht hartnäckig, warnte erneut, daß ich mir einen schrecklichen Sonnenbrand holen und  mir die Augen »verblitzen« könnte.

 

    „Du bist verrückt, du Idiot, doch nicht bei meiner immunen afrikanischen Haut“, argumentierte ich und zog mich aus.

 

    Er knipste und sagte erneut: „Das wirst du sehr bereuen. Ich warne dich zum letzten Mal. Wir müssen sofort hier weg!“

 

    Ich ärgerte mich schrecklich über ihn. Wenn es nur nicht so schmerzhaft gewesen wäre, in die gleißende Lichtflut zu schauen. Franz erklärte mir, daß hier oben sowieso schon eine so intensive kurzwellige Strahlung herrsche, die keine bloße Haut und kein ungeschütztes Auge ohne Schaden überstehen könne. Hinzu käme die Verstärkung durch Reflexion vom Gletscher. Er bat mich inständig, seine Sonnenbrille zu nehmen und sofort zu gehen. Schließlich gehorchte ich; denn es war schon spät geworden.

 

    Wir kamen gegen halb acht am Abend zum Hotel zurück. Ich hatte das Gefühl, als habe mir jemand Sand in die Augen gestreut, und mein Rücken juckte und brannte. Als ich Franz darüber informierte, daß jede Reibung meines Hemdes an den Schultern regelrechte Schmerzen hervorrufe, mir außerdem unerklärlicher Weise Sand in den Augen geflogen sei und er einmal nachschauen solle, schaute er mich böse an und meinte: „Wenn du mir in der Nacht etwas vorjammern willst, dann schläfst du auf dem Korridor. Ich hatte dich gewarnt. Aber du wolltest dir ja unbedingt wie ein kleines, unmündiges Kind die Finger am Herd verbrennen. Jetzt bestätigst du mir genau die Symptome für Strahlenschäden.“

 

    Für mich brach regelrecht eine Welt zusammen. Meine Haut, auf die ich immer so stolz gewesen war, die mich den bleichen Weißen gegenüber so überlegen sein ließ, war auf einmal nichts mehr wert. Franz tröstete mich: „Wenn ich so rumgelaufen wäre wie du, wäre ich längst wegen schwerster Verbrennungen im Krankenhaus. Ich habe mich, so gut es ging, gegen die Strahlung geschützt. Dennoch brennt es hier und da.“

 

    „Ich habe aber da oben überhaupt nichts gespürt“, wunderte ich mich.

 

    „Das ist ja das Tückische an der Strahlung“, erklärte er, „daß die Auswirkung erst später kommt. Du spürst diese Auswirkungen erst dann, wenn es zu spät ist.“

 

    „Können wir nicht hierbleiben? anstatt weiter nach Venedig zu fahren“, bat ich. „Es war ein so wunderschöner Tag.“

 

    Franz sagte, daß wir jeder Zeit hierher zurückkommen könnten. Das sei doch gar kein Problem.

 

    Wir hielten nach Fee Ausschau. Sie saß immer noch auf der Terrasse, schützte sich gegen die aufkommende, recht kühle Brise mit einer weißen Stola, hielt ein Buch in der Hand und unterhielt sich mit einem älteren Paar, das vor ihr stand. Wir eilten zu ihr. Sie stellte uns ihren Bekannten vor, und wir erfuhren, daß die beiden, die ungewöhnlich dick waren, aber sehr freundlich wirkten, in einer Stadt im Ruhrgebiet eine Modeschneiderei betrieben.  Was mich sehr wunderte, war, daß sie sich an der Hand hielten wie jung verliebte Leute. Noch nie hatte ich das bei älteren Leuten gesehen.

 

    Als ich meinen großen Hunger erwähnte, bestand das Ehepaar darauf, uns, also Franz, Fee und mich zum Abendessen einzuladen.

 

    Der Speisesaal war voll besetzt. An einem großen runden Tisch saß ein einzelner, kurzhaariger, gepflegter, alter Herr in dunklem Anzug mit Krawatte, der uns heranwinkte. Auch ihn schien Fee zu kennen, denn sie stellte uns ihm vor: „Das sind meine beiden Enkel, von denen ich berichtet habe.“

 

    Ich wurde argwöhnisch gemustert, dann Franz und Fee angeschaut. Schließlich konnte der Herr seine Neugierde nicht mehr unterdrücken und erkundigte sich: „Ihr Sohn, gnädige Frau, war wohl zweimal verheiratet?“

 

    Fee beugte sich zu ihm und sagte mit normaler Stimme, hinter vorgehaltener Hand, aber so, daß es jeder hören konnte: „Wissen Sie, mein Sohn fuhr immer gerne nach Afrika auf Safari, meistens ohne Familie. Und Michel ist das Ergebnis eines solchen Ausflugs, also ein Safari-Kind. Aber ich habe ihn besonders lieb... Ja, ja, die uns Frauen so treuen Männer...“ schloß sie seufzend.

 

    Franz schaute mich grinsend an, weil er sich bestimmt darüber belustigte, daß nun sie eine ähnliche Geschichte wie damals sein Vater in Umlauf setzte. Ich mußte mich zwingen, nicht laut loszulachen.

 

    Nachdem man sich von der Betroffenheit erholt hatte, denn über sogenannte Fehltritte wird doch nicht, so mir nichts dir nichts gesprochen, wurde erst einmal mein Aussehen belobt. Der vornehme Herr hielt einen Vortrag über die Schönheit von Eurasiern. Ich korrigierte etwas unwirsch, daß ich aber ein Eurafrikaner sei. Bald wurde ich natürlich wieder das Opfer eingehender Befragungen: Wo ich aufgewachsen sei? Was ich beruflich mache? und dergleichen mehr.

 

    Im Gespräch beim Essen stellte sich heraus, daß der Herr, der uns einen Platz an seinem Tisch angeboten hatte, pensionierter Bankdirektor war. Als er hörte, daß Franz seine Universitätslaufbahn beendet hatte und jetzt auf Suche nach einer geeigneten Stelle war, versprach er, mit einem Studienkollegen in Freiburg »in Kontakt zu treten«. Dieser Schul- und Studienfreund sei als Stadtdezernent für kulturelle Fragen zuständig und könne möglicher Weise eine Beschäftigung in einer Bücherei oder einem Museum vermitteln.

 

    Franz bedankte sich sehr herzlich für das Hilfe-Angebot und sagte: „Ich habe beste Examensergebnisse, die Promotion mit summa cum laude abgeschlossen und interessiere mich für Literatur und Geschichte sehr. Philosophie war zwar mein Hauptfach, aber mehr als Hobby. Ich könnte entweder eine Assistentenstelle an der Universität in München bekommen oder eine vorübergehende Sache in Frankfurt, die die sogenannte Nachlaßverwaltung von Heidegger betrifft, bin aber an beiden nicht so sehr interessiert und würde so etwas nur dann annehmen, wenn ich nichts anderes finde. In jedem Falle möchte ich am liebsten in Freiburg bleiben. Zur Zeit schreibe ich ein Buch, das die Überschrift tragen soll »Über achthundertundfünfzig Jahre Freiburg im Breisgau«.  Es ist für einen breiten Leserkreis gedacht. Dann habe ich mit einer etwas ironisch philosophisch antropologischen Betrachtung des »Neoliberalismus«, der sogenannten Freiburger Schule und der daraus resultierenden »Freiburger Thesen« angefangen.“

 

    Ich schaute Fee an, die mit der Gabel eine Kartoffel zerdrückte und dabei schmunzelte, was ich mir nicht erklären konnte.

 

    Ich mußte immer wieder die älteren, ungewöhnlich dicken Eheleute betrachten, die sehr wenig sagten, einen sehr zufriedenen und verliebten Eindruck machten, sich anlächelten und sich Leckerbissen zuschoben. Ich wollte zu gerne wissen, wielange die beiden verheiratet waren, und wagte schließlich eine Frage, als ich daran dachte, daß meine Mitmenschen keine so großen Hemmungen haben, mich doch auch immer wieder in die Inquisition zu nehmen {lateinisch »Inquisition«: gerichtliche Untersuchung, später päpstliche Behörde zur »Reinhaltung des Glaubens« [Ketzerverfolgung]}: „Sind Sie schon lange verheiratet?“ Sie nickten synchron.

 

    Der Ehemann sagte: „Schon seit dreiundvierzig Jahren. Wir haben sehr früh geheiratet als wir beide erst achtzehn waren. Damals war das noch ein Problem, weil man erst mit einundzwanzig großjährig wurde.“

 

    „Haben Sie Kinder?“ forschte ich weiter, obwohl ich mir sicher war; denn eine so frühe Heirat war damals nur dann möglich, wenn ein Kind unterwegs war, wie man sagt.

 

    Sie schüttelten jedoch beide synchron den Kopf, verneinten also die Frage. Er erklärte: „Leider hat das nie bei uns geklappt. Wir waren auch nicht so sehr erpicht darauf bei all den Wirren damals. Und wenn ich mir die heutige Zeit betrachte, wo die Menschheit keine rosige Zukunft zu erwarten hat, dann sind wir auch gar nicht traurig darüber.“

 

    Ich war erstaunt, daß sie vielleicht einfach nur so aus Liebe geheiratet hatten. Noch nie hatte ich ein Ehepaar in diesem Alter erlebt, das sich nicht ständig stritt. Die Regel war doch, daß Leute, die so lange verheiratet sind, den Eindruck machen, als könne man die Gegenwart des jeweils anderen Partners kaum noch länger ertragen, als sei man einander völlig überdrüssig. Bei unseren Gastgebern war das ganz anders.

 

    „Sie scheinen immer noch sehr glücklich miteinander zu sein, trotz der vielen Jahre des Zusammenseins“, mußte ich einfach sagen.

 

    Beide schauten sich an, lächelten wieder und er küßte sie mit einem lauten, genüßlichen „Hhm“ auf die Wange. Beide gingen nicht weiter auf meine Feststellung ein.

 

    Nachdem sich das Schneider-Ehepaar gegen den ehemaligen Bankdirektor mit der Bezahlung der Rechnung durchgesetzt hatte, wollten wir uns verabschieden; denn wir waren sehr müde. Aber Herr Doktor Witter {der Bankdirektor} bestand darauf, mit ihm noch eine Flasche des »besten« Weines zu leeren.

 

    Ich hatte große Schmerzen. Die geringste Bewegung meiner Augäpfel verursachte unerträgliche Stiche. Ich konnte mein Hemd kaum noch auf den Schultern ertragen und war so froh, endlich in unserem Zimmer zu sein.

 

    Während Fee sich für etwa zwanzig Minuten im Badezimmer aufhielt, kremte Franz sehr vorsichtig meine Haut ein mit einer sogleich lindernden Salbe, die ihm ein Hotelangestellter besorgt hatte. Die Augentropfen halfen aber kaum.

 

    Nachdem Barbara aus dem Badezimmer zurückgekommen war, ging Franz unter die Dusche, während ich mir die Zähne putzte. Franz riet dringend davon ab, mit Wasser in Berührung zu kommen. Obwohl ich sehr geschwitzt hatte, verspürte ich auch gar keine Lust zum Baden oder Duschen. Als wir, nur mit Badehose bekleidet, zurück in das geräumige Zimmer gingen, fanden wir Fee bereits im Bett. „Wollt ihr jetzt noch Schwimmen? Oder schwimmt ihr im Bett?“ fragte sie lachend, wünschte eine gute Nacht und schaltete das Licht aus, sobald wir uns hingelegt hatten.

 

    Es dauerte sehr lange, ehe ich fröstelnd und unbequem auf dem Bauch liegend einschlief. Bei der geringsten Berührung meiner Haut oder Bewegung der Augäpfel wachte ich vor Schmerzen auf. Es war eine furchtbare Nacht.

 

 

 

 

Ende einer glücklichen Zeit?

 

Freitag, 6.7.1979

 

    Franz saß am Erkertisch und schrieb an seinem Buch über Freiburg und der Geschichte dieser Stadt, umgeben von unzähligen Büchern und Dokumenten, in denen er alle paar Sekunden nachschaute.

 

    Es war kurz vor zehn Uhr (am Morgen) als Martha klopfte und mit einigen Briefen in der Hand wedelnd zu uns kam. Alle waren für Franz bestimmt, was mich enttäuschte.

 

    Er öffnete einen größeren Umschlag in häßlicher hellbrauner Farbe und sagte: „Der kommt von der Uni aus Frankfurt.“

 

    Nach kurzem Sichten des Inhalts, erklärte er mir, achselzuckend und etwas mürrisch: „Die schicken mir tatsächlich einen Vertrag.“ Er las.

 

    „Die bieten mir an, bereits am ersten des nächsten Monats zu beginnen“, berichtete er. „Und die Bezahlung geht sogar. Viertausend {DM} brutto im Monat ist zwar nicht viel. Aber ich hatte mit viel weniger gerechnet.“

 

    „Was heißt denn »brutto«?“ wollte ich wissen.

 

    Franz klärte mich auf: „Vom Bruttobetrag werden Steuern abgezogen, nein, erst einmal die Prämien für die Kranken-, die Renten- und die Arbeitslosenversicherung, dann die Steuern.“

 

    Warum denn »dann die Steuern«?“ erkundigte ich mich.

 

    Er antwortete: „weil Steuern davon bezahlt werden, was du tatsächlich verdienst, wozu die Prämienanteile zu deiner sozialen Absicherung nicht zählen. Übrigens die Hälfte der Prämien trägt der sogenannte Arbeitgeber...“

 

    „Und was bekommst du also tatsächlich an Geld?“ fragte ich weiter.

 

    „Um die zweieinhalbtausend“, meinte er und öffnete einen anderen Brief, den er mir vorlas: „Der kommt aus München. Lieber Herr Bruhns, obwohl ich die Planstelle, für die Sie vorgesehen sind, bereits voriges Jahr beantragt hatte, wie Sie wissen, liegt bis heute keine Entscheidung vor. Ich wollte Ihnen das nur zwischenzeitlich mitteilen. Es ist zum Aus-der-Haut-fahren, wie langsam die behördlichen Mühlen mahlen. Ich versichere Ihnen noch einmal, daß ich gerne mit Ihnen zusammenarbeiten würde, und hoffe, daß es sich doch noch irgendwann realisieren läßt. Sollten Sie mal wieder nach München kommen, schauen Sie in jedem Fall doch bitte bei mir rein. Alles Gute und so weiter, und so weiter...“

 

    Franz schaute vor sich, wiegte den Kopf auf und ab und sagte schließlich: „Da bleibt also erst einmal nur Frankfurt für mich übrig. In jedem Fall ist unsere schöne Zeit vorbei. Wir können uns höchstens zum Wochenende sehen, an Feiertagen und so weiter. Ja, so ist das Leben... Ein Glück, daß die Barbara nichts dagegen einwenden will, wenn wir uns hier sehen. Aber wahrscheinlich kann ich auch zu einem gewissen Teil hier in Freiburg arbeiten; denn wegen des Nachlasses von Martin Heidegger, der ja hier geboren wurde und ab neunzehnhundertund-achtundzwanzig in Freiburg eine Professur hatte und auch hier neunzehnhundertsechsundsiebzig gestorben ist, gibt es vielleicht doch noch so einiges zu recherchieren. Der Typ liegt mir aber nicht so sehr. Ich mache das nur, weil ich irgend etwas machen muß.“

 

    Er stand auf, reckte sich und schaute aus dem Fenster, wobei er seine Hände tief in seinen Hosentaschen vergrub.

 

    Ich fühlte ein leichtes Brennen im Magen. Aber ich zwang mich, keine Depression aufkommen zu lassen, und sprach: „Erst einmal habe ich ja noch zwei Monate Semesterferien, in denen ich den größten Teil meiner Zeit bei dir in Frankfurt verbringen könnte, wenn du mich überhaupt haben willst, natürlich...“

 

    Franz drehte sich spontan um, schaute mich groß an, grinste dann und sagte: „Ja, da hätte ich die Chance, mich mal so richtig von dir erholen zu können. Aber du wirfst dich mir sogleich wieder an den Hals. Kann man denn niemals mehr alleine sein?“

 

    Er sprang mich plötzlich regelrecht an, so daß wir beide auf den Boden fielen. Er preßte mich an sich und hauchte: „Ich liebe dich ja so irre.“

 

    Das Telefon klingelte. Ich sprang auf und nahm den Hörer ab und meldete mich mit meinem Namen.

 

    „Ist das nicht der Anschluß von Herrn Doktor phil. Bruhns?“ erkundigte sich eine Frauenstimme.

 

    „Ja, auch“, antwortete ich, „eine Sekunde...“

 

    Ich hielt die Sprechmuschel zu und sagte: „Franz, für dich...“

 

    Er stellte sich vor und ich hörte ihn sprechen: „Ja, danke... Ja, ich warte... Ja, guten Morgen, hier Bruhns...“

 

    Dann berichtete er über sein Studium, seine Bücher: „»Über achthundertundfünfzig Jahre Freiburg im Breisgau« habe ich fast fertig gestellt... Nein, es sollte eher den Durchschnittsleser ansprechen... Ja, richtig... Ja, natürlich... Recht gerne... Ja, das würde gehen... Nun, ich muß gestehen, daß ich heute einen Zeit-Vertrag der Universität Frankfurt zugeschickt bekommen habe, der ab dem ersten des nächsten Monats inkraft treten soll, den ich nur gegenzuzeichnen brauche... Nein, aus persönlichen Gründen würde ich lieber in Freiburg bleiben... Wie?... Erst einmal ein Jahr... Könnte sein... Wirklich, sehr gerne... Vielen Dank... Gut... Ja, auf Wiedersehen.“

 

    Nachdem er den Hörer aufgelegt hatte, fragte ich neugierig: „Wer war das denn?“

 

    Franz grinste mich an: „Mußt du immer alles wissen?“

 

    Wieder sprang er mich an und drückte mich, so fest er konnte, wobei er sagte: „Vielleicht gibt es doch eine Chance, daß wir zusammenbleiben können. Mehr sage ich dir nicht.“

 

    Meine Bitte, mich doch aufzuklären, worum es ginge, erfüllte er nicht. Aber er schien in außergewöhnlich guter Stimmung zu sein.   

 

 

 

 

Wir können zusammenbleiben

 

Montag, 23.7.1979 

 

    Franz kam kurz vor Mittag freudestrahlend aus dem Kulturdezernat und sagte mir, wobei er seine Hände auf meine Schulter legte und mich lächelnd anschaute: „So, ich habe den Vertrag, der ab ersten neunten gültig ist. Ich bekomme zwar nur viertausendeinhundertsechzig. Aber wir können zusammenbleiben. Freust du dich?“

 

    „Welche Frage“, antwortete ich.

 

    Franz berichtete, daß der Dezernent begeistert von seiner »Schreiberei« gewesen sei und er neben kulturhistorischen Forschungen bei der sogenannten Öffentlichkeitsarbeit mitwirken solle. Er sei sich sicher, daß ihm die Tätigkeit als Direktionsassistent, die von ihm erwartet würde, Spaß bereiten werde.

 

    „Was bedeutet denn »Öffentlichkeitsarbeit«?“ wollte ich wissen.

 

    Franz erklärte, daß ja in einem Museum nicht alles wahllos durcheinander ausgestellt werden könne. „Da muß der Besucher geführt und geleitet werden“, führte er aus. „Da sind gute Erklärungen zu geben, unterstützt von ansprechbaren Zeichnungen, Diagrammen, Ereignisabläufen. Da müssen Plakate entworfen werden, um Besucher zu reizen, in das Museum zu kommen. Ich zeige dir mal meinen Vertrag. Da steht das alles unter Aufgabenbeschreibung auf über drei Seiten. Eigentlich brauchte auch ein Museum einen guten Werbepsychologen; denn je mehr Besucher angelockt werden, desto mehr Geld klingelt in der Kasse, was wir ja unbedingt für Forschung und Unterhalt benötigen. Ich werde mich sicher, was Forschung betrifft, weitgehend um das Museum für Vor- und Frühgeschichte kümmern. Da gibt es auch einiges für das Augustinermuseum zu tun. Freiburg ist ja, historisch und kulturell gesehen und auch sonst, eine sehr interessante Stadt. Da gibt es immer noch einiges an Kriegsfolgeschäden zu renovieren und so weiter. Du ich bin ja so froh, daß ich diese Stelle gefunden habe.“

 

    „Da du erst am ersten September anfängst, könnten wir doch irgendwo hinfahren oder sogar fliegen“, schlug ich vor.

 

    „Würde ich auch sehr gerne“, meinte er, schränkte aber ein: „Ich würde jedoch gerne meine Bücher fertigstellen. Ich bin gerade dabei, einen Vertrag mit einem Verlag zu machen, der mir einen Termin gesetzt hat. Aber eine Woche sollten wir uns gönnen.“

 

    Ich faltete eine große Weltkarte auseinander und schlug alle möglichen Orte für einen Besuch vor: China, ja China würde ich zu gerne besuchen. Aber das ginge nicht wegen der Reisebeschränkungen beispielsweise der langen Vorbereitungsprozeduren, beispielsweise die Visabeschaffung, und vor allem nicht „weil uns die Kosten ruinieren würden“, hatte Franz abgewehrt.

 

    Nach langer Diskussion einigten wir uns auf einen Berlin-Besuch. „Besonders der Ostteil ist für mich interessant; denn dort sind die meisten Museen“, meinte Franz; denn er war wohl jetzt zu einem begeisterten Ausgraber von Trümmern und altem Plunder geworden. Mich interessierten solche Sachen nicht besonders, obwohl mich das Deutsche Museum in München schon sehr begeistert hatte.

 

 

 

Franz leidet unter Kopfschmerzen

 

Mittwoch, 23.4.1980

 

    Heute Morgen hatte Franz besonders starke Kopfschmerzen {unter denen er bereits seit einiger Zeit sehr litt} und schon mehrere Tabletten genommen, die jedoch überhaupt nicht halfen. Er klagte über Sehstörungen und sagte, daß er manchmal gar keine Farben mehr wahrnehmen könne. Alles um ihn herum sei grell gelb vor dunklem Hintergrund.

 

    Ich beobachtete, daß er schwankte, als er durch das Zimmer ging.

 

    „Bitte geh doch endlich einmal zu einem Arzt“, bettelte ich flehentlich.

 

    „Ach Unsinn“, wehrte er ab. „Ich habe schon so oft in meinem Leben Kopfschmerzen gehabt...“

 

    „Aber doch nicht so, wie in letzter Zeit“, unterbrach ich aufgeregt.

 

    Es brauchte eine lange Zeit der Überredung, ehe er sich einverstanden erklärte, einen Neurologen aufzusuchen, den Fee uns beim Frühstückstisch empfahl und den sie sogleich anrief. Franz war nicht in der Lage, etwas zu sich zu nehmen.

 

    Nachdem ich die Leitung der Museen {wo Franz angestellt worden war} informiert hatte, fuhr ich Franz zum Arzt, wo ich während der Untersuchung im Wartezimmer zu bleiben hatte. Ich wäre zu gerne mit ihm gegangen. Das wurde mir aber verwehrt.

 

    Nach einer halben Stunde kam er endlich aus dem Sprechzimmer mit einer Überweisung in die Universitätsklinik. „Der Arzt tippt auf einen Gehirn-Tumor“, erklärte er mir. „Ich soll sofort alle möglichen Untersuchungen machen lassen.“

 

    Ich erschrak zu Tode und erkundigte mich: „Ist so ein Tumor nicht gefährlich?“

 

    Franz zuckte mit den Schultern und meinte: „Wenn er operabel ist... Nun dann habe ich eine Chance. Aber erst muß das ja alles noch bestätigt werden. Dann sehen wir weiter.“

 

    Mein Herz klopfte vor Aufregung. Ich war sehr nervös und verfuhr mich mehrere Male auf dem Wege zur Klinik. Franz saß völlig apathisch neben mir, sagte weder etwas, noch schien er in der Lage zu sein, auf den Weg zu achten.

 

    (Immer wenn ich am Steuer saß, gab er mir Anweisung, hierauf und darauf zu achten, mich »jetzt schon einzuordnen« und so weiter, und so weiter. Auf dieser Fahrt gab er zum ersten Mal unseres Zusammenseins keine Instruktionen. Sicher hatte er wegen der Vorab-Diagnose des Neurologen auch einen großen Schreck bekommen.)

 

    In der Klinik wurde Franz sogleich von mehreren Assistenten in Empfang genommen, die bereits über seine Ankunft informiert worden waren, was meine Beunruhigung vielfach verstärkte; denn nur in dringendsten Fällen und höchster Gefahr würde wahrscheinlich ein Patient so empfangen werden, überlegte ich.

 

    Während Franz, der wirklich kaum noch gerade gehen konnte, sich auf eine Bahre legen mußte und abtransportiert wurde, sprach ein Arzt mit mir und erkundigte sich, ob ich Sachen für Franz »mit dabei« habe. Ich verstand nicht, was er damit sagen wollte.

 

    „Wir müssen ihn ein paar Tage hier behalten“, erklärte er, „damit wir sogleich, wenn ein Untersuchungsergebnis nicht klar ist, eine andere Methode anwenden können. Falls sich der Verdacht eines Tumors bestätigt - nach meinem ersten Eindruck sieht es ganz danach aus, denn da sind ja schon auf den ersten Blick Koordinationsstörungen festzustellen, dann müssen wir sofort entscheiden, ob operiert werden kann und soll oder ob wir eine Chemotherapie beginnen und so weiter.“

 

    Er bat, die üblichen Dinge für einige Tage des Aufenthaltes im Krankenhaus von zu Hause zu holen, wollte wissen, in welchem Verhältnis ich zu Franz stünde und so weiter. Dann sagte er, daß er jetzt sofort gehen müsse; denn man würde die erste Untersuchung bereits vorbereitet haben und auf ihn warten.

 

    Als ich bat, ob ich bei der Untersuchung zuschauen dürfe, verneinte er und riet: „Fahren Sie besser nach Hause, um die Sachen für Ihren Halbbruder zu holen.“

 

    Der Arzt war wirklich hübsch, sprach sehr ruhig und beruhigend und wirkte äußerst sympathisch. Irgendwie war meine Nervosität durch seine Worte abgebaut worden. Selbst wenn das Schlimmste, nämlich der Tumor bestätigt würde, dann müsse man nun mal eben operieren oder dieses oder jenes machen, alles nur Routine. Dieses Gefühl hatte er mir vermittelt. Ich wiegte mich in Sicherheit: Es würde alles nicht so gefährlich sein; denn die Ärzte kannten sich aus, gingen mit solchen Fällen täglich massenweise um und würden solch ein Leiden voll in den Griff bekommen.

 

    Auf dem Nachhauseweg fühlte ich mich entspannt, sogar ein wenig heiter; denn endlich kannten wir den Grund dieser schrecklichen Kopfschmerzen, wogegen sofort etwas getan würde.

