Bücher: Die Tüchtigen und ihre Büttel

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Walter Rath

Die Tüchtigen
und
ihre Büttel


Inhalt:

Vorwort

1

Stammtischrunde

5

Allgemeine Betrachtungen

 26

Lebensläufe  

Willi Mückelsbühler

 34

Jürgen Kracholl

 64

Arnold Witzkolsky

 93

Hermann Baldun

 117

Friedhelm Friedelein

 133
Schlußbetrachtungen

159

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„Vater, vergib Ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun.“
Das Neue Testament, Lukas 23, Vers 34.

Vorwort

In diesem Buch soll eine unterhaltsame Betrachtung angestellt werden über die Sucht der Menschen nach Macht, nach Anerkennung, über ihren Wunsch, für „etwas da zu sein“. Ein solches Gerangel um Sich-Hervorheben und um Macht beginnt ja schon in der Kleinfamilie, ist dann Schwerpunkt in der Schule, wo von Anbeginn Wettbewerbsgedanken anerzogen werden. („Wer ist der Beste?“)

 

Ist es da verwunderlich, wenn sich diese Beeinflussung, Erziehung genannt, dann zu katastrophalen Auswirkungen auf höchster politischer Ebene einer Staatsgemeinschaft auswirkt, wo einige Personen seit Menschengedenken „böse Spiele“ auf Kosten ihrer Mitmenschen immer schon betrieben haben, eine Art Schach mit natürlichen, d.h. lebenden Figuren, um sich an die Macht zu putschen, um diese Macht zu erhalten und auszudehnen, um sich grenzenlos zu bereichern, um sich Geltung zu verschaffen, um unvergessen zu werden.

 

Am Beispiel einiger, im „mittelständischen“ Arbeitsprozeß befindlichen Menschen möchte ich die gesellschaftlichen Verstrickungen aufzeigen, wonach sich die „Tüchtigen“ profilieren zu müssen glauben und wonach sich ihre „Vollstrecker“ dem entsprechend - teilweise unbewußt - unterordnen, um den „Tüchtigen“ als eine Art Leit-Tier anerkennen zu können, um sich seiner Gunst zu versichern und sich die Anerkennung als wertvolles, nützliches Mitglied einer Herde zu verschaffen. Ist es nicht die Fortsetzung des schon in frühester Kindheit erfahrenen Ablaufs? der „Tüchtige“, der Führer in Form des Lehrers, gegen den ein unmündiges Kind, dem im wahrsten Sinne des Wortes „der Mund verboten“ wird, nichts ausrichten kann? Das Streben zum Klassenbesten, zu „Lehrers Liebling“, schafft bei diesem Spiel eine begünstigte Stellung.

 

Es geht also um die Analyse einer Art Gesellschaftsspiel. Was wäre der „Tüchtige“ ohne seine „Vollstrecker“ und ohne die „Mitläufer“, deren Rolle auch kurz angeschnitten werden wird.

 

Im nachfolgenden Text werden die „Vollstrecker“ als „Büttel“ bezeichnet; denn im Mittelalter war der „Büttel“ der niedere Vollstreckungsbeamte, der Fronbote, der gefürchtete Häscher und Schinder.

 

Der „Büttel“ vermag nicht oder verweigert, eigenständig zu denken. Er läßt sich dressieren, so wie ein Berufssoldat auf dem Kasernenhof dazu gedrillt worden ist, das jeweils gültige Feindbild zu verinnerlichen. Er, der „Büttel“ unterliegt voll und ganz der Beeinflussung durch die Mächtigen, die „Tüchtigen“ dieser Welt, die ihm die Richtlinien zum Handeln geben. Der „Büttel“, vor allem in Form eines „Mitläufers“ - man könnte ihn in der Umgangssprache als das arme, dumme Schwein bezeichnen - hat dann aber die Suppe auszulöffeln, die ihm der Mächtige eingebrockt hat. Er fügt sich jedoch in das „Unvermeidliche“, hat gelernt zu gehorchen und die Spielregeln einzuhalten.

 

Doch auch der „Tüchtige“, der theoretisch die Macht hat, ist nicht selbständig im Handeln. Auch er unterliegt den jeweils gültigen gesellschaftlichen Zwängen. Er unterscheidet sich von den „Bütteln“ nur dadurch, daß er mehr „Bauernschläue“ besitzt und daß ihm oft der Zufall zu seiner Führungsstellung verholfen hat. Jedoch kommt in der Regel nur der zur Macht, den Skrupellosigkeit, Rücksichtslosigkeit gegenüber seinen Mitmenschen und Rivalen auszeichnet.

 

Beide, sowohl der „Tüchtige“ als auch der „Büttel“ sind nicht in der Lage, differenziert zu denken, selbstkritisch zu sein oder sich in neuen, von den augenblicklich geltenden gesellschaftlichen Normen abweichenden Denkbahnen zu bewegen. Für beide Gruppen, die „Tüchtigen“ und die „Büttel“, können leicht psychologische Gesetze erkannt werden, wonach sie handeln. Es ist recht einfach, eine Voraussage zu machen, wie sie in bestimmten Situationen reagieren werden. Sie sind auf keinen Fall ein gesellschaftlicher Unsicherheitsfaktor.

 

Die „Tüchtigen“ und die ihnen willig Untergebenen sind also in der Regel sehr „angepaßt“ an die jeweils gültigen Gesellschaftssysteme mit ihren Weltanschauungen. Sie sind - das kann man wohl behaupten - modebewußt. „Sie gehen mit der Zeit“, aber keinen Meter weiter. Sie hinken eher ein wenig hinterher und mögen gesellschaftliche Umdenkungsprozesse nicht, halten heutzutage die Erhaltung der Umwelt für Quatsch, regen sich über moderne Kunst auf, sind für die Todesstrafe, überhaupt für harte Bestrafungsmethoden insbesondere für Anders-Denkende.

 

Der „Tüchtige“ bewegt sich in einem „standesgemäßen“ Auto, wie es eben nur ein „Tüchtiger“ fährt, je nach Temperament: Porsche der ganz Forsche, Mercedes der konservativ Standesbewußte, BMW der besonders rücksichtslose. (Die mit Hilfe von Psychologen ausgeklügelte Werbung der verschiedenen Automobilhersteller erzeugt tatsächlich das fahrzeugtypabhängige Fahrverhalten.) Rücksichtslosigkeit wird aber von den „Tüchtigen“ und ihren Bewunderern wohlwollend mit „Draufgängertum“ bezeichnet. Für sie, die „Tüchtigen“, ist das Auto nicht bloß ein Fortbewegungsmittel, das in der heutigen Zeit dem Menschen als eine segensreiche Erfindung die Möglichkeit gibt, bequem und rasch Entfernungen zu überwinden. Nein, der „Tüchtige“ kann vor allem mit dem Auto zeigen, „mit wem man es zu tun hat“, wie tüchtig, mutig, ja tapfer und vor allem besser als die übrigen Verkehrsteilnehmer er ist. Er fährt immer rasant, sportlich, nutzt jede Lücke im Verkehrsfluß aus, drängt sich nach vorne, ist immer auf der Überholspur, blinkt und hupt die langsamen „Trottel“ zur Seite. Sie, die „Tüchtigen“, stöhnen unter der Last, gegen all die Behinderungen durch die übrigen Verkehrsteilnehmer ankämpfen, vor der Polizei ständig auf der Hut sein zu müssen, die aus dem Hinterhalt heraus auf die Einhaltung der „blödsinnigen für Blödsinnige“ erlassenen Straßenverkehrsordnung, vor allem auf Geschwindigkeitsbegrenzungen achtet. Aber der „Tüchtige“ erkennt solche Gefahrenstellen auf Grund seiner Um- und Weitsichtigkeit. Er kann im rechten, meist letzten Augenblick auf die gesetzlich zulässige Geschwindigkeit herabbremsen, um sogleich wieder das öffentliche Straßenrennen fortzusetzen. Er empfindet ein ungeheures Glücksgefühl, wenn es ihm wieder einmal gelungen ist, „der Polizei ein Schnippchen geschlagen“ oder einen anderen Verkehrsteilnehmer „abgehängt“ zu haben. Ein solches Ereignis wird er stolz seinen Freunden und Bekannten, seinen Bewunderern erzählen. Er, der „Tüchtige“, macht das Rennen im wahrsten Sinne des Wortes. Für ihn, den „Tüchtigen“, kann man ein altes Bibelwort umwandeln in: An ihren Autos sollt ihr sie erkennen.

 

Die „Tüchtigen“ werden bewundert, da sie sich das beschaffen konnten, wovon die meisten ihrer Mitmenschen träumen. Sie taugen, sind tauglich (fürs Leben) und „betucht“, obwohl sie heutzutage nicht mehr in den „guten Tüchern“ der „guten, alten Zeit“ einhergehen sondern bejeanst sind, Lederjacken bevorzugen und einen Seidenschal um ihren Hals statt der altmodischen Krawatte winden, zumindest einen schlanken Lederschlips.

 

Solche „Tüchtigen“, die nachfolgend an drei Mittelständischen“ Persönlichkeitsbeispielen näher beleuchtet werden sollen, werden in Neudeutsch als Selfmademen bezeichnet; denn sie haben sich selbst zu dem gemacht, was sie sind, „aus dem nichts heraus“, wie sie selbst immer wieder voller Stolz betonen.

Die Stammtischrunde

 

Sie, einige der „Tüchtigen“ aus der idyllischen und im Zentrum durch renovierte, schmucke Fachwerkhäuser zusammengesetzte Kleinstadt, treffen sich zu gerne in der luxuriösen, rustikal ausgestatteten Eckkneipe am Bach neben der Burgmauerruine beim wöchentlichen Stammtisch, wie man solche Zusammentreffen im allgemeinen Sprachgebrauch zu nennen pflegt.

 

Dort nehmen sie Gelegenheit, sich vor allem selbst zu loben, was man prahlen nennt. Sie selbst preisen ihre Tüchtigkeit und schildern Beispiele ihres Erfolges, ihres Alles-besser-Könnens und Besser-Wissens. Sie lästern über ihre Mitmenschen, die sie lächerlich machen müssen, um selbst in ein besseres Licht gerückt zu erscheinen, wie sie meinen.

 

Sie, die „Tüchtigen“, „haben es zu 'was gebracht“. Zumindest bei ihren Freunden und Verwandten wollen sie als tüchtig angesehen werden, die sie auch tatsächlich bewundern; denn sie haben alle mindestens ein Haus, eines für sich und die Familie mit einem Wohnzimmer von wenigstens 35 Quadratmeter Größe, das so eingerichtet ist, wie man es in den großen Ausstellungsräumen der renommierten Einrichtungshäuser bewundert, mit Kellerbar, in der man seine Gäste nicht nur mit allen guten und hoch angesehenen Alkoholika bewirten, sondern auch mit der 300-Watt-Stereoanlage mit nicht-einprägbarer Musik berieseln kann. Dem „Tüchtigen“ muß neben dem eigenen Haus auch noch ein Wochenend- oder Ferienhaus auf dem Lande, besser in Spanien oder Italien gehören. Wenn ihm das nicht gelungen ist, muß er zumindest noch wenigstens ein Miethaus sein eigen nennen können.

 

So sitzen sie, die „Tüchtigen“, also da an ihrem mit Sandpulver weiß gescheuerten, eichenhölzernen, schweren Stammtisch, mit schäumendem, kühlem Bier, selbstbewußt wohlstandsdickbäuchig, Zigarillos zwischen den Fingern.

 

Sie streiten immer wieder darum, wer die jeweils gebrachte neue Runde Bier auf seinem Deckel angekreidet bekommen darf; denn bei der Ausgabe von alkoholischen Getränken sind sie sehr freigiebig.

 

Im fortgeschrittenen Stadium der Wirkung dieser staatlich zugelassenen, ja geförderten „Droge“, weil steuerlich gesehen sehr einträglich, gibt es „Lokalrunden“. Da schreitet der „Tüchtige“ ein wenig schwankend zur Theke, wo ein kleines Glöckchen aufgehängt ist. Mit lautem Bimmeln wird dann unter lautem Gejohle die so genannte Lokalrunde, Freibier für jeden, eingeläutet. Zeigt es doch, daß sie, die „Tüchtigen“, es sich leisten können, daß sie gönnerhaft sind.

 

Viele aus ihren Kreisen, die Emporkömmlinge genannt werden und die kaum eine Universität wahrgenommen, geschweige denn von innen gesehen haben, verwenden gerne grobe und derbe Worte und Wortzusammensetzungen, wovon manche in der Umgangsprache als Kraftausdrücke bezeichnet werden. „Gossensprache“ scheint aber zutreffender zu sein. In der Regel werden jedoch solche Redewendungen, die man auch an diesem Stammtisch-Abend hören kann, wohl nicht von jedermann als angenehm und schön empfunden. Das Wort „ordinär“ trifft auf diese Art von Ausdrucksweise zu. Mit solchen ordinären Wortschöpfungen werden in beliebter Weise weniger tüchtige Mitmenschen belegt, wobei der „Tüchtige“ sich dann über sie, die „Versager“, stellen will und diese „Versager“ aus der Gemeinschaft der „Tauglichen“, oder was nach dem Verständnis der „Tüchtigen“ unter Menschsein zu verstehen ist, auszuklammern versucht.

 

Zwei der in unserer Betrachtung geschilderten „Tüchtigen“ haben ihre „Büttel“ mitgebracht, die sich heute Abend auf Kosten ihrer Herren, Meister und Gönner mit Bier „voll laufen lassen“ dürfen. Sie kämen nie auf die Idee, auch einmal eine Runde zu bezahlen.

 

Was versteht man gemeinhin in der menschlichen Gesellschaft unter „Tüchtigsein“? Wer und was macht die „Tüchtigen“ so tüchtig, so bewundernswürdig bei vielen Mitmenschen? Wer und wie sind sie wirklich? Was sind die Motivationen ihres Handelns? Sind sie ein Phänomen oder etwas im wahrsten Sinne des Wortes „Natürliches“, weil sie mit dem „Naturgegebenen“ so gut zurecht zu kommen scheinen?

 

Wer und wie sind ihre „Büttel“ und warum bütteln sie? Diese Fragen werden hoffentlich im Laufe der nachfolgenden Betrachtungen einigermaßen beantwortet werden können. Doch ehe Verständnis für die Art von „Tüchtigsein“, von der hier die Rede sein soll, und für ihre „Büttel“ geweckt werden kann, sei die Stammtisch-Runde aus einiger Entfernung beobachtet:

 

Da fällt uns zuerst Herr Arnold Witzkolsky, Bauunternehmer, durch sehr lautes, Selbstbewusstsein demonstrierendes (oder vielleicht nur vorgebendes) Reden auf.

Seine stark mit schlesischer Aussprache durchsetzte grobe, mit anwidernden „Kraftausdrücken“ angefüllte und nicht für alle Ohren angenehm klingende Redeweise findet vor allem die uneingeschränkte Zustimmung seines „Büttels“ Hermann Baldun, Polier und „Antreiber“ auf der Baustelle.

Hermann wird von seinem Herrn gönnerhaft geduzt (der das umgekehrt jedoch nicht darf, versteht sich).

 

Hermann Baldun windet sich vor Lachen, wenn sein „Obertan“, Herr Arnold Witzkolsky, seine üblichen, abfälligen und herabsetzenden Bemerkungen lautstark, wenn immer er in Gesellschaft ist, über Mitmenschen macht, die für Herrn Witzkolsky alle, einschließlich seiner Verwandten, Freunde und Bekannten, ebenso einschließlich seines „Büttels“, Hermann Baldun, ausnahmslos „Arschlöcher“, „Scheißkerle“, „Idioten“, „Penner“ (ein Ausdruck, den er sich in seiner neuen, rheinischen Umgebung angeeignet hat), „Versager“, „Mucker“, „Ungeziefer“, „miese Ratten“, „Arschgrinden“, „weltfremde Trottel“ oder „Dummköpfe“ sind.

 

Sein Wortschatz ist damit noch längst nicht erschöpft. Hier seien jedoch lediglich seine am häufigsten benutzten Standard-“Fachbezeichnungen“ aufgezählt und erläutert.

Von Herrn Bauunternehmer Witzkolsky werden grundsätzlich alle seine Mitmenschen mit dem Wort „Arschloch“ bezeichnet, ein Gattungsbegriff, der für ihn das Wort Mitmensch ersetzt. Er spricht von den „Arschlöchern auf der Behörde“, von den „Arschlöcher an der Theke“, von seinem Sohn „dem spinnerten Arschloch“, macht Witze über das „Bundeskanzlerarschloch“ usw.

 

„Scheißkerle“ sind diejenigen, die ihm eigentlich bei ihrem Tun und Handeln gegenüber ihren Mitmenschen sehr ähnlich sind, die beispielsweise ihn selbst trickreich „reingelegt“ haben. Dieser Ausdruck ist demgemäß nicht ganz abwertend gemeint. Wenn man sich auch über solche „Scheißkerle“ ärgern muß, tun sie doch etwas ein wenig Bewundernswertes. Sie haben gezeigt, daß sie Herrn Bauunternehmer Arnold Witzkolsky in manchen Dingen nicht unterlegen sind. Sie zwingen ihn, besser aufzupassen in diesem Gesellschaftsspiel, wo es darum geht zu zeigen, wer der Bessere ist.

 

„Idioten“ versteht er „auszutricksen“. Idioten werden - milde ausgedruckt - auch „Dummköpfe“ oder „weltfremde Trottel“ genannt, weil „man Mitleid mit ihnen empfinden muß; denn ihre Intelligenz reicht einfach für diese Welt nicht aus“. Sie merken, bezogen auf die Tätigkeiten von Herrn Witzkolsky, einfach nicht, wenn er ihnen minderwertiges Material in die von ihm gebauten Häuser einbaut. Auf Kosten ihrer „Unfähigkeit“ und „Dämlichkeit“ ist Herr Witzkolsky zu einem Großteil (doch natürlich auch „durch Zähigkeit und harte Knochenarbeit“) zu Wohlstand und damit zu Ansehen gekommen.

 

„Penner“ sind alle „seine“ Arbeiter, die, wenn er „sich nicht dauernd persönlich kümmert“, auf der Baustelle nicht aufpassen, faulenzen und versuchen, der Arbeit aus dem Weg zu gehen. „Man muß ihnen alles vormachen und sie dauernd im Auge halten. Die klauen wie die Raben“. Immer wieder erwischt er welche, die Bausteine, Zement, Installationsmaterial im Kofferraum ihres Autos verstecken. „Aber inzwischen wird das doch ein bisschen besser“, meint Herr Witzkolsky, „nachdem die Konjunktur in der Flaute ist und den Pennern der Arsch auf Grundeis geht, weil sie Angst haben, daß man sie ran schmeißt. Früher, vor ein paar Jahren, mußte man sogar manchmal ein oder sogar beide Augen zu drücken, wenn man mitbekam, wenn einer was mitgehen ließ. Es war nicht so einfach, einen gut eingearbeiteten Typen durch einen anderen zu ersetzen. Heute kann man ihnen ganz schön die Daumenschrauben anziehen.“ Alle in der Stammtischrunde nicken zufrieden, weil endlich wieder für sie günstigere Zeiten angebrochen sind.

 

Auch die „Büttel“ nicken mit. Sie tun so, als ginge es auch ihnen besser. Dabei öffnet sich die Schere zwischen Lohn und Preisen wegen der jährlichen Inflationsraten und dem weit hinterher hinkenden „Lohnausgleich“ immer weiter.

 

Der Wertverfall des Geldes ist nämlich eine geschickte Methode in der modernen, ausschließlich von und für die „Tüchtigen“ geschaffenen Wirtschaft, womit eben diese „Tüchtigen“ von aufgenommen Krediten im Laufe der Zeit immer weniger belastet werden, wobei die Arbeitskraft verbilligt, aber die Kaufkraft der so genannten Arbeitnehmer stetig reduziert wird, wobei der Staat eine schleichende Steuererhöhung betreibt; denn so genannte Lohn- und Gehaltsanpassungen bewirken, daß der Lohn- und Gehaltsempfänger allmählich ständig in eine nächst höhere Steuerklasse rutscht.

 

Doch zurück zu den Diebstählen auf den Baustellen: Kann man sich in der Stammtischrunde nicht noch daran erinnern, wie Herr Witzkolsky selber stolz damit prahlte, daß er ganze Lastwagenladungen von den Baustellen für seine Häuser „abgezweigt“ hatte? Ja, natürlich hatte man ihn bewundert, wie er dreist und geschickt, teilweise unter Bestechung der Bauaufsichtsbeamten die Materialien für so genannte öffentliche Bauwerke „umgeleitet“ hatte. Bei privaten Bauherren, die er oft persönlich sehr gut kannte, hatte er sich immer sehr zurück gehalten. „Das wäre mir ja doch zu peinlich gewesen, wenn ich bei einer solchen Abzweigungsaktion bei einem privaten Bauherrn aufgeflogen wäre“. Aber bei öffentlichen Bauträgern „braucht man sich doch kein Gewissen zu machen“. Da hat er dann auch die „beide Augen zugedrückt“, wenn seine Penner mal ne' Kleinigkeit mitgenommen haben.

 

Es ist leider eine ganz allgemeine Denkungsweise, daß das „Abzweigen“ von „öffentlichen Mitteln“ und von „staatlichem Eigentum“ als „Kavaliersdelikt“, als etwas, was zwar kraft Gesetz zu verurteilen ist, aber in Wirklichkeit von den Mitmenschen sogar als Geschicklichkeit und Pfiffigkeit angesehen wird; denn der angerichtete Schade ist nicht so offensichtlich. Die zur Gutmachung des Schadens der Allgemeinheit abverlangten Steuern und Abgaben fallen nicht direkt sichtbar auf. Daher wird das Gewissen desjenigen, der sich an öffentlichen Einrichtungen, bei Versicherungsbetrüger, anonymen Gesellschaften und Banken bereichert, überhaupt nicht belastet. Es scheint sogar so zu sein, daß Bankräuber, denen ein „großer Erfolg“ bei ihrem Raub „beschieden“ war, von ihren Mitmenschen, zumindest insgeheim, bewundert werden. Das Fehlen von Skrupeln bei einem (Kavaliers-)Delikt wird sogar verstandesmäßig damit begründet, daß viele Fälle von Verlusten durch Ineffizienz (man spricht dann gerne von Mißwirtschaft und kennt „haarsträubende Geschichten“) bei Behörden und anonymen Gesellschaften aufgezählt werden können, und dann wird dagegen gehalten, welchen Schaden im Vergleich dazu das „kleine Verbrechen“ angerichtet hat. „Die Kleinen hängt man und die Großen (behängt man bzw.) läßt man laufen“, wird gerne in diesem Zusammenhang zitiert.

 

Es seien doch noch ein paar weitere „Standard“Ausdrücke von Herrn Bauunternehmer Arnold Witzkolsky erläutert, die zum allgemeinen Vokabular im Kneipenmilieu oder auf Baustellen und am Fließband überhaupt gehören:

 

Es erbost ihn, daß die „Mucker“ sich manchmal gegen seine Anordnungen (Diktate) auflehnen. Dann gerät er außer sich. Diese Mucker sind „Saboteure“. Er „könnte ja noch verstehen, wenn man etwas verweigert, weil man es besser zu können und zu wissen glaubt“. Nein, „diese Mucker haben einfach kein Interesse an ihrer Arbeit. Die arbeiten nur, um monatlich ihre paar Groschen nach Hause tragen zu können. Dabei reichen die Kröten nicht einmal aus, um sich jeden Tag ein saftiges Stück Fleisch zwischen die Zähne schieben zu können“.

 

Damit hat Herr Witzkolsky genau und präzise, mit einfachen Worten gesagt, aber nicht erkannt, wo die Problematik liegt. Müßten nicht die Beziehungen der Menschen untereinander verändert werden? Wie ist es dazu gekommen, daß es Herrschende und Beherrschte, so genannte Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Obertane und Untertane gibt? Muß und soll das immer so bleiben? Herr Witzkolsky wird die letzte Frage voll bejahen. „Das war immer schon so, und das wird auch immer so bleiben, basta! Und die Mucker passen inzwischen ganz schön auf. Es hat sich, Gott-sei-Dank, in dieser unsrigen heutigen Zeit (und diesem unserem Vaterland) manches schon wieder sehr gebessert“, empfindet Herr Bauunternehmer Arnold Witzkolsky als große Beruhigung; denn die „Mucker“ „mucken“ nicht mehr so schnell.

 

Seine Unfähigkeit zum analytischen Denken drückt sich auch dadurch aus, wenn er sagt: „Da konnte sich jeder dieser Mucker früher so ein beschissenes, primitives Eigenheim vom Mund absparen. Da hatten die zwar ein Leben lang dran zu knabbern. Aber durch die zum Glück inzwischen nicht mehr so großzügig gewährten Abschreibungsmöglichkeiten, insbesondere als Belohnung für Tüchtigkeit im Bumsen, sprich ungezügelte Kinderproduktion, ist da ein Riegel vorgeschoben worden. Die konnten von unseren Steuergeldern lustig drauf los bauen.“

 

Er reibt sich schadenfroh die Hände; denn für ihn sind die Arbeiter natürliche und die ärgsten Feinde, die ihn „ausnutzen, ausbeuten und manchmal sogar ihm in seine beruflichen Angelegenheiten reinreden wollen. Die mißgönnen einem den Erfolg“.

 

Ein wenig später bejammert er, daß „die Zeiten immer schwerer werden und die Auftragslage nahezu kritisch ist.“ Er selbst sieht jedoch nicht den Zusammenhang zwischen dem, was er selbst gesagt hat, nämlich daß die Arbeiter und Angestellten immer weniger an Kaufkraft besitzen und daß sich das auch auf die geringer gewordene Möglichkeit auswirkt, sich ein Haus durch zum Beispiel Arnold Witzkolsky bauen zu lassen.

 

Wenn er „seine“ Steuergelder in die Diskussion wirft, die zu Subventionen verwandt wurden und werden, dann verheimlicht er, daß er versucht, was ihm auch weitgehend als „selbständiger Unternehmer“ mit Hilfe seines Steuerberaters gelingt, dem Staat seinen, eigentlich per Gesetz festzustellenden Steueranteil vorzuenthalten. Viele Unternehmer bewegen sich dauernd an der Grenze zur Steuerhinterziehung und überschreiten die Grenze nicht selten (jedoch meistens unentdeckt). Diese Möglichkeit haben Arbeiter und Angestellte nicht.

 

„Ungeziefer“ sind für Herrn Witzkolsky die Studenten und „anderen Taugenichtse“, die nicht, so wie er, mit dem Leben zurecht kommen, die sogar gegen die „althergebrachte“ Ordnung protestieren, gegen Atomwaffen, gegen Kernkraftwerke, gegen noch mehr Straßen, gegen rücksichtslose Umweltverschmutzung, einfach gegen alles, was, „wie jedem vernünftig Denkendem klar ist, sein muß, weil es unvermeidlich, daher sinnvoll und notwendig“ ist. „Wo gehobelt wird, da fallen nun mal Späne“ ist die einfache Erklärung für das Problem der Abfallbeseitigung.

 

Diese „Typen“, das „Ungeziefer“, haben eben keine Ahnung vom wirklichen Leben. Sie wollen sich vor Allem drücken. Sie sind Feiglinge, die auch nichts für die Verteidigung der Freiheit, unserer „freiheitlichen Grundordnung“ (früher hieß das: für Führer, Volk und Vaterland) tun wollen. „Wenn er“, Herr Bauunternehmer Arnold Witzkolsky, „nicht zu jung gewesen wäre, er hätte damals bei Hitler dem Iwan schon gezeigt, was eine Harke ist“.

 

An anderer Stelle erzählt er stolz, wie es ihm gelungen war, weder bei der Bundeswehr sich der von der von ihm gewählten Partei festgesetzten Wehrdienstzeit zur Verfügung zu stellen noch einen so genannten zivilen Ersatzdienst abzuleisten. Letzteres wäre für ihn sowieso unvorstellbar gewesen: „Denen da, die nichts mehr wert sind, im Krankenhaus die Ärsche abzuputzen?“ Nein, das hätte er nie und nimmer gemacht. Er hatte angeblich mit Erfolg eine Krankheit vorgetäuscht, eine „verkrokste Leber“, indem er vor der Untersuchung eine Dose Ölsardinen aufgewärmt habe, dieses „widerliche Zeug“ dann in sich „reingestopft“ und dazu ein paar „Wachholder-Schnäpse unter Schütteln runtergekippt“ habe. Ein paar Monate bei der Nachuntersuchung habe er die Prozedur wiederholt und sei wegen chronischer Hepatitis für wehrdienstuntauglich befunden worden. (Es wäre jedoch sehr gut, wenn jeder auf der Welt irgendeine Gelegenheit fände, um den so genannten Wehrdienst herum zu kommen.)

 

Aber diese Studenten, diese „schwulen Wichser“, dieses „Emanzen-Weibervolk“, diese „Fixer“, dieses „Ungeziefer“ ist nach Meinung von Herrn Witzkolsky durch den Wohlstand, den Leute wie er auch für diese „Drecksäcke“ mit geschaffen haben, übersättigt und faul geworden. „Denen wurde er Beine machen, wenn er könnte. So 'was wie der Reichsarbeitsdienst des Dritten Reiches war keine schlechte Einrichtung. Da gehörten die hin“.

 

Wenn Herr Arnold Witzkolsky diese „Kümmel-Türken mit ihren primitiven Weibern und den Kopftüchern“ sieht, kann er sich kaum noch beherrschen, selbst Hand anzulegen. „Diese miesen Ratten laufen inzwischen in solchen Scharen bei uns umher, daß man bald nur noch selber mit einem Maschinengewehr dagegen angehen und dazwischenfunken kann“.

 

Er gibt zwar zu, daß die Türken und auch einige andere ausländische Arbeiter auf dem Bau ganz gut zu gebrauchen sind und vieles mit sich machen lassen, weil sie nur am Geldverdienen interessiert sind und inzwischen die „Hosen voll haben“, weil man sie jederzeit, ohne sich dabei mit der Gewerkschaft anzulegen, rausschmeißen kann. Herr Witzkolsky hat unter seinen mehr als dreißig „Leuten auf dem Bau“ weit über als die Hälfte an Ausländern.

 

„Die Gewerkschaftsvertreter stützen, Gott sei Dank, praktisch nur noch einheimische Arbeitskräfte“, stellt er fest und ergänzt: „Man merkt ganz deutlich, dass die Gewerkschaftsgangster, diese Schmarotzer selbst ganz froh sind, wenn ein Arbeitsplatz von einem Ausländer aufgegeben wird oder werden muß, so dass die (die Ausländer) sogar auch Zunder von dieser Stelle, ich meine den Gewerkschaftsmitgliedern selber bekommen“.

 

Diese Ausländer sind nun mal „miese Ratten“, die sich immer weiter wie die „Schmeißfliegen“ vermehren, die jedes Jahr ihrer „Alten ein neues Kind machen“, „unsere Mädchen bumsen“ wollen und „unsere Sitten und das Volkstum vergiften“, ist die tief verankerte Oberzeugung von Herrn Bauunternehmer Witzkolsky.

Man amüsiert sich köstlich über die „guten“ Türkenwitze, die jetzt am Stammtisch erzählt werden.

 

Neben diesen „Kümmel-Türken“ gibt es für Herrn Arnold Witzkolsky ja inzwischen immer mehr, noch schrecklichere „miese Ratten“. Er kann nicht verstehen, woher auf einmal alle diese „Schwarzen“ kommen. „Also wenn da unsere lahmarschige Regierung nicht bald einschreitet, dann muß man sich ja zusammentun, um diese Ausbreitung der Seuche einzudämmen. Da kann jeder stinkende Nigger heute auf unsere Kosten studieren. Die sollen zu Hause auf ihren Bäumen bleiben“.

 

Als in der heutigen „Saufrunde“ zwar wieder jemand diese „unterentwickelten miesen Ratten“ erwähnte, hat sie Herr Arnold Witzkolsky aber diesmal sogar lobt, weil sie „gar nicht so schlecht auf dem Bau“ sind, diese „seine Kümmel-Türken“ (die übrigens seltener Kümmel „fressen“ als Herr Bauunternehmer Witzkolsky.) Er nennt sie und seine übrigen Arbeiter, wie aus der Sicht des Besitzenden und Besitzstrebenden üblich, „seine“ Leute.

 

Doch die kurze Belobigung seiner „miesen Ratten“ dauerte nicht lange, und sehr bald regt er wieder seinen Blutdruck durch seine gewohnten, üblen Beschimpfungen der „Pest-Bringer“ an.

 

Bald gerät Herr Bauunternehmer Arnold Witzkolsky in der Stammtischrunde wieder außer sich, als sich das Gesprächsthema einer anderen Menschengruppe zuwendet. Wenn er daran denken muß, wie „man jeden Tag mehr und mehr von diesen jungen, langhaarigen, bleichgesichtigen, teilweise Gitarre spielenden und Krimskrams verkaufenden Arschgrinden an den Ecken herum stehen sehen kann“, und er darüber nachdenkt, daß diese „dreckigen Gammler-Schweine“ meinen, das Leben sei nur ein Spiel, ein Vergnügen, ein Sich-Amüsieren und nicht Arbeit, Mühe, Sich-Abplacken, nicht ernster Kampf ums überleben, dann müßte man es diesen Nichtnutzen zeigen. „Ins Arbeitslager müßten die“, schlägt er lautstark vor und schlägt dabei mit der Faust auf den inzwischen mit Asche und Bierflecken verunreinigten Eichentisch. Dann gibt er als Alternative: „Denen sollte man besser noch gleich den Garaus machen“.

 

Er hat gezeigt und bewiesen, „wie man es zu etwas bringen kann“. Er besitzt ein schönes, geräumiges, zweigeschossiges Wohnhaus am Stadtrand, einen Bungalow in der Nähe seines Jagdreviers, wo er seinen Lustmordtrieb ausleben kann. Es bereitet ihm ungeheures Vergnügen auf alles, was sich da bewegt, „loszuballern“. Manchmal hält er sich nicht an die so genannte Schonzeit. Seine Mordlust ist zu ungezügelt.

 

Außerdem hat er noch zwei Mietshäuser, zwei elegante weiße Jagdhunde mit schwarzen Flecken, die er mag, da sie sich ihm voll und ganz unterordnen, eine „fett gewordene“ Ehefrau, die sich nicht scheiden lassen will und er sich mit ihren tatsächlichen Vorstellungen von Recht „ihm nur auf der Tasche liegt“, aber damals das notwendige Startkapital für sein Unternehmen mit in die Ehe brachte.