 

    Es wird gesagt, daß Leute, die gerade von einer Beerdigung kommen, sich auch erleichtert und frohen Mutes fühlen und beim gemeinsamen Leichenschmaus sehr ausgelassen sein können. Ich fand das heutige Ereignis zwar sehr aufregend, aber eher spannend abwechslungsreich.

 

    Als Fee und Martha sich - meiner Ansicht nach - übertrieben aufgeregt zeigten, beruhigte ich sie, machte sogar einen Scherz, daß der Doktor im Gehirn von Franz defekt sei und die (Ärzte) ihn jetzt zur Reparatur herausmontieren würden. „Der Doktor hat nur gerade die Garantiezeit ausgehalten“, spaßte ich, „und ich wundere mich, wie teuer jetzt die General-Überholung werden wird.“

 

    Martha fing zu albern an und einen idiotischen Dorf-Trottel zu imitieren. Ich suchte nach einem Schlafanzug, fand aber keinen, sammelte eine Zahnbürste, eine Tube Zahnpaste, Hausschuhe und einen Bademantel, sowie einige Bücher, die Franz noch nicht gelesen beziehungsweise gerade begonnen hatte, in einen Beutel, fuhr in die Stadt, um einen Nachtanzug zu kaufen, und dann zurück zu den Kliniken, wo ich erfuhr, daß die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen seien. Obwohl man mir riet, besser erst am früheren Nachmittag wieder zu kommen, wartete ich, bekam Hunger, besorgte mir Reibekuchen und Apfelmus zum Essen und versuchte, in meinem Fachbuch zu lesen.

 

    Der Arzt, mit dem ich heute Morgen gesprochen hatte, kam vorbei, erkannte mich sogleich, reichte mir die Hand und sagte lächelnd: „Unsere Vermutung hat sich bestätigt. Das hatte die Ultraschall-Untersuchung zwar schon sofort ganz klar dargestellt. Aber wir haben, um ganz sicher zu sein, auch noch andere Routine-Untersuchungen angeschlossen, um vor allem festzustellen, beziehungsweise um ganz sicher zu gehen, daß es sich tatsächlich um eine bösartige Geschwulst handelt. Darüber besteht kein Zweifel mehr...“

 

    „Worüber?“ wollte ich wissen und unterbrach ihn.

 

    Er antwortete: „Nun, daß der Tumor tatsächlich bösartig ist. Wir haben für vierzehn Uhr eine Besprechung angesetzt, an der auch Professor Plenge teilnehmen wird, und werden entscheiden, was wir jetzt tun können. Eine Operation scheidet meiner Ansicht nach aus, da der Tumor leider so liegt, daß wir nicht heran können, ohne wichtige Gehirn-Partieen zu beschädigen...“

 

    „Was können Sie denn sonst noch tun?“ fragte ich ängstlich.

 

    „Wir werden wahrscheinlich  erst einmal eine Chemo-Therapie versuchen, vielleicht unterstützt durch Bestrahlung. Eine Einpflanzung eines radioaktiven Mediums direkt in die Geschwulst scheidet leider auch aus, da wir nicht ran können.“

 

    Plötzlich überkam mich wieder diese schreckliche Angst, daß Franz in höchster Gefahr sei und eine Therapie sehr schwierig sei; denn offensichtlich mußte ein Ärzte-Team erst diskutieren und würde dabei vielleicht zu dem Ergebnis kommen, daß nichts zu machen sei. Ich geriet beinahe in Panik. „Und wenn Franz stirbt?“ rief ich sehr aufgeregt.

 

    Der Arzt ergriff meine Hände und sagte lächelnd: „Langsam, langsam! So schnell stirbt's sich nicht! Noch haben wir ein Wörtchen mitzureden. Ich kann ja verstehen, daß Sie ängstlich sind. Aber gerade in den letzten Jahren haben wir mehr und mehr therapeutische Möglichkeiten bekommen. Nun nicht verzweifeln. Sie lieben wohl Ihren Halbbruder sehr?“

 

    Ich nickte und konnte nicht verhindern, daß mir Tränen in die Augen schossen. Dem Herrn Doktor war das wohl nicht verborgen geblieben; denn er sagte sehr bestimmt: „Aber nicht doch! Sie können vollkommen beruhigt sein. Ihrem Bruder wird absolut nichts passieren. Das verspreche ich Ihnen. Ist das klar?“ Bei diesen Worten hatte er unter mein Kinn gefaßt und meinen Kopf angehoben. Er lächelte mich an, wobei er schöne, regelmäßige Zähne zeigte. Ich grinste beruhigt zurück.

 

    „Ihr Bruder wird jetzt bereits in seinem Zimmer sein“, meinte er und fuhr fort: „Ich weiß allerdings die Nummer nicht. Das kann Ihnen aber Oberschwester Anita sagen. Aber erschrecken Sie nicht. Ihr Bruder wird noch ziemlich benommen sein, da wir eine Punktion gemacht und ihm ein Narkosemittel gegeben haben. Also Kopf hoch! Wir sehen uns sicher noch...“ Er eilte davon.

 

    Ich zitterte leicht, als ich das Zimmer von Franz betrat. Er lag mit verbundenem Kopf auf dem Rücken in einem Bett am Fenster und schien zu schlafen. Das andere Bett war leer. Als ich mich ihm vorsichtig näherte, blickte er mich an, streckte die Hand aus, die ich ergriff, und er sagte mit schwacher Stimme: „Ich werde sterben. Bitte versprich mir, daß du mich nie vergessen wirst.“

 

    Mir wurde schwarz vor Augen. Es dauerte eine Weile, bis ich mich einigermaßen unter Kontrolle hatte, wollte etwas antworten, hatte aber das Gefühl, daß Franz schlief.

 

    „Bist du wach?“ erkundigte ich mich flüsternd. Er antwortete nicht. Als ich seine Hand losließ, fiel sie schlaff auf das Bett.

 

    Ich rannte in Panik aus dem Zimmer, rammte eine Schwester, war nahe daran, laut um Hilfe zu schreien. „Der Herr auf Zimmer zweihundertsiebzehn ist tot“, rief ich.

 

    „Unsinn!“ antwortete sie, mich sehr böse anschauend, ging aber sogleich zu Franz, gefolgt von mir. Sie schlug mit der Handrückseite gegen seine Backe und redete ihn laut an: „Herr Doktor Bruhns!“

 

    Franz öffnete die Augen, die Schwester drehte sich zu mir um, schüttelte den Kopf und sagte sehr ärgerlich: „Der hat doch eine leichte Narkose bekommen. Wußten Sie das nicht? Hat Ihnen das denn der Oberarzt, mit dem sie lange gesprochen haben, nicht erzählt? Verdammt noch mal!“

 

    Ich zuckte mit den Schultern, war sogleich beruhigt, und mußte ein hysterisches Lachen unterdrücken.

 

    „Sie fahren am besten nach Hause“, riet sie. „Sie sollten Herrn Doktor Bruhns erst einmal wieder richtig zu sich kommen lassen.“

 

    Ich stammelte ein Entschuldigung, bestand aber darauf, noch zu bleiben. Sie zuckte mit den Schultern, zog die Mundwinkel mürrisch nach unten und verließ das Zimmer, den Kopf schüttelnd. Mir war peinlich, daß ich, offensichtlich unbegründet, die Kontrolle über mich verloren hatte.

 

    Franz lächelte mich an, deutete mir, mich zu ihm auf den Bettrand zu setzen, ergriff meine Hand, die er fest drückte und fragte: „Hast du mit jemandem darüber gesprochen, was mit mir los ist?“ Ich nickte.

 

    „Und?“ wollte er wissen.

 

    Ich erklärte ihm, daß er tatsächlich einen Tumor habe, der sofort therapiert werde, er aber nicht operiert zu werden brauche.

 

    „Wieso nicht?“ erkundigte er sich.

 

    „Weil eine Chemo-Therapie einfacher ist, hat der Arzt gesagt“, antwortete ich nicht ganz richtig.

 

    „Das ist nicht wahr“, behauptete Franz. „Eine Chemo-Therapie und/oder eine Bestrahlung ausschließlich, also nicht als Unterstützung einer Operation, werden nur dann gemacht, wenn eine Operation nicht beziehungsweise nicht mehr möglich ist. Ich bin also inoperabel. Also können die das Wachsen der Geschwulst nur noch verzögern. Das habe ich befürchtet.“

 

    Ich war erstaunt, daß er so etwas sagte, als ob er genau über seine Krankheit Bescheid wisse.

 

    „Was hast du befürchtet?“ fragte ich.

 

    Erst nachdem ich die Frage mehrmals inständig wiederholt hatte, erklärte er mir: „Als meine Kopfschmerzen in den letzten Tagen immer schlimmer wurden und ich deutliche Ausfallserscheinungen hatte, habe ich in der Uni-Bibliothek in Bücher geschaut. Ich weiß ziemlich genau, was mit mir los ist.“

 

    Ich fuhr ihn an: „Und warum bist du nicht zum Arzt gegangen?“

 

    „Ich war bei einem Arzt, einem Neurologen“, gab er zu. „Der hat mir Tabletten aufgeschrieben und gesagt, er könne einen Tumor mit Sicherheit ausschließen.“

 

    „Das ist ja unglaublich!“ entrüstete ich mich.

 

    „Kannst du nun verstehen, warum ich keinen Arzt mehr sehen wollte?“ bemerkte er.

 

    Ich begann vor Aufregung und Sorge zu zittern, geriet dann beinahe wieder in wahnsinnige Angst, als er sagte: „Jetzt ist leider alles zu spät. Ich werde bald sterben.“

 

    Ich zwang mich zur Beherrschung und zu einem Lächeln, versuchte ruhig zu sprechen: „Daß du sterben mußt, kann keiner verhindern, aber nicht so bald. Der Arzt hat mir fest versprochen, daß er dich heilen werde.“

 

    Franz lachte sarkastisch, entschuldigte sich, daß er sich schrecklich müde fühle, bat mich, mich nicht aufzuregen, und fügte hinzu: „Es wird sicher schon alles gut gehen. Daß ich so vorhin geredet habe, war einfach nur aus einer unbegründeten Todesangst heraus beziehungsweise dem Schock über die Bestätigung meiner Befürchtungen oder so ähnlich. Wir wollen ja beide noch eine Weile zusammen bleiben oder?“

 

    Ich umarmte und drückte ihn fest an mich. „So schnell wirst du mich nicht los“, hauchte er. „Den Gefallen tu ich dir nicht.“ Er versuchte, mich zu kitzeln.

 

    Franz erklärte mir, daß er sehr durstig sei, und bat mich, ihm etwas zu trinken zu besorgen. Beim Hinausgehen kam mir eine Gruppe von Krankenhauspersonal entgegen, darunter der Arzt, der mit mir gesprochen hatte. Der Arzt nickte mir freundlich zu und sagte lächeln: „Es geht schon los. Wir werden sofort mit der Chemo-Therapie beginnen. Etwas anderes kommt für Ihren Bruder nicht in Betracht.“

 

    Ich berichtete, was Franz mir über diese Therapie, wenn sie ausschließlich angewendet werde, gesagt hatte. Die Ärzte schauten sich an. Eine Dame reichte mir die Hand, stellte sich als Doktor Blumenfeld oder Blumental, ich weiß es nicht mehr, vor, und sagte: „Ich habe nicht gewußt, daß Herr Doktor Bruhns auch Mediziner ist. Ich meinte Doktor phil. gelesen zu haben... Dann werden wir sicher erst einmal mit dem Herrn Kollegen Bruhns sprechen müssen, meinen Sie nicht auch, Herr Oberarzt?“

 

    Dieser antwortete: „Das sollte ja wohl eine Selbstverständlichkeit sein.“

 

    Sie klopften an die Zimmertür und gingen sogleich hinein, ohne ein Herein abzuwarten. Ich schloß mich an, wurde aber gebeten, draußen zu warten.

 

    Nachdem ich genau neunzehn einhalb sehr lange Minuten auf dem Korridor auf und ab gegangen war, kamen die Ärzte aus dem Zimmer. Frau Doktor Blumenfeld erklärte mir, daß Franz eine Serie von Spritzen bekommen habe, die in einer halben Stunde wiederholt werde. Während sie mit mir sprach, entfernten sich die übrigen Personen. Frau Doktor Blumenfeld sprach weiter: „Diese Therapie ist für den Patienten sehr unangenehm... Äh... ich meine... Sie kann unangenehm sein. Manche Patienten vertragen die Spritzen recht gut, andere weniger gut. Bitte erschrecken Sie nicht, wenn Ihr Bruder... Ist das richtig, Ihr Bruder?“ Ich nickte.

 

    Sie fuhr fort: „Also wenn Ihr Bruder über Übelkeit klagt und sich auch psychisch sehr deprimiert fühlt. Bei manchen Patienten können sogar Kreislauf-Komplikationen auftreten. Aber darauf sind wir vorbereitet. Wenn Sie wollen, können Sie reingehen. Oberschwester Anita ist noch bei Ihrem Bruder. Sie wird die ganze Nacht bei ihm bleiben. Aber besser gehen Sie nach Hause und kommen Morgen wieder. Sie können sowieso nichts machen... Äh, ich komme in einer halben Stunde wieder.“

 

    Ich war ärgerlich, weil sie gesagt hatte, ich könne nichts machen. Solch eine Person kann sich offensichtlich überhaupt nicht vorstellen, daß man sich um einen Menschen, der einem besonders nahe steht, sorgt und am liebsten Tag und Nacht mit dem »Patienten« zusammensein möchte. Diese Ärzte scheinen weder Familie noch Freunde zu haben, zumindest kein Gefühl. Sie sind sicher durch das Leiden, mit dem sie täglich konfrontiert werden, abgestumpft.

 

    Als ich, ziemlich nervös zu Franz zurück in sein Zimmer kam, war er an einen Leuchtschirm angeschlossen, auf dem bei jedem Pulsschlag eine steile Amplitude emporschoß. Dazu war ein piepsender Ton zu hören. Das Herz schien ruhig und regelmäßig zu schlagen. Franz schaute mich an, lächelte und sagte: „Ich bin gespannt, ob die mit der Chemie den Tumor oder mich zerstören, vielleicht beides.“

 

    Oberschwester Anita saß auf einem Stuhl und las in einem Buch. Sie nahm von meiner Anwesenheit überhaupt keine Notiz.

 

    „Wie fühlst du dich?“ erkundigte ich mich bei Franz.

 

    Er erklärte, daß so schnell noch keine Nebenwirkung auftreten werde. Seines Wissens wäre die Gefahr von unangenehmen Begleiterscheinungen erst nach der zweiten Serie groß.

 

    „Mit dieser Therapie habe ich die einzige Chance“, meinte er und fügte ironisch hinzu: „Das muß ich wohl oder übel über mich ergehen lassen, weil du egoistischer Mensch nicht willst, daß ich in Frieden sterbe.“

 

    Ich erkundigte mich bei der Schwester, wie ihrer Erfahrung nach die Heilerfolge dieser Behandlung seien. Sie sagte, daß alle Fälle, die sie bisher miterlebt habe, mit hundertprozentigem Erfolg entlassen worden wären. Für sie war also Franz nur ein weiterer »Fall«.

 

    Als ich fragte, wie teuer die Therapie wohl käme, schaute sie in die Richtung, wo Franz lag, und wollte wissen: „Ja, ist denn der Patient nicht versichert?“

 

    Franz rief: „Nein“, um mir zuvorzukommen. Warum log er? Er ist doch versichert. Eigentlich wollte ich ihn korrigieren, überlegte dann aber, daß er möglicher Weise mit seiner Unwahrheit eine bestimmte Absicht verfolgen könnte.

 

    „Um Gottes Willen“, erregte sich Oberschwester Anita. „Die ganze Behandlung kostet zig Tausende. Sie sind also privat hier? Ich wundere mich, daß sich der Herr Professor nicht selbst gekümmert hat...“

 

    „Wieso sollte sich der Professor kümmern?“ wollte ich wissen und bekam zur Antwort: „Der kümmert sich immer um Privatpatienten, sonst praktisch nie direkt.“

 

    „Würde denn eine Versicherung alles bezahlen?“ forschte ich nun.

 

    „Aber selbstverständlich“, antwortete sie. „Wenn Sie versichert wären, brauchten Sie keine Sorgen zu haben. Dann würde alles bezahlt.“

 

    „Auch der Herr Professor?“ forschte ich.

 

    „Nein“, bestätigte sie, „der kümmert sich normaler Weise überhaupt nicht um Kassenpatienten, wie ich schon sagte, höchstens in besonders komplizierten und schwierigen Fällen.“

 

    „Angenommen, mein Bruder wäre üblicher Kassenpatient“, erfragte ich nun, „würde sich dann der Herr Professor überhaupt nicht um ihn kümmern?“

 

    „Ganz bestimmt nicht“, behauptete sie und wiederholte: „In diesem Fall nun wirklich nicht. Da bin ich ziemlich sicher.“

 

    Das fand ich sehr beruhigend; denn damit hatte sie, vielleicht ungewollt, angedeutet, daß der »Fall Tumor auf Zimmer zweihundertundsiebzehn« ein Routine-Fall war, nichts Ungewöhnliches. Ich war mir jetzt sehr sicher, daß Franz überleben werde.

 

    Dann erinnerte ich mich aber, daß der Oberarzt mir erzählt hatte, der Herr Professor werde an der Sitzung teilnehmen, in der die Therapie beschlossen werden sollte. Also lag doch ein Sonderfall vor, überlegte ich. Ich versuchte, über die Schwester weitere Informationen zu erhalten, und wandte mich wieder an sie: „Übrigens, wissen Sie denn nicht, daß der Herr Professor die Sitzung geleitet hat, in der die Therapie besprochen wurde?“

 

    Sie erzählte: „Da war die Rede von. Aber der wäre nur deshalb gekommen, weil der Patient promovierter Akademiker ist... Die haben doch alle einen Akademiker-Fimmel... O, Entschuldigung...“

 

    „Wieso wäre? War er denn nicht da?“ hakte ich sofort nach.

 

    „Nein“, antwortete sie.

 

    „Woher wollen Sie das so genau wissen?“ erkundigte ich mich.

 

    „Weil ich doch daran teilgenommen habe“, erklärte sie gereizt. „Ich muß doch immer an solchen Sitzungen teilnehmen. Ich muß doch informiert sein, was beschlossen wird; denn bei mir liegt eigentlich die volle Verantwortung für alles, für den Zeitplan, dann dafür, daß die Medikamente und benötigten Geräte da sind, für den Diätplan und so weiter, und so weiter. Meinen Sie, die Ärzte würden sich um irgend etwas kümmern?“ Ich war sehr zufrieden und beruhigt.

 

    Frau Doktor Blumenfeld trat ein, gefolgt von dem Oberarzt. Sie forderten mich auf, den Raum zu verlassen. Franz sagte sehr bestimmt: „Ich wünsche, daß mein Bruder hierbleibt.“

 

    Frau Doktor Blumenfeld machte einen Schmollmund, zuckte mit den Schultern, schwieg aber, obwohl sie sichtbar nicht einverstanden war.

 

    Die beiden Ärzte untersuchten Franz kurz, maßen den Blutdruck trotz des Oszillographen, leuchteten in seine Augen, prüften Reflexe. Schwester Anita kontrollierte die Spritzen. Der Oberarzt band Franz den linken Oberarm ab, tippte leicht auf die Armbeuge und stach mit einem Ruck eine Spritze ein. Franz schaute mich mit weitaufgerissenen, angsterfüllten Augen an. Ich empfand eigenartiger Weise keinerlei Mitleid, wahrscheinlich, weil ich wollte, daß diese Flüssigkeit aus den Spritzen in seinen Körper kam, um ihn wieder gesund zu machen. Ich wollte es möglichst rasch hinter uns bringen.

 

    Ganz langsam wurde gespritzt. Es dauerte viele Minuten, bis die fünf Ampullen leer waren. Immer wieder wurde Franz gefragt, wie er sich fühle, ob ihm übel oder schwindelig werde, wie er sehen könne. Er mußte Schriftproben vorlesen.

 

    Der Oberarzt verließ den Raum, während Frau Doktor Blumenfeld Franz noch eine Weile beobachtete.

 

    Gerade als sie sich auch entfernen wollte, begann der Oszillografen-Ton unregelmäßig zu werden. Die Amplituden stiegen verschieden hoch und zeigten ungleichen Abstand von einander. Franz klagte über Übelkeit. Oberschwester Anita bereitete irgend etwas an der Sauerstoff-Flasche vor. Franz verdrehte seltsam die Augen, stöhnte furchtbar und keuchte. Der Ton, der den Puls anzeigen sollte, verstummte plötzlich, ging dann in einen Dauerton über.

 

    Ich konnte den Oszillografen-Schirm nicht sehen, weil Schwester Anita davor stand und Franz die Sauerstoff-Maske auf das Gesicht drückte. Frau Doktor Blumenfeld hantierte an einem Apparat, den ich nicht kannte. Die Pulstöne waren wieder zu hören. Oberschwester Anita hielt eine Brechschale bereit, und Franz mußte sich tatsächlich übergeben. Er jammerte sehr darüber, daß ihm so schlecht sei.

 

    „Ich falle... Ich ertrinke...“ murmelte er wie in einem Tag-Alp-Traum.

 

    Er bekam eine Spritze seitlich in den Gesäß-Muskel, wurde aufgefordert, sehr tief ein- und auszuatmen.

 

    Ich saß in einiger Entfernung und schaute zu wie in einem Kleinst-Theater, verspürte immer noch kein Gefühl der Anteilnahme, wunderte mich zuerst über meine Reaktion und erschrak dann über mich selbst.

 

    Wie war es möglich, daß ich so unbeteiligt und gefühllos dieses schreckliche Leiden von Franz miterleben konnte? Ich finde keine Erklärung. War es die Klammerung an die Hoffnung auf die günstige Wirkungsweise der Therapie? War es die irrationale Vorstellung, daß je mehr er leide, desto besser und effektiver die Wirkung, desto schneller die Heilung? War es eine Abstumpfung gegen die Schmerzen, die Franz ja nun schon wochenlang behelligt und seine Lebensfreude und damit auch die meine eingeschränkt hatten, die überhaupt auf unserer Beziehung lasteten, die jeden Tag die Furcht über uns schweben ließ, ob und wann sie wieder auftreten würden? Ich weiß es wirklich nicht. Auf keinen Fall konnte mir Franz gleichgültig geworden sein.

 

    Endlich hatte sich der Zustand von Franz stabilisiert und normalisiert. Er schlief.

 

    Frau Doktor Blumenfeld verließ den Raum und bat mich, ihr zu folgen. Auf dem Korridor erklärte sie, daß nun das Schlimmste der ersten Behandlung überstanden sei. „Wir werden in wenigen Tagen wissen“, erklärte sie, „ob sich die Geschwulst nicht weiter vergrößert. Herr Doktor Bruhns ist noch sehr jung. In diesem Alter hätte die Lebenserwartung nur noch wenige Tage betragen, wenn er nicht heute, praktisch in allerletzter Minute zu uns gekommen wäre. Falls das Wachstum nächste Woche zum Stillstand gekommen ist, was ich kaum bezweifele, dann hat er es geschafft.“

 

    Sie wollte wissen, ob ich noch bleiben wolle. Als ich bejahte, sagte sie: „Im Augenblick, das heißt die nächsten zwei Stunden schläft Ihr Bruder. Wenn Sie Lust haben, lade ich Sie zu einer Tasse Kaffee ein.“

 

    Ich war völlig überrascht über die Einladung, der ich gerne folgte.

 

    Sie erklärte mir ausführlich verschiedene Therapiemethoden, sprach sehr verständnisvoll über psychische Probleme der Kranken und darüber, daß ihrer Ansicht nach für jedes körperliche Leiden mehr oder weniger eine psychische Bereitschaft zur Annahme der Krankheit vorhanden sein müsse, nachdem ich erzählt hatte, daß ich Psychologie studiere. Sie sagte, daß die mit der Krankheit verbundenen Empfindungen wegen der Veränderungen am eigenen Körper und deren Auswirkungen wenig von den durchschnittlichen Medizinern berücksichtigt würden.

 

    „Man muß sich mal vorstellen“, überlegte sie, „da konnte jemand dieses und jenes aufgrund körperlicher Geschicklichkeit machen, stand in einem Arbeitsprozeß, hatte eine gewisse Stellung in der Familie und der Gesellschaft, hatte häufig für andere Menschen Probleme zu lösen und wird plötzlich selbst hilflos. Der ist doch aus der Bahn geworfen. Was bedeutet es alleine schon, jemand muß im Bett liegen, wird von Freunden, Bekannten und Arbeitskollegen besucht, die ihn noch nie im Bett gesehen haben? Sich in einem Bett befinden ist doch eigentlich eine ganz intime Angelegenheit... Wer sieht denn schon mal jemanden während eines normalen gesellschaftlichen Zusammenseins im Bett? Das ist doch eine ungewöhnliche Situation in unserer Gesellschaft. Wer kümmert sich darum, ob es einem Patienten peinlich ist, wenn er also in dieser Situation besucht wird, wenn er gewaschen wird, wenn ihm das Essen gebracht werden muß, wenn er nicht länger schlafen kann, wie er gerne möchte, weil in einem Krankenhaus der Ablauf-Rhythmus darauf nun wirklich keine Rücksicht nimmt? Es kann meiner Erfahrung nach jedoch auch ganz anders sein: Ein Patient kann ein regelrechtes Lustempfinden verspüren, wenn er untersucht, gewaschen, berührt wird, wenn sich einige Leute intensiv um ihn kümmern. Krankenhaus ist auch voller prickelnder Sexualität. Ich rede einfach mal ungereimt. Für uns Therapeuten und das Pflegepersonal ganz alltägliche... Nun, was wollte ich sagen? Das sind alles zwar sehr einfache Dinge, wie es aus unserer Sicht scheint. Aber kennen wir die tatsächliche Bedeutung für den individuellen Patienten, den kontaktgestörten, den älteren, einsamen, den, ich weiß nicht? Es gibt Leute, die gerne krank sind, je schwerer desto besser, weil sie das als Leistungsersatz ansehen. Wie oft höre ich »Frau Doktor, das was ich durchgemacht habe, das hat doch niemand...« oder »was ich alles ausgehalten habe...« und so weiter. Die Leute sind stolz auf die Größe ihrer Narben, je größer je besser, je entstellender, desto imponierender... Manche haben eine regelrechte Vorzeigesucht. Der Zusammenhang von psychischen und physischen Problemen, ich spreche bewußt nicht von Krankheit, der interessiert mich wahnsinnig.“

 

    Sie erklärte, daß sie ihren Beruf als Berufung und gleichzeitig als Hobby ansehe. Sehr angenehm empfand ich, daß sie sich überhaupt nicht nach meiner Herkunft und den üblichen Auffälligkeiten an mir erkundigte. Ich mochte sie sehr.