 

Seine gut aussehende, junge Freundin in der benachbarten Großstadt, der er einen Porsche geschenkt hat, entschädigt ihn für das, was er an seiner Frau vermißt, ja, immer schon vermißt hat, nämlich Zärtlichkeit, Geduld (mit seinem leicht aufbrausenden Charakter). Sie vermag, ihm zuzuhören, insbesondere, wenn er sich selbst loben muß, um Selbstbestätigung zu finden.

 

Er selbst fährt einen Mercedes 450, hat noch zusätzlich einen Mercedes 280 für seine Frau, einen „völlig untauglichen“ Sohn, der ein „Versager“ ist; denn der „Herr Sohn, dieses verweichlichte Arschloch“ interessiert sich nämlich zum Leidwesen seines Vaters mehr für Musik als für „etwas Vernünftiges“, wie für das einträgliche Baugewerbe.

Die „lange, dürre“ Tochter, „vorne nichts, hinten nichts“, kurz vor dem Abitur, will Architektur studieren, ist in seinen Augen eine von diesen „wild gewordenen Emanzen“, die sich mit althergebrachten und seit Tausenden von Jahren bewährten Ordnungen nicht abfinden will. „Der bring ich demnächst mal so 'nen Kunstrammelriemen aus einem dieser Sexshops mit. Dann hat sie das, was ihr die Natur nicht mitgegeben hat, diese vom Männlichkeitswahn befallene Göre“, hatte er einmal gesagt und hinzugefügt: „Ordentlich bumsen sollte man diese Emanzen. Das ist das Einzige, was denen fehlt.“

 

Herr Arnold Witzkolsky findet sogar die Christlich-Soziale Union als viel zu sozial, (wahrscheinlich weil - und Ordnung nicht ausreichend vertraut gemacht hat). Die anderen Parteien, selbst die National-Demokratische Partei sind für ihn „außerhalb jeglicher Diskussion“. Dafür will (oder kann) Herr Arnold Witzkolsky keine Gründe nennen. Das muß man respektieren.

 

Er, der Herr Bauunternehmer, hat, wie fast alle „Tüchtigen“, den Vorteil, nicht darüber nachdenken zu müssen, was er sagt. Er denkt, was „man“ denkt. Er plappert das nach, was keinen „Denkschmalz“ verbraucht, was ihn und sein Handeln nicht infrage stellt. Er bewegt sich auf seit Jahrtausenden vorgedachten Denkbahnen. Er ist „rechtdenkend“ (rechtsdenkend) und hat noch „das gesunde Volksempfinden“. Wer nichts taugt und sich nicht einordnen kann, „gehört einen Kopf kürzer gemacht“. Warum „machen die da immer so viel Federlesen“? fragt er oft. Es „müßten viel mehr Köpfe rollen“, damit es bei uns endlich „wieder sauber wird“, meint er.

 

Er, der Herr Bauunternehmer Arnold Witzkolsky, der, seiner Meinung nach, tüchtigste unter den „Tüchtigen“, hält sich wie alle, die über Eigentum, über Menschen und Tiere herrschen können, für den größten Menschen aller Zeiten. Wenn nur diese „blöden, von irrealen Spinnern, nur „um sich selbst kreisenden Wichsern“ gemachten Gesetze nicht wären und man ihn lauen würde wie er es für richtig hält (und wie es, seiner Meinung nach, auch einzig und allein und absolut richtig ist), dann würde die ganze Welt ihm zu Füßen liegen“.

Er bezeichnet den Papst zwar als „impotenten Spinner“, der aber dennoch für „das allgemeine Volk“ (zu dem Herr Bauunternehmer Witzkolsky sich ja nicht zählt, weil er sich davon abhebt) sehr gut und dienlich sei, der „denen“ schon klarmacht, wie man „bei der Stange zu bleiben“ hat.

 

Er erkennt ganz richtig die Nützlichkeit von Religionssystemen, die ihren Anhängern einen Lohn für „gute Führung“, für der Obrigkeit untertan auf später, auf ein Weiterleben im Himmel, im Paradies versprechen.

 

Ansonsten hält er alle Religionen für Spinnereien und findet „das Pfaffengewäsch“ lächerlich. Dennoch bezahlt er treu den Anteil der Kirchensteuer, den „er sich auf seiner Steuererklärung ausrechnen läßt. Er, der Herr Bauunternehmer, geht nur am Heiligabend in die Kirche; denn „ab und zu hat wohl jeder mal so 'ne sentimentale Stimmung“. Auch meint er, durch die regelmäßigen Zahlungen der Kirchensteuern sein Anteilsrecht am Himmel nicht ganz zu verwirken.

 

Natürlich glaubt er an ein höheres Wesen, das er aber am liebsten absetzen möchte, um seinen Platz einzunehmen.

 

Er, Herr Arnold Witzkolsky, kennt noch viel mehr Ausdrücke, mit denen man Leute bezeichnen kann, die nicht so „tüchtig“ sind wie er selbst. Doch genug davon.

 

Da auch er, wie jedes Lebewesen aus zwei verschiedenen Perspektiven gesehen werden kann, einer einfach registrierend beobachtenden und einer analysierend wertenden, sollte es genug sein, erst einmal die „tüchtige Seite“ von ihm einfach rein äußerlich aufgezeigt zu haben.

 

Was mögen die Gründe sein, die Herrn Bauunternehmer Arnold Witzkolsky so aggressiv sein lassen gegen alle und alles, was nicht seinen Vorstellungen entspricht? Ist der Grund seines Hasses neben einfachem Unverstand und fehlender Verständnisfähigkeit nicht auch vielleicht unbewußte Eifersucht auf eine Lebensmöglichkeit, die sicherlich mehr Glücksgefühle, mehr wirkliches, lebenswertes und bewußtes Leben beinhaltet, eine sinnvolle Alternative zu seinem einseitigen Dasein, das ohne wirkliche Beziehung zu irgend jemanden, zu irgend etwas abläuft? Doch dazu mehr beim weiter unter stehenden Versuch der analysierenden Betrachtungen seiner Persönlichkeitsstruktur.

Jedenfalls waren alle Menschen so wie er, so könnte er ja keineswegs ein herausragender „Tüchtiger“ sein. Aber darüber denkt er nicht nach.

 

Als nächster sei Herr Elektromeister Jürgen Kracholl vorgestellt, der sich von Herrn Bauunternehmer Arnold Witzkolsky nur dadurch unterscheidet, daß er seine rheinische Herkunft nicht verleugnen kann und auch noch „ein paar Jährchen“ jünger ist.

 

In ihrer Ausdrucksweise und in ihrer Meinung sind sie, man könnte den Vergleich wagen, wie ein-eiige Zwillinge.

 

Auch Herr Elektromeister Jürgen Kracholl hat heute Abend seinen nicht ganz so treuen, fast gleichaltrigen „Büttel“, den Gesellen Friedhelm Friedelein“ mitgebracht.

Herr Kracholl besitzt zwei abgerichtete Schäferhunde, neben seiner Frau „ab und zu eine tolle Biene“, hat einen „Mercedes im Stall“, nennt aber nur zwei Häuser sein eigen. Nun, er hat ja noch fast das ganze Leben vor sich. Auch er „wird es schon noch zu was bringen“. „Das Zeug hat er dazu“.

 

Heute hat er zum Beispiel einen großen Tag: Die „alte Karre“ von seiner Frau hat doch „so ein Dussel“ für über dreieinhalb Tausend Mark „bar auf die Hand“ gekauft. Jürgen Kracholl kann sich vor Lachen nicht mehr einkriegen. Auch sein „Büttel“ ist bester Stimmung; denn dieser kann sich damit brüsten, daß er den Tacho an dem alten, mit billigstem Lack nachgebesserten „Schrott-Karren“ durch Hochbocken der Räder in stundenlanger Arbeit mit einer Bohrmaschine um fast zehntausend Kilometer zurückgedreht hat. Der Motor, der fast am Ende ist und sicher nicht mehr bis zur nächsten Inspektion durchhält, ist mit einem Gemisch aus Staucherfett und Dicköl gefüllt worden, damit er bei der Vorführung „wie eine Nähmaschine surrte“. Man erfreut sich seiner eigenen Tüchtigkeit und des Wissens „wie man zu was kommt“. Natürlich hat man den „dusseligen“ Käufer auch nicht über den Unfallschaden informiert, bei dem die ganze Karosserie total verzogen war.

 

Der Herr Elektromeister und sein „Büttel“ brüsten sich auch stolz mit der Geschichte, wie man bei diesem Unfallschaden von der Versicherung fast das Doppelte von dem zurückbekommen hat, was der Schaden wirklich gekostet hat; denn Jürgen Kracholl kennt den Werkstattbesitzer sehr gut. Und wenn es darum geht, die „Versicherungen zu bescheißen“, dann ist jeder und vor allem er „immer dabei“.

 

„Die Versicherungsärsche wissen doch sowieso nicht, wohin mit dem Geld“, meint er, ohne nachzudenken, daß es den Versicherungen völlig gleichgültig ist, wie viel sie zu Schadensregulierungen auszahlen müssen. Wenn die Versicherungsgesellschaften nämlich merken, daß sie ihre Ausgaben nicht mehr durch die Prämieneinnahmen decken können, bekommen sie schon die staatliche Genehmigung, die Prämien wieder mal anzuheben. Die „Dummen“, die Durchschnittsbürger, die nicht zu den „Tüchtigen“, zu den Pfiffigen gehören, zahlen die Zeche.

 

Also Herr Jürgen Kracholl hat den Wagen seiner „alten dusseligen Kuh“, wie er seine Frau in der Regel bezeichnet, mindestens zum doppelten Preis „verhökert“, als er tatsächlich noch wert war. Er hat kaufvertraglich fixiert: „... gekauft, wie besehen.“ Dieser Passus des Vertrages schützt ihn, da ist er sich völlig sicher, vor irgendwelchen Regreßansprüchen seitens des Käufers.

 

Also kann er heute „einen drauf tun“. Er bestellt eine weitere Runde Bier. Jeder hat zwar schon mindestens 6 Halbliter-Gläser getrunken und „das Auto vor der Tür“. Aber ein „Tüchtiger“ ist in jeder Situation tüchtig: Tüchtig im Trinken und dennoch immer fahrtüchtig. Der „Tüchtige“ weiß, wo die Polizeikontrollen sind. Er, der „Tüchtige“, prahlt, wie man volltrunken gerade noch der Polizei „durch die Lappen gegangen“ ist. Man erzählt stolz solche Geschichten, als sei man in den Schule mit einer guten Bewertung einer Klassenarbeit davon gekommen, obwohl „man nichts zu Hause getan hatte“. Einen solchen Erfolg hat beispielsweise der ehemalige Schüler dadurch, daß er vom Nachbarn geschickt abschreiben konnte, ohne daß der Lehrer etwas merkte. Weiterhin brüstet sich derjenige, der sich also geschickt durch ein Examen gemogelt hat, damit, daß aber kein Wort von dem verstanden habe, was er da abgeschrieben habe. Damit hat er dann mit Sicherheit die Lacher auf seiner Seite.

 

Ein Beitrag zu „ungewöhnlichen Leistungen“ im volltrunkenen Zustand, wird allzu gerne gegeben, wie man beispielsweise beinahe, „stockbesoffen so'n alten, durch die Gegend humpelnden Opa auf die Hörner genommen“ hätte. über eine solche Glanzleistung berichtet Herr Willi Mückelsbühler, Steuerberater, sehr gerne zum Ergötzen seiner Zuhörer. An diesem Abend gab er die Geschichte zum Vergnügen seiner Stammtischbrüder mindestens zum dritten Male zum Besten: „Der trottelige, grabesreife Alte ist wohl gerade noch an einem Schlaganfall vor Schreck vorbei gekommen.“

 

Das Thema, was man alles in volltrunkenem Zustand „geleistet“ hat, ist unausschöpflich und füllt auch diesmal wieder einmal einen Großteil des Zusammenseins am Stammtisch.

 

Herr Willi Mückelsbühler ist natürlich auch der Steuerberater der Herren Jürgen Kracholl und Arnold Witzkolsky.

 

Ja, wenn die Rede darauf kommt, wie man dem Finanzamt wieder mal ein Schnippchen geschlagen hat, indem man sich mit einem „netten, süßen Schnuckel“ ein paar Tage im Hotel verlustiert hat, was natürlich als Geschäftsreise oder Messebesuch deklariert werden kann, wobei man sich nur vorher überlegen muß, wo man hinzufahren hat, dann ist jeder nicht nur guter, sondern bester Laune. Ja der „Tüchtige“, der natürlich selbständig ist und „keinem in den Arsch kriechen muß“, worauf Arnold Witzkolsky besonders stolz ist, weiß „wie man zurecht kommt“.

 

Bei solchen Reden freuen sich auch die „Büttel“, obwohl sie, ohne „elegante Tricks“ anwenden zu können, die Lohnsteuer, die Versicherungsprämien, die Mieten und Rückzahlungsraten für das Auto, das sie sich eigentlich nicht leisten können, monatlich praktisch ohne Weigerung der Zahlung von ihrem Lohn beziehungsweise ihrem Gehalt abgezogen bekommen.

Allgemeine Betrachtungen

 

Ja, worauf soll denn der „Büttel“ auch stolz sein, wenn nicht auf ein Vorbild, auf seinen Herrn und Meister, seinen „Arbeitgeber“.

 

Dabei sind sie es eigentlich, die ein „System“ in unserem Beispiel die Firmen und Unternehmen tragen, die nur durch ihre Loyalität am heben erhalten werden können.

 

Sie, die „Büttel“ basieren ihr Selbstwertgefühl darauf, daß sie für so tüchtige, trickreiche und durchtriebene Chefs arbeiten dürfen; denn sie ahnen bewußt oder zumindest unbewußt, daß sie gebraucht werden und daß sie einzig und allein zum Wohlergehen der „Tüchtigen“ beizutragen haben. Sie sind wichtig. Ohne ihr Zutun gäbe es natürlich keine „Tüchtigen“.

 

Sie, die „Büttel“, freuen sich, wenn sie zu einem Bier eingeladen werden, wobei die „Tüchtigen“ über ihre Tricks und „Erfolge“ prahlen und Publikum, vorzugsweise solche wie ihre „Büttel“, zum Zuhören brauchen.

 

Sie fühlen sich insbesondere geehrt und für ihre weitere Tätigkeit motiviert, wenn sie von ihrem Obertan für gute Arbeit belobigt werden: „Allerdings ohne meinen treuen und absolut zuverlässigen Hermann (Baldun), der aufpaßt wie ein Spitz(-Hund), hätte ich es kaum so weit gebracht wie heute“, gesteht hin und wieder Bauunternehmer Arnold Witzkolsky.

 

Es gibt natürlich auch „Arbeitnehmer“, die man nicht als „Büttel“ bezeichnen kann. Das sind „die ewig unzufriedenen und meckernden, vor Neid geifernden Kreaturen, die niemandem den wohl verdienten Erfolg gönnen, die nur darauf aus sind, einem (dem „Tüchtigen“) etwas anzuhängen, weil sie es selbst zu nichts gebracht haben. Sie sind dumm', dreist, mißgünstig und verderben einem (dem „Tüchtigen“) den Spaß. Solche Typen sind häufig Mitglieder einer Gewerkschaft. Dabei merken sie gar nicht, daß die (die Gewerkschaftsführer) sie erst richtig ausnehmen. Aber heute hat man ihnen schon das Schlottern beigebracht, wenn man ihnen eine Versetzung als Angestellte bei denen da in Nürnberg (damit ist der Bezug von Arbeitslosengeld von der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg gemeint) in Aussicht stellt.“ So sehen es der Herr Bauunternehmer und sein mittelständischer Unternehmerkollege, der Elektromeister Jürgen Kracholl.

 

Es ist den Mächtigen in den Industrienationen tatsächlich gelungen, mit Hilfe von so genannten wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Gutachtern und entsprechenden Berichten in den in keinem Fall von so genannten Arbeitnehmern beherrschten Publikationsmedien, durch drohende Warnungen der führenden Wirtschaftler und Politiker innerhalb von wenigen Monaten die Konjunktur zu zerreden und eine so genannte Wirtschaftskrise künstlich zu erzeugen.

 

Wer die Macht hat, hat auch die Propagandamöglichkeiten und alle Mittel zu einer entsprechenden Meinungsbildung.

 

Wem gehören denn die wichtigsten großen Zeitungen und Medien, die zum nicht unwesentlichen Teil von Werbeaufträgen finanziert werden, und welche Meinungen werden damit den breiten Publikum zugänglich gemacht, das auf diese Weise beeinflußt wird beziehungsweise beeinflußt werden soll? Die Antwort darauf kann sich jeder leicht selbst geben.

 

Nachdem seit Jahren vom drohenden Verlust von Arbeitsplätzen gesprochen worden ist, kuschen die so genannten Arbeitnehmer tatsächlich (endlich).

 

Sogar die Zahl der Ausfälle durch Krankheit ist zurückgegangen, was einen heftigen Streit unter Fachleuten ausgelöst hat: Haben vorher die Leute nur krankgefeiert, weil sie mal „faulenzen“ wollten oder schleppen sie sich heutzutage trotz Krankheit zur Arbeit?

 

Ja, da werden die Arbeitskräfte zwar wieder billiger, was den Profit der Firmeninhaber kurzfristig erhöht. Aber wer soll die Produkte kaufen? Diejenigen, denen man stetig und schleichend die Kaufkraft reduziert, werden es immer weniger können. Der Absatz geht zurück, bejammern dann die „Tüchtigen“, nur an kurzfristiges Profitdenken gewöhnt.

 

Es werden ja auch immer mehr Produktionsstätten ins „unterentwickelte“ Ausland verlagert. Dort, wo in der Regel sich ein uneingeschränkt herrschender Landesbesitzer an die Macht geputscht hat, wo es keinen gewerkschaftlichen Schutz der Arbeitnehmer gibt, wo in der Regel noch Kinder zum Unterhalt eines kärglichen Lebens der Familien beitragen müssen, dort wird dann produziert gegen eine solche Entlohnung, daß ein Arbeiter niemals in der Lage ist, das von ihm hergestellte Produkt selbst zu erwerben, wie zum Beispiel eine Fleischkonserve aus einer Fabrik in Togo, die von einem berühmten deutschen Ministerpräsidenten errichtet worden war und dem man „zum Dank“ ein Denkmal in Lerne errichtet hat.

 

Außerdem ersetzen immer mehr Roboter die menschliche Arbeitskraft vollständig. Da fallen dann also überhaupt keine Lohnkosten mehr an. Da gibt es keine Streiks, keinen aufsässigen Arbeiter und Angestellten. Nur hat der Firmeninhaber wohl niemals darüber nachgedacht, daß die Roboter an den hergestellten Produkten überhaupt nicht interessiert sind (oder doch, wenn die Roboter demnächst dann wiederum durch Genmanipulierte Menschen ersetzt werden können?). Keineswegs werden die Löhne und Gehälter der restlichen im Arbeitsprozeß stehenden Menschen erhöht und ihre Arbeitszeit wesentlich reduziert, damit mehr Menschen zu einem Kaufkraftpotential kommen.

 

Natürlich ist das Problem des Arbeitsmarktes weltweit zu betrachten und zu analysieren.

 

Solange ein unverhältnismäßiges Einkommensgefälle zwischen Industrienationen und so genannten Entwicklungsländern, die sich wegen ihrer politischen Systeme niemals weiterentwickeln können, bestehen, kann nur sehr schwer eine befriedigende Lösung gefunden werden.


Es muß gesagt werden, daß wahrscheinlich jedoch die Zukunft, insbesondere die weiteren Lebensmöglichkeiten auf dieser Erde von den so genannten Entwicklungsländern gefährdet wird. Die dortigen jeweiligen Landesbesitzer brauchen keine Rücksicht auf eine Opposition zu nehmen, die sie oft rein physisch völlig „ausgeschaltet“ haben. Sie werden als billige Rohstofflieferanten von den die Industrienationen beherrschenden Konzernen an der Macht gehalten, zweigen den Großteil des Staatshaushaltes in Militärausgaben ab, transferieren Einnahmen aus Exporten auf persönliche Konten auf Banken in Industrienationen. Mit diesen Einlagen können dann diese Nationen arbeiten und ihre Vormachtstellung weiter ausbauen.

 

Das jeweilige Entwicklungsland hat wegen der persönlichen Wertabschöpfung des Landesbesitzers und der Ausgaben zu seiner Machterhaltung keine weiteren finanziellen Möglichkeit, die Ausbildungssituation zu verbessern, zu den Industrienationen alternative Produktionszweige zu errichten, sich selbst zu ernähren, die Umwelt zu schützen, insbesondere die sich ausweitende Verwüstung zu verhindern, geschweige denn die Gesundheitssituation dem derzeitigen Wissenstand anzupassen.

 

Da helfen keineswegs die mageren, als Tropfen auf einen heißen Stein zu sehenden Entwicklungsprojekte zur Bewässerung, zur besseren landwirtschaftlichen Nutzung, zum übertragen des erreichten Wissensstandes, was erfahrungsgemäß erst einmal eine Kopie der in Industrienationen durchlaufenen Fehler zur Folge hat. Stattdessen wird durch verstärkten Einfluß von Religionen die Volksverdummung und vertröstung auf ein imaginäres Jenseits vorangetrieben, immer schon ein wirkungsvolles Mittel zur Machterhaltung und Machtausweitung.

 

In den schleichenden Tod der jährlich weiter verarmenden und in völlige Trostlosigkeit verfallenden Entwicklungsländer werden unvermeidbar die Industrienationen hineingezogen, falls nicht unmittelbar ein Umdenken stattfindet.

 

Doch zurück zu der Frage: Wie sind die Erfolge der „Tüchtigen“ zu erklären?

 

Die Antwort darauf sei nochmals zusammen gefaßt und näher erläutert:

 

Haben sie das, was man Glück nennt? Es scheint wirklich so zu sein, daß ihnen auch eine Häufigkeit an günstigen Ereignissen zufällt. Aber sicher liegt ihr so genannter Erfolg an ihrer Art, ihrer Einstellung zum Leben, an ihrer Rücksichtslosigkeit Mitmenschen gegenüber, an ihrer Kritiklosigkeit an sich selbst und an bestehenden Systemen, in denen sie sich bestens auskennen und mit denen sie meisterhaft umgehen können, wenn sie sich auch sehr oft am Rande des jeweiligen Systems bewegen. Gesetze, Verordnungen und Regeln, Konventionen genannt, sind aus der Sicht der „Tüchtigen“ für die dumme und dumpfe Allgemeinheit gemacht. Sie, die „Tüchtigen“, belieben, Lücken in solchen Gesetzen, Verordnungen und Regeln zu finden und geschickt auszunutzen.

 

Sind die „Tüchtigen“ nicht grundsätzlich das, was man konservativ nennt? Denn sie sind nicht bereit, sich auf neue Denkbahnen zu begeben, neues auszuprobieren, Risiken einer neuen Lebensform einzugehen. Die ferne Zukunft interessiert sie nicht. Ihnen ist das Schicksal, selbst ihrer Kinder gleichgültig, wenn sie ihre Macht und ihr „Vorwärtskommen“ in Gefahr sehen.

 

Sie möchten, weil es ihrer Mentalität entspricht, das „Althergebrachte“ behalten, durchaus schon konservieren. Alles Neue erschreckt sie, macht sie unsicher, verunsichert sie. Daher reagieren sie auf ihnen nicht vertraute Ideen, Meinungen, Personen, Ereignisse und Gesellschaftssysteme mit äußerster Ablehnung und nicht selten gefährlicher Aggression, wie ein Raubtier, das man in eine ausweglose Situation gebracht hat.

 

Sie, die „Tüchtigen“, haben oft eine Intelligenz einer modernen Rechenmaschine. Sie können Gegebenes rasch verarbeiten, „umsortieren“. Sie vermögen schnell zu kombinieren, da sie „vorprogrammiert“ sind und ihre Handlungen und Entscheidungen nicht ständig überdenken brauchen. So können sie rasch Entscheidungen fällen, da für sie die Entscheidungsmöglichkeiten stark eingeschränkt sind; denn ihre Entscheidungskriterien orientieren sich, man kann sagen, ausschließlich an verfestigtem Vorgedachten, an „Altbewährtem“, an Konserviertem.

 

Sie folgen einfach und fast kritiklos ihren „Lehrmeistern“, ihren „Vorbildern“, was häufig brutale Diktatoren während dieser vielen (meistens traurigen) Geschichtsphasen der Menschheit waren.

 

Die Geschichtsschreiber begehen in der Regel einen schweren Irrtum, wenn sie davon reden, daß Völker gegen einander gekämpft haben. In Wirklichkeit wurden und werden diese Völker, einzelne Volksgruppen oder Religionsgemeinschaften von machtgierigen und skrupellosen Einzelpersonen aufgehetzt, ausgenutzt und in Tod und Verderben gestürzt.

 

So wie ein Tier durch Instinkte und Vorprogrammiertsein immer weiß, wie es zu reagieren hat und daher auch rasch reagieren kann, so werden die „Tüchtigen“ und Erfolgreichen dieser Welt von durch Erziehung geprägten Sekundärinstinkten geleitet (so wie jedes menschliche Lebewesen mehr oder weniger).

 

Die folgenden Kapitel sollen einige Lebensabläufe beschreiben, die wahrscheinlich zur Charakterbildung der vorher vorgestellten Personen beigetragen haben.


Lebensabläufe:

 

Willi Mückelsbühler

 

Steuerberater Willi Mückelsbühler ist 35 Jahre alt, seit über 10 Jahren mit einer Griechin verheiratet, die immer noch nicht einwandfrei deutsch spricht. Um das zu kompensieren, kokettiert sie mit ihrer „fremdländischen“ Aussprache.

 

Sie war damals, als Willi Mückelsbühler sie im Urlaub in der Nähe von Rhodos kennen gelernt hatte, sehr hübsch, hatte einen schlanken, „rassig“ geformten Körper, wie er sie beschreibt. Die großen, dunklen, melancholischen und ausdruckvollen Augen in einem (griechisch) klassisch geformten Gesicht mit etwas hervor stehenden Backenknochen, zogen jeden an, der in ihre Nähe kam, und sind immer noch faszinierend. Sie war zweifellos nicht von dieser nichts sagenden wachspuppenhaften Schönheit, wie sie in den Modezeitschriften idealisiert wird. So hat sie für eine Frau eine viel zu große „hellenische“ Nase. Das lange schwarze, glatt gekämmte Haar, nach wie vor hinten zu einem Knoten zusammengebunden, gibt ihr einen orientalischen Anstrich. Der immer schon wenig ausgeprägte Busen verlieh ihr in jugendlichem Alter eine fast männliche Erscheinung, die auch noch dadurch betont wurde, daß sie sehr gerne regelrechte Anzüge, also Hosen und dazu passende Jacken, manchmal sogar mit Krawatten trug.

 

Jetzt nach den 3 Söhnen, die sie ihrem Mann geboren hat, ist sie, wie sich der Gatte auszudrücken pflegt, „auseinander gegangen wie ein Pfannkuchen“.

 

Sie ist eine schlechte Hausfrau, da ihr Interesse mehr dem Kunstgewerbe gilt. Sie träumt davon, selbständige Innenarchitektin sein zu können. Leider hat sie weder die notwendige, durch eine Abschlußprüfung nachzuweisende, abgeschlossene Ausbildung noch genügendes Startkapital für eine Atelier-Einrichtung und vor allem auch keine ausreichende Ausdauer, um sich wirklich mit aller Kraft für ein Berufsleben einzusetzen. Erschwerend kommt inzwischen die fehlende Berufserfahrung hinzu.

 

Ihr Ehemann ist nicht bereit, ihr zu einem Start in einen solchen Beruf als Selbständige zu helfen; denn nach seinen Denkbahnen hat sich eine Frau um Haushalt und Kinder zu kümmern.

 

Vielleicht fürchtet er bewußt oder eher unbewußt eine Art „Konkurrenz“, also daß sie erfolgreicher, insbesondere hinsichtlich Publikumswirksamkeit als er sein könnte; denn sie träumte immer davon, ihre zuweilen ansprechenden, in jedem Fall zu Diskussionen anregenden Ideen in Fachzeitschriften zu veröffentlichen.

 

So befriedigt sie ihre Berufs-Wünsche durch Träumen von dem, was sein könnte, wenn...

 

Ergeht es nicht den meisten Menschen ähnlich, wenn sie nicht zu den „Tüchtigen“ zählen und sich nicht das nehmen, was sie wollen?

 

Frau Mückelsbühler ist nicht einmal in der Lage, in ihrer so genannter Freizeit, an der es ihr wegen der Haushaltshilfe, die jeden Vormittag zum Saubermachen kommt, nicht mangelt, ihren künstlerischen Neigungen nachzugehen. Sie kommt über Ideen und grob skizzierte Entwürfe nicht hinweg. Sie traut sich auch nichts mehr so richtig zu.

 

Ihrem Gatten ist es (sicher nicht böswillig voll bewußt) gelungen, durch dauerndes Hervorheben und Herauskehren seines Erfolges und seiner „Tüchtigkeit“, ihr Selbstbewußtsein und ihre Initiative, wenn nicht zu zerstören so doch zumindest zu erlahmen. Es gelingt ihr keine Umsetzung einer ihrer, eigentlich reichlichen und guten Ideen.

 

Morgens nach dem Frühstück fühlt sie sich oft mit Schöpferkraft und Betätigungsdrang erfüllt, gräbt ihre Entwurfsblöcke und „Werkzeuge“ hervor, ermüdet aber dann so sehr, daß sie sich am liebsten wieder in das Bett legen möchte. Nur die Anwesenheit der Haushaltshilfe, vor der es ihr peinlich wäre, hindert sie daran.

 

Sie hat leider nicht die Mentalität eines „Tüchtigen“. Ihr ist etwas peinlich. Ihr fehlt die Rücksichtslosigkeit.

 

Sie, die „Tüchtigen“ dagegen, nehmen sich, was diese Welt bietet. Ihnen ist, wie es in der Bibel schon empfohlen wurde, Himmel und Erde untertan. Sie interessiert es nicht, und sie sträuben sich, aus einem nicht ohne weiteres erklärbaren Abwehrmechanismus heraus, darüber nachzudenken, welche Konsequenzen die rücksichtslose Ausbeutung der Bodenschätze unserer Erde, der lebenden Natur mit ihren Pflanzen und Tieren, welche Folgen die Umweltbelastung durch Abfälle, durch Verschmutzung der Luft und der Gewässer für die nachfolgenden Generationen haben werden.

 

Sie, die „Tüchtigen“, aus dem diesen Betrachtungen geltenden Kreis haben kein Problem, einen Bettpartner zu bekommen, den man dann zwar manchmal nicht mehr so leicht „wieder los wird“, weil man den Fehler gemacht hat, eine so genannte legitimierte Bindung - Ehe genannt - einzugehen. Dennoch braucht der „Tüchtige“ keine große Rücksicht darauf nehmen, wenn es darum geht, sich einen „Neben-Partner zu halten“.

 

Der „Tüchtige“, traditionsgemäß vorwiegend männlichen Geschlechts, scheint in der Regel sogar unter dem Zwang zu leiden, den gesellschaftlichen Vorstellungen folgend seine sexuelle Potenz beweisen zu müssen, und ein großer Partnerkonsum soll dann wohl auch sein Tüchtigsein zusätzlich zu seinen übrigen Erfolgen bestätigen. Vor allem sucht er sich einen Lebenspartner, der gewissen Normvorstellungen entspricht, das heißt eine so genannte schönen äußere Erscheinung hat. Der „Tüchtige“ stellt sich das tote und lebende Inventar seiner unmittelbaren Umgebung nach Mode-Gesichtspunkten zusammen.

 

Diese Bemerkung trifft auch für Herrn Willi Mückelsbühler zu. Ihm, einem nicht besonders attraktiven Mann, was seine körperliche Erscheinung anbetrifft, gelang es zwar mit erheblichen Mühen, aber immerhin eines der schönsten weiblichen Wesen, die der Peloponnes zu bieten hatte, „zu erobern“. Diese Eroberung war allerdings sehr kostspielig gewesen: Teure Einladungen in Restaurants und Folklore-Veranstaltungen, Geschenke aus den Juwelier-Läden.

 

Diese seine „Eroberung“ hatte ursprünglich ihr Augenmerk auf den schwulen Freund von Willi Mückelsbühler gerichtet, war von diesem unwiderstehlich angezogen worden, von diesem „Bilderbuch“-Mann, der, Unkompliziertheit, Lebensfreude, Lebendigkeit und Unermüdlichkeit ausstrahlend, wie ein Magnet auf weibliche Wesen wirkte.

 

Diesen Kunstgeschichte studierenden Freund, der das Leben an und für sich zu genießen verstand, hatte Willi Mückelsbühler zu dem Urlaub eingeladen, sehr wahrscheinlich weil dieser mit seiner natürlichen Daseinsfreude eine Alternative bot zum damals ja noch jungen, aber in seinen Vorstellungen bereits vorprogrammierten, angehenden Steuerfachmann.

 

Der „Adonis“ machte sich von seiner Veranlagung her jedoch überhaupt nichts aus Frauen, was wahrscheinlich einen besonderen Reiz eben auf weibliche Wesen ausübte. Jedenfalls war er vor allem nicht bereit, die sehr weltlichen Anforderungen der griechischen Schönheit zu befriedigen. Dennoch genaß er das Umschwärmtwerden und beteiligte sich in seiner charmanten, recht unterhaltsamen Art bis zu einer gewissen Grenze am uralten Spiel zwischen den Geschlechtern.

 

Willi Mückelsbühler war eigentlich wegen seiner sexuellem Grundneigung auch nicht an der „Rose des Peloponnes“, wie er sie immer noch gerne nennt, interessiert, fand seinen sozusagen ideal gewachsenen Freund unwahrscheinlich reizvoll, mahlte sich aber keine Chance aus, nachdem sein Miturlauber ihm während der Anreise nach Rhodos sehr ausführlich seinen „Geschmack“ erläutert hatte.

 

Da jedoch ein Mann nach den gesellschaftlichen Gepflogenheiten Frauen nachzuschauen hat und alle männlichen Wesen seiner damaligen Umgebung hinter diesem „rassigen Weib“ her waren, packte Willi Mückelsbühler so etwas wie ein Jagdtrieb.

 

Da er sich immer schon gerne in gesellschaftliche Konventionen integrierte, wozu auch gehört, wie schon erwähnt, daß ein männliches Wesen ein weibliches Pendant freit, sah er eine Möglichkeit, einen weiblichen Körper in seinen Besitz zu überführen, dem alle Mitmänner mit, vor Neid gierenden Blicken nachschauen würden.

 

Sie ging mehr oder weniger auf die Umwerbung von Willi Mückelsbühler ein, doch wohl eher um in der Nähe seines Urlaubsfreundes sein zu können.