 

    Ich begann zu gähnen, fühlte mich nicht nur müde sondern völlig erschöpft.

 

    „Fahren Sie doch nach Hause“, empfahl die Ärztin. „Jetzt passiert mit Ihrem Bruder überhaupt nichts mehr. Er wird viel schlafen. Wenn Sie Morgen kommen können, dann wird er wieder ansprechbar sein.“

 

    Ich sah ein, daß es Franz überhaupt nichts nutzte, wenn ich noch bliebe, suchte ihn doch noch einmal auf. Er befand sich in tiefem Schlaf. Oberschwester Anita war von einer anderen Dame abgelöst worden. Ich wechselte leise ein paar Worte mit ihr, verließ den Raum und lief auf dem Korridor dem Oberarzt in die Arme.

 

    „Sie sind immer noch hier?“ lachte er. „Können Sie heute Nacht schlafen oder soll ich Ihnen ein leichtes Mittelchen mitgeben?“ bot er an. Ich lehnte ab und zeigte mich erstaunt, daß er immer noch im Dienst sei.

 

    „Das kommt nicht alle Tage vor“, erklärte er. „Aber manchmal muß man in unserem Beruf auch mal ein paar Stunden länger bleiben, wenn ein Kollege verhindert ist oder etwas Kompliziertes vorliegt. Er beruhigte mich noch einmal, daß man Franz „wieder hinbekommen werde“.

 

    Fee und Martha warteten auf mich. Sie hatten Essen warm gehalten, das ich jedoch nicht mit großem Appetit genießen konnte.

 

    Plötzlich, ganz unvermittelt, wurde ich von einem Weinkrampf befallen, war nicht in der Lage zu verhindern, in Gegenwart der Damen wie ein kleiner Junge zu schluchzen, woraufhin sie sich beinahe bekriegten, wer mich nun am besten trösten und am zärtlichsten streicheln könne. Diese meine peinlichen Gefühlsausbrüche muß ich unbedingt kontrollieren lernen.

 

    Ich schlief sehr unruhig, wälzte mich hin und her, wachte ständig auf, vermißte den geliebten Körper meines Freundes, suchte Caesar (den Kater) als Ersatz, der mir aber recht mißtrauisch gegenüber und nicht sehr interessiert war, längere Zeit bei mir zu bleiben. Zweifellos spürte das Tier die Veränderung meiner psychischen Stimmung, daß ich mit meinen Gedanken umher irrte.

 

    Am nächsten Morgen hatte auch ich sehr starke Kopfschmerzen. Ich wünschte mir, daß auch ich einen Tumor hätte. Dann wäre ich Franz gleichgestellt.

 

 

 

 

Franz ist wieder zu Hause

 

Montag, 28.4.1980

 

    Erst ab elf Uhr frühestens könnten wir Franz abholen, hatte das Krankenhauspersonal gesagt; denn die Nachuntersuchungen würden nicht vorher abgeschlossen sein. Fee bestand darauf, mit in die Klinik zu fahren.

 

    Als wir über den Korridor der zweiten Etage gingen, kam uns Frau Doktor Blumenfeld entgegen, begrüßte uns sehr freundlich und sagte: „Wir haben soeben Herrn Doktor Bruhns in sein Zimmer gebracht. Vielleicht warten Sie noch ein paar Minuten, ehe Sie hineingehen. Er wird noch von der leichten Narkose ein wenig benommen sein. Daher meine ich, Sie sollten ihn nicht sogleich... Äh, ich meine...“ Sie brach ab.

 

    Ich verstand, was sie sagen wollte. Ich wußte, daß sie nicht ausstehen konnte, wenn Besucher einen Patienten, der Ruhe wünschte und brauchte, dem Druck aussetzen, wonach er sich vielleicht gezwungen sieht, sich in Gegenwart von Verwandten, Freunden  und Bekannten »zusammennehmen«.

 

    „Gibt es irgend welche besonderen Verhaltensmaßregeln für meinen Bruder?“ erkundigte ich mich.

 

    Frau Blumenfeld schüttelte den Kopf und erklärte: „Nein, er kann völlig normal leben, alles essen und trinken. Nur Leistungssport sollte er vermeiden. Aber da sind sich die Experten auch noch nicht einig drüber, ob eine besondere körperliche Anstrengung tatsächlich negative Auswirkungen auf einen Tumor hat. Doch diese Frage ist ja wohl für Herrn Doktor Bruhns nicht relevant. Er sieht nicht so aus, als wäre er ein Leistungssportler aus Leidenschaft, nicht wahr?“

 

    Sie lächelte, reichte mir mehrere Zettel und fuhr fort: „Wie ich Ihnen bereits sagte, muß er regelmäßig die Medikamente nehmen, die ich hier auf dem Plan zusammengestellt habe. Das sind die Rezepte. Hier das Mittel ist nur für den Fall gedacht, daß er besonders heftige Kopfschmerzen bekommt. Falls er das Medikament nehmen muß, das also nur für den äußersten Notfall gedacht ist, darf er weder Alkohol trinken noch auto-fahren. Zu viel Alkohol ist ja sowieso nicht ratsam, wie Sie wissen. Aber wir haben ja bereits alles schon besprochen.“

 

    Kurz vor Mittag kam ein mir inzwischen bekannter, Wehr-Ersatz-Dienst leistender Pfleger aus Zimmer zweihundertundsiebzehn, in dem Franz lag, lächelte freundlich und sagte: „Sie wollen Herrn Bruhns abholen? Er wartet schon auf Sie.“

 

    Fee drängte sich an dem jungen Mann vorbei durch die Tür. Ich folgte. Franz saß bereits fertig angezogen auf der Bettkante, blickte uns freudig an und warf uns vor: „Ich habe schon lange gewartet. Wo bleibt ihr denn? Könnt ihr euch nicht vorstellen, daß ich mal wieder nach Hause will?“

 

    Fee rannte auf ihn zu, umarmte, drückte und küßte ihn wie einen Sohn. Wie hatte sie sich doch im Laufe unseres Zusammenseins verändert. Aus der Phython-Haut war tatsächlich eine Märchen-Fee geschlüpft.

 

    Als Franz durch das Zimmer ging, merkte ich, daß er sich doch sehr schwach fühlte; denn er torkelte leicht. Er war sehr abgemagert und blaß, schaute mit zurückliegenden, großen Augen umher und ich bemerkte Schweißtropfen auf seiner Stirn.

 

    Das Krankenhauspersonal verabschiedete sich sehr herzlich von uns und jemand sagte: „Dann bis in einem Monat.“

 

    Fee drückte der Oberschwester einen großen Schein „für die Kaffeekasse“ in die Hand.

 

    Franz bestand darauf, den Mercedes-Sportwagen zu steuern.

 

    Zu Hause wurde er von Martha enthusiastisch empfangen. Sie hatte bereits den Mittagstisch gedeckt und trug die leckersten Speisen auf, insbesondere reichlich Pudding mit heißer Schokoladensoße. Fee holte persönlich einen ihrer »besten« Weine. Aber es herrschte eine bedrückte Stimmung.

 

    Nachdem Franz etwas geschlafen und sich ausgeruht hatte, fuhren wir beide durch das nahegelegene »Höllenthal« in die Hügel, gingen recht lange, trotz des leichten Regens spazieren und bestellten in einem Wald-Café heißen Kakao und Kirschtorte.

 

    Als wir wieder zu Hause waren, fühlte sich Franz sehr erschöpft und mußte sich einige Stunden ausruhen.

 

    Während er schlief, las ich in meinem Fachbuch und beobachtete ihn. Seine Gesichtsfarbe hatte sich nach dem Spaziergang an der frischen Luft fast wieder normalisiert.

 

 

 

 

Bruch mit Elisabeth

 

Sonntag, 12.10.1980

 

   Franz und ich waren schon recht früh aufgestanden, um das Wohnzimmer aufzuräumen, ehe Elisabeth und Bruno {»Lebenspartner« von Elisabeth} hereinkämen. Wir bereiteten auch leise das Frühstück vor und fütterten Petra {die Katze}. Sie hatte die ganze Nacht bei uns auf der Couch gelegen, sogar teilweise auf dem Kopfkissen zwischen uns und direkt in unsere Ohren geschnurrt.

 

   Nachdem wir den Tisch gerade fertig gedeckt hatten, kam Elisabeth gähnend aus ihrem Schlafzimmer und sagte: „Ihr seid aber früh dran am heiligen Sonntag“, wünschte uns einen Guten Morgen und verschwand im Badezimmer.

 

    Bruno erschien kurz darauf, sich erstaunt und erfreut zeigend, daß »man sich gleich an den gedeckten Tisch setzen« könne. Es dauerte allerdings doch noch etwa eine halbe Stunde, ehe wir zusammen, recht schweigsam das Frühstück einnahmen.

 

    Die Sonne strahlte hell und ich schlug vor, nach der Mahlzeit wieder im Kurpark spazieren zu gehen, um auch wie gestern diesen schönen Herbsttag mit den bunten Bäumen, den vielfarbigen Astern, Dahlien, Gladiolen und anderen voll blühenden Blumen zu genießen. Franz gähnte unaufhörlich.

 

    „Hat Michel dich nicht schlafen lassen?“ fragte ihn Elisabeth ironisch. Er lachte.

 

    „Ich kenne Michel zu gut“, stichelte sie weiter, „um zu wissen, daß er keine Ruhe gibt.“

 

    Bruno blickte sie sehr böse an und bemerkte recht bissig, sich an sein Freundin wendend: „Du trauerst wohl immer noch der schönen Zeit mit ihm nach.“

 

    Er wurde noch finsterer, als er fortfuhr: „Ja, vergangene Nacht hast du dich fest an mich geschmiegt und so etwas wie »mein süßer Wuschel« gehaucht.“

 

    Er versuchte, dieses „mein süßer Wuschel“ mit einer besonders zärtlichen Stimme zu imitieren.

 

    Elisabeth schaute ihn erschreckt an und sagte gereizt: „Was soll das denn?“

 

    Bruno grinste und wehrte ab: „Ach, lassen wir das. Dein Pech ist ja, daß er sich nichts aus dir macht, weil er anders rum ist.“

 

    Ich fühlte mein Herz in den Halsmuskeln pulsieren. Franz hatte ein ganz errötetes Gesicht und schaute Bruno feindselig an.

 

    Aber mir war sogleich klar, daß Bruno sehr eifersüchtig war. Das war mir natürlich gestern schon aufgefallen, als ich mit Elisabeth auf der Wiese nachlaufen gespielt hatte, sie auf den Boden geworfen und wir uns gewälzt hatten.

 

    Elisabeth ergriff Bruno bei der Hand und rief lachend: „Das freut mich sehr, daß du dich richtig eifersüchtig zeigst. Ich bin dir also nicht gleichgültig, wie du manchmal tust.“

 

    Bruno stand auf und ging in die Küche, um sich noch etwas Schmierkäse aus dem Kühlschrank zu holen.

 

    Nachdem er zurückgekommen war, fragte ihn Franz: „Aus deiner Bemerkung von vorhin entnehme ich, daß du wohl etwas gegen Leute hast, die gleichgeschlechtliche Partner lieben, nicht wahr?“

 

    Bruno zuckte mit den Schultern, sagte jedoch nichts.

 

    Wir saßen alle ein paar Minuten schweigend zusammen. Dann erklärte Bruno: „Gut, ich hätte diesen Ausdruck »anders rum« nicht benutzen sollen. Das gebe ich zu. Aber außer den sogenannten Fachausdrücken haben wir ja kaum Spielraum...“

 

    „Da bin ich anderer Meinung“, entgegnete Franz. „Unsere Sprache ist gar nicht so arm an Worten und Ausdrucksmöglichkeiten. Du hättest zum Beispiel sagen können, »weil er sich nichts aus Frauen macht«. Ich fürchte mit deinem »anders rum« hast du zumindest unterbewußt eine Ablehnung uns gegenüber bekundet. Habe ich recht?“

 

    „Nun hört doch endlich auf!“ versuchte Elisabeth zu vermitteln und wohl auch das etwas unerquickliche Gespräch zu beenden.

 

    Franz blieb aber hartnäckig: „Ich lege allerdings großen Wert darauf, bei meinen Freunden genau zu wissen, wo ich stehe. Ich möchte nicht, daß hier etwas unter den Teppich gekehrt wird. Ich halte es für sinnlos, sich gegenseitig etwas vorzumachen. Daher bitte ich dich, Bruno, ganz offen zu erklären, wie du über uns Schwule denkst.“

 

    „Jetzt hört aber endlich auf!“ ereiferte sich Elisabeth. „Wir wollen uns doch nicht diesen schönen Herbsttag mit solchen Albernheiten vergällen. Jetzt räumen wir etwas auf und fahren raus oder?“

 

    „Tut mir leid“, erklärte Franz. „Aber ich möchte doch gerne wissen, wo ich bei Bruno stehe, und muß leider meine Bitte von vorhin wiederholen.“

 

    Mir war die Situation sehr unangenehm. Auch ich hätte gerne das Gespräch beendet gesehen und verstand die Beharrlichkeit von Franz nicht, da ich befürchtete, daß er einen Streit vom Zaune brechen würde. Ich kannte ihn aber zu gut, um zu wissen, daß er ein klares Ziel vor Augen hatte und ich ihn nicht unterbrechen durfte.

 

    Bruno schaute uns musternd an und sagte nach mehrmaligem Räuspern: „Ich weiß zwar nicht, was du genau von mir willst, aber wenn du mich so direkt fragst, dann darf ich dir vielleicht erwidern, daß ich mich nicht in eure Empfindungen hineinversetzen kann. Das darf ich doch wohl noch sagen oder? Man kann mir wohl nicht übel nehmen, wenn ich mich eben in euer Verlangen, ich meine, in eure, nun ich meine, wenn ich einfach nicht nachempfinden kann, daß man sich von einem gleichgeschlechtlichen Partner angezogen fühlt. Da man euch in unserer Gesellschaft auch ganz legal akzeptiert, werde ich ja auch, ich meine, brauche ich, äh, also ich meine, sträube ich mich nicht gegen Andersempfindende.“

 

    „Ach so? Du hältst dich also streng an die bestehenden Gesetze?“ präzisierte Franz.

 

    „Ach, jetzt laß es gut sein“, wehrte Bruno ab. „Wir wollen doch wirklich nicht irgend etwas aufbauschen.“

 

    Franz ließ nicht locker: „Bruno bitte. Ich möchte deine Empfindung uns gegenüber ganz klar wissen. Deinen Worten muß ich entnehmen, daß du uns zwar tolerierst, weil nach der derzeitigen Rechtslage nichts gegen uns vorliegt. Aber du kannst wohl eine Abneigung uns gegenüber nicht leugnen.“

 

    „Ach, hör endlich auf“, rief Bruno etwas gereizt. „Willst du mich zwingen, über meine Gefühle und Empfindungen zu reden?“

 

    „Ja, ganz genau“, entgegnete Franz und ergänzte: „Bei einer freundschaftlichen Beziehung will ich genau wissen, ob ich voll akzeptiert werde, ob du uns magst, gerne mit uns zusammen bist oder uns einfach nur tolerierst. Verstehst du, was ich meine?“

 

    „Wollt ihr nicht endlich aufhören?“ beschwor Elisabeth.

 

    „Nein“, sagte Franz, wirklich, meiner Ansicht nach, übertrieben hartnäckig.

 

    Bruno schüttelte den Kopf und sagte: „Elisabeth hat recht, und ich weigere mich, mich von dir auf die Couch legen zu lassen {Symbol für eine Psychoanalyse}.“

 

    Franz ließ nicht locker: „Ich bestehe jetzt darauf, daß du meine Frage beantwortest und nicht ausweichst.“

 

    Bruno seufzte: „Ich weigere mich genauso hartnäckig, wie du in meinen Empfindungen graben willst, und so wie du darauf beharrst, genau so wenig werde ich dir antworten. Reicht das? Ihr seid hier zu Gast bei Elisabeth in ihrer Wohnung, von ihr herzlich eingeladen, und ich als ihr Freund werde das ja wohl zu akzeptieren haben.“

 

    „Ach, so ist das?“ erklärte jetzt Franz. „Du akzeptierst uns, weil legal nichts gegen uns vorliegt und weil wir die Freunde von deiner Freundin Elisabeth sind? Das klingt eigentlich schon recht deutlich, Bruno. Warum bist du also zu feige, deine wahre Meinung offen zu sagen?“

 

    Ich merkte, wie Bruno ärgerlich wurde, der inzwischen genau so rot angelaufen war wie Franz. Das sah richtig komisch aus, wie aus weißer Haut rötliche geworden war.

 

    „Gut“, begann Bruno jetzt. „Ich meine, die Natur, man kann auch sagen, die gottgewollte Ordnung hat wohl nicht umsonst männliche und weibliche Wesen geschaffen, um die Fortpflanzung zu garantieren. Das ist das Grundprinzip. Wo kämen wir hin, wenn alle dieser Ordnung nicht folgen würden? Die Arten würden doch aussterben...“

 

    „Ach, so“, unterbrach Franz, „du meinst, wir würden uns dieser gottgewollten Ordnung nicht unterwerfen?“

 

    Bruno zuckte mit den Schultern und erwiderte nach einer Pause: „Unser Papst hat ja auch gesagt, daß es anders Empfindende gibt, die wir tolerieren müssen, solange sie ihre Andersartigkeit nicht praktizieren...“

 

    Franz unterbrach ihn wieder: „Hast du vergangene Nacht mit Elisabeth geschlafen?“

 

    „Was?“ rief Bruno erregt und fügte aufgeregt hinzu, nachdem er aufgesprungen war: „Das geht dich ja wohl einen Scheißdreck an!“

 

    Franz erklärte: „Nun dein Papst, also diese Bezeichnung ist ja schon ein Schlag ins Gesicht von Christus, der eindeutig gesagt hat: »Und soll niemand Vater heißen auf Erden; denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist« {Matthäus 23, Vers 9. »Papst« = Vater}. Dieser dein Papst lehnt ja jede Lustbeziehung ab. Wenn du also vergangene Nacht der Elisabeth kein Kind gemacht, sondern dich nur an ihr verlustierst hast, dann bist du auch außerhalb der katholisch kirchlichen Ordnung. Und wenn ihr ein Kind produziert habt, dann ist das in Sünde geschehen, da ihr nicht verheiratet seid.“

 

    „Geht das nicht zu weit?“ erboste sich Bruno.

 

    „Nein, das meine ich sehr ernst“, entgegnete Franz ganz ruhig. „Du zitierst deinen Papst in einem Fall und ignorierst seine gesetzte Ordnung, wenn es um dein Verhalten geht. Es gibt auch ganz klare Aussagen der katholischen Kirche, das geschlechtliche Zusammensein von Mann und Frau betreffend. Entweder du folgst der von der Kirche gewollten Ordnung zur Unterdrückung und zur Gängelung der Mitglieder - ich will nicht darauf eingehen, warum die Kirche das tut, in wessen Interesse - und du bist ein wirklich Gläubiger, oder du akzeptierst nur Teilbereiche und ignorierst diejenigen, die dich selbst behindern, womit du dann zu der Majorität der Heuchler gehörst, nicht wahr?“

 

    „Willst du mich beleidigen?“ rief Bruno sehr gereizt und lief im Zimmer umher.

 

    „Fühlst du dich beleidigt, weil ich recht habe?“ wollte Franz wissen.

 

    Bruno schrie: „Entweder gehe ich jetzt oder ihr!“

 

    Franz und ich standen sogleich auf, weil uns wohl keine klarere Aufforderung gegeben werden konnte.

 

    Elisabeth schrie hysterisch: „Seid ihr denn alle verrückt geworden, verdammt noch mal! Jetzt hört doch endlich auf!“

 

    Franz sagte ganz ruhig: „Ich fürchte, hier sind doch unüberwindbare Meinungsunterschiede aufeinandergeprallt. Beruhige dich, liebe Elisabeth. Wir gehen erst einmal. Vielen Dank für die schönen Stunden bei euch.“

 

    Jetzt kamen von ihr die üblichen blöden Floskeln, Entschuldigungen, daß man sicher alles gar nicht so gemeint habe, daß man darüber ein anderes Mal erneut sprechen solle, wenn sich die Gemüter beruhigt hätten, und so weiter, und so weiter.

 

    Ich eilte ins Badezimmer, um mir die Zähne rasch zu bürsten. Ich merkte, daß mir die Beine vor Aufregung zitterten, und hörte noch, wie Franz erklärte: „Ich halte leider Bruno für einen mittelalterlichen Primitivling und unverbesserlichen Heuchler ohne Ansätze für das, was ich vom einem aufgeklärten und aufklärungsbereiten Menschen erwarte...“

 

    Ich hörte irgendwelches Poltern, eilte in das Wohnzimmer zurück und sah Bruno im Schlafzimmer verschwinden.

 

    Elisabeth stand wie versteinert da. Tränen liefen über ihre Wangen. Ich wischte sie mit dem Handrücken ab und legte meinen Arm auf ihre Schultern. Sie umfaßte mich und weinte, wobei sich ihr ganzer Körper schüttelte.

 

    Franz hatte schon unsere wenigen Sachen in den Kunstlederbeutel verstaut, als Elisabeth sich ein wenig beruhigt und ich sie zur Couch geleitet hatte. Sie saß dort in sich zusammengesunken, schaute uns mit verquollenen Augen an und hatte so etwas wie einen Schluckauf, das heißt, sie gab ab und zu Hick-Laute von sich.

 

    Wir verabschiedeten uns, während sie sitzen blieb und uns wie in einem schlafwandlerischen Zustand die Hand reichte. Sie zeigte keine Reaktion. Wir verließen die Wohnung und fuhren davon.

 

    „Bist du nicht ein wenig zu weit gegangen?“ fragte ich Franz nach einer langen Pause des schweigend Nebeneinandersitzens.

 

    „Ich habe diesen Typen mit seinen Argumenten für noch mehr Atombomben, für noch mehr Waffen, mit seiner Ausländerfeindlichkeit, den Witzen über Türken, mit seiner Systemgläubigkeit an noch mehr Wirtschaftswachstum, mit dem Gerede vom freien Unternehmertum und so weiter nie leiden können. Ich war mir hundert Prozent sicher, daß er etwas gegen uns hatte. Das ist ja wohl endlich herausgekommen. Also, den nie wieder sehen zu müssen, tut mir nun wirklich nicht leid. Man muß ja nicht unbedingt jeden zum Freund haben oder?“

 

    „Ich weiß nicht“, meinte ich einschränkend. „Er sagte, daß er sich nicht in uns hineinversetzen kann oder so ähnlich. Das kann man ihm doch nicht übel nehmen oder?“

 

    Franz erwiderte: „Das allerdings nicht. Man kann nicht verlangen, daß sich jeder in jeden versetzen kann. Das nehme ich ihm ja auch nicht übel. Aber was er dann so von sich gegeben hat von gottgewollter Ordnung und seiner Scheiß-Kirche, das hat mir wirklich gereicht.“

 

    Ich war doch sehr schockiert über diesen schrecklichen Bruch einer guten Freundschaft, mußte aber zugeben: „Eigentlich hast du schon recht. Aber du bist doch immer der Meinung, daß man Menschen überzeugen solle und nicht mit Wut und dergleichen reagieren...“

 

    „Das schon“, bestätigte Franz. „Aber dann muß auch eine Diskussionsfähigkeit, zumindest eine Diskussionswilligkeit ansatzmäßig vorhanden sein. Die geht dem Bruno aber ganz ab. Wenn ich mir vorstelle, daß er sich als kirchlich gläubig gibt, also es ist doch wohl klar, daß dieser Christus hochgradig schizophren war, also unter der häufigsten der endogenen Psychosen litt. Weißt du inzwischen so einiges über diese Psychose?“

 

    „Ja natürlich“, bestätigte ich und erläuterte: „»schizein« heißt im Griechischen »spalten« und »phren« ist der Geist oder das Gemüt...“

 

    „und auch das Zwergfell“, ergänzte Franz lachend. Dann wollte er wissen: „Wie würdest du also meine Behauptung, das Christus schizophren gewesen ist, belegen?“

 

    „Also“, antwortete ich, „sein Eigenbewußtsein war gestört, die Grenze zwischen Ich und Außenwelt. Sein eigener Körper, seine Gedanken und Gefühle wurden als von außen gesteuert, nämlich von seinem himmlischen Vater gesteuert erlebt. Eigene Gedanken wurden als »Stimmen« gehört. Natürlich war er von einer Wahnidee besessen. Allein sich als Sohn Gottes zu empfinden, ist ein typisches Symptom. Da glauben Schizophrene, Napoleon zu sein oder wer auch immer. Ein solcher Mensch wäre heute sehr wahrscheinlich in eine psychiatrische Abteilung eingeliefert worden. Der ist ja sogar tätlich geworden {Tempelreinigung: z.B. Johannes 2, 15}, was in der Regel eine Zwangseinweisung zur Folge hat...“

 

    „Aber er hat dann doch schon so einiges wirklich Faszinierendes gesagt“, unterbrach mich Franz.

 

    „Das ist doch auch typisch schizophren“, erklärte ich. „Die sogenannte normale Seite erkannte schon viele Mißstände. Schizophrene brauchen ja nicht unbedingt unterbelichtet zu sein. Also dieser Christus hat schon einiges sehr gut analysieren können. Man könnte zwar fast schon sagen, daß die Schriftgelehrten und Pharisäer, die er ausschließlich mit dem Zusatz »Ihr Heuchler« {z.B. Mathäus 23} ansprach, bei ihm eine Art Verfolgungswahn auslösten. Aber, was wollte ich sagen?“

 

    Franz ergriff die Gelegenheit, seine Meinung zu sagen: „Hat Christus nicht gerade das völlig richtig gesehen? Verhalten sich nun diese Kirchenmänner nicht in allen Einzelheiten genau so wie diese Schriftgelehrten und Pharisäer, also diese Heuchler à la Christus? Das ist doch recht interessant, nicht wahr? Stell dir mal vor, diesen Christus hätte jemand mit einer Zeitmaschine in den heutigen Vatikan gebracht. Der wäre da doch völlig ausgeflippt. So jetzt zurück zu unserem Bruno, der ja auch Psychologe ist. Da siehst du doch, wie primitiv oder vielleicht doch ziemlich bösartig der ist. Der kennt doch bestimmt die Definitionen von Schizophrenie und schreibt bestimmt Gutachten über solche Personen, die darunter leiden. Da ist es doch schwer zu verstehen, daß er diese Schizophrenie der Religionsstifter dann aber nicht zumindest ahnen könnte? Welcher ausbildete Mensch ist denn nicht in der Lage, diese Parallele zwischen den damaligen Pharisäern und den heute Mächtigen zu erkennen? Das läuft doch auch nach psychologischen Gesetzen ab. Darüber haben wir ja mal gesprochen. Dieser Bruno ist doch ein gottverfluchter Heuchler, und ich halte ihn, wie schon gesagt, für bösartig; denn er will nur seine festgefahrene Meinung gelten lassen. Der hat doch der Elisabeth das Zusammensein mit dir nicht gegönnt, diese Aufmunterung und so weiter. Der ist neidisch auf uns, daß wir uns gut verstehen. Der möchte sich jeden unterordnen. Das reicht ja wohl als Charakterisierung eines weitgehend bösartigen Menschen.“

 

    Ich überlegte: „Diesmal bin ich nicht so ganz deiner Meinung. Ich halte ihn für völlig einseitig intelligent. Der ist nicht in der Lage, nun sage ich, der arme Kerl, die Zusammenhänge, die du da aufgezeigt hast zu sehen, also ganz bestimmt nicht. Also, der konnte bestimmt zwar sehr schnell auswendig lernen...“

 

    „Ohne irgend etwas zu verstehen“, unterbrach mich Franz.

 

    Ich ergriff wieder das Wort: „Ohne etwas verstehen zu können. Etwas rein wissensmäßig aufnehmen und etwas verarbeiten, das sind doch ganz verschiedene Schuhe. Was ich eigentlich nicht so ganz verstehe, ist, daß Elisabeth mit ihm überhaupt auskommen kann. Ich habe mich so gut mit ihr verstanden, und sie dachte doch genau so wie ich. Nun ist Bruno weder hübsch, wenigstens nach meinem Geschmack, noch zu differenziertem Denken fähig...“

 

    „Das ist deine Auffassung“, unterbrach mich Franz. „Er hat ein viel größeres Lexikonwissen als ich beispielsweise. Er kennt Fakten, Jahreszahlen, alles, was ich immer erst nachlesen muß, weil ich damit auch mein Gehirn teilweise bewußt nicht belasten will, da dieser Kram ja recht unwichtig ist, ob die Keilerei bei Issos im Jahre dreidreidrei oder ein Jahr oder 10 Jahre früher oder später war. {Gemeint ist die Entscheidungsschlacht im Herbst 333 v.Chr. zwischen Alexander dem Großen und Darius dem Dritten.} Damit hat er mir immer das Gefühl gegeben, daß ich ganz miese Karten habe. Ich kann nun mal nichts auswendig lernen, muß alles erst verdauen. Also, er wird mit seiner Argumentation Elisabeth dauernd in die Enge getrieben haben, bis sie kapituliert hat. Sie hat sich doch im Laufe der Zeit irgendwie geändert, meinst du nicht auch?“

 

    Ich nickte und entgegnete: „Ja, das habe ich auch beobachtet. Zu Beginn ihrer Beziehung mit Bruno hatte sie mir geschrieben, daß sie vieles der Erfahrung mit mir »in ihrer neuen Liaison« anwende, was Offenheit und so betrifft. Sie plappert jetzt vieles einfach dem senilen Bruno - so kommt er mir manchmal vor - nach und kam neulich doch mit dieser Geschichte, daß man uns Afrikanern die urtümliche Kultur wieder zurückgeben müsse. Das soll bedeuten, daß wir in unsere Hütten zurückkehren, wieder gefärbte Strohröckchen tragen und mit Pfeil und Bogen auf die Jagd gehen sollten. Ich kann nicht verstehen, warum davon immer wieder angefangen werden muß. Dann sollten sich die Teutonen auch wieder in ihre Bärenfelle einwickeln. Die Bayern mit ihren »Krachledernen« {kurze Trachtenhosen} hüpfen doch nur noch zur Volksbelustigung rum, bestimmt nicht im Büro. Sicher ist harte Kritik daran zu üben, daß die verantwortlichen Herrscher in afrikanischen Staaten uns unbedingt sogenannte westliche Errungenschaften aufpfropfen wollen, daß man in Entwicklungsländern alle Fehler, die man längst in den Industrienationen erkannt hat, kritiklos mit übernimmt. Wer spricht denn schon in Afrika vom Umweltschutz und Wiederverwendung von Müll...“

 

    „Um wieder direkt auf Elisabeth zurückzukommen“, unterbrach mich Franz. „Sie ist ein Beispiel dafür, wie schwer es ist, sich tatsächlich gegen bestehende Doktrine {Lehre, einseitig auf einen bestimmten Standpunkt festgelegt} zu stellen. Es ist einfacher, mit dem Strom zu schwimmen. Ich fürchte, Elisabeth hat resigniert, ohne sich völlig darüber klar zu sein.“

 

    Wir fuhren schweigend bis zur Raststätte, um zu Mittag zu essen. Ich hatte während der Fahrt, bei der wir, ohne zu sprechen nebeneinander gesessen hatten, versucht, über Elisabeth nachzudenken, ohne irgendwelche klaren Überlegungen anstellen zu können. Ich war doch sehr traurig bei dem Gedanken, daß die heutige Auseinandersetzung einen endgültigen Abbruch unserer Freundschaft bedeuten könnte.

 

    Als wir vor der Raststätte das Auto verließen, legte ich den Arm um Franz, da ich einfach Halt brauchte.

 

    Während des Essens stellte ich die Frage: „Wird sich das wieder einrenken lassen?“, die ich bisher hinausgezögert hatte, aus Angst, Franz könne sie so beantworten wie er es jetzt tatsächlich tat.

 

    Er schüttelte den Kopf und meinte: „Uns trennen doch Jahrhunderte von einer Denkweise à la Bruno, einer Denkweise, der sich Elisabeth immer mehr angepaßt hat. Was haben wir denn noch für eine Kommunikationsbasis? Man muß sich damit abfinden, daß sich manche Menschen in entgegengesetzte Richtung entwickeln. Ich behaupte, daß wir uns weiter entwickelt haben, während Elisabeth sich zurückentwickelt hat. Bruno war seit seinem vierten Lebensjahr bestimmt schon so wie heute.“

 

    Mir schossen fast die Tränen in die Augen, und irgendwie sträubte ich mich dagegen, eine wirklich nette Freundschaft so einfach abzubrechen. Ich sehnte mich danach, Elisabeth wenigstens von Zeit zu Zeit wiedersehen zu können. Sie war doch nicht gestorben, verdammt noch mal.

 

    Ich wurde ärgerlich und sagte gereizt: „Warum muß denn alles auf eine Kommunikationsbasis gestellt werden? Kann man denn, verdammt noch mal, nicht einfach mit jemandem befreundet sein, nur so, weil man ihn oder sie mag? Was habe ich denn für eine Kommunikationsbasis mit Caesar? Kann man denn nicht...“

 

    Ich brach ab, weil Franz mich offensichtlich nicht verstand und ich auch so laut geschrien hatte, daß Gäste nach uns schauten. Ich hätte diesen glotzenden dickbäuchigen, schweinehäutigen Wänsten meine Teller ins Gesicht schleudern können.

 

    Franz zwang sich zu einem Lächeln, sagte aber nichts.

 

    Ich ging zur Toilette, boxte unterwegs vor Wut gegen die Wände, und hätte am liebsten das Waschbecken aus seinen Angeln gerissen. Zum Glück war es stark genug verankert.

 

    Ich beschloß, am Abend Elisabeth einfach anzurufen und zu sagen, daß ich die heutige Auseinandersetzung einfach ignorieren und sie und Bruno genau wie vorher als Freunde betrachten werde.

 

    Auf der Weiterfahrt sprachen Franz und ich kaum miteinander. Jeder hing wohl seinen eigenen Gedanken nach.

 

    Kaum zu Hause angekommen, ging ich ans Telefon und wählte die Nummer von Elisabeth. Es meldete sich Bruno, der einfach den Hörer auflegte, als ich meinen Namen genannt hatte. Ich wählte ein zweites Mal. Er legte wieder auf. Ich wählte wütend ein drittes Mal und brüllte ins Telefon: „Du Arschloch!“ und legte dann selber auf.

 

    Franz saß da und grinste. Ich stürzte mich auf ihn und wollte mit meinen Fäusten auf ihn einschlagen. Er hatte aber geschickt meine Unterarme gegriffen, so daß ich kaum etwas anrichten konnte. Ich riß mich los, warf mich auf das Bett und weinte wie ein Kind, dem man eine Puppe weggenommen hatte. Franz kraulte in meinen Haaren.

 

    Als ich mich beruhigt hatte, sagte ich: „Elisabeth hat mir doch in den Briefen nach Hause, ich meine, nach Kenia geschrieben, daß Bruno so verständnisvoll wäre und auch meine besondere Beziehung zu ihr irgendwie voll akzeptiert habe.“

 

    Franz überlegte und erklärte dann: „In einer neuen Beziehung ist man in der Regel wohl toleranter als später. Ich weiß zwar auch nicht warum. Vielleicht wissen die Psychologen das. Aber im Laufe der Zeit wird dann versucht, unterbewußt sicher, dem Partner die eigenen Vorstellungen aufzuzwingen. Es entsteht ein Machtkampf. So habe ich das immer wieder beobachten können bei Partnerbeziehungen, die ich verfolgt habe. Es gibt Leute, die lernen aus ihren Erfahrungen auf die eine oder andere Weise. In diesem Zusammenhang fallen mir so schöne Aussprüche dieses ersten deutschen Bundeskanzlers nach dem zweiten Weltkrieg ein, der mal gesagt hat: »Meine Damen und Herren, sie können doch nicht verhindern, daß ich von Tag zu Tag klüger werde« oder »was geb’ ich um mein dumm(es) Geschwätz von gestern«. Das nur nebenbei... Die meisten aber passen sich an, wie die Damen und Herren aus der Studentenbewegung der sogenannten Sechziger Jahre. Die anderen bleiben auf der Strecke, isolieren sich von ihren Mitmenschen und ihrer Umwelt... Ich möchte wiederholen: Die meisten Leute flüchten sich in die sogenannte bestehende, gültige Ordnung, wenn möglich sogar in die von gestern. Vielleicht war die Beziehung zwischen dir und Elisabeth für sie so etwas wie ein Märchen, in dem sie mit dir und auch mit ihrer Denkweise einen Ausflug in eine Traumwelt gemacht hat, dann aber wieder in die sogenannte Wirklichkeit zurückgekehrt ist.“

 

    Man könne das vergleichen mit einem Fließbandarbeiter, fuhr er fort, der einmal einen Urlaub in einem Luxushotel verbringen könne, dann aber wieder zurück an seine Arbeitsstelle, an das Fließband müsse mit dem Verlust jeglicher Freiheit, jeglicher Lebensfreude. Ihm bliebe nur der Traum vom schönen Urlaub. In der Alltagsumgebung müsse er sich einordnen, unterordnen. Sonst sei seine Existenz gefährdet.

 

    Mir war nicht ganz klar, was Franz mit diesem Beispiel genau sagen wollte. Sicher konnten wir in unserer Diskussion nur vage ahnen, warum Menschen sich ihrer Freiheit und Lebensfreude berauben lassen, warum sie sogar die Ordnungen und Systeme stützen, die ihre Lebensqualität beeinträchtigen, wieso überhaupt solche Systeme zustande gekommen sind.

 

    Dazu meinte Franz: „Das ist alles so komplex, daß wir nichts in wenigen Minuten präzisieren, nichts genau analysieren können, um daraus eine Synthese, einen Verbesserungsvorschlag herzuleiten. Aber zurück zu den Partnerschaftsbeziehungen. In der klassischen Ehe fängt das mit verliebt, verlobt, verheiratet an. Nach der Hochzeit gibt es die Flitterwochen, den »Honeymoon« {»Honigmond«}. Dann geht es schon los mit dem Gerangel. Du hast dich doch einmal gewundert, als wir das Schneiderehepaar in dem schweizerischen Hotel »Zum Goldenen Bären« getroffen hatten, daß sich die beiden nach so vielen Jahren immer noch liebten. Erinnerst du dich? Ich halte das für eine einzigartige Ausnahme. Sonst hört man doch immer nur Sticheleien und Boshaftigkeiten unter Paaren, die länger zusammen sind. Von sich mal berühren und streicheln und Zärtlichkeit und so siehst du nie etwas. So, aber, was für mich das Allererstaunlichste bei meinen Beobachtungen der ehemaligen Liebespaare ist: Wenn's darauf ankommt, dann sind sie zumindest einer Meinung und halten dann doch zusammen wie Pech und Schwefel, wie man sagt. Ich habe soeben den Ausdruck »ehemalig« gebraucht, weil die Liebe wohl vorbei ist. Gut, man hat sich vielleicht irgendwie aneinander gewöhnt, und irgendwie scheint die offizielle Ehe dann doch eine kleine Klammer zu bleiben. Übrigens würde ich gerne wissen, wie lange ein Schwulenpaar miteinander auskommt. Ich kenne keine Beziehung älter als zwei bis drei Jahre... Ich meine keine gute...“

 

    „Dann sind wir ja auch bald soweit?“ sagte ich zwar ironisch, aber doch irgendwie erschreckt.

 

    „Das glaube ich nicht“, tröstete mich aber Franz sogleich; „denn dann hätten sich Reibereien zwischen uns schon früher bemerkbar gemacht. Bei uns verlief das doch sogar umgekehrt: Anfänglich einige Mißverständnisse, kleine Probleme mit so einigen individuellen Unterschieden. Das sehe ich alles als bereinigt und gelöst zwischen uns. Ich bin heute völlig davon überzeugt, daß wir den gleichen Weg des Schneiderehepaares vor uns haben. Wir sind uns doch immer vertrauter geworden in den über zwei Jahren unseres Zusammenseins. Ich kann zumindest von mir aus sagen: Ich empfinde nie eine Wut, nie die geringste Aversion gegen dich. Ich finde deinen Körper nach wie vor hinreißend. Als du gestern Abend in der Badewanne standest und dir die Füße trocknetest, dich dann aufrichtetest, um Wassertropfen, die übrigens wie wunderschön glitzernde Glasperlen auf deiner dunklen Haut aufgeschnürt aussahen... Also, als du die verschiedensten Bewegungen machtest, um Körperteile zu trocknen, wobei du viele verschiedenartigen Stellungen einnahmst, wobei die Muskeln spielten, Sehnen hervortraten, wobei du ab und zu leichte Stöhnlaute von dir gabst, du, da habe ich gedacht, was für eine Augenweide! Ich finde dich von Tag zu Tag schöner. Also bei mir sind die Flitterwochen noch lange nicht vorbei, sage ich dir.“

 

    „So deshalb hast du mir nicht geholfen“, sagte ich theatralisch ärgerlich, „weil du deine Augen geweidet hast...“ Dann erklärte ich ihm, daß ich stundenlang mit meinen Lippen über seine Haut fahren könne. Das wäre die schönste Reise für mich. Da gäbe es so viel Abwechselung in dieser Hautlandschaft: „ganz, ganz weiche Stellen, dann etwas rauher, dann ein wenig Gestrüpp. Da sind Hügel und Ebenen und vieles mehr.“

 

    „Also ich habe Gestrüpp auf meinem Körper?!“ lachte Franz.

 

    Fee bat uns zum Abendessen. Franz erzählte, was vorgefallen war. Sie bemerkte: „Das ist ganz natürlich, daß man sich unter Freunden auch mal streitet. Das läßt sich wieder einrenken“.

 

    Ich schüttelte den Kopf. Nach der Reaktion von Bruno am Telefon hielt ich das für aussichtslos. Mir war klar, daß er nunmehr dabei wäre, Elisabeth davon zu überzeugen, was für abartige Schweine wir »objektiv« seien, widernatürlich, pervers, entgegen der gottgewollten Ordnung und vieles mehr.

 

    Nach dem Abendessen fuhren wir in den Club. Niemand war willens, nachzuempfinden, warum wir durch den Bruch mit Elisabeth so deprimiert waren. Es wurden auch hier die üblichen Bemerkungen gemacht wie: „Das läßt sich sicher wieder einrenken“ oder „macht euch nichts draus. Dann müßt ihr euch neue Freunde suchen.“

 

    Franz und mir wurde wieder einmal klarer, daß es sehr, sehr schwer ist, Mitmenschen zu finden, die ähnlich empfinden wie wir selber.

 

    Franz erklärte mir, als wir in unserem Bett lagen, daß man wohl eine sozusagen ideale Freundschaft mit einem gleich empfindenden, gleich denkenden Partner, mit echter Sehnsucht zueinander nur aufbauen könne, wenn auch eine körperliche Anziehung vorhanden sei, zumindest eine Rolle spiele. Da Bruno uns vielleicht abstoßend fände und außerdem eifersüchtig sei, könne sich keine echte Freundschaft aufbauen lassen.

 

    „Vielleicht ist der fast hundertprozentig Hetero“, meinte Franz. Dann schloß er an: „Ich möchte doch noch ein paar Überlegungen anstellen zu deiner Bemerkung, daß man durchaus auch einfach nur so mit jemandem befreundet sein könnte, weil man ihn oder sie mag, ohne daß da eine großartige Kommunikationsbasis sein muß. Im Prinzip geht das sicher, nein, ich korrigiere: Es geht oft sehr gut. Da hast du ja noch keine intensive Kommunikationsbasis mit Kindern und vor allem nicht mit Tieren. Trotzdem kann man mit sogenannten einfachen Lebewesen durchaus gerne zusammen sein. Da spielt wohl ein Pflegetrieb, ein Trieb, bei der Aufzucht und der Prägung dieser Lebewesen mitzuwirken, ein Rolle. Ich würde ja alles tun, um zum Beispiel jeden Schaden von Caesar abzuwenden, weil ich mich einmal für das Tier verantwortlich fühle aber auch selbst Zuneigung und ein Gefühl des Sich-Mögens erwidert bekomme. Dieses Gefühl konnte mir aber Bruno nie geben, nämlich uns zu mögen. Wir haben doch sehr viele Bekannte und Freunde, mit denen wir keine hochtrabenden Gespräche führen können. Dennoch mögen wir uns gegenseitig. Das ist doch der springende Punkt, meinst du nicht auch?“

 

    Dann berührte Franz einen Punkt in unserer weiteren Diskussion, den ich für wert halte, festzuhalten. Es ging um die sogenannte Religionswissenschaft und Predigten der Pfarrer und Pfaffen, wobei Franz bemerkte: „Was mich am meisten bei diesen Leuten stört, die ja immerhin ein volles Universitätsstudium absolviert haben, daß die eigentlich sich nur auf ein einziges Buch beziehen, nämlich die Bibel. Fast ausschließlich wird daraus zitiert, höchstens mal dazu, was irgend jemand aus dem dort Geschriebenen für Schlüsse gezogen oder wie irgend jemand die Bibel ausgelegt hat. Das ist ja nun im höchsten Maße unwissenschaftlich. Damit muß ich einem Studium von Religion die Beifügung »Wissenschaft« völlig absprechen. Da wird nichts infrage gestellt. Da wird nur versucht, Widersprüche zu beseitigen in der Bibel, obwohl ja auch die Relionsvertreter zugeben, daß dieses Zeug von Menschen geschrieben worden ist, nicht einmal von Gott, dem sogenannten Allmächtigen diktiert. Auf den Koranschulen geht es nicht anders zu. Leider beschränken sich die sogenannten Marxisten eben auch auf dessen Lehrbücher, zum Beispiel »Das Kapital«, in dem er den sogenannten wissenschaftlichen Sozialismus begründete. Aber immerhin fußen seine Werke durchaus auf wissenschaftlicher Arbeit, auf Analysen und Verarbeitung von Vorgedachtem, woraus seine Ideen synthetisiert sind. Da ist nichts aus der Luft gegriffen. Das macht einen großen Unterschied zu einer Bibel oder einem Koran. Im allgemeinen muß ich aber vor allen »Ismen« warnen {gemeint sind sogenannte doktrinäre Weltanschauungen, wie Katholizismus, Buddhismus, Marxismus, Sozialismus, Leninismus, Kommunismus, aber auch Okkultismus, d.h. Lehren zum Bereich der außersinnlichen Wahrnehmung, oder Spiritismus, worunter Geisterbeschwörung verstanden wird, und viele, viele mehr}. Anhänger von diesen »Ismen« sind völlig einseitig und ausschließlich in den, durch diese »Ismen« vorgeschriebenen Lehrmeinungen behaftet. Sie sind gegen alles andere voreingenommen. Bruno steckt voll in seinem Katholizismus, zumindest zieht er sich immer in dieses Denkgebäude zurück, wenn er eine Meinung vertreten soll. Er ist nicht fähig, sich eine eigene Meinung zu bilden. Dennoch ist da bei ihm durchaus die Diskrepanz {Unstimmigkeit} zwischen seinem täglichen Handeln und den ihn leitenden Doktrinen. Er ist wahrscheinlich zu dumm, um selber die Kluft zu merken; denn außer den Regeln des Katholizismus wirken ja auf ihn die übrigen gesellschaftlichen Konventionen, nach denen heute zum Beispiel durchaus ein Mann mit einer Frau zusammensein kann, ohne verheiratet zu sein. Das ist ja noch gar nicht so lange her, daß das toleriert wird. In den islamischen Gesellschaften ist das heute immer noch undenkbar. Er hat überhaupt die Veränderungen, diese Widersprüchlichkeit der Entwicklung der Konventionen in eine andere, gegensätzliche Richtung zu seinen katholischen Lehrmeinungen nicht mitbekommen. Für ihn ist auch das gottgeben, also die derzeitige gesellschaftliche Lebensform. Als Psychologe beruft er sich ausschließlich auf Freud, zweifellos eine wichtige Persönlichkeit im Rahmen dieser Disziplin. Aber auch das zeigt doch, daß er alles, was sich dann so auf diesem Gebiet getan hat, sich auf Freud aufgebaut, aber auch parallel entwickelt hat, nicht sieht, also, daß er eben aus seinem Mangel an Flexibilität im Denken das alles überhaupt nicht mehr bewußt wahrnimmt. Er kennt auswendig die verschiedenen Richtungen, aber nur, weil er das alles für die Examina brauchte. Der hat sich mit nichts auseinandergesetzt, was manchmal verdammt schmerzlich sein kann, weil es das Gehirn unwahrscheinlich belastet so, wie ein überfüllter Magen, wenn man bei einer Mahlzeit, auf der eine Unzahl verschiedener Gerichte angeboten wurde, alles mal probiert hat. Also heute wissenschaftlich arbeiten und denken ist ja so komplex geworden, daß man schon höllisch aufpassen muß, nicht in das Kielwasser nur einer Lehrmeinung zu geraten.“

 

    Wir überlegten noch viele Erklärungen zum Verhalten und Empfinden von Bruno. Aber keine war für mich hinreichend einleuchtend.

 

    Ich weiß nur, daß ich Franz über alles liebe und ohne ihn sicher die Probleme dieser Welt nicht mehr lösen können werde. Ich bin ja so glücklich mit ihm.

 

 

 

 

Fee hat uns verlassen

 

Freitag, 16.1.1981

 

    Fee war heute Morgen nicht zum Frühstück erschienen. Sie war bisher immer zuerst aufgestanden.

 

    „Martha“, sagte ich, „klopf doch mal bei ihr. Vielleicht fühlt sie sich nicht wohl.“ Martha ging.

 

    Plötzlich hörten wir sie von der Diele her schreien: „Hilfe! Hilfe!“

 

    Franz und ich erschraken und stürzten in die Eingangshalle. Die Rufe von Martha kamen von oben. Wir rannten die Treppe hinauf in das Schlafzimmer von Fee.

 

    „Sie ist tot... Sie ist tot...“ stammelte Martha immerzu. Ich konnte Barbara aber nicht entdecken. Franz deutete zum Badezimmer, wo sie in ihrem weißen Nachtgewand halb seitlich auf dem Boden lag.

 

    Franz rief: „Sofort einen Notarzt anrufen!“ Martha war aber bereits schon auf dem Wege zum Telefon in der Diele.

 

    Franz fühlte, ob er den Puls von Fee spüren könne, schüttelte den Kopf, drehte sie auf den Rücken, preßte ein Ohr auf ihre Brust und horchte angestrengt. Er schüttelte wieder den Kopf. „Mein Gott“, murmelte er. „Sie ist wirklich tot.“

 

    Wir trugen sie vorsichtig auf das Bett. Franz betastete kopfschüttelnd immer wieder ihren Arm und Hals, legte mehrmals den Kopf auf ihre Brust. Ich war regelrecht erstarrt und nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu formen.

 

    Martha stand neben mir, weinte und jammerte: „Jetzt kann ich mir eine andere Stelle suchen. Warum ist sie denn gestorben? Was soll ich denn jetzt machen?“

 

    Nach wenigen Minuten kam bereits die Ambulanz mit laut tönendem Martins-Horn. Franz war schon zur Eingangstür geeilt, ehe der Wagen vor dem Hause hielt.

 

    Ein Arzt stürzte in das Zimmer, horchte Fee ab und sagte: „Da ist absolut nichts mehr zu machen; ein absolut tödlicher Schlaganfall. Sie muß auf der Stelle tot gewesen sein. Sie hat überhaupt nichts gespürt. Das kann ich Ihnen versichern.“

 

    Inzwischen waren zwei weitere, ganz weiß gekleidete Herren mit einer Bahre hereingekommen. Sie blieben in der Nähe der Tür stehen.

 

    „Was machen wir jetzt?“ fragte ich ratlos.

 

    Der Notarzt erkundigte sich nach unserem Verhältnis zu Fee, riet, die Verwandten zu benachrichtigen, und fragte: „Hat die alte Dame denn schon mal von einer solchen Möglichkeit gesprochen, ich meine... wie soll ich es sagen... Hat sie zum Beispiel mal von einem Beerdigungsinstitut gesprochen?“

 

    „Sie hat einmal gesagt, im Falle daß ihr etwas zustoßen sollte, möchte sie, daß sofort und zu allererst Herr Doktor Wortach informiert werde“, erinnerte ich mich.

 

    „Der Notar?“ erkundigte sich der Arzt erstaunt.

 

    Franz bestätigte, daß es sich, seines Wissens, um einen, ihr vertrauten Anwalt handele. Er werde ihn sogleich anrufen, suchte nach der Telefonnummer in seinem kleinen Notizbuch, das er in der Regel bei sich trug, und eilte zum Telefon. Er kam sogleich zurück und informierte den Arzt: „Der Herr Anwalt möchte mit Ihnen sprechen.“

 

    „Mit mir?“ fragte er erstaunt und ging mit Franz, ohne eine Anwort abzuwarten, zum Telefonapparat.