 

Irgendwie schlidderten beide in eine Ehe, die kaum auf Gefühle für einander, geschweige denn auf Liebe, basierte. Seine Motive sind bereits vorher erläutert worden. Sie kann sich aber bis heute nicht recht erklären, wieso es zu der Eheschließung gekommen war; denn sie fand ihren jetzigen Ehemann nie attraktiv.

 

Außerdem hatte sie Sprachprobleme und konnte sich mit ihm nur sehr schwer eingehend verständigen, der jedoch damals schon sich alle Mühe gab, seine „Tüchtigkeit“ herauszukehren. Als Nichtraucher konnte er zum Beispiel minutenlang unter der Wasseroberfläche umhertauchen.

 

Wahrscheinlich ist ihr Motiv, ihm schließlich auf seine inständigen Unwerbungen hin ihr „Ja-Wort“ gegeben zu haben, darin zu suchen, daß sie aus ihrer Umgebung, aus der Abhängigkeit von ihrem Elternhaus heraus wollte, daß sie unbewußt Angst vor einer Berufsausübung hatte, zu der ihr Vater immer gedrängt hatte. Hinzu kam vielleicht eine dumme, kindische Protesthaltung, weil sich der Mann, bei dessen Anwesenheit sich ihr Puls beschleunigte, nichts aus ihr machte.

 

Sie war sich zwar sicher, daß ihr Ehemann zumindest ausreichendes Einkommen hatte, um ihren Lebensunterhalt zu sichern, ahnte aber, daß ihr Zusammenleben mit ihm sie in eine schwer zu ertragende Isolation treiben werde. Es kam dann schlimmer als sie überhaupt gefürchtet hatte, nachdem sie nach Deutschland gekommen war. Da sie außer ihrer griechischen Muttersprache nur brockenhaftes Englisch zum täglichen Gebrauch, wie man sagt, beherrschte, konnte sie fast nie an Gesprächen bei den sowieso recht seltenen Einladungen teilnehmen. Ihr Mann kam fast nur zum Schlafen nach Hause.

 

Weil sie wenig sprachbegabt war, fiel ihr das Erlernen des Deutschen unwahrscheinlich schwer.

 

Erschwerend für sie kam hinzu, daß sie zwar immer schon ein recht komfortables Haus am Rande einer Großstadt bewohnten, sie aber von dort nicht wegkam. Sie besaß keinen Führerschein, und öffentliche Verkehrsmittel fuhren recht selten; denn es fehlte an Kundschaft, weil die meisten der Einwohner des Vorortes mit Autos reichlich ausgestattet waren. Diese Lebensumstände in ihrem Haus am Rande der Kleinstadt haben sich im Laufe der Jahre für sie kaum verbessert.

 

Sie haßt ihre drei, inzwischen halbwüchsigen Kinder, die sie „wildes Gemüse“ nennt, und sie unterstellt ihnen, daß sie daran die Schuld tragen, nach der sie an das Haus gebunden bleibt.

 

Mit der kleinen griechischen „Kolonie“ der Großstadt, meistens kleine Gewerbetreibende oder Restaurantbesitzer, wollte und will sie keinen Kontakt haben, da sie ihrem „Niveau“ nicht entsprechen.

 

Ihr Lebensinhalt begann, sich immer mehr darauf zu konzentrieren, indem sie sich unentwegt etwas in den Mund steckt, was nicht ohne sichtbare Folgen geblieben ist. Sie ist nämlich ungewöhnlich dick geworden und fällt dadurch besonders in einer solchen Umgebung auf, in der sie inzwischen wohnt; denn ihre Nachbarinnen, Angehörige des so genannten besser verdienenden Kreises, legen größten Wert auf eine „Norm“-Figur, wie sie von den gängigen Mode- und Frauenzeitschriften vorgeschrieben wird. Diese Damen, auch grüne Witwen genannt, weil ihre Ehemänner sie in schmucke, neue und komfortable Häuser an den Rand der Kleinstadt aus der benachbarten Großstadt, ansonsten allein gelassen ausgelagert haben, pflegen Tennis zu spielen, gehen in ein Bräunungsstudio, und legen auf ihr Äußeres größten Wert. Nur kann man sie kaum von einander unterscheiden, ja sie manchmal in neuem „Make-up“, umgefärbten und umfrisierten Haartrachten, je nach Modevorgabe mit gebleichter oder gebräunter Haut nicht wieder erkennen.

 

Die massige Frau Mückelsbühler dagegen, deren Mann als einer der wenigen aus der Umgebung der angesehenen Wohnkolonie in der Kleinstadt selbst tätig ist, fällt jedem auf, was sie immer mehr zu genießen begann; denn hinter ihr schauen alle her, manche kopfschüttelnd, andere mitleidig, und jeder kennt sie mit Namen. Um besonders aufzufallen, trägt sie weite, sie noch voluminöser erscheinen lassende Falten-Kleider, die meistens durch einen Gummizug am unteren Ende den Tonnen-Charakter des umhüllten Körpers betonen. Sie behängt sich mit klotzigem, meistens selbst entworfenem und hergestellten Modeschmuck, hat ihre streng gebundenen Haare naturseiden weiß gefärbt. Sogar auf der Straße pafft sie Zigarillos, die in einen über. zwanzig Zentimeter langen, elfenbeinfarbigen Halter gesteckt sind.

 

Ihr Ehemann, dessen Äußeres sich zwar auch ein wenig im Laufe der Jahre geändert hat, der breithüftig, dazu fast kahlköpfig geworden ist und einen Bauchansatz mühsam zu verbergen sucht, findet seine Frau abstoßend und vermeidet ein Zusammensein mit ihr mehr und mehr.

 

Willi Mückelsbühler ist nach wie vor in erster Linie an seinem Beruf interessiert, der ihm die für ihn' einzige Möglichkeit bietet, zu immer mehr Geld zu kommen. Geldverdienen ist zu seinem Lebensinhalt geworden. Sein Lebensziel ist: Anhäufen von Geld und dessen Vervielfältigung über Zinses-Zinsen und Beteiligungen.

 

Der „Tüchtige“ hat aber nicht nur Geld, um sich ein so genanntes angenehmes Leben „in Luxus“ machen zu können. Für den Erwerb des Lebensunterhalts hält man sich vor allem auch „Büttel“, die im üblichen Sprachgebrauch enge Mitarbeiter genannt werden, die wiederum anderen Auszubeutenden überstellt sind.

 

Vom „Tüchtigen“ werden sie zwar eher als lästige Mitesser angesehen, die „einem die Haare vom Kopf fressen können, wenn man nicht aufpaßt“.

 

Die „Mitarbeiter möchten (leider nur) möglichst viel verdienen bei möglichst geringer Leistung“.

 

Leider kann aber auch der tüchtigste „Tüchtige“ nicht alles selber machen, obwohl selbst der beste „Büttel“ ihm nichts recht machen kann. Das ist verständlich; denn der „Tüchtige“ ist eben tüchtiger. Sonst wäre er ja nicht das, was er ist: eben der „Tüchtige“.

 

Wird aber nicht der Grad an Tüchtigkeit vor allem auch daran gemessen, wie viele „Büttel“ und dem „Büttel“ unterstellte Arbeiter und Angestellte dem „Tüchtigen“ untertan sind? Ein besonderer Wunsch des „Tüchtigen“ muß also darin gesehen werden, daß er möglichst viele so genannte Mitarbeiter zu sammeln sucht. Je größer nämlich die Sammlung an verschiedenen Mitarbeitern ist, desto mehr Machtgefühl genießt der „Tüchtige“.

 

Nach diesem Maßstab ist allerdings Willi Mückelsbühler nicht ein besonders tüchtiger „Tüchtiger“. Er beschäftigt nur eine Sekretärin und einen Gehilfen. Mit der, dem jeweiligen Mode-Trend unterlegene Sekretärin verbindet ihn nicht nur die berufliche Beziehung.

 

Beklagenswert ist, daß diese Person ihm nicht sehr untertan ist. Sie fordert neben einer gute Bezahlung, Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld, Fahrtkostenerstattung, Erstattung von Telefongebühren, sollte sie einmal ein so genanntes dienstliches Gespräch von ihrer Wohnung aus führen müssen.

 

Sie kennt ihre Rechte als Arbeitnehmerin ganz genau und „verzichtet auf nichts“. Jede Minute, die sie länger über ihre so genannte normale Arbeitszeit hinaus im Büro anwesend sein muß, aus welchen Gründen auch immer, kompensiert sie durch Späterkommen am nächsten Tag. Sie schöpft ihren Urlaub voll aus, verweigert Arbeit, die nicht ihrer Stellung als Sekretärin entspricht beziehungsweise die nicht vertraglich vereinbart worden war. Sie hat sogar zweimal mit einem Gang zum Arbeitsgericht gedroht, wobei sie, wie so viele dieser „unverschämten Arbeitnehmer“, die Tatsache ausnutzen wollte, daß ein Arbeitsgerichtsverfahren für jeden so genannten Arbeitnehmer in der ersten Instanz kostenfrei ist.

 

Es ist wirklich nicht einfach für einen „Tüchtigen“, seinen Weg zum Erfolg zu beschreiten. überall hat man ihm „Steine in den Weg gelegt“.

 

Willi Mückelsbühler ist manchmal verzweifelt und würde gerne „diese Person“ (seine Sekretärin) wieder loswerden, einmal weil sie zu sehr an sich selber denkt und nicht an das Wohlergehen seines „bescheidenen“ Unternehmens und zum anderen vor allem, weil sie ihn verführt hat, indem sie eine Feier und seinen durch Alkohol unzurechnungsfähigen Zustand ausnutzte. So jedenfalls sieht der Steuerberater das, was sich vor längerer Zeit zugetragen hatte. Alle gingen damals mit einer Frau (außer der eigenen Ehefrau) in ein Bett. Er konnte sich doch keine Blöße geben, obwohl er eine viel stärkere Affinität zu hübschen, sehr jungen Männern hat. Aber das ist sein Geheimnis, und die Lüftung würde zu einer Katastrophe in seinem Bekannten-, Freundes- und Verwandtenkreis führen, wie er glaubt. Wenn dieses sein Laster bekannt werden würde, könnte er sich nirgends mehr blicken lassen (meint er, vielleicht zu recht).

 

Niemand weiß von Willi Mückelsbühler, daß er kein ganz lupenreiner „Tüchtiger“ ist, was das Eingebundensein in das jeweils gültige gesellschaftliche System und die damit verbundenen Denkmuster betrifft, der nicht ganz so ist, wie er sein sollte und wie er zu sein vorgibt.

 

Es gelingt ihm, sich einmal in der Woche und zwar regelmäßig dienstags nachmittags für ein paar Stunden frei zu machen, um nervös, mit vor Aufregung feucht gewordenen Handinnenflächen, seine suchend gierigen Blicke durch eine große Sonnenbrille verbergend die „einschlägigen“ Bars und die Bahnhofshalle irgend einer benachbarten Großstadt zu durchkämmen, wobei er reine Lust-Befriedigung seines „perversen Triebes“ sucht.

 

In den so genannten Clubsaunen („nur für Herren“) findet er zu selten junge Männer, die seinen Vorstellungen entsprechen. Es ist ihm noch nicht gelungen, dafür die Gründe zu finden. Es kann kaum an den relativ hohen Eintrittspreisen liegen; denn sehr rasch würde ein solcher junger Mann, der Stricher genannt wird, wenn er nach älteren, etwas wohlhabenden älteren „Typen“ Ausschau hält, angesprochen werden und die Gelegenheit bekommen, um seine „Investition“, also den Eintritt, vielfältig, allerdings in der Regel in Form von Einladungen zu alkoholischen Getränken kompensieren zu können.

 

Leider hat Willi Mückelsbühler bisher praktisch nur Enttäuschungen erlebt, wenn es ihm gelang, einen hübschen Burschen auf ein Hotelzimmer zu bekommen. Er ist sogar zweimal beraubt und danach sogar erpreßt worden. Aber in einer solchen Situation kann man auf keinen Fall zur Polizei gehen. Das ist nun mal das Risiko einer „gekauften Liebe“, die ausschließlich der Befriedigung eines „schnöden“ Triebes dient. Diese „Kaufvereinbarung“ ermöglicht weder Inanspruchnahme einer Garantie noch ein Verlangen nach Preisminderung bei geringer Qualität oder besser gesagt, bei Minderleistung. Es ergeht dem Käufer von „Liebe“ so wie einem Besucher eines unbekannten Restaurants, wo einem Gast eine gut aufgemachte Speisekarte keine Enttäuschung über das dann wirklich Genossene garantiert.

 

Bisher hat Willi Mückelsbühler sein „Laster“, wie er es selbst sieht, erfolgreich in dem Gesellschaftskreis, in dein er sich bewegt, verbergen können.

 

Herr Willi Mückelsbühler hat nie darüber nachgedacht, daß seine bisherigen Enttäuschungen sicher maßgeblich dadurch begründet sind, weil er keine dauerhafte Partnerschaftsbeziehung (wenn man nicht von einer Liebesbeziehung sprechen will) eingehen will, nicht einmal für eine relativ kurze Zeit. Er sucht und suchte bisher lediglich Befriedigung eines Triebs, der ihn tatsächlich aus seinem normalen und routinierten Alltagsleben im wahrsten Sinne des Wortes heraus treibt. Seine Ängste vor einer „Ausstoßung aus der Gesellschaft“, wie er meint, fürchten zu müssen, zwingen ihn nach einer so genannten Triebbefriedigung zum sofortigen Weglaufen „aus der Situation“, ebenfalls im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Er muß doch immer mit Bezug auf sein „Laster“, in jedem Fall anonym bleiben. Sicher hat er mit seinen Ängsten kaum Unrecht; denn in dem Milieu seiner Kleinstadt würde er wahrscheinlich wie ein Aussätziger betrachtet werden.

 

In seinem Beruf ist er tüchtig und erfolgreich. Seine Mandanten, für die er in der Regel schon seit vielen Jahren tätig ist, schätzen ihn, da er bei den Steuererklärungen zumindest alle Möglichkeiten der Steuergesetzgebung zu ihren Gunsten auszuschöpfen versteht und dem Finanzamt möglichst wenig zukommen läßt. Er versteht es, geschickt am Rande der Legalität zu agieren, ja sogar die Grenze zum Ungesetzlichen unter klarer Risikoabschätzung allerdings nur durch „gute Ratschläge“ zu überschreiten.

 

Er ist so geschickt, daß niemals eine seiner Steuererklärungen und Bilanzen, die er als vereidigter Steuerberater zu unterschrieben hat, beanstandet werden konnte.

 

Er verdient gut; denn er scheut sich nicht, bei seinen Honorarforderungen ein wenig erpresserisch vorzugehen. Wissen ist eben Macht, und er weiß nun mal viel, ja zuviel über seine Mandanten, so daß sie sich seinen Forderungen beugen müssen.

 

Herr Willi Mückelsbühler kommt allein mit seinem Steuerberatungsbüro auf ein wirkliches Jahreseinkommen von knapp einer Millionen, wovon ihm nach Abzug aller Ausgaben für seine beiden Angestellten an Gehältern, an gesetzlichen und betrieblichen Renten-, Kranken-, Arbeitslosen-Versicherungsanteilen, Weihnachts- und Urlaubsgeldern, an kleinen Geschenken, Fahrgeldzuschüssen, Ausgabenerstattungen, Weiterbildungskosten und dergleichen immerhin noch fast siebenhunderttausend bleiben, selbst wenn er alle anderen Kosten für Büro, Bürobedarf, Abschreibungen, Telefon, Fahrkosten, Fachbücher, Teilnahme an Tagungen abzieht.

 

Es gelingt ihm, in seiner eigenen Steuererklärung für sich ein versteuerbares Einkommen von nur etwas mehr als hunderttausend Mark „ruhigen Gewissens“ vertreten zu können.

 

In kleinen Dingen ist er sehr korrekt. Wenn er schon einmal einem „armen“ Verwandten behilflich sein soll, der aus „abhängiger Arbeit“ Bezüge von vielleicht jährlich gerade vierzigtausend Mark auf seiner Lohnsteuerkarte ausgewiesen bekommt, dann geht er absolut korrekt vor. Da werden „keine krummen Sachen gemacht“.


Deshalb wird er auch von diesen Kreisen hoch geschätzt, weil er „unbestechlich“, absolut „unantastbar“ scheint.

 

Herr Willi Mückelsbühler versteht es, gleichzeitig in mindestens zwei verschiedenen Welten zu leben. Er wird einerseits angesehen als der unbestechliche, korrekte, vereidigte Steuerberater, und als ein ebenso korrekter, treu sorgender Familienvater, der seinen Söhnen das Taschengeld absolut pünktlich, sogar jeweils an die Preissteigerungen angepaßt, zahlt, ebenso wie seiner Frau das Haushaltsgeld. Alle wissen daher immer ganz genau, „wo sie bei ihm stehen“.

 

Er zeigt keine Launen, bemüht sich, nie ungerecht zu sein.

 

Im Gegensatz zum „rauhen Ton“ seiner Mandanten am Stammtisch pflegt er eine gewählte, mit jedem Wort den Sachverhalt treffende Sprache. Allerdings in einem nahezu volltrunkenen Zustand, kann er dann „auch mal die Sau rauslassen“. Diese „Entgleisungen“ kommen jedoch nur in Ausnahmefällen vor und wenn überhaupt, dann nur wenn er sich in dieser „anderen Welt“, zum Beispiel in einer „Herrensauna“ betrunken hat.

 

Niemand aus seiner Familie und aus dem Verwandtenkreis ahnt - wie bereits schon mehrmals erwähnt - etwas von seinen Bahnhofsbekanntschaften, von seinem „Verhältnis mit seiner Sekretärin“, von seinen Manipulationen von Steuererklärungen, worauf er sich nur dann einläßt, wenn es sich um Mindesteinkommen von über einer Millionen handelt.

 

Niemand ahnt etwas von seinen Beteiligungen an Waffengeschäften, die sich ihm erst kürzlich geboten und die sich als ganz besonders lohnend herausgestellt haben, weil dieser Handel immer mehr durch Restriktionen und Kontrollen durch die Regierungen der Herstellungsländer eingeengt wird.

 

Es ist ihm in den wenigen, nunmehr etwa sieben Jahren seiner selbständigen Tätigkeit gelungen, schon fast vier Millionen Dollar an Ersparnissen und an Vermögen ansammeln zu können. Er rechnet insgeheim immer in der so genannten Leitwährung, in Dollar der Vereinigten Staaten von Amerika; denn sein Vermögen hat er fast ausschließlich ins Ausland verlagert.

 

Er unterhält sowohl aus steuerrechtlichen Gründen als auch zur besseren Geheimhaltung in verschiedenen Ländern zwölf Bank- und Sparkonten, ist an acht Unternehmen -mehr oder weniger stark beteiligt und hat vier verschiedene Versicherungsverträge abgeschlossen, die seine Familie bei seinem plötzlichen, unerwarteten Ableben sichern, die ihm und seiner Frau eine so genannte Altersversorgung und eine gute Absicherung im Krankheitsfall ermöglichen, sowie Bauabsichten begünstigen sollen.

 

Er macht sich manchmal Gedanken darüber, wie er die „Anlagen“ und Beteiligungen dirigieren kann, im Falle daß ihm einmal etwas zustoßen würde, wenn er zum Beispiel mit dem Auto verunglücken sollte. Es gehen ihm die verschiedensten Arten von Testamenten durch den Kopf. Da niemand genau weiß, wie es tatsächlich um seine Ansammlung von Werten und „Vermögen“ steht, also um das, was er tatsächlich vermögen kann, stellt er sich die erstaunten Gesichter seiner Erben in Tagträumen vor, wenn er „plötzlich aus dem Leben gerissen“ würde. Er malt sich insbesondere in letzter Zeit sogar aus, wie er einen Selbstmord vortäuschen könne, um einerseits einen Großteil der bisherigen „Rücklagen“ selbst nutzen und andererseits einen, seinen tatsächlichen Vorstellungen entsprechenden Lebenswandel führen zu können.

Es ist zu erwähnen, daß er seinen bisherigen Lebenswandel als den einzig wahren hin und wieder in Zweifel stellt.

 

Er sieht sich vor allem vor das psychologische Problem gestellt, dem alle „Tüchtigen“ ausgesetzt sind, nämlich daß man seine Tüchtigkeit auch öffentlich zeigen muß. Nur wenige können sich bescheiden, die eigene Tüchtigkeit zu verstecken. Willi Mückelsbühler gehört eigentlich nicht zu diesem Kreis. Sein so genanntes Versteckspiel bezüglich der Zur-Schau-Stellung seines bisher Erreichten, ergibt sich einfach aus gewissen Notwendigkeiten. Er würde riskieren, daß danach gefahndet werden könnte, wie er mit einem versteuerten Einkommen von lediglich etwas über hunderttausend Mark solch ein Vermögen ansammeln konnte. Außerdem müßte nach den Steuergesetzen die zusätzlichen Einnahmen aus Verzinsungen und aus Anlagevermögen, die die, der Finanzbehörde nicht wahrheitsgemäß erklärten Einkünfte aus seinem Steuerberatungsbüro nahezu erreichen.

 

Nur seinen „engsten Freunden“, zum Beispiel aus der Stammtischrunde, ist sein, im Grunde genommen unwichtige Verhältnis mit seiner Sekretärin vor allem auch als Alibifunktion für sein verstecktes Nichtinteresse an Frauen bekannt.

 

„Diese Person“, gemessen an Sekretärinnen in anderen Firmen überbezahlt, kann er allerdings nicht entlassen, da sie einmal zum Teil doch einige seiner nicht ganz sauberen und unlegalen Geschäfte mitbekommen hat, also zu viel weiß und zum anderen inzwischen arbeitsrechtlich abgesichert ist. Eine so genannte Arbeitnehmerin oder ein Arbeitnehmer kann nämlich nur dann entlassen werden, wenn sich die Arbeitsleistung plötzlich nachweislich und trotz Abmahnung verschlechtert hat oder wenn die Stelle firmenpolitisch frei geworden ist und nicht wieder besetzt wird. Herr Willi Mückelsbühler braucht aber eine Bürokraft, und den Nachweis über Arbeitsverweigerung oder über bisher nicht bekannte Nachlässigkeit kann er nicht führen.

 

Er haßt seine Sekretärin und gibt die „mit ihr gemachte schlechte Erfahrung“ seinen „engsten Freunden“ gegenüber als Grund für sein mangelndes Interesse an Frauen an, wann immer wieder einmal eine Gelegenheit kommt, bei der ein Mann eine Frau mit zu Bett zu nehmen hat.

 

Tatsächlich hat Willi Mückelsbühler die (aus seiner Sicht berechtigte) Befürchtung, er könne erneut in eine erpresserische Situation schliddern.

 

Nachdem er wahrscheinlich seine Befähigung, starke Gefühle für jemanden zu entwickeln oder sogar in einen Mitmenschen verliebt zu werden, verloren hat, besteht vermutlich auch die Gefahr, daß seine Sexualobjekte diese seine Unfähigkeit spürend, ihm auch keine anderen Gefühle entgegen bringen werden als rein „geschäftliche“ Ambitionen. Zum „Täter-Opferverhältnis“ gehören bekanntlich ja immer entsprechende Voraussetzungen und Bereitschaften (auch des Opfers).

 

In seinen Wachträumen ist Herr Willi Mückelsbühler stundenlang damit beschäftigt, wie er seiner Umwelt zeigen könnte, wer er eigentlich ist und was tatsächlich in ihm steckt.

 

So träumt er als ein Beispiel der vielen Möglichkeiten davon, einen „frisch gebackenen“, selbsternannten Präsidenten in einem so genannten Entwicklungsland von sich abhängig machen zu können, dessen Berater und Finanzier er würde. In dieser Art von Wunschträumen durchlebt er seine zwiespältige Persönlichkeit. Er malt sich aus, wie er aktiv dabei mitwirke, wenn so genannte Gegner eines solchen, zum uneingeschränkten Landeseigentümer gewordenen Präsidenten gefoltert würden. Wenn er sich solche Szenen in allen Einzelheiten vorstellt, gerät er in einen orgastischen Zustand. Andererseits spinnt er aus, wie er mit Rat und Tat dazu beitragen werde, die miese wirtschaftliche und soziale Situation des Entwicklungslandes tatsächlich im Interesse der von den Landesbesitzern ausgebeuteten Bevölkerung verbessern zu können. Natürlich endet dieser „mildtätige“ Teil eines solchen Tagtraumes immer damit, daß er im Mittelpunkt einer Laudatio steht, in der ihm das einfache Volk in Dankbarkeit zu Füßen liegt.

 

Ein anderer seiner Wunschträume ist, ein mit großen Fenstern versehenes Unterseeboot für touristische Unterwasserexkursionen zu kaufen. Tiefseetauchen fasziniert ihn, diese bezaubernde Welt unter der Wasseroberfläche.

 

Herr Willi Mückelsbühler lebt sehr bescheiden. Außer hin und wieder mit Freunden „einen Trinken zu gehen“, steuerlich absetzbar, was er sich wirklich, ohne jegliche finanziellen Skrupel haben zu miesen, leisten kann, oder außer einmal jährlich seiner beliebten Freizeitbeschäftigung des Tiefseetauchens nachzugehen und sich einmal wöchentlich einen „hübschen, jungen Burschen“ aufzugabeln, was ihm keineswegs jedes mal gelingt, und im Durchschnitt nicht mehr als dreihundert Mark kostet mit Hotel und einem „Geschenk“, braucht er nicht viel für sich selbst.

 

Der Unterhalt seines Hauses und seiner Familie, sowie seines BMW bilden einen, sein Einkommen stark belastenden, großen Kostenfaktor in seiner Steuererklärung unter „Repräsentations- beziehungsweise Werbekosten“, so daß diese tatsächlichen Ausgaben durch die Steuereinsparung uni über dreißig Prozent reduziert sind.

 

Er kann aus dem Aufkommen mit seinem Steuerberatungsbüro jährlich fast sechshunderttausend Mark und eine Summe in etwa der gleichen Höhe, die aber jährlich merklich ansteigt, an direkten Zinsen oder aus seinem Anlagevermögen und aus Beteiligungen auf den verschiedenen Sparkonten und in Beteiligungen festlegen. Er rechnet sich aus, daß er bei Erreichen seines fünfundvierzigsten Lebensjahres also einschließlich aller Nebengeschäfte, Gewinnausschüttungen und Zinseszinsen über elf Millionen Dollar sein eigen nennen können wird. Das gelingt tatsächlich nur wenigen Mitmenschen. Bezieht man sich auf die Weltbevölkerung, so gelingt das wohl nur einer Person unter zehntausend, wie er meint.

 

Wenn er darüber nachdenkt, bedrückt es ihn sehr, daß er zwar ein außergewöhnlicher, ein aus der Masse hervor- und herausragender Mensch, eben ein „Tüchtiger“ ist. Aber was nützt es, wenn diese Tüchtigkeit von fast niemandem erkannt und anerkannt wird, wenn ihn kaum jemand bewundert. Dann ist doch das Anhäufen von Geld und den damit verbundenen Machtmitteln sinnlos. Solche Gedanken stoßen ihn in seine Tagträume.


Diese Überlegungen behindern ihn in letzter Zeit mehr und mehr bei seiner täglichen Arbeit. Macht er das durch, was Psychologen als „Midlife Crisis“ bezeichnen?

Weswegen „rackert“ er sich ab, wenn der Erfolg seiner Arbeit nicht die öffentliche Bewunderung findet? Die „Leute sollen wissen, wer man ist, wen sie vor sich haben“. Das ist mit eine Triebfeder der „Tüchtigen“ zum Nochtüchtiger-werden.

 

Herr Willi Mückelsbühler hat bisher in seinem Leben wenig Urlaub gemacht.

 

Die drei Wochen, die er jährlich seinem Hobby, dem Tiefseetauchen widmet, sind auch wenigstens teilweise angefüllt mit vielen Stunden des Studiums der Steuer und allgemeinen Gesetze und von wichtigen kommentierenden Gerichtsentscheidungen.

 

In letzter Zeit beschäftigt er sich auch intensiv mit den Gesetzen und Richtlinien der Commonwealth-Länder, nachdem sich einige seiner Aktivitäten und geschäftlichen Interessen auf ehemalige britische Kolonien erstrecken.

 

Er ist auch bemüht, seine recht guten englischen Sprachkenntnisse weiter zu vervollkommnen.

 

Im Büro oder bei Mandanten arbeitet er wenigstens zehn Stunden am Tag. Einen Spätnachmittag einmal in der Woche, den er seinem „Laster“, nämlich seinen Streifzügen durch die Bahnhofshalle und durch so genannte einschlägige Lokale, manchmal einem Saunabesuch opfert, holt er am Wochenende wieder auf. Dann hat er Ruhe, vieles aufzuarbeiten, ungestört von Telefon und „dummen Fragen“ seiner „Mitarbeiter“.

 

Seine Familie war von Anfang an daran gewöhnt, daß er keine Zeit für sie hat. Seine griechische Frau, die er direkt nach sehr erfolgreichem Abschluß seines Studiums der Wirtschaftswissenschaften und in einem nach der „Paukerei“ wohlverdienten Urlaub kennen gelernt hatte, wurde also nie durch zu häufige Anwesenheit ihres Freundes und späteren Ehemannes verwöhnt.

 

Solange Herr Willi Mückelsbühler zurückdenken kann, galt sein Hauptinteresse seinem „Fortkommen“. In der Schule war er gut, ja oft sogar jahrelang der beste, der tüchtigste. Er konnte sich gut konzentrieren. Seine Gedanken wurden nie von den Unterrichtsthemen abgelenkt. Er schweifte nie ab, wobei er sich in Träumen und Schwärmereien verloren haben könnte. Er akzeptierte die Welt immer „so, wie sie ist“. Für ihn gab es nichts zu kritisieren, zu überdenken, zu verändern, sich gegen etwas aufzulehnen. Er fand kein Verständnis für Mitschüler, die aufsässig waren und an allem etwas zu „nörgeln“ hatten.

 

Er kommt aus einem „harmonischen“ Elternhaus. Sein Vater ist nach wie vor ein angesehener Pfarrer- in der Kleinstadt, der heute auch zu den Bewunderern seines erfolgreichen Sohnes zählt; denn den „alten Herrn“ hat er einmal in seinen Wertpapieren blättern lassen, der sein großes Erstaunen nicht unterdrücken konnte. „Bitte, sprich aber auf keinen Fall zu niemandem darüber, Vater! Nur Gott und du sind informiert“, hatte der Sohn gebeten.

 

Auch die beiden Brüder sind angesehen. Einer ist Lehrer geworden, der andere Polizeibeamter, dem allerdings nachgesagt wird, er habe einen Hang zum Kriminellen, als Kind alles gestohlen, „was nicht niet- und nagelfest“ war. Die Besitzerin des kleinen Kinos erzählte beispielsweise, daß dieser Junge eines Tages eine Kinokarte gegen einen großen, wunderschönen Blumenstrauß einhandeln wollte. Der Blumenstrauß sei von einem Grab entwendet worden. Nach einer anderen Geschichte hatte ein Handwerker, der im Pfarrhaus an einer Wasserleitung aus Blei etwas ausbessern mußte, seinen aufgeheizten schweren Lötkolben verführerisch so irgendwo liegen gelassen, daß der heutige Polizist, der das Gerät wie eine diebische Elster verschwinden lassen wollte, sich ganz gehörig die Finger verbrannte.

 

Es gab über die Familie, also bis auf „Jugendstreiche“ eines der Söhne, keine negativen Gerüchte wie sonst über fast jede Familie in diesem kleinstädtischen Milieu.

 

Im Elternhaus ging es „züchtig“ und „gottesfürchtig“ zu. Das große Pfarrhaus ermöglichte den Kindern aber ausreichende Bewegungsfreiheit. Eine alte Haushälterin entlastete die Familie von der Hausarbeit.

 

Um es nochmals zu erwähnen: Willi Mückelsbühler war nie kritischen Betrachtungen ausgesetzt gewesen oder Zweifeln an der „gottgegebenen Ordnung“.

 

Er kam mit allem und allen gut zurecht, liebte Sport, tanzte gerne, nachdem es üblich geworden war, von der Schule aus eine Tanzschule zu empfehlen. Natürlich sah die Lehrerschaft es mit größtem Argwohn, wenn Schüler verschiedenen Geschlechts nach der Tanzstunde zusammen gesehen wurden. Das hatte in der Regel eine Lektion über Moral beziehungsweise Unmoral und über Jugendsünden und -gefahren zur Folge.

 

Willi Mückelsbühler hatte nichts gegen die von der Lehrerschaft und den Verwandten gern gesehenen Kirchgänge, spielte nicht einmal schlecht Blockflöte und konnte theatralisch vorlesen, beispielsweise zu den Weihnachtfeiern oder den montäglichen Andachten in der Schulaula.

 

Die Lehrer mochten ihn, obwohl er manchmal zu Streichen aufgelegt war. Aber ein Junge, der nie zu Streichen aufgelegt ist, ist nun mal kein richtiger Junge. Seine, wenn auch nicht einfallsreichen Streiche, freuten die Lehrer, obwohl sie ihn natürlich offiziell tadeln mußten. Zu diesen Streichen gehörte, einem Mädchen ein gemaltes kleines Plakat auf den Rücken zu kleben, auf dem zu lesen war: „Ich bin verliebt“ oder einen nassen Schwamm auf den Stuhl zu legen, auf den sich der Lehrer setzte. Beliebt war auch, den Kreidelappen auf dem Stuhl auszuschütteln, so daß ein standesgemäß meistens dunkel gekleideter Lehrer zur Schadenfreude seiner Kollegen mit weißem Hosenboden umher lief.

 

Willi Mückelsbühler spielte das traditionelle Gesellschaftsspiel zwischen Lehrern und Schüler mit. Für beide Partner an diesem Spiel war damit „die Welt in Ordnung“.

 

Herr Willi Mückelsbühler bestand ein glänzendes Abitur, was ihm einen leichten Eintritt in die Universität mit Stipendium nach dem „Honnefer Modell“ ermöglichte.

 

Da er, wie schon erwähnt, sozusagen „mit Gott und aller Welt“ einverstanden war, also nicht durch Nachdenkenmüssen über, an der Universität Gelehrtes und über gesellschaftliche Gegebenheiten abgelenkt wurde, schaffte er Vordiplom und Diplom in der vorgegebenen Zeit.

 

Ein anschließender Promotionsversuch an der, in eingeweihten Kreisen bevorzugten Universität zu Graz, die für die Volkswirtschafts-Wissenschaft1er zur leichten Erlangung des Doktor-Titels bevorzugt wurde und sehr beliebt war, scheiterte aus Gründen, die keiner genau kennt und vielleicht auch nicht erfahren wird. Nach Gerüchten soll er sich in seinem beinahe krankhaften Drang, so schnell wie möglich den sehr erwünschten Doktortitel zu bekommen, der Arbeit eines „intim befreundeten“, schwer erkrankten Kollegen bemächtigt und als seine eigene ausgegeben haben. Was das im Einzelnen für Folgen nach sich gezogen haben könnte und wie die Geschichte dann wirklich ausgegangen ist, ist nicht mehr herauszubekommen. Der Kommilitone, der diesen Vorgang hätte erhellen können, ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

Herr Willi Mückelsbühler begann sogleich nach dem Studium, dessen glänzender Abschluß vom Vater mit einem Vorschußerbe belohnt worden war, was ihm die recht frühe Heirat und die Anmietung eines recht bequemen Hauses in einer so genannten vornehmen Wohngegend seine Tätigkeit bei einem Finanzamt in der benachbarten Großstadt, gleichzeitig Hauptstadt des Regierungsbezirks, was sicher sehr geschickt war; denn es war für ihn keineswegs ein Fehler, eine solche Stelle zuerst einmal kennen gelernt zu haben, gegen die er später seine „besser verdienenden“ Mandanten zu verteidigen hatte. Er war zuständig für den ländlichen Einzugsbereich, zu dem auch sein Heimatort gehörte.


„Da leben nur Gauner und Ganoven, die kleinen Steuerhinterzieher...“ hatte ein Kollege lachend geäußert und hinzugefügt: „Die Verdunkler ziehen gerne aufs Land. Daher will solch einen Bezirk niemand gerne betreuen. Da gibt es immer wieder riesigen Ärger...“

 

Die Einrichtung eines Steuerberatungsbüros in seiner heimatlichen Kleinstadt nach vier Jahren der Berufserfahrung bei der „steuereintreibenden“ Behörde und nach Ablegung der entsprechend erforderlichen Prüfung erforderte wenig Kapital. Er benötigte ein Fahrzeug, ein Telefon, eine kleine Rechen- und eine Schreibmaschine, was er sowieso schon alles besaß. Als Büroraum diente ihm ein Zimmer im väterlichen Pfarrhaus.

 

Während der „Gründerzeit“ seines Steuerberatungsunternehmens hatte er erst einmal seine Familie im angemieteten Haus der Großstadt gelassen, obwohl das Pfarrhaus geräumig genug gewesen wäre, die ganze Familie zu beherbergen, wie es die Eltern vorgeschlagen hatten.

 

Potentielle Mandanten hatte sich Willi Mückelsbühler während seiner Finanzamtserfahrung gemerkt, denen er das Leben erschwert hatte, weil ihre Steuererklärungen nicht so geschickt abgefaßt worden waren, um Lücken und Unkorrektheiten ausreichend zu verdecken.

 

„Ich könnte jetzt für Sie tätig werden“, hatte er in seinen Werbebriefen an die betreffenden Firmen geschrieben und hinzugefügt: „Als Finanzbeamter habe ich viel gelernt und warum wollen Sie meine dort gesammelten Erfahrungen nicht für sich nutzen.“ Diesen versteckten Wink, in welche Richtung die Erfahrungen genutzt werden könnten, verstand man. Willi Mückelsbühler, dieser „durchtriebene, gottverdammte Scheißkerl“, wie Arnold Witzkolsky ihn damals nach Erhalt seines Werbeschreibens mit einem Lächeln genannt hatte, gewann auf Anhieb als Klienten einen Großteil seiner ehemaligen „Feinde“; denn als solcher war er bei den Klein- und mittelständischen Firmen angesehen gewesen, die auf Grund der detektivischen Begabung des damaligen Steuerinspektors Mückelsbühler erheblich nachzahlen mußten. Die durch die Tätigkeiten des Finanzmannes veranlaßten Buchprüfungen führten in einigen Fällen sogar zu Strafanzeigen wegen Steuerhinterziehung, woraufhin Willi Mückelsbühler anonyme Drohbriefe erhielt und ihm einmal die Reifen seines Wagens zerschnitten worden waren.

 

Heute in den Stammtischrunden wird über diese, der Vergangenheit angehörenden Ereignisse gelacht. „Aber ein teuflischer Scheißkerl bist du immer noch“, meint Elektromeister Jürgen Kracholl und erklärt: „Du ziehst uns das Fell über die Ohren mit deinen unverschämt hohen Honorar-Forderungen. Du hast uns in der Hand. Doch was soll's? Wir kommen eben alle einigermaßen zurecht. Zumindest bekommt der Staat keinen Pfennig mehr als unbedingt sein muß.“ Man nickt befriedigt in der Runde.

Willi Mückelsbühler, dessen Eltern aus einer ärmlichen Gegend am Mittel-Rhein kamen, schmunzelt über die Vorwürfe und versucht dadurch zu beruhigen, indem er die Glocke über der Theke des Stammtisch-Lokals zu einer Lokalrunde läuten läßt.

 

Eigentlich paßt er nicht so ganz zu seinen „Stammtisch-Brüdern“. Da er aber guten, privaten Kontakt zu seinen Mandanten für unerläßlich hält und da ihm die Gegenwart des groben Meisters Jürgen Kracholl und seines chaotischen Gesellen Friedhelm Friedelein in ein angenehmes Gefühl versetzen, nimmt er regelmäßig an den „Sitzungen“ teil.

 

Einmal hatte der ziemlich betrunkene Friedhelm Friedelein sich an ihn gewandt und gesagt: „Sie schauen mich manchmal mit so gierigen Blicken an, als wollten Sie was von mir“.

 

Willi Mückelsbühler war daraufhin ziemlich errötet und fühlte sich ertappt wie ein kleiner Junge, der etwas Ungeheuerliches ausgefressen hatte. Doch hatte er sich rasch in den Griff bekommen können und erwidert: „Ich beobachte nun mal gerne Menschen...“

 

Diese Erklärung war von dem Elektro-Gesellen mit den Worten unterbrochen worden: „Ich glaube, der Mückelsbühler ist nicht ganz stubenrein...“ woraufhin sein Meister ihn zurecht wies: „Jetzt halt aber dein endlich dein loses Mundwerk. Sonst schicke ich dich nach Hause.“

 

Diplom Kaufmann Willi Mückelsbühler ist in vieler Beziehung ziemlich zwiespältig. Er läßt einerseits die als primitiv zu bezeichnende Kneipen- und Baustellensprache über sich ergehen, ja er findet das alles sogar recht amüsant. Andererseits hat er im Büro auf der Fensternische seiner Privat-Toilette, die er mit niemandem teilt, einen Gedichtsband liegen, um die Zeit zur Erledigung „großer Geschäfte“ mit Lesen von Rilke und Mörike auszufüllen. Aber auch für Gottfried Benn kann er sich begeistern.

 

Er ist fasziniert von den so genannten französischen Symbolisten, zum Beispiel von Charles Baudelaire und Paul Verlaine, von denen er viele Werke im der Originalsprache für sich allein in theatralischer Weise auswendig zitieren kann, obwohl er ansonsten Französisch nicht sehr gut beherrscht.

 

Es wird sicher schwer herauszufinden sein, warum er sein Gefühlsleben so zugeschüttet hat, warum ihm seine Mitmenschen völlig gleichgültig sind.

 

Auch gerade bei ihm, der aus einem ziemlich „normalen“ Elterhaus kommt, der die Schulen und anderen Ausbildungsstätten ohne „besondere Vorkommnisse“ durchlaufen hat, könnte man frühkindliche Erlebnisse finden, die abgewandelt wohl von Generation zu Generation, zwar immer wieder mehr oder weniger variiert, weiter getragen werden.

 

Willi Mückelsbühler scheint ein gutes Beispiel dafür zu sein, daß sich eine bestimmte Charakterprägung in einer „durchschnittlichen Erziehung“ auswirkt.

 

Er hat nie mit seinen Kindern gespielt, fast nie ein etwas längeres Gespräch mit seinen Nachkommen geführt, sich um ihre Sorgen und Nöte keine Gedanken gemacht, weder was schulische Probleme betrifft noch rein private. Dabei behandelt er sie im Grunde genommen nicht streng, läßt sie gewähren, wie man sagt. Man kann also nicht sagen, daß er seinen Söhnen Angst oder ein ungutes Gefühl bei seiner seltenen Anwesenheit einflößt. Es spielt für ihn wohl kaum eine Rolle, ob sie existieren oder nicht.

Jürgen Kracholl

 

Er war immer ein schlechter Schüler gewesen und einmal sogar „sitzen geblieben“.

 

Sein Vater, ein mittelmäßiger Volksschullehrer, war von dem Wunsch besessen gewesen, daß sein einziger Sohn einmal etwas, in seinen Augen ganz Besonderes sein müsse: Entweder Arzt oder Rechtsanwalt.

 

Aber spätestens im vierten Schuljahr, dessen Ergebnis über die Möglichkeit entscheidet, auf die so genannte Höhere Schule überzuwechseln, zeigte sich, daß der kleine Jürgen dazu „nicht das Zeug“ hatte.

 

Alles Prügeln, Gott um Hilfe anflehen, Drohen und Beschimpfen schien nur das Gegenteil von dem bewirkt zu haben, was der Vater von seinem einzigen Sohn erwartete: nämlich das zu werden, was er selbst nicht geschafft hatte.

 

Der kleine Jürgen, anfänglich kindlich verspielt, später immer in einer größeren Gruppe von Jungen zu finden, interessierte sich eigentlich für nichts, benutzte keine Buntstifte, las keine Bücher, hörte kein Radio, bastelte nicht, fand nichts an Musik, war vor allem nicht dazu zu bewegen, Hausaufgaben für die Schule zu machen.


Er war ungenießbar gewesen, wenn es einmal regnete oder naßkalt schneite und Kinder nicht im Freien sein konnten. Zu Hause in der beengten Etagenlehrerwohnung fühlte er sich eingeengt, konnte nicht der Anführer einer Gruppe sein, die sich im Wettpinkeln maß, Luft aus Fahrradschläuchen ließ, Mercedessterne und Außenspiegel an Fahrzeugen verbog und abbrach, Autoantennen umknickte und Ungeschick vorgebend Warenregale in Geschäften umstieß. Außer Zeit mit ein wenig Fußballspielen, irgendwo Hochklettern und vor allem viel An-Ecken-Stehen zu vertun, langweilte sich Jürgen ständig.

 

Wahrscheinlich hatte sein Vater mit seiner Wahnidee, daß sein Sohn einmal ein bekannter Rechtsanwalt oder geachteter praktizierender Arzt in der Kleinstadt sein müsse, den Jungen überfordert und ihm jede Möglichkeit genommen, seine eigenen Wünsche und Vorstellungen zu entdecken.

 

Nach Ablauf der Volks-Schul-Pflicht nahm ein kinderloser Onkel den vierzehnjährigen in die Lehre als Elektriker, nicht weil sich Jürgen für diesen Beruf begeistern konnte, sondern einfach weil er ja irgendeinen Beruf zu erlernen hatte und ihm eine weiterführende Schulbildung wegen mangelhafter Leistungen verwehrt war.

 

Allmählich fand Jürgen doch ein wenig Interesse an der Arbeit, sah Erfolgserlebnisse, wenn das Licht in einem Neubau durch sein Zutun zu leuchten begann, wenn eine Pumpe lief und ein Herd warm wurde.

 

Sogar die Theorie begann er zu verstehen, nachdem es seinem Onkel gelungen war, bei seinem Lehrling (heute Auszubildender genannt) die jedem Menschen eingeborene natürliche Neugierde ein wenig wieder zu wecken: das Ohm'sche Gesetz, die Wirkungsweise des Wechselstroms, den Unterschied zum Gleichstrom waren für Jürgen kein Geheimnis mehr. Er lernte Schaltpläne lesen und schaffte, zwar mit Mühe, aber immerhin, die Gesellenprüfung, verdiente anschließend fast so viel wie sein Vater und zog sogleich in eine eigene Wohnung in Form eines Einzimmer-Appartments.

 

Endlich fühlte er sich von dem Druck des Elternhauses befreit, vermißte jedoch die ständigen Anleitungen: „Komm endlich zum Essen. Hast du dir schon wieder nicht den Hals gewaschen? ...die Zähne geputzt? Steh jetzt endlich auf! Du mußt dir die Haare waschen! Zieh dir nicht dieses Hemd wieder an! Das steht ja vor Dreck. Willst du nicht endlich mal die Strümpfe wechseln. Die hab'. ich dir schon seit Tagen auf deinen Stuhl gelegt. Du siehst das alles nicht. Es ist schrecklich. mit dir!“ Solche Worte hatte er jeden und jeden Tag von seiner Mutter vernommen, die den ganzen Tag putzte, kochte, einkaufte, Sachen reparierte, strickte und immerzu ihren Sohn zu irgend etwas ermahnte. Solche Ermahnungen wurden vom Vater lautstark, im Kasernenhofton wiederholt, durch Androhen von „körperlicher Züchtigung“ und schließlich mit Prügeln durchgesetzt.

 

Nachdem der inzwischen fast Achtzehnjährige trotz der vielen Einwendungen und Warnungen der Eltern „du bist noch nicht großjährig...“, „du kommst allein nicht zurecht...“ sich diese Kleinwohnung gemietet hatte, fand er sich dort tatsächlich verloren.

 

Nach dem Aufstehen wusch er sich nicht, bereitete kein Frühstück vor, biss Stücke aus einem Laib Brot, löffelte dazu Marmelade aus dem Glas, wenn er überhaupt welche hatte, trank ein rohes Ei, dazu Leitungswasser, vergaß das Konfitürenglas zuzuschrauben, ließ alles irgendwo liegen und hatte in wenigen Tagen sein Appartement in eine Rumpelkammer verwandelt.

 

Es begann, nach Schimmel, verderbenden Speiseresten und stickiger Luft zu riechen.

 

Als die Mutter einmal nach ihm sehen wollte und er dann wirklich rein zufällig in der Wohnung war, fiel sie beinahe in Ohnmacht: „Das ist ja viel schlimmer, als ich mir vorgestellt habe...“

 

Sogleich begann sie ihrem Trieb, Ordnung in den „Schweinestall“ zu bringen, nachzugehen. Sie legte die Kleidungsstücke, nachdem sie an jedes ihre Nase gehalten hatte, nach gebrauchten und unbenutzten getrennt in den dafür vorgesehenen Wandschrank, trug das Geschirr in die Einbau-Küchen-Nische zum Abwaschen, füllte den Abfalleimer mehrere Male, den sie immer wieder in den bald überquellenden Müll-Container im hinteren Teil des Hauseingangs entleeren mußte.

 

Unentwegt schimpfte sie vor sich hin und führte Selbstgespräche.

 

Als ihr Sohn verschwinden wollte, verlangte sie mit den Worten „so eine Sauerei werde ich nicht dulden“ einen Wohnungsschlüssel und hatte sich von nun an um zwei Haushalte zu kümmern.

 

Der jugendliche Jürgen fühlte sich auf den Baustellen einigermaßen wohl.

 

Sein Onkel ließ ihn gewähren. Die derbe Sprache der Arbeitskollegen, der ihm vorgesetzten älteren Gesellen und Meister, lag ihm.

Natürlich mußte er oft ermahnt werden, weil er „wieder 'mal Mist“, einen Fehler gemacht hatte oder zu langsam arbeitete.

 

Es fehlte ihm die Ausdauer und daher fiel es ihm nun mal schwer, sich an einer Arbeit festzubeißen und war glücklich, wenn er Material holen sollte oder für einen Kollegen etwas einzukaufen hatte.

 

In den Freizeiten hing er in Kneipen, pfiff hinter Mädchen her, prahlte damit, wie gut er im „Saufen“ und „Bumsen“ sei. Zu einer Liebesbeziehung war er jedoch nicht fähig.

 

Seine Gespräche an der Theke drehten sich ausschließlich darum, wer, wann, wo, wie viel getrunken und „im besoffenen Kopf“ was angestellt, wie viele „Bienen“ man bereits „aufgerissen“ hatte, wer, wie viel verdiente, welches das schnellste Auto sei, welche Mannschaft im Fußball die besten Aussichten habe, wo es die teuersten Jeans gäbe.

 

Jürgen begann, sich mit kleinen „Geschäften“ zusätzliche Einnahmen zu erschließen: „staubte“ von den Baustellen Schalter, Abzweigdosen, Steckdosen und Kabel ab, „verhökerte“ das fremde Eigentum zu möglichst günstigern Preis.

 

Als sein Onkel dieses „Klauen“ entdeckte, argumentierte der junge Geselle damit: „Das machen doch alle“ und zählte genau auf, wer, wann, was hatte „mitgehen“ lassen.

Der Onkel geriet außer sich vor Wut, konnte aber nicht alle Angestellten wegen der Terminverpflichtungen „an die Luft setzen“, wie er meinte, woraufhin die „Abstauberei“ nach kurzer Zeit weiter betrieben wurde.

 

Nachdem der Firmeninhaber erneut „einen erwischte“, wurde dieser auf der Stelle „hinausgeschmissen“. Dieser wandte sich an ein Arbeitsgericht, konnte mit Unterstützung seiner Kollegen nachweisen, daß der „Chef“ schon lange vor diesem Diebstahl davon gewußt habe, daß alle regelmäßig „klauten“. Der Anwalt des Entlassenen leitete daraus ein Gewohnheitsrecht ab und argumentierte: Der Firmenchef habe es versäumt, aus den von seinen Mitarbeitern regelmäßig durchgeführten Materialaneignungen die arbeitsrechtlich zulässigen beziehungsweise notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Der Onkel konnte eine so genannte Abmahnung nicht nachweisen. Als sich bei den Zeugenvernehmungen niemand mehr erinnern wollte, daß der Firmeninhaber wütend geschrieen hatte: „wenn ich einen von euch noch einmal erwische, fliegt der sofort raus“, mußte der Dieb gemäß dem Richterspruch wieder eingestellt werden.

 

Jürgens Onkel verstand die Welt nicht mehr, fand das geltende Arbeitsrecht „himmelschreiend“, beschimpfe das Gericht, drohte dem Richter sogar Prügel an, wurde mit einer empfindlichen Ordnungsstrafe belegt, was ihn zusätzlich so aufbrachte, daß er zu randalieren begann. Er wurde „in Gewahrsam genommen“, verlor den Verstand und nahm sich in seiner Kerkerzelle mithilfe seiner Hosenträger das Leben.

 

Nach dem notariell bekundeten „letzten Willen“ wies die Testamentseröffnung den inzwischen mündig gewordenen Jürgen Kracholl als Erben des Elektrohandels- und -installationsbetriebes aus, jedoch mit der Auflage, innerhalb von 4 Jahren den Meistertitel zu erwerben und seiner Tante lebenslang eine monatliche Rente von eintausendachthundert zu zahlen.

 

Jürgen Kracholl war nun Inhaber einer Firma, deren Namen nicht einmal geändert werden brauchte, weil sein Onkel den gleichen Familiennamen hatte. Vor allein war er Chef seiner bisherigen Vorgesetzten und seiner Kollegen.

 

Das war ihm jedoch nicht ganz geheuer. Sie wußten zu viel vom ihm, und er wußte zu viel von ihnen.

 

Nach Beratung durch einen Anwalt wurden nun alle Gesellen und die beiden Meister für Anlagenbau und Elektroinstallation fristlos wegen nachgewiesenem, fortgesetzten Diebstahls entlassen, was diesmal durch arbeitsrichterliche Entscheidung für rechtens erklärt wurde.

 

Mit Geschick gelang es ihm in sehr kurzer Zeit, erfahrene und zuverlässige Fachleute von der „Konkurrenz“ abzuwerben. Allerdings mußte er ihnen natürlich einen höheren Lohn beziehungsweise ein verbessertes Einkommen bieten.

 

Fast alle seine neuen Mitarbeiter kannte er bereits durch gemeinsames Arbeiten auf Großbaustellen oder aus der Kneipe. Daher kannte er ihre Unzufriedenheit mit ihren früheren, so genannten Arbeitgebern, die - wie in jedem „Arbeitsverhältnis“ üblich - bei den Arbeitern und Angestellten als unfähige, nichtsnutze und nur an Ausbeutung interessierte Ungeheuer dargestellt worden waren.

 

Nur die Meister konnte er nicht ersetzen, denen er zwar auch keine Unregelmäßigkeiten hatte nachweisen können, ihre Entlassung jedoch mit der „schwierigen wirtschaftlichen Lage der Firma“ begründet hatte.

 

Die Witwe, seine Tante, mußte das nicht besonders luxuriöse, aber recht geräumige, an der Hauptstraße gelegene Haus mit angrenzendem großem Garten verlassen. In dem Gebäude befand sich ebenerdig das ein wenig vernachlässigte Verkaufsgeschäft mit einem kleinen Büro, und dessen Kellerräume wurden als Kleinteile-Lager benutzt. Ein Flachbau, der gartenwärts an das Haus angeheftet war, diente als Werkstatt und zusätzlichem Materialspeicher, insbesondere für Kabel, Montagerohre und dergleichen.

 

Die Tränen der Hinterbliebenen ließen den vorbehaltlichen Alleinerben kalt. Er hatte das Recht voll auf seiner Seite, was ihm sowohl das Amts- als auch das Landesgericht bestätigte.

Jürgen Kracholl fühlte sich als stolzer Allein-Inhaber einer angesehenen Firma, dachte jedoch keine Minute daran, daß das angetretene Erbe mit einer, für ihn schwer zu erfüllenden Auflage verbunden war, nämlich die zu bestehende Meisterprüfung.

 

Da sich in der Kleinstadt solche Ereignisse rasch herumgesprochen hatten und man die „Behandlung“ der Witwe als „himmelschreiend rücksichtslos“ empfand, wurde die Firma Kracholl-Elektro, wie sie abgekürzt genannt wurde, von den meisten Privatkunden gemieden, was ein ziemliche Umsatzeinbuße zur Folge hatte.

Mit der Erfüllung der noch laufenden Verpflichtungen konnte sich das Elektro- und -installationsunternehmen, offene Handelsgesellschaft, gerade über Wasser halten. Nur gab es Probleme bei den so genannten Baustellenabnahmen, da die Firma keinen Meister, wie vorgeschrieben, besaß. Offensichtlich hatte der den Jungunternehmer beratende Anwalt von Voraussetzungen zum Betrieb eines Handwerksunternehmens wohl keine Ahnung gehabt.

 

Mit Hilfe des fast gleichaltrigen und ehrgeizigen, als tüchtig zu bezeichnenden, ebenfalls neu eingestellten Gesellen Friedhelm Friedelein und von Meister Gustav Koch, der sich zwar schon im Ruhestand befand, sich schließlich jedoch als Konzessionsträger zur Verfügung gestellt hatte, weil ihm Zuhause „die Bude auf den Kopf fiel“, gelang es, den Zuschlag bei der, bereits noch vom freiwillig aus dem Leben geschiedenen Onkel vorbereiteten Ausschreibung für den Großauftrag zur gesamten elektrischen Ausstattung des Landeskrankenhausneubaus zu bekommen.

 

Nun konnte Jürgen Kracholl nichts mehr erschüttern, wie er meinte.

 

Die Beschaffung des silbergrauen Porsches mit hundertundzig PS hätte zwar beinahe die Vorfinanzierungsmöglichkeit beziehungsweise -notwendigkeit des Projektes in Gefahr gebracht. Aber mit den verbleibenden Rücklagen des durch Freitod dahin geschiedenen, sehr sparsamen Onkels, für den das Handwerk noch ein edles Geschäft gewesen war, und durch Unterstützung der Eltern mit ihren jahrelangen, regelmäßigen, wenn auch mühsam zurückgelegten Ersparnissen konnten die erforderlichen Restmittel über Bankkredite aufgebracht werden.

 

Die Eltern, insbesondere der Vater von Jürgen waren zwar auch über das Verhalten ihres Sohnes gegenüber seiner Tante entsetzt und erbost gewesen. Aber durch ein wenig Stolz auf die nunmehr gegebene gesellschaftliche Stellung „ihres Jungen“ in der Kleinstadt hatten sie sich eingeredet: „Es ist und bleibt doch unser Junge... Wir können doch unser Kind nicht hängen lassen... Was immer er auch getan hat, wir sind und bleiben seine Eltern... Wir sind nicht da, um über unser eigenes Fleisch und Blut zu richten.“

 

Schließlich redeten sie sich ein: „Vielleicht hat unser Junge doch richtig gehandelt; denn die Mine (abgekürzter Vorname der Tante) hätte ihm bestimmt immer wieder ins Geschäft geredet und ihm die Hölle heiß gemacht...“

 

Damit hatten sie sich den Weg frei gemacht, ihrem Sohn die notwendige Unterstützung zu gewähren, für sie eine verlorene, auf nimmer Wiedersehen gemachte Investition.

Ein Führerschein war schnell „gemacht“. Der silbergraue Porsche flitzte über Hühner und Katzen, „haarscharf“ an „lahmen“ Fußgängern vorbei, dorthin, wo immer „'was los war“.

 

Der junge Jürgen Kracholl war wer, wurde als „Draufgänger“ bekannt und von seinen Altersgenossen beneidet.

 

Eine deutschstämmige, geschiedene Polin sorgte für den Haushalt, verstand die Buchhaltung ausgezeichnet und diente hin und wieder der Lustbefriedigung ihres um fast 10 Jahre jüngeren Herrn, wenn er „nichts besseres“ gefunden hatte, was ihn zu der Meinung veranlaßte, daß sie „nur ein Taschengeld“ brauche, während sie sich Heiratsflausen in der Kopf gesetzt hatte.

 

Die Mädchen der Stadt umschwärmten den jungen Mann, der großwüchsig, schlank und als „stattlicher Bursche“ galt. Er fand aber alle „diese Gänse doof und dämlich“.

In der benachbarten Großstadt wurde er von einem „Rasseweib“ angezogen, mit dem er „sich sehen lassen“ konnte, wie er meinte.

 

Diese Frau, obwohl auch ein paar Jahre älter als Jürgen Kracholl, hatte dennoch ein sehr jugendliches Aussehen. Sie, sehr selbstbewußt wirkend, immer außergewöhnlich elegant gekleidet und pedantisch auf ihr Äußeres achtend, die ihren Lebensunterhalt recht erfolgreich über zahlungskräftige und zahlungswillige Besucher der vielen Messen finanzierte, gefiel Jürgen Kracholl deshalb besonders gut, weil er - vielleicht auf Grund ihrer „beruflichen“ Tätigkeit und Erfahrung - alles mit ihr machen konnte. Sie ließ sich zwar beschimpfen, was sie mit einem Lachen quittierte, war aber „im (Geld-)Nehmen“ nicht kleinlich.

 

Es hatte ihr nicht einmal etwas ausgemacht, als Jürgen Kracholl sie in einer seiner Launen auf einer einsamen Landstraße ausgesetzt hatte. Sie konnte sich ja sicher sein, daß der nächste vorbei kommende männliche Fahrer sie fast zu jedem Ort ihrer Wahl mitnehmen werde.

 

Jürgen Kracholl steigerte sich in die Idee, daß auch er eine weibliche Erscheinung fest an sich binden müsse, die besonders auffällig, attraktiv und repräsentativ wäre, deren Auftreten den Mitmännern einstudiertes Durch-die-Zähne-Pfeifen, „Donnerwetter, welch eine Frau“, und lüstern gierige Blicke abverlangte.

 

Ruth, nicht sichtbare drei Jahre älter als Jürgen, dessen Besitztrieb sich auf sie konzentriert hatte, erklärte sich sogleich einverstanden, als er eine Heirat vorschlug.

 

Die gegen den Willen seiner über das „Vorleben“ ihrer Schwiegertochter nicht informierten Eltern angesetzte „rauschende“ Hochzeit hatte sie aus ihren Ersparnissen finanziert, wobei sie darauf bestanden hatte, das in einem Ehevertrag festzuhalten.

 

Seine Eltern hatten eingewendet, daß er noch zu jung zum Heiraten sei und seine Frau zu wenig kennen würde.

 

Nach der Hochzeit änderte sich das Verhalten der Ehefrau, mit Vornamen Ruth, ihrem Mann gegenüber. Sie ließ sich überhaupt nichts mehr gefallen, ohrfeigte ihn einmal recht kräftig, als er sie eine „Scheißhure“ genannt hatte.

 

Sie hatte als Hobby Selbstverteidigungslehrgänge mitgemacht, insbesondere weil sie das in ihrem „Beruf“ für sinnvoll gehalten hatte. So hatte sie einmal einen ihrer „vorehelichen Kunden“ ziemlich ramponiert, als dieser den vereinbarten Preis nicht zahlen konnte. „Ich hab' nicht genug Geld mit“, hatte er höhnisch grinsend nach genossener Dienstleistung zugegeben oder behauptet und ihre Frage: „Wußtest du das denn nicht vorher?“ provozierend mit: „Nah und? Was willst du Hure denn jetzt machen?“ beantwortet.

 

Ruth begann, ihren Mann zu dominieren, was nicht einmal allzu schwer war; denn er war das ja von frühester Kindheit gewohnt: nicht eigenständig sein, ständig alles vorgeschrieben zu bekommen.

 

Sie meldete ihn zum Meisterlehrgang an, hielt ihn zum Lernen an, fragte die Lehrbriefe ab. Das gab ihr Gelegenheit, selbst das Handels- und Installationsgewerbe zu verstehen und über alles Bescheid zu wissen.

 

Das „freie Lotterleben“ war für den Jungunternehmer vorbei, der sich nicht mehr so „austoben“ konnte wie bisher.

 

Weil die Haushälterin enttäuscht das Feld bereits vor der Eheschließung geräumt hatte, begann Ruth einen Buchhaltungskurs, pflegte das Haus und den Garten mit wenig fremder Hilfe, fuhr mit ihrem Mann zu den Baustellen, um die Arbeiten und den Materialbestand, „unser wichtigstes Kapital“, wie sie sagte, genau zu kontrollieren, war unermüdlich den ganzen Tag mit zäher Energie beschäftigt. Das sprach sich im Ort rasch herum.

 

Sie wurde bewundert und geachtet.

 

Nachdem sie sich die Befähigung in sehr kurzer Zeit angeeignet hatte, ein Handwerksunternehmen der Art, wie es ihr, auf „großem Fuß“ lebender Ehemann, eigentlich unverdient ererbt hatte, in jedem Falle besser zu führen als der Inhaber selbst, erkannte sie die Schwachpunkte, die vor allem darin zu suchen waren, daß die Löhne und Gehälter im Verhältnis zur „Konkurrenz“ zu hoch angesetzt waren. Dadurch wurde die Verdienstspanne zum Rand des Existenzminimums reduziert. Es war unmöglich, an Rücklagen zu denken.

 

Nun ist es aber nahezu unmöglich, Entlohnungsvereinbarungen mit „Mitarbeitern“ nach unten zu verschieben. Ein so genanntes Einfrieren des Lohn- und Gehaltsgefüges würde sich erst nach zu langer Zeit auswirken, errechnete sie. Daher ergriff sie die Initiative und erarbeitete mit Meister Gustav Koch, der von Frau Kracholl schwärmte und „für sie durchs Feuer ging“, einen Beteiligungsplan, eine Teilhabe der „Mitarbeiter“ am Erfolg.

 

Geschickter Weise ließ sie diese Idee ihrem Mann durch den altem Meister, der weit mehr Zeit und Energie in das Unternehmen steckte als seinem Honorar entsprach, vortragen. Dieser lehnte den Vorschlag, wie erwartet, erst einmal kategorisch ab, ließ dann doch mit sich reden, nachdem Gustav Koch mit der Zurückziehung seiner Konzession drohte: „Wenn du deine leichtsinnig vorprogrammierte Pleite weiter betreiben willst, dann ohne mich!“

 

Nach der Verwirklichung des Planes zur Beteiligung der „Mitarbeiter“ am Erfolg hatten die Arbeiter und Angestellten zwar noch etwas mehr Geld „unterm Strich“ zur Verfügung. Aber es gab keine Probleme mehr mit der Einhaltung von Terminen, keine teueren Nachbesserungen an gemachten Installationen. In wesentlich kürzerer Zeit konnten um fast fünfundzwanzig Prozent mehr Aufträge abgewickelt werden.

 

Was sich auch noch sehr vorteilhaft auf die Arbeitsleistung der „Mitarbeiter“ auswirkte war die verbesserte Motivation.

 

Allerdings verlagerte sich das „Gemeckere“ über die „Firmenleitung“ auf ein Gerangel der Arbeiter und Angestellten untereinander, die sich gegenseitig kontrollierten und anfeuerten.

 

Ruth Kracholl, die heimliche Chefin, hatte während ihrer „Berufserfahrung“ gelernt, zwar immer sehr freundlich aber dennoch sehr bestimmt zu sein. Sie verhandelte recht diplomatisch, jedoch unnachgiebig mit Kunden und warf äußerst geschickt ihren weiblichen Charme in die Waagschale, wenn mal ein Geschäft nicht zustande zu kommen drohte.

 

Sie leitete zweifellos das Unternehmen „Kracholl - Elektrohandels und -Installations-Gesellschaft mit beschränkter Haftung“ fast uneingeschränkt.

 

Auf ihren, ihrem Ehemann einleuchtenden Vorschlag hin war das Risiko der im Falle einer Pleite voll haftenden „offenen Handelsgesellschaft“ in eine „Ein-Mann-GmbH“ umgewandelt worden. Ihre Hinterabsicht, dabei Mitgesellschafterin und nach den Richtlinien für eine Gesellschaft mit beschränkter Haft auch gleichzeitig Mitgeschäftsführerin werden zu können, war am hartnäckigen Widerstand von Jürgen Kracholl gescheitert, der keine Machtteilung hinnehmen wollte.

 

Obwohl er also Alleininhaber und einziger Geschäftsführer war, wurde er dennoch als der „Harlekin“ der Firma angesehen, wie es jemand einmal wohl ganz treffend gesehen hatte.

 

Jürgen Kracholl, der kaum etwas zum Unternehmenserfolg beitrug, wegen seiner Charakterschwächen sicher auch nichts beitragen konnte, kehrte zwar immer wieder den „wahren Chef“ heraus, tobte auf den Baustellen, teilte Anweisungen und Befehle aus und redete sich selbst ein, daß er sich damit Eindruck verschafft habe. Doch bei genauerem Hinsehen zeigte niemand seiner Untergebenen irgendeine Reaktion. Für sie war seine Anwesenheit nur lästig und behinderte sie bei der Arbeit. Wenn der „Grobian“ in Begleitung der „heimlichen Chefin“ war; zwinkerte diese den angeschrienen Leuten heimlich zu, die verstanden, was sie damit ausdrücken wollte: kümmert euch nicht um ihn...

 

Die Männer der Stadt schwärmten von Frau Ruth Kracholl, kamen mit Vorwänden in „ihr“ Geschäft, das ihnen niemals ohne irgendeinen Kauf zu verlassen gelang, wenn auch nur eines unnötigen Ersatzdruckschalters für die Nachttischlampe.