 

    Fee lag auf dem Bett, als ob sie fest schliefe. Wie konnte sie tot sein? Warum sollte sie tot sein? Was bedeutet denn überhaupt tot sein? Sie lächelte sogar ein wenig, war ganz entspannt, wirkte doch ganz normal und lebendig wie immer. Oft hatte ich sie sich ausruhend, schlafend gesehen, mit geschlossenen Augen, mit diesem leichten Lächeln um den Mund. Was war denn heute passiert? Was war der Unterschied zwischen tief, friedlich und fest schlafen und der Behauptung, sie werde nicht mehr aufwachen? Mir wurde klar, daß der Übergang vom Leben zum Tod wohl sehr fließend sein kann. An ihrem Körper war keine Beschädigung zu sehen, nichts zu entdecken, das sie am Weiterleben, am Wieder-Aufwachen hindere. Aber sie werde nie mehr aufwachen, versuchte ich mir klar zu machen. Auf alles Rütteln und Schütteln, alles Anschreien würde sie einfach nicht mehr reagieren. Mir war das so unbegreiflich, daß ich überhaupt nichts empfand. Fee war immer noch bei uns, hier in ihrem Zimmer. Was hatte sich geändert? Nichts hatte sich, für mich sichtbar, geändert. Ich betrachtete sie immer wieder und konnte einfach nichts entdecken, was beunruhigend war. Der Tod, dieser ihr Tod, war mir nicht erkenntlich, war etwas Imaginäres. Ich ergriff ihre Hand, die kalt war. Aber ihre Hände waren oft kalt gewesen. Ich streichelte ihre Haut. Da war kein Unterschied. Die Haut fühlte sich genau so an wie immer. Sie war an einem Schlag gestorben, hatte der Arzt behauptet.  In ihr, also irgend etwas, versteckt unter der Haut war defekt, beschädigt, zerstört, nicht mehr reparierbar.

 

    Franz kam mit dem Arzt zurück, der die Helfer anwies, Fee auf die Bahre zu legen. Sie wurde gepackt wie eine Warenhaus-Puppe, auf die Pritsche gelegt, mit einem weißen Tuch zugedeckt und weggetragen. Die Männer zeigten dabei keinerlei Regung in ihrem Gesicht, keine Trauer, kein Mitleid, weil Fee irreparabel war, keinerlei Anzeichen, daß sie einen Menschen für immer abtransportieren und keine Wachsfigur auf die Müllkippe werfen würden. Die schwere Holztür des Hauses fiel mit einem dumpfen Knall ins Schloß. Das war's. Fee war weg, endgültig weg, wird niemals mehr wiedergebracht werden.

 

    Plötzlich wurde mir diese schreckliche Endgültigkeit bewußt, dieses Ende, das kein Danach hatte, das höchstens eine Erinnerung zurückließ, eine Erinnerung, die nur solange bestehen würde, wie die Zurückgebliebenen, die mit ihr Zusammen-Gewesenen lebten. Also, sogar die Erinnerung wird vergehen. Dann bleibt nichts, absolut gar nichts. Ich starrte auf das leere Bett, auf dem noch die leichte Mulde zu sehen war, die sie mit ihrem Körpergewicht hinterlassen hatte. Was war sonst noch direkt von ihr zu sehen? Da waren noch die Zahnbürste und das Parfum im Badezimmer, die Kleider auf dem Stuhl, die sie vergangenen Abend sorgfältig dort abgelegt hatte. Es gab einige Hinterlassenschaften, wie man sagt, teilweise völlig wertlos, wie die Zahnbürste, der Kamm, die Kontaktlinsen. Sie war tot, mausetot, unwiederbringlich tot, weg, ausgelöscht. Das, was ihr heute geschehen war, war irreparabel, irreversibel. Wir werden nie mehr ihre Stimme hören. Sie wird uns nie wieder freundlich oder mit Schlangenaugen ansehen, zum Essen einladen, willkommen sein oder stören. Sie wird nie mehr Martha eine ordinäre Person, Herrn Hofmann einen Schürzenjäger, ihren Sohn einen Geier nennen, nie mehr Franz zum Klavierspielen auffordern, nie mehr durch das Haus schleichen. Alles das wird es mit einem Schlage, nach dem Schlage, der ihr Leben ausgelöscht hatte, nicht mehr geben. So war es also, wenn jemand gestorben ist.

 

    Ich registrierte kaum, was der Arzt sagte. Er verabschiedete sich.

 

    Mit einem Male überfiel mich dieser schreckliche Schmerz über den Verlust, das zerbrochene, nicht wieder kittbare Leben der gütigen Fee. Ich warf mich auf ihr erkaltetes Bett, in dem sie noch vor wenigen Minuten gelegen hatte, und weinte bitterlich. Franz kraulte in meinen Haaren und versuchte, mich zu trösten: „Hast du nie daran gedacht, daß das einmal passieren könnte, unausweichlich passieren müßte?“

 

    Ich schüttelte den Kopf, war unfähig und auch nicht willens, mich zu beruhigen. Franz versuchte, mich aufzurichten und sagte: „Bitte, beruhige dich doch. Gleich werden Leute kommen. Das wäre sicher ein bißchen peinlich, wenn du so unkontrolliert weinst.“

 

    Meine Trauer schlug sogleich in Haß gegen ihn um. Wie konnte er so eiskalt sein wie diese Leichen-Transporteure, so ohne jede Emotion? Ich stürzte mich auf ihn, schlug auf ihn ein und schrie: „Ja, weg ist weg, tot ist tot, kaputt ist kaputt, du gemeiner, roher, gefühlloser Kerl, du Schwein...“ Hysterisch und völlig von Sinnen schlug ich zu.

 

    Martha war wegen des Krachs herbei geeilt, warf sich zwischen uns, stemmte sich gegen mich und kreischte: „Du wilder Urwald-Hengst! Bist du total verrückt? Wenn du Franz am Kopf triffst... Du weißt ja überhaupt nicht mehr, was du tust!“

 

    Sie ohrfeigte mich, so gut sie konnte; denn sie mußte recht hoch mit ihren kurzen Ärmchen reichen, um an meinen Kopf zu kommen.

 

    Das Stichwort, daß ich Franz am Kopf treffen könne, brachte mich schlagartig zur Besinnung. Wie elektrisiert starrte ich ihn an, sah ihn und Martha nur verschwommen mit meinen Tränen verquollenen Augen und wollte wissen: „Habe ich deinen Kopf verletzt?“

 

    Franz lachte und sagte: „Du bist wirklich ein wildes, manchmal schwer bezähmbares Tier. Meinst du, mir ginge der Tod von Fee nicht genau so nahe. Aber ich habe mich ja nun selbst schon so lange in seiner unmittelbarer Nähe aufgehalten - ich meine den Tod - und mußte mich auf mein eigenes Ende vorbereiten. Du weißt, die Gefahr ist immer noch nicht vollständig gebannt...“

 

    Ich entschuldigte mich, unkontrollierbar schluckend, nahm ihn fest in die Arme, konnte jetzt erst recht die Tränen nicht unterdrücken.

 

    Als ich mich etwas beruhigt hatte, hielt Martha mir ein großes Tuch hin und sagte: „Schneuz dir mal die Nase und schau dich mal im Spiegel an! Du bestehst ja nur noch aus Rotz und Wasser. Das ist ja schrecklich mit dir. Wenn nachher die Doktoren Rinkes kommen, was sollen die von dir denken? Meinst du, der Herr Doktor jur. würde eine einzige Träne vergießen? Der wird uns sofort kündigen, alle Schränke durchsuchen, und in kurzer Zeit ist das Haus halb ausgeräumt...“

 

    „Um Gottes Willen“, schrie ich. „Wir müssen Caesar wegschaffen! Die nehmen dieses sensible Tier bestimmt auch mit!“

 

    „Wie kommst du denn darauf?“ wollte Martha wissen.

 

    „Das ist doch eine echte und wertvolle Katze mit Stammbaum!“ erwiderte ich.

 

    Martha schaute erschreckt Franz an, der ruhig sagte: „Die sind an dem Tier selbst überhaupt nicht interessiert, nur an seinem Wert. Wenn die den mitnehmen wollen, werde ich sogleich über den Kaufpreis verhandeln. Ich rufe sofort in einer Tierhandlung an und erkundige mich...“

 

    Er lief zum Telefon. Ich rannte hinter ihm her und suchte Caesar, der auf unserem Bett lag, mich sehr freundlich, die Augen zukneifend, anschaute. Ich packte ihn, drückte ihn an mich und begann, wieder laut zu schluchzen. Das Tier riß sich los, beobachtete mich argwöhnisch, griff mich plötzlich an und biß kräftig in meinen Arm. Ich schrie: „Die Katze hat mich gebissen!“

 

    In diesem Augenblick schnellte Caesar den Kopf erneut vor wie eine Schlange und biß noch einmal kräftig zu. Franz nahm ihn behutsam, setzte ihn auf den Tisch am Fenster und erklärte: „Du hast den Kater erschreckt mit deinem hysterischen Weinen. Jetzt reiß dich endlich mal zusammen.“ Martha war auch hereingekommen.

 

    „Mach die Tür zu!“ brüllte ich sie an.

 

    „Verdammt noch mal, die Tür ist doch zu!“ kreischte sie. „Du Idiot! Du bist ja nicht mehr zurechnungsfähig, anstaltsreif. So 'was habe ich noch nie erlebt. Du benimmst dich... Verdammt noch mal!“

 

    Während ich ihr meinen zerbissenen Arm zeigte, erklärte Franz, daß Caesar mich gebissen habe.

 

    „Das Tier ist vernünftiger als du“, bemerkte sie. „Das hat dich nur deshalb gebissen, weil du überhaupt nicht mehr wiederzuerkennen bist. Der (Kater) hat genau das getan, wozu ich auch Lust hätte, nämlich dir links und rechts ein paar in diese Heul-Fresse hauen... Du hysterischer Urwald-Neger!“

 

    In diesem Augenblick klingelte es. Martha ging, um die Tür zu öffnen.

 

    Franz versuchte, mich zu beruhigen. In meinem Kopf hämmerte es. Mit meinem vertränten Gesicht konnte ich das Zimmer nur verschwommen wahrnehmen.

 

    Martha kam zurück und sagte: „Doktor Wortach ist da und will mit euch sprechen.“ Franz holte tief Luft und ging.

 

    Martha betrachtete meinen Arm, lachte und sagte: „Das sieht ja ziemlich schlimm aus. Mein Gott. Was hast du denn dem armen Tier getan? Jetzt müssen wir dich auch noch zum Arzt bringen. Du kriegst bestimmt 'ne Blutvergiftung!“

 

    Sie ging zum Duschraum, holte einen Waschlappen und wusch mir die Wunde aus, die kaum blutete, aber jetzt sehr schmerzte. Sie erklärte mir, daß sie Jod-Tinktur und Verbandszeug aus der Hausapotheke holen werde.

 

    Ich beruhigte mich endlich. Martha begann, sich über mich lustig zu machen und imitierte Stimmen, die ich wohl während meiner Wein-Orgie von mir gegeben hatte. Mir war das nun doch ziemlich peinlich, wie ich mich aufgeführt hatte. Martha war aber so drollig, daß ich lachen mußte.

 

    Ich sprach mit Caesar mit der ihm gewohnten, zärtlichen Stimme. Er war noch immer aufgeregt, zuckte nervös mit dem buschigen Schwanz, hatte den Kopf etwas schräg gestellt und die Ohren nach hinten geklappt. Es dauerte eine Weile, bis er mir wieder zublinzelte, weigerte sich aber, meiner Aufforderung zu folgen, zu mir auf die Couch zu kommen.

 

    „Willst du dir nicht anhören, was dieser Herr Notar mit Franz zu bereden hat?“ schlug Martha vor. Ich wurde neugierig.

 

    Wir gingen in den Salon. Ich kannte Doktor Wortach flüchtig, der sich in einen dieser bequemen Sessel niedergelassen hatte, während Franz am Fenster stand und nach Haaren in seinem Gesicht suchte, an der er seine nervöse Zupf-Lust befriedigen könnte.

 

    Der Notar kam mir entgegen, streckte schon von weitem, freundlich lächelnd, die Hand aus und sagte: „Ihr Freund hat mir erzählt, daß Sie sich über den Verlust unserer guten Freundin sehr aufgeregt haben. Auch mir ist ihr plötzlicher Tod sehr nahe gegangen.“

 

    Diese eher tröstend gemeinten, mitfühlenden Worte hatten gegenteilige Wirkung. Mir schossen sogleich wieder die Tränen in die Augen. Ich versuchte, mein Gesicht abzuwenden.

 

    Martha, die mir gefolgt war, erklärte mit dröhnend lauter Stimme: „So 'was habe ich noch nie erlebt! Ich hab' schon manch einen dahin gehen sehen. Aber so wie der Michel sich aufgeführt hat...“

 

    Ich kniff sie heftig in den Arm. Sie quietschte: „Aua.“

 

    Der Anwalt mußte grinsen, drehte sich um, um wieder seinen Sessel zu besetzen.

 

    Mir stieg Kaffeeduft in die zwar noch nicht voll riech-fähige Nase, was mir aber meinen sehr großen Hunger in Erinnerung brachte. Wir hatten ja den Frühstückstisch verlassen, ohne einen Bissen zu uns genommen zu haben. Martha, wohl vom selben Naturtrieb geplagt, sagte leise: „Ich muß unbedingt was essen. Mir wird ganz flau.“

 

    Ich schielte zu Herrn Doktor Wortach, der Marthas Worte offensichtlich vernommen hatte; denn er sagte: „Sie haben wohl noch nicht gefrühstückt!? Eine Tasse Kaffee würde mir auch ganz gut tun.“

 

    Nachdem Martha frischen Kaffee aus der Küche beschafft hatte, fielen wir regelrecht über Brot, Käse, Schinken, Eier und Kuchen her.

 

    Plötzlich wurde mir bewußt, daß der Platz, den Fee immer eingenommen hatte, nicht besetzt war. Es war nie vorgekommen, daß sie noch nicht dort saß, wenn wir erschienen. Wir hatten nie ohne sie gespeist. Ich mußte erneut weinen, rannte in unsere Gemächer, weil mir das sehr peinlich war. Ich hörte den Notar noch bemerken: „Der arme Junge!“ Ich schämte mich, zurück in den Salon zu gehen.

 

    Wieder klingelte es, aber dreimal. Ich eilte zur Tür. Herr Doktor Rinke, der Herr Sohn von Fee, stand vor mir. „Wo ist sie?“ fragte er ohne Gruß. Ich zuckte die Achseln.

 

    Er ging an mir vorbei in den Salon. Ich folgte. Der Notar bekundete sein Beileid mit förmlicher Miene.

 

    „Wo ist sie?“ erkundigte sich Herr Rinke erneut, ging zum Bar-Schrank, wählte eine Flasche und goß sich ein großes Glas Cognac ein, während Herr Wortach erklärte, daß sich auf Wunsch seiner Mutter das Beerdigungsinstitut xyz - den Namen habe ich vergessen - um alles weitere kümmern werde. Er, der Vollstrecker des letzten Willens, hätte den Auftrag gehabt, das zu veranlassen.

 

    „Warum denn gerade das teuerste Unternehmen?“ ärgerte sich Herr Rinke und fuhr fort: „Ist ja auch egal... Hat sie sehr gelitten?“

 

    Doktor Wortach schaute uns an. Wir sagten nichts. Herr Rinke schien an einer Antwort auch nicht besonders interessiert zu sein; denn er stand sehr angespannt vor dem Kamin, auf dem das mit Edelsteinen besetzte Schmuckkästchen aus reinem Samt steht und in dem Fee einige Briefe aufbewahrt, wie ich weiß. Er nahm es in die Hand, betrachtete es aufmerksam, versuchte es zu öffnen, stellte es zurück. Er schaute weiter umher, entdeckte den sehr dekorativen Aschenbecher aus grünem Malachit, den er genauestens untersuchte, ständig in der Hand wiegte, als er lächelnd den Salon durchstreifte. Niemand sprach ein Wort.

 

    Als Martha aus der Küche kam, um die restlichen, noch auf dem Frühstückstisch befindlichen Dinge abzuholen, redete er sie an: „Was ich Ihnen sagten wollte, Martha, es ist Ihnen ja klar, daß wir Sie nicht weiter benötigen. Bis zum Ende des Monats werde ich Sie jedoch noch bezahlen.“

 

    Martha nickte; denn sie hatte ja schon gleich mit einer Kündigung gerechnet. Ich schaute den Notar an, der kopfschüttelnd lächelte. Nun wandte sich Herr Doktor Rinke an Franz und mich: „Meine Herren, ich möchte auch Sie bitten, die Ihnen von meiner Mutter überlassenen möblierten Räume bis Ende des Monats zu räumen. Sie werden verstehen, daß ich möglichst bald mein Haus jetzt selbst bewohnen will.“

 

    Wir waren natürlich auch nicht überrascht. Herr Rinke verneigte sich leicht vor Doktor Wortach und sagte: „Wir sehen uns sicher bald wieder. Guten Morgen!“ Er steckte den Aschenbecher in seine Jackentasche und wandte sich zum Gehen.

 

    Der Notar sprang auf und rief: „Moment, Herr Kollege! Bitte setzen Sie den Aschenbecher wieder dahin, wo Sie ihn hergenommen haben!“

 

    Der Angesprochene drehte sich zu ihm um, schaute ihn so an, als fühle er Mitleid für ihn, und erwiderte: „Wollen Sie mir etwa in meinem eigenen Hause Anweisungen geben!?“

 

    Doktor Wortach erklärte: „Das Testament wird erst am Beisetzungs-Tage, ich wollte sagen, im Anschluß an die Beerdigung Ihrer Frau Mutter eröffnet! Ich kenne den Inhalt ihres letzten Willens und muß Sie daher noch einmal bitten...“

 

    Jetzt schaute ihn Barbaras Sohn sehr feindselig an, stellte allerdings den Aschenbecher wieder auf die Kommode, lächelte und kommentierte: „Das ist ja lächerlich, sich bei solchen Kleinigkeiten an die Formalien zu klammern. Guten Tag!“ Er schritt hoch erhobenen Hauptes in Richtung Diele.

 

    „Einen Moment noch!“ rief der Notar erneut. „Ich muß Sie auch darauf aufmerksam machen, daß die von Ihnen ausgesprochenen Kündigungen verfrüht ausgesprochen worden sind.“

 

    Herr Rinke winkte verächtlich ab und ging weiter.

 

    „Das ist keine bloße Formsache, wie Sie glauben“, fuhr Doktor Wortach fort.

 

    Doktor Rinke blieb stehen und wollte wissen: „Was denn?“

 

    Ihm wurde eröffnet: „Wie ich Ihnen schon sagte, kenne nur ich allein den Inhalt des letzten Willens Ihrer Frau Mutter. Sie wissen, ich darf darüber jetzt nicht sprechen, muß Ihnen aber sagen, daß Sie nicht ohne weiteres davon ausgehen können, daß Ihnen ab nächster Woche, also nach dem Tage der Beisetzung, der gesamte Nachlaß ausschließlich zur freien Verfügung steht. Übrigens besitzen Sie einen Hausschlüssel, wie ich von Ihrer Frau Mutter weiß. Ich muß Sie bitten, mir diesen auszuhändigen.“

 

    Herr Doktor Rinke erhielt ein Papier, das er flüchtig laß. Dann sagte er: „Den Schlüssel habe ich zu Hause“, schaute sehr abfällig Franz und mich an, grinste ironisch und murmelte: „Ich habe so etwas geahnt. Aber gegen Erb-Schleicherei...“ er machte wieder diese wegwerfende Handbewegung und verließ rasch das Haus, wobei er die schwere Eichenholzhaustür heftig zuknallte.

 

    Franz hatte einen hochroten Kopf bekommen. Ich zitterte am ganzen Körper vor Ärger und Peinlichkeit, als Erbschleicher angesehen zu werden. Also war doch das eingetreten, was Franz immer wieder befürchtete und wovor er Fee so oft gewarnt hatte, wenn sie Anspielungen auf ihre Hinterlassenschaft machte. Mir war jetzt klar geworden, daß Barbara Rinke uns trotzdem in ihren letzten Willen eingeschlossen hatte und nun ihr Sohn gegen uns wegen »Erschleichung eines Erbes« - so hieße das, hatte mir Franz einmal erklärt - Klage erheben werde.

 

    „Wir nehmen nichts an“, rief ich und fügte hinzu: „Ich habe mein Stipendium, von dem ich gut leben kann, und Franz sein Gehalt.“

 

    Herr Wortach lächelte und sagte sehr ruhig mit einem ironischen Unterton: „Wovon wird in diesem Hause denn immer geredet? Der eine glaubte schon, in dieses Haus einziehen zu können, und andere wollen nichts haben. Ja, ja, das erlebe ich ja immer wieder, nachdem ein Mensch von uns gegangen ist...“

 

    Franz schaute mich sehr wütend und leuchtend errötet an. Mir war es sehr unangenehm, daß ich im Prinzip genauso wie der Sohn von Barbara von ihrem Nachlaß zu sprechen begonnen hatte, jetzt, so kurz nach ihrem Ableben. Ich hätte vor Scham in den Boden versinken mögen. „Entschuldigen Sie, Herr Doktor“, bat ich. „Das ist mir so schrecklich peinlich, daß ich mich verabschieden möchte.“

 

    Ich wollte in unsere Zimmer gehen und mich nie mehr vor dem Notar blicken lassen. Dieser sprang auf, hielt mich am Arm fest und sagte lachend: „Ich habe mich zu entschuldigen. Sie sind ja provoziert worden. Ich habe Ihnen nicht... ich wollte sagen, ich habe Sie keineswegs mit Herrn Rinke gleichsetzen wollen. Ich finde es nur immer wieder so scheußlich, daß die meisten Verwandten in der Regel nur ans Erben denken und das, was letzter Wille nun wirklich bedeutet... ich wollte sagen: Das Ableben eines Menschen sollte uns Hinterbliebene, in Anführungszeichen, in erster Linie eigentlich vielleicht einmal anregen, über unseren eigenen Lebensverlauf nachzudenken, der ja nun einmal qua Natura terminiert ist; nachzudenken darüber, was Leben bedeutet, welchen Sinn es hat, wofür und für was wir gelebt haben, ich wollte sagen, leben. Jeder Mensch möchte etwas leisten, für etwas gebraucht werden, einen Zweck erfüllen, und wenn es soweit ist, in Erinnerung bleiben, und dann komme ich oft ins Spiel. Der Erb-Lasser, also der Dahin-Gegangene möchte seinen Lieben etwas hinterlassen, damit er sich, im vorliegenden Fall, damit sie, unsere großartige Barbara Rinke, sich in guter Erinnerung weiß. Der Antritt eines Erbes kann damit auch als eine Pflicht betrachtet werden, als eine Verpflichtung dem Dahin-Geschiedenen gegenüber, nämlich den letzten Willen zu achten, zu respektieren. Der von uns Gegangene möchte in der guten Erinnerung mit uns weiterleben, vielleicht dadurch daß uns etwas von ihm oder ihr hinterlassen, eben als Erinnerungsstücke anvertraut wurde. Dürfen wir das verwehren, wenn wir die Person, die uns für immer verlassen hat, gemocht, vielleicht ein wenig geliebt haben? Ich meine: Nein! Ich bitte Sie, meine Herren, an diese meine Worte zu denken. Ich kann nur sagen: Der letzte Wille von Frau Barbara Rinke wird für viele eine Überraschung sein... Darf ich mich jetzt verabschieden?“

 

    Er wandte sich an Martha und sagte: „Frau Bartsch, ich möchte Sie darüber aufklären, daß Herr Doktor Rinke nicht im geringsten das Recht hatte, Ihnen zu kündigen. Diese mündlich ausgesprochene Kündigung entspricht keiner rechtlichen Grundlage, und betrachten Sie sie bitte als nicht ausgesprochen und als für Sie völlig bedeutungslos.“

 

    Sie schaute uns fragend an und meinte: „Ja, aber Sie glauben doch wohl nicht, daß ich diesem arroganten... Äh, ich meine, dem Herrn Rinke den Haushalt mache? Ich hätte sowieso von mir aus gekündigt.“

 

    Herr Wortach redete auf sie ein: „Bitte, unternehmen Sie solange nichts, auf keinen Fall, was auch immer geschieht, bis zur Testamentseröffnung. Ich beschwöre Sie. Bitte, meine Herren, das gilt auch für Sie: Lassen Sie sich nicht eventuell zu irgend einer Handlung provozieren. Das sind Sie Ihrer Barbara Rinke schuldig, wenn Sie sie tatsächlich gemocht haben, Sie alle drei, wovon die Verstorbene ausgegangen ist. Das, was ich gesagt habe, gilt für Sie alle drei. Also, bitte... Im jedem Fall, wenn etwas sein sollte, rufen Sie mich sofort an. Tun Sie nichts, ohne mich vorher gehört zu haben. Mehr kann ich jetzt nicht sagen. Ich gebe Ihnen noch meine private Telefonnummer und bin für Sie zu jeder Zeit erreichbar.“

 

    Er verabschiedete sich, während unser Telefon läutete, strich leicht über meine Backe und sagte: „Sie waren ihr Liebling.“

 

    Franz eilte zum Telefon, kam zu Martha und mir zurück, die wir ratlos an der Eingangstür in der Diele stehen geblieben waren, und berichete, daß das Museum sich darüber gewundert habe, weil er nicht zum Dienst erschienen sei. Er habe versprochen jetzt noch zu kommen.

 

    Ich beschloß, meine Vorlesungen zu hören, da es mich am Grübeln hindere.

 

    Nach dem Abendessen gingen wir sehr früh zu Bett. Ich schmiegte mich an Franz und mußte wieder weinen. Ich merkte, daß jetzt auch er seine Trauer nicht mehr unterdrücken konnte, und war mir sicher, daß Martha ebenfalls ein Taschentuch benötigen würde.

 

  

 

Die Testamentseröffnung

 Dienstag, 20.1.1981

 

    Franz hatte uns starke Medikamente besorgt, damit wir die Beerdigung, ohne uns zu sehr zu belasten, überstehen könnten. Ein Mittel hieß Valium, glaube ich. Nachdem ich solche Tabletten geschluckt hatte, fühlte ich mich sehr ruhig und in angenehm ausgeglichener Stimmung. Die Wirkung der Chemikalien war jedoch ganz anders als der Einfluß von Alkohol. Alle meine Sinne arbeiteten normal.

 

    Es finde es schon erstaunlich, daß man sich gezielt in eine bestimmte, künstlich erzeugte Gemütslage versetzen lassen kann. Man gehe zu einem Spezialisten und sage: »Heute möchte ich heiter sein« oder »ich muß deprimiert wirken, um Mitleid zu erregen«. Dann wird Dir was eingespritzt oder Du schluckst eine Droge von nicht einmal einem Gramm, null Komma null null Promille Deines Körpergewichts, und bald fühlst Du Dich wunschgemäß. Ein klein wenig einer Chemikalie verändert Deinen Charakter, macht Dich zu einem anderen Menschen oder löscht sogar Dein Leben aus.