 

Die Frauen des Ortes, insbesondere die schlampig gewordenen, auseinander gegangenen Ehefrauen schauten neidisch hinter ihr her, wenn sie elegant gekleidet, ihre Schlankheit, „ihre einmalige Figur“ betonend, aufrecht und selbstbewußt zum Einkaufen oder zur Bank ging. „Da geht die verdammte Hexe, die allen den Kopf verdreht“, raunten die neidischen Weiber hinter ihr her, die nach ihrer Ehe, fest davon überzeugt, einen Mann für ewig und alle Zeiten „geangelt“ zu haben, keinen Wert mehr darauf legten, attraktiv und (zumindest für ihre Männer) begehrenswert zu bleiben.

 

Ruth Kracholl gewann großen Einfluß auf die Gebärden der Kleinstädter. Die Männer zogen ihre vom Bier geschwängerten Bäuche ein, wurden krebsrot, weil sie, um ihre Leibesfülle zu reduzieren, tief ausgeatmet hatten und die Luft anhielten, wenn sie ihr begegneten. Der Umsatz an teurer, modischer Herrenbekleidung stieg rapide an.

 

Manche Frauen erlebten eine erheblich verbesserte Potenz ihrer Liebhaber und Ehemänner, deren Phantasie offenbar lustvoll angeregt war.

 

Doch auch die Damenwelt blieb nicht unbeeinflußt. Auch sie, die sich unter Konkurrenzdruck fühlenden Ehefrauen bemühten sich um besseres Aussehen und um mehr Attraktivität. Nicht nur Frisörläden, heute vielleicht Hairstyling - Studio genannt, sondern auch Fachgeschäfte für Ober- und Unterbekleidung konnten eine merkliche Umsatzsteigerung verzeichnen.

 

Jürgen Kracholl hatte den „richtigen Riecher“ gehabt, als er zu der Meinung gekommen war, daß eine attraktive Frau sein Ansehen steigern werde.

 

Sein Porsche wurde bedeutungslos im Vergleich zur schönsten Schönheit der Kleinstadt. Protzige Autos gab es zu viele. Die Versuche des Inhabers der Elektrohandels- und –installationsfirma seine Aufmerksamkeit durch noch rücksichtsloseres Fahren mit lärmendem Motor zu erregen, scheiterten an den Hütern des Gesetztes, die seinen Führerschein einzogen, nachdem er die zulässige, in der Führerscheinzentralstelle ständig aufaddierte Strafpunktezahl überschritten hatte.

 

Das hatte eine weitere Abhängigkeit von seiner Frau zur Folge, die daraufhin den gesamten Fahrdienst auch noch zu übernehmen hatte.

 

Sein prahlerisches Geschwätz in den Kneipen ging seinen Mitstädtern auf die Nerven. Er wurde gemieden. Es dauerte zwar lange, bis er sich dessen bewußt wurde.

 

Er zog sich zurück und konzentrierte sich tatsächlich auf seine Meisterprüfung, die Bedingung seines endgültigen Erbschaftsantritts war, zu der er sich anmeldete und die er wenige Wochen vor Ablauf des im Testament des Onkels gesetzten Termins vor der Industrie und Handelskammer bestand.

 

Die Witwe seines Onkels, die bei Nichtbestehen der Meisterprüfling des „Erbschleichers“, wie sie ihren Neffen bezeichnete, die Gelegenheit bekommen hätte, das Geschäft zurück zu bekommen, war so enttäuscht, daß sie sich in Krankheiten flüchtete. Ihre Galle füllte sich mit Steinen. Vegetativ bedingte Schlafstörungen plagten sie. Sich steigernde Gelenkschmerzen trieben sie immer häufiger in die Arztpraxen.

 

Die bestandene Meisterprüfung leitet eine neue Phase des Lebens von Jürgen Kracholl ein, gibt ihm erst recht Auftrieb und steigert ein übertriebenes Selbstbewußtsein nahezu krankhaft.

 

Er beginnt dauernd Streit mit seiner Frau, mit der er sich sogar prügelt, als sie ihm mit dem Unterfangen kommt, nun endlich doch an der Firma mit beteiligt werden zu wollen. Beide müssen ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen: Frau Kracholl, weil er eine schwere Kaffeetasse aus Keramik an ihrem Schädel zertrümmert hatte; Herr Kracholl, weil sie mit einem so kräftigen, hunderte Male an Puppen geübten Schlag, seine Hoden so weit in seinen Unterleib getrieben hatte, daß sie, ziemlich angeschwollen, von alleine nicht mehr in den dafür am männlichen Körper vorgesehen Sack zurückzubekommen waren, zumindest nicht ohne unvorstellbare Schmerzen, wie seine vergeblichen Versuche zeigten.

 

Die Ehe, von der beide sowieso nicht mehr genau wissen oder sogar nie recht gewußt haben, warum sie zustande gekommen ist, ist damit, im wahrsten Sinne des Wortes, völlig zerschlagen.

 

Die Kleinstädter hatten wieder einmal eine interessante, eine Zeit lang ihren Lebenskreis voll ausfüllende Klatsch-Geschichte, welche die „dem Suff verfallene“ Ehefrau von Doktor med. Hermann Kreide, des die Eheschlägerei behandelnd habenden Arztes mit den üblichen Ausschmückungen einer Erzählung aus zweiter Hand verbreitet hatte.

 

Ruth wagt sich für einige Tage nicht mit ihrem bepflasterten Gesicht aus dem Haus.

 

Jürgen schleppt sich mit sehr kurzen Schritten in einer weiten Plunderhose und mit schmerzverzerrtem Gesicht auf die Baustellen.

 

Frau Kracholl verändert sich. Sie verliert das Interesse am Geschäft ihres Mannes, der ihr eine Beteiligung energisch verwehrt hatte.

 

Sie überlegt, ob sie zurück in ihren alten „Beruf“ gehen solle, um wieder unabhängig zu werden, und wird von Depressionen geplagt.

 

Sie betrachtet sich mehrmals am Tage im Spiegel, entdeckt kleine Fältchen hier und da, versucht sie mit den Fingern wegzupressen, kauft Schminken, verschiedene Sorten von Schönheitskrem, läßt sich von einem Anwalt beraten, der ihr leider sagen muß, daß sie keinerlei Rechte hat, wonach sie ihren Mann dazu zwingen könnte, ihr eine Beteiligung an seinem Unternehmen einzuräumen.

 

Sie will sich scheiden lassen, wovon ihr abgeraten wird, insbesondere da sich ihr „Herr Gemahl“ mit der Planung eines großen Mietshauses befasse und ihr als Ehefrau eine Beteiligung am Zuwachs von in der Ehe geschaffenen Werten zukomme. Da sie sich nachweislich intensiv um das Geschäft gekümmert habe, offiziell eine Prüfung als Buchhalterin abgelegt und niemals regelmäßige Bezüge einer Angestellten erhalten habe, würde „jedes Gericht der Welt“ ihr eine Beteiligung am Zuwert der Firma und zwar zur Hälfte zugestehen.

 

Das gibt Ruth Kracholl wieder Auftrieb. Sie kümmert sich weiter um die Firma, aber mit einer veränderten Motivation: nicht aus reiner Freude an der Arbeit, sondern wegen des Zwangs, nicht ganz „ausgebootet“ zu werden.

 

Sie beginnt jedoch wieder mit dem Rauchen aus Nervosität, was ihre Haut sehr rasch und vor allem sichtbar altern läßt, ohne daß sie etwas dagegen zu tun vermag.

 

Auch beginnt sie ihre so attraktiv gewesene äußere Erscheinung zu vernachlässigen, vergißt immer häufiger, sich zu schminken, ihre gymnastischen Übungen zu machen.

 

Der Ehemann Jürgen sucht in seiner Sucht nach Bewundertwerden immer häufiger die Kneipen auf, protzt mit dem bald bezugsfertigen Mietshaus und einem bestellten Mercedes „mit allen Schikanen“. Zu einer vollständigen gesellschaftlichen Anerkennung gehört seiner Ansicht nach auch ein „Stammhalter“. Seine Frau will aber keine Kinder. Sie haßt nichts mehr als durch Nachwuchs in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt zu werden. Auch ist ihr die Vorstellung, mit einem durch ihren verhaßten Ehemann geschwängerten Bauch gesehen zu werden, unerträglich.

 

Wahrscheinlich beruhen ihre Abneigungen gegen Kinder auf ihrer früheren „beruflichen“ Tätigkeit. Es mußte ja alles getan werden, damit eine namenlose Beziehung ohne Folgen blieb. Sie hatte ständig in Furcht vor dem Schwangerwerden gelebt, weil sie die Antibabypille nicht sehr gut vertrug.

 

Jürgen Kracholl droht mit Scheidung, wenn sie ihm „noch lange“ ein Kind verwehren sollte. Er hat aber keine Chance, sie zu vergewaltigen, wie das oft Ehemänner in solchen Situationen tun. Ruth kannte sich in Selbstverteidigung zu gut aus und hatte ihrem Mann in Aussicht gestellt, als er doch einmal versuchte, sie gegen ihren Willen zu bespringen: „Versuch das nicht noch einmal! Sonst mache ich dich fürs Bumsen für ewig und alle Zeiten unbrauchbar. Und solltest du dich scheiden lassen wollen, schlage ich dir sämtliche Rippen zu Brei.“

 

Die sexuellen Beziehungen waren damit endgültig zu Ende. Jürgen Kracholl sucht sich verstärkt und ausschließlich außereheliche Befriedigung, hat aber bald Erfahrungen mit allen aus dem Kreis der sich mehr oder weniger willig dazu bereit findenden weiblichen Wesen, beginnt die Sexualität langweilig zu finden, weil ihm niemals gefühlsmäßige Beteilung gelingt und er sie nie kennen gelernt hat. Bei seiner Triebbefriedigung hatte er auch nie daran gedacht, sich zumindest ein ganz klein wenig auf seine jeweiligen Partnerinnen einzustimmen, die er einfach nur rücksichtslos „bumste“; ihm kam kein anderer Ausdruck für eine intime Liebesbeziehung in den Sinn. Diese Rücksichtslosigkeit und der Mangel an Gefühl hatten zur Folge, daß er kein zweites Mal mehr „zum Zuge“ kam. „Das ist doch immer wieder die gleiche Scheiße“, erklärte er einmal seinen so genannten Freunden.

 

Zweimal wird er in Schlägereien verwickelt, als er in seiner krankhaften Selbstbestätigungssucht in eine „feste Beziehung“ einzudringen versuchte.

 

Schließlich wird er impotent, wonach er nur noch mit fiktiven Geschichten zu prahlen braucht.

 

Seine Frau Ruth leidet immer häufiger unter Depressionen. Ihre langjährige Freundin und „Berufskollegin“ Hilde kann ihr nicht mehr genügend Zuspruch geben, um bei ihr die Entwicklung eines manifesten psychosomatischen Leidens zu verhindern. Der Leidensdruck wird so groß, daß Ruth sich schließlich in der benachbarten Großstadt in psychiatrische Behandlung begibt.

 

Von der ersten Minute an fühlen sich beide Personen, Ruth und der ebenfalls nicht glücklich verheiratete Psychiater, gegenseitig angezogen. Schon nach kurzer Zeit finden sie zu einer so schönen Liebesbeziehung zusammen, die zumindest Ruth nie für möglich gehalten hatte. Ihr Arzt und Liebhaber kann ihr vollste Befriedigung geben. Die Depressionen verschwinden so rasch, als würde ein Seekranker das schwankende Schiff verlassen und wieder festen Boden unter den Füßen fühlen.

 

Ruth erwartet schließlich ein Kind ohne jegliche Abneigung gegen das sich in ihr neu entwickelnde Leben. Im Gegenteil, sie empfindet ein unendliches Glücksgefühl.

 

Ihr Liebhaber erleidet einen tödlichen Autounfall. Der Schock ist für Ruth zu groß. Sie weigert sich, den plötzlichen Tod zu akzeptieren, flüchtet in eine Traumwelt, erscheint äußerlich aber ganz gelassen und ist es vielleicht sogar innerlich.

 

Sie sucht ihre Freundin auf, die sehr zärtlich zu ihr ist, sie streichelt, küßt und fest in ihren Armen hält, wenn sie zusammen eine Nacht verbringen. Ruth weint nicht, klagt nicht, sagt nur einmal lächelnd: „Allmählich müßte doch Werner (Vorname des verunglückten Psychiaters) mal wieder auftauchen“, was der Freundin Hilde eine Schreckenschauer über den Rücken laufen läßt. Sie wagt nichts zu antworten und zu erklären.

 

Als Ruth wieder einmal zurück zu ihrem Ehemann fährt, erzählt sie ganz ruhig in aller Offenheit und ohne Erregung über ihre Erlebnisse.

 

„Ich bekomme endlich dein so sehr erwünschtes Kind“, sagt sie nicht einmal mit Ironie abschließend.

 

Jürgen Kracholl ist außer sich vor Wut, zertrümmert einen Großteil der Wohnungseinrichtung, hockt „nach getaner Arbeit“ in einer Ecke und weint.

 

Ruth geht zu ihm, streichelt seinen Kopf, den borstig grobe Haare bedecken, und will etwas sagen.

 

Er springt auf und beginnt wieder zu randalieren, trampelt auf die Scherben, wodurch sie später leichter wegfegbar werden, und schreit: „Du gottverdammte Hure! Aus dem Haus! Ich will dich nicht mehr sehen!“

 

Sie wartet lauernd ab und bemerkt ganz ruhig: „Willst du das Kind nicht, das ich dir mitgebracht habe?“ wobei sie auf ihren Bauch deutet, und fährt fort: „Ich bin eigentlich auch mit einer Scheidung einverstanden. Mir macht es nichts aus, vor Gericht auszusagen, daß du impotent bist...“

 

Jürgen Kracholl stürzt sich auf sie und brüllt: „Ich bringe dich um!“

 

Sie schlägt mit der flachen Handkante gegen seine Halsschlagader, was die Blutzufuhr zu seinem Gehirn unterbricht und ihn ohnmächtig zu Boden sinken läßt.

 

Er kommt rasch zu sich, wälzt sich schluchzend und wimmernd auf dem Boden, rollt sich über die Bruchstücke seines Tagewerkes, ritzt und schneidet sich hier und dort. Blut tritt aus den kleinen Hautverletzungen an seinem Körper, beschmiert den Boden und seine Kleidung.

 

Ruth steht gefaßt und mit einem haßerfüllten, bösen, jedoch gleichzeitig ironischen Lächeln da.

 

Sie beginnt ihrem Mann ganz ruhig zu erklären, daß er ja nun wohl keineswegs ein Recht habe, sie eine Hure zu nennen im Vergleich dazu, wie er sich verausgabt habe, nämlich soweit bis er impotent geworden sei, was ihr jedoch gar nichts ausmache; denn sie sei sowieso an einem weiteren sexuellen Verkehr mit ihm überhaupt nicht mehr interessiert gewesen. Er könne sich überlegen, ob er unbedingt eine Scheidung wolle. Sie sei nicht unbedingt daran interessiert, wäre sogar bereit, das von ihr erwartete neue Leben als gemeinsames Kind auszugeben, würde sich aber in Zukunft die Freiheit nehmen, in seine Fußstapfen zu treten und ohne Rücksicht auf ihn und die Familie das zu tun, was ihr jeweils in den Kopf käme.

 

Als er versucht, ihr eine lesbische Beziehung zu ihrer Freunden Hilde vorzuhalten, wehrt sie ihn mit den Worten ab: „Du tust mir eigentlich sehr leid, mein lieber Mann, der du nur Dreck im Kopf hast! Du hast nie erfahren und wirst wahrscheinlich nie erfahren, was unter Verliebtsein verstanden wird. Du bist ein ganz armes Schwein.“

 

Noch am selben Tage einigen sich beide, eine Scheinehe aufrecht zu erhalten, und am Abend nach diesem Vorfall findet man Herr Jürgen Kracholl in der Kneipe laut prahlend, nun sei auch die Zeit gekommen, daß seine Frau ein Kind, einen „Stammhalter“ natürlich vom ihm erwarte.

 

Damit verstummen die Gerüchte um seine Potenzschwierigkeiten, in der Kleinstadt, um einen Makel, schlimmer als blind oder taub sein.

 

Bei der Geburt des Kindes steht ein Anzweifeln der Vaterschaft überhaupt nicht zur Diskussion.

 

Ruth versteht es, ihren geliebten Sohn abzuschirmen gegen ihren Ehemann, der, genau in der gleichen Weise wie sein eigener Vater damals mit ihm, versucht, aus dem Kind „etwas zu machen“, ihn nach seinen Vorstellungen zu erziehen, an ihm zu ziehen und zu zerren, was zweifellos als Rache für das ihm Angetane gesehen werden muß.

 

Natürlich kann und wird Jürgen Kracholl über solche Motivationen seines Handelns wie überhaupt über sich selbst niemals nachdenken.

 

Mit Hilfe und unter dem Schutz der Mutter hat der kleine Werner, nach seinem eigentlichen Vater so genannt, Erfolg in der Schule, mahlt, spielt Klavier, kümmert sich rührend um seine Katze.

 

Für den Jungen, der nie erfahren soll, wer sein tatsächlicher Vater ist, ist und bleibt Jürgen Kracholl ein fremder Mensch, zu dem er keinerlei Beziehung entwickeln kann, den er sogar als einen bedrohlichen Feind betrachtet, vor dem er sich ausschließlich fürchten muß.

 

Jürgen Kracholl kann - wie bereits erwähnt - über sich selbst nicht nachdenken. Dieses Vermögen hat ihm die Natur nicht mitgegeben und er hat es auch nie gelernt.

 


Er wird wie ein Tier zu seinen Handlungen instinktiv getrieben. Ohne sich darüber im Klaren zu sein, leidet er sehr wahrscheinlich unter diesem Getriebenwerden; denn es fällt ihm schwer, irgendein und dieselbe Tätigkeit länger als eine halbe Stunde durchzustehen. Sogar Fahrten in die Großstadt, die bei starkem Verkehr auf der engen Landstraße weit über eine Stunde dauern kann, unternimmt er nicht gerne, obwohl eigentlich Autofahren eines seiner wenigen Hobbies ist. Ein Anzeichen für sein Getriebenwerden ist seine ständige Aussage: Ich muß... Dieses Müssen treibt ihn am häufigsten dazu zu meinen: „Ich muß sofort weg.“ Dabei weiß er oft selbst gar nicht, wenn er das sagt, wohin er denn nun eigentlich muß.

 

Es sieht so aus, als befände sich ein Mensch wie Jürgen Kracholl ständig auf der Flucht vor irgendetwas ihm selbst Unbekanntem.

 

Er muß als gefühlskalt, wenn nicht sogar als gefühlstot bezeichnet werden. Es wäre allerdings zu einfach, wie üblich die Ursache dafür allein im Elternhaus zu suchen, obwohl es nicht unwahrscheinlich ist, daß Jürgen Kracholl von der Veranlagung her gesehen zu sensibel (gewesen) ist; denn seine Mutter hatte einmal von ihm berichtet: „Als kleiner Junge war er sehr verträumt, manchmal nicht ansprechbar, so ein richtiger Hans-Guck-in-die-Luft. Er konnte sich stundenlang damit beschäftigen, Streichhölzer zu Figuren zusammenzufügen. Später reagierte er auf alles immer mehr äußerst schreckhaft, insbesondere wenn ihn sein Vater ansprach...“

 

Mit einer allzu stark ausgeprägten Sensibilität hätte er in diesem Milieu des Elternhauses, in der Schule, wo die Lehrer sich auch als natürliche Feinde der zu „Erziehenden“ aufführten, kaum leben können.

 

Besonders in der Schule litt der kleine Jürgen, wo Kinder wie in einem Gefängnis eingesperrt werden, wo sie nicht ihrem natürlichen Bewegungstrieb folgen dürfen, wo ihnen verboten ist, unaufgefordert aufzustehen, geschweige denn umherzulaufen. Da darf weder miteinander gesprochen werden; noch ist es erlaubt, einmal etwas anderes zu tun, als das was gerade von den Lehrern vorgeschrieben worden ist.

 

Es muß die Frage allgemein gestellt werden: Was haben Kinder verbrochen, daß sie mindestens acht Jahr lang einer Umgebung ausgesetzt werden, die ähnlich einer StrafVollzugsanstalt für erwachsene so genannte Gesetzesbrecher anzusehen ist.

 

Die Lehrer wurden also auch von Jürgen Kracholl als dauernde Bedrohung, als unausweichliche Gefahr empfunden. Da mußte man nicht aufpassen, um dem Unterricht zu folgen, des behandelter Stoff ihn überhaupt nicht interessierte, der ja auch eingepaukt wurde, entweder durch gemeinsames Vorlesen, Aufsagen oder unter Druck durch die Lehrer. Nein, viel wichtiger war, zu lernen, nicht beim Schwätzen, beim Rumalbern, beim Streiche aushecken und dergleichen erwischt zu werden. Wurde ein Lehrer auf irgendeine „Unstimmigkeit“, Geräusche, Gelächter, nicht über einen von ihm gemachten Witz, der natürlich mit Lachen belohnt werden mußte, aufmerksam, dann konnte Jürgen ein völlig unschuldig gespieltes Gesicht machen.

 

Er kann sich jedoch nicht mehr daran erinnern, daß er zu Beginn seiner Schulzeit allerdings oft unter Zittern das Klassenzimmer betreten hatte.

 

Auch im Elterhaus konnte er sich nie sicher, keineswegs geborgen fühlen. Einmal hatte er sich über eine, zumindest aus seiner kindlichen Sicht gesehene ungerechte Behandlung in der Schule beklagt, was eine Ohrfeige des Vaters, selbst verständnisloser, nur dem Lehrplan folgender und seine Schüler hassender Lehrer, zur Folge hatte, die damit erklärt wurde: „Du mußt lernen, dich unterzuordnen, und die Lehrer wollen nur dein Bestes...“

 

Die von seinem Vater ihm gegenüber am häufigsten gebrauchten Worte waren: „Du mußt aber jetzt und sofort... Ein bisschen Dalli, wenn ich bitten darf.“

 

Auch von der Mutter erfuhr er nie Unterstützung, die unentwegt am ihm herum meckerte.

 

Seine Kindheit war ausschließlich von Schelte, Rüge, Bestrafung wegen Unsauberkeit, Faulheit, Vorlautsein, Selbstbefriedigung, Unpünktlichkeit, ja sogar wegen Krankheit begleitet gewesen.

 

Hatte er sich eine Erkältung zugezogen, war der Grund ausschließlich darin zu suchen, daß er sich nicht warm genug angezogen hatte. Bekam er eine dieser Kinderkrankheiten, zum Beispiel einmal Mumps, auch Ziegenpeter oder Bauernwetzel genannt, hatte er sich nicht vorgesehen. „Ich hatte dir verboten, mit dem oder dem zu spielen, weil der, wie ich dir ausdrücklich gesagt habe, krank ist... Du kannst aber nicht hören (gehorchen)!“ rügte die Mutter in grausamer Weise und fügte hinzu: „Und jetzt habe ich die Arbeit mit dir. Windelweich sollte man dich schlagen!“

 

Bei solchen Vorkommnisse während der „Erziehung“ eines Kindes, für die in keinem Schulunterricht statt Religionsstunden oder Körpererziehung zumindest etwas Grundwissen vermittelt wird, müssen sich dann später die Mitmenschen nicht verwundern, daß ein auf solche Weise aufwachsendes Wesen gefühlsarm geworden ist, um es gelinde so zu nennen.

 

Doch damit genug über Jürgen Kracholl.

 


Arnold Witzkolsky

 

Seine Eltern hatten es nicht leicht gehabt, die „glorreichen Jahre“ des Tausendjährigen Reiches, das sie beide mit Begeisterung herbeigesehnt hatten, durchzustehen.

 

Mutter Witzkolsky, eine zwar eigentlich ziemlich durchschnittlich aussehende, jedoch sehr selbstbewußte Dame mit Abitur und kaufmännischer Ausbildung aus einer so genannten nichtarischen Familie, war aus großer Liebe geheiratet worden, deren Glut zwar in Laufe des Zusammenseins der Eheleute langsam und stetig verglimmte. Aber der etwas kugelig gewordene Herr Gemahl, der immer großen Wert auf „anständige Kleidung“, auf Anzug mit Weste gelegt hatte, hielt sein Eheversprechen und widerstand dem Ansinnen der damals Herrschenden, sich scheiden zu lassen, damit die Ehefrau, diese „lebensunwerte“ Jüdin dem, für nicht arisch reinrassige, für Gesetzesbrecher und vor allem politisch nicht „Gleichschaltbare“ von den großen, angesehenen Chemiekonzernen produzierten Gas ausgesetzt werden könne.

 

Die Produktion der Baumkuchenfabrik der Witzkolskys in einer mittelgroßen Stadt in Oberschlesien war zwar wegen der knapp werdenden Rohstoffe rechtzeitig, Profit bringend auf KommißBrote umgestellt worden. Doch die Firma mußte schon während der ersten Jahre des Zweiten Weltkrieges an einen rein arischen Besitzer abgetreten werden.

 

Vater Witzkolsky war zwar nicht für würdig befunden worden, den, das deutsche Vaterland bedrohenden Feinden stolz und mit einem wohligen Jagdgefühl in ihren satten Bäuchen ihre Erfolgmeldungen über Funk an ihre Auftraggeber weitergaben.

 

Mutter Witzkolsky und der kleine Arnold kamen durch. Nur das Pferd blieb schwer verletzt auf der Strecke, den beiden Menschen mit hilfeflehenden Augen nachschauend, die nicht einmal die Möglichkeit hatten und auch gar nicht daran dachten, seine Todesqualen zu verkürzen.

 

Die ursprünglich den Leiterwagen füllenden Habe der Restfamilie Witzkolsky waren auf einen Sack mit eigentlich nutzlosem Plunder zusammengeschrumpft, den Mutter Witzkolsky mit letzter Kraft in das Sammellager schleppte, gefolgt von ihrem zerlumpten Sohn, der sich unentwegt in ihren völlig verdreckten Mantel verkrallt hielt, um nicht von seiner Mutter getrennt, um nicht unter rücksichtslos, im Gleichschritt trampelnden Stiefeln zertreten, um nicht von Militärfahrzeugen überrollt zu werden.

 

Jeder, der am Ende der Kräfte, im unübersehbar langen Flüchtlingstreck schweigend Dahintrottenden, wurde nur von seinem eigenen, menschenunwürdigen, vom Selbsterhaltungstrieb angefeuerten Überlebensdrang geleitet.

 

So genannte „Herren“-Menschen erteilten im völlig überfüllten Notaufnahmelager schneidende Befehle, wohl in der ursprünglichen Absicht, eine gewisse (militärische) „Ordnung“ nach ihrer Vorstellung aufrecht zu erhalten.

 

Die Flüchtlinge, ohne jegliche Zukunftsperspektive, von engsten Angehörigen, den meisten Verwandten und Freunden getrennt, waren völlig erschöpft, manche zu schwach, um noch Nahrung zu sich zu nehmen. Sie hauchten ihr Leben von 'anderen unbeachtet und unbemitleidet aus.

 

Trotz dieses Elends scheuten sich manche Personen nicht, sich an die kümmerlichen Habseligkeiten der Schlafenden heranmachten, um sich zu „bereichern“. Es herrschte ein Kampf aller gegen alle. Alles war „entartet“.

 

Das ganze Geschehen dieser Flucht war das erste, starke, sich dem kleinen Arnold in sein Bewußtsein eingravierende und ihn für das spätere Leben prägende Erlebnis: Du mußt überleben. Du mußt dir nehmen, was sich gerade bietet. Du darfst nicht aufgeben. Mitmenschen und Mitlebewesen und alles, was die Erde bietet, dienen dir nur als „Mittel zum Zwecke“ des eigenen (rücksichtslosen) Existenzkampfes, nach dem Motto: entweder du oder ich.

 

Arnold Witzkolsky hat aber nie über das nachgedacht, was sich damals wirklich abspielte, und vor allem nicht darüber, warum es sich abspielte.

 

Seine Mutter kam mit dem Jungen in einem bescheidenen Zimmer auf einem Bauerhof im westlichen Rheinland unter, wo sie arbeitete und auch der Junge den Bauersleuten „zur Hand“ gehen mußte. Da galt es, den Kuhstall sauber zu halten, das Vieh zu versorgen. Es gab etwas im Garten und vor auf den Feldern zu tun.

 

Er wurde von den Nachbarkinder gehänselt, weil er eine andere Mundart, zumindest einen anderen Akzent sprach als sie und weil er schüchtern und ängstlich geworden war.

 

Schulfreunde konnte er nicht gewinnen; denn schon ein Bauernsohn, als Spiegelbild und Sprachrohr seiner Eltern, will mit Knechtsleuten nichts zu tun haben. „Da kommt der Pimok“, wurde hinter ihm hergerufen oder man beschimpfte ihn als „Beutedeutschen“.

 

Es gab viele Flüchtlinge aus den verschiedensten ehemaligen deutschen Ostgebieten im Dorf, oft selbst einmal selbständige „Reichsernährer“ oder sogar Gutsbesitzer gewesen, denen die Einheimischen mit Mißtrauen und Ablehnung begegneten.

 

Hätte man gewußt, daß Mutter Witzkolsky Jüdin war, wäre die Situation noch schlimmer gewesen. Für die frommen kalvinistischen Dorfbewohner waren immer noch die Juden als Christusmörder und von Gott persönlich Verdammte an allem Schuld: am Untergang dieses stolzen Reiches, an der Schmach, die die „Herrenrasse“ erleiden mußte.

 

Dieser Gott, der, wie im so genannten Neuen Testament behauptet wird, seinen einzigen Sohn unter die Menschen gemischt hatte, durchaus sein Lebensende vorausschauend, hat es doch nicht getan, uni die Juden reinzulegen, sich ein Alibi zu verschaffen, wonach sie für ewig und alle Zeiten verdammt werden könnten oder? Sollten nicht in erster Linie den Menschen die Sünden genommen werden? Nein, es ging wohl nur um Vergebung, was insbesondere die Betroffenen, sich Christen nennend, dann sehr gut ausgenutzt haben: Da ihnen die Sünden Ja sowieso schon in Voraus vergeben worden waren, konnten sie Jahrhunderte lang die Welt tyrannisieren, Andersdenkende, ja sogar völlig willkürlich foltern, morden, ganze Völker ausrotten und anschließend dennoch den Himmel zu bevölkern.

 

Während diese Christen nach wie vor alle Juden wegen Ermordung des Sohnes Gottes mit der Todesstrafe belegen möchten, wozu sie „leider“ nicht (mehr) die Machtbefugnis haben, halten sich die Juden sich für das (vom selben Gott?) auserwählte Volk, sahen und sehen die Geschichte mit dem auf die Erde gekommenen außerehelichen Sohn etwas anders. Andere Glaubensrichtungen halten überhaupt nichts von den ganzen Geschichten. Aber jeder behauptet, mit der jeweils „von dem Vätern ererbte Gedankengut“ auf der rechten Spur zu sein. Mit dieser Art von kompromißloser Nachläufer-Frömmigkeit der Erben der jeweiligen Glaubensrichtungen sind keinerlei Diskussionen möglich. In manchen Ländern wird auch heute noch jede Abweichung von den staatlich zugelassenen Denk- und Glaubensrichtung zumindest mit Inhaftnahme, wenn nicht mit physischer Vernichtung verfolgt.

 

Sechs schreckliche Jahre verbrachten Mutter und Sohn Witzkolsky unter nahezu völliger Isolation in diesem dörflichen Milieu. Kontakt gab es nur hin und wieder zu anderen Mitflüchtlingen, wobei über die Vergangenheit geredet wurde, über „die gute, alte Zeit“, über das, was man alles verloren habe, darüber, wie gut es einem gegangen sei, wer man und welches Ansehen man gehabt habe. Ja, jetzt war alles vorbei, und man mußte die niedrigste Arbeit verrichten als Knecht oder Magd. Die Ideologie des verflossenen und gewaltsam zerstörten Reiches wurde insbesondere von diesem Personenkreis nicht nur aufrecht erhalten, sondern wegen des erlittenen Unrechts mit Haßgefühlen auf die Untermenschen, auf diese immer schon stink faul gewesenen Polen und Russen verstärkt.

 

Doch dann bekam Mutter Witzkolsky die erste „Wiedergutmachung“, einmal weil sie als Jüdin wie auch immer im „Dritten Reich“ gelitten haben mußte und weil sie an der kleinen Baumkuchenfabrik mit den fünfzehn Beschäftigten ihres Mannes beteiligt gewesen war. Papiere als Nachweis hatte sie in „weiser Voraussicht“ mitgenommen und retten können.

 

Inzwischen hatte sie auch durch ihre intensiven Nachforschungen unter Inanspruchnahme des eingerichteten Suchdienstes, des Roten Kreuzes und von sonstigen Organisationen die Bestätigung des längst befürchteten Todes ihres bis dahin als vermißt geltenden Ehemannes entgegen nehmen müssen.

 

Beim Erhalt dieser Nachricht hatte sie gemurmelt: „Ja, du hast dieses ganze Leid und dieses schreckliche Elend, das wir durchgemacht' haben, nicht erleben müssen. Du hattest es besser...“ Es sei dahin gestellt, ob das aus Mißgunst gesagt worden war, wahrscheinlich nicht; denn hatte ihren Mann nie gehaßt. Da steckte sicher nur dieses unverständliche religiöse Denken hinter, wonach darum geht, möglichst rasch in das jeweilige, von der entsprechenden Glaubensrichtung abhängende Paradies zu gelangen.

 

Mutter Witzkolsky bezog mit ihrem Sohn in der „idyllischen und schmucken“, vom Kriege verschonten Kleinstadt die obere Etage eines Zweifamilienhauses, an dessen Finanzierung sie sich weitestgehend beteiligen konnte und daher als Miteigentümerin zu fünfzig Prozent im Grundbuch eingetragen wurde. Als Flüchtling und „Verfolgte des Nazi-Regimes“ hatte sie nämlich Anspruch auf billige Kredite.

 

Als ausgebildete Buchhalterin fand sie eine gut bezahlte Stellung und war „preußisch“ streng zu ihrem Sohn.

 

Sie war anfänglich von der forschen Hitlerbewegung begeistert gewesen. „Alles ging wie am Schnürchen“. Es herrschte endlich nach den „chaotischen Zuständen der Goldenen Zwanziger Jahre“ wieder „Zucht und Ordnung“. Sie liebte Uniformen, Disziplin und hatte sich immer als sehr gute, vaterlandsliebende Deutsche betrachtet. „Deutschland, Deutschland“ ging ihr „über alles“.

 

Als sie einmal darauf angesprochen wurde, daß man es ihrem Mann hoch anrechnen müsse, weil er sich nicht, wie viele andere in seiner Situation, von ihr als Jüdin getrennt habe und schließlich das Leben verloren habe, antwortete sie (sicher mit Recht) aufgebracht: „Das ist doch eine absolute Selbstverständlichkeit!“

 

Arnold Witzkolsky war eigentlich ein recht unauffälliges Kind, das zwar oft unter Langeweile litt, weil es weder Interessen für Bastelarbeiten noch für musische Dinge hatte. Es war ein wenig am Fußball interessiert und wurde von Jagdszenen fasziniert, vielleicht eine Erbübertragung von seinem Vater, der „begeisterter und leidenschaftlicher“ Jäger war.

 

Der kleine Arnold, das „Schlüsselkind“, von der arbeitenden Mutter allein gelassen mit einem Schlüssel zur gemeinsamen Wohnung, wurde ein paar mal bei kleinen Ladendiebstählen erwischt, worauf hin ihn die Mutter verprügelte. Aber er konnte es nicht lassen. Es war so etwas wie ein Jagdtrieb: Schaffst du es, anfänglich diese kleine Rolle Selbstklebefilm, die Bonbons oder jenes Büchlein unauffällig „raus zu bekommen“. Später entwendete er auch wertvollere Verkaufsgegenstände, studierte dazu erst einmal die Ladenumgebung, das Personal, die Kunden, sammelte weggeworfene Quittungen, um eventuell einen Kaufnachweis zu haben, falls er „erwischt“ werde, und griff immer erfolgreicher zu.

 

In der Schule war Arnold durchschnittlich. Weil jedoch seine Zeugnisnoten nicht für eine „höhere Schule“ ausreichten, ging er im Alter von vierzehn Jahren zu einem Bauunternehmer, der zwölf Personen beschäftigte, als Kaufmannsgehilfe in die Lehre, legte mit siebzehn die Gehilfenprüfung ab, machte einen Buchhaltungskurs und wurde bald für die Lohn- und Gehaltsabrechnung, sowie das Rechnungswesen zuständig.

 

Wo immer er den Arbeitern und Angestellten etwas abziehen konnte, beispielsweise wegen lückenhafter Stundenzettel und nicht ganz klarer Überstundennachweise, war er begeistert: „Den Scheißkerlen werde ich's schon zeigen“.

 

Bei Rechnungen jedoch überlegte er lange, was alles noch aufgeschrieben werde könne, um eine möglichst hohe Endsumme zu erreichen.

 

Er handelte also voll im Interesse seines so genannten Arbeitgebers und könnte als der perfekte „Büttel“ bezeichnet werden.

 

Bei sich selbst aber versuchte er an seinen bescheidenen Einkünften zu drehen, konnte sich stundenlang mit Steuertabellen beschäftigen, machte Überstunden, wann immer es erlaubt wurde, obwohl er nicht mit Arbeit ausgelastet war.

 

Zu Hause bei seiner Mutter imponierte er ihr damit, wem er wieder einmal wie viel abziehen konnte und welche überhöhte Rechnung ihm auszustellen gelungen sei. Dafür hatte die Mutter, selbst ehemalige Firmenmitinhaberin, vollstes Verständnis und konnte ihren Sohn nur loben.

 

Freunde hatte Arnold Witzkolsky wenige. Er war recht einfallslos, ging seinen Gefährten mit seinem Geprahle über die riesige und angesehene Fabrik, die seine Eltern einmal gehabt hatten, über das Haus, das seinen Angaben zufolge ganz seiner Mutter gehöre und das er natürlich einmal erben werde, sowie seinen erfolgreichen Lohnabzügen und „Bütteleien“ für seinen Chef auf die Nerven.

 

Auch das Moped, das er sich angeschafft hatte, konnte niemanden, trotz des entfernten Schalldämpfers, beeindrucken. Lediglich die Polizei widmete ihm ihre Aufmerksamkeit und schrieb ihm Strafmandate.

 

Da er schon als junger Bursche wenig attraktiv aussah mit seinem, als Veranlagung von seinem Vater ererbten dicklichen Bauch, den er vielleicht aus der als Kind gemachten Erfahrung, daß man nie weiß, wann es wieder etwas zu essen geben werde, völlig überfüllte.

 

Seine pyknisch wenig ausgeprägten Muskeln und sein nahezu fehlender Hals, was ebenfalls nicht auf der Liste der Schönheitsideale steht, ließen die Mädchen über ihn kichern und sich lustig machen.

 

Nur einmal war es ihm gelungen, ein Mädchen so weit zu bekommen, daß ein Koitus möglich gewesen wäre. Aber sein Glied versagte vor Aufregung. Zum Glück war das Mädchen völlig unerfahren gewesen und hatte überhaupt keine Ahnung, was da eigentlich hätte passieren sollen; denn es berichtete überall stolz, daß der Witzkolsky „ganz toll“ mit ihm geschlafen habe, was dem jugendlichen Arnold Achtung bei seinen Altersgenossen einbrachte.

 

In diesem Kleinstadtmilieu werden die Kinder und Jugendlichen kaum „aufgeklärt“. Sexualität wird als etwas „Schlüpfriges“ betrachtet, über das man nur hinter vorgehaltener Hand spricht. Aber Klatschgeschichten: wer, wann, wo, mit wem, wie, verbreiten sich schneller als ein Lauffeuer. Man amüsiert sich köstlich und schadenfreudig über seine Mitmenschen, weil die eigenen „Vergehen“ bisher nicht entdeckt worden sind. Witze und Zoten sind immer wi1lkomen.

 

Seit diesem „Zwischenfall“ mit dem Mädchen kam Jung-Arnold in den Zwang, wie er meinte, den „Frauenheld“ spielen zu müssen; denn der Nachweis an hohem Frauenkonsum zeichnet das potente Potential eines Mannes aus, insbesondere offensichtlich dann, wenn er ansonsten wenig zu bieten hat. Also pfiff der beim ersten Anlauf versagt habende Witzkolsky hinter fast jedem weiblichen Wesen her, schmatzte und schnalzte mit der Zunge, was wohl seine zur Schau zu stellende Lüsternheit symbolisieren sollte.

 

Nachdem das Baugeschäft, in dem Arnold nun schon mehrere Jahre tätig gewesen war, trotz seiner Rechnungsmanipulationsversuche und der von ihm durchgeführten Lohn- und Gehaltskürzungen in Konkurs ging, wechselte er zu einem Schrotthändler in die etwas größere Nachbarstadt über, wo sich seine latente Neigung zum Betrügen voll entfalten konnten.

 

Unerfahrene Kunden, die ein Ersatzteil für ihr Fahrzeug älteren Baujahres suchten und meinten, hier billiger einkaufen zu können, zahlten mehr als bei den Autovertragshändlern für Neuteile.

 

Nur auf ausdrückliches Verlangen stellte Jung-Witzkolsky eine Quittung aus: „Dann muß ich noch die Mehrwertsteuer drauf tun“, kommentierte er, was die Kunden dann rasch dazu brachte, ohne Quittung zu bezahlen.

 

Wurde versucht, ein Teil zurückzugeben, weil es entweder nicht paßte oder defekt war, wurde Arnold grob und vertrieb den Reklamierenden mit wütendem Geschimpfe: „Das Teil ist nicht von uns, Sie Halunke!...“ oder „Sie meinen wohl, wir wären von gestern. Das Teil ist in Ihre Schrottkarre eingebaut worden, dort kaputt gegangen, und nun wollen Sie reklamieren. Die Hunde sollte man auf Sie loslassen.“ In der Regel ließen sich die Leute einschüchtern und verschwanden zwar verärgert, aber doch kuschend.

 

Arnold ärgerte es sehr, daß der Schrottplatzinhaber seine Leistung als selbstverständlich hinnahm und ihn nicht ausreichend belobigte, woraufhin Witzkolsky einen immer größeren Teil der sowieso „steuerfreien“ Einnahmen in seine eigene Tasche steckte.

 

Innerhalb eines Jahres konnte er über fünfzig Tausend Mark „reines Geld“ zurücklegen, sich einen ansehnlichen Mercedes 200 mit Schiebedach und Automatikgetriebe aus Teilen, die an seiner Arbeitsstelle zur Genüge vorhanden waren, zusammen setzen und sich mit der Tochter des Schrotthändlers „anfreunden“, die viel rauchte und trank, genau so wie er selbst zum Schwammig-Dicklich-Sein neigte und ebenso an nichts interessiert war wie der Buchhalter Witzkolsky. Dieses Paar feierte Orgien der Langeweile. Da der stadtbekannte Potenzprotz Arnold aber höchstens nur einmal am Tag „einen hoch bekam“ und die „Bumserei“ in längstens zehn Minuten erledigt war, blieben immer noch viele Stunden der langweiligen Freizeit. „Was machen wir jetzt?“ waren die am häufigsten zu hörenden Worte der beiden.

 

Vielleicht hatte einer des Paares irgendwann einmal die Frage „was machen wir jetzt?“ mit „Heiraten“ beantwortet; denn wie sollte sonst das Aufgebot beim Standesamt in den Aushang gekommen sein? Vielmehr steckte vielleicht nicht hinter der Organisation dieser Hochzeitsveranstaltung an Motivation: Langeweile als „Heiratsgrund“. Man wollte mal eine Abwechselung haben.

 

Aber mit diesem Ereignis fängt die Karriere des Arnold Witzkolsky's an: Die von ihrem Vater sehr geliebte Schrott-Tochter erhält eine Mitgift von einer glatten Millionen (aus steuerfreien Rücklagen). Arnold kann selbst sechzig Tausend dazu tun und seine Mutter fast zweihundert Tausend, um das inzwischen zur Versteigerung angebotene Baugeschäft, in dem Arnold Witzkolsky gelernt hatte, günstig zu erwerben.

 

Da gibt es nur die Einschränkung, daß seine Frau mit beteiligt ist. In der Gesellschaft mit beschränkter Haftung der Witzkolsky-Hochbau GmbH & Co KG hat sie fast alle Geschäftanteile, hat jedoch ihren Anspruch als Mitgeschäftsführerin an ihn abgetreten. In der Kommanditgesellschaft ist sie natürlich nicht vertreten. Da ist die GmbH die voll haftende „Komplementärin“ und ihr Ehemann der „Kommanditist“, mit einer geringen Einlage, aber der Hauptgeschäftsführer.

 

Entgegen dem Rat von Willi Mückelsbühler, seinen Freund und Steuerberater, hat er sich, einfach aus Bequemlichkeit nicht dazu durchringen können, die inzwischen veraltete Rechtsform seiner Firma in beispielsweise ausschließlich eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung umwandeln zu lassen. Wahrscheinlich ist sein Zögern durch eher in der Befürchtung zu sehen, weil eine solche Umwandlung nicht ohne zumindest formale Zustimmung seiner Frau erfolgen kann, zu der ja kaum noch eine Beziehung hat, oder besser gesagt, mit deren Wohlwollen er nicht unbedingt rechnen kann, daß bei einer solchen Gelegenheit diese seine Lebenspartnerin auf Gedanken komme könne, denen er völlig ablehnend gegenüber steht. So könnte sie, die sich bisher nicht um das Unternehmen kümmert, auf mehr Rechte, wie zum Beispiel in Form von Mitsprache und Mitentscheidung, pochen. Es besteht auch die Gefahr, daß sie eine direkte Beteiligung am Gewinn fordert. Wegen dieser nicht einkalkulierbaren Risiken läßt er besser „das heiße Eisen unberührt“.

 

Nach dem Erwerb der Firma beginnt der frisch gebackene Bauunternehmer „wie wild zu arbeiten“.

 

Sein erster größerer Auftrag besteht darin, für seinen Schwiegervater eine riesige Lagerhalle und einen Bungalow zu bauen.

 

Den Bau des städtischen Schwimmbades verliert er zwar an ein Konkurrenzunternehmen, das aber kurz nach Baubeginn Pleite macht. Als zweitbester Anbieter bekommt nun die Firma Witzkolsky GmbH. & Co. KG, trotz leicht „wegen Preissteigerungen“ heraufgesetzter Preise, den Zuschlag. „Wir müssen unsere Unternehmer hier am Ort unterstützen!“ hatte der Stadtdirektor, mit der Faust auf den Tisch schlagend, in die Entscheidungskommission gedonnert und erklärend hinzugefügt: „Wir haben ja gesehen, was für ein Risiko Niedrigpreise in sich bergen. Wenn wir wieder eine Firma in die Pleite treiben, dann bekommen wir das Schwimmbad nie. Und es ist auch unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit, die Arbeitsplätze in unserer Stadt zu sichern!“ Seine Argumentation zog. Witzkolsky verdiente sich am Schwimmbad „tot and dämlich“, wie nachher der Stadtdirektor schmunzelnd konstatiert.

 

Gerüchten zufolge hätte der Herr Direktor aber auch seinen eigen Bungalow nicht ohne die Materialabzweigungen vom Schwimmbad mit einem Dach versehen können. Aber gehen wir der Sache nicht weiter nach. Es sind ja vielleicht auch nur wieder solche, von „Neidern“ in Umlauf gesetzte Gerüchte. Jedenfalls hat nie ein Staatsanwalt jemals eine Untersuchung eingeleitet.

 

Arnold Witzkolsky's eigentlich einziges Hobby ist sein Bauunternehmen, abgesehen von den paar Tagen, an denen er in seinem gepachteten Jagdrevier so genanntes Wild in Todesangst versetzen darf, selbst wenn die „Schonzeit“ nicht vorbei ist.

 

Er geht nach dem Frühstück in die Firma, liest erst einmal den Regionalteil der Heimatzeitung und beginnt dann zu telefonieren: mit dem Stadtdirektor; dem Bürgermeister; seinem Rechtsanwalt, der ihn bittet, sich kurz zu fassen, weil er Termine habe; mit dem Steuerberater Mückelsbühler und mit seinem Freund Kracholl; dann mit seinem Arzt; mit seinem Schwiegervater; der Mercedes-Werkstatt, um eine Reparatur oder eine Inspektion anzumelden.

 

Da jedes Gespräch um die zwanzig Minuten im Schnitt dauert, wie seine Sekretärin statistisch ermittelt hat, sind schon mindestens zwei Stunden der täglichen so genannten Arbeitzeit erschlagen. Weitere zwei Stunden gehen für Telefongespräche drauf, die mit „weniger wichtigen“ Leuten und auch nicht regelmäßig geführt werden. Aus diesen vier Stunden „intensiver und konzentrierter Arbeit“ resultiert vielleicht eine Seite im DIN A-4Format als Gesprächsnotiz, auf der so etwas wie „Dr. Schmitz will endlich Angebot“ oder „Wagen morgen in die Werkstatt“ zu lesen sein wird.

 

Zwischen den weniger wichtigen Telefonaten liegen die Besuche der zwei bis drei Baustellen, die alle mindestens zweimal pro Tag angefahren werden. Dort kann ei, mit den Arbeiten brüllen und den Chef herauskehren: „Bewegt eure Ärsche ein bisschen flotter, ihr faulen Säcke!... Beim Ficken seid ihr bestimmt flinker!...“

 

Niemand kümmert sich um sein Gebrüll. Es scheint die Arbeiter genau so wenig zu stören wie der ohrenbetäubende Lärm der über die Landschaft hinwegdonnernden, sich im Tiefflug „für den Ernstfall“ übenden Kriegsflugzeuge.

 

Arnold Witzkolsky trampelt über noch nicht trockenen Beton, knibbelt mit den Fingern frischen Putz ab, reißt sich einen Holzspan in einen Finger, schaut im Durchschnitt fast eine Stunde lang den Vorgängen auf der Baustelle zu, blickt auf die Uhr und wirft sich in seinen Mercedes.

 

„Wenn man nicht überall die Augen auf hat, dann tut sich nichts“, versucht er sich selbst murmelnd einzureden, um seinen Blutdruck anzuregen, während er sich zusätzlich über die „Lahmärsche“, insbesondere „diese Weiber am Steuer“ ärgern muß, die die Einhaltung seiner weiteren wichtigen Termine behindern.

 

Auf die bereits geschilderte Weise hat er zusätzliche fünf bis sechs Stunden des Tages umgebracht.

 

Eine Stunde Mittagessen mit seinen weiblichen Angestellten im Büro, bei dem herbeigeschaffte gebratene Hähnchen, Würstchen, Brot, Schinken, Kuchen und Kaffee im Besprechungszimmer bereitgestellt werden, genießt er, weil ihn nickende Zuhörer bei seinen Prahlereien bewundern und herzliches Gekicher seinen, oft wiederholten, groben Witzen folgen.

 

Damit sind dann wenigstens schon insgesamt neun Stunden verstrichen.

 

Wenn nun noch die wichtige Zeit von etwa einer halben Stunde für das Öffnen der durchschnittlich zehn Briefe je Tag und für das Kontrollieren der Endsummen auf den Angeboten und Rechnungen berücksichtigt werden, die immer zu niedrig sind und mindestens eine weitere Stunde an Diskussionen mit den „dusseligen Kalkulatoren“ und den „hirnverbrannten Rechnungsschreibern“ erfordern, dann ist der Chef immerhin schon beinahe elf Stunden in seiner Firma, einschließlich der häufigen Gänge zur Toilette.

 

Es ist eine seiner weiteren täglichen Aufgaben, alle Türen nach Büroschluß abzuschließen und die Roll-Läden herunter zu lassen, was natürlich jeden Morgen seine erste Beschäftigung ist, nämlich die Türen aufzuschließen und diese Roll-Läden hoch zu ziehen.

 

Alles im Allem kann Arnold einen täglichen Aufenthalt in seiner Firma von etwa zwölf bis vierzehn Stunden nachweisen.

 

Die Firma ist im wahrsten Sinne des Wortes sein Ein und Alles. Er kommt als erster und geht als letzter. Er „lebt nur für seine Firma“, „er macht sich kaputt für seinen Laden“, kann nie in Urlaub gehen, schleppt sich mit dem schlimmsten Schnupfen und Husten in sein Bürogebäude, um die Zahl seiner „Mitarbeiter“ für eine Weile zu dezimieren. Es vergeht kein Samstag und kein Sonntag, an denen er nicht wenigstens einmal in seine Firma geht.

 

Zum Glück hat er gute Arbeitskräfte, die nicht nur anwesend sind, sondern auch ihr Fachgebiet verstehen und ihn kaum merken lassen, daß seine Anwesenheit überhaupt nicht erforderlich ist.

 

In der Kneipe der etwa acht Kilometer entfernten benachbarten Kleinstadt, zu der er sich wegen seiner dort verbrachten Jugendzeit verbunden fühlt und wo er auch sein Luxushaus errichtet hat, taucht er also nie vor neun oder zehn Uhr abends auf, ist „völlig am Ende“, kann die „schwere Verantwortung kaum noch tragen“, ist einem „Herzinfarkt“ recht nahe. „Es wird mir bald wirklich zu viel“, meint er. „Wenn du nicht alles selber machst, dann läuft gar nichts“, jammert er. „Ich könnte dieses Scheißpack (er meint seine so genannten Mitarbeiter) alle durch die Wurstmaschine drehen“, möchte er gerne; denn: „Die beuten dich hinten und vorne aus. Du mußt dauernd auf der Hut sein“, redet er sich ein.

 

Er wird nie merken, daß er sich nicht mehr auf einem Flüchtlingstreck befindet.

 

Er spendiert großzügig Runden, betätschelt die Kellnerinnen, die darauf hin zu kichern haben, versucht vor allem die flink Bier schleppende Elfriede, das „Rasseweib“ zu überreden, mit ihm ins Bett zu gehen.

 

Nachdem diese, mit ihm bereits erfahrene Kellnerin jedoch einmal laut gerufen hatte: „Mit dem bisschen, was du zu bieten hast, lohnt es sich nicht!“ wobei sie ihre rechte Hand hochgehoben hatte und den Daumen so zwischen Zeigefinger und Mittelfinger schob, daß nur die Daumenkuppe leicht zu sehen war, und das Lokal grölte, ist er vorsichtig geworden und fühlt sich verunsichert.

 

In der Kneipe wirkt er jedenfalls keineswegs erschöpft, eher aufgeräumt und ausgeruht.

 

Seine Frau und seine inzwischen halbwüchsigen Kinder sah und sieht er selten. Er hat keine Beziehung zu ihnen. Denen ist es recht so; denn er fühlt sich als Familienoberhaupt dazu verpflichtet, Verbote und Gebote umherzudonnern. Er kann mit niemandem, der irgendwie abhängig von ihm, ist oder „unter ihm steht“, „normal“ reden. Nach seinem Kommunikationsverständnis mit solchen Personen hat er klare Anweisungen und Befehlswiederholungen in deren Ohren zu schleudern: „Wenn du nicht sofort auf der Stelle... Ich sage das • nicht noch einmal... Jetzt ist Schluß!“ Er duldet keine anderen Antworten außer Nicken. Ansonsten ertönt das Haus: „Du willst doch wohl nicht wagen, mir etwa zu widersprechen...“ Es ist gut für die Familie und sie genießt es, daß der „Hausherr“ recht wenig im Haus ist.

 

Arnold Witzkolsky ist im Grunde genommen ein einsamer Mensch, der wahrscheinlich nie mehr die Chance ergreifen kann und wird, als nur dumpf, als ein, von irgendwelchen Sekundärtrieben geleitetes, primitives, biologisches Wesen dahin zu leben.

 

Doch wer kann sich anmaßen, objektiv zu beurteilen, ob ein solcher Mann glücklicher gemacht werden kann.

 

Was aber sicher außer Zweifel gestellt werden darf, ist die Behauptung: Leute wie Arnold Witzkolsky sind eine Umweltbelastung. Arnold Witzkolsky hat seinen beiden Kindern schwere psychische Schäden zugefügt. Die Tochter ist so sehr durch ihren Vater, der für sie ja ein Repräsentant des typisch Männlichen ist, in ihrem Verhalten gestört, daß sie wohl kaum eine unvoreingenommene Beziehung zu jemand des anderen Geschlechts aufbauen können wird. Mit ihrem Bruder kommt sie deshalb gut zurecht, weil er weichlich, musisch veranlagt und übersensibel ist. An ihm kann sie nichts Männliches entdecken außer natürlich den äußeren Geschlechtsmerkmalen.

 

Der zerbrechlich wirkende Sohn bricht in Tränen aus, wenn ein Tier überfahren worden ist, wenn über Hungersnöte und Naturkatastrophen berichtet wird.

 

Er ist mager, kränklich, verträgt die meisten Speisen nicht, kaut an seinen Fingernägeln, zuckt mit dem Gesicht und ist in den Augen seines Vaters eine „verweichlichte, zum Leben untaugliche Memme“, ein „Schlappschwanz erster Ordnung“, das, was man „als lebensuntüchtig“ gleich „in eine Gaskammer hätte schicken sollen“. Zu solchen schlimmen Sätzen hat sich der Vater hinreißen lassen und damit sicher irreparable Schäden verursacht.

 

Durch ein Verhalten eines Elternteiles wie das des Arnold Witzkolsky werden psychische Probleme der Menschen von einer Generation zur anderen in den verschiedensten Formen weiter getragen.

 

Verwunderlich ist nur, daß Arnold Witzkolsky nie auf seine Kinder eingeprügelt hat. „Die sind keinen Schuß Pulver wert“, und „an denen mache ich mir meine Hände nicht schmutzig“, hatte er mehrmals erklärt. Aber das ist offensichtlich nicht der wahre Grund; denn seinem Schwiegervater, mit dein er sich recht gut versteht, hatte er einmal gesagt, daß er selbst immer wieder von der Mutter, auch vom Vater, wie ihm berichtet worden sei, und natürlich auch in der Schule eigentlich für nichts und wieder nichts verprügelt worden sei. Daher werde er sich nicht an seinen Kindern „rächen“.

 

Kann daraus geschlossen werden, daß er doch für seine Nachkommen starke Gefühle hat, die er allerdings, aus welchen Gründen auch immer, verdrängen will?

 

Seine Frau ist ihm völlig gleichgültig, die keine weiteren Interessen zeigt, als so viel wie möglich in sich hineinzustopfen und daher fast einen solchen Bauchdurchmesser hat entsprechend dem Maß ihrer Größe. „Die ist so breit wie sie hoch ist“, scherzen die Mitstädter. Dennoch versteht sie es, durch geschickte- Bekleidung, mit zu einem Turban nach oben geflochtenen Haaren und durch hohe Stöckelschuhe zumindest ungewöhnlich und nicht uninteressant zu wirken.

 

Heutzutage lebt die Familie fast völlig unbehelligt von ihrem „Haustyrannen“, wie die Kinder ihren Vater bezeichnen. Er läßt sich kaum zu Hause blicken.

 

Nachdem er seine Firma verlassen hat, taucht er in der Regel in einer der vielen Kneipen auf, oder verbringt mindestens zweimal die Woche die Nacht bei seiner noch recht jungen Freundin, Fachfrau für das Frisierhandwerk und als Masseuse, der er einen eigenen Salon eingerichtet hat und von der er sich stundenlang massieren läßt, was eher als sanftes, ihn angenehmes Streicheln zu betrachten ist. Dabei kann er reden und seinen, ohne ersichtlichen Grund angestauten Aggressionen freien Lauf lassen.

 

„Du hast ja so Recht, kannst aber die Welt nicht verändern“, tröstet sie oder rät: „Laß doch die Leute machen was sie wollen. Du bist wer. Das weiß jeder und kann jeder sehen. Du hast es zu 'was gebracht, hast dein Ein- und Auskommen. Es geht dir gut und damit auch mir, wofür ich dir immer dankbar sein werde...“ sie küßt bei diesen Worten den auf seinem Bauch liegenden Fleischberg schmatzend und mit einem „Üühmm“ auf sein kaum aus der Fettmasse hervortretendes Hinterteil. „Wir wollen doch noch recht lange das Leben genießen und nicht am Herzinfarkt zugrunde gehen, nicht wahr, mein dicker Schnuckel?“ bezirzt sie ihn.

 

Er fühlt sich beruhigt und schläft zufrieden und entspannt für ein paar Minuten ein.

 

Sie hat regelrecht therapeutisches Geschick. Ihre „Behandlung“ wirkt zwar nicht sehr lange. Aber das macht ihn eben zu einem ihrer Profit bringenden „Dauerkunden“, wie sie es sieht. Er ist jedoch der Meinung, daß sie in ihn verliebt sei.

 

Es muß jeden erstaunen, daß sie die einzige Person ist, zu der ihm keine abfälligen und ungebührlichen Ausdrücke einfallen.

 

Allerdings redet er auch sehr selten über sie, was eigentlich als noch erstaunlicher anzusehen ist; denn es würde doch seinem sonst üblichen, angeberischen und prahlerischen Gehabe sehr entsprechen, wenn er eben seine Beziehung zu dieser „tollen“ Frau besonders hervorheben würde.

 

Auch sein Verhältnis zu seiner Mutter, um die er sich wie ein vorbildlicher Sohn kümmert, über die er ebenfalls keine abfälligen Bemerkungen fallen läßt, ja überhaupt auch ganz selten redet, paßt nicht zu seinem übrigen Verhalten.

 

Er sucht sie mehrmals in der Woche fast heimlich auf; denn über solche Besuche spricht er mit niemandem. Er „kutschiert“ sie durch die Landschaft, wie er es nennt, lädt sie zu Kaffee und Kuchen in eines dieser eleganten und teuren Ausflugslokale ein, hört sich geduldig ihre Krankheitsgeschichten und die immer wieder wiederholten, gleichen Erzählungen aus ihrem früheren Leben geduldig an.

 

Immer noch behandelt seine Mutter ihn wie einen kleinen, dummen Jungen, an dem sie häufig herummeckert und nörgelt: „Du bist nicht warm genug angezogen... Die Sachen, die du anhast, stehen dir überhaupt nicht... Ich hatte eigentlich gestern mit deinem Kommen gerechnet... Du hättest wenigstens anrufen können... Du hättest doch eigentlich studieren sollen, dann brauchtest du dich nicht mit so einem primitiven Baugeschäft herumzuschlagen... Aber du warst immer schon stinkfaul...“

 

Wenn er daraufhin dann doch mal ärgerlich wird und, wie zum Beispiel einmal wütend erwidert hatte: „Ich habe ja wohl ein sehr gutes Einkommen und bin von dir nicht abhängig. Laß' mich endlich in Ruhe...“ erwidert sie unter Tränen: „Frech warst du ja immer schon und wolltest nie auf deine Mutter hören...“

 

Was mag ihn also zu dieser, inzwischen weit über achtzigjährigen Frau ziehen, die ihn nicht einmal bewundert, ja sogar teilweise als unmündig behandelt?

 

Es ist schon erstaunlich, daß manche Verhaltensweisen eines Menschen nicht immer zueinander passen und daß gewisse, bei den meisten Gelegenheiten gezeigte, also dominierend zu scheinende Charakterzüge dann aber doch nicht so leicht zu standardisieren sind.

 

Es muß wohl Fachleuten, wie Psychologen oder Psychiatern überlassen werden, solche, dem Laien unverständliche Verhaltenswidersprüche zu erklären, für die es sicher Ursachen geben wird.

 

Da Arnold Witzkolsky sich aber für einen „völlig normalen Menschen“ hält, was sicher nicht so ganz abwegig ist, werden solche Fachleute sehr wahrscheinlich kaum Gelegenheit bekommen, sich intensiv mit ihm beschäftigen zu können.

 


Hermann Baldun

 

Er ist die „rechte Hand vom Chef“. „Ohne ihn liefe nichts“.

 

Hermann Baldun, Polier und verantwortlich für die Baustellenüberwachung der Witzkolsky-Bau GmbH. & Co. KG., heute bereits über sechzig Jahre alt, hält sich für unentbehrlich und behauptet: „Der Chef weiß ganz genau, was er an mir hat.“ Damit hat er zweifellos Recht.

 

Für den technischen Bereich des Baugewerbes ist er alleine, voll verantwortlich und kann mit seinen Kenntnissen und seiner sehr langen Erfahrung als der wichtigste Eckpfeiler des Witzkolskyschen Unternehmens bezeichnet werden.

 

Er kommt aus einer kinderreichen Arbeiterfamilie, wie zur damaligen Zeit als er zur Welt kam, zur Vermehrung des deutschen „Volkes ohne Raum“ erwünscht, der es - wie in solchen Familien üblich - immer an Allem mangelte.

 

Die Eltern hatten keine Zeit, sich intensiv um ihn und seine drei Brüder und fünf Schwestern zu kümmern. Die jeweils älteren Geschwister übernahmen die Beaufsichtigung und Anleitung der jüngeren Kinder.

 

Es herrschte allerdings „Zucht und Ordnung“. Die Kinder hatten folgsam zu sein, sich aber weitgehend um sich selbst zu kümmern: Betten machen, Frühstücksbrot für die Schule schmieren und einwickeln, pünktlich bei Tisch sein, sonst gab es nichts zu Essen. Aber hungrig waren die Kinder immer und konnten es sich nicht leisten, eine Mahlzeit zu verpassen, wenn sie nicht mit knurrendem Magen am Einschlafen gehindert werden wollten.

 

Der Vater, Steiger in einer Kohlengrube - also schon „recht angesehen“, legte äußersten Wert auf Ehrlichkeit, Pünktlichkeit, Sauberkeit und Disziplin. Jeden Abend vor dem gemeinsamen Essen um acht Uhr, wenn er Tagschicht gehabt hatte, hatten die Kinder die Hände vorzuzeigen, die genauestens auf Reinheit geprüft wurden. Insbesondere unter den kurz zu haltenden Fingernägeln durfte kein dunkles Fleckchen sichtbar sein, sonst schleppte der gestrenge „Familienvorstand“ den „Schmutzfink“, ihn am Ohrläppchen zerrend, zur Waschschüssel und verfolgte das sorgfältige Nachbürsten der Fingerkuppen mit Schmierseife. Auch wurde in die Hemdkragen geschaut, die Indizien über die Art der Reinhaltung des Halses zeigten. Da die Wäsche nur einmal in der Woche gewechselt werden durfte, beziehungsweise aus Mangel an Kleidung nicht öfter frisch bereitgestellt werden konnte, war es sicher schon sehr wichtig, auf sorgfältige Pflege der wenigem Habe zu achten.

 

Die Mutter war sehr geschickt im Ausbessern und verstand überhaupt im Allgemeinen etwas von einer ordnungsgemäßen Haushaltsführung.

 

Im Hause Baldun herrschte zwar Strenge, aber keine bedrückende Stimmung. Mutter Baldun war eine Frohnatur, sang gerne, las den Kindern aus dem „Struwwelpeter“ vor, kannte „Wilhelm Busch“ und sämtliche „Grimms Märchen“ auswendig. Es machte allen immer wieder Spaß, wenn ein Lied mehrstimmig einstudiert wurde, um es dann bei allen möglichen Anlässen, wie Bergmannsfeiern, Schulfesten, Familienereignissen vortragen zu können. Die „Balduns“ wurden gerne aufgefordert, zur Unterhaltung beizutragen.

 

Die Kinder waren zwar natürlich schüchtern, zurückhaltend, „gesittet“, aber nicht verklemmt und eingeschüchtert. Sie wuchsen in einer „anständigen“ und „gottesfürchtigen“ Familie auf.

 

Als der Vater im Alter von vierundvierzig Jahren an Staublunge starb, was ein übliches Bergmanns-Schicksal war, herrschte gefaßte Trauer.

 

Jedem war das ständige Lebensrisiko, durch die hohe Unfallquote „unter Tage“ und durch die vielen Erkrankungsmöglichkeiten bewußt. Es war kaum etwas Besonders, wenn wieder einmal ein gut gekannter und geschätzter Mensch aus der Nachbarschaft zu Grabe getragen werden mußte: ein Kind, eine im Wochenbett gestorbene Mutter, ein verunglückter Familienvater. Man klammerte sich an den Glauben an eine „höhere Macht“, die „über allem waltet“, wenn auch „deren Ratschluß für uns Menschen nicht einsichtig zu sein scheint“. „Der Herr wird's wohl machen“.

 

Wenn dieser „Herr“ Vater Baldun, der zwar noch „in den besten Jahren war“, „zu sich in sein Reich, gerufen hatte“, dann mußte man sich damit abfinden und fand sich damit ab, ohne mit dem Schicksal zu hadern.

 

Es gab keine Diskussion darüber, daß endlich die Arbeitsbedingungen zu verbessern wären, daß mehr für eine medizinische Versorgung, insbesondere der armen Bevölkerung getan werden müste, daß den Bergleuten eine längere Erholpause eingeräumt werden sollte, um dem Körper eine Regenerationsmöglichkeit zu geben.

 

Nein, alles verlief für die Familie Baldun nach einem „göttlichen Plan“ ab. Die „gottgewollte Ordnung“ durfte angezweifelt werden und wurde auch nicht infrage gestellt.