 

    Heute wollten Franz und ich gerne gleichgültig sein. Wir wünschten, daß unsere Gefühle weitgehend einfach ausgeschaltet würden, daß wir robust und lebenstüchtig die Tortur einer Beisetzung meistern könnten. Franz hatte sich beraten lassen, und jetzt fühlten wir uns fast genau so, wie wir es uns vorgestellt hatten. Alles um uns herum betraf uns eigentlich nicht mehr direkt.

 

    Martha war in unseren Komplott einbezogen. Sie neigte sogar dazu, alberne und keineswegs zu dem traurigen Ereignis passende Bemerkungen zu machen. „Wir versaufen unserer Oma ihr klein Häuschen“, sang sie leise und tänzelte umher.

 

    Die »feierliche« Beisetzung war für neun Uhr angesetzt. Wir drei fuhren mit unserem kleinen Polo, den wir entgegen dem Drängen von Fee behalten hatten. Seit ihrem Tode hatten wir ihren Mercedes nicht mehr angerührt.

 

    Wir erreichten die kleine, mit hohen Ulmen eingerahmte Friedhofskapelle schon recht früh, in der in der Mitte vor dem Altar ein dunkelbrauner Holzsarg auf einem Podest stand. Der Sarg war mit langen, weißen Kerzen umstellt. Blumen und bunte Kränze, mit langen Schleifen, auf denen kurze Sprüche, wie »Letzter Gruß« oder »In Tiefer Trauer«, zusammen mit Namen gedruckt waren, rahmten den Sarg ein. Wir setzen uns in die hinterste Stuhlreihe.

 

    Ein dicklicher Herr in schwarzem Anzug zündete die Kerzen an. Dann setzte leises Orgelspiel ein. Trauergäste kamen, schritten mit ernst feierlicher Miene zum Sarg, verbeugten sich, falteten die Hände, blieben eine Weile stehen und setzten sich schließlich. Niemand sprach. Ich sah, daß Tränen über Marthas Gesicht kullerten, nahm die Schachtel mit den Drogen aus meiner Jackentasche, hielt ihr zwei Tabletten hin und schlug vor: „Hier nimm.“ Sie schluckte.

 

    Auch ich nahm noch zwei, fühlte mich ein wenig unwohl, so als wäre mein Herz nicht in der Lage, das Blut hinauf bis zum Gehirn zu pumpen.

 

    Unter den hereinströmenden Trauergästen, von denen nur deren Oberkörper von unseren Plätzen aus zu sehen waren, entdeckte ich die Rinkes, den Herrn Doktor jur., seine gnädige Frau und die beiden Kinder. Sie schienen langsam, wie auf Rollen auf den Sarg zuzugleiten, vollzogen die übliche Rituale, schauten umher und nickten hierher und dorthin. Als ihr kleiner Sohn uns sah, streckte er verächtlich die Zunge heraus. Beinahe hätte auch ich dasselbe getan. Die Kinder wurden also schon sehr früh zu entsprechendem Sippen-Denken erzogen: denn offensichtlich war im Hause Rinke in Gegenwart des Nachwuchses über »unseren Komplott der Erb-Schleicherei« gesprochen worden.

 

    Die Frau Schwiegertochter fuhr mit einem weißen Taschentuch über ihr Gesicht, schneuzte ihre Nase, faltete das Tuch sorgfältig wieder zusammen und wiederholte die gleiche Prozedur immer wieder. Der Herr Sohn der Verstorbenen oder Dahin-Geschiedenen, Wörter, die ich so oft in letzter Zeit gehört habe, saß sehr gerade, mit stolz erhobenem Haupt auf seinem Stuhl, hatte die Beine übereinander geschlagen und die Hände darüber gefaltet, wie ich sehen konnte, als ich mich, wie immer recht neugierig, aufgerichtet hatte.

 

    Ich wunderte mich, warum so viele Leute gekommen waren. Die meisten von ihnen hatte ich nie zuvor gesehen. Einige, mir völlig unbekannte Frauen schluchzten leise vor sich hin, weswegen? Das hätte ich gerne gewußt. Hatten sie sich vielleicht im Datum geirrt und trauerten um eine Person, die nicht in diesem Sarg lag?

 

    Hin und wieder stand jemand auf und machte Fotos.

 

    Endlich kam der Herr Pfarrer, wandte uns den Rücken zu und verweilte recht lange in einer Haltung vor dem Sarg, als ob er bete. Er drehte sich im Zeitlupentempo um und begann zu reden: „Liebe Trauergemeinde... Lasset uns beten. Vater unser...“ Die Anwesenden murmelten mit, auch Martha.

 

    Es ging weiter: „Der Herr ist unser Hirte. Uns wird nichts mangeln...“ Ich überlegte, was solche Worte eigentlich bedeuten sollten, konnte aber keinen direkten Zusammenhang zwischen ihnen und der Trauerfeier sehen.

 

    Ich hörte Sätze wie: „Herr, allmächtiger Gott, du hast in deiner großen Gnade und Güte unsere, von allen so sehr geliebte und verehrte Mitschwester zu dir genommen in dein ewiges Reich...“

 

    Über diesen Blödsinn hätte ich fast laut gelacht. Welcher Herr war gemeint? Wieso war es eine Gnade und Güte, einer recht gesunden, immer noch sehr lebensfrohen und lebensbejahenden Frau den Tod auf den Hals zu hetzen, wenn dieser Herr die Macht dazu hatte, das zu verhindern? Wer aus dem hier anwesenden Kreis hatte denn überhaupt unsere gute Fee geliebt? Wessen Mitschwester war sie denn? Sie hatte nie Geschwister gehabt? Von welchem Reich wurde da geredet?

 

    (Selbst Pater Kurt war nie in der Lage gewesen, mir diese menschliche Wahnvorstellung von einem Himmel, von einem Reich Gottes, wie immer es genannt wird, auch nur annähernd definieren zu können.)

 

    Warum lassen sich normale, erwachsene Menschen diesen Unsinn gefallen, ohne dem Sprecher verständnisvoll zu raten, er solle sich in psychotherapeutische Behandlung begeben?

 

    Der Prediger sagte anschließend immerhin etwas, was zwar nicht gerade Erwähnenswert war, aber - warum eigentlich nicht -  gesagt werden konnte: „Ihr unerwartetes, plötzliches Dahinscheiden, ohne langes Leiden, ohne schwere Krankheit hat in unseren Herzen eine große Lücke, eine blutende Wunde hinterlassen, uns in tiefe Trauer versetzt...“ 

 

    Das mit der Trauer traf durchaus auf Martha, Franz und mich zu; auf wen aber sonst? Aber selbst dieser Satz enthielt wieder Unsinn: Was war mit der Lücke im Herzen gemeint? Zumindest in meinem Herzen fehlte nichts, das lediglich manchmal unkontrollierbar unregelmäßig oder zu rasch vor Aufregung schlug. Selbst wenn man akzeptiert, daß viele Mitmenschen nun mal das Herz mit dem Gehirn verwechseln, fehlte auch in meinem Gehirn nichts, weder physisch noch psychisch; denn nie habe ich so viel über unsere liebe, gütige Barbara nachgedacht, als nach ihrem Tod. Sie hat in den letzten Tagen nahezu mein ganzes Denken und all meine Empfindungen für sich in Anspruch genommen.

 

    (Diese außergewöhnliche Beanspruchung der Psyche nach Barbaras Tod mögen vielleicht noch die direkten Verwandten von Fee erlebt haben, die bestimmt an nichts anderes gedacht und über nichts anderes gesprochen haben als über ihren Nachlaß.)

 

    Was dann allerdings dieser Mann, der als Pfarrer bezeichnet wird, als nächstes sagte, war eine wirkliche Unverschämtheit: „Sie, die so plötzlich aus unserer Mitte Gerissene ist nie von ihrem geraden, von keiner Versuchung getrübten Lebensweg abgewichen. Sie ist ihrem Ehemann, der bereits schon seit langem nicht mehr unter uns weilt, in absoluter Treue in den Tod gefolgt. Sie war eine fürsorgliche, vorbildliche Mutter, bis in ihr hohes Alter eine schöne, eine wunderschöne, attraktive, vornehme Dame...“

 

    Nur das letzte stimmte. Aber alles andere war bösartige Lüge, insofern bösartig, weil Barbara aufgrund ihrer schlechten Erfahrungen in der Ehe, an der die Religions-Propagandisten ein erhebliches Maß an Verantwortung tragen, nie im Traum an eine Wiederheirat gedacht hatte. »Einmal hat mir gereicht«, hatte sie doch  gesagt, und uns auch eine »Versuchung« gestanden. Durch diese Konventionen, die insbesondere von diesen Predigern zementiert werden, ist sie nie in ihrem Leben jemals wirklich glücklich gewesen. An Scheidung zu denken, war sie nicht fähig gewesen.

 

    Es stimmte auch nicht, daß sie eine gute Mutter gewesen ist. Ihr Sohn hatte Franz gebeichtet, daß »sie immer eiskalt gewesen sei, zwar korrekt. Jedoch sei nie Liebe und Wärme von ihr ausgegangen«.

 

    Alles, was dieser (bewußt?) Schizophrene da vorne neben dem Sarg faselte, war unwahr, unecht, irreführend.

 

    Vielleicht könnte man sagen: „Herr, vergib ihm; denn er wußte nicht, was er sich da alles zusammengeredet hat!“

 

    Die Predigt war immer noch nicht zu Ende. Der Pfarrer bedankte sich bei dem »Herrn« dafür, daß er „unserer geliebten Barbara Rinke, geborene Hausenkamp, die ewige Ruhe geschenkt“ hatte.

 

    Ich fühlte anstatt Dankbarkeit nur Traurigkeit und Bedauern, daß Fee nicht noch ein paar Jahre glücklich sein durfte.

 

    Meiner Ansicht nach, hätte dieser imaginäre Herr aber besser den Herrn Pfarrer zu sich in sein Reich genommen.

 

    Niemand protestierte gegen diese Worte, auch ich nicht, war viel zu feige dazu.

 

    (Ich überlegte später mit Franz, was wohl passiert wäre, wenn ich mich erhoben und laut gegen die Predigt protestiert hätte. Franz sagte nur: „Dann hätten sich alle auf dich gestürzt, dich einen gefühllosen, respektlosen, rohen Unmenschen genannt und dich vielleicht verprügelt oder sogar umgebracht. Der Durchschnittsmensch folgt keinerlei Logik, nur einem durch die Gesellschaft aufgezwungenen Instinkt; denn der Durchschnittsmensch ist - wie die Deutschen sagen - gut erzogen. An ihm wurde bis mindestens zum achtzehnten Lebensjahr rumgezerrt und gezogen. Die Franzosen formieren ihre Kinder, pressen sie also in eine Form. Die Engländer trainieren sie, so daß sie wie die Wagen-Kette eines Eisenbahnzuges ausgerichtet sind.“ {»The train« ist der Eisenbahnzug.})

 

    Nachdem ein Lied verhallt war, sprach der Herr Pfarrer noch ein Gebet und beendete sein Gerede mit den Worten: „...und nun, liebe Barbara Rinke, müssen wir für immer von dir Abschied nehmen und dich zu deiner allerletzten Ruhestätte in gottgeweihter Erde geleiten...“

 

    Die Orgel setzte mit wehmütigen, zarten Tönen ein. Eine Glocke begann in schrillen Tönen zu bimmeln. Das Schluchzen der vielen, »lieben Freunde« wurde sehr vernehmlich, wodurch der Konsum an Papier-Taschentüchern zur Sicherung von Arbeitsplätzen zur Herstellung neuer und zur Abfallbeseitigung gesteigert wurde.

 

    Vier Herren mit Zylinderhut legten die Kränze und Blumen auf den Sarg, der zusammen mit dem Podest aus der Kapelle herausgerollt wurde. Als ich mir vorstellte, daß wir unsere liebe, gute Fee nie mehr wiedersehen würden, konnte ich einen Tränenfluß nicht verhindern, bemühte mich intensiv, an etwas anderes zu denken und meinen Schmerz zu überwinden.

 

    (Ich überlege jetzt, wie ich diese Totenfeier ohne die Wirkung der Drogen hätte überstehen können. Eine solche Feier setzt voraus, daß jemand ziemlich abgebrüht ist, so wie die Leichenträger, die das täglich miterleben und auch nicht selbst betroffen sind. Der einzige perverse Zweck wird ja wohl sein, wenn nicht die »Hinterbliebenen« seelisch zu foltern, eventuell solche Leute in traurige Stimmung zu versetzen, denen das Ableben eines Menschen nicht ungelegen kommt. Insofern war wohl das Gerede von der Dankbarkeit, aus Sicht der Erben, daß die Tote eben jetzt endlich tot sei, nicht so unehrlich. Immerhin hatte die Feier bewirkt, daß ja die Schwiegertochter von Fee zu Tränen gerührt worden war. Vielleicht steckt doch mehr System in dem Ganzen, als ich erkennen kann.)

 

    Die Trauergäste erhoben sich und folgten dem Sarg.

 

    Martha verlangte schluchzend weitere Tabletten. Franz wollte sie daran hindern. Aber ich hatte Mitleid mit ihr.

 

    Am Grab reihten wir uns recht unauffällig in die am entferntesten stehenden Trauergäste ein. Der Herr Pfarrer begann wieder zu reden. Ich vernahm Wortfetzen wie „...Ehrenabordnung der Rinke-Werke...“

 

    Also hatten wohl die Rinke-Werke ein großes Aufgebot an Beerdigungsteilnehmern abgesandt. Wer bezahlte denn den Produktionsausfall?

 

    Der Prediger wurde von einem Direktor der Firma abgelöst, der recht laut und klar sprach. Ich konnte mitbekommen, daß er vom unermüdlichen Einsatz des Herrn Rinke sprach, der sein ganzes Leben nur dem Aufbau seiner Firma gewidmet habe und daß seine, von allen verehrte und hochgeschätzte und ihm treu ergebene Ehefrau durch ihren selbstlosen Charakter, durch ihre zurückhaltende Art der ruhende Pol der Familie gewesen sei. Sie habe sehr dazu beigetragen, daß Herr Rinke in seinem Zuhause die nötige Unterstützung durch seine verständnisvolle, märchenhaft ausgewogene Ehefrau bekommen habe, um immer wieder neue Kraft und Energie für seine verantwortliche und schwere Arbeit als Inhaber und Leiter eines solch bedeutenden Werkes sammeln zu können.

 

    „Wir nehmen jetzt Abschied von Ihnen, verehrte, gnädige Frau“, rief er, „Abschied für immer. Quälenden Schmerz und tiefe Trauer über den schweren Verlust lassen Sie uns zurück. Wie sehr hätten wir uns gewünscht, Sie noch viele, viele Jahre unter uns haben zu dürfen. Aber Gott, der Allmächtige hat anders entschieden. Seinem weisen Ratschluß beugen wir uns. Sie werden uns, sehr verehrte, gnädige Frau, immer unvergessen bleiben. Wir werden täglich an Ihre einmalige Leistung, an das gemeinsam von Ihnen und Ihrem Gatten mit unermeßlichem Fleiß und mit unmenschlicher Zähigkeit Geschaffene erinnert. Sie haben uns ein bleibendes Denkmal hinterlassen: Ihr Lebenswerk, Ihre Rinke-Werke. Wir danken Ihnen, die Sie uns Arbeit und Brot gegeben haben. Nur durch Sie sind wir. Wir danken dem Herrn, dem Schöpfer, daß wir Sie eine Weile unter uns haben durften. Und nun müssen wir Sie ihm wieder anvertrauen, indem wir Ihre sterblichen Überreste in seine gütigen Hände legen. Der Herr hat gegeben. Der Herr hat genommen. Herr tröste uns, gib uns Kraft. Amen!“

 

    Man schüttelte sich Hände. Der Sarg wurde abgesenkt, Blumen in das Grab geworfen, mit einer kleinen Schaufel Dreck bestreut.

 

    Der Pfarrer schaute auf die Uhr. Er hatte Feierabend und ging. Trauergäste schlossen sich an. Auch wir verschwanden, möglichst unauffällig, über Seitenwege.

 

    (Es ist schon erstaunlich, was sich Leute zurecht phantasieren können. Dieser Herr Direktor war dem professionellen Prediger mindestens ebenbürtig. Franz erläuterte mir später, daß nirgends so viel Blödsinn, Unechtes und Unwahres geredet werde, wie bei Totenehrungen.)

 

    Zu Hause angekommen, fühlte ich mich so erschöpft wie selten in meinem Leben. Mir war übel, etwas schwindlig, und ich fühlte mich keineswegs mehr leicht erheitert wie am Morgen; im Gegenteil, ich war gereizt, sehr mißgelaunt und ziemlich deprimiert. Franz erklärte mir, daß das eine sogenannte Kater-Stimmung wäre, hervorgerufen durch die Drogen. Es sei ähnlich wie bei einer Vergiftung durch zu viel Alkohol. Er lächelte und kommentierte: „Alles hat sein Für und Wider. Alles hat seinen Preis.“

 

    Ich erklärte, daß ich auf keinen Fall an diesem Leichenschmaus teilnehmen könne. Franz redete auf mich ein, daß wir das auch noch durchzustehen hätten. „Insbesondere werden wir an dieser Testamentseröffnung teilzunehmen haben“, erklärte er. „Doktor Wortach hat gesagt, daß wir das unserer Fee schuldig wären.“

 

    Ich hatte daran nicht mehr gedacht und erinnerte mich jetzt, daß der Termin hierfür um Viertel nach Elf sein sollte, schüttelte den Kopf und kommentierte: „Gerade das werde ich nicht machen. Ich kann mir nicht zumuten, mit diesen Rinkes zusammen zu kommen.“

 

    Franz versuchte, mich umzustimmen. Aber ich weigerte mich hartnäckig.

 

    Der Notar läutete bereits kurz vor elf und klopfte an unsere Tür, nachdem Martha ihm geöffnet hatte. Er war sehr freundlich und wunderte sich, daß wir uns auf der Beerdigung, an der er ja auch teilgenommen habe, sehr im Hintergrund gehalten hätten. Er schaute auf die Uhr und meinte: „Wir haben noch ein paar Minuten Zeit... Ich habe von Frau Bartsch erfahren müssen, daß Sie, Michel... darf ich Sie so nennen? also... daß Sie auf keinen Fall an der Testamentseröffnung teilnehmen wollen. Sie wollen also nicht den letzten Willen Ihrer Fee, so nannten Sie sie doch? Also, jetzt meinen Sie, nachdem man sie begraben hat... also, jetzt sei dieses Kapitel als abgeschlossen anzusehen? Sie wollen also ihren letzen Willen nicht respektieren, nicht einmal zur Kenntnis nehmen? Darüber muß ich mich doch eigentlich wundern. Ich hatte geglaubt, daß Sie der alten Dame recht nahe gestanden haben. Vielleicht hatte sie das anders gesehen, als sie mir von Ihnen erzählte. Vielleicht war es einfach auch nur so ein Wunschdenken von ihr... ich meine, ältere, vereinsamte Menschen neigen oft dazu, sich... Nun, dann müssen wir sehen, was wird.“

 

    Er brach ab; denn es klingelte erneut. „Das werden Herr Doktor Rinke mit seiner Gemahlin sein“, vermutete Doktor Wortach und fügte hinzu: „Dann könnten wir eigentlich anfangen. Wollen Sie nicht doch mitkommen?“

 

    Ich zuckte mit den Schultern, folgte dann doch ihm und Franz in den Salon, in dem sich bereits Herr Doktor Rinke befand. Er begrüßte den Notar mit einem kurzen Kopfnicken, würdigte uns aber keines Blickes. Er schien allein zu sein; denn seine Frau Gemahlin war nicht zu sehen.

 

    Doktor Wortach fragte: „Können wir anfangen?“ und fügte, ohne eine Antwort abzuwarten, hinzu: „Herr Doktor Bruhns, könnten Sie so freundlich sein, Frau Bratsch hereinzubitten... Ihre Frau Gemahlin ist nicht mit gekommen, Herr Kollege?“

 

    Der Herr Anwaltskollege, Doktor jur. Rinke, zog die Mundwinkel nach unten, schaute sehr verächtlich in unsere Richtung, ohne uns jedoch anzublicken, und sagte: „Meine Frau wollte nicht gerne dieses Bühnenstück mit dem Titel »Erbschleicherei« erleben, wenn Sie das verstehen können.“

 

    Franz, der zwar schon in Richtung Küche gegangen war, um Martha Bescheid zu sagen, hatte sich umgedreht und zeigte einen äußerst wütendem Gesichtsausdruck. Mir stockte der Atem. Der Notar lächelte, machte gegen Franz eine abwehrende Handbewegung und bat: „Würden Sie jetzt Frau Bartsch informieren!?“

 

    Franz kam nach wenigen Sekunden mit Martha zurück. Herr Wortach kramte in seiner eleganten Aktentasche aus schwarzem Leder und legte zwei große, mit rotem Wachs versiegelte Umschläge auf den Tisch, auf denen ich laß: »Mein letzter Wille A« und »Mein letzter Wille B« jeweils mit der mir bekannten Unterschrift von Fee und einem Datum.

 

    Herr Wortach blickte umher und erkundigte sich: „Sind alle von mir eingeladenen Personen vertreten?... Wie ich sehe, ja... Ach ja, wir brauchen auch die Katze, meines Wissens Caesar genannt.“

 

    „Warum das denn?“ erkundigte ich mich nervös, nichts Gutes ahnend.

 

    Der Notar lächelte und erklärte: „Diese Katze soll sehr wertvoll sein. Und nach Deutschem Recht werden Tiere mit Sachen gleichgesetzt, also nur der Sachwert in Betracht gezogen. Würde bitte jemand so freundlich sein, das Tier jetzt zu suchen und herzubringen?“

 

    „Das wird nicht nötig sein“, widersprach Franz, „denn ich werde den Kater um jeden Preis dem rechtmäßigen Erben abkaufen.“

 

    Der Notar lächelte und bemerkte: „Noch ist das Testament nicht eröffnet, das heißt, noch ist keine rechtmäßige Erbschaft angetreten worden. Und das Tier spielt nach dem letzten Willen meiner Mandantin eine gewisse Rolle. Sie werden gleich sehen, welche. Ich versichere Ihnen, ihm wird nichts böses widerfahren. Darf ich also bitten, das Tier herzubringen.“

 

    Ich lief und holte Caesar. Herr Wortach bedankte sich und sagte: „Ehe ich beginne, einen dieser Umschläge zu öffnen... Äh, bitte überzeugen Sie sich von der Unversehrtheit der Siegel... Ich glaube, alles ist allerdings sowieso schon klar... Nun, vielleicht doch besser... Also, Herr Kollege Rinke, was haben Sie soeben gesagt, weshalb Ihre Gattin nicht gekommen ist?“

 

    „Warum sollte ich das wiederholen?“ entgegnete er und murmelte: „Was soll das Affentheater?“

 

    Während Herr Wortach den Umschlag »Mein letzter Wille A« öffnete, räusperte er sich und sagte: „Darf ich festhalten, Herr Kollege, daß Sie heute das Wort »Erbschleicherei« zum zweiten Mal nach dem Ableben Ihrer Frau Mutter benutzt haben. Ich muß Sie fragen, nehmen Sie damit Bezug auf die anwesenden Personen?“

 

    Herr Rinke zog die Mundwinkel nach unten und nickte leicht, wobei er seinen Kopf leicht zur Seite zog und dabei gleichzeitig die Schultern hob und wieder senkte.

 

    Der Notar begann zu lesen: „Überschrift: Mein letzter Wille, Alternative A; unterstrichen. Hiermit verfüge ich, Frau Barbara Rinke, geborene Hausenkamp, geboren am“ und so weiter und so weiter, „geboren in“ und so weiter und so weiter, „daß, im Falle meines Ablebens ausschließlich meinem einzigen Sohn, Herr Doktor jur. Udo Rinke, geboren am..., geboren in, zur Zeit wohnhaft“ und so weiter, und so weiter, „mein gesamtes Vermögen, das aus Immobilien, Sachwerten und anderen Wertgegenständen, Wertpapieren und Bargeld gemäß den Anlagen eins, zwei, drei und vier zufällt... Datum, Unterschrift und so weiter; handschriftliche Niederschrift beglaubigt: Notar und Rechtsanwalt Doktor jur. Heinrich Wortach, Freiburg, den Tatata; Anlagen und so weiter.“

 

    Der Notar hüstelte leicht, indem er sich die Hand vor den Mund hielt und seinen Rechtsanwaltskollegen mit ironischem Lächeln musterte.

 

    Doktor Rinke stand sehr selbstsicher auf und murmelte: „Ja, natürlich! Was denn sonst?“

 

    Ich war, zugegeben, sehr enttäuscht, gleichzeitig aber erleichtert, da nun alles klar und unkompliziert war.

 

    Herr Wortach räusperte sich erneut und fuhr fort: „Es geht jedoch weiter, meine Dame, meine Herren. Also...“

 

    Er legte das vorgelesene Testament mit dem Umschlag zur Seite.

 

    Doktor Rinke war in sich zusammen gekrochen, kniff die Augen zusammen, trommelte mit den Fingern auf sein rechtes Knie.

 

    Doktor Wortach hüstelte erneut, zeigte uns den zweiten Umschlag, bat Herrn Rinke das Siegel zu prüfen und öffnete nun dieses Testament. Er schaute von einem zum anderen, ehe er zu lesen begann: „Ich, Frau Barbara Rinke und so weiter, und so weiter... Das haben wir ja bereits schon gehört... widerrufe hiermit meinen mit Alternative A bezeichneten letzten Willen. Im Einzelnen zur Erklärung: Nachdem mein Sohn bereits vor Eröffnung dieses Testaments diesen meinen letzten Willen A anmaßend vorweg nehmen wollte, insbesondere Gegenstände meines persönlichen Besitzes an sich zu nehmen versuchte, nachdem er vorab Kündigungen gegen in meinem Hause lebende Personen ausgesprochen hat, die einen ordnungsgemäßen Vertrag mit festgelegten Zeiten zur Beendigung beziehungsweise mit Bedingungen zur Auflösung der Untervermietung mit mir abgeschlossen haben, insbesondere nachdem er eine solche Person oder mehrere solcher Personen sogar in beleidigender Weise mit Erb-Schleicherei oder ähnlichem in Verbindung gebracht hat, widerrufe ich also dieses Testament, das heißt, dieser sogenannte mein letzter Wille, als Alternative A bezeichnet, ist daher hinfällig und nichtig. Wegen der soeben vorgenannten Gegebenheiten ist ausschließlich nun dieser, mit Alternative B bezeichnete letzte Wille anzuwenden.“

 

    Doktor Wortach schaute wieder über seine kleine, randlose Brille von einem zu anderen, räusperte sich und erklärte, insbesondere Herrn Doktor Rinke anschauend: „Ich halte die Tatbestände zur Widerrufung des soeben vorgelesenen Teils des nunmehr anzuwendenden Testamentes für unbestreitbar und völlig klar gegeben, nicht wahr? Jeder der genannten Punkte trifft zu, wofür es außer mir ja weitere Zeugen gibt.“

 

    Er machte eine kleine Pause, in der der arrogante Sohn von Barbara Rinke in sich zusammengekauert in seinem Sessel hockte, vor sich hinstarrte und mit dem Beim, das er über das andere geschlagen hatte, wippte.