 

Vater Baldun war immer gegen Arbeitskämpfe, gegen Streiks, vor allem gegen Aufruhr, gegen Auflehnung gegen die jeweilige Obrigkeit gewesen.

 

Er hatte durch den Exerzierplatzdrill nach der Einberufung in den „Ersten Weltkrieg“ absoluten (Kadaver-)Gehorsam gelernt, war mit seinen nicht einmal zweiundzwanzig Lebensjahren zum strammen preußischen Obergefreiten befördert worden und bekam für seine „Tapferkeit vor dem Feinde“ sogar das „Eiserne Kreuz erster Klasse“, neben dem „Mutterverdienstkreuz des Dritten, des Tausendjährigen Reiches“, ein dekorativer Schmuck des Baldunschen Wohnzimmers. Nie sind ihm Zweifel gekommen, ob es tatsächlich sinnvoll gewesen war, „seine“, über dreihundert Franzosen für wen und was in den „Tod geschickt“ zu haben. Er war zweifellos ein vorbildlicher Soldat und Kamerad gewesen. Auf ihn konnte man sich zu hundert Prozent verlassen.

 

Er hätte sich auch gerne wieder im „Zweiten Weltkrieg“ für „Führer, Volk und Vaterland“ geschlagen, war aber (erst einmal zu Beginn des Krieges) für „unabkömmlich“ erklärt worden und dann als nicht mehr „voll tauglich“ wegen der beginnenden Luftnot. Für ihn wäre vielleicht der „Ehrentod auf dem Felde“ willkommener gewesen als das „natürliche“ Dahinscheiden.

 

Wenn man allerdings über Sinn und Unsinn von Versuchen zur Lösung politischer Probleme mit „militärischen Mitteln“ diskutiert, dann muß aber auch infrage gestellt werden, ob der Tod durch Staublunge nicht ebenfalls ein „sinnloser Opfertod“ für Profite, zumindest vermeidbar gewesen wäre.

 

Als der kleine Hermann in die Schule kam, wurde er „im Geiste der Neuen Zeit“ des „Tausend Jährigen Reiches“ erzogen. Mit zehn Jahren „durfte“ er in die „Hitlerjugend“, lernte Marschieren und Feindbilder kennen, sang laut mit: „...denn wir fahren gegen Engeland.“ Für ihn gilt heute noch „Deutschland, Deutschland über alles“, und (es gibt) „kein schöner Land in unsrer Zeit“.

 

Es war nicht einfach, den Krieg im Industriegebiet zu überleben. Die Lebensmittel wurden knapp. Bald verging kein Tag mehr, an dem nicht die „Luftschutzbunker“ aufgesucht werden mußten. Die „jungen Pioniere“, Entschuldigung, damals hießen sie wohl doch „Pimpfe“, räumten Brandbomben weg, halfen Schutt beseitigen.

 

Dennoch wünschte der Großteil des Volkes des Großdeutschen Reiches demjenigen, der ihnen das alles eingebrockt hatte, „Heil“.

 

Begegneten sich „Deutsche Menschen“, Angehörige der „Herrenrasse“, strafften sie ihre Körper. Sie schlugen die Hacken zusammen, streckten den „rechten“ Arm mit der flachen Hand daran weit vom Körper, so daß er einen Winkel von etwa hundertzehn Grad mit dem von den Füßen her gesehenen, senkrechten Körper bildete, und riefen „Heil Hitler“, was jedoch gegen Ende des Krieges nur noch wie nach einem bedingten Reflex gemurmelt wurde. Ein „Hitler“ war dann kaum noch zu hören. Auch waren die Körper nur noch selten in der Lage, sich zu straffen, und die Kräfte reichten kaum noch aus, den Arm auszustrecken. Es wurde nur noch die Hand flach, aus der Hüfte heraus, hochgeklappt.

 

Als eines Morgens die Familie Baldun aus dem Bunker kroch, war auch ihr kleines, bescheidenes, von der Bergwerksgesellschaft zur Verfügung gestellte Häuschen in „Schutt und Asche“ gelegt worden. Mutter Baldun saß auf den noch rauchenden Trümmern, ballte die Faust und reckte sie 'gen Himmel. „Diese Teufel, diese Schweine“, schrie sie.

 

Es wurde stundenlang in den Resten gewühlt. Zum Vorschein kamen die völlig verstörte Katze Mia, die sich instinktiv unter die, damals nicht üblicherweise mit Kacheln zugekleisterte Badewanne verkrochen hatte, ein wenig Geschirr, etwas angekohlte, vielleicht wieder mit Flicklappen in gebrauchsfähigen Zustand zu bringende Wäsche und Bekleidung.

 

Noch vor der kommenden Nacht, in der wieder von Neuem Feuer und Tod von Himmel regnen konnte, brach man zur Flucht zu Verwandten am Rande der Kleinstadt auf, in der Hermann Baldun nun endgültig zu Hause ist.

 

Mutter Baldun hatte genügend Bargeld und alle Ausweise immer bei sich, also auch im „Luftschutzbunker“ gehabt, so daß die Reise mit dem Zuge bezahlt und die überall durchgeführten Kontrollen überstanden werden konnten.

 

Es hatte über vier Stunden gedauert, bis die Strecke von weniger als hundert Kilometern mit von Tausenden an flüchtenden oder bei den Bauern „hamsternden“ Menschen völlig überfüllten Wagen zurückgelegt war. Die Verwandten der Balduns waren überhaupt nicht überrascht; denn sie hatten immer wieder angeboten, daß „die aus dem Kohlenpott“ bei ihnen unterschlüpfen könnten.

 

Es wurde recht beengt, da die ältere Schwester von Mutter Baldun, Erika genannt, ein Haus mit nur zwei Schlafzimmern hatte. Das war bisher sehr gut gegangen; denn Tante Erika hatte nur die inzwischen achtzigjährige Großmutter bei sich. Ihr Mann und ihr Sohn Willi waren im Krieg. Walter, der zweite Sprößling war beim „Reichsarbeitsdienst“. Tochter Minna machte ihr „Landjahr“ bei einem Bauern. Die Balduns kamen zu vier Personen und mit einer Katze.

 

Vater Baldun „wohnte“ ja bereits in „gottgeweihter Erde“ beziehungsweise seine sterblichen Überreste.

 

Der ältere Bruder von Hermann war ebenfalls im „Reichsarbeitsdienst“, der jüngere Bruder zur „Kinderlandverschickung“. Vier der fünf Schwestern von Hermann waren entweder „dienstverpflichtet“, um in einer „Rüstungsfirma“ zu arbeiten, oder „schufteten“ auf dem Lande zur Unterstützung des „Reichsnährstandes“.

 

Tante Erika schlug vor, ihr Schlafzimmer mit ihrer Schwester und der Nichte zu teilen. Hermann, im Alter von fünfzehn, könne vielleicht mit seinem um sechs Jahre jüngeren Bruder bei Oma schlafen.

 

„Er wird doch sicher nichts unseren alten Oma tun“, kicherte Tante Erika. Oma protestierte: „Bei mir im Bett lasse aber niemanden schlafen.“ Tante Erika machte klar, daß Hermann und sein kleiner Bruder je eine Matratze auf den Boden gelegt bekäme. Das Unterbringungsproblem war notdürftig gelöst.

 

Trotz der Enge gab es kaum Reibereien und Streitigkeiten. Es schien sich auszuzahlen, daß alle zur „absoluten Disziplin erzogen“ worden waren.

 

Nachdem Hermann zu den „Flakhelfern eingezogen“ und die Oma fast gleichzeitig verstarb, gab es zumindest bis Kriegsende keine allzu drückende Enge mehr, die sich aber zu einer Katastrophe auswuchs, als sich nacheinander nach dem jämmerlichen Ende des „Tausendjährigen Reiches“ sechs Personen in das Haus quetschten, zusätzlich zur bereits vorhandenen Tante Erika und Mutter Baldun. Die Katze Mia setzte sich zwar zu Nachbarn ab, was aber keineswegs eine Lösung, nicht einmal eine Teillösung des Problem brachte. Ein Kellerraum mußte hergerichtet werden, und auch das Wohnzimmer wurde in eine Schlafstelle umgewandelt.

 

Es gab aber wenigstens ein Dach über dem Kopf, und der recht warme Sommer milderte die drückende, zusätzlich dadurch hervorgerufene dauernde Enge, daß die Schulen vorerst bis zur „Entnazifizierung“ und Rückkehr der Lehrer aus der „Gefangenschaft“ geschlossen waren.

 

Doch die Enge war nicht das Schlimmste, dem sich die Hausbewohner gegenüber sahen. Es gab überhaupt nichts zu Essen. Täglich schwärmten Millionen Menschen aus zu den Bauernhöfen, boten Schmuck mit hohem Wert für ein Stück Butter, für etwas Käse, für ein paar Pfund Kartoffeln. Die schönsten Teppiche wurden aufs Land getragen. Doch der „Reichsnährstand“ konnte die Ernährung nicht sicherstellen. Dann tauchte Mais aus den Vereinigten Staaten von Amerika auf. Deutschland wurde gelb. Man sah gelbes Maisbrot, gelbe Soßen, gelben Pudding.

 

Die Deutschen kannten damals eigentlich noch keinen Mais, und diese Art von Hilfslieferungen beruhte auf einem Übersetzungsfehler. Als nämlich die amerikanischen Hilfsorganisationen anfragten: „Was braucht ihr am dringendsten?“ wollten die Deutschen „Korn“, also Roggen und Weizen, schauten in das von, an deutschen Universitäten von deutschen Professoren ausgebildeten deutschen Studienräten aufgestellte deutsch-englische Wörterbuch und fanden „corn“ als Übersetzung, worunter die Amerikaner aber Mais verstehen, wovon es zwar reichlich gab. Aber in den amerikanischen Kornkammern lagerte noch viel mehr, den hungrigen deutschen Kriegsverlierern viel willkommenerer Weizen.

 

Die Balduns und die Verwandtschaft überlebten.

 

Als Onkel Eduard im September 1945 endlich aus russischer Gefangenschaft, um zehn Jahre gealtert erscheinend, zurückkehrte, waren die Schulen wieder geöffnet, und einige der im Hause monatelang herumlungernden Jugendlichen hatten eine Lehrstelle gefunden.

 

Hermann Baldun lernt das Maurerhandwerk und hat eine kleine bescheidene „Bude“ unter dem Dach seiner Lehr-Firma erhalten können. Er arbeitet gewissenhaft und fleißig, legt die Gesellenprüfung mit sehr gut ab, bleibt in „seiner Firma“ bis zum völlig überraschenden Konkurs der „alt eingesessenen Firma“.

 

Zur Zeit der „Bauhochkonjunktur“ verdient er ganz gut, und da er sehr sparsam ist, kann er sich schon bald ein Grundstück kaufen, um sein eigenes Haus darauf zu setzen, das er selbst hoch mauert und verputzt.

 

Er heiratet die Tochter eines Bäckers, mit der er drei Jahre „gegangen ist“, wobei die Verlobungszeit von mindestens einem Jahr abgewartet worden war, zeugt zwei Töchter und einen Sohn, versucht die Familientradition aufrecht zu erhalten, indem er die gleiche Strenge weitergeben will, die ihn geprägt hat, scheitert kläglich, da seine Kinder sich ihm nicht „unterordnen“, alles und jeden kritisieren, widerspenstig sind und „revolutionäre Flausen im Kopf haben“. Eine der Töchter geht bereits im Alter von sechzehn Jahren zu Versammlungen der inzwischen wieder zugelassenen „Deutschen Kommunistischen Partei“, aus denen sie der Vater zweimal von der Polizei herausholen läßt, sie furchtbar verprügelt, woraufhin sie über Nacht völlig spurlos verschwindet. Alle Nachforschungen sind vergeblich. Erst nach drei Jahren erhält Hermann Baldun jun. von ihr ein Lebenszeichen.

 

Der „Junior“, der nicht nur den „Stamm der Familie erhalten“ soll, sondern auch den vollen Namen seines konservativen Vaters „ererbt“ hat, ist freiwillig zur „Bundeswehr“ gegangen und hat sich „auf Lebenszeit“ verpflichtet, weil die „nur“ befriedigende Gesamtnote des Abiturs ihm kein Studium erlaubte. Sein Vater ist stolz auf diesen Sohn, der sich wenigstens der „althergebrachten Tradition“ gefügt zu haben scheint.

 

Aber - was der Vater nicht so genau weiß, ist, daß der bereits in kürzester Zeit zum Leutnant avancierte junge Sprößling, der von besonderer Intelligenz und unschlagbar in historisch, politologischem Wissen und in harten Diskussionen ist, zu diesen äußerst systemkritischen Soldaten zählt, die zwar auch davon überzeugt sind, daß eine Verteidigung sinnvoll und notwendig ist, jedoch mit völlig anderen Mitteln als dem traditionellen Drauflosbomben und Morden.

 

Die Auffassung des Leutnants Hermann Baldun von „Friedenssicherung“ beginnt der Führung der Bundeswehr Sorge zu bereiten.

 

Da er ihr an Wissen und Argumentationsvermögen weit überlegen ist, sich jedoch geschickt und strikt an alle Regeln und Verordnungen hält, könnte man ihn nur physisch beseitigen, was einmal ein General sogar als Möglichkeit „ins Auge gefaßt“ hatte, nämlich „diesen arroganten Aufrührer verunglücken zu lassen“.

 

Leutnant Hermann Baldun kennt seine Rechte als Staatsbürger, geschützt von einer neuen, sehr freiheitlichen Verfassung sehr genau.

 

Die Tochter, die das Elternhaus heimlich verlassen hatte, war von einer um über zwanzig Jahre älteren Rundfunkredakteurin aufgenommen worden. Zwischen den beiden soll eine intime und harmonische Liebesbeziehung bestehen.

 

Tochter Baldun hat nach einem „glänzenden“ Abitur, das sie an einer Privatschule in der Nähe des Wohnortes ihrer Wahl abgelegt hatte, Psychologie und Philosophie studiert, sich dann, trotz oder gerade wegen ihrer „marxistisch geprägten Ideologie“, als Betriebspsychologin bei einem großen Chemiekonzern anstellen lassen. Sie soll das nötige Selbstbewußtsein haben und sehr fähig sein, ihr ausgezeichnetes Fachwissen auszuschöpfen; so wird jedenfalls erzählt.

 

Die andere Tochter der Balduns ist eher einem „geradlinigen Weg“ gefolgt: Sie hat nach erfolgreichem Abschluß an einer Haushaltsschule den Mitinhaber einer Roll- und Schlittschuhfabrik geheiratet, soll recht glücklich sein, hat inzwischen zwei Töchtern das „Leben geschenkt“, und es gibt in der Kleinstadt keine Gerüchte über sie.

 

Die Ehefrau von Hermann Baldun senior ist nahezu das Ebenbild seiner Mutter, die vor sechs Jahren einem Schlaganfall erlegen ist.

 

Frau Baldun ist eine Frohnatur, inzwischen, wie die meisten Menschen ihres Alters recht dicklich geworden, singt bei ihrer Hausarbeit, sagt zwar immer „ja“ zu allem, was ihr „äußerst korrekter“ Mann „anweist“, „vergißt“ dann aber, was sie eigentlich hätte ausführen sollen.

 

Jeglichen Streit mit ihrem Mann vermeidet sie mit großem Geschick.

 

Bei Unstimmigkeiten legt sie den Arm um ihn, schmiegt sich an seine Wange und sagt: „Aber mein liebes Männilein (ihre Koseform für Hermann), wir wollen uns doch nicht böse sein. Ich mache alles wieder gut.“ Ei, schmilzt dahin, empfindet keine Wut mehr.

 

Als sie ihn einmal doch nicht so einfach bezirzen konnte und er sie wütend von sich gestoßen hatte, war sie in das Schlafzimmer gegangen, hatte sich elegant angezogen und ihm erklärt, daß sie sich jemand anderes suchen werde. „Wenn du mich nicht mehr magst, dann trennen wir uns doch sofort, ehe wir anfangen, uns zu zerfleischen“, soll sie gesagt haben.

 

Daraufhin hatte er eingelenkt, sich entschuldigt und sie überredet, mit ihm zu schlafen. „Du willst so 'was am helligten Tage?“ soll sie gekichert haben, um ihm aber dann doch zu folgen.

 

Frau Baldun war immer der „ruhende Pol“ der Familie gewesen. Sie hat die Kinder gewähren lassen. Wenn ihr Mann seine Vorstellungen bezüglich der „Kindererziehung“ nicht hatte durchsetzen können und seiner Frau vorwarf: „Von dir bekomme ich keinerlei Unterstützung. Du schweigst zu allem“, dann hatte sie entwaffnend in etwa auf folgende Weise entgegnet: „Du bist doch der starke Mann und das Familienoberhaupt. Wenn du dich nicht einmal bei diesen Kleinen (so nennt sie die Kinder heute noch) durchsetzen kannst, wie soll ich das als schwaches Weib versuchen.“

 

über Frau Baldun kursieren in der Kleinstadt keine Klatschgeschichten, während ihr Mann doch mal hin und wieder an den „Ausschweifungen“ seines Chefs und dessen „Freundesklicke“ teilgenommen haben soll.

 

Es wird berichtet, daß Frau Baldun einmal von einer dieser „Klatschtanten“ angesprochen worden sein soll: „Wissen Sie nicht, daß Ihr Mann vorvergangene Nacht... Ich wollte Sie nur warnen, damit Sie nicht eines Tages eine böse Überraschung erleben...“

 

Frau Baldun soll sehr großartig reagiert und erwidert haben: „Ich kenne meinen Mann etwas länger als Sie, und wissen Sie, wir sind recht vertraut mit einander und mögen uns immer noch nach vielen, vielen Ehejahren. Sollte er aber tatsächlich einmal im besoffenem Kopf sich mit jemandem wie Ihnen vergessen, so weiß ich hundertprozentig, daß er das nie wieder tun würde; denn er weiß ganz genau, was er an mir hat.“ Damit war für sie der Fall abgeschlossen gewesen.

 

Hermann Baldun, der gelernt hat, bedingungslos zu gehorchen, die so genannte Gott-gegebene Ordnung anzuerkennen und niemals infrage zu stellen, ist damit der ideale „Büttel“.

 

Natürlich ist auch er nicht mit einer Firmenleitung, wie sie Herr Witzkolsky betreibt, einverstanden. „Der hat überhaupt keine Ahnung“, entrüstet er sich manchmal Zuhause und erklärt: „Den müssen wir einfach mit durchziehen. Der behindert nur die Arbeit mit seinen dummen Fragen und seinem dämlichen Geschwätz. Da ist er doch neulich mitten über den noch nicht harten Beton gelaufen. Stunden haben wir gebraucht, um die Abdrücke dieses dämlichen Elefanten wieder glatt zu bekommen. Er meckert an allem nur rum...“

 

Seine Frau hat ihn einmal gefragt: „Warum gehst du denn nicht woanders hin?“

 

Seine wohl ganz richtig gesehene Antwort war dazu: „Meinst du, das wäre woanders anders? Das ist doch überall der gleiche Mist...“

 

„Liegt am System, mein lieber Papa“, soll die Tochter erklärt haben, als sie noch Zuhause war. Darüber jedoch mit den eben in diesem System behafteten Eltern kritisch zu diskutieren, war darin natürlich nicht möglich. „Halt deinen dummen Mund, du noch nicht mündige Göre...“ oder so ähnlich waren jedes Mal die einzigen Argumente gewesen.

 

Den Kritiken des Buben wurde darin nicht selten mit „schlagenden“ Argumenten, also mit Ohrfeigen begegnet.

 

Hermann Baldun ist in der Zeit seiner frühen Kindheit stehen geblieben und kann die „ungeheuren“ Veränderungen nicht verstehen, die herrührten aus dem, in die Nachkriegszeit hineinwirkenden Schock über das unvorstellbare Gemetzel, über die Massen-Morde an Andersdenkenden, vor allen an ganzen Rassen, über die Aufdeckung grausamster Foltermethoden. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit gab es eine solche Konfrontation von völlig verschiedenen Denksystemen und solch ein unvorstellbares Durcheinandergewürfeltwerden ganzer Völkergemeinschaften.

 

Es ist jedoch schon sehr erstaunlich, daß all diese Vielfalt an neuen Ideen, an Protesten, Demonstrationen und vor allem die völlige Veränderung, im Vergleich zu den Einschränkungen, den Ängsten vor einem offenem Gespräch während der Herrschaft der so genannten Nationalsozialisten am damals ja noch sehr junge Hermann Baldur ohne Spuren geblieben ist. In seiner Weltanschauung war er bereits mit vierzehn Jahren fixiert und konserviert gewesen, also bereits zu Ende des schrecklichen Krieges. Die damals aufgestellten Feindbilder sind in ihm haften geblieben, vor allem die immer wieder von den Herrschenden aufgestellte Forderung nach Unterordnung, nach Einordnung.

 

Die Nachkriegszeit empfand er lediglich als chaotisch, fand sich orientierungslos, da er nie zu selbständigem Denken angeregt worden war.

 

Glücklicher Weise hatte die erste bundesdeutsche Nachkriegsregierung wieder einen starken Bundeskanzler, der die ihm per Verfassung gegebene Aufgabe zur Ausgabe der „Richtlinien der Politik“ ziemlich diktatorisch erfüllte. Dieser Kanzler „wußte, was er wollte“. Das, was er nun meinte wollen zu müssen, setzte er auch durch, wobei er sich zwar manchmal in Widersprüche begab, die er aber elegant mit Worten: „Was geb' ich um mein dumm' Geschwätz von gestern“ oder „Sie, meine Damen und Herren (Kritiker), können doch nicht verhindern, daß ich von Tag zu Tag klüger werde“, abwehrte.

 

Für Hermann Baldun war dieser Kanzler, „der Mann zur rechten Stunde“ gewesen.

 

Im Elternhaus der Balduns herrschte zwar eine strenge, aber keineswegs eine willkürliche, wie häufig von Eltern eine aus Launen heraus aufgestellte Ordnung. Die Regeln in Hause Baldun war einfach irgendwie sinnvoll und notwendig mit Bezug auf die Lebensumstände der Familie, einmal wegen der Vielzahl der auf recht. engem Raum lebenden Personen und auch wegen des beschränkten Einkommens, das Sparsamkeit und gute Planung erforderte.

 

Da die Kinder zweifellos unter dem Gefühl lebten, daß ihre, in einer gewissen Harmonie lebenden Eltern sie tatsächlich gern hatten und ihnen eine sichere Zukunft bereiten wollten, gab es keine Notwendigkeit, sich gegen etwas aufzulehnen oder etwas infrage zu stellen.

 

Die Kinder waren wahrscheinlich auch nie ungerecht behandelt worden, zumindest nicht in einer solchen Weise, daß es zu seelischen Schäden gekommen wäre.

 


 

Friedhelm Friedelein

 

Friedhelm Friedelein hat vor kurzem seinen vierunddreißigsten Geburtstag gefeiert.

 

Er ist ein sehr hagerer, lang gewachsener „Typ“, dem heute inzwischen einer dieser häßlichen leptosomischen Hängebäuche angewachsen ist, den er versucht, mit einem eng gezogenen Lederriemen zur erträglichen Auffälligkeit zu bezähmen. Sein Gesicht ist geprägt durch eine schmale, lang gezogene, spitz zulaufende, aber sehr gerade gewachsene Nase. Der Mund wird kaum von Lippen umschlossen. Das Kinn fällt ein wenig zu stark zurück. Von der Seite gesehen sieht das Gesichtsprofil aus wie ein Wimpel, jedoch nicht ganz so spitz. Die blonden, kurz geschnittenen, mit Pomade behandelten Haare stehen fast borstenförmig von der Kopfhaut ab; denn Friedhelm Friedelein liebt alles, was parfümiert duftet und benutzt, neben Rasierwasser, Deodoranten aller Art, allerlei Cremes für die Haut. Besonders auffällig sind die stark hervortretenden Venen auf seinen Handrücken und den Armen. Es sieht aus, als seien dünne, sich verästelnde Plastikschläuche unter der völlig unbehaarten, fleckenlosen Haut eingezogen worden. Selbst an den Schläfen treten sie hervor.

 

„Langer Lulatsch“ wird er schon seit frühester Kindheit genannt; denn er wuchs viel zu schnell und war ständig fast um eine Kopflänge größer als seine Altersgenossen. Große Kugelaugen mit heilbrauner Irisfarbe rollen in tief liegenden Höhlen, deren Ausdruck sich rasch wandeln kann: von so genanntem stechendem Blick in Verträumtheit.

 

Friedhelm Friedelein gilt als „undurchsichtig“, „Heimlichtuer“ und „dem nicht über den Weg zu trauen ist“.

 

Niemand weiß, aus welchen Quellen er beispielsweise einen teuren, weinroten Jaguar-Sportwagen finanziert, „bestimmt nicht von den Mäusen, die er bei mir kriegt“, sagte sein Chef Jürgen Kracholl einmal und meint, „dem Friederich immer skeptisch gegenüber“ sein zu müssen, obwohl „man ihm absolut nichts nachweisen“ könne.

 

Doch seine Arbeit führt er sehr gewissenhaft durch und ist mit den Kollegen, die ihm unterstellt sind, streng und kompromißlos.

 

Manchmal nimmt er plötzlich ein paar Tage Urlaub und verschwindet, ohne jemandem, weder den wenigen Freunden, die er als solche bezeichnen kann, noch seiner Familie zu sagen, wo er sich aufhalten wird und was er zu tun beabsichtigt. Auf Fragen antwortet er: „Das weiß ich selber noch nicht. Ich muß aber einfach mal ausspannen.“

 

Oft wirkt er nervös, zappelt mit seinen Gliedern, hat meistens einen Gegenstand in den Händen, mit dem er spielt, das heißt ihn unentwegt dreht und ab und zu wie einen Ball hochwirft, um ihn wieder aufzufangen, was für seine Mitmenschen belastend ist.

 

Als zweiter Sohn einer Bauernfamilie aus der näheren Umgebung der Kleinstadt, in der Friedhelm Friedelein jetzt mit seiner Familie lebt und arbeitet, verbrachte er seine Kindheit, die weitgehend von der alle und alles dominierenden Mutter geprägt wurde.

 

Während der Vater, zwar oft launisch, mal so und mal so gestimmt, die beiden Jungen gewähren ließ, als gehörten sie unter anderem einfach zum lebenden Inventar des Hofes dazu, war die fanatisch religiöse, drahtige Mutter bei der Ahndung von allem „Unrechten“, was Buben nun mal tun oder von dem die Erwachsenen meinen, es „auf keinen Fall durchgehen lassen zu dürfen“, absolut kompromißlos.

 

Die Mutter achtete auf strenges „Einhalten der Sitten“: Auf die Minute genau mußte jeden Morgen das Bett verlassen und abends wieder aufgesucht werden. Eine sehr präzise Menge an Speisen und Getränken, fast ungenießbar zusammen gekocht und zusammen gebraut, mußte zu genau festgelegten Zeiten geschluckt werden. Die Tischgebete zu den Mahlzeiten waren laut zu sprechen und nicht zu murmeln, sonst hatte das eine Bestrafung zur Folge. Auch das Standard-Abendgebet vor dem Einschlafen: „Lieber Gott mach mich fromm, daß ich in den Himmel komm'„ durfte nicht zu schnell und nicht zu langsam aufgesagt werden. Eiskalte tägliche Waschungen von Kopf bis Fuß sollten ein Onanieren der Jungen verhindern. Die Unterwäsche wurde gekocht, gebleicht, gestärkt, gebügelt und mußte beziehungsweise durfte nur einmal die Woche gewechselt werden, ebenso wie die Hemden und die Strümpfe. Ein vorzeitiges Beschmutzen, aus welchen Gründen auch immer, wurde mit wachsendem Alter der Jungen mit einer zunehmend grausamen Bestrafung belegt.

 

Hatte eines der Kinder etwas „ausgefressen“, so erfolgte die Bestrafung nicht sofort, sondern jeweils erst, nachdem der zu Züchtigende mit einem langen Nachthemd im Bett lag und das Gebet unter Anwesenheit der Mutter gesprochen hatte. Sie schlug danach die Bettdecke zurück, befahl ihrem Sohn, sich auf den Bauch zu legen, zog das Nachthemd hoch, um das Gesäß zu entblößen, und fragte: „Du weißt ja noch, was du heute gemacht hast?“

 

Wenn der zu Züchtigende jammerte: „Ich hab' doch wirklich nichts gemacht... Bitte nicht schlagen“ und schon im Voraus weinte, erzählte sie mit eiskalter Stimme, warum die Strafe unbedingt und zu seinem seelischen Wohle erforderlich sei. „Außerdem, weil du auch noch lügen und der gerechten Strafe entziehen willst, gibt's ein paar Schläge extra“, fügte sie hinzu.

 

Dann zischte der schlanke Stahldraht, den Mutter Friedelein, Gott weiß, wo aufgetrieben hatte, durch die Luft und schlug auf die nackte Haut. Je nach Grad des „Vergehens“ gab es genau fünf, zehn oder zwanzig Schläge. Bei jedem Schlag zählte sie: „Eins, noch neun“. Die Rute zischte erneut, das pfeifende Geräusch endete mit einem Klatsch, einem Schmerzensschrei und prägte sich als weiterer rosa-roter Streifen ein. „Zwei, noch acht“, zählte die Mutter.

 

Alle Schläge wurden mit der gleichen Wucht ausgeführt, mit der Präzision einer perversen Maschinerie.

 

Schrie der Junge zu laut, gab es mindestens einen Schlag extra; denn er hatte auch zu lernen, sich zu beherrschen.

 

Wurde gegen die Züchtigung protestiert, gab es fünf Schläge extra wegen der fehlenden Einsicht in ein Vergehen.

 

Es gab kein Entrinnen.

Nicht selten kam es vor, daß mehrere Vergehen und „Unartigkeiten“ zu betrafen waren. Die Kinderfolterei dauerte dann schon eine Weile. Wenn nun beide Jungen zu züchtigen waren, war die Mutter bis zu eine Stunde damit schon recht schwer beschäftigt; denn nach der „Prozedur“ konnte man Schweißperlen auf ihrer Stirn entdecken.

 

Mutter Friedelein hatte folgenden Bestrafungskatalog ausgearbeitet:

 

leichtes Lügen

5 Schläge,

schweres Lügen

10 bis 20 Schläge,

Anweisung der Eltern nicht ausgeführt

5-10 Hiebe,

Gebet „geleiert“

5 Schläge,

Kirchgang oder Schule „geschwänzt“

20 Schläge,

sich nicht ordnungsgemäß gewaschen

5 Schläge,

vorlaut gewesen

5 Schläge,

nicht aufgegessen

5 Schläge,

etwas zerstört

5 bis 10 Schläge,

sich bekleckert oder etwas bekleckert zuerst

5, dann mit zunehmendem
    Alter bis zu 20Schläge,

Schuhe nicht geputzt

5 Schläge,

abends unordentlich ausgezogen

5 Schläge,

Tier mißhandelt

5 bis 10 Schläge,

Tier nicht ordnungsgemäß gefüttert

5 bis 10 Schläge,

schlechte Schulnote

5 bis 20 Schläge,

Geburtstag der Eltern vergessen

5 Schläge,

nicht gegrüßt haben

5 Schläge,

sich erkältet haben (da nicht warm
genug angezogen)

5 Schläge,

ohne Grund geweint haben (ein Junge weint nie)

5 Schläge,

Müdigkeit zeigen (Gähnen ohne Hand vor demMund)

5 Schläge,

zu spät aufstehen

5 bis 20 Schläge,

einmal Murren, wenn ins Bett müssen

5 Schläge,

nicht rechtzeitig bei Tisch erschienen

5 bis 10 Schläge,

etwas unrechtes sagen („böses Wort in den Mund
genommen“ haben)

5 Schläge,

albern gewesen sein

5 Schläge,

in der Nase gebohrt haben

5 Schläge,

an den Nägeln kauen

10 Schläge,

Schorf von einer Wunde abknibbeln

5 Schläge,

sich kratzen (Beweis für Unsauberheit)

5 Schläge,

riskantes Klettermanöver gemacht

5 bis 10 Schläge,

hinter einem Mädchen hergeschaut (und vielleicht
sogar eine Bemerkung gemacht, wie Jungen
glauben, sich das bereits in sehr frühem Alter
aneignen zu müssen)

10 bis 20 Schläge.

 

Kam etwas vor, das in ihrem Katalog noch nicht registriert war, legte sie nach ihrem Gutdünken die Zahl der Schläge ein für allemal fest.

 

Als sie einen der Jungen beim Onanieren erwischt zu haben glaubte, da sie ein erigiertes Glied gesehen hatte, gab es für solch ein ungeheueres Vergehen aller schwerster Art, nämlich der „Selbstbefleckung“, die höchste Zahl von 30 Schlägen, die sie für diese schrecklichste aller „Unarten“ mit deutlicher Emotion, sehr rasch und mit sich bei jedem Schlag verstärkender Wucht austeilte. Nach diesem „Vorfall“ argwöhnisch geworden, befühlte sie die Jungen häufig, insbesondere wenn sie von der Toilette kamen. Es kam tatsächlich hin und wieder vor, daß sie ein verhärtetes Glied ertastete. Die erforderliche Züchtigung auf Grund dieser „Schweinerei“ wurde dann am folgenden Abend jeweils damit kommentiert: „Das ist dafür, daß du dich an dir selbst vergangen hast. Das werde ich dir schon austreiben. Solche Schweinerei dulde ich nicht.“

 

Um ihr vielleicht etwas an Gerechtigkeit zukommen zu lassen: Sie hatte wahrscheinlich keine Ahnung, daß Jungen meistens morgens mit erigiertem Glied aufwachen.

 

Obwohl die Eltern schon sehr früh sich um das Melken der Tiere kümmern mußten, also vor den Kindern aufstanden, brauchten diese dennoch niemals geweckt zu werden. Sie wuschen sich, wie vorgeschrieben, und schlüpften in ihre Kleidung, die sie ordentlich auf einem Stuhl abzulegen hatten.

 

Die Strafaktionen der Mutter wurden niemals angekündigt, was tatsächlich eine furchtbare Verunsicherung für die Jungen bedeutete; denn sie zeigte überhaupt keine Reaktion, nachdem „einer etwas ausgefressen hatte“.

 

War einmal einem der Kinder eine Tasse oder ein Teller beim Tischabräumen entglitten und auf dem Boden in Stücke gesprungen, reichte sie Schaufel und Handfeger ohne ihre Mimik zu ändern. Sie tat so, als sei nichts geschehen. Aber vor dem Einschlafen mußte „der Bub dafür bezahlen“.

 

Mutter Friedelein vergaß es kein einziges Mal, wenn sie diese Aufgabe der abendlichen Züchtigung auszuführen hatte.

 

Manchmal waren die Kinder völlig überrascht; denn sie waren sich nicht immer einer Schuld bewußt. Aber genau das hatten sie ja zu lernen: Was ist Recht und was ist Unrecht.

 

Wie alles im Leben, wurde auch diese, nur als pervers und aus einem geschädigten Gehirn stammende Art der so genannten Bestrafung für die Kinder zur Gewohnheit und hatte zum Ergebnis, daß dennoch kein einziger, züchtigungswürdiger', so genannter Jungenstreich ausgelassen wurde.

 

Es muß aber angenommen werden, daß den Buben schwere und irreparable seelische Schäden zugefügt worden sind. Da den Jungen nie diese An“schläge“ auf ihre Psyche bewußt geworden ist und vielleicht nie werden wird, müssen sie wohl damit leben. Dauerhafte Schlafstörungen, leichte Tendenz zu masochistischen Bedürfnissen sind wohl die „harmlosesten Schäden“.

 

Die beiden Brüder begannen, Mordpläne gegen ihre Mutter zu schmieden. Nachdem der jüngere der beiden einmal die Äußerung, mehr zu sich selbst gemacht hatte: „Umbringen sollte man die Alte“, griff der ältere diesen Gedanken auf und bekannte, was er sich alles schon „ausgedacht“ habe.

 

Sie direkt tätlich anzugreifen, trauten sie sich nicht. „Es müßte wie ein Unfall aussehen“, überlegten sie.

 

Als Friedhelm dreizehn Jahre und sein Bruder bereits fünfzehn war, erkannten die beiden Halbwüchsigen eine Gelegenheit: Die Jauchegrube sollte ausgepumpt und neu verputzt werden. Das Brunnenwasser schmeckte seit einiger Zeit verdächtig nach einer Undichtheit des gemauerten und verputzten Auffangbehälters, auf dem auch der Misthaufen angelegt war, damit das aus dem „Tierdung“ austretende Wasser ebenfalls in der Jauchegrill; aufgefangen werden konnte.

 

Nachdem mit der Jauchepumpe schon viele Kessel voll gefüllt und über Felder und Wiesen ausgelassen worden waren, hatte der Vater die Grube geöffnet, um von jetzt ab jeweils sehen zu können, wie viel noch darin war.

 

Während der Vater wieder einmal eine Fuhre zur Wiese brachte, begab sich die Mutter mit einer langen Stange zur Öffnung der Grube, um den Stand der entsetzlich stinkenden Flüssigkeit zu messen.

 

Die Jungen erkannten spontan und intuitiv „die Gelegenheit“, stürzten sich auf sie, ohne sich in ihrer entsetzlichen Absicht abgestimmt zu haben. (Beide reagierten wohl deshalb so synchron, weil sie schon seit geraumer Zeit von der Idee besessen waren, die Mutter „in einen Unfall zu verwickeln“.) Nun zwängten sie die hagere, ziemlich kleine Frau durch das runde Loch von fast einem Meter Durchmesser. Sie wehrte sich in ihrer Todesangst zwar hartnäckig, hatte aber gegen die inzwischen schon recht kräftigen Söhne keine Chance, deren Muskeln zwangsläufig durch die körperliche Arbeit auf dem Bauernhof recht gut entwickelt waren. Obwohl die Mutter schwimmen konnte, ja sogar nur in der nicht einmal knietiefen Brühe eingetaucht war, erstickte sie recht bald an den todbringenden Jauchegasen. Nachdem sie keine planschenden Bewegungen mehr machte und leblos auf der Oberfläche der Jauche trieb, tauchten die Jungen sie, sich abwechselnd, noch eine Weile mit der „Meßstange“ unter, um absolut sicher zu sein, daß sie nie mehr zum Leben zurück zu holen sein werde.

 

Die grausame, gemeinsame Zusammenarbeit war außer dem Stöhnen vor großer körperlicher Ansprengung völlig lautlos von statten gegangen.

 

Nach der „Tat“ rannten die Jungen dem von der Wiese mit dem Pferdefuhrwerk zum Hof zurück kommenden Vater entgegen, schrieen von Ferne um Hilfe und berichteten ihm, innerlich völlig aufgelöst und vor Aufregung zitternd, daß die Mutter beim Versuch, den Jauchestand zu messen, in die Grube gefallen sei. Der Vater soll gemurmelt haben: „Das ist die wohlverdiente Strafe dieser gottverdammten teuflischen Hexe.“

 

Er trieb zwar das Pferd zu schnellerer Gangart an, kam natürlich aber für jede Hilfe viel zu spät.

 

Nachdem es mit einer rasch angefertigten Schlinge aus einem Stück Weidezaundraht gelungen war, den leblosen Körper der Mutter Friedelein in recht kurzer Zeit aus der Jauchegrube zu ziehen, versuchte der Vater vergebliche und völlig aussichtlose Wiederbelebung, während Friedhelm zum Nachbargehöft geschickt wurde, wo es ein Telefon gab, um einen Arzt zu rufen, der allerdings nur noch einen Totenschein ausstellen konnte.

 

Die beiden Jungen zitterten immer noch am ganzen Körper vor Aufregung und vor wahnsinniger Angst davor, daß ihre Tat entdeckt werden könne. Sie befanden sich in einem regelrechten Schock und gaben auf Fragen der hinzu gekommenen Polizei „wie ist denn das passiert“ nur stotternde Antworten. Widersprüchen in den Aussagen wurde nicht weiter nachgegangen, da niemand auf die Idee kam, daß die beiden Jungen den Tod der Mutter bewußt und voll beabsichtigt verursacht haben könnten. Der „Fall wurde zu den Akten gelegt“.

 

Selbst sehr langes und wiederholtes Baden in der mit sehr heißem Wasser gefüllten, ovalen und transportablen Zink-Badewanne vermochte nicht den höllischen Gestank von den mit Jauche kontaminierten „Hinterbliebenen“ zu nehmen. Die übel riechende Flüssigkeit war in die Haut eingedrungen wie ein gutes Parfum. Dieser Geruch erinnerte noch mehrere Tage lang die Mörder an ihre „Tat“ und haftete wie ein Stigma an ihnen.

 

In der Nacht nach dem Muttermord konnten die beiden „Täter“ nicht schlafen. Sie wagten nicht einmal, das Licht auszuschalten. Sie fürchteten sich vor der Dunkelheit. Ihre Herzen rasten, vielleicht in der Furcht, daß diesmal der „Beherrscher der Welt“, der „alles Sehende“, dem „nichts Entgehenden“ selbst die Rache übernehmen würde. An ihn zu glauben, hatte die Mutter ihnen ja lange genug im wahrsten Sinne des Wortes „eingebläut“. Als Friedhelm nach einem bedingten Reflex zum Gebet „mein Herzchen mach rein...“ ansetzte, blieben im doch die Worte im Halse stecken. Genau das war wohl ein zu starkes und unzumutbares Ansinnen an den „Reiniger“, wie er sich eingestehen mußte, und er fühlte in seiner Brust dieses, eben nicht mehr „reine Herzchen“ außer sich geraten. Es trieb das Blut in raschem, kräftigem Strom rauschend durch die Adern.

 

Nachdem dann doch einer der Buben mal kurz eingeschlummert war, schoß er regelrecht (vom schlechtere Gewissen geplagt) wieder hoch.

 

Die Brüder hatten eigentlich nie eine Beziehung zueinander gehabt. Sie waren sich keineswegs feindselig, jedoch immer recht gleichgültig gewesen. Zumindest hatten sie sich nie über eine Beziehung zu einander Gedanken gemacht. Der jeweils andere war ja immer einfach da gewesen. Aber in dieser Nacht kroch Friedhelm zu seinem älteren Bruder ins Bett. Die beiden hielten sich eng umschlungen und weinten bitterlich, ohne sich beruhigen zu können. Sie zitterten vor Aufgewültsein und imaginärer Angst vor einer möglichen Rache für das, was sie „Ungeheuerliches verbrochen“ hatten.

 

Als der Vater, der auch nicht schlafen konnte, ins Haus umherwanderte und Licht durch die Türritze des „Kinderzimmers“ sah, nach ihnen schaute, setzte er sich auf den Bettrand der beiden, fuhr abwechselnd dem einen dann dem anderen seiner in Tränen aufgelösten Söhne durch das Haar und versuchte zu trösten: „Nehmt es nicht zu tragisch. Wir werden auch ohne sie zurecht kommen. Seid doch ehrlich; sie war wirklich eine gottverdammte Hexe. Es gibt keinen Grund, um die so zu trauern. Gut, sie war eure Mutter, aber gottver-dammt noch mal, was für eine Mutter... Manchmal hätte ich Lust gehabt, dieses gottverdammte Weib umzubringen... Ich versuche, so schnell wie möglich, eine ordentliche und erfahrene Haushälterin zu bekommen...“

 

Die beiden Jungen schauten ihren Vater einerseits entsetzt und andererseits beglückt an, da auch er sich ihnen als gleichgesinnt gezeigt hatte und sich offensichtlich ebenfalls mit Mordgelüsten, mit Gattenmordgedanken getragen hatte. (Aber er hatte wahrscheinlich nie ernsthafte Tötungsabsichten gehabt, sondern nur Gedankenspiele gemacht, ja wohl sicher.) Aber nach den Worten des Vaters löste sich die unerträgliche Anspannung der beiden Brüder.

 

Sie haben nie über das gesprochen, was sie schreckliches gemeinsam ausgeführt hatten, weder miteinander noch mit einer dritten Person. Doch fühlten sie sich von diesem Tage aneinander gekettet, schliefen nur noch zusammen in einem Bett und waren solange unzertrennlich, bis Friedhelm's älterer Bruder sich eine „Freundin anschaffte“.

 

(Es könnte vielleicht sein, daß die beiden Söhne ihrem Vater in ihrer Gefühlsaufwallung ihre Tat eingestanden haben, was aber nicht sehr wahrscheinlich ist; denn eigentlich war er immer ein fremder Mann für sie gewesen, von ihnen entfernter als der „Knecht“, der mehrere Jahre auf dem Hofe beschäftigt gewesen war, jedoch aus wirtschaftlichen Gründen entlassen werden mußte.)

 

Um die Werdensgeschichte von Friedhelm Friedemann noch etwas mehr zu erhellen, sollte nicht versäumt werden, darauf hinzuweisen, daß es in der Gegend, in der er aufgewachsen ist, keine größeren Dörfer, sondern in der Regel nur Einzelgehöfte gab. Kontakte mit Mitmenschen außerhalb der Familie waren also recht eingeschränkt. Besuch von Verwandten oder Bekannten erhielten die Friedeleins sehr selten, da niemand mit der psychisch schwer gestörten Frau Friedelein etwas anzufangen wußte. Lediglich der Prediger einer Sekte kam regelmäßig, der jegliche Arbeit verweigerte, als Hobbyprediger jedoch nirgends eine Anstellung fand und immer ausgehungert war.

 

Die Kinder wurden auf diese Weise ein wenig kontaktgestört.

 

Etwas kompensiert wurde die als unerträglich zu bezeichnende Belastung der Gebrüder Friedelein wegen des an ihrer Mutter verübte Verbrechen dadurch, daß sie wenigstens nicht auch noch in einer Etagenwohnung eingesperrt waren, wie zum Beispiel in einem „Kinderzimmer von höchstens 12 Quadratmetern“. Sie konnten hinaus in die „freie Natur“. Sie hatten reichlich „Auslauf“.

 

Es war immer schon vollkommen selbstverständlich gewesen, daß der ältere Sohn der Friedeleins einmal den Hof übernehmen würde. Friedhelm mußte also eine andere Berufsausbildung bekommen, die ihm eine sichere Existenz bieten würde. Darüber war mehrfach in der Familie gesprochen worden. Die ermordete Mutter hätte sehr gerne gesehen, wenn Friedhelm zur „Höheren Schule“ gegangen wäre, um nach dem Abitur Theologie zu studieren. Das scheiterte aber an den dafür nicht ausreichenden Schulzeugnisnoten. Die zischenden, mit einem klatschenden Geräusch auf dem zart ausgeprägten, bloßen Hinterteil des sehr hageren Jungen endenden Rutenhiebe verbesserten keineswegs die Lernfähigkeit und die Lernwilligkeit. Friedhelm blieb wegen schlechter Leistungen in der Volksschule, trotz oder gerade wegen der mehrere hundert Schläge, die ihn auf diesem Gebiet des Geschlagenwerdens seinem Bruder gegenüber in Führung brachten.

 

Nach dem Schulabgang mit vierzehn Jahren trat der bereits abgeschlossene Lehrvertrag zum Erlernen des Elektrikerhandwerks sogleich in kraft.

 

Friedhelm bekam ein Fahrrad mit Hilfsmotor, damit er die etwa sechs Kilometer in die Stadt zur Ausbildungsstelle und zur Berufsschule leichter bewältigen konnte. Im Winter allerdings, wenn die Straßen mit Schnee zugeweht waren, brauchte er oft mehr als eine Stunde, um diesen Weg zurück zu legen und völlig erschöpft und keuchend in der Stadt anzukommen.

 

Friedhelm Friedelein ist zäh, arbeitet gewissenhaft, gibt sich Mühe, dem Unterricht in der Berufsschule zu folgen, verhält sich sehr reserviert den Kollegen und Vorgesetzten gegenüber, zeigt nie, was in ihm vorgeht.

 

Erzählt jemand einen Witz, schaut er den Erzähler groß an, so als wenn er interessiert zuhöre, lacht nach der Pointe aber nicht. Die Frage des Erzählers: „Hast du den Witz nicht verstanden?“ kommentiert er mit „meinst du, ich wäre dämlich?“ Er lacht fast nie, macht immer ein sehr ernstes Gesicht und verunsichert auf diese Weise seine Mitmenschen sehr.

 

Es wird behauptet, er habe einmal, als er im zweiten Lehrjahr (oder besser gesagt: „Kehr“-Jahr) war, auf einer Baustelle böswillig aus dem dritten Stock spitze Stahlnägel auf Arbeiter geworfen habe, die in der ebenerdigen Etage hantierten, und bei 2 Personen sehr ernsthafte Verletzungen hervorriefen. Er hatte hartnäckig jegliche Schuld geleugnet und behauptet, überhaupt nicht einmal etwas von dem Vorfall mitbekommen zu haben. Es konnte ihm keine „Täterschaft“ nachgewiesen werden.

 

„Wenn alle einen Helm tragen würden, wie das vorgeschrieben ist, dann hätte es diese Verletzungen nicht gegeben, hatte er kommentiert.

 

Auch soll er einmal absichtlich Spannung auf eine Stromleitung gelegt haben, an der noch gearbeitet wurde. Die Absicht, jemandem bewußt und böswillig Schaden zuzufügen, konnte ihm auch diesmal nicht nachgewiesen werden. Wieder hatte er nach dem Vorfall einen Kommentar abgegeben: „Man kann doch nicht die Sicherungen schon einbauen, bevor nicht alles fix und fertig ist. Also braucht man sich nicht zu wundern, wenn so etwas passiert“.

 

In einem dritten Fall, in dem er der Ausführung eines „dummen Streiches“ verdächtigt wird, soll er ein Auto, das nicht abgeschlossen war und in dessen Zündschloß der Fahrer den Schlüssel hatte stecken lassen, in einem Waldstück versteckt haben. Erst nach tagelangem Suchen war das Fahrzeug entdeckt worden. „Ich habe doch gar keinen Führerschein, und hier in der Kleinstadt achtet doch jeder auf jeden. Ich hätte doch niemals riskieren können, ungesehen zu bleiben“, hatte er sich verteidigt, war dann aber erneut mit einer Belehrung hervor gekommen: „Per Gesetz muß ein Auto abgeschlossen werden. Wird ein nicht verschlossenes Auto gestohlen, trifft den Besitzer beziehungsweise den Fahrer eine Mitschuld.“

 

Als in einem Restaurant ein sehr wertvoller Pelzmantel verschwand, der in einer Mülltonne wieder gefunden wurde, bezichtigte man Friedhelm wieder einmal, diesen „Streich gespielt“ zu haben, worauf hin er in lautes Gelächter ausgebrochen war: „Und was sollte mir das bringen? Hätte ich das wertvolle Stück in meine Hände bekommen, hätte ich es doch logischer Weise verkaufen können, um Geld zu bekommen. Derjenige, der das nicht tut, kann doch nur verrückt sein. Aber hängt nicht in dem Restaurant auch das Schild: Keine Haftung für bei mir aufgehängte Garderobe? Wenn die Leute so wenig Acht auf ihre Wertgegenstände geben, sind sie für ein Abhandenkommen wohl selbst Schuld.“ Weil er die Haftungsausschließung des Restaurants wortwörtlich zitiert hatte, obwohl es üblicher weise viel kürzer heißt: „Für Garderobe keine Haftung“, war man sich diesmal sehr sicher, daß er nicht zu Unrecht beschuldigt worden war. Aber niemand hatte ihn in der Nähe des Mantels oder sogar mit dem Pelz direkt gesehen.

 

Friedhelm Friedelein hatte selbst schon bei seinen, letzten Streich angedeutet: „Der (so etwas macht) kann doch nur verrückt sein“.

 

Ja, was bedeutet eigentlich „Verrücktsein“? Es wird zum Beispiel ein Schrank verrückt. Wie wirkt sich ein durch die perversen Strafaktionen der Mutter Friedelein „verrücktes“ Gehirn auf die Umwelt aus? Unterstellt man, daß der psychisch geschädigte Lehrjunge tatsächlich die ihm angelasteten Streiche durchgeführt hat, so könnte das Motiv die Übernahme der mütterlichen „Bestrafungsideologie“ sein: Ein „Vergehen“ muß empfindlich (schmerzhaft) bestraft werden (anstatt zu belehren und jemanden, der einfach etwas unterlassen hat, zu überreden, daß und warum es sinnvoll ist, sich anders zu verhalten).

 

Eines Morgens war Friedhelm Friedelein recht aufgeregt an seiner Lehrstelle erschienen und hatte berichtet, er sei auf dem Herweg Zeuge einer Entführung oder sogar eines Mordes geworden: Eine Frau, deren Beschreibung er sehr genau wiedergeben konnte (und die bei sorgfältiger Analyse recht genau auf seine, von ihm als Mittäter ermordete Mutter zutrifft), habe ihn in einem weinroten Porsche überholt, mit einem Fahrzeugkennzeichen aus der benachbarten Großstadt, das er sich gemerkt habe; denn ein solches Auto sei in dieser Gegend ganz selten anzutreffen. Als er mit seinem Moped um eine Kurve gebogen sei, habe er in etwa hundert Meter Entfernung einen großen, schwarzen Mercedes quer zum Verlauf der ziemlich engen Nebenstraße gesehen, um den Porsche anzuhalten. Er habe sich sogleich in den Wald geschlagen, weil er „instinktiv ein Verbrechen gewittert habe“. Zwei maskierte, sehr elegant mit dunklem Mantel gekleidete Männer, die moderne Hüte trugen, hätten die Fahrerin gezwungen, auszusteigen. Sie hätten sich auf sie gestürzt, ihr einen hellen Schal um den Hals gezogen und sie in den Kofferraum des Mercedes gezwängt. Ob die Dame erdrosselt worden oder noch am leben gewesen sei, habe er nicht erkennen können. Darm sei einer der Männer in den Porsche gestiegen, der andere habe sich an das Steuer des Mercedes gesetzt, und beide Fahrzeuge seien mit normaler Geschwindigkeit davon gefahren. Die Nummer des Mercedes habe er wegen der zu großen Entfernung nicht erkennen können.

 

Friedhelm Friedelein bestand darauf, die Polizei einzuschalten, die ein Protokoll aufnahm, Nachforschungen nach einem Porsche mit dem genannten Kennzeichen anstellte, in der Umgebung des von Lehrling Friedhelm Friedelein angezeigten Vorfalls nach weiteren Zeugen. suchte, weder solche noch einen Porsche mit dem angegebenen Kennzeichen in der Fahrzeugkartei fand.

 

Als niemand, auf den die Personenbeschreibung hätte zutreffen können, als vermißt gemeldet galt, wurde die Fahndung eingestellt.

 

Auch die Zeitungen, die den Bericht von Friedhelm Friedelein aufgegriffen hatten und ein Phantombild der angeblich Entführten oder Ermordeten zugefügt hatten, ließen es mit diesem einem Artikel „Elektro-Lehrling Zeuge eines schweren Verbrechens“ bewenden.

 

Diese, wahrscheinlich von Friedhelm Friedelein völlig frei erfundene Geschichte deutet auf eine krankhafte Geltungssucht hin, die sich im Laufe seines Lebens steigern wird.

 

Nach Abschluß seiner Lehre weist sein Gesellenbrief die beste, je von der Handwerkskammer bisher vergebene Note aus. Das wird ausdrücklich auf dem Gesellenbrief vermerkt. Die Prüfungskommission verabschiedet sich von ihm mit den Worten: „Dann in Kürze bis zur Meisterprüfung.“

 

Da aber sein Lehrherr ihn „wegen gewisser Vorkommnisse“ nicht beschäftigen will, ist er froh, bei Jürgen Kracholl, der gerade seine Firma geerbt hatte, „anfangen“ zu können. Er bekommt sogleich die Stellung eines Vorarbeiters.

 

Er weiß sehr genau, daß er als einziger völlig unterbezahlt wird, kann sich in den Verhandlungen aber nicht durchsetzen und schwört, sich dafür einmal zu rächen. In Wachträumen malt er sich aus, wie und auf welche Weise er seinem Obertan Schaden zufügen könnte. Dabei spielt er sogar mit brutalsten Mordgedanken, wie er beispielsweise einen Unfall vortäuschen könne, angefangen von Einschalten des elektrischen Stromes, während der Meister an einer elektrischen Verdrahtung arbeitet, bis zu Manipulationen am Fahrzeug seines Herrn, das dann wegen eines technischen Versagens das Leben von Jürgen Kracholl beendet.

 

Nachdem sein Bruder geheiratet hat, geht er kaum noch nach Hause, fühlt sich, da er Kontaktschwierigkeiten hat, vereinsamt in seiner kleinen Zweizimmerwohnung, die er gemietet hat und die er peinlichst, so wie sich selbst sauber hält. Jeden Abend und jeden Morgen duscht er sich mit kaltem Wasser ab, seift sich mehrmals ein, als röche er immer noch nach Jauche, verwendet teuere Parfüms, zieht nie Wäsche und Kleidung wieder an, die einen kleinen Schmutzflecken zeigt. Sogar auf den Baustellen macht er sich kaum schmutzig und daher von Arbeitskollegen oft als „feiner und vornehmer Pinkel“ gehänselt.

 

Nachdem er den Führerschein für Personenwagen („Fahrzeuge bis zu drei Tonnen“) erworben hat, kauft er sich einen bescheidenen, gebrauchten Mittelklassewagen, mit dem er in die benachbarte Großstadt so oft wie möglich fährt, um Bordellbesuche zu machen, die ihn aber ruinieren und einen immer stärker werdenden Haß auf Frauen in ihm anwachsen lassen.

 

Es kann wohl als eine Perversion bezeichnet werden, wenn er sich nur mit Frauen, die wesentlich älter als er aussehen, „abgibt“, ja, um noch präziser zu seine, die in etwa die Figur seiner Mutter haben. Diese „bumst“ er dann, „bis ihnen hören und sehen vergeht“, so berichtet er. Beim Ausleben seines Sexualtriebes kann er sadistische Wünsche nur schwer unterdrücken, beherrscht sich aber, nachdem er einmal fürchterlich zum einem Zuhälter – einem Beschützer einer „Käuflichen“ verprügelt worden war.

 

Er hat sich zu einem zumindest sehr „interessant“ aussehenden jungen Mann entwickelt, mit sehr ebenen Gesichtzügen und ungewöhnlichem, ausdruckvollem, manchmal stechend wirkendem Blick. Viele Augen richten sich auf ihn, auf eine durch das peinlich gepflegte Äußere noch anziehender wirkende Erscheinung, wenn er irgendwo vorbeigeht.

 

Er beginnt allerdings, sich wegen seiner „unzügelbaren Triebhaftigkeit“ zu verachten, denkt jedoch fast ausschließlich nur an Art und Weisen zu seiner sexuelle Befriedigung.

 

Immer mehr entwickelt er Selbstaggressionen und trägt sich mit Selbstmordgedanken, denen er weiten Raum gibt, die jedoch immer damit enden, daß er etwas so Ungewöhnliches tut, was ihn unvergessen bleiben läßt.

 

In einer so genannten Club-Bar lernt er einen finanzkräftigen Großindustriedirektor kennen, der ihm alles gibt, was er sich erträumt: Verständnis für seine psychische Gestörtheit, Zärtlichkeit, sexuelle Befriedigung und vor allem Geld.

 

Er geht schließlich mit einer ehemaligen Prostituierten eine Ehe ein, baut sich ein luxuriöses Haus, zeugt zwei Töchter, bekommt einen weinroten Jaguar-Sportwagen, schikaniert die ihm unterstellten Arbeiter und seine Familie. Alle fürchten ihn und gehen ihm aus dem Weg oder besser gesagt: auf eine gewisse Distanz.

 

Jeder kann sich leicht ausrechnen, daß er seinen Lebensstil keineswegs mit seinem mittelmäßigen Gehalt finanzieren kann. Daher gibt es über ihn in der Kleinstadt jeden Tag neue Klatschgeschichten: daß er sich an reiche Frauen verkaufe, daß er Frauen vergewaltige, daß er etwas gestohlen habe. Beinahe alle kriminellen Handlungen, die auch in einer Kleinstadt immer häufiger ruchbar werden, werden ihm als dem Urheber unterstellt.

 

Er genießt diesen Ruf; denn er hebt sich von seinen Mitstädtern ab und ist stadtbekannt.

 

Irgendwie übt er eine unerklärbare Anziehungskraft auf seine Mitbewohner in der Kleinstadt aus. Ist es reine Neugierde, weil insbesondere Unklarheiten und Ungereimtheiten bei einem Mitmenschen ein besonderes Interesse weckt?

 

Es hat den Anschein, daß Kunden der Firma Kracholl ihn jedoch keineswegs ablehnen. Insbesondere bei Reparaturaufträgen wird oft ausdrücklich darum gebeten, den Friedhelm Friedelein zu schicken. Die Anwesenheit einer so undurchsichtigen, oft durchaus charmant wirkenden Persönlichkeit gibt ihnen wohl ein Art prickelndes, nicht genau zu beschreibendes Gefühl, das vor allem bei den Hausfrauen ausgelöst wird, auf die er offensichtlich einen starken sexuellen Reiz ausstrahlt.

 

Er meldet sich noch vor seinem Chef gegen dessen ausdrücklichen Willen, aber heimlich unterstützt von Frau Kracholl zur Meisterprüfung an, die er in wenigen Wochen besteht, nicht weil er eifrig lernt. Nein, er versteht die Sache, um die es geht, aus seiner langjährigen Erfahrung heraus ohne Schwierigkeiten.

 

Nun verlangt er das doppelte an Gehalt, was Jürgen Kracholl wütend ablehnt, woraufhin er kündigen will, sich aber überlegt, welche Chancen er bei einer anderen Firma habe. Zum Glück hatte er über seine Pläne vorher mit der Ehefrau seines so genannten Arbeitgebers gesprochen, die ihm mit Bezug auf eine Kündigung geraten hatte: „Schau dich erst einmal um, welchen Wert du anderswo hast. Versuch dich doch selbständig zu machen...“

 

„Das raten Sie mir?“ hatte er erstaunt gefragt und hinzugefügt: „Wollen Sie mich vielleicht loswerden?“

 

Er hatte immer schon, vor allem unbewußt für Frau Kracholl geschwärmt, die niemals in Verhandlungen mit den Firmen-“Mitarbeitern“ unsachlich wurde, geschweige denn sich zu einer ausfallenden Bemerkung hatte hinreißen lassen, obwohl sie durchaus manchmal von einigen Männern in etwas rüder Weise provoziert wurde. Friedhelm Friedelein verglich dir Frau seines Chefs oft mit seiner eigenen Ehefrau, die zwar auch aus dem gleichen „Milieu“ kam wie Frau Kracholl, aber unerträglich ordinär werden konnte, dann jedoch nach einer kräftigen Ohrfeige zwar in Tränen ausbrach, eine solche körperliche Züchtigung aber offensichtlich brauchte, um „wieder Boden unter den Füßen zu bekommen“, wie er es sah.

 

„Nein, keineswegs“, hatte die heimliche Chefin seine Frage beantwortet und sogar hinzugefügt: „Irgendwie gefällst du mir, was ich, offen gestanden, nicht so ganz, nicht einmal mir selbst erklären kann. Ich möchte das mal so formulieren: Du bist für eine Freundschaft zu undurchsichtig, zu... Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Um dir einmal voll und ganz meine wahre Meinung über dich zu sagen: Ich würde dich für einen engen Freund als nicht geeignet ansehen, weil du bestimmt bei niemandem offen und ehrlich sein kannst, ich meine, dich so geben kannst, wie du wirklich bist. Ich bin der Meinung, daß du dein Leben nur irgendwie spielst, daß da irgendetwas unrealistisch ist. Ich bin kein Psychologe, der das vielleicht erklären könnte. Jedenfalls fühle ich, daß du etwas verbergen willst und so. Das ist aber doch keine Basis für eine zwischenmenschliche Beziehung. Nun zurück zum Thema: Ich habe dir geraten, dich selbständig zu machen, weil ich meine, daß du erstens das Zeug dazu hast und daß du zweitens darunter leidest, irgendwo nur die zweite Geige zu spielen, oder sehe ich das falsch?“

 

Der frisch gebackene Meister war sehr verwirrt, weil so ähnlich der ihn immer noch mögende Industriedirektor mit ihm sprach, der immer wieder riet: „Du mußt dich endlich zu dir selber bekennen.“ Was damit gemeint sein sollte, verstand er nicht so richtig.

 

Er wagte, seine Chefin unvermittelt zu fragen: „Wissen Sie, was jemand damit meint, wenn er sagt: Du mußt dich zu dir selbst bekennen?“

 

Frau Kracholl lachte und bekannte: „Eigentlich nicht, aber wenn ich darüber nachdenke... Wieso fragst du mich so 'was?“

 

„Nur so“, gab er zur Antwort.

 

Sie versuchte ihre Meinung zu formulieren, indem sie ihm nochmals erläuterte, daß er zumindest nach außen hin so wirke, als hätte und als wolle er immer etwas zu verbergen. Wahrscheinlich mache er sich selber auch etwas vor, wisse vielleicht selber nicht ganz genau, wer er überhaupt wäre. „Du würdest es sicher mit dir selber und mit anderen leichter haben, wenn du ehrlicher wärest, offener. Ich bin sicher, daß du viel rumspinnst und dir sogar regelrecht Mühe gibst, bei deinen Mitmenschen undurchsichtig, ja sogar unheimlich zu wirken. Damit meinst du, dich interessant machen zu können. Aber ich finde das lächerlich...“

 

„Haben Sie etwas zu verbergen?“ unterbrach Friedhelm Friedelein sie plötzlich und unvermittelt.

 

Die Angesprochene hatte spontan erwidert: „Ja, daß ich vor der Ehe Prostituierte war, zum Beispiel. Dabei ist das ein Beruf wie jeder andere. Prostituiert sich ein Rechtanwalt, gerade wenn er als gut angesehen gilt, nicht auch? Der stellt sich doch auch jedem, der ihn bezahlt, mit seinem ganzen Können und Wissen, mit seinen Erfahrungen und gelernten Tricks zur Verfügung, ob von der Partei oder von der Gegenpartei. (Gemeint sind die Parteien vor Gericht.) Stimmt's oder habe ich Recht? Nur bin ich gespannt, ob du das in der Stadt hier durch aller Munde gehen läßt, was mir im Prinzip egal ist, was aber für mich ein Test ist, ob man dir etwas anvertrauen kann. So, ich bin sicher, daß du ganz schön viel zu verbergen hast. Dir traue ich sogar Morde zu, nur um in die Zeitung zu kommen, zum Beispiel, bei deinem krankhaften Geltungsdrang.“

 

Der noch recht junge Meister war über dieses Gespräch schockiert gewesen, hatte die folgende Nacht nicht schlafen können, einmal weil er sich ein wenig durchschaut fühlte, aber vor allem, weil er ein starkes Verlangen nach der Frau seines Chefs spürte, alle Arten von Gedanken durch seinen verworrenen Kopf rollen ließ, unter anderem: Seinen gleichaltrigen Chef, dem er sich in jeder Hinsicht überlegen fühlte, diesen gehaßten Jürgen Kracholl ermorden, um dann dessen Frau heiraten zu können. Er dachte jedoch zum ersten Mal in seinem Leben, wenn auch nur ganz kurze Zeit oder besser gesagt, in einem Gedankenblitz an so etwas wie eine Verantwortung für seine Frau und seine Kinder.

 

Dieses Gespräch mit seiner Chefin wäre fast eine Möglichkeit geworden, daß Friedhelm Friedelein aus dem Sumpf herausgefunden hätte, in dem er sich so viele, wahrscheinlich zu viele Jahre befunden hatte; denn nach kurzen Ansätzen fiel er wieder zurück in seinen bisherigen Alltag der Schauspielerei, des Sich-Interessant-Machens.

 

Er konnte aus seiner Haut nicht mehr heraus, wie man sagt, so wie das kaum einem Menschen gelingt.

 


Schlußbetrachtungen

 

Obwohl im beschreibenden Text die Meinung des Autors häufig, vielleicht allzu häufig eingeflochten worden ist, sollte dem Leser dennoch genügend Raum zu eigenen Auslegungen der Beurteilung der beschriebenen Personen und Situationen geblieben sein.

 

Eigentlich sollten die in den Text eingebundenen Kommentare und Bemerkungen nur als Diskussionsanregung dienen.

 

Sicher wäre es interessanter, sich mit Personen aus wirklich verantwortlicher Stellung für das Schicksal ganzer Völker und Volksgruppen zu beschäftigen, was sich der Autor aber nicht zutraut. Das sollte jemandem überlassen werden, der „sich in solchen Kreisen bewegt“ und damit besseren Zugang zu Beobachtungen und damit entsprechende Kenntnisse zur Beurteilung hat.

 

Der Autor ist jedoch der Meinung, wenn er an Reden, teilweise noch auf Tonträgern konservierte, sein Volk aufhetzende Haßausbrüche gegen anders Denkende und andere Gruppen denkt, daß eine Mentalität der hier betrachteten Herren Witzkolsky und Kracholl dem zugrunde liegt.

 

Sicher können aber auch Gedankengänge und insgeheime Wünsche eines Herrn Mückelsbühler einigen Diktatoren unterstellt werden.

 

Die Charaktereigenschaften, wie solche der beschriebenen „Büttel“, sind zweifellos auch die Grundlage dafür, daß sich Diktatoren überhaupt etablieren können.