 

    Der Notar begann wieder zu sprechen: „Also, es geht weiter: Ich verfüge nun folgendermaßen: Im Falle meines Todes geht Alpha mein gesamtes Vermögen, bestehend aus den in Anlage eins aufgelisteten und durch den Sachverständigen, Herrn Diplom Volkswirt Wilhelm Strunkmann, Freiburg, am soundundsovielten im Wert geschätzten Immobilien und Wertgegenstände, sowie Aktien gemäß Anlage zwei, Wertpapiere gemäß Anlage drei und Sparverträge plus Barvermögen gemäß Anlage vier, je zur Hälfte auf A Herrn Doktor phil. Franz Bruhns, geboren am... Tatata, in Tatata, wohnhaft zur Zeit in Tatata und B den Studenten der Psychologie und Biologie Michel de Beauchamp“ und so weiter, und so weiter, Tatata, „über. Meinem Sohn, Herr Doktor jur. Udo Rinke und so weitere, und so weiter ist der Wertanteil meines Gesamtvermögens in Höhe von einundfünfzig Prozent, in Worten Tatata, von den Erben innerhalb eines Jahres ab Testamentseröffnung in bar auszuzahlen. Mein Sohn hat keinerlei Ansprüche auf die Inbesitznahme von Immobilien und Wertgegenstände seiner Wahl, während die Erben das Recht haben, statt meinem Sohn den ihm zugesprochenen Wertanteil bar auszuzahlen, solche Immobilien und/oder Wertgegenstände auf ihn direkt zu transferieren. Dabei sind ausschließlich die Schätzkosten gemäß Liste der Anlage eins ohne Berücksichtigung von eventuellen Abschreibungen, Wertsteigerungen und dergleichen gültig. Eventuell anfallende Transportkosten, Versicherungsgebühren und dergleichen gehen zu Lasten meines Sohnes...“

 

    Der Testaments-Eröffner räusperte sich, hüstelte, zupfte an seiner Krawatte, schaute Franz und mich an und fragte: „Treten Sie das Erbe an?“

 

    Beide riefen wir synchron: „Nein!“

 

    Franz fügte erklärend hinzu: „Das können wir auf keinen Fall; denn Martha, ich meine, Frau Bartsch ist überhaupt nicht bedacht worden, die, äh, wie soll ich sagen?...“

 

    Doktor Wortach lächelte und sagte: „Dann darf ich wohl weiterlesen... Also: Im Falle, daß die beiden soeben namentlich genannten Erben dieses Erbteil nach meinem mit Alpha bezeichneten Willen ablehnen, ist ihnen folgende Alternative Betha vorzuschlagen: Mein Haus mit dem gesamten Inventar, sowie Schmuck und dergleichen gemäß Positionen eins bis neunhundertundvierzehn der Anlage eins und die Sparverträge plus dem Barvermögen gemäß Anlage vier ist Frau Martha Bartsch“ und so weiter, und so weiter, „zu überschreiben. Frau Martha Bartsch hat den Herren Doktor phil. Franz Bruhns und Stud. phil. Michel de Beauchamp die zur Zeit von ihnen bewohnten Räume kostenlos zur Verfügung zu stellen, solange sie es wünschen; denn beide Herren habe sich sehr um mein leibliches und vor allem mein seelisch-geistiges Wohlergehen gekümmert. Die Wertpapiere gemäß Anlage drei werden auf die beiden Kinder der Frau Martha Bartsch“ und so weiter, und so weiter „überschrieben, die Herr Notar Doktor Heinrich Wortach“ und so weiter, und so weiter“ bis zu ihrer Großjährigkeit verwalten wird und nur von ihm auf Anforderung der Kinder bei Bedarf verkauft werden können. Die einmalig vereinbarten Verwaltungskosten in Höhe von DM Eintausend kann Herr Notar Doktor Wortach aus einem Verkaufserlös einbehalten. Die Aktien gemäß Anlage zwei stehen den bereits vorher genannten Herren Doktor phil. Franz Bruhns und dem Stud. phil. Michel de Beauchamp zur freien Verfügung. Herr Notar Doktor Heinrich Wortach wird die Erben dahingehend beraten, welches der günstigste Weg zur Auszahlung von jeweils anteilsmäßig einundfünfzig Prozent meines Gesamtvermögens an meinen Sohn, Doktor jur. Udo Rinke, ist, wobei die unter Alpha genannten Bedingungen zu berücksichtigen sind, also zum Beispiel Nichtberücksichtigung eventueller Wertsteigerungen, und wie sich eine eventuell fällige Erbschaftssteuer zusammensetzt und auf die Erben zu verteilen ist. Die Kosten für die vorgenannte Beratung sind bereits, gemäß Anlage fünf an Herr Notar Doktor Wortach in Voraus bezahlt worden. Falls mein Sohn, Herr Doktor jur. Udo Rinke, zu diesem meinem letzten Willen nicht binnen dreißig Tagen sein schriftliches Einverständnis erklärt, verfällt sein Anspruch auf die Wertauszahlung vollständig. Damit hat er in keinster Weise noch irgend einen Anspruch auf mein Vermögen, dessen Pflichterbteilsanspruch ich eigentlich sowieso für verwirkt sehe, nachdem er Handlungen gegen mich eingeleitet hat, die solch eine Entscheidung meinerseits rechtfertigen. Mein Kater Caesar mit Stammbaum Tatata soll, solange er lebt, von der Person betreut werden, auf dessen Schoß er gerade zum Zeitpunkt der Testamentseröffnung sitzt. Falls die Eröffnung nicht, wie vorgesehen, im Salon meines Hauses durchgeführt werden kann, gebe ich das Tier in die Obhut von Herrn Stud. phil. Michel de Beauchamp. Da die Pflegekosten von etwa zweihundert DM pro Monat, belegt durch Haushaltskostenaufstellung der Anlage sieben, den Geldwert des Tieres und der mit seinem Wohlbefinden verbundene Gegenstände gemäß Anlage eins, Punkt neunhundertundfünfzehn bis neunhundertundachtzehn bei weitem übersteigen bei einer Lebenserwartung von weiteren fünfzehn Jahren nach dem Gutachten gemäß Anlage sechs, ist Herrn Michel de Beauchamp aus meinem Bar- beziehungsweise Sparvermögen die Summe von DM sechs-unddreißigtausend innerhalb von vier Wochen ab Datum der Testamentseröffnung auszuzahlen. Mein Kraftfahrzeug, Mercedes-Benz, dreihundert SL, Kraftfahrzeugnummer Tatata, amtliche Zulassung Tatata, gemäß Anlage eins, Punkt neunhundertundneunzehn, unter Anwendung der dort gegebenen Wertminderungsberechnungsformel, geht zu gleichen Teilen in den Besitz der Herren Doktor Franz Bruhns und Michel de Beauchamp über als Entschädigung dafür, daß sie kostenlose Fahrdienste für mich zu jeder von mir gewünschten Zeit übernommen haben und als Auslagenersatz für in meinem Auftrag geführte Telefongespräche, zum Beispiel mit der Reparaturwerkstatt, wegen Hotelreservierungen, ferner für Einkäufe, wie zum Beispiel von Lebensmitteln und Verbrauchsgegenständen des Haushaltes, sowie von Brennstoff, Übernahme von Wartungs- und Reparaturkosten des Wagens und dergleichen, für die sie keine Kostenerstattung gefordert haben, wie von mir sorgfältig im Ordner Kfz vermerkt.“

 

    Doktor Wortach schaute mich an und lächelte. Jetzt wollte er erneut von uns allen wissen: „Nehmen Sie denn nun dieses Erbe an?“

 

    Ich war so glücklich, daß Caesar mir gehörte, und rief begeistert: „Ja natürlich. Caesar soll bei mir bleiben!“

 

    Der Notar lachte und erklärte: „Das ist ja wohl nur ein... ich glaube, der geringste Teil des letzten Willens. Sind Sie auch mit dem anderen Gesamtteil einverstanden?“

 

    Franz und ich zuckten mit den Schultern.

 

    Martha saß mit offenem Mund da, wirkte etwas idiotisch, weil sie offensichtlich nicht mitbekommen hatte, was da im Einzelnen vorgelesen worden war.

 

    Doktor Wortach schmunzelte und sagte: „Ich bin noch nicht am Ende. Es geht weiter. Also... Ich lese: Falls auch dieser Alternativ-Wille Betha von den vorgenannten Personen, Frau Bartsch, Doktor Bruhns und Herrn de Beauchamp nicht angenommen wird, ist Gamma mein Gesamtvermögen gemäß den Anlagen eins, zwei, drei und vier der Gemeinde der Lutherischen Kirche, in Tatata und so weiter, abzüglich von einundfünfzig Prozent für meinen Sohn Doktor jur. Rinke, zu überschreiben, was Herr Notar Doktor Wortach veranlassen wird. Falls mein Sohn, Herr Doktor jur. Udo Rinke, zu diesem meinem letzten Willen nicht binnen dreißig Tagen sein schriftliches Einverständnis erklärt, verfällt sein Anspruch auf die Wertauszahlung vollständig nach der bereits oben unter Alternative Betha gegebenen Begründung, die hiermit wiederholt wird. Text, so wie vorher schon vorgelesen... Ich bitte jedoch in diesem Fall Herrn Michel de Beauchamp, die Katze Caesar, Stammbaum Tatata, in seine Obhut zu nehmen und zu versorgen. „

 

    Der Notar machte eine kurze Pause, fügte dann noch hinzu, daß dieser letzte Wille ordnungsgemäß unterschrieben und die handschriftliche Niederschrift von ihm beglaubigt worden sei, und er werde jedem der Anwesenden eine Kopie ausgehändigen, „außer dem Kater natürlich...“ scherzte er, „obwohl der einen anschaut, als habe er alles mitbekommen. Zumindest scheint er, wie ich aus seinem zufriedenen Gesichtsausdruck ablesen kann, mit dem Testament einverstanden zu sein.“

 

{Anmerkung: Die von Michel beim Vorlesen des Testamentes gebrauchten Floskeln »und so weiter« oder »Tatata« wird der Notar mit Sicherheit nicht gebraucht haben. Er ist verpflichtet, den gesamten Text, so wie er geschrieben steht, vorzulesen.}

 

    Dann erkundigte er sich: „Meine Dame und meine Herren, ich muß Sie fragen, nehmen Sie das Testament, Alternative Betha an? Dann sagen Sie deutlich ja. Die Alternative Alpha haben die beiden Herren Bruhns und de Beauchamp bereits abgelehnt, nicht wahr?“

 

    Franz und ich bestätigten es. Martha schwieg. Ich stieß sie an und forderte sie auf: „Du sollst ja sagen.“

 

    Sie schaute mich mit etwas verwirrtem Gesichtsausdruck an und murmelte: „Ja.“

 

    Doktor Rinke erhob sich und bemerkte mit sehr abfälliger Miene: „Herr Kollege, Sie werden ja zugeben müssen, daß das, was Sie da soeben vorgelesen haben, inhaltlich und sprachlich, vom juristischen Standpunkt aus, ziemlich mangelhaft ist. Das Ganze ist mehr oder weniger eine Farce {derb-komisches Lustspiel}. Da fehlt ja jegliche Professionalität. Das ist doch kein als seriös zu bezeichnendes Testament.

 

    Der Notar entgegnete ziemlich arrogant: „Natürlich steht Ihnen der Rechtsweg offen, Herr Kollege.“

 

    Er holte aus seiner Aktentasche vier Heft-Ordner hervor, verteilte sie an uns und erklärte: „Das sind die Kopien für jeden von Ihnen. Bitte bestätigen Sie mit Ihrer Unterschrift einmal den Erhalt, obere punktierte Linie, und Ihr Einverständnis zur Alternative Betha, untere punktierte Linie. Bitte vergessen Sie das Datum nicht. Ich muß sie leider bitten, mir irgend ein offizielles Ausweisstück zur Unterschriftsbeglaubigung zu zeigen.“

 

    Doktor Rinke protestierte: „Sie glauben doch wohl nicht, daß ich Ihnen mein Einverständnis gebe!?“

 

    Der Notar antwortete: „Ich habe lediglich das Testament eröffnet. Ihr Einverständnis gilt dem letzten Willen Ihrer Frau Mutter und nicht mir.“

 

    Doktor Rinke wandte sich zum Gehen, ohne noch etwas zu sagen.

 

    „Moment“, rief Doktor Wortach, „ich muß Sie um Aushändigung des Hausschlüssels bitten.“

 

    Barbaras Sohn kramte in seinen Taschen, warf den Schlüssel auf den Boden und verließ das Haus, in dem er zu meiner Genugtuung ab dem heutigen Tag nichts mehr zu suchen haben würde.

 

    „Was wird denn nun?“ erkundigte sich Martha.

 

    Wir schauten uns gegenseitig so an, als wolle jeder den jeweils anderen bitten, ihr den Sachverhalt noch einmal zu erklären. Doktor Wortach wandte sich an Franz und mich und schlug vor: „Meine Herren, vielleicht darf ich Sie bitten, mit Frau Bartsch alle Einzelheiten noch einmal in den nächsten Tagen durchzugehen. Uns bleibt jetzt keine Zeit mehr, wenn wir das im Restaurant von Herrn Hofmann angesetzte Mittagessen nicht versäumen wollen.“

 

    (Herr Hofmann hatte ausdrücklich darauf bestanden, daß er als „letzte Dankesverpflichtung seiner verstorbenen, sehr geliebten Freundin gegenüber“, wie er sich ausgedrückt hatte, in seine Räumlichkeiten einladen wolle. Selbstverständlich übernehme er sämtliche Kosten.)

 

    Der Notar bat uns, mit ihm zusammen in seinem Wagen zu fahren, da er doch noch einiges erklären möchte.

 

    Ehe wir losfuhren, rannte ich in unsere Zimmer, um noch einmal zwei der Drogen zu nehmen; denn ich zitterte am ganzen Körper vor Aufregung.

 

    Auf dem Wege zum Restaurant sagte Herr Doktor Wortach: „Ein solches Testament, wie dieses habe ich noch nie in meiner ganzen beruflichen Laufbahn erlebt. Als die Verstorbene mit ihrem fertigen Konzept zu mir kam, an dem ich kaum etwas geändert habe, auch nicht durfte, habe ich zuerst geglaubt, sie sei schon aufgrund ihres Alters in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt. Aber sie hat doch alles ganz genau vorausgesehen, wie sich zum Beispiel ihr Sohn nach ihrem Ableben verhalten werde. Alles ist genau so verlaufen wie sie es sogar schriftlich niedergelegt hat... also, das mit der Katze auf Ihrem Schoß, Michel; dann, daß Sie beide das Erbe zugunsten von Frau Bartsch ausschlagen würden. Sie muß Euch alle sehr, sehr gut gekannt haben. Ich glaube, sie war wirklich eine phantastische Frau. Also, ich muß schon sagen, das war wirklich... wissen Sie, ich hätte so 'was nie für möglich gehalten. Sie eine Fee zu nennen, war wohl sehr zutreffend.“

 

    Er schüttelte den Kopf und murmelte mehrmals: „Unglaublich... Das ist wirklich unglaublich.“

 

    Er erklärte weiter, daß die Auszahlung der einundfünfzig Prozent, also ein Prozent mehr als es dem Pfichterbteil entspreche, an ihren Sohn sehr geschickt sei; denn der würde sonst alle juristischen Möglichkeiten genutzt haben, das Testament anzufechten und teure Prozesse zu führen. Er klärte uns auf:“ Gesetzlich hat ein Erbe erster Ordnung, also ein Sohn einen Rechtsanspruch auf einen sogenannten Pflichterbanteil, ganz gleich wie das Vermächtnis, der letzte Wille auch formuliert worden ist. Das ist die Hälfte dessen, was ihm ohne sogenanntes Testament zustünde. Frau Rinke hätte das gerne vermieden. Aber da ging allgemeines Recht vor. Ihn aufgrund Verfehlungen seiner Mutter gegenüber auszuschließen, also davon habe ich nur schwer abraten können.“ Ich verstand ihn nicht.

 

    „Sie haben sich vielleicht noch gar nicht darüber informiert“, fügte er ein, „welches Vermögen die alte Dame tatsächlich hinterlassen hat. Das sind Summa Summarum: Zwei-Komma-neun-Millionen. Hinzu kommt das Auto von einem geschätzten Zeitwert von um die fünfzigtausend. Rechtlich handelt es sich nach dem Testament um eine Schenkung. Ich weiß nicht, wie das Finanzamt darauf reagieren wird, da es als eine Entlohnung anzusehen ist. Jedenfalls einen Prozeß gegen den Rinke um diese Summe würden Sie vielleicht überhaupt nicht durchstehen können. Außerdem wäre Ihnen ein Großteil dessen, was nun der Herr Sohn bekommt, sowieso als nicht direkte Angehörige der Erb-Lasserin, denen kein Freibetrag zusteht, durch die Erbschaftssteuer abgenommen worden. Die Beträge, die Sie dennoch zu entrichten haben, kann ich Ihnen ausrechnen. Sie richten sich nach Ihren Steuerklassen. Herr Bruhns als bereits im Arbeitsprozeß stehender und als Lediger steht da sehr ungünstig. Aber das sollten wir alles ausführlich besprechen. Nun hat aber der Rinke junior, ein wirklich unangenehmer Mensch, meiner Ansicht nach, kaum eine Chance einer Anfechtung des Testaments. Falls er es dennoch versuchen sollte, würde ich Sie gerne vertreten. Die verstorbene Frau Rinke hat mir als Beweisstücke für ihr Mißverhältnis zu ihrem Sohn einiges an Korrespondenz übergeben. So hat er zum Beispiel vor einiger Zeit zweimal einen Antrag gestellt, seine Mutter zu entmündigen. Das reicht aber nicht aus, um ihm eine schwere Verfehlung seiner Mutter gegenüber nachzuweisen. Im Falle einer schweren Verfehlung könnte ihm sogar der Pflichtanteil verwehrt werden, allerdings nur dann. Er hat außerdem mit Altersheimen korrespondiert und so weiter, und so weiter. Das würde alles allerdings die Richter schon ein wenig zu seinen Ungunsten beeinflussen. Würde er den Prozeß verlieren, was sehr wahrscheinlich ist, dann bekommt er nur seinen Pflichtanteil von fünfzig Prozent. Er würde also ein Prozent verlieren, das sind, außer den Prozeßkosten, nach Adam Riese {eigentlich Adam Reis} immerhin neununddreißig Tausend.“

 

    Beim Essen war - zu meiner Überraschung - der Sohn von Fee mit Gattin zugegen, der uns sogar mit der Andeutung eines Lächelns zunickte, als wir den Saal betraten.

 

    (Franz erklärte mir später, daß diesem Mann jetzt offensichtlich doch recht klar geworden sei, welche geringen Chancen er habe, das Testament anzufechten. Jetzt werde er bestimmt versuchen, uns zu überreden, auf unsere Ansprüche weitgehendst zu verzichten. „Da bin ich so sicher, daß ich darauf 'nen Besen fresse. Also das schluckt ja doch alles das Finanzamt und so ähnlich, wird er vorbringen“, hatte er hinzugefügt.)

 

    Herr Hofmann hielt eine Ansprache und sprach über Fee als sei sie ein gottähnliches Wesen gewesen. „Sie war nicht von dieser Welt“, hatte er unter anderem mit Tränen in den Augen recht leise, seinen Kopf wiegend, gesagt. Alle Trauergäste hatten dazu genickt, einschließlich Sohn und Schwiegertochter.

 

    Doktor Wortach brachte uns nach Hause zurück, wie er versprochen hatte, nahm sogar Marthas Einladung zu einer Tasse Kaffee an, redete wieder auf uns ein, den letzten Willen der heute zu-Grabe Getragenen zu achten, „denn nur dann wird sie in Frieden ruhen können“, fügte er in pathetischer Weise, erläuternd hinzu.

 

    Er belehrte uns über rechtliche Fragen bezüglich Erbschaftssteuern, Vermögenssteuern, Grundsteuern, Kosten der Grundbuchänderung. Ich hatte bisher keine Ahnung, wie vielerlei Arten von Steuern, Gebühren und Abgaben existieren.

 

    „Dann wird Martha ja erst einmal Wirtschaftswissenschaften studieren müssen“, lästerte ich.

 

    Der Notar lachte und bot an: „Ich werde mich erst einmal darum kümmern, und dann schlage ich Abrufaufträge vor, damit alles einfach und reibungslos abläuft.“

 

    Er schaute mich verschiedentlich recht ernst an und fragte plötzlich: „Kann ich Sie vielleicht einmal alleine sprechen? Ihre Fee hat mich gebeten, Ihnen noch ein paar persönliche Gedanken zu übermitteln.“ Ich bat ihn in unsere Gemächer. Mein Arm, den Caesar zerbissen hatte, begann heftig zu schmerzen.

 

    „Sie hatte Sie ganz besonders gern“, begann er. „Sie sagte mir, daß Sie immer bemüht seien, offen und ehrlich zu sein. Sie hat mich auch über Ihr besonderes Verhältnis zu Herrn Bruhns informiert und daß er immer noch nicht außer Gefahr sei. Ich kenne allerdings den neuesten Stand nicht. Unser Gespräch fand vor etwa drei Monaten statt.“

 

    „Sie meinen die Gefahr durch den Tumor?“ fragte ich. Er nickte.

 

    Ich erklärte ihm, daß dieser zwar noch vorhanden sei, aber nach der Therapie keine direkte Gefahr mehr bedeute und kaum noch Schmerzen oder sonstige Behinderungen verursache.

 

    „Franz.. Ich meine, Herr Bruhns ist praktisch wieder ganz normal“, sagte ich zufrieden lächelnd.

 

    „Das freut mich sehr zu hören“, erklärte er mir. „Nun, Ihre Fee war immer sehr besorgt um Sie, weil Sie - wie sie sagte - sehr schnell aus der Fassung geraten können, gefühlsmäßig extrem reagieren... Wie soll ich sagen? Ich glaube, Sie müßten sich mehr mit der Realität des Lebens, manchmal kann das Leben grausam sein... Ich glaube, das sollte ich Ihnen sagen. Was auch immer passiert, Sie müssen das Schicksal hinnehmen, dürfen sich nicht unterkriegen lassen... Sie wissen, was ich meine. Sie hat mich inständig gebeten, Ihnen auszurichten, daß Sie sie nie vergessen sollten. Sie wollte so gerne in guter Erinnerung bleiben. Sie hatte Sie sehr, wirklich sehr geliebt...“

 

    Ich mußte mich umdrehen, da ich meine Tränen nicht unterdrücken konnte. Er faßte meine Schultern, drehte mich um, ergriff meinen Kopf, nickte und meinte: „Ja, sie hat Recht. Sie sind wirklich ein Gefühlsbündel, ein erwachsenes Kind, wenn auch vielleicht in einem starken Männerkörper. Auch das waren ihre Worte.“ Er wurde lauter: „Jetzt schauen Sie mich an, verdammt noch mal... Entschuldigung. Aber können Sie sich nicht ein bißchen zusammenreißen!? Ich könnte Sie jetzt ohrfeigen, verdammt noch mal!“

 

    Seine Worte hatten genau das Gegenteil erreicht und ich weinte wie ein kleiner Junge. Er legte den Arm um mich und sagte leise: „Sie sind wirklich der Realität des Lebens nicht gewachsen. Das wird nicht gut gehen, hat Frau Rinke, ich meine, Ihre Fee gesagt. Die hat Recht, verdammt noch mal! Sie sind wirklich in Gefahr, fürchte ich, wenn irgend etwas Schreckliches passieren sollte.“

 

    Er tätschelte meinen Rücken. Ich suchte meine Tabletten und schluckte gleich drei davon. „Was haben Sie denn da genommen?“ erkundigte sich Doktor Wortach mit mißbilligendem Blick.

 

    „Das ist Valium“, bekannte ich.

 

    „Und wieviele haben Sie heute schon genommen?“ wollte er wissen.

 

    Ich zuckte die Schultern und sagte: „Vielleicht acht oder mit diesen zehn.“

 

    Er schüttelte den Kopf und sprach zu sich selbst: „Das ist ja kaum zu glauben“, fuhr dann lauter fort: „Nehmen Sie so etwas regelmäßig?“

 

    Ich schüttelte den Kopf und erklärte: „Heute zum ersten Mal.“

 

    Er ging nervös auf und ab. Dann bat er mit flehender Stimme: „Bitte, versprechen Sie mir, davon nicht abhängig zu werden.“

 

    Ich versuchte zu lächeln und gab ihm das gewünschte Versprechen. Der Notar schaute im Zimmer umher, offensichtlich nicht, weil er etwas suchte, sondern weil er überlegte - wie ich meine. Dann kramte er in seiner Jackentasche, zog eine Visitenkarte hervor, überreichte sie mir und sagte: „Wenn immer Sie in Problemen stecken und in Schwierigkeiten sind, rufen Sie mich sofort an. Versprechen Sie mir das?“

 

    Er streckte mir die Hand hin, die Handinnenfläche nach oben gedreht, und forderte mich erneut auf: „Das müssen Sie mir in die Hand versprechen! Ich bin Tag und Nacht für Sie zu erreichen. Merken Sie sich das.“ Er klopfte mehrmals auf meine Schulter, schüttelte den Kopf und schlug vor: „Können wir jetzt gehen?... Ich habe auch noch jede Menge im Büro zu tun.“

 

    Nachdem Franz und ich bereits am früher Abend zu Bett gegangen waren, bat ich ihn zuzustimmen, daß wir bald aus diesem Hause auszögen. „Das wird mich zu sehr belasten“, erklärte ich, „immer wieder an Vergangenheit erinnert zu werden. Es wird nie wieder so sein wie früher.“

 

    Franz reagierte ärgerlich: „Du mußt dich wirklich mal ein bißchen am Riemen reißen, verdammt noch mal! Du mußt endlich lernen, mit der Realität des Lebens zurecht zu kommen, verdammt noch mal! Du kannst nicht dauernd davonlaufen!“ Dann drückte er mich fest an sich und schlug mit leiser Stimme vor: „Was meinst du? Ich lasse einfach Arbeit Arbeit sein, und du schwänzt die Vorlesungen, und wir fahren ein paar Tage in die Berge. Jetzt im Winter ist es da ganz besonders schön. Du wirst sehen. Und wir kaufen uns Schneeschuhe.“

 

    Ich freute mich sehr über seinen Vorschlag, schränkte aber ein: „Aber nicht in dieses Hotel Zum Goldenen Bär.“

 

    Franz drehte mich auf den Rücken, küßte mich, streichelte mein Gesicht und sagte: „Das sollten wir eigentlich doch tun. Du sollst nicht vergessen, sondern mußt lernen, mit etwas fertig zu werden... Vielleicht lassen wir das aber. Ich habe auch keine große Lust, dahin zurückzukehren.“

 

 

 

 

Brief aus Casablanca

 Freitag, 20.2.1981

 

    Unser Freund Wernher Pfeiffer, der ja zur Zeit in einem großen Chemielabor in Marokko arbeitet und uns erst vor kurzem während seines Heimaturlaubs mit seinem Freund Tassa besuchte, hat geschrieben:

 

{Anmerkung: Wernher Pfeiffer, promovierter Chemiker, der Schreiber dieses Briefes, lebt seit vielen Jahren mit einem Indonesier zusammen, der in Deutschland als Mitarbeiter einer Firma für Importe und Exporte beschäftigt ist.}

 

 

Casa, 12.2.81

Lieber Franz und lieber Michael,

 

rasch doch ein paar Zeilen, die Euch hoffentlich bei guter Gesundheit erreichen.

 

Ich habe im Wesentlichen über 2 Ereignisse zu berichten, die mir neue Erfahrungen gebracht haben. Zuerst eine für mich, aber wohl objektiv für die meisten meiner Mitmenschen nicht so sehr aufregende Geschichte, die mich aber tagelang in eine so starke Depression gebracht hat, daß ich Schwierigkeiten hatte, da wieder 'raus zu kommen. Im Labor gibt es kaum noch Katzen. Es gibt ein Programm der GTZ [Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit GmbH.], alles „nutzlose Viehzeug“, dazu gehören Tauben, Ratten, Katzen, auf ein „volkswirtschaftlich gesundes Maß“ zu reduzieren. Die Tiere werden also vergiftet, weil das Bayer am besten dient, anstatt andere Möglichkeiten zu nutzen, wie Antibabyzeug. Um Einzelheiten habe ich mich nicht gekümmert, da ich mich nicht unnötig belasten will. Nun gab es eine recht kleine Katze, die mir auffiel, relativ gut genährt. Vergangenen Montag hörte ich das Tier miauen, lief nach draußen, um nachzuschauen, warum. Die Katze saß einfach irgendwo. Ich hatte das Gefühl, daß sie nach ihrer Mutter schrie. Nach 2 Stunden ging ich wieder raus und sah eine recht wohlgenährte Katze, auf die das kleine Tier zulief und daraufhin aufhörte zu schreien. Ich war also beruhigt, weil ich der Meinung war, es habe seine Mutter wiedergefunden. Am nächsten Tag war die Schreierei wieder zu hören. Das kleine Tier machte schon einen recht schwachen Eindruck. Ich sah die große Katze wieder, beobachtete sie eine Weile und fand heraus, daß es ein Kater war. Ich überlegte: Wenn ich wieder eine Fütterungsaktion beginnen würde, wie schon einmal, würde mich das natürlich beruhigen, einem Lebewesen aus einem Heer von vielen Millionen, auch vom Hunger bedrohten, zu helfen, aber dem Tier auf Dauer nicht; denn nach meiner Abreise würde sich niemand kümmern, womit das noch zu kleine Tier sowieso keine Chance hätte zu überleben. Ich würde mir nur die Schreierei aus den Ohren nehmen.  Ich wollte einmal ausprobieren, ob ich in der Lage bin, das Zuschauen beim Verhungern des Tieres, einem „ganz natürlichen“ Vorgang, den zig Lebewesen täglich in Gottes schöner Natur erleiden, bewußt zu ertragen. Diese Überlegungen habe ich einmal lange vorher schon angestellt aufgrund des Filmes „Funny People“ {lustiges Volk}, den wir auf Band  haben und in dem gezeigt wird, wie eine junge, noch nicht flugfähige Wildente langsam verdurstet, weil der See, in dem die Tiere lebten, austrocknete. Das Kamerateam hat also bewußt, ohne zu helfen, das Ende dieses Tieres verfolgt. Der Gedanke daran ist mir unerträglich, und ich kann daher über den Film keineswegs lachen, obwohl er ja aus der Tierwelt lustige Ereignisse zeigen will (und auch tut). Auch lege ich keinen Wert darauf, den Film noch einmal zu sehen.

 

Ich schlief die ganze Nacht nicht, wurde von einer Depression gepackt, die katastrophal war. Am nächsten Tag war das Tier bereits so schwach, daß es kaum noch laufen konnte. Ich holte dann doch etwas zu essen, was aber nicht mehr angenommen wurde. Die Laborleute machten sich lustig über mich. Ich bemühte mich, ihnen ruhig meine Anschauungen mitzuteilen. Der Direktor gab schließlich Anweisung, dem ganzen ein Ende zu setzen und die Katze umzubringen. Auch er machte mir gegenüber eine Bemerkung, daß ich wohl ein wenig verrückt sei. Nun ist ausgerechnet er Veterinär und begeisterter Jäger, eine schöne Kombination, finde ich, nicht wahr? Ich warnte ihn, sich genau zu überlegen, was er mir sagen könne, riet gleichzeitig, besser nichts zu sagen, da dieses Thema in meine Weltanschauung fiele und ich genau so das Recht für mich in Anspruch nähme wie sonst religiöse Leute, die sich auch nicht über ihre Glaubensangelegeheiten lustig machen lassen. Da er wieder eine abfällige Bemerkung machte, fragte ich ihn, ob er Wert darauf lege, meine tatsächliche Meinung über ihn einmal ganz offen von mir zu hören. Daraufhin wechselte er das Thema. Ich habe ihn seit gestern dann nicht mehr gesprochen. Meine Erfahrung aus diesem Ereignis: Ich bin immer weniger in der Lage, einem Lebewesen Hilfe zu verweigern, aus welchen Gründen auch immer, und werde mich in Zukunft auch nicht dagegen sträuben, selbst wenn es nur mein Gewissen beruhigt.

 

Das andere, für mich erfreuliche Ereignis: Ich bin viel mit den Laborleuten zusammen, werde dauernd eingeladen und lade auch selbst ein. Jeden Abend wird von verschiedenen Gruppen von Leuten vorgeschlagen, etwas zusammen zu unternehmen, vor allem zusammen zu trinken. Natürlich bin ich auch deshalb sehr beliebt, weil es mir nicht allzu schwer fällt, eine größere Menge Wein einzukaufen, was für die Marokkaner bei einem so geringen Gehalt nur ganz selten möglich ist. Also geht die Sauferei oft, d.h. zum überwiegenden Maße auf meine Kosten. Auch dagegen sträube ich mich nicht. Ein Abteilungsleiter aus dem Labor bekommt 2.800 Dirham (1 DM = 4,22 Dirham), ich im Ausland 9.600 DM, also das vierzehnfache. Gut davon gehen 2 Monatsgehälter der hiesigen Leute für mein Hotel drauf, bleibt aber immer noch ein riesiger Vorsprung. Vorgestern hatte ich 7 Personen in ein koreanisches Restaurant eingeladen, wo wir sehr gut gegessen und vor allen übermäßig viel getrunken haben. Um 11:30 wurden wir sehr höflich, mit einem Schwall von Entschuldigungen gebeten, das Lokal zu verlassen, weil es eigentlich bereits um 11 Uhr schon schließt und wir nur noch die einzigen Gäste wären. Ich hatte fast genau tausend Dirham zu bezahlen (etwa 210 Mark = 3 1/2 Tagesspesensätze), bekam nicht mit, daß meine Freunde Geld zusammenlegten, um noch ein paar Flaschen Wein mitzunehmen, der im Restaurant etwa doppelt so teuer ist wie im Laden. Aber die Läden waren zu. Eine Flasche stellte das Restaurant kostenlos zur Verfügung.  Wir gingen in die Wohnung des technischen Leiters des Labors, die ganz in der Nähe des Restaurants und übrigens auch des Labors liegt, nachdem sich, nach langer Diskussion, 2 Leute verabschiedet hatten.

 

Ehe ich weiter erzähle, will ich 2 Dinge noch erklären:

 

A. Den Einheimischen ist es nach einem ungeschriebenen Gesetz verboten, Alkohol zu trinken. Leute, die sich noch sehr spät auf der Straße aufhalten, werden gerne von der Polizei angehalten und, wenn sie nach Alkohol riechen, mitgenommen. Es gibt tatsächlich ein „Hotel de Police“, wo sie hingebracht werden, wenn sie noch etwas Geld haben, um dort die Übernachtung zu bezahlen. Sonst landen sie im Gefängnis. Also gehen die Betrunkenen und Angetrunkenen möglichst dann noch rasch nach Hause, wenn immer noch viele Leute unterwegs sind und wenn das Zuhause nicht allzu weit entfernt ist. Ansonsten versuchen sie, bei Bekannten unterzuschlüpfen. Da nun der Alkohol meine Depression, die mich regelrecht arbeitsunfähig gemacht hatte, geschwächt hatte, und da wir auch über „meinen Fall mit der Katze“ recht vernünftig diskutiert hatten, sperrte ich mich nicht allzu sehr dagegen, mit in die Wohnung des Laborleiters (etwas über 30 alt) zu gehen.

 

B. Die islamische Gesellschaft ist noch eine reine Männergesellschaft, in der die Männer sich untereinander sehr gut verstehen, auch in dem Sinne, daß sie durchaus körperlich Kontakte untereinander pflegen können, also, sich beim Essen gegenseitig füttern, sich hin und wieder ungehemmt zärtlich küssen, sich umarmen, regelrecht miteinander schmusen, was bei uns nur bei Kindern beobachtet werden kann. Diese Art kindliches Verhalten ist den Erwachsenen hier - auch den Frauen untereinander - erhalten geblieben. Das Verhältnis der Männer zu den Frauen ist im Großen und Ganzen nur auf ein sexuelles Abreagieren beschränkt. Ich bin zwar sicher, daß die homosexuelle Komponente bei den Männern hier voll auf ihre Kosten kommt, wundere mich daher, warum die dann trotzdem so sehr hinter Frauen her sind. Ich glaube, daß es daran liegt, daß sie beschnitten sind und zwar so, daß sich die Haut auf dem Penis nicht mehr verschieben läßt und damit ein Onanieren ziemlich erschwert ist. Durch die Beschneidung sind sie also darauf angewiesen, an einer Frau durch die Penetration zu masturbieren. Ich habe mit einigem Männern recht offen darüber gesprochen. Natürlich werden Schwule strikt abgelehnt. Frauen, mit denen ich über Mann-Frau-Verhältnis gesprochen habe,  z.B. auch mit meiner Freundin in der Türkei, sind auch der Meinung, daß im Prinzip die meisten Männer in der islamischen Gesellschaft schwul sind, weil sie eine echte gefühlsmäßige Zuneigung nur zu Freunden des gleichen Geschlechtes entwickeln können und sich für alle anderen, eigentlich ja auch zur Sexualität dazugehörenden Aktivitäten, wie zärtlich miteinander umgehen - außer dem sogenannten Akt selbst - volle Befriedigung bei ihren Geschlechtsgenossen holen.

 

Jetzt muß ich noch etwas vorausschicken: Dieser Laborleiter, mit Vornamen Ibrahim, war an diesem Abend sehr aufgeregt, weil eine seiner beiden Freundinnen, die er - wie er sagte - schon sehr lange kennt und ganz besonders liebt, ihren Urlaub in Marakesch in einem Hotel verbringt. Sie arbeitet in einem Reisebüro. Das nur nebenbei. Er versuchte jede viertel Stunde, sie ans Telefon zu bekommen. Sie war aber nicht in ihrem Zimmer. Natürlich wurde er gehänselt, wie das so in einer Gruppe üblich ist. Als ich dann auch eine lustige Bemerkung in dieser Hinsicht über seinen Liebeskummer machte, fuhr er mich an und sagte, ich solle ganz schön ruhig sein, sonst würde er mich auch damit aufziehen, daß mein indonesischer Freund nicht gekommen sei und ich seine Gefühle verstehen und respektieren sollte. (Ich habe den Leuten gegenüber nie meine sogenannten Neigungen zum anderen Geschlecht verheimlicht, und diese meine Neigungen werden von ihnen akzeptiert.) Ich habe mich dann bei ihm entschuldigt und erklärt, daß eben diese Hänseleien typisch für ein Gruppenverhalten seien, in das ich leider auch hineingerutscht sei.

 

Wernher Pfeiffer

In der Wohnung wurde also noch weiter getrunken, obwohl wir alle reichlich voll waren. Ibrahim verschwand immer wieder, um zu telefonieren. Wir anderen unterhielten uns über Möglichkeiten, ob es andere Lebewesen auf anderen Planeten geben könne, ob dort die gleichen Naturgesetze gelten müßten udgl. Es wurde wirklich nach allen Gesichtspunkten überlegt, nach der Wahrscheinlichkeit, nach der ein bewohnbarer Planet das gleiche Abstandsverhältnis bzw. energetische Strahlungsverhältnis zu seiner jeweiligen Sonne, nach der ein Planet eines anderen Sonnensystems auch ähnliche Atmosphärenzusammensetzung und Schwerkraft wie bei uns auf der Erde haben könne. Ein weiteres Thema war: Wie nun endlich mal bestehende Gesellschaftssysteme reformiert werden könnten, d.h. mit welchen Mitteln das erreicht werden könne, gegen die überwältigende Propagandamacht des Establishments. Das war für mich schon sehr interessant zu beobachten, wie präzise und nicht spinnerhaft von einigen Marokkanern argumentiert wurde.

 

Schließlich waren die Flaschen leer, und es wurde der Beschluß gefaßt, endlich zu schlafen. Es waren 2 normal schmale Betten, ein großes französisches Bett und eine recht schmuddelige, unbezogene Matratze vorhanden. Ich beschloß, zurück in mein Hotel zu gehen, weil ich als Europäer nichts zu befürchten habe und auch nicht weit laufen mußte. Mohammed, der Junge, den ich regelrecht liebe, von dem ich Euch schon früher öfter berichtet habe und der meistens der Initiator von komplizierten Gesprächen ist, traf, auch eine seiner üblichen Eigenschaften, die Entscheidung, wer, wo zu schlafen habe. Er wollte mit Ibrahim das große Bett teilen, während wir anderen uns auf die restlichen Schlafgelegenheiten verteilen könnten. Mir war fast alles egal. Ich wollte nur schlafen. Ibrahim bestand aber hartnäckig darauf, daß ich in seinem großen Bett zu schlafen hätte. Da er nochmals telefonieren müsse, wäre ich zumindest eine Zeitlang ungestört. Ich schlief sofort ein, wurde von ihm aber geweckt, als er zurückkam. Er sagte, daß selbst jetzt um 3 Uhr früh das Mädchen nicht in seinem Zimmer sei. Er sei jetzt hundert Prozent sicher, daß sie mit jemandem anderen das Zimmer teilen würde. Er sei schrecklich deprimiert. Er legte sich zu mir und fragte, ob es mir etwas ausmachen würde, wenn er mich in den Arm nähme. Er fände mich am sympathischsten von allen und brauche einfach jetzt die körperliche Nähe. Ich ließ mir das gefallen, obwohl ich ziemlich verunsichert war und - ehrlich gesagt - kein so passionierter Schmusetyp bin. Er schlief recht bald ein, störte mich ziemlich, weil er halb auf mir lag und recht muskulös schwer, allerdings, ehrlich gesagt, auch sehr angenehm anzufassen ist.

 

Am Morgen wachte ich ziemlich früh gegen 7 Uhr auf, mußte dringend Wasser lassen, kroch unter Ibrahim hervor, um auf die Toilette zu gehen. Dabei sah ich zu meiner Überraschung, daß 2 der anderen Saufkumpanen ebenfalls eng umschlungen auf einem Bett lagen, Mohammed in dem anderen. Ich habe mich gewaschen, dann Kaffee gemacht und die anderen kurz vor 8 geweckt, damit wir einigermaßen pünktlich um 8:30 im Labor sein konnten.

 

Daraus jetzt die Lehre für mich: Ich war zuerst bei den Leuten hier ziemlich aufgrund unserer Erziehung zu Berührungsängsten verunsichert, sie ungezwungen anfassen zu können, so wie wir ja durchaus immerhin noch ein Kind auf den Schoß nehmen können. Mir war es unangenehm, obwohl inzwischen durchaus daran gewöhnt, Leute (Männer natürlich) zu küssen. Es hatte sich schon seit einiger Zeit im Labor eingebürgert, daß mich alle zur Begrüßung küssen und umgekehrt. Heute habe ich zum ersten Mal gewagt, einfach jemandem den Arm auf die Schultern zu legen. Das ist ganz angenehm, muß ich Euch sagen. Einige der Frauen machten das schon seit langem mit mir. Wenn ich an einen Analysegerät sitze, eine Frau reinkommt, die mir bei der Arbeit zuschauen will, legt sie Hände oder Arme auf meine Schultern, um sich abzustützen. Da ich Europäer und dazu zum Glück auch schon etwas älter bin, wagen sie das auch mal bei einem anders Geschlechtlichen, so wie bei mir als einem, mit ihren Augen gesehen, einem väterlichen Typen. Sie diskutieren natürlich gerne über das Verhältnis von Männern und Frauen in Europa. („Wir haben gehört, daß eine Frau in Europa ein sehr guter Freund ihres Mannes oder sogar eines anderen Mannes sein kann.“) Wenn ich mir allerdings überlege, ich würde jetzt, wenn ich nach Deutschland zurückkomme, bei Euch meine Freunde und Bekannten in der gleichen Form wie hier begrüßen und mit ihnen genau so umgehen, dann würden die mich sicher doch etwas schief anschauen. Ich muß Euch sagen, daß ich beginne, das Zusammenleben mit Arabern wirklich zu mögen. Erstens sind sie, im Vergleich zum Durchschnitt anderer Rassen, in der Regel recht hübsch, also für mich durchaus anfaßbar. Zweitens sind sie ziemlich sozial eingestellt.  Wer auch immer noch etwas Geld  hat, gibt es demjenigen (verleiht es nicht), der darum bittet und den Mangel begründen kann. Das Geld wird hin und hergeschoben. Die Leute haben viel mehr Gemeinsamkeitsgefühl als bei uns, allein schon deshalb, weil es fast völlig ausgeschlossen ist, sich zu isolieren. Es gibt einfach keine Möglichkeit, sich selbst für sich allein ein Zimmer oder eine Wohnung zu mieten, etwas für uns völlig Unvorstellbares. Natürlich leiden die Leute auch unter dieser Unmöglichkeit, da das Zusammenleben in der Regel ja auf die Familienmitglieder beschränkt ist. D.h. die Mitbewohner einer Wohnung kann man sich nicht aussuchen. In dieser Gesellschaft ist man kaum eine Minute allein.

 

Könnten Bausteine der verschiedenen Lebensgewohnheiten herausgelöst und zu einer neuen Gesellschaftsform wieder zusammengefügt werden, wäre allen geholfen. Nun versucht das mal.

 

                                             14.2.81

 

Nun bin doch wieder nicht zum Absenden des Briefes gekommen, weil ich einfach nicht zeitig genug zur Post konnte bzw. einfach daran gehindert wurde. Mohammed holte mich mit einem Kollegen aus dem Labor zum Abendessen ab. Wir gingen in ein Fischrestaurant in der Nähe meines Hotels, das nicht besonders schön ist, dafür aber wirklich gutes Essen sehr preiswert bietet. Natürlich wurde wieder viel, zu viel Wein getrunken, geredet und geredet. Ich bezahlte heimlich, was eine heftige Diskussion auslöste, da die beiden mich eingeladen hätten. Ich sagte: „Jetzt ist es nun mal geschehen und niemandem Schaden zugefügt worden. Regt euch ab.“ Sie wollten aber unbedingt mich dann wenigstens zu einer weiteren Flasche Wein einladen. Also zogen wir los, fanden aber außer Kaffee-Kneipen nichts. Mohammed bestand darauf, daß wir alle mit zu ihm kommen sollten, um bei ihm die Nacht zu verbringen. Die Wohnung, in der er mit seiner Mutter, seinem Bruder, der Drucker in einem Zeitungsverlag ist, und einer geschiedenen Schwester zusammenwohnt, liegt ziemlich weit vom Restaurant weg, etwa 3 km. Wir kamen dort gegen 1 Uhr in der Frühe an. Er weckte seine Mutter, die etwas mürrisch war, wohl verständlicher Weise, und diskutierte heftig mit ihr. Der Bruder, mit dem ich mich auch sehr gut verstehe und diskutieren kann, kam aus seinem Zimmer und setzte sich zu uns. Da er in der Regel nachts arbeitet, jetzt aber Urlaub hat, machte ihm das Aufstehen nichts aus.

 

Jetzt muß ich etwas über die marokkanischen Wohnungseinrichtungen erzählen. Im Wohnzimmer gibt es an der Wänden entlang ununterbrochene bequeme, stuhlhohe Sofas, also unwahrscheinlich lange Dinger. Die Rückenlehnen besteht aus einer Vielzahl loser Teile. Auf diesen Sofas kann es sich jeder nach Belieben bequem machen. Im Wohnzimmer werden keine Schuhe getragen. Man kann sich ein Stück Rückenlehne nehmen und sich halb oder ganz, je nachdem, was man für sich als besonders gemütlich empfindet, auf das Sofa legen. Bei uns würde das als sich-hinflezen bezeichnet. Mohammeds Wohnzimmer mißt 10 mal 3,5 m. Die Schenkel des Sofas sind je 6 m lang, während also das kurze Stück 3,5 m hat. Es können sich also, ausgehend von einer normalen Bettlänge von 2 m, mindestens 7 Personen ganz bequem ausstrecken, ohne einen Nachbarn zu berühren. Da aber die Marokkaner am liebsten das gemütliche Zusammensein halb aufeinanderliegend verbringen, passen also auf dieses Sofa recht viele Leute. Diese Sofa-Idee findet Ihr überall (außer bei Ibrahim, der kein Geld hat, um sich die Einrichtung machen zu lassen; denn so etwas gibt es nicht im Kaufhaus). Wir schliefen also alle, außer dem Bruder von Mohammed auf diesem Sofa. Als ich Mohammed fragte, warum er nicht in seinem Zimmer schlafen wolle, gab er zur Antwort: „Ich hatte euch doch gebeten, bei mir zu schlafen. Genau so habe ich es gemeint. Wenn ich in mein Zimmer gegangen wäre, dann hättet ihr doch auch in eure eigenen Betten gehen können. Ich will ganz einfach die ganze Nacht mit euch zusammen sein.“ Könnt Ihr Euch vorstellen, daß es so etwas bei uns gäbe?

 

Heute war ich bei recht reichen Leuten zum Mittagessen eingeladen. (Freitags haben wir 3,5 Stunden Mittagspause.) Wir waren zu 8 Personen. Es gab wirklich ganz auserlesene Speisen, für mich Fisch, in allen Variationen, da sich die Hausfrau daran erinnerte, daß ich kein Fleisch esse. Gleich werde ich zum Abendessen abgeholt, ebenfalls zu begüterten Leuten.

 

Eine Kleinigkeit will ich noch von Ibrahim erzählen: Wir waren zusammen mit einem Franzosen, der auch im Labor vorübergehend arbeitet, in einem Nachtlokal, wo überall Fernsehgeräte aufgehängt waren, auf denen dann zu der Musik passende Szenen gezeigt wurden. Als spanische Musik erklang, wurde natürlich ein sogenannter Stierkampf gezeigt. Ibrahim ging sofort los, um den Lokalmanager mit Erfolg zu bitten, das sofort abzustellen. Er hatte mir nichts gesagt. Als er zurückkam, meinte er: „Das war doch wohl in deinem Sinne.“ Erst dann fiel mir auf, daß die Fernsehschirme nicht leuchteten.

 

Es ist 19:50 und die Gebetsanimisten beginnen gerade, über Lautsprecher von den Minaretts zu schreien. Ich muß mich zum „Ausgang“ vorbereiten. Um 20:15 werde ich abgeholt.

 

Also Schluß jetzt; sonst bekommt Ihr diesen Brief wieder nicht. Macht's gut und hoffentlich wieder einmal bis bald. Ihr hattet versprochen, mich zu besuchen. Ich werde wahrscheinlich bis zum Herbst hier bleiben, bekomme bald eine Wohnung, will aber im Frühjahr ein paar Wochen in Deutschland verbringen.

 

Viele Grüße

           Euer Wernher.

 

    Franz und ich beschlossen, in meinen nächsten Semesterferien nach Marokko zu fahren. Ich freue mich darauf, da ich Wernher sehr mag, obwohl er, meiner Ansicht nach, seinen Tassa {Name des indonesischen Freundes} schlecht behandelt. Beide streiten immerzu. Ich finde das so unerfreulich und sehr schade; denn beide sind, jeder für sich, wirklich nett.

 

    Franz hält jedoch Wernher nicht für sehr aufrichtig, vor allem für widersprüchlich.

 

{Anmerkung: Wernher Pfeiffer war verheiratet. Aus der Ehe sind zwei Kinder hervorgegangen. Während eines Einsatzes in Burundi, Afrika, lebte er mit einer Frau zusammen, die ein Mädchen zur Welt brachte, das aber kurz nach der Geburt gestorben ist.}

 

 

 

 

Winterurlaub

 Dienstag, 3.3.1981

 

    Nun sind wir schon eine Woche in Wolkenburg {im Grödnertal, Süd-Tirol, wo Michel, Franz, Wernher Pfeiffer und sein indonesischer Freund Tassa einen kurzen Winterurlaub während der Karnevalszeit verbringen} bei strahlend sonnigem Wetter, waren jeden Tag in den Bergen auf den Langlaufpisten.

 

    Tassa hat sich einen unangenehmen Sonnenbrand geholt. Trotz Schutzkreme sind seine Lippen regelrecht geschwollen und teilweise aufgeplatzt. Auf seiner Nase und der Stirn löst sich Haut.

 

    Heute, einen Tag nach Rosenmontag, den wir bis morgens um drei Uhr mit anderen Urlaubern teilweise bei uns in unserem angemieteten, luxuriösen Appartement, teilweise in verschiedenen Bars gefeiert hatten, fühlen wir uns ziemlich müde und verkatert.

 

    Der gestrige Tag hatte wie üblich begonnen: Nach dem üppigen Frühstück mit starkem, duftenden Kaffee, frischen, knackigen Brötchen, die Wernher aus der Bäckerei geholt hatte, mit knusprig in Butter gebratenen Eiern, verschiedenen Käsesorten und Marmeladen fuhren wir im recht geräumigen Wagen von Tassa, die Skier auf das Dach geschnallt zur Korbseilbahn in Sankt Ullrich. Dort mußten wir recht lange warten, ehe wir in eine Gondel einsteigen konnten; denn zu viele Menschen wollten in die Berge.